Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte
Part 20
»Verdammter Blödsinn,« knurrte ihr Mann; »mußte der Esel von Anwalt das auch jetzt gerade schicken!« Er klingelte nach dem Mädchen und brachte mit ihr zusammen seine Frau zu Bett. Sie erwachte bald wieder, sagte aber, ihr sei so schlecht, daß sie ihn nicht begleiten könne. Er fühlte, daß ihr Herz zu eifrig arbeitete und ließ Benjamin rufen. Der kam sofort, untersuchte den Herzschlag und verordnete ein leichtes Schlafmittel, machte einen Umschlag und sagte lächelnd: »Na ja, liebe Frau Hagenrieder, wer kann für Malhör! Morgen werden Sie den Schlag verwunden haben.« Als er aber mit ihrem Manne allein war, sprach er: »Hagenrieder, sie hat kein gesundes Herz von Hause aus. Wer hätte das gedacht; solche blühende Frau! Also immer nett und freundlich zu ihr sein, und sie mit Ihren Privatsorgen verschonen! Sie hat reichlich viel Aufregungen und Kummer gehabt in den letzten Jahren.« Am anderen Tage war sie aber schon wieder ganz vergnügt und freute sich in ihrer kindlichen Weise über das viele Geld, und ihr Mann tat so, als ob ihm auch so viel daran gelegen wäre, obgleich das durchaus nicht der Fall war. Es war ihm natürlich angenehm, daß die Zukunft seiner Frau und Kinder gesichert war, aber die Menge von Schererei, die die Erbschaft mit sich brachte, weil ein Teil davon in Häusern und Grundstücken bestand, war ihm sehr lästig, und es war ihm äußerst unbequem, daß er deswegen mehrere Reisen machen mußte.
Er hatte seine Frau gebeten, den Kindern nichts von der Erbschaft zu sagen, aber sie hatten es in der Schule gehört, und Swaan sowohl wie Swenechien trugen die Nasen nun noch einmal so hoch. Das verdroß ihren Vater über die Maßen, und als der Junge eines Tages fragte: »Kaufen wir uns nun ein feineres Haus?«, da fuhr er ihn recht grob an und fauchte: »Wir? welcher Wir? Glaubst du, das Geld gehöre dir mit? In diesem Hause ist deine Mutter zur Welt gekommen, und es entspricht der Stellung deines Vaters vollkommen. Glaubst du, wir sollen uns mit solcher Protzscheune lächerlich machen wie Noltens, als sie das große Loos gewannen und sich gleich einen Nagel in den Kopf traten?«
Swaan bekam einen feuerroten Kopf und würgte an seinem Bissen herum; dann aber sah er Swenechien an und lächelte heimlich. Hagenrieder hatte es schon öfter bemerkt, daß die Kinder über ihn lachten, wenn er ein derbes Wort oder einen klobigen Vergleich gebrauchte, und anfangs hatte er sich darüber gegrämt. Seitdem sein Herz aber kälter geworden war, war es ihm gleichgültig, wie seine Kinder sich zu ihm stellten; er wußte es, daß es sein Schicksal war, allein zu bleiben.
In der ersten Zeit nach der Auszahlung der Erbschaft hatte Grete einen Anfall von Einkaufsfieber gehabt; das hatte sich jedoch sehr bald gelegt. Sie quälte ihn eine Zeitlang mit der Bitte, sich etwas zu wünschen, bis er schließlich sagte: »Eine gute Doppelbüchse mit Sicherheitsverschluß für rauchloses Pulver und Mantelgeschoß, elf Millimeter, Nickelmantel und Stahlkern, die hätte ich schon lange gern gehabt; war mir bloß immer zu teuer.« Er bekam sie zum Geburtstage, und er überlegte lange, was er seiner Frau schenken solle, bis er hörte, daß das Nachbargrundstück verkauft würde. Da erwarb er den größten Teil des Gartens von dem Gelde, das er für die Ausmalung des Schauspielhauses bekommen hatte, schickte seine Frau und die Kinder auf acht Tage nach Swaanhof, ließ den Zaun abreißen und die Neuerwerbung in den alten Garten hineinziehen. Grete bekam nasse Augen, als sie am Morgen ihres Geburtstages von ihm in den Garten geführt wurde, denn ihr Vater hatte einst, als er Verluste gehabt hatte, die Hälfte seines Grundstückes an den Nachbar abgetreten, und jedesmal, wenn sie über den Zaun sah, tat ihr das Herz weh, denn gerade das Stück jenseits des Gatters war früher ihre liebste Spielecke gewesen. »Du einziger Mann,« rief sie, und küßte ihn wie in der Flitterwochenzeit. »Aber nun darf ich dir auch etwas recht Schönes schenken, nicht wahr?« jubelte sie; »einen kapitalen Elch und einen Hauptbären? Bitte, bitte!«
Er nahm lachend an; er wollte ihr die Freude nicht verderben. Vor fünf Jahren hätte er ein Indianergeheul ausgestoßen, hätte er auf Elch oder Bär jagen dürfen; nun waidwerkte er nur noch aus Gewohnheit, und um mit Anstand den Asphalt hinter sich liegen lassen zu können. Wenn er mit seiner Frau durch den Stadtwald ging, und die Ulenflucht kam heran, dann sagte er wohl aufseufzend: »H' ach, ich muß doch einmal wieder hinaus!« War er dann im Wald und auf der Haide, dann gab er sich wenig Mühe um Bock und Hirsch, und wenn er den Finger krumm machte, dachte er: »Hoffentlich hört es den Knall nicht mehr, daß ich es nicht abzufangen brauche!« Mußte er es dennoch tun, so ekelte ihn das auch nicht weiter; nur der Gedanke daran war ihm unbequem.
Er fuhr schließlich mit dem Prinzen nach Rußland, legte auch einen sehr starken Elchhirsch auf der Pürsche aus freier Hand auf die Decke, schoß einen fast ebenso guten vor den Hunden, regte sich aber so wenig dabei auf und schoß so kalt wie auf eine Geltricke, so daß er sich sagte: »Den Bären will ich nun nicht mehr; erstens mache ich mir aus dem Totschießen gar nichts mehr, und zweitens hat mir der Bär zu viel Gemüt.« Der Prinz lächelte und sagte: »Du auch? Mir geht es ebenso.«
Nach einer gut gelungenen Saujagd saß Helmold mit ihm im Jagdhause vor dem brennenden Kamine. Das Gespräch tropfte langsam. Mehrere Male schien es dem Maler so, als ob der andere etwas auf dem Herzen habe, aber er fragte nicht; niemals waren zwischen ihnen persönliche Dinge zur Sprache gekommen; immer nur hatte sich die Rede um Jagd, Kunst, Literatur, Musik, Philosophie, Religion und Politik gedreht. Der Prinz wußte, daß Annemieken Hagenrieders Geliebte war; er ahnte auch, daß zwischen seinem Freunde und Swaantje ein Gewitter niedergegangen war; doch nie hatte er ein Wort darüber verloren.
Helmold war manches rätselhaft an Samlitz, den er von der Quarta an kannte, aber er hatte niemals darüber nachgedacht. Jetzt, wo er in seinen Augen eine schüchterne Bitte zu sehen meinte, fiel ihm ein, daß er es noch nie bemerkt hatte, daß dieser große, ebenmäßig gewachsene Mann mit dem Apollogesicht einen weiblichen Mund und unmännliche Augen hatte, und es fiel ihm ein, daß Brüne so gut wie nie über Frauen sprach, ihre Gesellschaft möglichst vermied und auch von ihnen wenig beachtet wurde, und daß er ihn sich mit einer Frau im Arme schlechterdings nicht vorstellen könne. Er war aber von dem langen Wege im hohen Schnee so müde, daß der Gedanke, der in ihm aufstieg, verschwunden war, ehe er ihn genau ins Auge gefaßt hatte. Am anderen Morgen fand er die stumme Bitte nicht mehr in den Augen des Prinzen und wunderte sich auch nicht, daß dieser ihm länger und fester, denn je, die Hand drückte und sagte: »Lebe wohl, und auf ein schönes Wiedersehen!«, denn Brüne hatte ihm gesagt, er habe eine längere Reise vor.
Drei Tage später, als er mitten in der Arbeit war, hörte er, wie die vierschrötige Magd in ihrer groben Weise sagte: »Unser Herr ist für niemand nicht zu sprechen«, und als er aus dem Fenster sah, mußte er lachen, denn da stand Klaus Ruter, den Wolkenschieber auf die Nase gezogen, einen grünen Schal um den Hals und in Kniestiefeln, wischte mit einer einzigen Bewegung seiner ungeheuren Hand das Frauenzimmer beiseite und knurrte: »Ich bin auch kein Niemand nicht; ich bin der Vorsteher von Stillenliebe und ein Duzfreund zu deinem Herrn, daß du's weißt,« und damit stieg er breitspurig quer über die verschneiten Beete, und die Magd machte Augen wie eine Kuh, wenn es donnert.
Helmold riß die Tür auf und rief: »Sieh, das ist ja fein, daß du dich wieder mal hergefunden hast, Rutersklawes; nun riecht es hier doch mal wieder nach Stillenlieber Torf!« Der Bauer sah sich um, stellte seinen Eichheister in die Ecke, drehte dann den Schal von dem Halse und sagte: »Du mußt nicht für ungut nehmen, daß ich hier so hereinkomme, wie ich bin; ich hatte ein eiliges Geschäft und konnte mich nicht erst fein machen.« Hagenrieder lachte, drückte ihn in einen Sessel und sagte: »Du bist mir in Joppe und Kniestiebeln lieber als der König von Spanien in Frack und Lackschuhen. Hast du schon gefrühstückt?« Ruter schüttelte den Kopf, und so bestellte der Maler ein handfestes Frühstück.
Der Bauer sprach erst von der Jagd, dann davon, daß das Dorf im nächsten Jahre eine Haltestelle bekommen würde, und daß die Wirtschaft in Ohlenwohle abgebrannt sei, und der alte Hillmers vom Schneekruge hätte tags zuvor das Zeitliche gesegnet, und als er Messer und Gabel hingelegt und seinen Schlußschnaps getrunken hatte und die Zigarre anbrannte, sah er Hagenrieder etwas verlegen an, räusperte sich und sprach: »So, weswegen ich hergekommen bin: es hat sich etwas Unliebsames bei uns begeben, oder vielmehr ein Unglück.« Helmold riß die Augen auf: »Mit Annemieken?« Klaus schüttelte den Kopf. »Nein, der geht es gut, soviel ich weiß. Das heißt, ich habe sie manchen Donnerstag nicht gesehen; denn wann komm' ich mal nach dem Osterhohl!« Er drückte an seiner Zigarre, obschon die sehr gut brannte. »Es handelt sich um den Prinzen.« Hagenrieder wurde es leichter um das Herz; denn wenn Annemieken ihm seit längerer Zeit nur noch eine Freundin war, oder vielmehr eine Zuflucht, war ihm die Stadt zu bunt und ihr Volk zu laut, ihr Schicksal lag ihm doch sehr am Herzen, und er hatte sich etwas erschrocken, als er sie das letztemal blaß und mager vorgefunden hatte. Als Ruter nun ganz trocken fortfuhr: »Das heißt, ich glaube, daß es sich um ein Unglück handelt, und daß er nicht selber Hand an sich gelegt hat«, da wunderte Hagenrieder sich, wie wenig ihn das zuerst berührte.
Als Ruter sich aber verabschiedet hatte, kam es Helmold kalt in seiner Werkstätte vor. Er zog die Schieblade auf, in der er seine Skizzenbücher verwahrte, nahm ein grünes Heft heraus, schlug es auf, besah lange das Blatt, auf dem der Prinz in voller Gestalt zu sehen war, und die, auf denen sein Gesicht abgezeichnet war, setzte sich vor den Kamin, stützte den Kopf in die Hände und sann lange nach, sich dabei bittere Vorwürfe machend.
»Ich hätte ihn doch fragen müssen; seine Augen baten so sehr darum,« dachte er; »vielleicht lebte er dann noch.« Denn er wußte, es war ganz ausgeschlossen, daß ein Unfall vorlag; so sorgsam, wie Samlitz, ging kein Mensch mit Schußwaffen um. Ein einziges Mal hatte er ihn grob werden sehen; das war, als ein Jäger beim Treiben mit dem Gewehr durch die Schützenlinie zog. »Ist Ihre Waffe nicht geladen?« hatte er den Herrn gefragt, und als der ein verwundertes Gesicht machte und sagte: »Natürlich!«, kam die eiskalte Antwort: »Na, dann benehmen Sie sich bitte dementsprechend!«
Es stand für ihn fest, daß Samlitz Selbstmord verübt hatte. Er sann vergeblich darüber nach, was der Beweggrund dafür gewesen wäre. Mangel an Geld oder Schulden kamen nicht in Frage; seit fünf Jahren war der Prinz sehr reich. Irgend eine schlechte Tat konnte auch nicht vorliegen, denn er war ein zu gefestigter Mann, um sich einer Leidenschaft hinzugeben. Helmold hatte ihn oft deshalb bedauert. Niemals hatte er bemerkt, daß Brüne mehr als drei Glas Wein auf einem Sitz trank, und über zwei Zigarren und eine Zigarette brachte er es keinen Tag. Auch konnte kein Weib die Ursache dieses unpathetischen Trauerspiels sein, weder mittelbar noch unmittelbar. »Vielleicht liegt doch ein Unglücksfall vor,« dachte er schließlich.
Am folgenden Tage wußte er, daß das nicht der Fall war. Zwar war Samlitz unter einer Wildkanzel gefunden worden, aber gerade das machte Hagenrieder stutzig; denn daß der Prinz mit geladener Büchse den Hochsitz erstiegen haben könnte, das war undenkbar. Außerdem saß der Schuß zu gut, Mitte Blatt. Aber den Ausschlag gab der Brief, der auf dem Schreibtische des Prinzen lag, und der an Hagenrieder gerichtet war, einen kleinen Schlüssel und folgende Zeilen enthielt: »Lieber Freund, in dem Geheimfache meines Schreibtisches, das du hinter der linken Schublade findest, liegt etwas für dich. Lies es, und sei gut zu mir, wenn wir uns wiedersehen. Dein Brüne.« In dem Fache lag ein versiegelter Umschlag, der Hagenrieders Namen trug und darin war ein schmales, in schwarzes Leder gebundenes Büchlein, dessen fünfzig Büttenpapierseiten mit der gesucht kräftigen Handschrift des Prinzen bedeckt waren.
Als Helmold das Buch zu Ende gelesen hatte, schüttelte er sich; das Herz fror ihm. Er hatte geglaubt, sein eigenes Schicksal sei schrecklich; das des Freundes war grauenhaft. Nun, da er tot und kalt war, fühlte er, daß er ihn liebte, oder daß er ihn jetzt erst lieben gelernt hatte. »Barmherzigkeit!« dachte er, »wenn ich das geahnt hätte! Wie gern hätte ich ihm, wenn ich ihm auch nicht helfen konnte, die Lippen geöffnet, daß er einmal in seinem Leben einem Menschen sein Elend klagen und einen Teil davon abgeben konnte.« Immer und immer wieder mußte er den Schluß der Niederschrift lesen: »Und weil mir das Schicksal bestimmt hatte: du sollst nicht wissen, was Liebe ist, und weil es mir keine Fähigkeiten gab, durch die ich der Menschheit nützen konnte, und mein Elend dadurch vergessen, so bin ich ohne Liebe und ohne Haß durch das Leben gegangen, ein überflüssiger Mensch, nicht mehr wert, als ein seiner selbst unbewußter Trottel. Ich hoffe, daß mir drüben das gegeben wird, was ich hienieden nicht kennen lernte: eine Liebe und ein Haß.«
Helmold ging an die Kredenz und trank drei Gläser spanischen Wein, so fror es ihn. Und dann fiel ihm Swaantje ein, und er fand, daß ihr Geschick dem des Toten ähnele, und er fühlte etwas wie Genugtuung, daß er ihr wenigstens eine unglückliche Liebe aufgezwungen hatte. »Das ist doch besser als gar keine,« dachte er und staubte den Rest der Vorwürfe, die er sich ab und zu ihretwegen noch machte, von seinem Gewissen herunter.
Er besorgte alles, was der traurige Fall erforderte, und dann ging er zu Annemieken, um an ihrem stillen Wesen Beruhigung zu suchen. Die fand er bei ihr auch, so daß er am folgenden Tage dem Bruder des Toten gefaßt gegenüber treten konnte.
Er fand einen großen, schweren Mann mit gutmütigem Gesichte, dem man es nicht ansah, daß er im französischen Kriege eine Batterie über den Haufen geritten und hundert Buschklepper hatte zusammenschießen lassen. Er hatte so etwas Bestimmtes in seinem Wesen, daß Hagenrieder mit der Wahrheit nicht hinter dem Berge zu bleiben vermochte. Als der Fürst das Buch gelesen hatte, fragte er: »Darf ich es behalten?« Der Maler nickte: »Ich danke Ihnen, mein Freund,« sagte der andere ernst, indem er ihm fest die Hand drückte; dann legte er das Heft in das Kaminfeuer, und Hagenrieder schickte den Brief Brünes hinterher.
»Daß etwas anders als ein Unfall vorliegen könnte,« fing der Fürst nach einer Weile an, »vermutet hier niemand?« Als sein Gegenüber durch eine Kopfbewegung verneinte, murmelte er: »Um so besser!«
Hagenrieder begleitete den Fürsten nach Hohen-Samlitz, wo die Beisetzung stattfand. Die Fürstin, eine sehr große und schöne Frau mit jungen Augen und ganz weißem Haare, empfing ihn, auf einem Ruhebett liegend. Nachdem sie dem vierten Kinde das Leben gegeben hatte, war sie leidend geblieben. »Also Sie waren unseres armen Brüne einziger Freund?« sprach sie leise, ihn voll ansehend; »er hat sehr oft von Ihnen gesprochen und ganz anders als von seinen übrigen Bekannten. Sind Sie sehr vertraut mit ihm gewesen?« Der Maler verneinte. »Also auch Sie nicht, selbst Sie nicht! Er war so unglücklich sein Leben lang, denn ich kannte ihn von klein auf. Die Mutter hat ihm gefehlt; sie starb, bevor er sprechen lernte. Jetzt erst, wo er von uns gegangen ist, weiß ich, wie gern ich ihn hatte; aber er war so unnahbar. Erzählen Sie mir von ihm, wenn Sie mögen.«
Obwohl Hagenrieder gleich nach der Beisetzung fortgefahren war, hatte die Fürstin einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß er während der ganzen langen Fahrt ihr Gesicht vor Augen hatte. »Was ist das bloß wieder mit mir?« dachte er; »ich habe mich glatt in sie verliebt, in ihre Augen, ihr Haar, ihren Mund, ihre Hände und in ihre Stimme.« Es bekümmerte ihn sehr, daß diese schöne, stolze und gute Frau, einst eine der besten Reiterinnen im Lande, in deren Stimme so viel Kraft und Leidenschaft lag, seit langen Jahren mit hilflosem Körper da lag, ein Wrack am Strande.
»Merkwürdig,« so sann er, »und ich liebe sie gerade deswegen. Und darum liebte ich Swaantje auch so sehr, und darum liebe ich nachträglich den armen Brüne, alles gefesselte Seelen, und das war es auch wohl, was mich zu Annemieken zog, das Leid, das hinter ihrem hübschen Kindergesichte lag.« Er hatte sie niemals gefragt, welcher Art das Unwetter gewesen war, das sie erlebt hatte.
Zwischen ihr und Helmold war aus der Liebschaft ein Verhältnis geworden, wie zwischen Bruder und Schwester. Er schlief jetzt immer im Kruge, denn das Mädchen sagte einmal: »Es könnte darüber doch einmal so laut geredet werden, daß es in der Stadt zu hören ist; na, und das willst du doch auch nicht gern!« Aber wenn er in Stillenliebe war, kehrte er zum Vesper immer bei ihr ein und blieb bei ihr, bis es Schlafenszeit war. Er saß dann im Backenstuhl am Feuer, rauchte, sah ihr beim Spinnen zu, dachte an das, was ihm das Leben an Licht und Schatten gebracht hatte und fand, daß er damit eigentlich zufrieden sein könne.
Ab und zu sah er in dem wirbelnden Herdrauche Swaantjes Gesicht. Ohne Eigenleid dachte er an sie; denn er war sich ganz klar darüber, daß er ihr mehr gewesen war als sie ihm. Er hätte ihr Leben ausfüllen können; sie wäre ihm nur eine Ergänzung gewesen.
Überhaupt sah er jetzt ganz klar. Eines Tages fuhr er im Kraftwagen nach Stillenliebe, um den Pachtvertrag auf seine Person umschreiben zu lassen. Hennig begleitete ihn, wie jetzt öfters, wenn er auch kein Gewehr anrührte. Helmold hatte am Tage vorher einen langen Brief vom Fürsten bekommen, der den letzten Willen Brünes betraf, und wonach Hagenrieder mit der Bauleitung und Ausschmückung für ein Soldatenheim betraut wurde, das der Verstorbene seiner ehemaligen Garnison stiftete. Das Honorar war so hoch bemessen, daß der Maler dem Fürsten schrieb, er wolle erst persönlich mit ihm Rücksprache nehmen.
Gerade setzte er Hennig die näheren Umstände auseinander, da gab es einen Stoß, und das Auto wollte nicht vom Flecke; die Vorderachse war gebrochen. Da Hennecke sich den linken Schenkel etwas verstaucht hatte, verbot es sich, daß er die zwei vollen Stunden nach Stillenliebe zu Fuß abmachte; darum schickte Hagenrieder den Wagenlenker nach einem Fuhrwerke.
»Ein Segen, daß es sich aufgeklärt hat,« meinte Hennig und räkelte sich im Haidkraute; »wenn es jetzt regnete, fände ich den Fall tragisch.« Sein Freund lachte: »Optimist, der du bist!« Der andere zuckte die Achseln: »Na, und du bist es ja auch.« Der Maler steckte sich eine Zigarre an und sah gegen den Himmel, unter dem ein Gabelweih kreiste. »Hm,« meinte er dann, »anders bleibt einem ja schließlich auch nichts übrig, wenn man kein oberflächlicher Kopf ist. Sieht der Milan da nicht herrlich aus, und wie schön die Haidlerche singt!«
Er streichelte ein goldrot blühendes Moospolster. »Du hast einmal gesagt, Hennig, man ist, wie man ist. Das stimmt. Was habe ich früher an mir herumgebogen; Zweck hat es nicht gehabt. Ich habe immer gedacht, als Bauer oder Trapper wäre ich glücklicher geworden; das war natürlich Unsinn. Ich habe auch geglaubt, ich sei ein Ausnahmemensch, eine untypische Erscheinung. Jetzt sehe ich ein, daß ich ein Typus bin und dessen Gesetzen unterliege, mir selber keine schaffen kann. Weil ich aber ein Künstler bin, bin ich stets unzufrieden gewesen. Zufriedene Maler und Bildhauer und Dichter und Musiker, die gibt es wohl, aber dann sind es eben Handwerker. Die Unzufriedenheit ist die Grundlage der Kunst und alles andern Schaffens.«
Er sah Hennecke an, lachte süßsauer und fuhr fort: »Früher, hurra, was fühlte ich mich! Aber meine Kunst, die war doch eine künstliche Maschine, wie diese rote Karre da, die jetzt mit gebrochenem Schlüsselbein auf der Nase liegt. Vorzüglich in diesem Koofmichzeitalter ist die Kunst kein solides Lebensfahrzeug. Das Kunstwerk ist Ware geworden. Ich male ein Bild mit Hirn und Herzblut, und dann kommt irgend ein weltfremder Kerl und kauft es, und ich und mein Volk haben das Hinterhersehen. Ach ja, man sieht mächtig klar, liegt man einmal neben der Karre im Straßengraben!«
Er pfiff leise vor sich hin und fragte dann: »Stimmt das?« Sein Freund nickte. »Ja, und dann,« spann er weiter an seinen Gedanken, »in dieser barbarischen kulturlosen Zeit, in diesem exakten Präzisionszeitalter, wo alles Wertlose seinen festen Barwert hat, führt die Kunst nicht mehr, sie rennt hinterher und nebenher; sie schenkt nicht mehr, sondern sie schachert; sie ist nicht mehr Königin, sondern Konfektionöse; dient nicht dem Volke, sondern dem Kapital. Das habe ich wohl immer gefühlt, aber nun erkenne ich es. Verfluchte Zucht!« Er warf seine Zigarre gegen den Erdboden, daß es sprühte.
Sein Gesicht sah ganz gleichmütig aus, als er weiter sprach: »Irgend ein zielbewußter Idiot hat gesagt, der Künstler müsse sich selbst genügen; das ist hervorragender Blödsinn! Der Künstler will wirken! Wenn ich ein Mädchen in den Arm nehme, was suche ich dann: Vergnügen oder Fortpflanzung? Ich meine das letzte! Aber uns bildenden Künstlern von heute fehlt jede Fernwirkung; ein kleiner Zeitungsschreiber wirkt weiter als der größte Maler. Alles verhunzt uns dieses Jahrhundert der Schachermachai, Kunst, Liebe und Leben. Man existiert, aber man lebt nicht, und macht man mal den Versuch, schwupp, beißt einen das sogenannte Gewissen. Der Held dieses Jahrhunderts ist der Philister; sogar ein Bismarck strich sich demgemäß an, um sich in dieser halbseidenen Zeit durchsetzen zu können. Wir müßten einmal wieder einen Krieg bekommen und gründliche Keile, das ist das einzige, was uns helfen kann, damit wieder Männer oder besser, Kerle an die Spitze kommen, statt dieser Knechte, die sich Herren schimpfen.«
Er nahm einen roten Feuersteinsplitter auf, besah ihn lange und murmelte: »Was hat uns bloß so minderwertig gemacht? Die Technik oder das Christentum? oder der Protestantismus? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß: ich möchte Seeräuber gewesen sein oder Beduinenscheik und jetzt«, er lachte Hennig an, »Mönch, aber nicht in einem Kloster, in dem Schuhe und Stiefel unter demselben Bette stehen. Aber ich würde es doch wohl nicht länger als acht Tage aushalten!«
Er legte den Stein wieder in den Sand. »Quatsch! Ich will lieber vespern; ich merke, mir wird flau. Vielleicht philosophiere ich dann etwas positiver.«
Hennecke lächelte, als er sah, wie tapfer sein Freund aß und welchen gefährlichen Zug Portwein er hinterher nahm. »Das Essen schmeckt dir ja noch anscheinend und der Wein auch,« meinte er, »und ich glaube, ein junges Mädchen im Alltagskleide ist dir immer noch lieber, als ein alter Pastor im Sonntagsstaat. Hm?« Der Maler verlor mit einem Male jede Spur von Humor aus den Augen, lachte dann aber laut auf und sagte: »In der Theorie, ja! Sonst aber, weißt du, Hennig, die Frauen sind mir in der Hauptsache nur noch hübsche Bilder, und du weißt, ich mag in meinen Räumen keine Bilder leiden.«
Er sah dahin, wo ein Turmfalkenpaar über einem Birkenwäldchen schwebte und laut kicherte, und er dachte an die junge frische Witwe, die ihn, den halbreifen Knaben, die Liebe gelehrt hatte, oder vielmehr die Lust. Früher hatte er immer gedacht, daß das ein Glück für ihn war; nun erkannte er, daß es sein Verderben gewesen war, denn seitdem hatte er kein hübsches Weib ansehen können, ohne es zu begehren. Nur in der Zeit, da er lichterloh für Grete brannte, hatte es für ihn keine Frauen gegeben; aber dieser Zustand der Reinheit hatte auch nicht lange gedauert.