Demian: Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend

Part 12

Chapter 123,970 wordsPublic domain

Meine Liebe zu Frau Eva schien mir der einzige Inhalt meines Lebens zu sein. Aber jeden Tag sah sie anders aus. Manchmal glaubte ich bestimmt zu fühlen, daß es nicht ihre Person sei, nach der mein Wesen hingezogen strebte, sondern sie sei nur ein Sinnbild meines Inneren und wolle mich nur tiefer in mich selbst hinein führen. Oft hörte ich Worte von ihr, die mir klangen wie Antworten meines Unbewußten auf brennende Fragen, die mich bewegten. Dann wieder gab es Augenblicke, in denen ich neben ihr vor sinnlichem Verlangen brannte, und Gegenstände küßte, die sie berührt hatte. Und allmählich schoben sich sinnliche und unsinnliche Liebe, Wirklichkeit und Symbol übereinander. Dann geschah es, daß ich daheim in meinem Zimmer an sie dachte, in ruhiger Innigkeit, und dabei ihre Hand in meiner und ihre Lippen auf meinen zu fühlen meinte. Oder ich war bei ihr, sah ihr ins Gesicht, sprach mit ihr und hörte ihre Stimme, und wußte doch nicht, ob sie wirklich und nicht ein Traum sei. Ich begann zu ahnen, wie man eine Liebe dauernd und unsterblich besitzen kann. Ich hatte beim Lesen eines Buches eine neue Erkenntnis, und es war dasselbe Gefühl wie ein Kuß von Frau Eva. Sie streichelte mir das Haar und lächelte mir ihre reife duftende Wärme zu, und ich hatte dasselbe Gefühl, wie wenn ich in mir selbst einen Fortschritt gemacht hatte. Alles, was wichtig und Schicksal für mich war, konnte ihre Gestalt annehmen. Sie konnte sich in jeden meiner Gedanken verwandeln, und jeder sich in sie.

Auf die Weihnachtsfeiertage, in denen ich bei meinen Eltern war, hatte ich mich gefürchtet, weil ich meinte, es müsse eine Qual sein, zwei Wochen lang entfernt von Frau Eva zu leben. Aber es war keine Qual, es war herrlich, zu Hause zu sein und an sie zu denken. Als ich nach H. zurückgekommen war, blieb ich noch zwei Tage ihrem Hause fern, um diese Sicherheit und Unabhängigkeit von ihrer sinnlichen Gegenwart zu genießen. Auch hatte ich Träume, in denen meine Vereinigung mit ihr sich auf neue gleichnishafte Arten vollzog. Sie war ein Meer, in das ich strömend mündete. Sie war ein Stern, und ich selbst war als ein Stern zu ihr unterwegs, und wir trafen uns und fühlten uns zueinander gezogen, blieben beisammen und drehten uns selig für alle Zeiten in nahen, tönenden Kreisen umeinander.

Diesen Traum erzählte ich ihr, als ich sie zuerst wieder besuchte.

»Der Traum ist schön,« sagte sie still. »Machen Sie ihn wahr!«

In der Vorfrühlingszeit kam ein Tag, den ich nie vergessen habe. Ich trat in die Halle, ein Fenster stand offen und ein lauer Luftstrom wälzte den schweren Geruch der Hyazinthen durch den Raum. Da niemand zu sehen war, ging ich die Treppe hinauf in Max Demians Studierzimmer. Ich pochte leicht an die Tür und trat ein, ohne auf einen Ruf zu warten, wie ich es gewohnt war.

Das Zimmer war dunkel, die Vorhänge alle zugezogen. Die Türe zu einem kleinen Nebenraum stand offen, wo Max ein chemisches Laboratorium eingerichtet hatte. Von dorther kam das helle, weiße Licht der Frühlingssonne, die durch Regenwolken schien. Ich glaubte, es sei niemand da, und schlug einen der Vorhänge zurück.

Da sah ich auf einem Schemel nahe beim verhängten Fenster Max Demian sitzen, zusammengekauert und seltsam verändert, und wie ein Blitz durchfuhr mich ein Gefühl: das hast du schon einmal erlebt! Er hatte die Arme regungslos hängen, die Hände im Schoß, sein etwas vorgeneigtes Gesicht mit offenen Augen war blicklos und erstorben, im Augenstern blinkte tot ein kleiner greller Lichtreflex, wie in einem Stück Glas. Das bleiche Gesicht war in sich versunken und ohne anderen Ausdruck als den einer ungeheuren Starrheit, es sah aus wie eine uralte Tiermaske am Portal eines Tempels. Er schien nicht zu atmen.

Erinnerung überschauerte mich -- so, genau so hatte ich ihn schon einmal gesehen, vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Junge war. So hatten die Augen nach innen gestarrt, so waren die Hände leblos nebeneinander gelegen, eine Fliege war ihm übers Gesicht gewandert. Und er hatte damals, vor vielleicht sechs Jahren, gerade so alt und so zeitlos ausgesehen, keine Falte im Gesicht war heute anders.

Von einer Furcht überfallen ging ich leise aus dem Zimmer und die Treppe hinab. In der Halle traf ich Frau Eva. Sie war bleich und schien ermüdet, was ich an ihr nicht kannte, ein Schatten flog durchs Fenster, die grelle weiße Sonne war plötzlich verschwunden.

»Ich war bei Max,« flüsterte ich rasch. »Ist etwas geschehen? Er schläft, oder ist versunken, ich weiß nicht, ich sah ihn früher schon einmal so.«

»Sie haben ihn doch nicht geweckt?« fragte sie rasch.

»Nein. Er hat mich nicht gehört. Ich ging gleich wieder hinaus. Frau Eva, sagen Sie mir, was ist mit ihm?«

Sie fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Stirn.

»Seien Sie ruhig, Sinclair, es geschieht ihm nichts. Er hat sich zurückgezogen. Es wird nicht lange dauern.«

Sie stand auf und ging in den Garten hinaus, obwohl es eben zu regnen anfing. Ich spürte, daß ich nicht mitkommen sollte. So ging ich in der Halle auf und ab, roch an den betäubend duftenden Hyazinthen, starrte mein Vogelbild über der Türe an und atmete mit Beklemmung den seltsamen Schatten, von dem das Haus an diesem Morgen erfüllt war. Was war dies? Was war geschehen?

Frau Eva kam bald zurück. Regentropfen hingen ihr im dunkeln Haar. Sie setzte sich in ihren Lehnstuhl. Müdigkeit lag über ihr. Ich trat neben sie, beugte mich über sie und küßte die Tropfen aus ihrem Haar. Ihre Augen waren hell und still, aber die Tropfen schmeckten mir wie Tränen.

»Soll ich nach ihm sehen?« fragte ich flüsternd.

Sie lächelte schwach.

»Seien Sie kein kleiner Junge, Sinclair!« ermahnte sie laut, wie um in sich selber einen Bann zu brechen. »Gehen Sie jetzt, und kommen Sie später wieder, ich kann jetzt nicht mit Ihnen reden.«

Ich ging und lief von Haus und Stadt hinweg gegen die Berge, der schräge dünne Regen kam mir entgegen, die Wolken trieben niedrig unter schwerem Druck wie in Angst vorüber. Unten ging kaum ein Wind, in der Höhe schien es zu stürmen, mehrmals brach für Augenblicke die Sonne bleich und grell aus dem stählernen Wolkengrau.

Da kam über den Himmel weg eine lockere gelbe Wolke getrieben, sie staute sich gegen die graue Wand und der Wind formte in wenigen Sekunden aus dem Gelben und dem Blauen ein Bild, einen riesengroßen Vogel, der sich aus blauem Wirrwarr losriß und mit weiten Flügelschlägen in den Himmel hinein verschwand. Dann wurde der Sturm hörbar, und Regen prasselte mit Hagel vermischt herab. Ein kurzer, unwahrscheinlich und schreckhaft tönender Donner krachte über der gepeitschten Landschaft, gleich darauf brach wieder ein Sonnenblick durch und auf den nahen Bergen überm braunen Wald leuchtete fahl und unwirklich der bleiche Schnee.

Als ich naß und verblasen nach Stunden wiederkehrte, öffnete Demian mir selbst die Haustür.

Er nahm mich mit sich in sein Zimmer hinauf, im Laboratorium brannte eine Gasflamme, Papier lag umher, er schien gearbeitet zu haben.

»Setz dich,« lud er ein, »du wirst müde sein, es war ein scheußliches Wetter, man sieht, daß du tüchtig draußen warst. Tee kommt gleich.«

»Es ist heute etwas los,« begann ich zögernd, »es kann nicht nur das bißchen Gewitter sein.«

Er sah mich forschend an.

»Hast du etwas gesehen?«

»Ja. Ich sah in den Wolken einen Augenblick deutlich ein Bild.«

»Was für ein Bild?«

»Es war ein Vogel.«

»Der Sperber? War er's? Dein Traumvogel?«

»Ja, es war mein Sperber. Er war gelb und riesengroß und flog in den blauschwarzen Himmel hinein.«

Demian atmete tief auf.

Es klopfte. Die alte Dienerin brachte Tee.

»Nimm dir, Sinclair, bitte. -- Ich glaube, du hast den Vogel nicht zufällig gesehen?«

»Zufällig? Sieht man solche Sachen zufällig?«

»Gut, nein. Er bedeutet etwas. Weißt du was?«

»Nein. Ich spüre nur, daß es eine Erschütterung bedeutet, einen Schritt im Schicksal. Ich glaube, es geht uns alle an.«

Er ging heftig auf und ab.

»Einen Schritt im Schicksal!« rief er laut.

»Dasselbe habe ich heut nacht geträumt, und meine Mutter hatte gestern eine Ahnung, die sagte das Gleiche. -- Mir hat geträumt, ich stieg eine Leiter hinauf, an einem Baumstamm oder Turm. Als ich oben war, sah ich das ganze Land, es war eine große Ebene, mit Städten und Dörfern brennen. Ich kann noch nicht alles erzählen, es ist mir noch nicht alles klar.«

»Deutest du den Traum auf dich?« fragte ich.

»Auf mich? Natürlich. Niemand träumt, was ihn nicht angeht. Aber es geht mich nicht allein an, da hast du recht. Ich unterscheide ziemlich genau die Träume, die mir Bewegungen in der eigenen Seele anzeigen, und die anderen, sehr seltenen, in denen das ganze Menschenschicksal sich andeutet. Ich habe selten solche Träume gehabt, und nie einen, von dem ich sagen könnte, er sei eine Prophezeiung gewesen und in Erfüllung gegangen. Die Deutungen sind zu ungewiß. Aber das weiß ich bestimmt, ich habe etwas geträumt, was nicht mich allein angeht. Der Traum gehört nämlich zu anderen, früheren, die ich hatte und die er fortsetzt. Diese Träume sind es, Sinclair, aus denen ich die Ahnungen habe, von denen ich dir schon sprach. Daß unsre Welt recht faul ist, wissen wir, das wäre noch kein Grund, ihren Untergang oder dergleichen zu prophezeien. Aber ich habe seit mehreren Jahren Träume gehabt, aus denen ich schließe, oder fühle, oder wie du willst -- aus denen ich also fühle, daß der Zusammenbruch einer alten Welt näher rückt. Es waren zuerst ganz schwache, entfernte Ahnungen, aber sie sind immer deutlicher und stärker geworden. Noch weiß ich nichts andres, als daß etwas Großes und Furchtbares im Anzug ist, das mich mit betrifft. Sinclair, wir werden das erleben, wovon wir manchmal gesprochen haben! Die Welt will sich erneuern. Es riecht nach Tod. Nichts Neues kommt ohne Tod. -- Es ist schrecklicher, als ich gedacht hatte.« Erschrocken starrte ich ihn an.

»Kannst du mir den Rest deines Traumes nicht erzählen?« bat ich schüchtern.

Er schüttelte den Kopf.

»Nein.«

Die Türe ging und Frau Eva kam herein.

»Da sitzet ihr beieinander! Kinder, ihr werdet doch nicht traurig sein?«

Sie sah frisch und gar nicht mehr müde aus. Demian lächelte ihr zu, sie kam zu uns wie die Mutter zu verängstigten Kindern.

»Traurig sind wir nicht, Mutter, wir haben bloß ein wenig an diesen neuen Zeichen gerätselt. Aber es liegt ja nichts daran. Plötzlich wird das, was kommen will, da sein, und dann werden wir das, was wir zu wissen brauchen, schon erfahren.«

Mir aber war schlecht zumut, und als ich Abschied nahm und allein durch die Halle ging, empfand ich den Hyazinthenduft welk, fad und leichenhaft. Es war ein Schatten über uns gefallen.

Achtes Kapitel Anfang vom Ende

Ich hatte es durchgesetzt, noch das Sommersemester in H. bleiben zu können. Statt im Hause, waren wir nun fast immer im Garten am Fluß. Der Japaner, der übrigens im Ringkampf richtig verloren hatte, war fort, auch der Tolstoimann fehlte. Demian hielt sich ein Pferd und ritt Tag für Tag mit Ausdauer. Ich war oft mit seiner Mutter allein.

Zuweilen wunderte ich mich über die Friedlichkeit meines Lebens. Ich war so lang gewohnt, allein zu sein, Verzicht zu üben, mich mühsam mit meinen Qualen herumzuschlagen, daß diese Monate in H. mir wie eine Trauminsel vorkamen, auf der ich bequem und verzaubert nur in schönen, angenehmen Dingen und Gefühlen leben durfte. Ich ahnte, daß dies der Vorklang jener neuen, höheren Gemeinschaft sei, an die wir dachten. Und je und je ergriff mich über dies Glück eine tiefe Trauer, denn ich wußte wohl, es konnte nicht von Dauer sein. Mir war nicht beschieden, in Fülle und Behagen zu atmen, ich brauchte Qual und Hetze. Ich spürte: eines Tages würde ich aus diesen schönen Liebesbildern erwachen und wieder allein stehen, ganz allein, in der kalten Welt der anderen, wo für mich nur Einsamkeit oder Kampf war, kein Friede, kein Mitleben.

Dann schmiegte ich mich mit doppelter Zärtlichkeit in die Nähe der Frau Eva, froh darüber, daß mein Schicksal noch immer diese schönen, stillen Züge trug.

Die Sommerwochen vergingen schnell und leicht, das Semester war schon im Ausklingen. Der Abschied stand bald bevor, ich durfte nicht daran denken, und tat es auch nicht, sondern hing an den schönen Tagen wie ein Falter an der Honigblume. Das war nun meine Glückszeit gewesen, die erste Erfüllung meines Lebens und meine Aufnahme in den Bund -- was würde dann kommen? Ich würde wieder mich durchkämpfen, Sehnsucht leiden, Träume haben, allein sein.

An einem dieser Tage überkam mich dies Vorgefühl so stark, daß meine Liebe zu Frau Eva plötzlich schmerzlich aufflammte. Mein Gott, wie bald, dann sah ich sie nicht mehr, hörte nicht mehr ihren festen guten Schritt durchs Haus, fand nicht mehr ihre Blumen auf meinem Tisch! Und was hatte ich erreicht? Ich hatte geträumt und mich in Behagen gewiegt, statt sie zu gewinnen, statt um sie zu kämpfen und sie für immer an mich zu reißen! Alles, was sie mir je über die echte Liebe gesagt hatte, fiel mir ein, hundert feine, mahnende Worte, hundert leise Lockungen, Versprechungen vielleicht -- was hatte ich daraus gemacht? Nichts! Nichts!

Ich stellte mich mitten in meinem Zimmer auf, faßte mein ganzes Bewußtsein zusammen und dachte an Eva. Ich wollte die Kräfte meiner Seele zusammennehmen, um sie meine Liebe fühlen zu lassen, um sie zu mir her zu ziehen. Sie mußte kommen und meine Umarmung ersehnen, mein Kuß mußte unersättlich in ihren reifen Liebeslippen wühlen.

Ich stand und spannte mich an, bis ich von den Fingern und Füßen her kalt wurde. Ich fühlte, daß Kraft von mir ausging. Für einige Augenblicke zog sich etwas in mir fest und eng zusammen, etwas Helles und Kühles; ich hatte einen Augenblick die Empfindung, ich trage einen Kristall im Herzen, und ich wußte, das war mein Ich. Die Kälte stieg mir bis zur Brust.

Als ich aus der furchtbaren Anspannung erwachte, fühlte ich, daß etwas käme. Ich war zu Tode erschöpft, aber ich war bereit, Eva ins Zimmer treten zu sehen, brennend und entzückt.

Hufgetrappel hämmerte jetzt die lange Straße heran, klang nah und hart, hielt plötzlich an. Ich sprang ans Fenster. Unten stieg Demian vom Pferde. Ich lief hinab.

»Was ist los, Demian? Es ist doch deiner Mutter nichts passiert?«

Er hörte nicht auf meine Worte. Er war sehr bleich, und Schweiß rann zu beiden Seiten von seiner Stirn über die Wangen. Er band die Zügel seines erhitzten Pferdes an den Gartenzaun, nahm meinen Arm und ging mit mir die Straße hinab.

»Weißt du schon etwas?«

Ich wußte nichts.

Demian drückte meinen Arm und wandte mir das Gesicht zu, mit einem dunklen, mitleidigen, sonderbaren Blick.

»Ja, mein Junge, es geht nun los. Du wußtest ja von der großen Spannung mit Rußland --«

»Was? Gibt es Krieg? Ich habe nie daran geglaubt.«

Er sprach leise, obwohl kein Mensch in der Nähe war.

»Er ist noch nicht erklärt. Aber es gibt Krieg. Verlaß dich drauf. Ich habe dich seither mit der Sache nicht mehr belästigt, aber ich habe seit damals dreimal neue Anzeichen gesehen. Es wird also kein Weltuntergang, kein Erdbeben, keine Revolution. Es wird Krieg. Du wirst sehen, wie das einschlägt! Es wird den Leuten eine Wonne sein, schon jetzt freut sich jeder aufs Losschlagen. So fad ist ihnen das Leben geworden. -- Aber du wirst sehen, Sinclair, das ist nur der Anfang. Es wird vielleicht ein großer Krieg werden, ein sehr großer Krieg. Aber auch das ist bloß der Anfang. Das Neue beginnt, und das Neue wird für die, die am Alten hängen, entsetzlich sein. Was wirst du tun?«

Ich war bestürzt, es klang mir alles noch fremd und unwahrscheinlich.

»Ich weiß nicht -- und du?«

Er zuckte die Achseln.

»Sobald mobilisiert wird, rücke ich ein. Ich bin Leutnant.«

»Du? Davon wußte ich kein Wort.«

»Ja, es war eine von meinen Anpassungen. Du weißt, ich bin nach außen nie gern aufgefallen und habe immer eher etwas zuviel getan, um korrekt zu sein. Ich stehe, glaube ich, in acht Tagen schon im Felde --«

»Um Gottes willen --«

»Na, Junge, sentimental mußt du das nicht auffassen. Es wird mir ja im Grunde kein Vergnügen machen, Gewehrfeuer auf lebende Menschen zu kommandieren, aber das wird nebensächlich sein. Es wird jetzt jeder von uns in das große Rad hineinkommen. Du auch. Du wirst sicher ausgehoben werden.«

»Und deine Mutter, Demian?«

Erst jetzt besann ich mich wieder auf das, was vor einer Viertelstunde gewesen war. Wie hatte sich die Welt verwandelt! Alle Kraft hatte ich zusammengerissen, um das süßeste Bild zu beschwören, und nun sah mich das Schicksal plötzlich neu aus einer drohend grauenhaften Maske an.

»Meine Mutter? Ach, um die brauchen wir keine Sorge zu haben. Sie ist sicher, sicherer als irgend jemand es heute auf der Welt ist. -- Du liebst sie so sehr?«

»Du wußtest es, Demian?« Er lachte hell und ganz befreit.

»Kleiner Junge! Natürlich wußte ich's. Es hat noch niemand zu meiner Mutter Frau Eva gesagt, ohne sie zu lieben. Übrigens, wie war das? Du hast sie oder mich heut gerufen, nicht?«

»Ja, ich habe gerufen -- -- Ich rief nach Frau Eva.«

»Sie hat es gespürt. Sie schickte mich plötzlich weg, ich müsse zu dir. Ich hatte ihr eben die Nachrichten über Rußland erzählt.«

Wir kehrten um und sprachen wenig mehr, er machte sein Pferd los und stieg auf.

In meinem Zimmer oben spürte ich erst, wie erschöpft ich war, von Demians Botschaft und noch viel mehr von der vorherigen Anspannung. Aber Frau Eva hatte mich gehört! Ich hatte sie mit meinen Gedanken im Herzen erreicht. Sie wäre selbst gekommen -- wenn nicht -- -- Wie sonderbar war dies alles, und wie schön im Grunde! Nun sollte ein Krieg kommen. Nun sollte das zu geschehen beginnen, was wir oft und oft geredet hatten. Und Demian hatte so viel davon vorausgewußt. Wie seltsam, daß jetzt der Strom der Welt nicht mehr irgendwo an uns vorbei laufen sollte --, daß er jetzt plötzlich mitten durch unsere Herzen ging, daß Abenteuer und wilde Schicksale uns riefen, und daß jetzt oder bald der Augenblick da war, wo die Welt uns brauchte, wo sie sich verwandeln wollte. Demian hatte recht, sentimental war das nicht zu nehmen. Merkwürdig war nur, daß ich nun die so einsame Angelegenheit »Schicksal« mit so vielen, mit der ganzen Welt gemeinsam erleben sollte. Gut denn!

Ich war bereit. Am Abend, als ich durch die Stadt ging, brausten alle Winkel von der großen Erregung. Überall das Wort »Krieg«!

Ich kam in Frau Evas Haus, wir aßen im Gartenhäuschen zu Abend. Ich war der einzige Gast. Niemand sprach ein Wort von Krieg. Nur spät, kurz ehe ich wegging, sagte Frau Eva: »Lieber Sinclair, Sie haben mich heut gerufen. Sie wissen, warum ich nicht selbst kam. Aber vergessen Sie nicht: Sie kennen jetzt den Ruf, und wann immer Sie jemand brauchen, der das Zeichen trägt, dann rufen Sie wieder!«

Sie erhob sich und ging durch die Gartendämmerung voraus. Groß und fürstlich schritt die Geheimnisvolle zwischen den schweigenden Bäumen, und über ihrem Haupt glommen klein und zart die vielen Sterne.

Ich komme zum Ende. Die Dinge gingen ihren raschen Weg. Bald war Krieg und Demian, wunderlich fremd in der Uniform mit dem silbergrauen Mantel, fuhr davon. Ich brachte seine Mutter nach Hause zurück. Bald nahm auch ich Abschied von ihr, sie küßte mich auf den Mund und hielt mich einen Augenblick an ihrer Brust, und ihre großen Augen brannten nah und fest in meine.

Und alle Menschen waren wie verbrüdert. Sie meinten das Vaterland und die Ehre. Aber es war das Schicksal, dem sie alle einen Augenblick in das unverhüllte Gesicht schauten. Junge Männer kamen aus Kasernen, stiegen in Bahnzüge, und auf vielen Gesichtern sah ich ein Zeichen -- nicht das unsre -- ein schönes und würdevolles Zeichen, das Liebe und Tod bedeutete. Auch ich wurde von Menschen umarmt, die ich nie gesehen hatte, und ich verstand es und erwiderte es gerne. Es war ein Rausch, in dem sie es taten, kein Schicksalswille, aber der Rausch war heilig, er rührte daher, daß sie alle diesen kurzen, aufrüttelnden Blick in die Augen des Schicksals getan hatten.

Es war schon beinahe Winter, als ich ins Feld kam.

Im Anfang war ich, trotz der Sensationen der Schießerei, von allem enttäuscht. Früher hatte ich viel darüber nachgedacht, warum so äußerst selten ein Mensch für ein Ideal zu leben vermöge. Jetzt sah ich, daß viele, ja alle Menschen fähig sind, für ein Ideal zu sterben. Nur durfte es kein persönliches, kein freies, kein gewähltes Ideal sein, es mußte ein gemeinsames und übernommenes sein.

Mit der Zeit sah ich aber, daß ich die Menschen unterschätzt hatte. So sehr der Dienst und die gemeinsame Gefahr sie uniformierte, ich sah doch viele, Lebende und Sterbende, sich dem Schicksalswillen prachtvoll nähern. Viele, sehr viele hatten nicht nur beim Angriff, sondern zu jeder Zeit den festen, fernen, ein wenig wie besessenen Blick, der nichts von Zielen weiß und volles Hingegebensein an das Ungeheure bedeutet. Mochten diese glauben und meinen, was immer sie wollten -- sie waren bereit, sie waren brauchbar, aus ihnen würde sich Zukunft formen lassen. Und je starrer die Welt auf Krieg und Heldentum, auf Ehre und andre alte Ideale eingestellt schien, je ferner und unwahrscheinlicher jede Stimme scheinbarer Menschlichkeit klang, dies war alles nur die Oberfläche, ebenso wie die Frage nach den äußeren und politischen Zielen des Krieges nur Oberfläche blieb. In der Tiefe war etwas im Werden. Etwas wie eine neue Menschlichkeit. Denn viele konnte ich sehen, und mancher von ihnen starb an meiner Seite -- denen war gefühlhaft die Einsicht geworden, daß Haß und Wut, Totschlagen und Vernichten nicht an die Objekte geknüpft waren. Nein, die Objekte, ebenso wie die Ziele, waren ganz zufällig. Die Urgefühle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspaltenen Seele, welche rasen und töten, vernichten und sterben wollte, um neu geboren werden zu können. Es kämpfte sich ein Riesenvogel aus dem Ei, und das Ei war die Welt, und die Welt mußte in Trümmer gehen.

Vor dem Gehöfte, das wir besetzt hatten, stand ich in einer Vorfrühlingsnacht auf Wache. In launischen Stößen ging ein schlapper Wind, über den hohen flandrischen Himmel ritten Wolkenheere, irgendwo dahinter eine Ahnung von Mond. Schon den ganzen Tag war ich in Unruhe gewesen, irgendeine Sorge störte mich. Jetzt, auf meinem dunklen Posten, dachte ich mit Innigkeit an die Bilder meines bisherigen Lebens, an Frau Eva, an Demian. Ich stand an eine Pappel gelehnt und starrte in den bewegten Himmel, dessen heimlich zuckende Helligkeiten bald zu großen, quellenden Bilderfolgen wurden. Ich spürte an der seltsamen Dünne meines Pulses, an der Unempfindlichkeit meiner Haut gegen Wind und Regen, an der funkelnden inneren Wachheit, daß ein Führer um mich sei.

In den Wolken war eine große Stadt zu sehen, aus der strömten Millionen von Menschen hervor, die verbreiteten sich in Schwärmen über weite Landschaften. Mitten unter sie trat eine mächtige Göttergestalt, funkelnde Sterne im Haar, groß wie ein Gebirge, mit den Zügen der Frau Eva. In sie hinein verschwanden die Züge der Menschen, wie in eine riesige Höhle, und waren weg. Die Göttin kauerte sich am Boden nieder, hell schimmerte das Mal auf ihrer Stirn. Ein Traum schien Gewalt über sie zu haben, sie schloß die Augen und ihr großes Antlitz verzog sich in Weh. Plötzlich schrie sie hell auf, und aus ihrer Stirn sprangen Sterne, viele tausend leuchtende Sterne, die schwangen sich in herrlichen Bogen und Halbkreisen über den schwarzen Himmel.

Einer von den Sternen brauste mit hellem Klang gerade zu mir her, schien mich zu suchen. -- Da krachte er brüllend in tausend Funken auseinander, es riß mich empor und warf mich wieder zu Boden, donnernd brach die Welt über mir zusammen.

Man fand mich nahe bei der Pappel, mit Erde bedeckt und mit vielen Wunden.

Ich lag in einem Keller, Geschütze brummten über mir. Ich lag in einem Wagen und holperte über leere Felder. Meistens schlief ich oder war ohne Bewußtsein. Aber je tiefer ich schlief, desto heftiger empfand ich, daß etwas mich zog, daß ich einer Kraft folgte, die über mich Herr war.