Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte

Part 9

Chapter 93,966 wordsPublic domain

Grete fand überhaupt, daß Swaantje ganz anders geworden war; ihr Mund sah aus, als schäme er sich, daß er noch nie geküßt war, ihre Augen hatten einen verlassenen Blick, und ihre Hände wirkten noch hoffnungsloser denn zuvor. Es dauerte auch eine geraume Zeit, ehe Swaantje den alten Ton wieder fand und mit Grete darüber scherzte, wie es nun werden solle, ob sie beide Helmolds wegen auf Säbel oder Pistolen losgehen oder ihn ausraten sollten. Sie zogen das Letzte vor, doch Swaantje gewann immer, tröstete Grete aber und sagte: »In den Monaten mit R sollst du ihn haben, und in den anderen nehme ich ihn; ist das nicht lieb von mir?« Als sie aber ihren Koffer auspackte und Grete sie fragte: »Hast du das weiße Wollkleid nicht mit, in dem Helmold dich so gern sah?« da schüttelte sie den Kopf, wie ein Pferd, das sich der Bremsen erwehren will, und sprach schnell von etwas anderem.

Am Abend des dritten Tages, daß Swaantje da war, sagte Grete: »Jetzt wird er gleich hier sein!« Aber er kam nicht. Am Abend des vierten Tages war sie sehr unruhig und brachte kaum einen Bissen hinunter, und Swaantje ging es ebenso. Als die Uhr dreiviertel auf sieben schlug, sprang die Frau plötzlich auf, nahm das Mädchen in den Arm und schluchzte: »Ach, Swaantien, ich habe eben einen so furchtbaren Schreck gekriegt! Fühle nur, wie mein Herz klopft!« Aber als sie aufsah, bemerkte sie, daß auch Swaantje kreideweiß aussah, und sie fühlte, daß deren Herz ebenso sprang wie ihr eignes.

Der Abend verlief trostlos; bis ein Uhr blieben sie auf, denn um dreiviertel auf eins lief der letzte Zug ein, mit dem Helmold kommen konnte; doch er kam nicht. Dann gingen sie zu Bett, ließen aber die Türen auf. Um zwei Uhr hielt Grete es nicht mehr aus; sie sah, daß Swaantje noch Licht hatte, ging zu ihr und sah sie so bittend an, daß das Mädchen ihre Decke zurückschlug und sagte: »Komm, liebe Grete!« Die Frau legte sich neben sie, nahm sie in den Arm und weinte so lange, bis sie einschlief. Swaantje drückte das Licht aus und sah in die Dunkelheit; das Bohren in ihrer linken Schläfe ging von Stunde zu Stunde tiefer; sie hielt aber stand, bis die Amsel zu singen begann und der Morgen ihr zunickte. Da endlich fielen ihr die Augen zu.

Um acht Uhr wachte Grete auf und sah sich verwundert um. Dann sah sie Swaantje an und erschrak; das Mädchen war totenbleich und hatte ganz farblose Lippen. Sie stahl sich aus dem Bette und zog die Vorhänge fest zu; aber ehe sie das Zimmer verließ, bückte sie sich und küßte Swaantje ganz leise auf die böse Schläfe. Das Mädchen lächelte und flüsterte: »Guter Helmold!« Die Frau zuckte zurück.

Kurz vor dem Mittagessen kam ihr Mann. Er sah ganz braungebrannt aus, hatte klare Augen und eine helle Stimme. Er küßte seine Frau herzlich und bewillkommnete Swaantje freundlich. Beim Essen sagte er: »Ihr seht beide wie die verhagelten Lohgerber aus, denen die Petersilie fortgeschwommen ist. Habt ihr gestern was gegessen, was euch unbemessen, oder was ist?« Swaantje sah auf ihren Teller, aber Grete sagte: »Ich habe mich gestern auf einmal so um dich geängstigt und Swaantje damit angesteckt.« Ihr Mann lachte: »Neuer Bacillus, Spirococcus terroris; den solltest du monographisch behandeln; dann bist du eine berühmte Frau.«

Nach dem Essen sagte er: »Nun, damit du es weißt: ich habe mit einem Wilddiebe erst höfliche Redensarten und dann grobe Schrote gewechselt. Der Mann schoß Schwarzpulver; deshalb habt ihr den Krach bis hierher gehört.« Beide Frauen sahen ihn entsetzt an, er aber lachte: »Der dumme Kerl schießt mir den besten Bock vor der Nase zusammen, und als ich ihm sage, er solle mir wenigstens das Gehörn lassen, verjagt er sich so, daß ihm vor Bammel der zweite Schuß herausrutscht und mir gerade in den Arm. Übrigens nicht der Rede wert! Na, wie man begrüßt wird, so soll man sich bedanken; ich schoß ihm die langen Stiebel voll Nummer drei, und da gab er mir vor Rührung gleich den ganzen Bock. Ich habe ihm die Leber und die beiden Blätter gelassen, und dann haben wir zusammen einen auf den Schreck genommen. Es ist ein ganz famoser Kerl!« Swaantje sah ihren Vetter an, lächelte und sagte: »Du bist doch wirklich ein zu guter Mensch, lieber Helmold!«

Er lachte: »Das sagen alle Leute, die mich nicht genau kennen. Der Prinz sagt, ich wäre ein Biest, und gerade deswegen könne er mich so gut leiden. Na ja, er ist das nicht, und hätte das Geschick dem guten Samlitz nicht so und so viele Erbtanten in die Wiege gelegt, ich möchte wohl wissen, wie der sich durch das Leben schlängeln wollte. Ich behandele ihn ja mehrstens etwas ruppig, schon damit er nicht noch millionärrischer wird. Ein wahrer Segen, daß er bloß seine Zinsen aufessen darf; sonst hätte er in drei Jahren alle meine Bilder und ich seinen Mammon nebst diesbezüglichen üblen Folgen. Scheußlich, mit einem Geldschrank um den Hals auf die Welt zu kommen!«

Swaantje lächelte und fragte dann: »Bist du mit ihm so befreundet wie mit Hennecke? Und was ist es für ein Mann?« Ihr Vetter blies den Zigarrenrauch gegen die Decke: »Befreundet? Ja; aber mit einer Barriere darum; es bleibt immer eine Menge Form zwischen uns. Ich verstehe manches an ihm nicht.« Er sah den Rauchringeln nach: »Aber ich bin ihm Dank schuldig. Hätte er mir damals nicht meine alten Schinken abgekauft, dann hätte Grete waschen gehen können, und ich konnte mit meiner Leier von Destille zu Destille ziehen oder Schnellmaler im Tingeltangel werden.« Swaantje schüttelte den Kopf: »Allerdings, du brauchtest damals das Geld sehr nötig, und ich bin heute noch dir und Grete sehr böse, daß ihr euch nichts merken ließet; sehr böse! Aber bedenke, wer war der Mäzen? Doch wohl du, denn die Bilder sind heute das Zehnfache wert.« Helmold nickte: »Jawohl; aber erstens gab damals kein Mensch auch nur die Materialkosten dafür, und zweitens hatte der Prinz zu jener Zeit selber bloß lumpige fünfzigtausend Mark Jahreseinkommen; also hat er sie mir sehr gut bezahlt.« Swaantje gab ihm die Hand über den Tisch: »Helmold, ich freue mich über dich!«

Zum ersten Male sah er sie jetzt in der alten Weise an, und fünf Minuten darauf hatte sie keine blauen Schatten mehr unter den Augen. Aber der alte Klang war doch nicht in seiner Stimme, wenn er mit ihr sprach; er hielt sich von ihr zurück, das merkte sie, und obgleich sie sich Gretes wegen darüber freuen wollte, so tat es ihr doch bitter weh, zumal sie fand, daß auch zwischen ihrem Vetter und seiner Frau eine Glasscheibe war. So beschloß sie nach drei Tagen abzureisen; aber da schlugen Grete und Helmold einen solchen Lärm, daß nichts daraus wurde, zumal ihr Vetter noch sagte: »Ehe die weiße Haide nicht fertig ist, kommst du nicht fort; ich habe schon dein ganzes Schuhzeug eingeschlossen.« So saß sie ihm denn einige Vormittagsstunden, bekam das Bild aber nicht zu sehen.

Ihren Augen gegenüber hing ein kleines Bild, das einen weiblichen Akt darstellte, der auf einer weiten, im Hintergrunde mit Birken besäumten Haide unter einem hellblauen, mit weißem Gewölk bedeckten Himmel stand. »Das ist ein entzückendes Bild, lieber Helmold,« sagte sie, »ein ganz entzückendes Bild.« Aber weiter sagte sie nichts; sie wußte, Geld nahm er von ihr nicht. Sonst sprachen sie wenig miteinander, wenn er malte; auch flötete, summte und sang er nicht dabei. Sie wußte wohl, warum er das nicht tat, aber ihr Herz tat ihr doch weh. Sie schlief keine Nacht vor dem Morgengrauen ein und sah, daß ihr Vetter von Tag zu Tag ernster und blasser wurde; jede Nacht vernahm sie, wie er sich leise im Bette herumdrehte, ab und zu hörte sie Papier rascheln; er las also.

»Heute müßt ihr beide allein ausgehen, Kinder,« sagte Frau Grete, die inzwischen ihre Seelenruhe wiedergefunden hatte, als sie sah, wie Helmold sich zu Swaantje stellte; »Tante Rößler hat mich gebeten, zu kommen; ihr geht es nicht gut, und für Swaantje ist es kein Genuß, die Geschichte von dem offenen Bein von A bis Z anzuhören. Ich gehe aber erst um sieben Uhr hin, denn bis dahin habe ich zu tun. Also seht zu, wie ihr die Zeit totschlagt.« Da Helmold die letzte Hand an Swaantjes Bild legte, war er erst um vier Uhr zum Ausgehen fertig. Swaantje, die die ganze Nacht wieder vor Schmerzen nicht geschlafen hatte, sah sehr hinfällig aus. »Willst du lieber hier bleiben?« fragte er; »ich gehe nur deinetwegen. Du weißt ja, Spazierengehen, dazu bin ich zu sehr Bauer.« Swaantje wäre am liebsten daheim geblieben; aber Grete hatte sie gebeten: »Geh ja mit; er hat zuviel gearbeitet und muß hinaus; und dir ist es auch gut.«

Sie fuhren mit der Straßenbahn in eine Gegend, die das Mädchen noch nicht kannte. Helmold stellte ihm die Landschaft in prickelnder Weise vor. Aber wenn auch das, was er sagte, wie Demanten funkelte, so klang es doch ebenso kalt. In der Gartenwirtschaft, in der sie einkehrten, war er von der höflichsten Besorgtheit für sie; aber die Zuneigung, die sonst seine Handlungen durchleuchtete, fehlte.

Die Sonne schien hell, die Luft war warm und blitzte von allerlei winzigem Getier, ein neckischer Wind kraulte den Bäumen die Köpfe, der Himmel war hoch, und seine lichte Bläue hoben weiße Windwölkchen, so zart wie mit einer Schnepfenfeder gezogen; dazu lachten die bunten Herbstblumen nur so, und die Stare sangen, als wenn eben der Mai angekommen sei; doch Helmolds Worte waren wie ein leiser Nordwind. Er erzählte, als wäre er der fröhlichste Mensch von der Welt; doch sein ganzes Geplauder war nicht das von Kamerad zu Kamerad, sondern von dem Herrn der guten Gesellschaft zu einer sehr geschätzten Dame aus denselben Kreisen. Kein einziger kecker Witz, kein gewagter Vergleich entschlüpfte ihm. Das Mädchen schauerte zusammen.

»Friert dich?« fragte er. Ja, sie fror, sie fror sehr. Früher hatte er sie nie angesprochen, ohne hinzuzusetzen: »Liebe Swaantje« oder »Kleine« oder »Maus«; früher lachte er sie mit dem Herzen und den Augen an; jetzt lächelte er nur noch mit dem Gesichte. »Helmold,« begann sie mit einem unabsichtlich bittenden Ausdruck in der Stimme, als sie durch den Wald gingen, »lieber Helmold!« Er sah sie von der Seite an. »Und, liebe Swaantje?« fragte er und sie fuhr fort: »Was ich dir jetzt sage, ist vielleicht sehr töricht von mir, aber sage ich es nicht, so bin ich unehrlich. Das, was ich dir damals in deiner Werkstatt sagte, das ist vorbei.« Sie atmete schwer. Er blieb nicht stehen, er sah sie nicht an, er änderte auch seine ruhige Sprechweise nicht, als er fragte: »Wie ist das gekommen?« Sie zitterte, als sie antwortete: »Vielleicht nur, weil ich es dir gesagt habe.« Er nickte: »Wahrscheinlich; Sprechen und Weinen erlöst.« Er schwieg eine Weile. Sie sah ihn verstohlen von der Seite an; sein Gesicht zeigte keine Bewegung.

Ein Herr mit grauem Vollbarte begegnete ihnen, sah Helmold aufmunternd an und grüßte, als dieser keine Miene machte, zuerst zu grüßen, ganz tief, und Helmold erwiderte gemessen. »Wer war das?« fragte das Mädchen. Ihr Vetter lachte: »Ein hohes Lokaltier, unser Oberbürgermeister. Er denkt, weil er Ober im Kunstverein ist, müßte ich zuerst grüßen, auch wenn ich mit einer Dame gehe. Na, jetzt braucht er sich den Knigge nicht zu kaufen«.

Erst nach einer geraumen Weile begann er wieder: »Ja, Swaantje, ich weiß nicht, ist das nun gut für dich oder nicht? Einerseits bin ich froh, daß du diese taube Neigung zu den übrigen Pensionsandenken gepackt hast; anderseits: nun hast du gar nichts auf der Welt, noch nicht einmal einen Kummer. Ich hoffe, daß die Reise mit Terborgs dich aufrappelt; alle das viele Schöne aus alter und neuer Zeit, das du sehen wirst!«

»Gieb mir deinen Arm,« bat das Mädchen, »mir ist etwas schwindlig.« Er führte sie zur nächsten Bank: »So, wir sind ein bißchen weit gegangen,« sagte er und lächelte, aber nur mit den Lippen; »in fünf Minuten sind wir bei der Haltestelle.«

Beim Abendessen mußte sie sich ein Kissen ausbitten, so schmerzte sie der Rücken, und nach dem Essen ging sie sofort zu Bett, so todmüde fühlte sie sich. Alle Glieder taten ihr weh, aber schlafen konnte sie nicht. Auch Helmold schlief nicht. Durch das Schlüsselloch kam ein dünner Lichtschein, ab und zu knarrte sein Bett leise, sie hörte, wie er in dem Buche blätterte und dann roch sie, daß er rauchte. Sie wußte, daß er sonst nie im Bette rauchte; es mußte ihm also sehr schlecht gehen.

Es war drei Uhr, da hörte sie, wie er leise aufstand und Wasser in ein Glas goß; ein Papierchen knitterte, ein Teelöffel klirrte in dem Glase. »Veronal«, dachte sie, und unter ihrem Mitleid glitzerte blanke Freude: »Er hat sich verstellt,« schrie es in ihr; »er liebt mich noch, denn sonst würde er schlafen.« Ihr Kopf fiel hintenüber, und sie schlief ein.

Als sie am anderen Vormittag in der Werkstätte auf dem Ruhebette lag und ihrem Vetter zusah, der aus ihrem Bilde die letzten Spuren der Maltechnik entfernte, »denn, wo man noch Technik sieht, da ist keine, und deshalb ist Segantini viel früher gestorben, als er verantworten konnte,« hatte er gesagt, da fing er mit einem Male zu sprechen an, konnte aber nie den Weg zu dem Punkte finden, den er in der Nacht vor sich gesehen hatte, auch kam bald Grete, Sweenechien an der Hand, und dann Luise, die irgend etwas aus dem Nebenraum holen wollte, und so wurde es Mittag. Hinterher gingen sie selbdritt aus, und abends kam Hennecke. Er sah sich erst die neuen Bilder an, fand den Mädchenakt auf der Haide herrlich, aber als sein Freund fragte, was er von den Saharabildern und von Wodes Zorn halte, tat er, als habe er es nicht gehört, und ebenso verhielt er sich, als Helmold ihm sagte: »Du, Hennig, es ist ganz ulkig: zu jedem Bilde habe ich jetzt ein Lied.« Bei Tische war Helmold sehr aufgeräumt, doch sah er, wenn er sprach, meist seinen Freund an. Grete fand aber bald heraus, daß er nicht bei der Sache war, und wenn Helmold mit Swaantje sprach, ließ Hennig einen kurzen Blick über das Paar fliegen, als suche er im Dunkeln den Weg.

In dieser Nacht schlief Swaantje fast gar nicht; sie mußte immer an den einen heimlichen Blick denken, den ihr Vetter ihr zugeworfen hatte, als sie mit Hennig und Grete in eifriger Unterhaltung war; er hatte geglaubt, sie sähe es nicht, und so hatte er sich nackt ausgezogen.

Als sie dann am nächsten Vormittag von Helmold in die Werkstatt gebeten wurde, mußte sie an sich halten, um sich nicht zu verraten, denn ihr Vetter sah ganz alt und krank aus. Er zeigte ihr mit erkünstelter Unbefangenheit einige Studien aus der Umgegend von Mecklenhusen, nötigte sie dann auf das Ruhebett, legte ihr die Schlummerrolle unter den Nacken, deckte sie warm zu und sagte: »Schlaf noch ein bißchen; du siehst müde aus, Kleine!« Sie schlief sofort ein, wachte aber bald wieder auf, und als sie unter den Wimpern nach ihm hinblickte, sah sie, daß er vornübergebeugt im Sessel saß und sie mit hoffnungsloser Zärtlichkeit anblickte.

Sie schlug die Augen voll auf; er lächelte sie an, redete erst von diesem und jenem, und dann klagte er ihr mit gleichgültig klingender Stimme seine Herzensnot. Sie antwortete, als Helmold endlich schloß: »Du tust mir sehr leid, Vetter, aber in diesem Punkte gibt es für mich keinen anderen Weg als den, den mir Religion und Sitte weisen; das wirst du selbst wissen.« Er nickte, und sein Gesicht sah ganz gleichmütig aus, auch klang seine Stimme alltäglich, als er leichthin sagte: »Natürlich weiß ich das; du bist Dame, bist höhere Tochter, verfügst also über einen mündelsicheren Fond von Konventionsmoral. Ich verstehe dich nicht nur vollkommen, ich schätze dein Verhalten auch in vollem Maße, denn: entsetzlich wäre mir der Gedanke, eine angeheiratete Kusine zu besitzen, die selbst dann, wenn es auf Tod und Leben geht, ihre Ladyleikigkeit vergäße. Aber länger halte ich es nicht aus, und das Beste ist, ich mache Schluß; für Grete und die Kinder ist einigermaßen gesorgt«. Swaantje sprang auf: »Auch das noch!« stöhnte sie und verließ müden Schrittes die Werkstatt.

Helmold warf ihr einen bösen Blick nach und knirschte mit den Zähnen; dann aber zog er den Vorhang von ihrem Bilde und sah es lange an. Danach langte er den Mädchenakt auf der Haide von der Wand, suchte einen Grabstichel und stach in die Ecke des Rahmens die Buchstaben hinein: H. s. l. Sw., ging in das Wohnhaus, überzeugte sich davon, daß Swaantje in der Küche war, trat schnell in ihr Schlafzimmer, legte das Bild auf den Spiegeltisch und trat wieder in die Werkstätte.

Als er zum Essen kam, bemerkte er einen harten Zug um den Mund seiner Frau, und daß Swaantjes Gesicht vor Kälte starrte. Er aß fast nichts und sprach kein Wort, antwortete kaum, wenn er angeredet wurde, und horchte noch nicht einmal auf das Geplauder der Kinder. Als Swaantje das Zimmer verlassen hatte, fragte er: »Gehen wir aus?« Seine Frau schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Zeit.« Er sah aus dem Fenster, sprach längere Zeit nichts, und dann warf er über die Schulter hin: »Na, dann will ich mit Swaantje nach dem Billerloh.« Seine Frau legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn bittend an: »Du, Helmold, sei nicht böse, aber du mußt das verstehen: Swaantje hat mich gebeten, sie nicht mit dir allein zu lassen; ihr ist das peinlich.« Er sah sie mit gleichgültigen Augen an: »So? schön; ich werde der Dame weitere Peinlichkeiten ersparen.« Damit ging er aus dem Zimmer und verließ gleich darauf das Haus.

Er kam nicht zum Vesper, er kam nicht zum Abendessen. Grete und Swaantje saßen bis zwei Uhr auf, aber er kam nicht. Es war fünf Uhr, da hörte Grete die Haustüre gehen. Sie horchte und vernahm, daß ihr Mann in die Werkstatt ging, und als sie an das Fenster trat, sah sie, daß er Licht gemacht hatte, und daß sein Schatten auf und ab ging.

Um acht Uhr morgens ging sie zu ihm, um ihn zu fragen, ob er nicht frühstücken wolle; aber die Türe war verschlossen. Er erschien auch zum Mittag nicht, obgleich Sweenechien, die zu ihm geschickt war, lange an der Tür rappelte und in einem fort bettelte: »Väterchen, essen kommen!« Zum Vesper aber kam er, aß jedoch fast nichts, tat so, als wäre nicht das Geringste vorgefallen, hatte aber flackrige Augen und ein welkes Gesicht. Er behandelte Swaantje höflich, doch wie einen Menschen, an dem ihm nicht ein bißchen gelegen war, und drehte seiner Frau mit liebenswürdiger Härte jedes Wort im Munde herum, bis sie aufstand und hinausging.

»Lieber Helmold,« bat Swaantje, »sei doch nicht so zu Grete!« Er sah kalt an ihr vorbei, ging in sein Zimmer, zog sich um, verließ das Haus und kam erst am anderen Morgen wieder, ganz fahl im Gesicht und mit breiten Schatten unter den Augen, setzte sich an den Tisch, aß wieder fast nichts und sprach kein Wort, bis seine Frau an zu weinen fing. Da stand er auf und ging in die Werkstatt.

Swaantje ging ihm nach. »Helmold,« bat sie und faßte seine Hand. Er sah sie kühl an und deutete auf einen Sessel; müde sank sie hinein. »Tut mir leid, Swaantje, daß du gekommen bist, sehr leid, deiner Nerven wegen. Aber schließlich: mir geht es ja nicht besser.« Er sah sie feindlich an: »Die arme Grete, nicht wahr? Und der böse Mann, nicht wahr? Die gute Frau hat ihrem lieben Mann die Augen geöffnet, und nun ist sie böse, daß er sehend geworden ist. Solche bodenlose Gemeinheit von dem Kerl! So ist nämlich die weibliche Logik. Erst heißt es: Mach, was du willst! dann: wir drei! und schreit dann so ein dämliches Männerherz vor Glück auf, dann tritt man mit dem Absatze darauf und ist noch peinlich,« er sprach das Wort gallenbitter aus, »peinlich berührt, quietscht es.«

Er sah das Mädchen spöttisch lächelnd an: »Fräulein Swaantje Swantenius ist es peinlich, mit ansehen zu müssen, wenn ein Mann sich zu ihren Füßen in Todeskrämpfen windet, denn sie hat die höhere Töchterschule besucht und ist in dem vornehmsten Pensionat der Residenz verbildet worden. Sie würde ja gern alles für ihn tun, nur das eine nicht, denn sie ist eben Dame. Und so läßt sie ihn sich totquälen, obgleich sie ihn liebt.«

Swaantje sah an ihm vorbei, als sie mit blasser Stimme antwortete: »Ich habe dir doch nichts gesagt!« Er zwang sie, ihn anzusehen und sagte in ruhiger Weise: »Danke, das genügt mir! Menschenskind,« fuhr er dann fort, und seine Stimme zitterte, »sollen wir denn alle dreie zugrunde gehen? Ich kann ohne dich nicht leben und du ohne mich auch nicht, und wärest du nicht so charakterlos charakterfest, so würdest du zu mir kommen und sagen: ›Da!‹ Denn, das mußt du wissen, erbetteln will ich mir nichts von dir, und überrumpeln will ich dich auch nicht, denn ich bin nicht in dich verliebt, ich liebe dich eben nur, und ich will, daß du dich mir aus vollem Herzen schenkst.«

»Swaantje,« bat er und trat auf sie zu, ihre Hand fassend, »sieh doch: du weißt, wer ich bin, daß ich meinem Volke etwas sein werde. Meinst du, es wäre so sehr schlecht, hülfest du mir dabei? Ich will ja nichts,« und dabei brach seine Stimme, und die Tränen kamen ihm in die Augen, »als ein ganz klein bißchen Hoffnung, weiter nichts. Und bedenke: Grete und ich sind geschieden; nur du kannst uns wieder verbinden. Ihr seid für mich eins: seid das Weib. Bist du nicht mein, kann ich Grete nicht mehr in Liebe ansehen. Glaube mir, ich handele nicht leichtsinnig; ginge es nicht auf Tod und Leben, ich hätte dich nicht in eine so schwierige Lage gebracht. Und du mußt daran denken, daß Grete alle, aber auch alle Schuld hat. Jetzt heißt es: ›Ja, ich konnte doch nicht denken, daß du das ernst nähmest!‹ Es ist schrecklich: da stößt einen die Frau mitten in das helle Feuer, und kriegt man Brandblasen, dann ist sie empört.«

Mit düsteren Augen sah er aus dem Fenster, in das die Morgensonne hineinlachte. »Ich schlafe nicht mehr, ich esse nicht mehr; ich kann bloß noch malen und rauchen. Ich werde noch nicht einmal mehr betrunken. Noch eine solche Woche, und in mir zerreißt etwas. Ich bin ein ganz armer alter, kalter, toter Mann geworden, der um ein Bröckchen Hoffnung bettelt, und die beiden Frauen, die da vorgeben, sie lieben mich, schlagen mir die Tür vor der Nase zu.« Er lachte trocken auf und sang den Endreim des sozialdemokratischen Liedes: »Denn ich bin Mitglied von dem Verein gegen Verarmung und Hausbettelei.«

Swaantje schüttelte sich. »Frierst du, liebe Kusine?« fragte er. »Da steht Kognak! Mir hilft er nicht mehr gegen die Gänsehautbildung auf dem Herzen. Vorige Nacht habe ich acht Kognaks, drei Grogs und unglaublich viel Sekt getrunken und bin doch nicht warm geworden, trotz der beiden zwar etwas leichten, aber bildhübschen und sehr lustigen Mädel, die rechts und links bei mir saßen und sich wie barmherzige Schwestern gegen mich benahmen. Die eine heulte sogar und sagte: ›Was fehlt Ihnen eigentlich? Ich möchte Ihnen so gern helfen!‹ Ja, eine Dame war das nicht, aber ein Weib, und darum tat ich ihr leid, und es war doch nicht viel mehr als ein Allermannsliebchen.«

Er rückte sich eine Staffelei zurecht und malte; barsch ging der breite Pinsel über die Leinwand. Dann lachte er: »Malen kann ich noch, sehr gut sogar; aber es langweilt mich. Hast du das Bild gefunden?« Swaantje nickte, sah aber nicht auf, als sie sagte: »Ja, und du wirst verstanden haben, warum ich dir nicht danken konnte.« Er lächelte freundlich und nickte: »Ja, so dumm ist er nicht. Hätte Fräulein Swantenius sich bedankt, so hätte sie Herrn Hagenrieder notwendigerweise in den Arm nehmen müssen, und das schickt sich doch nicht. Und so hat man sich den Dank erspart, an dem mir übrigens den Kuckuck etwas liegt.«