Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte
Part 4
Helmold nahm sein Tuch und trocknete sich die Stirne und die Brust. Er sah sie neben sich, den Kopf auf seinem Arme, und er nahm sie und küßte sie auf die Hände und den Mund und langte nach den Spitzen unter ihrem Kinn; aber da war sie verschwunden. Er lachte bitter. So ging es ihm immer; Hände und Mund, mehr bekam er von ihr nie, auch in Gedanken nicht, und im Traume schon gar nicht. Seine Stirne bezog sich, seine Augen stachen nach dem Bilde ihrer Mutter hin. »Wenn ein Mensch einen anderen liebt, müßte er es doch merken«, hatte Swaantje neulich gesagt. Professor Groenewold merkte es nicht, und Swaantje auch nicht.
»Vielleicht kommt das daher, weil ich sie gar nicht als Weib liebe«, dachte er. »Wie aber? Als Bruder, als Vater, als Künstler?« Er seufzte tief auf und fuhr sich über die Augen. Das ging nun Nacht für Nacht so; die eine Nacht las er, die andere dachte er. Wenn Grete da wäre? Aber nein! Liebte er sie noch? Düster sah er in die Falten der Vorhänge. Was ist Liebe? Zusammenklang, aber kein Nebeneinanderklang. Ebu Zeidun, du hattest recht, zu singen: ›Und wir brachen den Zweig der Liebe, und wir rissen seine Blüten herunter.‹ Und Henry Beyle wußte es auch, als er seiner Schwester schrieb: ›Wenn wirkliche Liebe in der Ehe besteht, so ist sie ein Feuer, das erlischt, und zwar um so schneller erlischt, je heller es gelodert hat. Die Natur läßt die Nerven nicht lange in derselben Spannung, und jeder häufig wiederholte Eindruck wird geringer und weniger fühlbar.‹ Als er jene Stelle zum ersten Male las, vor sieben Jahren, hatte er an ihrer Wahrheit gezweifelt; aber es stimmte schon.
Eine Mücke summte über ihn hin. »Wir drei, wir drei, wir drei«, summte sie. Ganz deutlich war das zu hören. Eine Totenuhr klopfte: »Wir drei, wir drei, wir drei«, klopfte sie. Die Turmuhr schlug: »Wir drei, wir drei, wir drei«, schlug sie. Wieder rief das Käuzchen: »Wir drei, wir drei, wir drei«, rief es. Die Wildenten schnatterten auf dem Burggraben: »Wir drei, wir drei, wir drei«, schnatterten sie. Grete oder Swaantje? Grete und Swaantje! Rot und grün! Laut und leise! Licht und Schatten! Heiß und kühl! Komplemente! Das eine ohne das andere nicht zu denken. Ergänzungen! Hälften! Nein, Drittel, erst ganz, wenn es hieß: Gretehelmoldswaantje! Swaantjehelmoldgrete! »Wir drei, wir drei, wir drei!«, klopfte sein Puls, schlug sein Herz, hauchte sein Atem.
Vor seinen Augen jagten sich seine Bilder und sangen ihm die Lieder, die er noch nicht kannte. Hier Wode, da Christus, der eine schwarz, der andere weiß, und dazwischen als Mittelbild des Triptychons die Hinrichtung der Sachsen, rot in Rot. Christus und Wode sahen sich über das Bild an; Christus lächelte verlegen, Wode überlegen. Und das Bild sang: »Rose weiß, Rose rot, wie süß ist doch dein Mund!«
Er sang die Weise vor sich hin. Weg war sie, und eine andere kam angesummt, leise, wie eine Mücke. »Sie sangen ihm von Avalun, gelb war sein Haar«, klang es. Und da war das Bild: schneeweiße Sandhügel mit kohlschwarzen Schatten, die Sahara; davor tote Männer, Kabylen, lang, mit edlen Gesichtern; der eine mit rotem Bart und blauen Augen, der andere schwarz, Beni Benjamin, der Doktor. Und daneben mit Zuhältergesichtern, grinsend, wie Mandrills, französische Offiziere, Dirnen am Arm. Und dann Swaantje vor weißer Haide, und die Haide sang: »Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie«. Und noch ein Bild, furchtbar: Mönche vor einem Holzstoße, der brannte, und in den Flammen Frigges, der Süßen süßes Gesicht. Und eine weinende Stimme sang: »Dann blühen alle Blumen rot, so rot, so rosenrot.«
Frigge verschwand; Chali sah ihn an, doch sie hatte Gretes Augen, traurige Augen! Aber nein, Swaantjes Augen waren es, bitterböse Augen. Am Morgen war ihnen in der Stadt eine junge Frau begegnet; böse hatte sie nach Swaantje hingesehen, und deren Augen wurden zu Eis. »Kennst du die?« Swaantje nickte. »Du haßt sie?« Sie zuckte die Achseln. »Ich glaube.« »Weshalb?« fragte er weiter. Sie hob abermals die Schultern. »Ich weiß es nicht; ich glaube, sie haßt mich; das fühlt man. Gesprochen habe ich nie mit ihr.«
Liebe und Haß, was ist das? Die Buddhisten glauben, daß mit dem Tode die Seele zerreißt, und daß dann die Stücke neue Verbindungen eingehen, glückliche und unglückliche; daher kommt alle Wonne in die Welt und alles Weh, alle Liebe, aller Haß, jede Guttat, jede Bluttat. Ein schöner Gedanke und ein schrecklicher! Swaantje, gib mir das Stück meiner Seele, das du bekamst, als du geboren wurdest, und wenn du das nicht kannst, gib dich mir ganz! Kannst du das? Am Ende bist du zum Teil Mann! Unsinn! Aber nein: denn wenn eine Frau nicht etwas Mann wäre, wie könnte sie dann Knaben gebären, und wenn ein Mann nicht etwas vom weiblichen Wesen in sich hätte, wie wäre es ihm wohl möglich, ein Mädchen zu zeugen? Es gibt keine Grenzen zwischen den Dingen; sie werden gemacht! Es gibt keine Arten und Gattungen bei Pflanzen und Tieren; wir denken das System in die Natur hinein! Eine dumme Eselsbrücke ist das für uns einsichtsloses Pack. Man kann Umrisse malen, aber wo sind sie in der Natur? Auch die Moral, auch die Gesetze, sie sind künstliche Konturen. Wer sich in sie hineinbegeben kann, wohl ihm; jeder kann es nicht.
Der Mond, der hinter den hohen Pappeln herschielte, schüttelte mitleidig den Kopf, als er alles das mit ansehen mußte, was sein Freund sich dachte. Er tippte ihm auf die Schulter und flüsterte ihm zu: »Kerl, komm, wollen uns was erzählen! Kannst ja doch nicht schlafen.« Listig grinsend setzte er hinzu: »Sie schläft auch nicht.« »Was geht dich das an, alter Esel?« schnauzte der Maler, aber dann lachte er, stand auf, holte sich seine Zigarettendose und setzte sich in den einen Sessel, der in der tiefen Fensternische stand, und der Mond plumpste in den anderen.
»Berühmt siehst du nicht aus, Kerl,« sagte der Mond; »regst dich viel zu sehr auf. Mußt es machen wie ich, immer kühl bleiben, das setzt an.« Dabei klopfte er sich auf die strammsitzende Weste. »Halt die Schnauze, du dämlicher Affe,« fuhr ihn sein Freund an, aber dann fragte er: »Schläft sie wirklich nicht?« Doch der Mond war beleidigt; er antwortete nicht, und als Helmold ihm eine Zigarette anbot, dankte er; er sei nur Russen gewohnt und möge keine Herzogowinas.
Helmold grinste heimtückisch und dachte: »Warte nur, alter Kartoffelkopp, ich kriege dich schon! Ich packe dich bei deiner Künstlereitelkeit; darauf fällt unsereins ja immer hinein.« Er blies den Rauch der Zigarette so, daß er dem anderen in die Stubbsnase zog; der atmete ihn verstohlen ein und schielte heimlich nach der Dose aus Tulasilber, die aufgeklappt auf dem Fensterbörde lag.
Der Maler sah in den Park, wiegte wohlgefällig den Kopf, nickte, sah den Mond an und sagte: »Kerl, so gut ist dir noch kein Gedicht gelungen, wie dieses da; allerhand Hochachtung!« Er zeigte nach dem Schloßgraben: »Köstlich, dieser trefflich gelungene Vergleich des Wassers mit einer silbernen Brücke, einfach köstlich!« Er steckte sich eine neue Zigarette an: »Du bist sonst sparsam mit Ausrufungszeichen, Kerl; aber wie du da mit der Pappel die hochpathetische Stelle zu betonen wußtest, das ist einfach Goethe!«
Er nickte und ließ seine Augen über den Park gehen: »Und wie famos, daß du hier und da nicht das Letzte sagst, sondern dem denkenden Leser Gelegenheit gibst, weiterzudichten, so dort bei der Epheustrophe; erst alles ganz bestimmt und klar, und dann diese geheimnisvolle, vielsagende, andeutende Dunkelheit.«
Dann setzte er hinzu: »Nur eine Kleinigkeit, Kerl, die stört mich. Der an und für sich ganz prächtige Vergleich des witzigen Baumschattens auf der Wand des Flügelgebäudes mit einem Wegweiser könnte fehlen; er ist überflüssig, und das Überflüssige ist immer unkünstlerisch, ist das Unkünstlerischste. Du kannst ja diese Stelle auch leicht streichen.«
Der Mond, der anscheinend gleichgültig, aber innerlich sehr gestreichelt das Lob hingenommen hatte, lächelte spitzbübisch. Er faßte erst in die eine, dann in die andere Tasche, machte ein ärgerliches Gesicht und griff dann nach der Zigarettendose, indem er sagte: »Du erlaubst? ich habe meine im Überzieher stecken lassen!« Er zündete sich eine Zigarette an, ließ den Rauch aus den Lippen in die Nase steigen, atmete ihn ein, ließ ihn in zwei Ketten winziger Kringel aus den Mundwinkeln quellen, lächelte seinen Freund schelmisch an und sprach: »Meinst du, daß der Vergleich so überflüssig ist? Du glaubst, ich hätte ein einfaches Stimmungsgedicht geschrieben. Nimm einmal deine zwei bis drei Sinne zusammen und lies es mit Verstand, so wirst du finden, daß es ein zweites Gesicht hat. Weißt du, was es ist, Kerl?« Er sang halblaut: »Ein Lied der Liebe, ein Sang der Sehnsucht, ein Gebet an die guteste aller Göttinnen, an Frigge, die fröhliche Frau.«
Helmold zog die Augenbrauen hoch: »Das ist mir zu hoch, Kerl; das mußt du mir verklaren!« Der Mond grinste: »Also du hast den Vergleich mit einem Handweiser glücklich begriffen?« Der andere nickte. »Handweiser pflegen zu weisen.« Wieder nickte Helmold. »Na also!« lachte der andere, und als der Freund ihn dumm ansah, plinkte er ihm zu, und da schlug der Maler sich vor die Stirn, denn der blaue Schatten auf der weißen Wand zeigte nach dem Erker hin, hinter dem Swaantje schlief.
Bittend sah er den Freund an: »Du hast sie gesehen?« Der andere nickte listig lächelnd. »Bitte, lieber Dicker, erzähle, erzähle; was tut sie? schläft sie? Und wie geht es ihr? Geht es ihr gut, oder hat sie wieder ihre Schmerzen? Ach, Kerl, du weißt doch! Los, erzähle! Ich tu auch alles, was du willst. Soll ich dich in Öl malen oder in Pastell? Halbakt oder ganz? Kniestück oder stehend? Voll oder halbvoll?«
Der Mond nahm sich eine neue Zigarette, zündete sie an dem Stümpfchen der ausgerauchten an, blies den Rauch von sich, sah den Maler ernst an und begann: »Sie ist jetzt eingeschlafen, jetzt eben. Sie hatte Schmerzen, aber nicht sehr schlimme. Sie sah sehr schön aus. Ich habe sie gesehen, als sie sich umzog. Na, du weißt, ich sehe nicht mit Menschenblicken«, setzte er schnell hinzu, denn Helmolds Augen bewölkten sich. »Sie zieht sich niemals bei Licht aus; sie ist vor sich selber keusch.«
Er blies einen dicken Ring in den Park. »Sieh mal, Kerl, ich kenne alle Frauen, die da waren, und sämtliche, die da sind. Ich sah noch wenige, die diesem Mädchen glichen. Bis vor zwei Jahren war noch kein Gedanke an einen Mann auf ihren Lippen zu sehen, ihre Brüste lebten still für sich hin, ihre Lenden schliefen, und ihr Schoß wußte nichts von sich selber. Das ist jetzt manchmal anders.«
Er runzelte die Stirn: »Ein sonderbares Menschenkind! Sonst weiß ich stets, an wen eine denkt, hier nicht. Zu flüchtig ist die Schrift, kaum zu lesen. Anfangs glaubte ich, so solle es heißen, aber dann sah ich, daß ich mich geirrt hatte. Außerdem, was sie denkt, es ist so wenig bewußt, daß schwer dahinter zu kommen ist, sehr schwer. Wenn ein unberührtes Weib eines Mannes liebend gedenkt, wird sie seiner gleichzeitig als Mutter, Schwester und Braut gedenken. Darum, lieber Helmold, du weißt, wir haben uns Aufrichtigkeit gelobt: sie denkt an dich.«
Der Maler sprang auf: »An mich?« Der andere drückte ihn in den Sessel zurück. »Ja, aber in welcher Weise, das, mein Lieber, weiß ich nicht.« Helmold keuchte: »Und der andere? Wie ist es damit?« Der Mond wiegte den Kopf hin und her: »An den denkt sie auch noch, aber in verblaßter Weise; an dich denkt sie mehr. Sie trägt Sorge um dich; sie denkt immer an dich. Ob aber nicht nur als Schwester, oder in der Art, wie eine Mutter ihres Kindes gedenkt, das kann ich dir wahrhaftig nicht sagen. Ich weiß nur das eine: ich bin heilsfroh, daß ich kein Mensch bin, denn sonst müßten wir uns auf krumme Säbel schlagen. Sie ist ohne Fehl trotz ihrer Fehler. Deren hat sie mehrere an Leib und Geist. Du weißt ja: ihre zu kleinen Hände, ihre allzugroße Nachgiebigkeit, und die zu stark entwickelte Willensschwäche, und dieser gänzliche Mangel an Selbstsucht. Und dann dieses allzu bewußte Vertiefen in Philosophie, Geschichte, Kultur, Dichtkunst und andere Allotria. Das ist mir zu unweiblich. Die Mitgift von Mannestum, die jedes Weib hat, braucht sie für ihre Bildung, statt für ihr Leben. Sie ist ein Stück Künstler, leider! Künstlertum verträgt sich nicht mit Vollweiblichkeit; das Erzeugen ist euer Vorrecht. Frauen haben etwas anderes zu tun, vielleicht besseres. Denn, wie du weißt: Kunst, was ist das? Ein Notbehelf für das Leben.«
Er seufzte: »Keiner weiß das so gut wie ich. Alle meine Werke und meinen ganzen Ruhm, ich gäbe das sofort hin für ein Stück gelebtes Leben.« Er stand auf: »Und nun, Kerl, es wird Zeit; ich muß fort. Und dir fallen ja die Augen zu. Bis morgen!«
Helmold stand müde auf. Er warf seine Zigarette in den Garten; wie eine Sternschnuppe fiel sie im Bogen in das Buschwerk. Vier Jahre waren es her, daß er mit Swaantje den sterbenden Sternen zusah. Sie hatte ihn gefragt: »Was hast du dir gewünscht, lieber Helmold?« Er hatte sie angelacht: »Ich wünsche nie etwas; ich will etwas. Aber was hast du dir gewünscht?« Sie lächelte: »Nichts; ich dachte erst daran, als es zu spät war.«
Ja, so war sie, wunschlos und unbegehrt. Und wenn er nur wüßte, ob er selber sie begehrte! Er hatte vergessen, den Mond danach zu fragen. Seine Seele begehrte ihre Seele. Das andere? Er prallte vor dem Gedanken zurück. Seine Lippen flatterten nach ihrer Stirne, seine Finger dachten an ihre Hände; aber scheu gingen sie an ihren Schultern vorbei und mieden ihre Hüften gänzlich. Wie oft hatte er sie nicht im Ballkleide gesehen! Niemals war sein Blut wärmer geworden, und sie war doch so schön an Hals und Schultern, und ihre Arme waren herrlich. Aber nie hatte sich die gemeine Habsucht neben ihn gestellt und mit dem Kopfe nach ihr gewinkt. Sogar damals nicht in jener schlaflosen Nacht, einer Nacht, voll von Rosenduft und Nachtigallenschlag, als er in den Büchersaal ging, um sich den Angelus Silesius zu suchen, und sie plötzlich vor ihm stand, im Nachtkleide, das Licht in der Hand, und der Schatten der Palmblätter mit unverschämten Fingern über ihre Schultern nach ihren Brüsten wies, die aus den Spitzen hervorsahen, die sie mit der linken Hand schnell zusammenraffte, als ihr Vetter ihr plötzlich gegenüberstand. Nur Schreck war es gewesen, was sie damals in seinen Augen hätte lesen können, und vielleicht eine reine Freude an ihrer Schönheit. Möglichenfalls hatte auf dem tiefsten Grunde seiner Seele ein zaghafter Wunsch schüchterne Worte gestammelt; doch sie waren von dem Willen überhört worden.
Nur wenn sie das weiche, lose Kleid aus weißer Wolle trug, hatten seine Arme zärtliche Gedanken gehabt, denn so verlockend fraulich sah sie darin aus. Einmal, als sie in rosenrot und weißgestreiftem, locker gerafftem Kleide vor ihm her durch die blühende Wiese schritt, hatten seine aktgeschulten Augen sich auf die Melodie ihres Leibes zu besinnen versucht; bis zu dem Texte hatten sie sich aber nicht hingetraut.
Die Schleiereule flog an dem Fenster vorbei; die Turmuhr schlug fünfmal; da legte er sich nieder. Aber noch zwei Viertelstunden mußte er sich von seinen Gedanken stechen lassen, ehe sie fortflogen.
Die Amsel sang schon seit Stunden, da tat sich die Tür leise auf, und Swaantje kam im Nachtkleid herein; unter dem weißen Gewande schoben sich ihre nackten Füße verstohlen über den Teppich. Sie hielt mit der einen Hand die Spitzen über ihrer Brust zusammen, die andere hatte sie vor den Augen liegen, so daß das Morgensonnenlicht warm auf ihrem gebogenen Arme spielte. Sie riegelte hinter sich die Tür ab, beugte ihr Gesicht über ihn und ließ ihre Lippen seinem Munde entgegenschweben; mit einem stummen Jauchzer legte er seinen Arm um Adda.
Denn Swaantje hatte sich verwandelt; Adda küßte ihn, Adda mußte er liebkosen, Adda, die ihm nicht mehr war, als ein hübscher, kluger, kaltherziger Mensch, der zufällig ein Weib war, mit dem kein einziger seiner geheimen Gedanken sich je beschäftigt hatte. Wehrlos mußte er sich der ungeliebten Frau hingeben, machtlos war er in ihren Armen, ohne Widerstand duldete er ihre langweilige Leidenschaft.
Mit einem Seufzer, aus Lust und Ekel gemischt, fuhr er in die Höhe, sah wirr um sich, sprang aus dem Bette, warf sein Nachtgewand von sich und stieg in das Bad. Erst als er fertig angezogen vor dem Spiegel stand, gelang es ihm, den Zug von Pein fortzuwischen, der um seinen Mund lag.
Aber als er genauer zusah, erblickte er hinter seinem Spiegelbilde einen anderen Mann, von den Füßen bis zum Kopfe in Eisen gehüllt, der ihn aus der Visierspalte mit herrischen Augen ansah, und als er sich die Augen näher anschaute, erkannte er, daß es seine eigenen waren, und er wunderte sich darüber.
Doch da war das zweite Spiegelbild auch schon verschwunden. »Nervenüberreizung«, dachte er und ging in das gelbe Zimmer.
Der eiserne Ritter
Die Sonne spielte mit den Stäubchen Kriegen, als er durch das Treppenhaus ging; sie fiel durch die grünen und roten Fensterrauten und warf bunte Streifen durch den Raum, die als seltsame Flecke an den Wänden hängen blieben.
Helmold ging auf dem Läufer; deshalb wunderte er sich, daß seine Schritte klirrten, als habe er Reitstiefel an. Er drehte sich um, denn er dachte, der Reitknecht sei hinter ihm; aber als er den Kopf wandte und sein Blick in den Pfeilerspiegel fiel, sah er den eisernen Ritter darin stehen und zu ihm herübernicken. »Kaltwasserheilanstalt!«, dachte er.
Swaantje stand am Fenster, als er in das Frühstückszimmer trat; sie hatte das gefährliche Kleid an. Als sie ihn anlächelte und ihm die Hand bot, wurde ihm weh um das Herz, und ein bitterer Geschmack war in seinem Munde. Er dankte stumm, als sie ihm in ihrer lautlosen Art die Brotschnitten zurechtmachte und hinreichte, ihm den Tee eingoß und freundlich sagte: »Nun iß, lieber Helmold, und erzähle mir, was dir geträumt hat!« Er sah sie so entsetzt an, daß sie erst auflachen wollte, aber dann neigte sie sich über den Tisch, griff seine Hand und fragte: »Was hast du für einen traurigen Mund? Wieder schlecht geschlafen? Du sollst hier nicht an deine Bilder denken; das hast du mir doch versprochen.«
Ihr Vater und seine Schwester kamen; erleichtert atmete Helmold auf. Der alte Herr sah die Post durch. Er machte ein böses Gesicht, und Frau Gese fragte ihn besorgt: »Sind die Kurse wieder gefallen, liebster Ollig? Ich habe es mir gleich gedacht, denn wir haben nun einmal kein rechtes Glück; mein Los hat auch wieder eine Niete gehabt. Und denke dir, Pinke hat sagen lassen, mehr als acht Pfennige gäbe er für die Eier nicht mehr! Das ist doch wirklich stark. Swaantien, hast du schon gefragt, wie viele heute da sind?« Das Mädchen nickte. »Und ob das weiße Perlhuhn noch immer nicht da ist?« Das Mädchen antwortete durch ein Kopfschütteln. »Vergiß ja nicht, Fenna zu sagen, daß sie nicht wieder von der besten Butter für die Leuteküche nimmt, und Janna soll keine Zeitungen mehr zum Feueranmachen nehmen, sondern Reisig. Das Mädchen bringt mich noch um mit ihrer Verschwendungssucht!«
Sie wandte sich an Helmold: »Ich werde nach Adda schicken; die kann heute nachmittag mit euch gehen, wenn ihr nach dem alten Heidengrabe wollt. Denn so sagtest du doch gestern, lieber Helmold?« Er wollte schon sagen: »Sehr angenehm!«, aber da sah er in dem Pfeilerspiegel den Mann im Harnisch stehen und verächtlich lachend den Kopf schütteln, und so antwortete er: »Ich verzichte; ist für Adda kein Genuß und für uns erst recht nicht!«
Die Tante seufzte: »Sie tut es ja nur eurethalben.« Helmold sah erstaunt auf: »Unserthalben? Uns liegt gar nichts daran daß sie neben uns hertappelt und andauernd über die Gefahr stöhnt, der sie ihren Teint aussetzt.« Die alte Dame machte ihre kummervollsten Augen: »Aber, lieber Helmold, allein solltet ihr beiden nicht so viel ausgehen. Frau Bergedorf machte neulich schon eine Bemerkung darüber!« Der eiserne Ritter nickte; seine Augen funkelten höhnisch durch die Visierspalte. »Bist du der selben Ansicht, liebe Muhme,« antwortete Helmold höflich, »so füge ich mich durch Abreisen. Was die Gaffelzange vom Duttenhofe sagt, ist mir gleich. Übrigens hat sie recht, übel von ihren Mitmenschen zu denken; ihr Vorleben ist ja auch danach.«
Er sah in den Spiegel; der gepanzerte Mann nickte beifällig. Die Muhme sank hinter der Kaffeemütze zusammen. Helmold warf leicht hin: »Na, sie kann sich beruhigen, in zwei, höchstens drei Tagen muß ich fort; ich habe ein Dutzend Bilder im Leibe. Aber heute und morgen will ich Swaantje noch für mich haben. Also verschone mich mit Adda, bitte! Kommst du mit in den Park, Swaantje?« Das Mädchen nickte und stand auf.
Im Hausflur schüttelte er sich wie ein nasser Hund und lachte: »Muhme Geses Piepmatz ist bald schlachtereif; kommt sie mir noch einmal so dumm, dann male ich sie als Göttin der alles aufweichenden Philisterhaftigkeit und die Bergedorfen daneben als die der kleinstädtischen Niedertracht, aber beide als Ganzakte, die eine als Braten, die andere als Knochenbeilage. Und darunter schreibe ich: Hätt' Eva so oder so ausgesehn, brauchte Adam nicht aus Eden zu gehn!«
Das Mädchen lächelte, aber dann flehte sie: »Bitte, Helmold, die Tante ist so gut; und sie hat dich so gern. Gestern sagte sie es noch.« Er knurrte: »Ich verzichte auf eine Liebe, die mir nicht bekommt; Schwindel ist das. Bitte, laß mich ausreden! Deine Muhme, ich habe dir das schon einmal in scherzhafter Weise gesagt, ist ein Ungetüm, das inkognito reist, ein menschenfressendes, kannibalisches Geschöpf. Gestern hat sie in einer Stunde achtzehn geschlagene Male gesagt: ›Swaantien, hast du dies getan? Swaantien, hast du auch daran gedacht?‹ Hätte sie es noch einmal getan, so hätte ich gesagt, die Krebssuppe wäre nicht geraten oder sonst etwas bodenlos Ruchloses.«
Er zischte durch die Zähne: »Vierundzwanzig Jahre bist du alt, und sie behandelt dich, als ob du vierzehn wärest. Jede Spur von Selbständigkeit nöhlt sie dir fort. Sie hat es durchgesetzt, daß du nicht nach Rom kamest; sie hat es vereitelt, daß du Krankenschwester wurdest; sie hat dich glücklich so weit gebracht, daß du eine Art von besserer Großmagd geworden bist. Du mußt stundenlang dabeistehen, wenn die Renekloden oder irgendein sonstiges besseres Baumgemüse abgenommen wird, damit die Mägde ja keine essen! Keine Stunde am Tage hast du für dich. Der Deuwel soll darein schlagen!«
Er faßte sie an der Hand und zog sie in die Ebereschenlaube, die ganz rot von den reifen Beeren war. »Sieh mal, liebes Kind, ich habe mich allein durchgerungen; ich habe mir ein Wissen angeeignet, das sich sehen lassen kann; ich habe vier Erdteile bereist, habe gehungert und verschwendet, beides reichlich; habe geliebt und gehaßt, und nicht zu knapp; habe mit Fürsten und Verbrechern an einem Tische gesessen; habe die ganze Weltgeschichte in mich aufgenommen; alle philosophischen Systeme durchgekaut; zu vielen Göttern gebetet und vielen entsagt; mehr Wonne und Weh erlebt, als tausend Menschen, und deine Muhme sieht von der Höhe ihres Unternivos auf mich herab, wie die Katze auf dem Dach auf den Löwen; denn: Renekloden einmachen, das kann ich freilich nicht so wie sie, und mir geht jedes tiefere Verständnis für die metaphysische Bedeutung der Muskatnuß bei der Zubereitung des Blumenkohls ab.«