Der 9. November: Roman

Part 10

Chapter 103,726 wordsPublic domain

Schon schlief er. Ein leises Wimmern drang aus seinem kreisrund geöffneten Mund. Den Havelock hatte er anbehalten.

* * * * *

Da! Augenblicklich saß er wieder aufrecht im Bett. Seine dünnen Haare sträubten sich, der Schweiß stand auf seiner Stirn. Er dampfte vor Hitze und Kälte. Immer noch war sein Mantel feucht vom Regen der gestrigen Nacht.

Hatte nicht jemand gerufen, ihm fürchterliche Worte ins Ohr geschleudert, wie Felsen? Und ein Krachen, als berste das ganze Haus in zwei Teile, hatte er es nicht deutlich gehört? Die Balken splitterten. So deutlich!

Noch gellte das furchtbare Krachen in seinen Ohren, und erst nach geraumer Zeit fand er sich in die Wirklichkeit zurück. Zwischen einer unbekannten, ungeahnten Welt und der Wirklichkeit lebte er -- seit jenen Ereignissen . . . Oft hielt ihn das Unbekannte, Unverständliche tagelang in seinem Bann, oft überfiel es ihn urplötzlich am lichten Tage -- aber wiederum hatte er auch seine klaren Tage, wie er sie nannte. Da war alles so wie früher, und das andere erschien noch unverständlicher und schrecklicher.

Dunkelheit, und nun erwachten Geräusche, Geräusche dieser Welt, Gott sei Lob und Dank.

Hinter der Türe, dem schmalen Bett gegenüber, klapperte eine Schreibmaschine. Er arbeitete dort, der Student Ackermann, zurzeit Soldat. Er schrieb für Zeitungen, um Geld zu verdienen -- er schrieb auch noch ganz andere Dinge -- Herr Herbst wußte Bescheid, oh, oh! Er wußte mehr, als jener ahnen konnte.

Hinter der Wand, an der das Bett stand, auf dem er lag, strich ein Schritt vorüber, immer auf und ab, wie ein Tier, das rastlos in seinem Käfig hin und her geht. Das war Hähnlein, der Tapezierer, zurzeit Soldat. Er wohnte in dem Zimmer nebenan mit seiner kranken Frau und seinen beiden Kindern. Vor kurzem hatte sie wieder geboren, aber das Kind war bald nach der Geburt gestorben. Es wog nur viereinhalb Pfund. Und welches Geschrei hatte es gegeben, trotzdem sie nichts zu nagen und zu beißen hatten! Hähnlein und Ackermann waren früher beim gleichen Regiment, und Hähnlein hatte Ackermann hierher in dieses Haus gebracht. Das alles hatte Herr Herbst Gesprächen entnommen.

»Schlafe doch!« zischelte Frau Hähnlein. Die Bettstatt krachte, und sie hüstelte.

»Schlafen? Schlafen? Ich kann nicht schlafen«, entgegnete die heisere Stimme Hähnleins, und wieder schabte sein Schritt hinter der Wand.

Die Wand war dünn wie Papier, nun, eine Mietskaserne, er vernahm jeden Laut.

Die Frau wimmerte.

»Weine nicht, vielleicht kommt es bald, wie Ackermann sagt«, tröstete sie Hähnlein. Und deklamierend fügte er hinzu: »Die Völker der Erde werden sich erheben gegen ihre Peiniger!«

Oft ging Hähnleins Schritt die ganze Nacht hin und her, bis der Tag graute. Herr Herbst hatte sich längst daran gewöhnt. In unruhigen Nächten beruhigte ihn dieser ruhelose Schritt sogar. Ein Mensch, ein Leidender, wie er, dicht nebenan.

Es wurde still hinter der Wand, und nur die Schreibmaschine Ackermanns klapperte eifrig. Es konnte noch nicht spät sein, denn im Haus summten Stimmen. Türen wurden zugeschlagen, und zuweilen krachte die Haustüre ins Schloß, daß das ganze Haus zitterte.

Die lange furchtbare Nacht lag vor ihm.

Seine Beine waren vor Müdigkeit geschwollen. Sie waren Wolken, ins Endlose verströmend. So würde er nun sitzen müssen die ganze Nacht und lauschen auf jedes Geräusch -- auch auf jene Geräusche, die aus dem Unbekannten kamen.

Seltsame Fügung, die ihn in dieses Zimmer geführt hatte! Der bucklige Wirt vom »Löwen von Antwerpen« hatte es ihm empfohlen, damals, als er den Entschluß gefaßt hatte, nicht mehr in die Blücherstraße zurückzukehren. Längst hatte er es aufgegeben, nach Erklärungen zu forschen, alles war Fügung. Jeder Schritt im menschlichen Leben wurde gelenkt von unbekannten Gewalten, guten und bösen. Sinnlos, sich dagegen zu sträuben. Nun, er sträubte sich nicht mehr, er forschte auch nicht mehr -- er war in der Hand des Allmächtigen, der die Haare auf seinem Haupte gezählt hatte. Sollte es so sein!

Frau Hähnlein hinter der Wand begann zu wimmern, zu klagen, zu beschwören. Nun begann es wieder. Es half ihr nichts. Der Mensch ist ein Tier . . . obschon seine Frau leidend war -- ein Tier war dieser Hähnlein.

Dann wurde es wieder still, die Geräusche im Hause erstarben mehr und mehr, und nur noch die Schreibmaschine hinter der Türe klapperte.

Schreibe du nur! sagte Herr Herbst zu sich -- um sich zu beschäftigen, die Nacht war lang -- »Deine Zettel, deine Reden, deine . . .« Lange Wochen war ihm dieser Soldat im weiten Mantel ein Rätsel gewesen. Was trieb er, was tat er in den Nächten? Oft hielt er Reden, förmliche Reden. Erst vor kurzer Zeit, beim Januarstreik, hatte er ihn plötzlich erkannt! Mit eigenen Augen und Ohren sah und hörte er, wie er zu einem Haufen streikender Arbeiter sprach, nebenan, bei den Laubengärten -- und was er sagte, Grundgütiger! Es gab keinen Zweifel mehr, er war -- ein Spion, ein Agent . . . gehörte zu jenen, von denen die Zeitungen schrieben, daß sie Geld bekommen von den Feinden. Er stand auf einem Steinhaufen, redete, schrie und schwang die Soldatenmütze. Keine Granate mehr! Da aber kam die Polizei, und sie liefen -- und auch er lief. So schnell wie die andern -- hahaha! So schnell liefen sie, solche Angst hatten sie . . .

Manchmal kamen auch Freunde zu ihm, meistens junge Leute, Kameraden, die laut schrien und alle wild durcheinander redeten. Unvernünftige, Unerfahrene. Was für Leute waren das? Nun . . . dieselbe Sorte, um kein Haar besser. Für sie gab es nichts Heiliges, nichts vor dem sie haltmachten. Die Minister, was waren sie? Nun -- höchst einfach -- Dummköpfe und Verbrecher! Und die Generale -- höchst einfach -- geputzte Narren! Und die Diplomaten -- selbstgefällige Gecken! Ja, sie, sie, diese jungen Leute, sie waren viel klüger als diese Minister und Diplomaten! Aber die höchsten Fürstlichkeiten, was waren sie -- nun, er würde sich schämen, die Worte zu wiederholen. Aber auch die feindlichen Staatsmänner, Präsidenten und Minister, was waren sie -- ganz das gleiche verbrecherische Gesindel. Nein, nichts gab es, was ihnen Respekt einflößte. Hat man es je gehört: Die deutsche Regierung bestand aus Anarchisten, die Tag und Nacht darüber nachdachten, wie sie das Deutsche Reich am schnellsten zugrunde richten könnten? Wie? War es denkbar?

Aber, was waren diese Leute in Rußland, diese Räuber und Diebe? -- Heilige waren sie, nicht mehr und nicht weniger.

Ja, völlig neu mußte die Welt aufgebaut werden, von Grund auf -- und sie, diese jungen Leute, die so laut schrien, sie allein wußten, wie alles gemacht werden mußte. Sie ganz allein.

Manchmal flüsterten sie auch, tuschelten, raunten, geheimnisvoll --

In diesem Augenblick lachte Ackermann in seinem Zimmer laut auf und sagte: Man sollte es nicht für möglich halten --

Und wütend prasselte die Schreibmaschine.

Nicht für möglich halten?

Warte nur, du, du . . . he?

Hast vergessen, daß Gott jeden deiner Schritte bewacht, daß die Haare auf deinem Haupte gezählt sind -- die Fügung hast du ganz vergessen.

An den Sonntagen, da saßen sie oft bis in die späte Nacht und debattierten, schrien, sprachen durcheinander, daß man kein Wort verstand. Neu, völlig neu sollte die Welt erstehen!

Und sein Mädchen saß dabei, an den Sonntagen! Es war ja selbstverständlich, daß dieser, dieser -- ein Mädchen hatte, aber, daß sie dabeisaß, während es nichts Heiliges für sie gab? Nein, nein, es störte sie gar nicht, nicht im geringsten. Im Gegenteil? Sie kochte Tee und sagte: Bitte, meine Herren -- bitte. Und so ging es den ganzen Sonntag bis nachts um zwei, drei Uhr. Bitte, meine Herren -- und sie qualmten, daß der Rauch durch die Türe quoll und er husten mußte, obschon er doch selbst ein starker Raucher war. Worte flogen, Worte, wilde, verwegene Worte.

Und sein Mädchen saß mitten unter ihnen!

Da schwieg die Schreibmaschine plötzlich. Ackermann verließ das Haus. Sein Schritt eilte die Treppe hinab, die Haustüre wurde ins Schloß geworfen. Bis zum grauenden Tag würde er nun fortbleiben.

Wann schläft er eigentlich? dachte Herr Herbst in seinem Bett.

Nun war es ganz still geworden. Es knackte in den Balken, rieselte in den Mauern, die Wände seufzten.

Ja, ganz still und dunkel.

Mitten in der unendlichen Dunkelheit und Stille saß der kleine alte Mann, und plötzlich begann er zu flüstern. Leise, oh, so leise -- nur er hörte es.

»Robert -- mein Sohn -- Geliebter, Teurer -- mein Liebling --!«

Zärtlich streckte er die kleinen Hände der Dunkelheit entgegen.

10

Mit der Minute kehrte der General abends aus dem Amt zurück. Er plauderte wie gewöhnlich etwas mit Niki, dem Kanarienvogel; plötzlich aber brach er die Unterhaltung ab und zeigte ein ganz unbegreifliches Interesse für den Papierkorb. Zuerst blickte er in den Papierkorb hinein, dann wühlte er darin mit der Hand, endlich stülpte er den Korb über den Arbeitstisch. Nichts. Es war sonderbar, jeder unbedeutende Zettel fand sich wieder -- zum Beispiel, sollte man es glauben, Schnitzel jenes Briefes, den er vor einer vollen Woche an den Chefredakteur einer großen, besonders im Ausland vielgelesenen Zeitung in einer Aufwallung geschrieben hatte, worin er diesem Chefredakteur -- -- auch dieser Prospekt -- alles, jede Kleinigkeit.

»Sonderbar, höchst sonderbar!«

Nicht ein Fetzen, nicht einmal ein Eckchen jenes grünen Briefumschlages, er würde die Farbe ja sofort wieder erkennen. Doch hier -- nein, ein Notizzettel zu seiner Denkschrift: Die Armee der Frauen -- worin er empfahl, diese brachliegende ungeheure Armee zum Wohle des Vaterlandes systematisch zu mobilisieren -- lächerlich, alles, jede Kleinigkeit, aber von diesem Briefe: nichts.

Schon schlugen die Uhren.

Der General hatte heute aus dienstlichen Rücksichten bei Frau v. Dönhoff abgesagt und sich erst nach Tisch angemeldet.

Der Lüster im Speisezimmer brannte.

Dieser Lüster war aus schneeigem Glas, Tulpen, Prismen, Perlen. Eine Grotte aus schimmerndem Schnee, die leuchtete ohne zu schmelzen.

Das Zimmer war leer. Ruth war noch nicht da.

Daß er auch gerade diesen Brief -- da trat Ruth ins Zimmer. Heiter und gut gelaunt, mit einer jungenhaften Verbeugung, wünschte sie »Guten Abend«.

»Frau v. Dönhoff läßt grüßen, Papa«, sagte sie, indem sie Platz nahm.

»Hast du Besuch gemacht?«

»Nein, ich traf sie auf der Straße.«

Jakob stürzte hinter seinem Schrank hervor, um die Serviette aufzuheben, die dem General entglitten war.

»Otto geht es gut?«

»Ja, nur zwei, drei Wochen«, erwiderte der General.

Es hatte beinahe den Anschein, als wolle eine Unterhaltung in Gang kommen. So leicht gingen die Worte hin und her. Da aber runzelte der General die Stirn, irgendein Gedanke war ihm durch den Kopf gegangen.

Schweigen. Jakob wechselte die Teller. Die Miene des Generals drückte deutlich den Wunsch aus, nicht mehr gestört zu werden.

Plötzlich hob er das Gesicht vom Teller und richtete den Blick voll auf Ruth. Ohne Zweifel, sie sah verändert aus! Daß es ihm erst heute auffiel? Sie trug auch eine andere Frisur, einen einfachen Knoten, der ziemlich tief im Nacken lag. Es sah aus, als habe sie soeben die Haare gewaschen und die Frisur rasch aufgesteckt. Diese Frisur mißfiel dem General, sie verriet geringe Sorgfalt. Wie gewöhnlich war ein Lächeln über Ruths Gesicht gebreitet, und besonders die langen Brauen, die über den Wangen schwebten, lächelten. Oh, wie genau kannte der General dieses Gesicht und dieses Lächeln!

Es war das Gesicht ihrer Mutter und das Lächeln ihrer Mutter. Dies war einer der Gründe, weshalb der General es vermied, in das Gesicht seiner Tochter zu blicken.

Ruth hob den Blick, und für eine Sekunde waren ihre Augen auf ihn gerichtet. Auch diese Augen kannte er genau, zu genau: sanft, schimmernd, schwärmerisch -- aber, ein Nichts, und die Schwärmerei wandelte sich in Hysterie.

»Jakob!« Der General deutete mit dem Messer auf die leere Fachinger Flasche. Der Bursche stürzte zur Türe hinaus. Röte ergoß sich in das Gesicht des Generals.

_Wo war sie?_

Nun wäre der geeignetste Augenblick --

Es wäre ja das Natürlichste gewesen, Ruth ohne Umschweife zu fragen, wo sie in der vergangenen Nacht gewesen war. Vielleicht war sie bei Freunden und hatte dort übernachtet, weil sich kein Wagen auftreiben ließ? Möglich. Wahrscheinlich würde die Sache sich aufs Harmloseste aufklären. Aber diese Frage ließ die Tradition der Familie Hecht-Babenberg nicht zu, wo jeder eine kleine abgeschlossene Welt für sich bildete, die es vermied, die andere zu berühren. Eine Art luftleerer Raum trennte diese Welten, der die Worte verschlang und ihren Klang und Sinn entstellte.

Die Augen der Sommerstorf würden sich voller Staunen auf ihn richten, als ob er etwas völlig Unmögliches und Undenkbares ausgesprochen habe. Etwas, das der Welt der Sommerstorf völlig fern lag, das die Welt der Sommerstorf nie begriff und nie begreifen konnte. Ruth würde lächeln und die Brauen in die Höhe ziehen. Ja, auch dieses Flattern der Brauen liebte der General nicht und die leise Überheblichkeit, die im Lächeln der Sommerstorf lag.

Seine Gedanken verdichteten sich, ballten sich zusammen, die Stirn wurde düster.

Behutsam schob Jakob mit seinen großen, in weißen Wollhandschuhen steckenden Händen die neue Flasche Fachinger auf den Tisch.

»Der Wagen ist da?«

»Jawohl, Herr General!«

Und die Limousine zwitscherte die Tiergartenstraße hinunter zur Lessingallee. --

»Hoffentlich geben sie ihm bald ein Frontkommando!« dachte Ruth, die sofort hinter dem General das Haus verließ. Sie hatte sich am Kemperplatz, ganz in der Nähe, mit jemand verabredet.

Beim Rolandbrunnen am Kemperplatz stand schon dieser Jemand und wartete. Er hob sich fast ebenso deutlich ab wie der Roland auf dem Brunnen selbst. Ruth lief wie ein junges Mädchen -- lief dem Jemand in die Arme.

»Papa kam heute unvermutet zu Tisch«, sprudelte sie hervor. »Seine Laune wird immer schlechter. Wollte Gott, daß er bald wieder an die Front käme --«

»Wollte Gott, daß es bald keine Front mehr gäbe --«

»Ein herrlicher Abend, aber etwas kühl!«

»Es ist immer herrlich, wenn Ruth da ist.« Und der Jemand hüllte Ruth in seinen Mantel.

11

Noch immer saß der kleine Herr Herbst inmitten der unendlichen Dunkelheit und flüsterte zärtlich den Namen seines Sohnes. Sein kleines, hohlwangiges Gesicht war in Tränen gebadet.

Da -- nun wurde es lichter an der Türe -- nun kam er! Der Teuerste, Heißgeliebte kehrte aus dem Reiche der Schatten, wie die Menschen es nennen, zu seinem Vater zurück, wie in jeder stillen, dunkeln Nacht.

Ein fahler Schein ging von der Türe aus -- und er erschauerte. Ja, ja, er war es, der Geliebte, Beste. Deutlich sah er ihn im fahlen Schein stehen: genau so sah er aus wie zu Hause auf dem Bilde. Ein Soldat im Helm, ein Jäger, jung, ein blutjunges Bürschchen, in der Rechten den Gewehrlauf, der mit Blumen geschmückt war, ganz wie an jenem furchtbaren Tage, da er ihn zum Bahnhof begleitete.

Eisige Kälte brachte er mit aus dem Reiche der Schatten. Der alte Mann zittert. Die Kälte kroch über ihn, und er fühlte, wie sein kahler Schädel einschrumpfte. Die Angst schnürte ihm die Brust zusammen, und doch war es süß -- erlösend.

»Bist du es?« flüsterte er voller Verzückung.

»Mein Sohn, mein Liebling!« Und er streckte seine eisigen, kleinen blauen Hände gegen die Türe aus.

»Bist du wieder hier?« Niemals sprach die Erscheinung, und er wartete auch nicht auf Antwort. Sie stand, regungslos, und blickte unverwandt auf ihn. Manchmal sah er deutlich die Augen, nicht immer. Seines Sohnes Augen, deren Glanz und Färbung er nie vergaß -- glänzend und kristallen wie die Augen eines unschuldigen Tieres -- während die Züge des Gesichts zuweilen schon seinem Gedächtnis entglitten.

»Bist du zurückgekehrt zu Papa --?«

Aber, Entsetzen! Wieder begann der Teure zu bluten --

Von der Stirn floß plötzlich dunkles Gerinnsel, gewiß, dort hatte ihn das tödliche Geschoß getroffen. Das Blut floß, es strömte, es färbte die Uniform dunkel, lautlos strömte es auf den Boden, ohne Ende. Und der Teure stand, regungslos blutete er, ohne jeden Laut . . .

»Wie schrecklich du heute wieder blutest, mein Einziger!« flüsterte der kleine alte Mann -- oh, so leise! -- und rang die Hände. Die Tränen stürzten über seine Wangen. »Immer noch findest du nicht Ruhe, du Teuerster? Warte, gedulde dich -- ich habe schon an ihn geschrieben, er wird antworten -- gewiß . . . Alles werde ich versuchen, nichts werde ich unversucht lassen -- ich gelobe es -- mein Liebling --«

Und er flüsterte, versprach, rang die Hände, verhüllte das tränennasse Gesicht --

Da wurde es licht, der Schein einer Kerze, und augenblicklich zerfloß die Erscheinung. Nichts blieb als die hellgestrichene Füllung einer Türe mit einem schwarzen Schloß.

Nicht eine Kerze, der Mond war über die Dächer gekommen. Ein Lichtkeil spaltete plötzlich die Dunkelheit des Zimmers. Erschrocken zog Herr Herbst die Hände aus dem Lichtstrahl zurück, als würden sie verbrannt.

* * * * *

Die Dunkelheit war zertrümmert, und nun kamen auch die Geräusche zurück. Stimmen murmelten, es hustete, alle Arten von Husten, vom pfeifenden Frauenhüsteln bis zum brüllenden Husten erkälteter Männer. Schlaflos war das ganze Haus, es brauchte nur der Mond über die Dächer zu kommen, aus Glas schien es zu sein. Die Lider standen im Schlummer geöffnet, wie bei den Toten, und die Strahlen des Mondes stachen wie Nadeln in die bloßgelegten Hirne.

Nebenan wimmerte ein Kind, eine Bettstelle knarrte.

»Bist du denn wieder aufgestanden?« zischelte es hinter der Wand.

»Ja, ja«, entgegnete Hähnleins heisere Stimme. »Ich sehe mir den Mond an.«

»Wie soll ein Mensch das ertragen?«

»Beruhige dich, Mutter -- bald, ja bald --!«

Ermattet saß Herr Herbst, bebend vor Erschöpfung. Das Gespräch mit dem Sohn hatte ihn völlig entkräftet. Der Teure sog alle Kraft aus ihm. Das Herz zuckte in seiner Brust. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne.

Ach, wie entsetzlich er doch wieder geblutet hatte -- er litt -- rasch mußte er handeln, rasch!

Er versank in tiefes Nachdenken. Langsam, wie betäubt bewegten sich die Gedanken in seinem kahlen Kopf, schlafschwer krochen sie dahin wie Schatten auf den Dächern. Das Geflüster und Gezischel hinter der Wand störte ihn nicht. Hähnleins alte Litanei -- die Litanei des Elends und des Hungers. Nein, das Elend fremder Menschen machte keinen Eindruck mehr auf ihn. Worte, Nichtigkeiten! Weshalb sollten nicht andere ebenfalls unglücklich sein, alle. Neulich hatte er mit angesehen, wie ein vornehmer Herr von einem Militärlastauto überfahren wurde -- gerade über das rechte Bein war das schwere Doppelrad gegangen. Er war in verzweifelter Stimmung, sofort aber besserte sich seine Laune! Die Unglücklichen weiden sich am Unglück, die Kranken an der Krankheit, die Armen an der Armut -- nur die Glücklichen, das ist etwas ganz anderes, sie weiden sich nicht am Glück. Sie sehen andere Menschen nicht mehr.

Langsam -- aber schließlich fand er sich doch zurecht in all den Dunkelheiten.

Nein, keine Antwort. Hunderte warten!

»Der General antwortet nicht!«

»Nein, nein!«

Erregt setzte er sich auf.

»Was aber dann? Was dann?«

Im Nu hatte er die Füße auf den Boden gestellt. Er saß mitten im Mondlicht und blickte zum Fenster hinaus. Sein Schädel glänzte wie eine Quecksilberkugel, seine Augen schimmerten wie die Augen toter Fische, die schon lange liegen. Er lauschte in sich hinein, er grub in seinem Gehirn. Plötzlich begann sein gleißender Schädel zu dampfen, Rauch kräuselte aus seinen Augen. Eine Wolke glitt über den Mond. Wieder glänzte die Quecksilberkugel. Aber plötzlich saß er gänzlich ohne Kopf da. Der Mond glitt hinter einen Schornstein. Als er wieder ins Zimmer blendete, hatte Herr Herbst die Hälfte seines Volumens verloren. Er hatte den Havelock abgelegt.

Rasch, rasch riß er den Kragen und die kleine schwarze Binde ab und steckte den Kopf in eiskaltes Wasser. Der Mond funkelte.

Einen ungeheuren Gedanken hatte der Mond im Gehirn des kleinen Herrn Herbst wachgeblendet.

Er konnte gar nicht genug eiskaltes Wasser über seinen Kopf gießen. Fieberhaft rieb er sich ab, zog Kragen und Binde an.

»Ja, ja, weshalb nicht --?« Rasch schlüpfte er in den Havelock.

»Ich werde --«

»Ich werde --«

»_Ich werde ihn besuchen!_«

Schon rannte er zur Türe hinaus. Halt! wohin? es ist mitten in der Nacht! Aber nichts hielt ihn zurück. Mit raschen Schritten eilte er die leere und verödete Fabriciusstraße hinab.

Ah, und wie eisig kalt es war!

12

Dora lachte belustigt auf.

»Achttausend Mark, Ruth, ich bitte Sie! Für eine ganz einfache Gesellschaftstoilette! Und ein Hemd, ganz und gar nicht luxuriös, etwas billige Spitzen, ein paar Seidenschleifen -- fünfhundert Mark. Es ist wirklich eine Komödie. Ich wage es schon gar nicht mehr, ein Geschäft zu betreten.«

»Wie wird es aber werden?« fragte Ruth und zog die Brauen hoch. »Die Hälfte der Bevölkerung hat schon keine Wäsche mehr. Die Kinder schlafen auf Papier.«

Dora fand das sehr spaßig.

»Wie es werden wird? Höchst einfach, im nächsten Jahr werden wir uns alle in Papier kleiden, Ruth, und das wird ungeheuer lustig werden! Sie erinnern sich an die Dame, die im vorigen Sommer ohne Strümpfe Unter den Linden ging? Wenn man hübsche Beine hat, ist das reizend. Aber denken Sie sich eine Gesellschaft, ganz in Papier gekleidet! Die Industrie wird die reizendsten Farbtöne erfinden --« Dora mußte vor Lachen abbrechen -- »Der General meint allerdings --«

»Was meint Papa?«

»Er sagt, die Industrie habe Ersatzstoffe erfunden, die viel besser sind als Wolle und Seide. Zum Beispiel, nun wie heißt sie, diese Patentfaser? Die ganze Lüneburger Heide soll mit Brennesseln bepflanzt werden, doch das wird wohl noch ein Weilchen dauern. Aber hören Sie, Ruth, welch blendende Idee! Ich werde bei meinem Hausball Papierkostüme vorschreiben!« Dora klatschte vor Vergnügen in die Hände, und wieder füllte ihr Lachen Ruths kleinen halbdunkeln Salon mit Heiterkeit und tausend Schelmereien. »Süß sehen Sie aus, mein Kind. Woher stammt diese Bluse? Lassen Sie fühlen, herrlich! Das ist noch Seide! Was man heute für schweres Geld bekommt, ist ja Schund, den früher unsere Neger getragen haben. Aber denken Sie doch Ruth, wenn wir erst in einer Papierserviette schlafen gehen werden --!« Es war Dora gänzlich unmöglich, diese drolligen Phantasien abzuschütteln.

Ruth bereitete den Tee, während die schöne Dora schwatzte und lachte. Sie folgte mit zärtlichen Blicken jeder Bewegung Ruths, die sie liebte. Ja, aufrichtig liebte, obschon sie ganz anders war, vielleicht, weil sie ganz anders war. Und sie fand sie in vieler Beziehung so amüsant! Zum Beispiel, der Hut hing auf einer Blumenvase und -- bei Gott -- ein kleiner schwarzgelber Abendschuh lag verlassen auf dem Sofa. War das nicht süß? Und die Teemaschine stand auf dem Schreibtisch, natürlich floß das kochende Wasser auf die Platte. Nein, wie reizend! Früher war Ruth häufig bei ihr gewesen, sie hatten zusammen musiziert --

»Singen Sie noch, Ruth?«

»Wenig nur, leider.«

Aber nun sah man sie selten. Dora nahm es ihr nicht übel. Sie liebte sie trotzdem, wie sie alle Menschen, die ihr nichts zuleide taten, liebte, wenn sie guter Laune war. Hatte sie aber ihre bösen Stunden -- nun, da hätte sie ruhig sehen können, wie man die Menschen vor ihren Augen abschlachtete -- aber das war natürlich eine Übertreibung. Dora konnte grausam sein, sehr grausam, wenigstens dachte sie es.

Butzi, der Griffon, ließ den schwarzgelben Abendschuh, der neben dem kleinen Sofa auf dem Boden lag, es war der zweite, plötzlich aus den Zähnen und schlich zur Türe.

Er steckte die Nase in die Ritze zwischen Schwelle und Türe und blies.

Dann aber schnellte er erschrocken auf allen vieren zurück . . .

Die Türe öffnete sich -- behutsam -- leise -- und das breite steinfarbene Gesicht des Generals, nachdenklich gesammelt, wurde sichtbar. Aber schon in der nächsten Sekunde verschwand die nachdenkliche Sammlung und die Steinfarbe -- betreten und überrascht prallte das Gesicht zurück und färbte sich rot.