Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte
Part 21
»Das kommt vom späten Heiraten«, dachte er; »stückweise habe ich mein Herz verschleudert und es unkräftig für eine große Liebe gemacht.« Einst hatte es seiner Eitelkeit geschmeichelt, daß so viele Frauen und Mädchen seine Augen suchten; nun sah er den Grund dafür ein. »Sie sahen in mir den liebeshungrigen, ungesättigten Mann, den unglücklichen Mann, hatten Mitleid mit mir, und Mitleid und Zuneigung sind Zwillingsgeschwister.« Er schämte sich. »Pfui, Mitleid! Das empfindet man mit Krüppeln.«
Ihm fiel der seltsame Blick ein, mit dem Prinzessin Almut ihn bei der Beisetzung angesehen hatte. Das hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt, aber weiter keine Wirkung auf ihn gehabt, obgleich das junge Mädchen eine Schönheit war und Augen hatte, wie ihre Mutter. Der Blick, mit dem sie ihn ansah, hätte ihn früher in Brand gesteckt; jetzt wurde er kaum warm davon.
Daß es so war, merkte er, während er eine Woche darauf auf Hohen-Samlitz zu Gaste war. Als er mit dem Fürsten und der Fürstin über Brünes letzten Willen sprach und meinte, daß das Honorar das übliche Maß weit übersteige, erwiderte der Fürst: »Ihre Kunst ist überhaupt nicht mit Geld zu bezahlen: bitte fassen Sie die Summe nur als Sinnbild der Wertschätzung auf, die mein Bruder Ihnen entgegenbrachte.« Da schwieg der Maler. Als der Fürst ging, fragte die Fürstin, ob Hagenrieder nicht Lust habe, sie alle zu malen, und da versetzte er: »Durchlaucht verzeihen, aber ich glaube, das ist nicht gut«, und als sie ihn verwundert ansah, sagte er leise und er wurde ganz rot dabei: »Ich bin nicht eitel, Euer Durchlaucht, aber ich habe ein sehr bitteres Erlebnis gehabt, und seitdem habe ich das Unglück, auf Frauen von Herz sonderbar zu wirken, und noch mehr auf ganz junge Mädchen, die Mitgefühl und Liebe verwechseln.«
Die Fürstin sagte nichts, hielt aber bei der Tafel die Augen offen, und so entgingen ihr die Blicke nicht, die ihre jüngste Tochter dem Maler schenkte. Geflissentlich fragte sie ihn nach seiner Frau und seinen Kindern, und von da ab sah Almut auf ihren Teller. Nach dem Essen bat die Fürstin ihn, ihr das Bild seiner Frau zu zeigen. Er holte es, und sie ließ es rund gehen. Die Prinzessin war ganz blaß, als sie es ansah, so daß ihre Mutter sie zu Bett schickte.
Hatte auf der ersten Rückfahrt von Hohen-Samlitz die Fürstin Helmolds Gedanken beschäftigt, so sah er während dieser Reise das Gesicht ihrer Tochter vor sich und späterhin noch oft genug. Er stellte es sich vor, welch ein Glück es sein müßte, sie im Arme zu halten und küssen zu dürfen, aber es schien ihm doch, als wenn er sie nur wie ein Vater würde küssen können, und daß das zärtliche Verlangen, das ihn in der letzten Zeit ganz jungen Mädchen gegenüber beschlich, wohl darauf beruhte, daß es ihm an einer Tochter fehlte, die in ihm aufging; denn Swenechien entfernte sich immer mehr von ihm. »Ich habe zu spät geheiratet,« dachte er; »die Kinder haben keine Schuld, daß sie fern von mir stehen; ich bin zu alt für sie, zu alt und zu kalt. Und darum ist eine Kluft zwischen ihnen und mir.«
Seine Augen verhärteten sich; denn sein Verstand raunte ihm zu: »Sie reden Unsinn, Herr Hagenrieder; jeder Mensch bleibt für sich allein; versuchen Sie logisch zu denken, und Sie werden einsehen, daß Sie vom Wege abgekommen sind und sich verbiestert haben. Solange man verliebt ist, ist es anders; aber das hält nicht vor, ist also ein plumper Schwindel von der Natur, die euch damit ihren Zwecken dienstbar macht. Und ist die heiße Liebe abgeblüht, dann gibt es einen Kompromiß mit den notwendigen Kompromißverständnissen. Kein Mensch kann aus seiner Haut heraus, keiner sein Ich dem andern geben, Mann und Frau sich nicht, Eltern und Kinder sich nicht.«
Sein Herz wehrte sich gegen diese Worte, aber es konnte nichts Triftiges darauf erwidern, und ihm wurde kalt vor Einsamkeit. »Leben wir denn bloß, um uns fortzupflanzen?« fragte er.
Das Soldatenheim brachte ihm aber so viele Arbeit, daß er keine Zeit behielt, sich zu bedauern. Auch Ärger brachte ihm der Auftrag, denn der kommandierende General, ein straffer, kurz angebundener Herr, machte wiederholt Versuche, ihn in der Wahl der Stoffe zu beeinflussen, bis Hagenrieder die Geduld riß und er sagte: »Nach dem letzten Willen meines Freundes habe ich unbeschränkte Vollmacht! lehne ich den Auftrag ab, so fällt das ganze Unternehmen.« Da ließ ihn der General in Ruhe.
Hagenrieder arbeitete nun darauf los, wie es ihm gefiel. Er hatte in der Garnison einen tüchtigen jungen Baumeister gefunden, dem er trotz aller Quertreibereien der einflußreichen Klüngelkreise den Bau gab. Er hatte ihn gefragt, wie er sich das Haus denke: »Einfach und gemütlich,« hatte Kolden geantwortet, und der Maler erwiderte: »Sie sind mein Mann.«
Als der Bau fertig war, gefiel er ihm so sehr, daß er voller Freude an die Arbeit ging. Er verzichtete vollkommen darauf, die Wände mit Schlachtenbildern zu bedecken; er malte Landschaften mannigfachster Art, in deren Vordergründen der Bauer bei der Arbeit dargestellt war. Nur die Hauptwand des Vortragssaales bekam ein Bild anderer Art, eine weite Herbsthaide, rechts und links von goldenen Birken umschlossen, und über die Haide ritt an der Spitze seiner Reiter, die wie Schatten aus dem Frühnebel auftauchten, der König als oberster Kriegsherr.
»Ich habe immer gedacht, Uniformen könne man nicht malen,« sagte Kolden; »ich habe mich geirrt.« Der Maler lachte: »Ja, ohne die Eselsbrücke mit dem Nebel wäre es auch nicht gegangen.« Aber er freute sich selber, daß das Bild ein Kunstwerk geworden war, und als der kommandierende General ihm die Hand schüttelte und sagte: »Ganz recht von Ihnen gewesen, daß Sie sich mein Dreinreden verbaten; Sie haben alle meine Bedenken schlank übergeritten,« da fühlte er, wie ihm das Gesicht heiß wurde.
Am Tage darauf war er bei dem General zu Tisch geladen. »Sagen Sie mal, was haben Sie eigentlich,« fragte der ihn beim Braten; »machen immer so hinterhältsche Augen. Auf ihr Wohl!« Helmold lachte und sagte: »Schlechte Kinderstube, Exzellenz!« Nach aufgehobener Tafel überreichte er dem Gastgeber ein gestempeltes Schriftstück. Der alte Herr, der drei Feldzüge mitgemacht hatte, zog die Augenbrauen immer höher, je länger er las, und ließ sogar seine Zigarre ausgehen. Dann legte er das Aktenstück auf den Tisch, schlug mit der Hand darauf, sah seine Frau, den Adjutanten, den Baumeister und dann den Maler an, holte tief Luft und stöhnte: »Na, das muß ich aber sagen; besser konnten Sie es mir gar nicht geben. Hört mal, Kinder: unser Freund hier verzichtet auf das ganze Honorar zugunsten des Militärhülfsvereins. Pff! Ich muß einen Kognak trinken. Erst Gänsebraten und dann der Schreck!«
Hagenrieder hatte die Schenkung gemacht, weil eine wahrscheinlich von den Klüngelkreisen beeinflußte recht minderwertige Zeitung eine Andeutung gemacht hatte, als habe er Samlitz bewogen, ihm den Auftrag zuzuwenden, und dann war ihm auch zu Ohren gekommen, daß an einigen Stammtischen gesagt war, mit dem vierten Teile der Summe wäre seine Arbeit reichlich bezahlt. Er lachte aber nur, als er einige Zeit darauf das plumpe Lob las, das ebendieselbe Zeitung vor seiner Hoteltür ablud, und als er mit den Leuten zusammenkam, von denen er wußte, daß sie ihm von hinten gegen den Rock gespuckt hatten, ließ er es sie nicht merken, daß er genau darüber unterrichtet war. Aber als er mit ihnen anstieß und ihnen freundlich zunickte, dachte er: »Ach ja, ich kann mich sogar diesem Gesindel gegenüber beherrschen; was hätte es mir früher für einen Spaß gemacht, ihnen die Reißzähne zu zeigen. Man wird alt.«
Zu der Einweihung des Soldatenheimes erschien der König selbst. Er zeichnete Hagenrieder sehr aus und ließ sich sagen, welche Absicht er gehabt habe, daß er bis auf das eine Bild lediglich bäuerliche Arbeit dargestellt habe. »Ja,« erwiderte der Maler, »Majestät, gedacht? Ich denke beim Malen nicht. Aber ich hatte so das Gefühl: du malst für Soldaten, und mußt ihnen das Komplement zum Soldatenleben geben.« Der König sah ihn ernst an, nickte mehrere Male und sagte: »Ich glaube, Sie haben das Richtige getroffen. Anfangs stutzte ich, als ich unter dem Hauptbilde im Lesezimmer den Spruch des großen Korsikaners las. ›Den Acker bestellen, das ist der wahre Beruf des Menschen,‹ denn er wirkt unwillkürlich wie ein Witz, und ob der Mann das ehrlich gemeint hat, ist noch fraglich, denn seine Sankt Helenaer Aussprüche schmecken zum Teil sehr nach Kaptatio benevolentiae. Aber eine Wahrheit wird darum nicht entwertet, wird sie nicht aus ehrlicher Absicht gesagt.« Er betrachtete dann aufmerksam das Gemälde im Vortragssaale, sprach aber nur von der Landschaft und wandte sich zu dem Baumeister.
Hagenrieder bekam die nächste Klasse des Ordens, den er schon besaß, und beim Geburtstage des Königs wurde ihm der Adel, den seine Vorfahren abgelegt hatten, wieder verliehen. Er holte Hennecke ab: »Komm mit nach Stillenliebe, Hennig,« bat er; »es ist nicht zum Aushalten; jeder Ochse tut so, als wenn ich auf einmal ein anständiger Mensch wäre. Ich komme mir wahrhaftig beinahe selber schon so vor.«
Auf dem Bahnsteige begegnete ihm Kommerzienrat Britting mit seiner Frau Meinholde geborene Marten. Sie war noch schöner geworden und sah den Maler so an, daß Hennecke dachte: ›Dunnerkiel!‹ Er sagte jedoch nichts. Er hatte seinen Freund und sie vor Jahren einmal im Walde getroffen, Helmold aber nie nach ihr gefragt. Der grüßte höflich wieder, ohne den heißen Blick zurückzugeben. Zwischen ihm und ihr hatte sich beinahe eine Liebschaft angeknüpft, und es wäre ihm leicht gewesen, das Mädchen ganz zu gewinnen. Da bemerkte er bei einer Gesellschaft, daß sie mit einem häßlichen Blick nach dem Nacken seiner Frau sah. »Unverschämtheit!« hatte er gedacht, und sie fortan gemieden.
Während der Zug durch das herbstliche Land schnaufte, dachte er an alles das, was ihm im Leben entgangen war, aber mit demselben Gleichmute, wie an das, was es ihm beschert hatte. »Du«, sagte Hennig, und hielt ihm die Zeitung hin, »die Prinzessin hat sich verlobt.« Sein Freund nickte; das rührte ihn nicht mehr als das Adelsprädikat, als Meinholdes einladender Blick, als das ganze Leben mit allem seinem Drum und Dran. Er erschrak sogar recht wenig, als er Annemieken wiedersah; sie hatte eine verdächtige Glut in den Augen, auf jeder Backe einen kreisrunden roten Fleck, und ihr Husten war hart und trocken. Er sagte ihr, sie solle sich einmal gründlich untersuchen lassen, und er wollte sie gern nach dem Süden schicken, aber sie wehrte ab: »Das geht vorüber. Und mich vor dem Doktor nackigt ausziehen, ich müßte mich ja totschämen. Und unter fremde Leute kann ich schon gar nicht gehen.«
Als er abends mit Hennecke im Jagdhause vor dem Kamin saß, wunderte er sich, wie stumpf er geworden war. »Sehe ich sehr alt aus, Hennig?« fragte er ihn. »Du alt?« erwiderte der lachend: »Mann in den besten Jahren! Ordentlich heiratsfähig siehst du aus!«
Helmold aber dachte: »Das ist bloß äußerlich; mein Herz wird immer knickebeiniger.«
Nachspuk
Die Brennhexe lag im Moore und schlief; da kam der Südwestwind angegangen und kitzelte sie mit einem Grashalme in der Nase, so daß sie niesen mußte, und davon wachte sie auf.
Sie gähnte, reckte sich, schüttelte ihre Röcke zurecht, klopfte die Schürze glatt, lächelte, wiegte den Kopf hin und her und begann zu tanzen, daß der feuerrote Rock und die gelbe Schürze wie Flammen leuchteten.
Da sah sie dort, wo zwischen den Birkenbüschen Wasser blitzte, einen hellen Fleck, und das war ein menschliches Angesicht, und es gehörte zu einem Manne im grünen Rocke, der mit der Büchse auf dem Rücken langsam dahinging.
»He du!« rief die Brennhexe und winkte ihm, aber Helmold Hagenrieder hörte nicht. Er blickte gerade aus, denn er sah einen mit Kienruß schwarz gemachten Sarg, und darin ein weißes Gesicht, und zwei wachsgelbe Hände, die einen Rosmarinstrauch hielten, Hände, die ihn so manche Nacht lieb gehabt hatten, wenn er des Stadtlebens müde und des Malens satt, in dem Strohdachhause unter dem Osterhohl eingekehrt war.
Es war keine Trauer in ihm, sondern nur ein Mitleid mit sich selber, daß er jetzt niemand mehr hatte, dem er sagen konnte, daß sein Herz unter der Erde läge, unter einem Hügel, auf dem ein Brett stände mit der Inschrift: »Es ruhe in Unfrieden.«
Gleichmütig rauchte er seine Pfeife. »Herr Geheimer Hofrat Senator Professor Helmold von Hagenrieder, erster Vorsitzender des Kunstvereins, Ehrenmitglied der Kunstgenossenschaft, Inhaber von einem halben Dutzend goldener Ehrenmünzen und Staatspreisen, Ritter hoher Orden, wissen Sie, was Sie sind, Verehrtester?« sagte er zu sich und sah sich spöttisch an: »erinnern Sie sich noch jenes Ligusterschwärmerweibchens, das Sie als zwölfjähriger Bengel fingen, mit Schwefeläther töteten, nadelten und aufspannten? Als Sie nach vier Tagen das Spannbrett vom Schranke nahmen, bewegte der Schmetterling ruhig und besonnen den Hinterleib hin und her und entledigte sich seiner Eier, obgleich sein Vorderleib gänzlich abgestorben war. In demselben Zustande, mein Lieber, befinden Sie sich; ruhig und besonnen schaffen Sie ein Kunstwerk nach dem anderen, aber nur mit Kopf und Hand, denn Ihr Herz ist längst tot.«
Das sah die Brennhexe auch ein. Sie war ganz dicht hinter ihm gewesen, aber als sie sein Gesicht sah, machte sie eine verächtliche Bewegung mit der Hand und blickte sich nach einem anderen Tanzeschatz um, dessen Augen nicht so kalt aussahen, wie Moorwasser im März. Da sie aber immer noch so hübsche Beine hatte, wie damals, als sie den selben Mann quer durch das Moor gehetzt hatte, so war der Torf wieder lichterloh verliebt geworden, und Helmold Hagenrieder mußte machen, daß er weiterkam, denn das Feuer rückte ihm von drei Seiten auf den Leib. Dieweil er aber den Springstock nicht bei sich hatte, so wurde es ihm schwer, die Moorgräben zu nehmen, so daß er schließlich in einen Abstich springen und bis an den Hals untertauchen mußte.
Ziemlich lange mußte er im Wasser bleiben, obgleich ein Schauer nach dem andern ihn schüttelte, denn er war unfrisch und müde. Er war, nachdem er Annemieken die letzte Ehre erwiesen hatte, die ganze Nacht aufgeblieben und hatte sich mit dem Monde unterhalten; er hatte in dem Backenstuhle neben der Feuerstelle gesessen, und der Mond hatte sich in dem Spinnstuhle niedergelassen.
Es war kalt gewesen in der Nacht; denn das Feuer war ausgegangen, und das Spinnrad stand still; es sah wie ein Gespenst aus, und der Kesselhaken hatte ein trauriges Gesicht.
»Ja, ja, Kerl,« hatte der Mond gesagt, »es nimmt eben alles einmal ein Ende; auch ich war einst jung, hatte ein rotes Herz und Gedanken, so grün wie Maibaumlaub zur Pfingstzeit. Das ist schon manchen Donnerstag her, und mir ist so, als wäre das alles nicht wahr, die vulkanischen Träume meiner Jugend und meines Mannesalters Ebbe und Flut. Aber so stehe ich mich schließlich doch besser; man hat keine Hoffnungen mehr, aber auch keine Enttäuschungen. Sei froh, Kerl, daß es dir ebenso geht!«
Sein Freund hatte sich eine neue Pfeife gestopft und nichts gesagt, so daß der Mond geärgert aufstand und fortging. Helmold hatte gegen Morgen ein Glas kalte Milch getrunken, ein Stück Brot gegessen und war auf die Frühpürsch gegangen; doch machte ihm das Waidwerken gar keine Freude. »Lebendiges Leben ist so schön«, sagte er sich, als er den Hauptbock in der Wiese stehen sah, wie eine Flamme in der ersten Sonne leuchtend; »lebe und liebe, du adelig Getier, bis deine Zeit um ist. Ich weiß, was es heißt, zu sterben vor der Zeit, die einem bestimmt ist!« Er hatte sich umgedreht und war weiter geschlichen.
»Es ist immer das selbe«, dachte er; »der Himmel ist blau und die Sonne gelb. Man müßte eigentlich einmal in ein Land gehen, wo der Himmel weiß und die Sonne schwarz ist, oder dahin, wo eine weiße Sonne in einem schwarzen Himmel steht. Ein wie das andere Jahr blüht das Moor im Spätsommer rosenrot; hinterher werden die Birken gelb; dann kommt der Schnee, und so geht es in der selben langweiligen Weise weiter. Das kenne ich nun ein halbes Jahrhundert lang und bin seiner satt. Und mit Liebe und Haß ist es ebenso: erst rot, dann gelb, dann braun und zuletzt weiß, immer in der selben eintönigen Art; ich mache mir nichts mehr daraus.«
Er fuhr nach Hause. »Du siehst nicht gut aus, Liebster,« sagte seine Frau. »Bißchen erkältet,« antwortete er und ging an seine Arbeit. Er lebte in stiller Tätigkeit drei Tage hin, bis ein heftiges Kopfweh, Schüttelfrost und Fieber ihn zu Bette brachten. In der Nacht wachte er auf und sah den grauen Engel vor seinem Bette sitzen. »Meinetwegen!« sagte er zu ihm. Eine alberne Angst kniete ihm auf dem Herzen, würgte ihm am Halse und schlug ihn, daß ihm der Kopf zu zerspringen drohte; er weckte seine Frau aber nicht, um sie nicht zu ängstigen.
Am Morgen sah er so elend aus, daß Grete Beni Benjamin herbeirief. Der untersuchte ihn, runzelte die Stirn und sprach nachher zu Frau Hagenrieder: »Es steht recht schlimm; doppelseitige Lungenentzündung. Bereiten Sie sich auf alles vor, liebe Freundin. Und lassen Sie Hennig rufen.«
Am Nachmittage des dritten Tages, nach dem Helmold sich niedergelegt hatte, gab der Arzt keine Hoffnung mehr. »Trösten Sie sich, Frau Hagenrieder,« sagte er: »er hat alles erreicht, was einem Menschen beschieden sein kann, und mehr gelebt, als wenn er hundert Jahre alt geworden wäre.« Der Frau liefen stumme Tränen über das Gesicht. »Nein,« erwiderte sie und schüttelte den Kopf, »nein, das hat er nicht.«
Sie seufzte auf und begann wieder: »Lieber Hennig, und bester Herr Doktor, was meinen Sie, soll ich nicht Swaantje telegraphieren? Vielleicht ist es ihm eine Freude, sie noch einmal zu sehen.« Der Arzt sah Hennecke an und dieser ihn. »Er hat von ihr kaum mehr gesprochen,« antwortete Hennig, und Benjamin setzte hinzu: »Auch in seinen Fieberdelirien nicht. Ich glaube, er denkt nicht mehr an sie. So ist es wohl besser, wir stören ihn nicht beim Einschlafen.« Hennecke aber fragte: »Wann kann sie spätestens hier sein?« »Morgen mittag,« antwortete sie. »Dann hat es keinen Zweck mehr;« dachte der Arzt, »denn er überlebt die Nacht nicht mehr.« Dann schwiegen die drei Menschen und sahen mit leeren Augen aneinander vorbei.
»Grete,« flüsterte es im Nebenzimmer. »Helmold?« rief die Frau, nötigte ein Lächeln auf ihr Gesicht und ging zu ihrem Gatten. Seine Augen waren ganz klar. Er griff schwach nach ihrer Hand; sie gab sie ihm, und er drückte sie. »Es ist alles in Ordnung,« murmelte er, »das Testament, und das andere. Weißt du mit den Kindern,« er schloß die Augen, »nicht Bescheid, Hennig hilft dir, und Beni auch.« Sie flüsterte ihm zu: »Sollen die Kinder kommen?« Er winkte mit den Augen ab und hauchte: »Schlafen lassen!« Er fing an zu keuchen und wand sich hin und her. »Kommen Sie,« sagte der Arzt und führte die Frau hinaus, denn er sah, daß es zu Ende ging.
Der Kranke keuchte immer schwerer und murmelte bald laut, bald leise. »Alles in Ordnung, alles, alles,« flüsterte er; »mündelsicher angelegt.« Seine Stimme starb, und sein Atem schlief ein. Noch einmal stieß sein Leben den Tod zurück: »Bravo, Prinz!« murmelte er; »er hat die Kugel zwölf Ring, der Hirsch. Frau Pohlmann, einen können wir noch!« Er hielt an und flüsterte: »Klaus, wollen eins singen!« Wie aus weiter Ferne klang es: »Ein Jägermädchen, das trägt ein grünes, grünes Kleid.« Sein Kopf fiel herum; der Arzt sah, daß die Augen gebrochen waren. »Annemieken!« flüsterte der Sterbende, und die Steppdecke zitterte.
Der Arzt horchte eine Weile, murmelte etwas, drückte dem Toten die Augen zu, zog die Bettdecke zurecht und ging hinaus.
Es war ein Uhr in der Nacht, als er das Haus verließ; Hennig blieb zurück, damit die Frau nicht allein mit dem Toten wäre. Als der Arzt am anderen Vormittage zurückkehrte, fand er Swaantje Swantenius bei Frau Hagenrieder. Er begrüßte sie kühl, und Hennecke, der bald darauf auch kam, benahm sich noch kälter gegen sie.
Zwei Tage später wurde Helmold Hagenrieder begraben. Wagen auf Wagen folgte dem Sarge, und hunderte von Männern zu Fuß gingen hinter ihm her. Als der Geistliche die Leichenrede hielt, wurde er fast verwirrt, denn noch niemals hatte er ein so verschiedenartiges Gefolge gesehen. Die höchsten Staatsbeamten, das ganze Stadtverordnetenkollegium samt dem Magistrate waren zugegen, viele Offiziere, Förster und Jagdaufseher und eine lange Reihe von Bauern und Landarbeitern mit ihren harten Gesichtern und unmodischen Hüten.
Der Himmel war von einem abgeschmackten Grau, ein langweiliger Wind ging, und mit blassem Gesichte stand der Mond am Himmel und sah mit gleichgültigen Augen auf die Menschen, die das Grab umgaben, und als sie sich verkrümelten, lächelte er ein bißchen spöttisch über den Wall von kostbaren Kränzen, der die Stätte bedeckte, wo Helmold Hagenrieders leerer Leib lag; denn dessen Seele war gänzlich verschwunden, weil sie schon vor dem Tode ihren Inhalt verloren hatte. »Ein schöner Blödsinn«, dachte der Mond, schüttelte den Kopf und verzog sich bis auf weiteres.
In der Nacht aber suchte er Swaantje Swantenius auf. Sie lag ohne Schlaf in ihrem Bette und lauschte auf das, was die Stille sprach, und sah, was die Dunkelheit ihr wies.
Die Stille sang ein höhnisches Lied, und die Dunkelheit hielt ihr Helmolds Gesicht hin. Sie streckte die Hände danach aus und flüsterte: »Ich habe dich so oft heimlich lieb gehabt, so oft; hast du es nie gefühlt?« Aber das weiße Gesicht starrte sie an, als wäre sie nicht da.
Bittend sah sie den Mond an: »Du warest sein guter Freund, du weißt alles von ihm; denkt er noch an mich, weiß er noch von mir?« Der Mond sah sie nicht einmal an.
Sie schlief die ganze Nacht nicht und reiste am andern Morgen ab, worüber Frau Hagenrieder sich sehr wunderte.
Inhaltsverzeichnis
Vorspuk 1
Die Sektflasche 7
Das Stapelienbild 21
Der Vollmond 36
Der eiserne Ritter 50
Das Seelenhaus 68
Der Mohnblumenkranz 91
Der Platzhirsch 128
Die Wundfährte 162
Der graue Engel 189
Der weiße Garten 197
Der Sarg 222
Die Panne 245
Nachspuk 267
Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
Eugen Diederichs Verlag in Jena
Hermann Löns
Der kleine Rosengarten, Volkslieder
Mit Umschlag von _Wilhelm Schulz_
14.--23. Tausend. kartoniert 2 Mark
Der Wehrwolf. Eine Bauernchronik
27.--31. Tausend. broschiert 3 Mark. gebunden 4.20 Mark
_Die neue Rundschau_ (Verlag S. Fischer): Dieses Buch des Norddeutschen Löns ist ein männliches Buch. Hier erlebt man den Dreißigjährigen Krieg in einem einzigen Dorf. Hier heißt es jeden Augenblick: das Leben. Wäre dies nur der Krieg, dann lese man allerdings besser im Geschichtsbuch. Hier ist aber alles allgemein deutsam, gerade weil dies nicht unterstrichen wird. Hast du bemerkt, wie das Genrebild hier in die Landschaft gesetzt ist, das Einzelne ins Allgemeine, wie bei Breughel und den Seinen? Und wie ist hier alles komponiert, von den Kapitelüberschriften bis zu den Schlußliedern! In zwanzig Zeilen weiß dieser Löns die Herankunft einer Reiterschar zu beschreiben, das Harren von hundert versteckten Bauern, ihren Überfall. Wie die Kinder noch den toten Hund streicheln. Wie der einzig überlebende Knecht während seiner Erzählung von dem Überfall des Dorfes mitten im Satze einschläft. Wie diese Bauern, als sie die beiden Haupthalunken haben, plötzlich zeremoniös werden: ohne Ansehen haben sie alle fremden Scharen erschlagen, -- hier, wo Schuld und Sühne lebendig wird, vor ganz bestimmten Schuldigen, bahnt sich das Rechtsgefühl durch ihre Wut den Weg und stellt sich auf mit Schwert und Wage, wie als wäre es ein bestellter Gerichtshof, der dort Recht spricht. »Die Sonne kam heraus«, heißt es da, »und beschien zweihundert Gesichter. Sie waren alle von Stein.« Hier ist nichts erarbeitet, alles verarbeitet und so im ganzen aufgegangen, wie bei einem, der die Geschichte seiner Väter schreibt.