Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte

Part 8

Chapter 83,998 wordsPublic domain

Aus warmen Liedern, heißen Küssen und glühenden Farben waren die Entwürfe entstanden, die auf den drei großen Kartons an den Wänden zu sehen waren, und wenn Helmold, seine Frau im Arme, davor stand, dann schüttelte er den Kopf, lachte und sagte: »Jetzt weiß ich erst, daß ich etwas kann. Aber was kriege ich von dir dafür?« Dann nahm sie ihn in die Arme, reckte sich an ihm hinauf, zog seinen Kopf an ihren Mund und flüsterte ihm etwas zu, das kein dritter Mensch hören durfte, und es war doch weiter nichts als das Lied vom roten Mohn. Jeden Tag mußte sie es ihm in das Ohr summen, den einen Tag das eine, den anderen Tag das zweite, den dritten das dritte Stück, und als er in der Eisenbahn saß und dahin fuhr, wo aus den Entwürfen Werke werden sollten, sah er auf den kahlen Feldern lauter rote Mohnblumen vor sich, und als der Abend ihm die Landschaft vor den Augen fortnahm, blühten rote Mohnblüten in den Wolken auf, immer mehr, bis sie den ganzen Himmel erfüllten.

Jedweden Tag bekam Frau Grete eine Karte mit roten Mohnblüten, eine einzelne oder ein ganzes Feld voll darstellend; sie legte sie alle der Reihe nach in einen Kasten aus kornblumenblauem Samt, besah sie jeden Abend, zählte sie immer und immer wieder und sang sich selbst mit dem Liede in den Schlaf. Doch am Tage vor dem Julfeste kam keine Mohnblumenkarte, da kam der, der mohnblumenrote Küsse zu verschenken hatte, und ganze Fäuste voll brachte er davon mit, drei große Sträuße, für jeden Feiertag einen. Und daran sahen sich ihre Augen, die vom vielen Sticken und Nähen und Kochen und Backen ein wenig blaß geworden waren, wieder so blau, wie Kornblumen, und auch die Augen ihres Mannes, die zu viel Farbe hatten hergeben müssen in den letzten Wochen, färbten sich voller.

»Nun noch zwei oder drei Monate, Gretechien,« lachte er, »und dann singe ich wieder in meiner Werkstatt, denn ich habe noch manches Lied in den Augen, das du nicht gesehen hast. Ich bin froh, daß ich alle die drei Bilder auf einmal angelegt habe, und du solltest mich einmal bei der Arbeit sehen; ich sage dir, es ist die reine Kilometerfresserei! ›Sie müßten sich eigentlich Rollschuhe anschnallen,‹ sagte der Herzog neulich. Ich hatte nicht gewußt, daß er kam, und achtete gar nicht darauf, daß mehrere Leute eingetreten waren, denn ich war in voller Arbeitsbrunft. Ich hatte grade am rechten Seitenbilde gemalt, du weißt doch, das Kriegsbild, und da fiel mir etwas am linken Seitenbilde ein, und ich sauste das Hängegerüst entlang und malte an der anderen Seite und flötjete dabei, wie ein Scherenschleifer. Wie ich nachher hörte, hat der Adjutant mich darauf aufmerksam machen wollen, daß der hohe Herr da sei, aber der hatte abgewinkt und mir lachend zugesehen, bis ich nach dem Mittelbilde hinlief, denn mir fiel ein, daß noch ein bißchen Schatten mehr das Gesicht der jungen Frau heller machen würde. Na, und da sagte der Herzog denn das.«

Er lachte: »Du, ich glaube, der mag mich. Grade weil ich so demokrätzig-urwüchsig bin; die Pomadenmanieren hat er ja den ganzen Tag um sich. Ich habe Angst, daß ich mir den Professortitel zuziehe, und so was färbt auf das Talent ab. Ein Orden wäre mir lieber, dann würden die Leute doch sehen, daß ich ein ordentlicher Mensch bin.« Er lachte lustig. »Übrigens wird seine Hoheit mir sitzen. Ich hatte, als er das Triptychon besah, ihn schnell ein paar Mal auf den Hülfskarton skizziert, und das hatte man ihm gesteckt. Wenn ich nur wüßte, welches von seinen zwei Gesichtern ich nehmen soll, das Pflichtgesicht oder das Wunschgesicht, ob ich ihn als Landesvater oder als Heerführer male. Weißt du, der Mann tut mir leid! Bei dem Temperament, bei der Unmasse von Willen immer und ewig den kühlen Herrn von Stande markieren zu müssen, hol's der Kuckuck, da ist es kein Wunder, wenn der Charakter allmählich etwas viereckig wird. Wenn unsereins am falschen Platze ist, na, dann dudelt er sich einmal einen an und schimpft sich die Wut vom Balge; das kann er sich natürlich nicht leisten. Ich habe mich früher manchmal über das Hin und Her bei ihm geärgert, aber als Hennecke mich damals bei der Hofjagd einmogelte und ich den Mann eine Stunde lang auf drei Schritt sah, da wußte ich Bescheid. Natürlich, er ist ein Mensch und hat Fehler; aber er hat Leidenschaft im Leibe und ist imstande, sich zu begeistern, also kein Philister. Philistern verzeihe ich eine Ziellosigkeit nie; Karrengäule müssen ihren Trott gehen; Rennpferde dürfen einmal ausbrechen.«

Er sah seine Frau zärtlich an: »Wenn wir uns nicht gefunden hätten! Ich glaube, ich wäre vor die Hunde gegangen ohne dich. Ja, du hast erst etwas aus mir gemacht; mit einem Ruck kam ich von der Erde aus dem Naturalismus in den Realismus, und nun stehe ich mit beiden Hinterbeinen im Idealismus, komme über mich hinaus. Herrgott, soll das jetzt ein Leben werden! Hätte ich nur erst die Bilder fertig! Denn was ich alles noch im Leibe habe, das ahnst du gar nicht, und reden kann ich darüber auch nicht eher, als bis ich der Sache in das Gesicht sehen kann. Nur das eine will ich Dir verraten: ich male fortan nur Tendenz.« Seine Frau sah erstaunt auf, und er lachte: »Jawohl, Liebste, Tendenz, faustdicke Tendenz, so faustdick, daß sie mir keiner vorwerfen kann! Meine Tendenz ist: meinem Volke den Rücken mit Franzbranntwein einzureiben, es mit Freude und Grimm zu füttern und mit Wonne und Weh zu tränken, damit es so bleibt, wie es ist, sich nicht verplempert in fremder Art und nicht vergißt, daß es zwei Gesichter hat: ein gutmütiges und ein bösartiges; denn wir kriegen allmählich zu viel Gemütsembonpoint, seufzen, wird irgendwo ein Schweinehund geköpft, und stöhnen, wenn wir die Knarre zur Hand nehmen sollen.«

Er ballte die Hände, reckte die Fäuste und dehnte die Brust: »Einen Krieg, den möchte ich noch erleben, aber aktiv!« Seine Frau sah ihn entsetzt an, er aber lachte, drückte sie an sich und flüsterte: »Weißt du das Lied noch, das Lied von dem rotroten Mohn? Wir wollen es nicht vergessen; es ist das schönste Wiegenlied für große Kinder!«

Sie vergaßen es nicht; als Helmold wieder abgereist war, flogen die Mohnblumenkarten jeden Morgen in das Haus. Manchmal war nur eine kleine, schüchterne Blüte in eine Ecke gemalt, während der übrige Raum voller Schrift war; dann kam eine, über die sich die Blüten von einer Ecke in die andere zogen, oder eine andere, auf der sie einen Rand bildeten oder einen Fries. Wenn aber eine eintraf, auf der ein Kranz von den glühenden Blumen zu sehen war, dann seufzte Frau Grete auf und ging abends nicht so früh schlafen, und wenn sie es tat, dann trat sie vorher in das Schlafzimmer ihres Mannes und streichelte das Kopfkissen.

Aber als die Amsel schon übte und die Finken bereits stümperten, die Schneeglöckchen über den Buchsbaum sahen und der Haselbusch mit goldenem Staube um sich warf, kamen die Karten immer spärlicher, und fast nie war eine rote Blume darauf zu sehen, und wenn das doch so war, dann war sie mit Rotstift flüchtig hingestrichen, und Frau Grete wurde wieder ganz traurig.

Bis dann der Tag kam, an dem der Frühling sein erstes gelbes Extrablatt in den Garten flattern ließ, an dem der Fink sagte: »Jetzt kann ich es aber!« und die Amsel: »Und ich erst recht!« Da rollte ein Wagen vor das Haus, hielt mit einem Ruck, und Frau Grete stürzte die Treppe hinunter, denn Gift und Galle, die beiden Teckel, stießen den Ruf aus: »Herrchen ist da!« und jaulten und kläfften und winselten und kratzten die Ölfarbe von der Haustüre, und als die Frau die Türe aufriß, stand Helmold vor ihr, küßte sie, drückte sie, daß ihr schwach wurde, und rannte die Treppe hinauf, um Swaan und Sweenechien zu küssen. Dann lief er in die Werkstatt, atmete tief auf, ging in den Garten, liebelte die Hunde ab, sagte allen Blumen guten Tag und den Fischen in den Teichen auch. Dann wurde er allmählich vernünftig und ging in die Veranda, wo nach einiger Zeit seine Frau eintrat. Er drehte sie um und befahl: »So stehen bleiben!« und als sie sich umwenden durfte, sah sie, daß er einen Orden vor der Brust hatte.

»Ja, weißt du, ich hatte die Wahl: Professor oder ordentlicher Mensch! Na, da sagte ich: Exzellenz, so'n Professortitel, wenn man den alle Tage trägt, der sieht dann schließlich so aus, wie ein alter Gehrock; dann bitte ich lieber um etwas, das sich nicht so leicht abträgt, weil man es bloß an hohen Tagen anzieht. Hat der alte Herr gemeckert! wie eine Bekassine! Ja, und nun habe ich nicht nur einen Vogel im Kopf, sondern auch einen vor der Brust, aber einen, der sich sehen lassen kann.« Sweenechien wollte gern den Vogel sehen, den ihr Vater im Kopfe hatte; da sich das nicht gut bewerkstelligen ließ und um sie auf andere Gedanken zu bringen, wurde der Koffer ausgepackt, und nun gab es ein Gequieke und Gejubel in der Veranda, daß der Buchfink beschämt den Schnabel hielt und die Amsel geärgert fortflog. Aber was hatte der Vater nicht auch alles mitgebracht! Das war noch viel schöner, als zum Julfeste, denn da wußte man im voraus, daß man etwas bekam. Swaan wußte nicht, bei welchem Buche er zuerst anfangen sollte zu lesen, Sweenechien sah ratlos von der blonden zu der braunen Puppe, und die Luise und die Minna standen da und machten ganz dumme Gesichter wegen der schönen Sachen, die sie bekommen hatten, und vergaßen beinahe, sich zu bedanken. Als sie im Hausflure waren, fielen sie sich um die Hälse und küßten sich, und vor einer Stunde hatten sie sich noch gefährlich gezankt.

Frau Grete aber bekam ein Kästchen; als sie es aufmachte, jubelte sie hell auf, schlug die Hände zusammen und küßte ihren Mann auf beide Backen, denn in dem Schächtelchen lag ein Schmuck für ihren Hals, wie sie sich ihn in ihren waghalsigsten Träumen nicht gewünscht hatte. Aber als ihr Mann aus der Innentasche der Weste einen grünen Lederumschlag nahm und ihr gab und sie einen Tausendmarkschein nach dem andern hervorholte, wurde sie mit einem Male feuerrot und steckte das, was unter dem letzten Scheine lag, schnell wieder in den Umschlag; denn das war eine roggengrüne Karte, und darauf war ein Kranz aus roten Mohnblumen gemalt.

Helmold Hagenrieder fehlte es jetzt nie an einem Kranze aus Mohnblüten zu Häupten seiner Bettstatt, und so mangelte es ihm auch niemals an kühlendem Schlummer nach heißem Schaffen. Denn heiß waren seine Tage, heiß und lang. Schon in aller Frühe, wenn die Amsel zu singen begann, war er in seiner Werkstätte und malte. Bild um Bild entstand, nun ein lichtes, frohes, reines, ohne eine andere Absicht, als so wirken zu wollen, wie eine lächelnde Blume oder eine lachende Frucht, und dann andere, die zwei Gesichter hatten und eine doppelte Sprache redeten.

Seine beiden Saharabilder entstanden, die Söldner und die Sieger, die zum Tode ermatteten Fremdenlegionäre, im glühenden Sonnenschein durch den Sand watend, darstellend, und die erschossenen Kabylenhäuptlinge im grellen Mondenlicht. Dann wurde die Hinrichtung der Sachsen an der Halsbeeke bei Verden beendet und gleichzeitig Frigges Flammentod, und hinterher kam das bitterböse Bild von Wodes Zorn. Auf einer dunkelgrünen Melodie hatte Helmold den Stoff gepflückt, so verträumt, wie sie an einem weichen Sommerabend erklingt, wenn die Mädchen eingehakt über die Dorfstraße ziehen und so lange singen, bis es den Jungens unter dem Brusttuche brennt. Aus Lindenblüten und Blättergeflüster war sie gewebt, und das Lied, das ihm dabei kam, begann also: »Ach ich war den ganzen Tag allein, denn mein Schatz der konnt nicht bei mir sein.« Das Bild aber stellte eine lachende pfälzische Landschaft dar, grüne Rebengärten an roten Felsenhängen; doch im Mittelgrunde brannte ein Dorf und im Vordergrunde lagerten Soldaten Turennes. Der Rahmen war dunkeleisengrau; er wies unten einen kaum sichtbaren Fries von Menschenschädeln auf, rechts und links den krähenden gallischen Hahn und oben zwischen zwei wütend schreienden Raben Wode Wutblick; der Gott aber trug die Züge des Fürsten Bismarck.

Dazwischen entstand ein Bildnis nach dem anderen; denn seitdem Helmold den Herzog hatte malen dürfen, und in einer Auffassung, die allem Herkommen entgegen und dabei doch so schlicht und natürlich war, wollte alle Welt von ihm gemalt sein, und er konnte sich vor Aufträgen nicht retten, trotzdem oder weil er Preise nahm, daß Frau Grete oft sagte: »Du machst es ein bißchen zu grob.« Aber dann lachte er und sagte: »Bisher nahm ich Gesellenlöhne; jetzt lasse ich mir Meisterpreise zahlen. Das verlangt die Zunftehre«. Es kam ihm aber gar nicht darauf an, einen Menschen, den er gern hatte, oder dessen Kopf ihm gefiel, ohne Entgelt zu malen; wenn aber der Kunsthändler Schultze ihm sagte: »Machen Sie es ein bißchen billiger, verehrter Herr Hagenrieder, dann nehme ich die doppelte Anzahl Studien,« so hieß es: »Wenn Sie mir noch einmal ein solches Angebot machen, dann sehe ich mich nach einem anderen Verhältnisse um.«

Er hatte so viel zu tun, daß er wie ein spielendes Kind dahinlebte; er aß wie ein Drescher und schlief wie ein Dachs; wenn die Nacht auch manchmal nur drei oder vier Stunden für ihn hatte, weil es ihn in aller Frühe schon nicht mehr im Bette litt, er schlief so fest und traumlos, daß die drei Stunden mehr Frische bei ihm ansetzten, als sonst deren neun. Das Wetter, von dem er im Sommer vorher immer bis zur Unerträglichkeit abhängig gewesen war, kümmerte ihn gar kein bißchen; der Vollmond war schlecht auf ihn zu sprechen, denn er hatte ihn links liegen lassen und war kein einziges Mal mit ihm losgezogen, wenn der ihn abholen wollte. Er trank überhaupt nur dann etwas, wenn es gar nicht anders ging, und wenn er im vorigen Jahre ohne die Zigarre oder die Zigarette nicht zu denken war, so rauchte er jetzt nur nach den Hauptmahlzeiten, wenn er mit seiner Frau plauderte.

Die war jetzt viel bei ihm in der Werkstätte und freute sich über sein federndes Wesen und besonders darüber, daß er von Swaantje ganz selten sprach und dann nur wie von einer guten Freundin. Ganz langsam und vorsichtig versuchte sie, ihm den Gedanken an das Triptychonleben, den sie in ihm heraufbeschworen hatte, auszureden. Frau Gesina war krank gewesen, und Swaantje war deswegen nach Swaanhof gereist und hatte Grete eingeladen. Als Frau Hagenrieder wiederkam, brachte sie ihrem Mann einen schönen Gruß mit und sagte dann: »Wir haben sehr viel gelacht, denn Swaantje sagte: ›Daß ich simple Landpomeranze es noch einmal bis zur Romanheldin bringen würde, das hätte ich nicht gedacht.‹« Ihr Mann, der gerade die Zeitung las, hatte nicht mehr gezeichnet als ein Rehbock, an dem die Kugel vorbeiflötet, und hinterher hatte er ganz ruhig mit ihr über sein Verhältnis zu dem Mädchen gesprochen: »Sie war nötig für mich, liebe Grete,« sagte er, »und bleibt es auch wohl; doch nicht als Weib, glaube ich. Damals, als ich ganz zerknittert von Swaanhof zurückkam, meinte ich, es wäre anders; aber das war wohl nur ein Ausfluß meines gebrechlichen Zustandes. Von jeher wird mein Gefühl zu ihr auf einem anfangs unbewußten, dann klar sehenden Mitleid aufgewachsen sein, und wenn ich sie so recht von Herzen glücklich sähe, wird sie mir nicht mehr sein als Hennig, denn auf dessen Liebste bin ich ja auch nicht eifersüchtig, und ich liebe ihn doch sehr. Freilich, er ist ein Mann, und sie, scheinbar wenigstens, ein Weib, und so hält es schwer für mich, daß ich mich ihr gegenüber von allgemein männlichen Vorstellungen frei mache. Aber selbst, wenn ich ihr gegenüber Wünsche hätte, so dumm bin ich nicht, daß ich ihnen grüne Blätter vorwerfe; denn erstens liebt sie einen anderen, und zweitens ist keine Möglichkeit vorhanden, daß sie mein sein könnte. Aber ich würde mich freuen, sie bald wieder zu sehen; wir haben ja auch einen Wechsel auf Sicht von ihr. Und jetzt habe ich bald Zeit für lieben Hausbesuch; denn sonst gewöhne ich mir das Malen noch so an, daß es ein Laster wird, wie einst meine Rauchsucht. Außerdem muß ich zur Brunft nach Stillenliebe, denn sonst wird der Prinz öde. Und ich merke es doch, daß auch Arbeit, die man mit Freude tut, schließlich die roten Blutkörperchen auffrißt. Solange man im Trott bleibt, weiß man nichts davon; sobald es aber prr heißt, klappt man um.«

Das fand Grete auch, denn ab und zu sah sie in dem Benehmen ihres Mannes leichte Schatten, die die heranziehende Nervenüberspannung vorweg warf. Er arbeitete schon unregelmäßiger, schaffte den einen Tag sehr viel, tat dann drei Tage nichts, stand den einen Morgen um fünf Uhr, den folgenden Vormittag um elf Uhr auf, wurde hier und da ungeduldig, und klagte darüber, daß die Nachbarn ihm zu laut wären, während er sonst gesagt hatte: »Je mehr in den Nachbargärten gelacht und gesungen wird, um so lustiger werde ich.« Wenn Swaan, wie es seine Art war, bei jedem Geschenk, das ihm der Vater mitbrachte, fragte: »Was hat es gekostet?« so hatte dieser früher gelacht und gemeint: »Der wird wie sein Großvater und wird nicht erst kreuz und quer durch das Leben stolpern, ehe er sich zurechtfindet.« Jetzt zog er die Stirne kraus und fuhr auf: »Junge, was soll das heißen; vom Geld redet man in anständiger Gesellschaft nicht,« und zu Grete sagte er hinterher: »Der Junge rückt täglich mehr von mir ab.« Auch bei Sweenechien wollte er das finden; sie war ihm zu selbstbewußt: »Wird wohl später auch anfangen, den Vermännerungsschwindel mitzumachen,« brummte er; »früh streckt sich, was ein tauber Halm werden will.«

So war seine Frau recht froh, als Swaantje sich endlich anmeldete: »Ich muß Euch doch noch vorher wiedersehen, Ihr Lieben,« schrieb sie, »denn ich will mit Tjark und Ilsabe nach Italien. Ich freue mich kindisch.« Auch Helmold freute sich: »Das wird ihr gut tun; sie braucht Sonne und Luxus. Es wird ihr Spaß machen, einmal Geld zu vertun.« Er war so aufgeräumt, daß er kaum zusammenzuckte, als Grete ihm eines Morgens sagte: »Ich denke, es ist besser, Swaantje schläft nicht in dem großen Fremdenzimmer, sondern in dem kleinen, schon damit ich ihr beistehen kann, wenn sie ihre Schmerzen bekommt.« Nach dem Kaffee aber sagte Helmold, der mittags schlecht gegessen und dann geschlafen hatte, was ihm nie gut bekam: »Die Bemerkung von heute morgen hättest du im Munde behalten können, Grete; ich habe ihren Untersinn wohl verstanden. Wofür hältst du mich eigentlich? Glaubst du«, er machte eine zornige Handbewegung und warf seine Zigarre in den Garten, »ich bin ein Mann, der einem solchen Mädchen gegenüber sich von bequemer Gelegenheit bereden läßt?« Sie schüttelte unwillig den Kopf, er aber fuhr fort: »Überhaupt, deine Art und Weise, Swaantje in der letzten Zeit langsam bei mir abzubrechen, gefällt mir sehr wenig; ich bin doch nicht verliebt in sie, sondern ich liebe sie. Wie, das ist mir selber schleierhaft. Jedenfalls: tritt Verliebtheit in dem von dir befürchteten Sinne hinzu, ich würde nie etwas von ihr nehmen, was sie mir nicht mit beiden Händen schenken würde, noch nicht einmal einen Kuß.«

Er steckte sich eine neue Zigarre an, die dritte seit einer Stunde, und sagte: »Bedenke, was du mir damit angetan hast, und wer die ganze Schuld trägt; ich sicher nicht! Hättest du damals nicht die fahrlässige Redensart von dem Triptychonleben gemacht, so wäre ich wohl kaum darauf gekommen, daß mir das Mädchen mehr sein könnte als eine liebe Freundin. Jedenfalls versuche nicht, die Sache so hinzustellen, als wenn ich den Stein in das Wasser geschmissen hätte.«

Er sagte ihr, er wolle allein ausgehen. Das tat er denn auch, und er beruhigte sich durch einen strammen Marsch. Er dachte an die rosenroten Stunden, die er mit Grete verlebt hatte; er krempelte sich selber um und kam zu dem Ergebnisse, daß ihn zu Swaantje weiter nichts hinziehe als eine rein seelische Neigung, und er trat in Gretes Spur und fand, daß sie alles, was sie gesagt hatte, aus ihrem leichtherzigen Denken hatte herausspringen lassen. »Aber,« sagte er sich, »ob mir nun einer einen Stein mit oder ohne Absicht gegen den Kopf wirft, eine Beule gibt es auf jeden Fall.« Wenn er sich das Herz auch noch so blank zu reiben suchte, etwas blind blieb es doch, und so war er ganz froh, als er im Osterkruge den Vorsteher und den Hegemeister traf, und es war fast zwei Uhr, als er nach Hause kam. Er wachte um sechs auf, aber da er müde war, drehte er sich wieder um und schlief bis elf Uhr, und das war das Allerdümmste, was er tun konnte, denn immer machte ihm Nachschlaf Falten in die Stirne.

So war auch dieser Tag verloren. Die Farben wollten nicht laufen, die Pinsel waren bockig, die Leinewand sträubte sich; wütend lief er aus der Werkstatt und ging mit Grete aus. Aber an jedem Worte, das sie sagte, stieß er sich die Schienbeine wund. Einige fortgeworfene Wiesenblumen, die zertreten auf dem Wege lagen, entlockten ihr den Ausruf: »Wie schade!« Er lachte und zeigte auf eine Fichte, die der letzte Sturm umgestoßen hatte: »Wenn etwas Kleines kaput geht, das beseufzt ihr; an der Leiche eines Riesen geht ihr gleichgültig vorbei.« Die Sonne verabschiedete sich in aller Form. »Welch' ein schöner Sonnenuntergang!« rief Grete. »Ein Untergang kann nie schön sein,« spottete er. Es wurde dunkel im Walde; Grete nahm seinen Arm. »Du erlaubst doch?« bat sie. »Natürlich,« lachte er; »es ist ja eine Wonne, einmal zu fühlen, daß du auch nur ein schwacher Mensch bist. Aber so seid ihr; in der Dämmerung laßt ihr euch von uns führen, am hellen Mittag nehmt ihr uns an die Strippe.« Grete sprach nun kein Wort mehr, und stumm gingen sie nach Hause.

Er ging auch diesen Abend wieder aus, kam aber bald zurück und begab sich in die Werkstätte. Um zehn Uhr hörte seine Frau von der Veranda aus, daß er flötete und sang. Sie freute sich, denn nun wußte sie, daß er malte. Die Melodie war ihr unbekannt, und deshalb ging sie den moosigen Weg so weit entlang, bis sie die Worte verstand; die lauteten: »Und kann es nicht die Lilje sein, so pflück ich mir ein Röselein!« Ihr wurde traurig zumute, denn es schien ihr, als ob das Lied ihr mit der Faust drohe; ihr war zu Sinne, als läge sie im Halbschlafe in einer Wiese und im langen Grase kröche etwas auf sie zu, von dem sie nicht wußte, was es war, eine harmlose Natter oder die böse Adder. Darum war sie froh, als am anderen Morgen ihr Mann im Jagdanzuge vor ihrem Bette stand, sie auf die Stirne küßte und sagte: »Ich bleibe vielleicht drei oder vier Tage fort; ich muß mal hinaus; ich fahre nach Ueldringen.« Sie wunderte sich, daß er reiste, weil am folgenden Tage Swaantje kommen wollte; aber sie dachte: »Er will sich auf sich selber besinnen.«

Als sie nachher in die Werkstatt ging, um Staub zu wischen, sah sie einen Haufen Papierfetzen in der Ofenecke liegen. Sie hob einige auf und wurde erst rot und dann weiß; es waren die Reste von zwei Arbeiten, an denen er Jahre lang geschrieben hatte, allerlei Gedanken über das Verhältnis der Kunst zum Leben und die Ergebnisse seiner Studien über die Technik des Malens. Sie sammelte die Fetzchen auf, Tränen in den Augen, verschloß sie in einer Truhe in ihrem Schlafzimmer und ging müde an ihre Arbeit.

Dann kam Swaantje. Sie sah blaß und nervös aus, und als sie Grete ansah, fiel sie ihr um den Hals, küßte sie und fragte: »Aber, liebste Grete, wie siehst du aus? Was hat sich zugetragen?« Als sie hörte, daß Helmold zur Jagd gefahren war, drehte sie sich schnell nach Sweenechien um, die gerade in das Eßzimmer kam, nahm sie auf den Arm und küßte sie trotz deren Gestrampels ab, denn Kinder gingen nicht gern zu dem Mädchen, das von sich selber einmal gesagt hatte: »Kinder mögen mich nicht, und ich kann damit nichts anfangen.« Helmold hatte damals ganz ernst geäußert: »Bis du eigne hast; vernünftige Frauen machen sich aus anderer Leute Kindern nichts und sparen sich die Liebe für ihre eigenen auf. Grete ist es ebenso gegangen. Die Abknutscherei fremder Kinder ist eine Spezialität hysterischer Weiber!«