Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte
Part 6
»H' ach!« fing er dann an; »die möchte ich noch einmal tanzen. Das ist ein Tanz, der nach roten Küssen und nach roten Messerklingen riecht! Tanzen ist: trampeln, daß die Diele donnert, und die Mädchen hin- und herschmeißen, bis sie windelweich sind, aber nicht diese betutige Dreherei, wie sie jetzt in Mitteleuropa im Schwange ist. Überhaupt: Ballschleppe und Tanzen! Das ist schon mehr Fesselballonbetrieb. Etwas angetrunken muß man auch sein, und die, mit der man tanzt, muß hinterher zu allem Ja sagen; sonst ist das einfach zuchtlos. In der Ukranja habe ich mit einer getanzt, Marja hieß sie und war ganz hellblond; aber sie hatte den Satan im Leibe!«
So prahlte er und erzählte Kasakenschwänke und Witze, die er in der Herzegowina gehört hatte, und Schnäcke im Hamburger Ewerführerplatt und Schnurren in pfälzischer und ostpreußischer, schlesischer und bayerischer, münsterscher und berliner Mundart, eine immer toller als die andere, so daß Swaantje mehr als einmal hell auflachen mußte. Er blieb auch den ganzen Abend lustig und versöhnte Tante Gesina gänzlich wieder, denn er machte gar keine kecken Witze, sondern blieb völlig in der guten Weise des Marktfleckens.
Um elf Uhr ging er zu Bett und las bis zwölf Uhr im Herodot. Dann blies er das Licht aus und sah gegen die Decke, die taghell vom Mondlichte war. Um ihn summte ein neues Lied, erst leise dann laut, bis seine Lippen die Weise nachsummten: »Am Himmel steht ein goldener Stern dahinten über dem Walde«. Und ein neues Bild reimte sich darauf; ganz kühl zog er es in den Vordergrund seines Bewußtseins: gelben Sand, weißglühende Sonne, ein Trupp französischer Fremdenlegionäre, alle blondbärtig und blauäugig, halb verrückt vor Durst durch den Sand stolpernd; neben ihnen, zu Pferde, ihre Zigaretten rauchend, die schwarzbärtigen Offiziere, darüber ein Aasgeier.
Plötzlich warf er sich auf das Gesicht, biß in das Kopfkissen, weinte, daß es ihn schüttelte und flüsterte: »Swaantje, meine geliebte, süße Swaantje!« Eine halbe Stunde lag er so da. Dann stand er auf, wusch sich das Gesicht, trank die Wasserflasche fast leer, sah in den Park, holte sich seine Zigarettendose und wollte sich damit vor das Fenster setzen. Aber als er an dem Spiegel vorbeikam, prallte er zurück: der Ritter stand da. Seine Rüstung blitzte weiß, das Visier hatte er heruntergeklappt; er sah an ihm vorbei, wie an einem wortbrüchigen Hallunken, und wies mit dem Finger nach dem Seelenhause im Tödeloh.
Helmold stellte die silberne Dose hin und legte sich nieder. »Elende Hyperästhesie!« dachte er, als ihm die Augenlider zufielen.
Das Seelenhaus
Das gelbe Zimmer war voll von der Vormittagssonne, als Helmold eintrat; zwei Sonnenblumen, die in einem blauen Zierkruge standen, starrten ihn mit toten Augen an.
Swaantje kam herein; sie sah frisch und gehoben aus, erschrak aber sichtlich, als sie ihren Vetter ansah, und als der in den Spiegel blickte, erkannte er sich kaum wieder: er sah nicht angegriffen aus, aber seine Augen waren welk und seine Lippen abgeblüht.
Er las die Briefe, die auf seinem Platze lagen, und reichte einen nach dem anderen dem Mädchen. Das nickte ihm bei dem ersten fröhlich zu, jubelte bei dem zweiten auf und klatschte bei dem dritten in die Hände. »Wie freue ich mich, wie freue ich mich! Drei große Bilder so gut verkauft, Aufträge über Aufträge, und nun noch erster Sieger in einem internationalen Ausschreiben!« Ihre Stimme fiel herab, als sie ihn ansah: »Aber freust du dich denn gar nicht ein bißchen, lieber Helmold?« Er nötigte sich ein Lächeln ab und sagte gleichgültig: »Natürlich; Berühmtheit ist bar Geld.« Sie sah ihn enttäuscht an. »Lieber Helmold,« begann sie nach einer Weile schüchtern, »sei nicht böse; heute kann ich dich nicht begleiten. Lies bitte!« Er nahm den Brief und seufzte: »Was fange ich nun ohne dich an? Aber den Vormittag, Swaantje, nicht wahr, den bekomme ich doch? Viel ist es ja nicht mehr.«
Sie gingen nach dem Ausgang des Parkes. Da stand unter zwei ungeheueren Silberpappeln eine graue Steinbank; dort ließen sie sich nieder und sahen über die Wiesen, von denen der Maikrautduft des Grummets herkam. Beide waren still; Helmold war todmüde; es war schon hellichter Tag gewesen, als seine Augen das Sehen vergaßen, und Swaantje war betrübt, denn unter seinen Brauen her flogen nur kalte Blitze über das lachende Land, und wenn er sprach, so hörte es sich an wie Herbstlaubgeraschel im Winde. Er sah dahin, wo unter einem breiten Weißdornbusche die Hütebude lag; mit ihren beiden kleinen Türen und ihrer stumpfen grauen Farbe sah sie aus, wie das Seelenhaus in Tödeloh.
»In den Büchern steht, in den großen Steinkammern hätten unsere Urahnen ihre Häuptlinge begraben,« fing Swaantje an; »glaubst du das?« Er nickte: »Ja, das schon, aber diese Hünenbetten sind auch Seelenhäuser gewesen, denn sie sind genau in der Art der Wohnhäuser erbaut. Alle Jahre am Todestage ihrer Lieben legten unsere Urahnen dort Wildpret hin und gossen Honigbier in die Schalen und zündeten ein Feuer darin an, damit die Seelen sich erquicken und wärmen könnten, kehrten sie einmal wieder zurück. Auch Blumen werden sie dort wohl niedergelegt haben.« Er sah mit verlorenen Blicken nach der Hütebude, und sonderbar klang es, als er fortfuhr: »Swaantje, wirst du mir auch Blumen bringen, damit ich mich darüber freuen kann, wenn ich einmal wiederkomme?«
Das Mädchen sah ihn erschrocken an und faßte seine Hand: »Lieber Helmold, wie kannst du mich so ängstigen! Das war nicht hübsch von dir. Du bist überreizt, überarbeitet, nervös; du solltest einmal in ein richtiges Pussiersanatorium gehen, wie damals, als du so herunter warest.« Er sah sie spöttisch an: »Meinst du, daß mir heute noch ein Flirt hilft? Das glaubst du doch selber nicht.« Das Mädchen sah einem weißen Falter nach, der an ihr vorüber in die Wiese flog, die Weidenröschen am Grabenrand umflatterte und ziellos weitertaumelte. Dann sah sie die Hand ihres Vetters an, die auf seinem Knie lag; gestern war sie noch männlich und straff gewesen, nun sah sie weiberhaft aus und ermüdet. Verstohlen besah sie ihre eigene Hand; beide Hände waren sich jetzt ähnlich; früher waren es Gegensätze gewesen. Die braune, derbhäutige, großporige, haarige, in breiten, harten Nägeln endende Hand des Mannes erinnerte sie an den Vorsteher Groenhagen, hinter dessen derben Zügen, unter dessen harten Augen so sehr viel unausgesprochener Kummer lebte.
»Ja, Swaantje, das ist nun so!« lachte Helmold und wies nach einem hohen Riesenampferbusche, der mit seinen feuerroten Blättern unbändig prahlte; »der rote Hinnerk da, so nennen die Bauern das Kraut, jeder freut sich darüber, wie er so knietschrot dasteht; aber er ist welk, ist tot. Ein Meister der Farbe ist er; aber sein grünes Herz ist gestorben.« Er unterbrach sich, denn ihm war, als stände eine bleiche Gestalt in dem Seelenhause und winkte ihn zu sich heran. Dann lächelte er über sich; erstens war das kein Seelenhaus, sondern eine Hütte für die Hütejungen, und die bleiche Gestalt, das war ein alter Lappen, der da hing.
Er warf den Kopf in den Nacken: »Du magst recht haben, Swaantien!« Sie lächelte ihn an, denn noch nie hatte er die Koseform ihres Namens gebraucht. Er pfiff eine leichtsinnige Weise vor sich hin. »Ich bin überarbeitet, habe mich dazu um dich zu viel gesorgt. Nun verschieße ich mich noch dazu; das zieht in keinen hohlen Weidenbaum.« Er summte: »Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück ich mir ein Röselein.« Er machte ein säuerliches Gesicht: »Mein Herz heil pussieren, das wird schwer halten, aber als Heftpflaster hilft vielleicht so ein bißchen Eintagsliebe. Man weiß nur nie, was man sich damit für Löcher ins Gewissen läuft. Die andere hat sich vielleicht schon wer weiß wie lange getröstet, und man denkt immer noch, sie wankt mit durchgescheuerter Seele herum.«
Er scharrte mit der Fußspitze im Sande umher: »Na, die Hauptsache ist, daß du dich heute nachmittag in eurem Geisteslackierklub gut vergnügst. Wird Er auch da sein?« Swaantje wurde rot: »Ich glaube,« flüsterte sie, aber es lag keine Freude in ihrer Stimme.
»Weißt du was, Zuckerchen,« fuhr es Helmold heraus, »eigentlich müßte ich mit und dir dort in einer so feuergefährlichen Weise den Hof schneiden, daß dem Professor das Brett vor dem Kopfe aufbrennt; denn das hat er doch sicher dort, denn schließlich gönnt kein rechtschaffener Mann eine einem anderen, und tritt man ihm auf die Platzhirschhühneraugen, dann wetzt er sogleich die Kampfsprossen. Aber die Bergedorfsche ist da samt ihren üblen Töchtern, und so wie ich mich kenne, setzte es einen Heidenskandal, ginge ich mit. So will ich lieber zusehen, daß ich den Bock in der Wittenriede bekomme.«
Nach dem Mittagessen bat er sich den Fuchs aus, hängte die Büchse über und ritt in das Bruch. Dort stieg er ab, ließ das Pferd bei den Hütejungen und waidwerkte zu Fuße weiter. Aber er spähte nicht nach dem alten Bocke, der dort umging, er träumte mit kalten Augen über das Land hin, das in der Sonne glitzerte. Schließlich setzte er sich bei dem Seelenhause an, rauchte und brütete vor sich hin. Immer wieder gingen seine Augen nach der Büchse. Er sah sich um: wenn er seinen einen Fuß in die Brombeerranken wickelte und sich durch das Herz schoß, dann nahm alle Welt ein Unglück an; denn daß ein Künstler an dem Tage, der ihm den größten Auftrag seines Lebens gebracht hatte, Selbstmord verüben könne, das glaubte kein Mensch. Ein Druck, und er konnte endlich einmal wieder ausschlafen.
Aber dann fiel ihm ein Wort Hennigs ein: »Selbstmord wirkt niemals tödlich«, hatte der einst gesagt und hinzugefügt: »denn es ist keine organische Lösung.« Und dann waren die Kinder da, seine lieben Kinder Swaan und Sweenechien, und Grete und Swaantje. Schon derentwegen durfte er nicht Hand an sich legen; sie würde vor Gram zerbrechen. Außerdem: er hatte den Auftrag vom Schicksal, seinem Volke viel Schönheit zu bringen. »Nein,« sagte er zu sich, »nein, das tust du nicht!« Er stand auf, entlud die Büchse, warf den Patronenrahmen in den Bachkolk und ging nach der Wittenriede. Der starke Bock äste sich auf dem Wiesenfleck; gleichgültig sah Helmold ihm zu. Ein dutzend Male war er hinter ihm hergepürscht; aber selbst, wenn er jetzt eine Patrone gehabt hätte, er hätte doch nicht schießen mögen. Ihm lag nichts mehr daran. Ihm war an nichts mehr etwas gelegen. Ihm war alles gleichgültig. Ihn langweilte sogar die Landschaft. Zu spitz dünkte ihm das Glitzern des Stechpalmenbusches, zu frech seine roten Beeren, und albern kam ihm des wilden Täubers Ruf vor. Er lag im Moose, auf der selben Stelle, auf der er tags zuvor gesessen hatte, rauchte und starrte ohne Blick über die Wiesen hin.
Er sah sein zukünftiges Leben vor sich: wie ein Brandmoor würde es aussehen. Nur Nutzpflanzen würden darauf noch gedeihen: Moorkorn, Hafer, Kartoffeln, aber keine rosige Blüte mehr. Mit Hand und Kopf würde er große Werke schaffen, derweil sein Herz unter Ruß und Asche lag. »Alles müssen wir bar bezahlen,« hatte Hennig gesagt; »alles!« So war es; alles gab ihm das Leben und nahm ihm alles, weil es ihm das eine nicht gab. Er versuchte, sich zum Weinen zu zwingen, indem er den Namen der Geliebten vor sich hinflüsterte und die Stelle streichelte, wo sie gesessen hatte; doch seine Augen lachten ihn aus.
Müde stand er auf, ging langsam dahin, wo der Fuchs war, schenkte den Jungen eine Mark, saß auf und ritt die Landstraße entlang. In Mecklenhusen stand die Wirtin vor der Türe und lachte ihn einladend an. Er grüßte flüchtig und trabte weiter, obwohl ihn hungerte; aber er mochte mit niemandem sprechen, der ihn kannte.
Deshalb schlug er die Straße nach Lütkenhusen ein und stieg beim Taternkruge, wo er noch nie gewesen war, ab. Das war eine schmierige Kneipe; aber das paßte ihm gerade. Er aß das Butterbrot, das ihm die schlumpige Wirtin brachte, mit dem Genuß des Ekels. Ein fünfzehnjähriges Zigeunermädchen mit hübschem Gesichte, bunt angezogen, kam herein, bettelte ihn an und machte ihm verheißungsvolle Augen. Er schenkte ihm ein blankes Markstück und einige Zigaretten, ging aber nicht auf sein Sprechen ein. Dreimal drehte es sich noch nach ihm um, als es dem Walde zuging, und als es unter den Kiefern stand, winkte es ihm schnell mit den Augen und lächelte. Er merkte sich den Fluß der Bewegungen und die ganze Erscheinung, aber nur mit den Augen; sein Blut blieb kalt, so kalt, daß es ihn fror.
»Glas Grog!« befahl er. Die Wirtin sah ihn verwundert an, denn er hatte sein Bier noch vor sich stehen. »Noch eins!« rief er, als er es ausgetrunken hatte. Da wurde ihm besser. Farben und Töne brannten und klangen in ihm durcheinander; er sah ein Bild in Moll vor sich und hörte eine blaßrote Melodie. Er nahm sein Taschenbuch heraus und schrieb ein Lied hin, las es durch, änderte eine Stelle, schrieb ein zweites, ein drittes und noch eins. Eine Kiepenflickerfamilie, die inzwischen eingetreten war, sah ihm neugierig zu, und zwei Handwerksburschen machten heimlich ihre Witze über ihn. Er sah es, kümmerte sich aber nicht darum. Ein Motorradfahrer kam herein, schimpfte mörderlich, weil er vor einem Hunde so schnell hatte stoppen müssen, daß er seine Maschine verdorben hatte, stampfte im Zimmer auf und ab und versuchte, mit Helmold ins Gespräch zu kommen; der antwortete nicht. Er trank noch zwei Gläser Grog und blieb sitzen, bis die Uhr die siebente Stunde angab. Dann stand er auf, zahlte seine Zeche und die der Handwerksburschen, die darüber ganz verlegen wurden, und ritt fort.
Als er zu Tische kam, fielen seine Blicke sogleich auf Frau Adda. Sie saß ihm gegenüber, machte ihre verwitwetsten Augen und sprach über bildende Kunst. Er hielt sie in höflicher Form zum Narren, bewies ihr, daß es gar keine bildende Kunst gäbe, sondern nur einzelne Kunstwerke, aß wenig und schützte nach aufgehobener Tafel vor, er müsse eilige Briefe schreiben. Er schrieb aber nur die vier Gedichte ab, gab sie Swaantje, die er auf der Treppe traf, sagte ihr, er wolle den Abend allein verbringen, und ging in den Ratskeller, wo er sich in die dunkelste Nische setzte, den Vorhang zuzog, dem Kellner verbot, Licht zu machen und irgend jemandem zu sagen, daß er da sei. Er starrte vor sich hin, trank aber nur wenig von dem Rüdesheimer und ließ seine Zigarre kohlen. »Ein toter Mann trinkt nicht, ein toter Mann raucht nicht,« dachte er und sah das Seelenhaus vor sich, neben dem er unter dem goldenen Moose lag, ein Häuflein Asche in einer schwarzgebrannten Deckelurne. Und vor dem Seelenhause lagen Blumen, weiße Rosen, Lilien, Astern, Maiblumen, wie die Jahreszeit sie bot, und die glitzerten im Mondenlichte; aber nicht Tau war es, der in ihren Kelchen schimmerte, Tränen, kalte Tränen der Reue. Er sah eine Gestalt neben dem Seelenhause stehen, in braune Gewänder gehüllt, Schleier vor dem Gesicht, einen Kranz von Ringelblumen im Haar. Sie winkte ihm und breitete die Arme nach ihm aus und flüsterte: »Sanft will ich dich betten, so sanft.«
Schal kam ihm seine Kunst vor: gemaltes Leben, weiter nichts. Leinewand, stinkende Farbe, vom Keilrahmen gehalten, der sich feige hinter dem Prunkrahmen verkroch, eine Lüge das Ganze! Und ein jammervoller Notbehelf statt des Lebens, das ihm gebührte, eines Lebens, das rot in Rot vor seinen Augen stand, hellrote Küsse auf einem Hintergrunde von dunkelrotem Blute. Das Ende? Ein Pfeil in der Brust, zwei Küsse auf den Lippen, und so, zwischen der Sonne und dem Mond, zwischen der lauten und der leisen Geliebten, schnurstracks nach Walhall, und da: Fortsetzung folgt! Aber sein Leben würde fortan anders sein: Grau in Grau, hellgraue Sehnsucht auf dunkelgrauer Hoffnungslosigkeit. Malen, malen, malen, der Professortitel, ein paar Orden, eine Jubelfeier, wenn die nötige Knickebeinigkeit da ist, und ein sanfter Strohtod mit viel Gezappel und Äthereinspritzungen. Hol's der Teufel!
Straffe Männertritte näherten sich seiner Koje; der Vorhang flog zur Seite, und vor ihm stand Beni Benjamin. Unbefangen gab er Helmold die Hand; sein schmales Beduinengesicht leuchtete vor herzlicher Freude. »Ich hörte von der Wirtin, daß Sie hier seien,« sagte er mit seinem dunklen Basse, »und daß Sie allein sein wollten. Ich sah Sie heute vom Kruge in Mecklenhusen aus, und Ihr Gesicht gefiel mir nicht. Deshalb dachte ich: laß ihn grob werden, das ist sein Recht als Patient! Und nun: Rüdesheimer verbiete ich Ihnen; wir trinken Sekt. Erstens ist mir gestern ein Sohn geboren, und zweitens bekommt Ihnen das besser.«
Als der Sekt da war, hob er das Glas: »Auf das, was wir lieben!« Helmolds Gesicht bekam Schlagschatten, und seine Augen wetterleuchteten. Aber dann lachte er lebhaft. »Eine Gemeinheit ist der anderen wert,« sagte er, zog sein Skizzenbuch hervor, riß ein Blatt heraus, schrieb darunter: »H. H. s. l. B. B.« und gab es dem Arzte. Der besah es genau; Lichter und Schatten flogen über sein Gesicht. Er streckte dem Maler die Hand hin: »Dank, vielen Dank, Hagenrieder!« Er stellte die Skizze gegen den Kühleimer und sah sie eine Weile an. Dann flüsterte er, und seine Stimme klang noch dunkler: »Sie sind der einzige Mensch, der mich erkannt hat. Durch und durch haben Sie mich gesehen, lieber Freund, Sie, der Vollgermane, mich, den Ganzsemiten. Wissen Sie warum: weil wir im Grunde ganz das selbe sind, Sie in Blond, ich in Schwarz.« Er seufzte: »Die Leute glauben, ich bin glücklich.« Er mauschelte: »Der raaiche Doktor Benjamin!« Er warf seine Zigarre in den Kühleimer: »Na ja, so in epidermaler Hinsicht bin ich auch glücklich, aber die Intestina denken anders. Jeden Tag, wenn ich mich nach dem Essen lang mache und rauche, dann weiß ich, daß ich ganz wo anders hingehöre, auf einen Pferderücken, oder ein Kameel, und um mich ist die weite Wüste. In meinem Zelte aber, das bei einer Quelle unter Palmen steht, ist nicht bloß eine Frau, die mich küßt, es sind deren zweie, eine laute und eine leise.« Er trank sein Glas aus und sah den Rauchringeln nach. »Eine für das Herz und eine für die Seele,« flüsterte er nach einer Weile, und seine Augen bekamen einen hungrigen Blick.
Der Kellner kam und machte ihm eine Meldung: »Gehen Sie mit?« fragte er; »ich muß noch nach der Mühle hin; die Großmutter hat wieder einen Anfall. Das beste für die gute Frau wäre ja Morphium, denn diese Herzbeklemmungen sind schrecklich. Aber das dürfen wir ja nicht. Ist das eine verlogene Welt heute! Einer hetzt den anderen unbedenklich mit Geschäftspraktiken tot; aber ein elendes Geschöpf, das alle zwei Tage stirbt, zu erlösen, das erlaubt die Moral nicht. Ja, die Moral!«
Sie gingen die mondhelle Landstraße entlang, die von den Schatten der Kiefern gestreift war. Der Vollmond dichtete die Wacholderbüsche auf der Haide zu bösartigen Gespenstern um. Helmold ließ den Arzt reden. Er sah sich mit Swaantje am Arm durch die mondhelle Haide gehen; ein kreischendes Verlangen von ihr sprechen zu können, überkam ihn. »Sie kommen oft nach Swaanhof, Doktor?« fragte er den Arzt. Der nickte. »Ja, ich tue so, als ob ich nach der alten Dame sähe, aber die junge meine ich. Es ist ein Skandal, was aus der geworden ist! Von dem bißchen Neuralgie ist sie nicht so herunter; das ganze lavendelduftende Kommodenschubladenleben macht sie krank. Ist das ein Mädchen! Wissen Sie, die in Schwarz, das wäre meine leise Frau; Blond liegt mir so fern wie Ihnen meine Kulör. Aber in meiner ganzen Praxis ist kein Mensch, um den ich mich so ängstige wie um sie. Gewalt! möchte man schreien, wenn man zusehen muß, wie sie zugrunde gerichtet wird. Natürlich in der besten Absicht. Ich kann reden, was ich will, immer heißt es: ›Lieber Herr Doktor, das viele Lesen und Malen greift meine Nichte zu sehr an‹, oder ›Sie hat doch alles, was ein junges Mädchen braucht!‹ Lieber Hagenrieder, machen Sie doch einmal Krach; vor Ihnen hat die Alte einen Heidendampf. So, und nun gehen Sie so lange in die Schenkstube. Ich bin gleich wieder da und dann, wenn es Ihnen recht ist, trinken wir noch eine dicke Flasche oder zwei. Wissen Sie, bei Vollmond muß ich Bettschwere haben.«
Helmold setzte sich unter die Linde auf den breiten Stein; allein mochte er nicht in der Schenke sein, weil er dort noch nie gewesen war und eine alberne Schüchternheit ihn lähmte. Er lächelte vor sich hin: »Solamen miseris«, dachte er. Aber ein mäßiger Trost, daß es dem Arzt ebenso ging wie ihm! Und es ging ihm viel besser, denn der hatte seine leise Frau noch nicht gefunden; er aber hatte sie gefunden und hatte sie zur selben Stunde verloren.
Im Grunde hatte Benjamin vielleicht nicht so unrecht, als er ihm vorhin sagte: »Frauenseele! ich glaube nicht daran; unsere heiligen Bücher wissen davon nichts. Frauen sollen ihre Seele ihren Männern und ihren Kindern geben; das ist ihr Zweck. Die das nicht können, sind mißlungen.«
Eine furchtbare Angst befiel ihn. Gretes Seele hatte sich ihm entwunden, und Swaantjes Seele würde nie sein werden, wenn nicht Swaantje sein würde. »Aber wie ist das möglich,« dachte er, »daß zwei Seelen sich voneinander lösen, die einst eins waren, wie meine Seele und die von Grete.« Denn das hatte er oft gefühlt, wenn sie in seinen Armen zerschmolzen war, daß nicht nur ihr Leib ihm gehörte. Das war nun vorbei; er war hier, und sie war da. Sie war ihm Lebenskampfkamerad, Freund, ja; er wollte aber nicht gestützt sein, er wollte durchdrungen sein. Mann und Frau mußten den heiligen Kreis bilden, mußten sein, wie die beiden Dreiecke mit den fünf Spitzen, zwei und doch nur eins.
Die Semiten waren klüger, die gaben sich nicht mit Idealen ab; darum war das Hexagramm ihr heiliger Kreis und nicht das Pentagramm, wie bei den Ariern. Und deshalb waren die Juden glücklicher im Leben, scheinbar wenigstens, denn schließlich: die besten unter ihnen schielten doch aus dem Sechsstern zum Fünfstern, wie er von Grete nach Swaantje. Warum: die eine ging in sich auf, war eine in sich geschlossene Natur, die andere ein problematischer Charakter. Die eine satt, die andere hungrig, unbewußt hungrig.
Eine Meteorkugel zog ein himmelblaues Band über den mondhellen Himmel und fiel dahin, wo Swaanhof lag, oder wo das Tödeloh stand. Eine reisende Drossel flog über die Linde und pfiff verlassen; unsichtbare Brachvögel riefen trostlos. Helmold fror das Herz. Er stand auf und wollte in das Haus; da kamen harte Schritte näher, und der Arzt stand vor ihm. »Haben Sie eine Erscheinung gehabt?« fragte er, als er den Maler ansah. Der lachte: »Nein, eine Gänsehaut!« Aber Benjamin sah ihn besorgt von der Seite an. »Na,« meinte er dann, »die laute Janna und die leise Manna sind gut dagegen. Übrigens anständige Mädchen und nicht glücklich; ein und der selbe Mann hatte beiden die Ehe versprochen, und nun lachen sie sich am liebsten ihren Kummer fort, denn sie lieben ihn beide noch immer, trotzdem an dem Kerl nichts dran war.«
Helmold fühlte sich in der gemütlichen alten Wirtsstube, in der es verstohlen nach Bratäpfeln roch, schnell heimisch. Er kam in die Ofenecke in den breiten Ledersessel hinein; rechts von ihm saß Janna und links Manna; sie sahen ihn mit Augen an, in denen eine mitfühlende Freundlichkeit lag. »Nach Sekt,« scherzte der Arzt, »Schampagner am besten schmeckt.« Er nahm die Laute von der Wand und klimperte darauf herum, eine Weise dazu brummend, die nach Moschus und Ambra roch. Er stieß mit allen an. »Funditus!« befahl er und schenkte wieder ein, erzählte eine lustige Geschichte, füllte die Gläser abermals und bat die Mädchen um ein Lied. Sie zierten sich nicht; Janna spielte, und Manna sang dazu ein Lied, das wie Liebesgeflüster im Lindenlaubschatten war, und noch eines, hell wie ein Aufquietschen hinter einer Haustüre an einem dunklen Winterabend.