Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte

Part 2

Chapter 23,896 wordsPublic domain

Er drehte sich eine Zigarette, zündete sie an und blies den Rauch weit von sich, schob das Bild zur Seite, verhüllte es und desgleichen das andere Gemälde und machte die Tür zu dem Nebengemache auf. Das Mädchen stieß einen Laut aus, halb Seufzer, halb Schrei und sprang auf, die Hand auf dem Herzen und mit weit aufgerissenen Augen nach dem Gemälde starrend, das hinter dem Türloche stand. Als der Maler, den ihr jähes Erbleichen erschreckt hatte, neben sie trat, umklammerte sie seinen Arm, und er fühlte, wie ihr Herz zitterte, und sah, wie ihr der Atem hastig über die Lippen sprang. Er warf ebenfalls seine Augen auf das Bild, und da erschrak auch er, denn einen so gemeinen Ausdruck hatte er noch nie in den Augen des Weibes gesehen, das er da gemalt hatte.

»Chali,« flüsterte es an seiner Schulter, und er murmelte: »Das ist es! Ich habe gedacht, es gibt keinen Namen dafür, aber du hast sofort den einzig möglichen dafür gefunden. Das böse Prinzip des Weibes.« Sie ließ sich, wie vor Erschöpfung, in den Sessel gleiten, und fragte, immer das Bild anstarrend: »Wirst du es mir sagen?« Er nickte. »Ja, Kind, gern, soweit es sich um den äußeren Anstoß dazu handelt. Du weißt ja, wie der Prinz ist. Eines Tages kommt er hier angeautobt und stellt mir eine kostbare Schüssel vor die Nase, in der auf bleichem Moose dreißig unheimliche Blumen lagen und mich auf ganz hundsgemeine Weise anschielten. Ich machte ein dummes Gesicht und fragte: ›Bist du auf dem Mars gewesen?‹ Denn in meinem Leben hatte ich solche Satansblumen noch nicht gesehen. Da lachte er und sagte, es wären Stapelien, Kusinen von den Kakteen, und sie wären aus seinem Treibhause, und er kritzelt mir eine argentinische Stapelienlandschaft in das Skizzenbuch.«

Er holte tief Atem und fuhr fort. »Den ganzen Tag war ich zu nichts zu gebrauchen. Wie ein Affe saß ich da und sah diese niederträchtigen Blumen an, diese Katerideen von Blumen, diese Antiblumen oder was weiß ich. Ein Vierteljahr war ich ganz elend. Erst dachte ich, es wäre die Grippe, nahm Dampfbäder, ließ mich massieren und trank Grog. Dann hielt ich es für einen Darmkatarrh, trank Boonekamp und ließ mir heiße Pottdeckel auf den Magen legen, wenn ich zu Bett ging. Dann wieder schien es mir Nervenüberreizung zu sein; ich aß Sanatogen, schluckte Hämatogen, verkniff mir den Tabak, den Kaffee und den Wein, trank abends Fliedertee und morgens Brombeerblätteraufguß und wurde immer elender, bis ich mich auf einmal benahm, wie ein Brunnendelphin, der abends vorher zu viel Bier getrunken hat. Darauf schlief ich drei Tage, und dann malte ich das Bild aus dem Handgelenk in acht Tagen und war kreuzfidel, als ich es hinter mir hatte, denn mir fehlte gar nichts; mir hatte nur das scheußliche Bild verquer im Leibe gesessen, ein Meter vierzig zu eins zwanzig. Aber sieh es dir einmal genau an!«

Swaantje stand auf, doch sie zögerte noch. Sie sah den schweren, klobigen, in den massigen Formen der sumerischen Bauweise gehaltenen, reich geschnitzten, mit buntem Glasflusse ausgelegten und mit goldenen und silbernen Ziernägeln beschlagenen Rahmen und dann das unheimliche nackte Weib an, das vor einem unglaublich klaren und grundlosen Wasser, das eine unbekannte Farbe hatte und von der Abendsonne eiterrote Glanzlichter bekam, auf der Seite lag, die brutalen Knie gegen den üppigen Leib gezogen, den stützenden Arm halb überschüttet von einem Sturzbache straffen Haares von einer rohen roten Farbe, und das sie mit seelenlosen Tigeraugen ansah, ebenso schrecklich, wie die unheimlichen großen Blumen, die an den starren Stämmen hinter ihrem Rücken hingen, aber auch ebenso schön, Chali, die Göttin des unblutigen Meuchelmordes, das greuliche Geheimnis des bengalischen Bambusdickichts.

Langsam ging sie darauf zu und sah, daß das Weib keine Tigeraugen, sondern Menschenaugen hatte, doch mit dem Blicke des Tigers, oder vielmehr, mit gar keinem Blicke, aber dadurch wirkten sie gerade so tigerhaft. Als sie noch näher kam, nahmen ihre Züge den Ausdruck kindlicher Neugier und einer dummen Verwunderung an, denn das Bild war auf Holz gemalt und der Leib des Weibes war nicht gemalt, sondern ausgespart, so daß überall die Maserung und hier und da ein Astfleck zu sehen war. Der Gesamteindruck war aber so mächtig, daß diese Dinge vor ihm völlig zurückgingen.

Helmold, der hinter sie getreten war, nickte ihr zu und sagte: »Ja, ja, es ist wunderlich, was man nicht alles macht, wenn man so dumm dahertollpatscht. Warum habe ich das auf Holz gemalt und nicht auf Leinwand? Im allgemeinen male ich nicht gern auf Holz, und wenn schon, so kleine Bilder. Aber dieses mußte ich auf Holz malen, scheinbar, weil das Brett gerade da stand, in Wirklichkeit aber, weil dieses Weib nicht gemalt, sondern ausgespart werden mußte. Es verkörpert das negative Prinzip des weiblichen Wesens, konnte also am besten durch eine Negativität wiedergegeben werden. So ist es auch im Leben; das Schlechte, das Unheimliche, das Gemeine: tritt dicht davor, und siehe, es ist ein Nichts, es ist Holz, dumm gemasert und mit Kienstellen durchsetzt. Ein wirkliches Weib, ein Weib von Herz und Gemüt, von Fleisch und Blut, das hat nicht hier mitten auf dem Bauche einen Leberfleck aus Kien und auf der Kalipygie eine Maserung, soweit meine geringen Erfahrungen auf diesem interessanten, aber schwierigen Gebiete reichen.«

Er zog den Vorhang zu, nahm Swaantje um die Mitte, führte sie zu dem Ruhebett, stellte einen alten Bauernteller mit Äpfeln und eine Dose mit Biskuit vor sie hin und nötigte zum Zulangen: »Iß, Mädchen, desto eher wirst du elend! Und hier sind auch Nüsse.« Swaantje nahm eine, steckte sie dem wunderlichen Nußknacker in das Maul, zerbrach sie und rief dann: »O, ein Vielliebchen! Wer ißt es mit mir?« Ihr Vetter hielt die Hand auf. »Dir zuliebe tue ich alles,« lachte er; »sonst esse ich nur Nüsse, wenn sie mir einer kaut, aber das will keiner. Wenn man nämlich nicht aufpaßt, kaut man acht Tage lang an einer Nuß herum.« Er steckte die Nuß in den Mund, schluckte und sagte, indem er auf seine Weste zeigte: »Es geht auch ohne die alte Kauerei.« Da lernte Swaantje das Lachen wieder und vergaß das unheimliche Bild und den entsetzten Blick, den Helmold darauf geworfen hatte. Dann zeigte er ihr einige Porträts und eine Anzahl von den Studien, die er zu Hunderten in den Schiebladen der großen Schränke liegen hatte, schwatzte Kraut und Rüben durcheinander und hetzte einen Witz hinter dem anderen her, bis sie vor Lachen nasse Augen bekam und ihn händeringend bat, aufzuhören: »Denn ich habe nur ein Zwerchfell, Helmold, und das ist schon dreimal gestopft!«

Sie kuschelte sich bequem auf das Ruhebett hin, biß in einen Apfel und sah zu, wie er überall herumkramte, und ihr allerlei zeigte, das bravste Gehörn von dem letzten Jahre, eine Pfeilspitze aus Feuerstein, die er in der Haide gefunden hatte, eine alte Schnapsflasche mit einem himmelblauen Vogel Phönix darauf und der Inschrift: »So wie der Fönix der Flamme entspringt, so meine Liebe zu dir hin dringt« und ähnliche Seltsamkeiten, die er bei seinen Jagdfahrten in den Dörfern aufgegabelt hatte. Dann, als er eine Schieblade aus einem grell gestrichenen Schranke zog, rief er: »Holla! Beinahe vergessen!« Er langte ein Kästchen heraus, machte es auf, nahm etwas heraus und drückte es dem Mädchen in die Hand. Es war eine Fibel aus dickem, gerieftem Silberdraht, aus zwei engen Spiralen gebildet, deren jede einen prachtvoll gebräunten Hirschhaken umschloß. »Da!« sagte er, »als Dank für diesen schönen Morgen!«

Sie errötete und klatschte in die Hände: »Wie entzückend! So eine fehlte mir gerade. Die hast du doch selbst entworfen? Und wie reizend von dir, mir die zu schenken, mit den prachtvollen Kusen darin!«

Sie drehte das Schmuckstück hin und her, nahm die Pfeilspitze von Flintstein von dem Tischchen, hielt beide Gegenstände aneinander und sagte: »Die gehörten einmal zusammen, paß auf: der alte Oberpriester war voller Wut, denn seine Tochter, Loide hieß sie, sah Wuni gern; aber der war ihrem Vater ein Gräuel, weil er die Kunst, Waffen und Geräte aus Metall zu schmieden, aus der Fremde mitgebracht hatte und deshalb der Priesterschaft als gottloser Mensch galt. Nun war noch jemand da, der die schöne Loide liebte; Ulahu hieß er, und war ihrem Vater genehm, dieweil er ein Steinschmied war und jede Neuerung haßte. Aber Wuni war stark und Ulahu schwach, und da sprach der Oberpriester, Krwo hieß er: ›Der Rabe jagt dem Adler den Fraß ab, obwohl dieser siebenmal so stark ist.‹ Ulahu merkte sich diese Rede, und als er Loide einmal in das Haus ihres Vaters eintreten sah, mit flammenden Augen, brennenden Wangen und glühenden Lippen, und bemerkte, daß ihr Kleid vor der Brust mit einer silbernen Fibel, in der zwei Hirschhaken befestigt waren, geschlossen war, da ging er zu seiner Hütte, weinte, nahm den Eibenbogen und drei Pfeile zur Hand und schlich Wuni nach, als er in der Frühe auf Jagd ging, und schoß ihm den Pfeil von hinten durch das Herz, daß er sterben mußte. Ulahu aber freite Loide, doch am Morgen nach der Hochzeit lag er tot in seiner Hütte; Loide aber war verschwunden, und wenn die Nachtschwalbe rief, sagten die Mädchen: ›Da schreit Loide nach Wuni.‹«

Während sie so sprach, verhärteten sich ihre Augen, so daß es Helmold, der ihr anfangs mit vieler Freude zugehört hatte, erschien, sie hätten ein wenig von dem, was die Augen der Chali aufwiesen, und sein Herz kehrte sich um. Doch er jagte die graue Fledermaus, die auf ihn zuflog, mit einer heftigen Bewegung fort, nickte, lächelte und sagte: »Das ist sehr schön, Swaantje, und du wirst das aufschreiben und mir als Gegengeschenk verehren. Du solltest überhaupt deine Gesichte zu Papier bringen. Ich habe es schon oft gedacht: Du bist eine Künstlerin! Und wem eine Gabe ward, der soll ihrer pflegen, sonst bleibt er unfroh sein Leben lang.«

Doch als er das gesagt hatte, schüttelte er in sich darüber den Kopf, denn er glaubte nicht an eine künstlerische Begabung des Weibes. Er hatte, als er einst einer schönen Frau, die acht gesunde Kinder besaß, einen Spruch in ihr Gästebuch schreiben sollte, folgendes eingetragen: »Der größte Künstler ist klein gegen eine Mutter; denn er kann keinen Menschen von Fleisch und Blut schaffen.«

Während er nun Swaantje freundlich ansah, besah er ihr Gesicht genau und dachte: »Ihr ganzes Wesen ist weiblich, aber ihr Geist ist männlicher Art. Am Ende ist sie kein völliges Weib; das wäre ein Jammer, denn dann wird sie das wahre Glück nie kennen lernen. Denn die Liebe ist alles, und das andere ist nichts.«

Da kam Swaan angelaufen und rief: »Väterchen und Muhme Swaantje, ihr möchtet zum Essen kommen, aber schnell, sonst wird der Braten kalt!« Stolz setzte er hinzu: »Es gibt Birkhahn, den Vater geschossen hat.« Sweenechien aber, die hinter ihm hergetappelt war, rief: »Und Flammerie! Hast du das auch geschossen?« Da lachte Swaan sie aus und Helmold und Swaantje auch; unter viel Lachen und Scherzen ging es in die Veranda, wo Frau Grete sie mit den Worten empfing: »Was ist das bloß heute? Alles im Hause lacht in einem fort! Die Mädchen sind aus Rand und Band und ihr auch. Der Sekt kann doch nicht nachspuken?«

Das schien aber doch so, denn es blieb bei dem Lachen. Helmold lachte, wenn er zu Bett ging, und er lachte, wenn er aufstand. Die Arbeit flog ihm nur so von der Hand, und während der Pinsel bald langsam und vorsichtig, bald schnell und sorglos über die Leinwand ging, sang und pfiff er, daß man es über den ganzen Garten bis in das Haus hören konnte.

Wenn aber aus der Werkstatt kein Singen und Pfeifen kam, so wußte Grete, daß Swaantje dort war. Die saß dann in einem der großen Sessel und arbeitete an einer Stickerei oder lag auf dem Ruhebett, sah ihrem Vetter zu und freute sich an seinen schnellen und doch so sicheren Bewegungen, an seiner frohen Laune und seiner Urwüchsigkeit; denn wenn er mitten in der Arbeit war, vergaß er alles um sich und konnte, fuhr er einmal gegen einen Baum, mit den saftigsten Ausdrücken um sich werfen, und Swaantje rief dann wehklagend: »Aber Herr Hagenrieder, ich bin eine deutsche Jungfrau!« Wenn er dann sagte: »Leider! vergaßen sie zu bemerken, mein allergnädigstes Fräulein«, dann lachte sie.

Einmal wäre ihm beinahe die Antwort entwischt: »An mir liegt es wahrhaftig nicht«; doch er packte rechtzeitig den schlechten Witz noch am Nackenfell, denn es war ihm wirklich nur Spaß damit gewesen.

Mehr als einmal sagte er zu seiner Frau: »Es ist nun an der Zeit, daß Swaantje heiratet; sie bekommt sonst noch Druckstellen.«

Das Stapelienbild

Chali langweilte sich. Früher konnte sie fast den ganzen Tag mit dem Maler sprechen; seitdem aber das junge Mädchen da war, war es aus damit, denn Swaantje fürchtete sich vor ihr, und so hatte Helmold das Bild in den Nebenraum gestellt, wo es weiter nichts gab als Bilder, Rahmen, Kisten und Kasten, Töpfe und Kruken.

Aber wenn Chali auch nicht dort hätte sein müssen, sondern in der Werkstätte hätte weilen dürfen, so hätte ihr das doch nichts genützt. Holz und Stoffe boten ihren Blicken keinen Widerstand, und so mußte sie es einen Tag wie den anderen mit ansehen, wie der Maler sich mit dem blonden Mädchen unterhielt und ihm liebreiche Blicke zuwarf. Sie lag da und starrte auf die Tür; ihre Augen wurden von Tag zu Tag böser und leuchteten im Dunkeln grün.

Eines Abends, als Helmold und Swaantje in der Werkstätte waren, holte der Maler sich aus der Vorratskammer ein frisches Malbrett, was er immer tat, wenn er ein neues Bild begann, das ihm aus dem Herzen kam, und da er an das Bild dachte, das er anfangen wollte, so ließ er in Gedanken die Tür offen stehen. Er wollte nämlich Swaantje malen; er hatte es schon bei Tage mehrfach versucht, war aber nie über den Anfang hinweggekommen, bis ihm einfiel, daß er eine andere Beleuchtung haben müsse, als das Tageslicht, und er hatte gefunden, daß das Mädchen im Halbschatten sitzen müsse, während rings umher alles hell von Licht war. So setzte Swaantje sich also an das große Fenster, vor dem die Vorhänge zusammengezogen waren, und drehte der zweiten Tür den Nacken zu.

»Heute wird es etwas, Swaantje,« rief Helmold; »das kommt wohl daher, weil ich dich gestern eigentlich zum ersten Male in Erregung gesehen habe. Du bist übrigens der einzige Mensch, mit dem ich Walzer tanzen kann. Sonst liegt mir der Walzer nicht; mein Blut geht im Polkatakt. Hamburger, Schwedische Quadrille, der Achtturige, Schardas, Kasatschka und dergleichen, wobei man seine Knochen rühren und ordentlich trampeln kann, das ist mein Fall. Aber sich wie ein Brummkreisel andauernd um seine Perpendikulärachse zu drehen, das ist nichts für mich. Gestern bin ich aber auf den Geschmack gekommen. So wie du den Walzer tanzst, so glaube ich, tanzen die Nebelfrauen ihn auch. Ich will sie nächstens mal fragen.«

Chalis Augen sprühten, als sie das mit anhören mußte, und sie stach mit spitzen Blicken nach dem Nacken des Mädchens; jedesmal, wenn Helmold hinzutrat und mit seiner Hand ihre Kopfhaltung ein wenig änderte, fuhren grüne Blitze aus dem Nebenraume dahin, wo die aschenblonden Nackenlocken auf der roten Stuhllehne schimmerten. Solange ihr Vetter mit ihr plauderte, merkte Swaantje nichts von dem, was hinter ihr vorging; aber nun fing Helmold an, eine neue Singweise zu suchen, indem er ganz leise durch die Zähne pfiff, und das bedeutete, wie sie wußte, daß er dem Reime zwischen Stoff und Form nahe war. Darum rührte sie sich nicht, so gern sie das auch getan hätte.

Denn ihr war so merkwürdig schwach und hülflos zumute. Sie hatte ein bißchen viel getanzt und gelacht und vielleicht auch ein Glas Sekt mehr getrunken, als ihr gut war; aber es war so wunderschön auf dem Frühlingsfeste gewesen; so viele hübsche, fröhliche Frauen und Mädchen, und so viele nette, lustige Männer hatte sie noch nie beisammen gesehen, und so hatte sie mit den anderen getollt und sich prachtvoll vergnügt.

Jetzt aber fühlte sie sich müde; sie hatte einen peinlichen Druck in der Herzgrube, und ihr war, als klemmte etwas ihre Herzschlagadern ein. Am liebsten hätte sie ihrem Vetter nicht gesessen; aber sie wußte, wie gern er sie malen wollte, und daß er endlich dazu kam; denn nun pfiff er nicht mehr durch die Zähne und trat nicht fortwährend vor und zurück, sondern er stand still, malte eifrig, summte erst eine Weise vor sich hin, und dann sang er: »Rose Marie, Rose Marie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie, Rose Marie, Rose Marie, aber du hörtest es nie.« Er war in voller Fahrt.

Sie hielt still, obgleich ihr von Minute zu Minute hülfloser zumute wurde; denn Chali ärgerte sich über die zärtlichen Blicke, die der Maler fortwährend nach dem Mädchen warf, und über das Lied, das er sang, während er malte, und so wandte sie ihre Meuchelmörderaugen nicht einen Pulsschlag lang von dem Nacken Swaantjes.

»Erzähle was, Maus!« sagte Helmold, und Swaantje war froh; aber ihr fiel nichts weiter ein, als das, wovon sie noch zu keinem Menschen gesprochen hatte, und was sie auch keinem sagen wollte. Aber da dachte sie an die Faschingsnacht in München, als ihr Vetter zwischen all dem tollen Lärm zu ihr gesagt hatte: »Kleine, wenn du einmal etwas hast, das dich drückt, und du magst es niemandem sagen, so sage es mir; wenn ich dir irgend helfen kann, so tue ich es.«

Sie hatte ihm die Hand gereicht und gesagt: »Das werde ich, Helmold!« Aber dann hatte sie lachen müssen; wie er so dasaß, vollkommen im Ballanzuge, aber mit einem Radieschen im Knopfloch, mit gebrannten, gepuderten Haaren, weißgeschminktem Gesicht und kohlschwarzem Schnurrbart und dazu die vergoldeten Ohren, das hatte zu närrisch ausgesehen, zumal seine blauen Augen so treuernst blickten.

Weil sie nun an diese Augen dachte, fing sie an: »Lieber Helmold, ich muß dir jetzt etwas sagen, weil ich deinen Rat brauche: ich liebe einen Mann.« Helmold blieb ganz ruhig und malte weiter; ihm war zumute, als habe ihm jemand ganz heimlich sein Herz weggenommen und ihm nur den Verstand gelassen. Darum fragte er, ohne daß seine Stimme anders klang als sonst: »Weiß er es?« Swaantje sah gerade aus: »Nein; das glaube ich nicht.« Ihr Vetter fragte weiter: »Ist er deiner würdig?« Sie erwiderte: »Er ist viel besser als ich.« Er brummte: »Danach liebst du ihn also; deine Behauptung bezweifele ich übrigens. Kenne ich ihn?« Sie schüttelte den Kopf. »Darf ich wissen, wer es ist?« Sie nickte: »Professor Groenewold; bei dem ich Literatur und Kunstgeschichte hatte.« Er fragte weiter: »Wie alt ist er?« und als sie sagte: »Fünfundvierzig,« brummte er, eifrig weiter malend: »Zu jung für eine Backfischliebe! Verheiratet?« Swaantje sah ihn groß an: »Dann würde ich ihn doch nicht lieben können!«

Er lächelte und dachte: »Heilige Einfalt!« Aber dann steckte er die Pinsel in das Glas, legte das Malbrett hin und sagte: »So, nun rüttele dich und schüttele dich, wirf aber nicht alle deine Blätter über mich, sondern behalte noch ein paar für dich übrig. Wir wollen einmal eine Pause machen; mich rauchert.«

Swaantje stand auf und reckte sich, und er holte sich eine Zigarre. Als er sie angezündet hatte, sah er, daß die Tür nach dem Nebenraume offen stand; Chalis Augen starrten ihn höhnisch an. Wütend warf er ihr das Streichholz in das Gesicht und wunderte sich, daß es grüne Funken gab.

»Helmold, um Himmels willen, was machst du?« rief Swaantje, »dein schönstes Bild.« Er zog die Tür zu, daß es krachte, und knurrte: »Schönes Bild? Scheußliches Bild! Chali? Schon mehr Zyankali!« Swaantje lachte und rief: »Das war aber ein echter Kalauer!« Er schüttelte den Kopf: »Das ist noch gar nichts; wenn mir ganz schlecht ist, setzt es nicht nur Kalauer, sondern sogar Kawärmer, wenn nicht Kaheißer.« Das Mädchen hielt sich die Ohren zu: »Kommt das noch schlimmer?« Dann lachten sie beide aus vollem Herzen, bis es Helmold einfiel, daß er sein Herz irgendwo habe liegen lassen müssen; denn ihm war so leer in der Brust und so schön leicht, als ob er tot wäre.

Aber er dachte doch mehr an das Mädchen als an sich und sprach: »Ja, liebe Swaantje, das ist eine sehr traurige Sache. Du liebst ihn, und er weiß es nicht. Du liebst ihn seit sieben Jahren, und er ahnt es nicht. Entweder ist er blind, oder er liebt eine andere, oder aber, denn es gibt solche Männer, so unglaublich das auch klingt,« und er lachte, als er das sagte, »er hat kein Verlangen nach dem Weibe. Hier kann dir niemand helfen, sogar ich nicht, der ich doch verdammt dem Teufel die Zähne ausziehen würde, wenn ich dir damit einen Gefallen tun könnte.«

Er ging mit großen Schritten auf und ab. »Sieh mal, Swaantje,« fuhr er dann fort, »alles, was ich von dem Manne gehört habe, spricht für ihn. Er hat den Mut gehabt, eine Schrift herauszugeben, in der er den Unwert der karolingischen Zivilisation für uns nachweist. Wir Stedinger Blutsbrüder haben ihm damals ein Horüdhotelegramm geschickt und noch eins, als ihm die hochwohllöbliche Behörde in ihrer Eselhaftigkeit den Geschichtsunterricht abknöpfte, damit er nicht mehr in der Lage sei, gegen die Verherrlichung des Schlachterkarls und seines edlen Filiusses Louis des Frömmlers anzuarbeiten. Insofern freue ich mich, daß deine Wahl gerade ihn getroffen hat, abgesehen von dem famosen farbigen Namen, den du dir ausgesucht hast. Aber, wie gesagt, es ist nichts zu machen. Hingehen und ihm sagen: ›Bitte, seien Sie so gütig und heiraten Sie mich!‹ das kannst du nicht gut, und ich kann auch nicht zu ihm gehen und ihm sagen: ›Heiraten Sie meine liebe Base, oder ich fordere Sie auf dreimaligen Kugelwechsel ohne Binden und Bandagen!‹ Denn je besser ein Mann ist, um so mehr Verlangen hat er danach, sich das Weib seines Herzens zu erobern, und er wird sofort auf der Hinterhand Kehrt machen, wenn der Fall sich umgekehrt entwickelt. Daß auch gerade dir so etwas zustoßen muß! Wenn du dich wenigstens in mich verliebt hättest! Ich hätte es schon gemerkt. Ich schlüge sofort mein Zelt in der Türkei auf und betete zu Allah. Hol's der sogenannte Dieser und Jener!« Er warf seine Zigarre gegen den Ofen, daß es ein kleines Feuerwerk gab, und steckte sich eine Zigarette an.

Dann stellte er sich vor das angefangene Bild, auf dem Swaantjes Kopf schon deutlich vor einem Haidberge zu erkennen war, aus dessen rosiger Pracht ein Busch weißer Haide verschämt hervorschimmerte, und als spräche er zu dem Bilde, fuhr er fort: »Dein Fall ist so gut wie hoffnungslos, liebe Swaantje. Liebst du ihn wirklich so sehr?« Sie nickte. »Als Schülerin oder als Weib?« Sie wurde rot. »Nicht nur als Schülerin.« Er räusperte sich, und dann fragte er in trockenem Tone: »Entschuldige, Swaantje, und wenn es dir nicht paßt, so antworte nicht: Grete und ich glaubten bisher, du wüßtest noch nicht, daß du ein Weib bist; das kommt oft sehr spät zum bewußten Ausdrucke. Du kamest mir bisher gänzlich unsinnlich nach dieser Richtung hin vor. Für kalt von Natur hielt ich dich nicht, aber für unaufgewacht. Du weißt, ich spreche als Freund und Bruder, und darum darfst du mir diese Frage nicht übel nehmen: Wie steht es damit?« Das Mädchen sah ihn mit klaren Augen an. »Weißt du, Helmold, nach dem, was ich in den Büchern las und von anderen jungen Mädchen hörte, glaubte ich, daß ich anders bin als die anderen Menschen. Nur ein einziges Mal merkte ich, daß ich doch so bin. Das war,« sie wurde blaß und stockte, fuhr aber dann fort. »Doch das ist ja Nebensache!« Helmold runzelte die Stirn: »Leidest du sehr unter deiner Neigung?« Sie nickte: »Sehr; ich glaube, ich gehe daran zugrunde.«