Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte

Part 7

Chapter 73,923 wordsPublic domain

»Nun Sie,« bat der Arzt und reichte Helmold die Laute; »aber erst die Gläser aus und eine neue Flasche; unsere Köpfe kühlen wir nachher im Mondenschnee!« Helmold griff einige Akkorde und sang dann zu einer verschüchterten Begleitung das heimliche Lied an den Abendstern. Die Augen der Mädchen wichen nicht von seinen Lippen, und der Arzt sah ihn mit besorgter Miene an. »Bitte noch eins,« bat Janna leise, und Manna flüsterte: »Ach ja!« Helmold sang das Lied von dem goldlockigen Jüngling, der auszog, Avalun, das schöne Land, ganz und gar von Zuckerkand, zu suchen, und der es erreichte, als er unter dem Notlaken lag. Unaufgefordert sang er das dritte Lied, das so zart war, wie perlgraue, mit Rosenrot gesäumte Abendwolken, und als er schloß: »Sag ja! dann ist das ferne, fremde Land so nah; dann singt der Vogel nimmermehr von Tod und Not, dann blühen alle Blumen rot, so rot, so rosenrot,« hatten beide Mädchen feuchte Augen, und auf der Stirne des Arztes lag eine Falte, die wie ein Hufeisen aussah.

Die Mädchen baten stumm um ein viertes Lied. Helmold stellte erst die Laute hin, nahm sie aber wieder auf, stürzte ein Glas Schampagner hinunter und begann leise, aber mit jubelnder Stimme: »Rose weiß, Rose rot, wie süß ist doch dein Mund, Rose rot, Rose weiß, dein denk ich alle Stund.« Die Augen der Mädchen erhellten sich; aber als die Laute einen wehen Ton gab, und es wie ein Weinen weiter klang: »alle Stund bei Tag und Nacht, daß dein Mund mir zugelacht, dein roter Mund,« da sahen sie ihn verängstigt an und atmeten beklommen. Jauchzend klang es wieder: »Ein Vogel sang im Lindenbaum, ein süßes Lied er sang, Rose weiß, Rose rot, das Herz im Leib mir sprang,« und abermals wimmerten die Saiten und wie ein Schluchzen war es in des Sängers Stimme: »sprang vor Freuden hin und her, als ob dein Lachen bei ihm wär, so süß es klang.«

Die Uhr ging hart durch die Seufzer der Mädchen. Helmolds Stimme lachte wieder: »Rose weiß, Rose rot« und dann zerklirrte sie, als er fortfuhr: »Was wird aus dir und mir?« und schneidend, wie Glassplitter wurde ihr Ton bei den Worten: »ich glaube gar, es fiel ein Schnee, dein Herz ist nicht bei mir,« und es war bis auf das Geräusch der Uhr totenstill in dem Gemache, als er endigte: »nicht bei mir, geht andern Gang, falsches Lied der Vogel sang von mir und dir.«

Die Zwillingsschwestern waren ganz blaß, Benjamin schenkte stumm den Rest ein, und der Maler sah mit einem bewußten Gefühle von Scham vor sich hin. Der Arzt ging zuerst hinaus, dann folgte Helmold. Im Hausflur drückten ihm die Schwestern die Hand, und eh' er es sich versah, nahm ihn von jeder Seite eine in den Arm und küßte ihn schnell auf den Mund, ohne daß sie sich vor dem Arzte scheuten. Der nickte ihnen freundlich zu.

Der Mond stand mitten über der schneeweißen Straße; taghell war zu beiden Seiten der Wald. Die Männer gingen schweigend nebeneinander her, trocken klangen ihre Schritte. Helmold war todmüde, aber vor dem Bette graute es ihn. »Von wem sind die Lieder?« fragte der Arzt. »Von mir,« antwortete der andere, und seine Stimme hörte sich staubig an. »Die Melodieen auch?« fragte Benjamin weiter. Der andere nickte, aber er war schon wieder anderswo, denn der Wald trat angstvoll vor der Haide zurück, so unheimlich sah sie im Mondenlichte aus. Helmold aber schien sie süßer Heimlichkeiten voll zu sein; er sah über dem schmalen, weißen Weg, der zwischen den schwarzen Wachholderbüschen den Hügel emporschlich, ein morgenrotfarbiges Kleid, das einen schlanken Leib umspielte, und in völliger Selbstvergessenheit summte er die Singweise des Rosenliedes vor sich hin. Plötzlich blieb er stehen und horchte in den Wind hinein, der in der Ferne sang; ein angstvolles, bitterliches, wehes Weinen war darin, und zum streicheln deutlich sah er vor sich ein weißes, tränenlos schluchzendes Gesicht und einen verwaisten Mund.

»Was ist Ihnen?« fragte sein Begleiter und schob ihm die Hand unter die Achsel. »Sie fiebern ja! Drückt Sie etwas? Mir können Sie getrost alles sagen.« Doch der Maler schüttelte den Kopf und lächelte gezwungen: »Halluzinationen, Übermüdung und Sekt, weiter nichts; ich habe oft dergleichen.« Aber er wurde wieder frischer, als der Arzt auf Swaantje zurückkam, ihm auseinandersetzte, daß das Mädchen in die Welt müsse, um sich einen Beruf zu suchen, Liebe und Leid zu finden, damit sie nicht am lebenslosen Leben verwelke. Und da Helmold straffer schritt, begann der andere das ganze Wesen des Mädchens zu schildern in den Farben der Bibel und mit einem Verständnis für ihre Eigenart, daß dem Maler das Herz schwoll.

Als sie vor dem Gutshause Abschied nahmen, sah Benjamin, daß Hagenrieders Gesicht wieder fieberfrei war. Er blickte ihm nach, als er mit leichtem Schritte über den Hof ging und so sicher, als wenn er nur Wasser getrunken hätte. »Auch nicht glücklich; einer wie der andere!« dachte der Arzt.

Als Helmold um das Haus bog, sah er nach dem Erker hin; dort war noch Licht. »Sie schläft nicht,« dachte er und machte sich Vorwürfe, daß er ihr die Lieder gegeben hatte. In seinem Zimmer fand er eine dringende Depesche. Er packte seinen Koffer und legte sich nieder, den Herodot in der Hand. Er wollte nicht einschlafen, er hatte Angst davor, aber die Augen fielen ihm über dem Buche zu.

Es war neun Uhr, als er erwachte; das Licht war bis auf den Halter heruntergebrannt. »Muß ich müde gewesen sein,« dachte er. Schnell badete er, und als er sich angezogen hatte, ging er in das gelbe Zimmer. Swaantje war nicht da; ihr Gedeck war unberührt; die anderen hatten schon gefrühstückt, denn ihre Plätze waren abgeräumt. Ohm Ollig kam herein; sein Gesicht sah noch zerknitterter aus als sonst. »Es hat Krach gegeben, deinetwegen. Die Bestie, die Bergedorfsche, hat ihr Lästermaul wieder aufgemacht, und sie«, er zeigte mit dem Kopfe nach dem Zimmer seiner Schwester, »muß das natürlich weiterquackeln. Swaantje hat wieder ihre Schmerzen. Benjamin war schon da; er verordnete Ruhe und acht Tage Bett. Jetzt schläft sie.«

Frau Gesina kam herein. »Du bist recht spät gekommen, lieber Helmold,« sagte sie süßlich. »Im Gegenteile,« antwortete er, »sehr früh sogar, denn es war erst halb vier Uhr morgens.« Er drehte sich absichtlich so um, daß er eine der schreiend bunten Erbvasen herunterwarf. »Ach meine Lieblingsvase,« rief Frau Gesina und hob ächzend die Scherben auf: »die ist nun in Stücken!« Helmold lachte frech: »Wenn hier weiter nichts in Stücke geht, kannst du Gott danken! Hör' zu: ich muß mit dem Mittagszuge reisen; aber so viel Zeit habe ich noch, daß ich dir einmal die Wahrheit sagen muß. Setz dich bitte!« Er sprach das so, daß sie in den Sessel knickte und ihn hülflos ansah: »Also: ich reise. Ob ich je wiederkomme, weiß ich nicht; es ist mir zu mulsterig hier. Bitte, ich rede jetzt. Paßt dir das nicht, Muhme, da ist die Tür; ich bin nicht dein Gast, sondern Swaantjes, das bitte ich dich zu bedenken. Laß das, an deine Herzkrämpfe glaube ich nicht. Du solltest nicht so viel Kartoffeln essen, und nicht so viel Kuchen, und deinen Kaffee zu Hause trinken statt bei der verfluchten Klapperschlange vom Duttenhofe, die bei Gott verderben möge!«

Die Tante fuhr auf: »Ich bitte dich, Helmold, lästere nicht!« Er warf den Kopf zurück: »Das war ein christliches Gebet und keine Lästerung. So, und nun kommt die Hauptsache: sobald Swaantje wieder in der Reihe ist, geht sie auf zwei Jahre aus dieser Mottenkiste heraus, verstehst du mich? Oder dreie! Wohin ist mir Wurst, jedenfalls bleibt sie nicht hier, sonst komme ich hierher, und dann sollst du mich einmal richtig kennen lernen. Du meinst, ich hätte hier nichts zu sagen? Stimmt, und darum nehme ich mir die Freiheit. Swaantje geht erst nach Berlin, dann nach Wiesbaden, dann nach München, dann wohin sie will, meinetwegen nach dem Vetter in Rußland, vorausgesetzt daß die Esel von Letten sich bis dahin die Bombenschmeißerei etwas abgewöhnt haben. Drei Wochen habe ich deine pomadigen Reden und margarinenen Seufzer nun ausgehalten, um das Mädchen aufzumuntern; dir hat es gefallen, mit einem Wort meine ganze Kur umzuknicken. Ist sie denn eine solche Sorte wie die Bergedorfer Blagen, die man nicht fünf Bierminuten mit einem Manne allein im Zimmer lassen darf? Hat sie ihr Geld dazu, daß sie hier versauert? Ihren Kopf, damit du sie so dämlich machst, wie das hier guter Ton ist? Siehst du denn nicht, wie du sie mit deiner Tanterei kaput machst? Ohm Ollig, frage den, der ist ganz meiner Meinung; nur mag er nicht den Mund auftun, weil du ihm dann acht Tage lang Hammelbraten vorsetzest.«

Der Ohm rutschte ganz tief in seine Vatermörder hinein, plinkte Helmold aber heimlich zu. Der ballerte weiter: »Glaubst du vielleicht, es ist eine Erquickung für sie, wenn sie den ganzen Tag in einem Ende gefragt wird. ›Swaantien, hast du dies gemacht? Swaantien, wie steht es damit? Swaantien, du hast doch nicht vergessen?‹ Als ich vor drei Jahren hier war, hing mir dies Gefrage schon armlang zum Halse heraus, und deswegen bin ich so lange nicht hier gewesen. Da hieß es: ›Swaantje ist krank, nervenkrank!‹ Weißt du, was ich da zu Grete sagte? ›Kein Wunder bei dem Zusammenleben mit der alten Schrammschraube!‹ Jawohl, das habe ich gesagt, und hätte Grete damals nicht die Kleine an der Brust gehabt, sie wäre gekommen und hätte hier einmal gründlich ausgelüftet. Na, und dann durfte Swaantien«, er sprach es mit schmalziger Betonung, »ja endlich kommen. Swaantien kam, aber Swaantje nicht. Aus dem sonnigen, heiteren Mädel hattest du einen hysterischen, neurasthenischen Schatten gemacht. Das Herz im Leibe tat uns weh, als sie ankam. Na, wir fütterten und ulkten sie gesund, ließen sie treiben, was sie wollte, und machten glücklich wieder Swaantje aus ihr. Nach einem halben Jahre komme ich hierher, und wen finde ich? Swaantien«, er sprach es wieder so niederträchtig wie möglich, »Swaantien mit dem Bindfaden am Bein, an dem die gute, die liebe, die mütterliche Tante Gese den ganzen Tag herumzockt.«

Giftig funkelten seine Augen sie an. »Ja, weine nur, es wird dir ja leicht, bist ja am Wasser geboren, wenn auch an einem ziemlich trüben. Ich glaube dir gern, daß es keine Sauriertränen sind, sondern daß sie dir ehrlich abgehen. Sieh mal, Muhme,« seine Stimme wurde weicher, »eines schickt sich nicht für alle. Du weißt, ich bin ein abgesagter Feind des ganzen Weiberbewegungsschwindels, dem Steckenpferdchen von Grete. Deswegen sperrt man doch aber ein Mädchen, das nach Weiterbildung und nach Kunst hungert, und nach der Welt und ihren Menschen, nicht zeitlebens ein, bis sie eingeht. Denn das tut sie; Benjamin, mit dem ich die halbe Nacht durchgesumpft habe, ist ganz meiner Meinung, vielmehr, er fing zuerst davon an, und daß ich dir das alles jetzt sage, daran ist er schuld.«

Er klingelte, und als der Diener kam, befahl er: »Ich fahre mit dem Mittagszuge; der Koffer ist fertig.« Dann sah er den Frühstückstisch, goß sich Tee ein, und während er auf und ab ging, würgte er ein trockenes Brötchen hinunter. Frau Gesina strich ihm eins und legte ihm mit ihrem demütigsten Lächeln Fleisch und Eier vor, und ohne zu wissen, was er tat, aß er. Dann riß er aus seinem Skizzenblocke zwei Blätter heraus, schrieb zwei Depeschen und schickte den Diener damit fort. Er sah ganz blaß aus, hatte blaue Schatten unter den Augen, einen engen Mund, und seine Hände zitterten.

Die alte Frau goß ihm ein Glas Portwein ein; er drückte ihr die Hand und küßte sie auf die Backe. Sie fing von neuem zu weinen an. Er klopfte sie auf die Schulter: »Weiß ja, liebes Muhmchen, meinst es nicht so; bist ja von Herzen gut. Und ich glaube, du siehst auch ein, daß ich recht habe.« Sie nickte unterwürfig. »Na, und so lasse sofort die Näherinnen kommen und Swaantjes Kleider in Stand setzen, und melde sie bei Ohm Otte an. Von Berlin kann sie dann erst zu uns kommen; Grete wird viel allein sein, denn ich habe den großen Auftrag zu erledigen und lebe dann ganz in der Werkstätte.« Er sah nach der Uhr: »Sieh bitte zu, ob ich Swaantje sprechen kann; ich will ihr Lebewohl sagen.« Die Tante ging hinaus und kam nach einer Weile wieder. »Sie ist aufgewacht und möchte ein wenig gekochtes Obst essen und freut sich, dich zu sehen. Du mußt aber vorsichtig sein mit ihr; die Schmerzen können bei jeder Aufregung wiederkommen.«

Er lächelte: »Bedenke das bitte, so oft du Swaantien zu ihr sagst. Gib mir das Obst, ich bringe es ihr. Und nun: Lebt wohl! Dank für alles Gute, und seid nicht böse auf mich; einmal mußte die Sache besprochen werden. Ich hätte es ja anders sagen müssen, aber ich bin, wie ich bin. Adjüs, Ohm Ollig, adjüs, Muhme Gese! Und nicht wahr, ich verlasse mich auf dich? Großes Bierwort darauf? Und verschone mir das Mädchen mit allen Butternöten und Legehennensorgen und Negerkinderbekleidungsmanufaktur; laß sie machen, was sie will. Sie redet dir in dein Ministerium des Innern ja auch nicht hinein. Also: Gehabet euch wohl, und grüßt mir den Doktor; das ist ein Prachtkerl.«

Er ließ die beiden stehen und ging mit dem Tragbrette in der Hand aus dem Zimmer. Auf der Treppe traf er die Zofe. »Melden Sie mich bitte, Fride,« sagte er. Das Mädchen lächelte ihn an: »Das gnädige Fräulein warten schon.« Sie stockte einen Augenblick, dann griff sie nach seiner Hand, drückte sie und stammelte: »Herr Hagenrieder, ich war nebenan; ich horche sonst nie, aber die Hand könnte ich Ihnen küssen! Sie sollen sehen, sobald Fräulein Swaantje draußen ist, wird sie wieder gesund. Gott,« sie klappte die Hände ineinander, »und ich komme dann mit!« Helmold klopfte ihr die Backe: »Das ist Ihnen wohl die Hauptsache? Na na, ich mache bloß Spaß. Aber, Fride, geht hier oder sonstwo etwas verquer, Eilbrief oder Telegramm! ich komme dann sofort. Hier, das ist für etwaige Auslagen. Und bringen Sie mir Ihre Herrin gesund wieder, dann gibt es einen blauen Lappen für die Aussteuer.« Er nickte ihr zu und ging die Treppe hinauf.

Leise öffnete er die Türe zu Swaantjes Wohnstube. Der Vorhang des Erkerzimmers war zurückgezogen; das Mädchen lag halb sitzend im Bette. Als er eintrat, nahm sie schnell die Hand von der Schläfe. »Maria mit den sieben Schwertern« dachte er, und er mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht aufzuschreien. Ihr Gesicht sah nicht so blaß aus, wie er gefürchtet hatte, nur ihre Augenlider waren gerötet. Aber ein Leuchten lag in ihrem Blicke, wie er es noch nie bei ihr gesehen hatte, und eine Süßigkeit war in ihrem Lächeln und eine Hingebung, daß der Teller auf dem silbernen Tragbrette in seinen Händen an zu klirren fing. Doch er jagte seine Sehnsucht in die Ecke, stellte das Tragbrett auf den Nachttisch, setzte sich vor das Bett, gab seiner Base die Hand und sagte: »Arme kleine Swaantje, und daran bin ich nun schuld!« Sie lächelte lieblich und nickte: »Ja, aber ich danke dir doch sehr; du hast mich unsagbar erfreut.« Sie gab ihm die Hand und flüsterte zärtlich: »Lieber Helmold!« Er lächelte freundlich, aber das ganze Zimmer drehte sich um ihn. »Einen Kuß, einen einzigen Kuß!« dachte er.

»Komm,« sagte er, legte ihr das Händetüchlein hin und nahm den Teller und den Löffel; »jetzt muß die kleine Swaantje erst ein bißchen essen; und wenn sie sich nicht beschlabbert, und wenn sie erst wieder gesund ist, darf sie zu Ohm Otte, und dann kommt sie zu Hagenrieders, und dann geht sie nach Wiesbaden, und nach München, und im Sommer geht sie mit uns an die See, und nachher in den Harz.« Sie lächelte, und die Augen wurden ihr feucht. Wie ein Kind ließ sie sich eine Pfirsichspelte nach der anderen zwischen die Lippen schieben.

Helmold wunderte sich, daß ihm die Hände nicht zitterten. Auf die Knie hätte er fallen, ihre Hände mit Küssen bedecken, ihr den Schmerz abbitten mögen, den er ihr zugefügt hatte, und während er das dachte, stand der gepanzerte Ritter wieder hinter ihm, stieß ihn leise an und flüsterte: »Küsse sie doch, Mensch, küsse sie; sie wird dich wiederküssen. Mein Wort darauf!« Aber er küßte sie nicht, und keiner seiner Blicke sprach von mehr als von Brüderlichkeit.

Er strich ihr leise die schmerzende Schläfe; sie sah ihn dankbar an und sagte: »Das hat mir mehr geholfen als alle Pulver. Aber du mußt gehen, es wird sonst zu spät für dich, lieber Helmold!« Er stand auf und sah sich im Zimmer um; er selbst hatte die Einrichtung entworfen. Er sah das Mädchen an, ihre Hände, die aus den Spitzen hervorsahen, und ihr Gesicht, das eng von der Halskrause umschlossen wurde. Ihr Haar lag halbgelöst um ihre Schläfen; es hatte einen fettigen Schimmer. Langsam hob ihre Brust das weiße Nachtgewand.

»Lebe wohl, liebe Swaantje,« sagte er; bröcklich klang seine Stimme; »werde gesund und komme bald!« Er bückte sich nieder und küßte ihre beiden Hände, und da fühlte er, daß ihre Lippen seine Stirn streiften, und es schwindelte ihn, als er sich aufrichtete. Aber schnell nickte er ihr zu und verließ das Zimmer.

Er wußte nicht, wie er zum Bahnhof gekommen war. Er nahm eine Karte erster Klasse; er wollte möglichst allein sein. Als ihm der Diener den Gepäckschein zurückgab, starrte er so dumm darauf hin, daß der Mann lächelte.

Er hatte noch zehn Minuten Zeit; der Zug hatte Verspätung. »Zehn Minuten zu früh von ihr gegangen; sechshundert Sekunden fortgeworfen!« dachte er. Da ruschelte ein seidenes Kleid hinter ihm. Er trat zur Seite und sah Frau Bergedorf vor sich stehen. Sie erwiderte holdselig seinen Gruß und fragte ihn: »Schon fort? Ich dachte, Sie wollten noch eine Woche bleiben?« Er zuckte die Achseln: »Es ging nicht anders; ich habe in einem großen Ausschreiben gesiegt und muß nun mit den Auftraggebern verhandeln.« Die Frau wiegte den Kopf: »Das wird Ihre Kusine aber sehr bedauern; Sie beide sind doch ein Herz und eine Seele!« Er lächelte verbindlich: »Natürlich, soweit das bei dem großen Altersunterschiede möglich ist. Erwarten gnädige Frau jemanden?« Sie nickte: »Meine Olga.«

Sie gingen den Bahnsteig entlang, bis dahin, wo sie allein waren. Helmold machte sein liebenswürdigstes Gesicht: »Meine Base ist leider recht krank; sie hat sich über das Geschwätz zu sehr aufgeregt, das ein Weibsbild aus der hiesigen Gesellschaft über sie aufgebracht hat. So etwas ist doch gemein, gnädige Frau, nicht wahr? Besonders wenn es von einer Person ausgeht, die als verlobte Braut abends verschleiert einen Leutnant so lange besuchte, bis es zum Skandal kam, und die Töchter hat, die es ähnlich treiben. Wenn ich nur den Namen wüßte, die könnte sich gratulieren. Vielleicht erfahren gnädigste Frau etwas darüber und haben die große Güte, es mich wissen zu lassen. Hier meine Adresse!« Er zog eine Karte heraus und gab sie ihr.

Der Zug lief ein. »Empfehle mich ganz gehorsamst, meine Gnädigste,« sagte Helmold mit dem Hute in der Hand und küßte seinen Daumen über ihren Handschuh; »und ich bitte um gütige Empfehlung zu Hause.« Er verbeugte sich und ging auf den Zug zu. Vom Fenster aus grüßte er noch einmal; Frau Bergedorf dankte gütig.

In dem Abteil saß ein Rittmeister von den Münsterschen Panzerreitern; er sah flüchtig auf und las weiter in seinem Buche. Helmold blieb am Fenster stehen, bis Swaanhof vor ihm auftauchte, und als es verschwand, setzte er sich und wartete, bis die Mecklenhusener Haide immer näher kam. Er sah den Weg, den er mit Swaantje gekommen war; das Tödeloh, wo der Tod ihn angebettelt hatte, flog schnell vorüber und langsamer der Wahrbaum.

Er stützte den Kopf in beide Hände. Er dachte daran, daß er doch wenigstens ein Taschentuch oder einen Handschuh von ihr als Erquickung hätte mitnehmen sollen, oder ihr Bild. Nun hatte er nichts von ihr, als den verblühten Kuß auf seiner Stirn, den zerwehten Klang ihrer Stimme in seiner Seele, und ihr blasses Bild in seiner Erinnerung. Er liebkoste es mit den Augen, küßte es auf die Hände, aber jedes Mal, wenn er die Lippen küssen wollte, verschwand es, und er sah nichts als das rote Polster vor sich und den langen Offizier.

Dann sah er sich tot und kalt unter der Schirmfichte liegen; drei Männer kamen und begruben ihn hinter dem Walle im Tödeloh. Jede Nacht stieg seine Seele aus dem Grabe und ging in das graue Steinhaus, wo sie die Schatten anderer Männer traf, die vor vielen tausend Jahren dort ihre Leiber vergessen hatten. Sie prahlten von Krieg und Sieg, schimpften darüber, daß kein Mensch mehr an sie denke und ihnen Wildpret und Honigbier hinstelle, und sie machten sich über ihn lustig, weil er ein jedes Mal jedweden von ihnen fragte, ob nicht ein Kranz oder ein paar Blumen für ihn abgegeben wären.

Es war aber niemals etwas da und weinend stieg er wieder in sein Grab.

Der Mohnblumenkranz

Am Abend aber lachte er sie alle miteinander aus, die Geister der sächsischen Männer, denn es waren auf einmal viele Blumen da, und die sahen ihn so herzlich an, daß seine Seele ihren Leib wiederfand und singend aus dem grauen Grabe zum grünen Leben hinaufstieg.

Es waren jedoch keine weißen Blumen, die vor seinem Grabe lagen, rote Mohnblumen waren es, und nicht Swaantje hatte sie dort niedergelegt, sondern Grete, seine kluge, gute und starke Frau hatte sie zum Kranze gewunden und zu Häupten seines Bettes aufgehängt; sie flüsterten ihm mit ihren leichtsinnigen roten Lippen so leise Schlummerlieder zu, daß er die ganze Nacht verschlief und den nächsten Tag, und nachdem er einen Bissen gegessen und einen Schluck getrunken hatte, schlief er abermals ein, denn ein frischer Kranz hing über seinem Bette, und den löste ein dritter ab, und so schlief Helmold Hagenrieder drei Tage und drei Nächte, und dann stand er in der Frühe auf und ging in seine Werkstatt, ging frisch und fröhlich an seine große Arbeit und pfiff ein Lied dabei.

Es hatte eine seltsame, lustige Weise, das neue Lied; leichtsinnig war sie und doch so tief, froh, und doch so schwül, und die roten Mohnblüten hatten es ihn gelehrt. Helmolds Augen strahlten, blickte er seine Frau an; und er küßte sie, wie seit langem nicht, seine liebe, gute Grete, die sich seiner Not erbarmt hatte, als er krank und elend und zerbrochen von Swaanhof kam und ihr sein bitterliches Leid geklagt hatte. Sie hatte ihm das Haar gestreichelt und die Stirne geküßt wie eine Mutter, und ihm zugeflüstert: »Ja, ja, mein armer Junge; sie soll kommen; ich selber will sie rufen.«

Deshalb konnte er mit einem Male wieder lachen und flöten und singen; darum aß er, wie lange nicht, und schlief fest und lange wie ein Kind, und küßte seine Frau, wo er sie zu fassen bekam, und sang ihr jede Nacht das Lied von dem roten Mohn in die Ohren; und wenn dann am anderen Morgen Frau Grete ihre Zöpfe flocht, dann lachte sie ihr Spiegelbild an und dachte: »Wie eine junge Frau seh' ich aus; wie eine ganzganz junge Frau!«

Zum roten Mohn gehören blaue Kornblumen, und da Helmolds und Gretes Backen von Tag zu Tag mehr den roten Blumen ähnlich wurden, so sahen ihre Augen von Nacht zu Nacht blauer aus, denn die volle Sonne lag auf ihnen; rund herum war das Feld so gelb wie Gold und versprach eine Ernte, wie sie lange nicht gewesen war, reif und schwer. Kein Landregen schlug sie zu Boden, kein Sturm zerzauste sie, kein Schloßenfall knickte sie ab; jeden Tag hingen die Ähren tiefer, und wenn der Wind über sie ging, dann rauschten sie leise, rauschten ein heimliches Lied, bis Helmold es vernahm und es erst leise und dann immer lauter pfiff, und was er flötete, das malte er auf einen neuen Karton, erst in leisen Strichen, dann in halblauten Linien, und schließlich in hellklingenden Farben.