Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte

Part 19

Chapter 193,840 wordsPublic domain

Da begann Swaantje wieder zu reden: »Du bist mir doch nicht mehr böse, lieber Helmold?« Sie errötete, als sie das sagte, und sah ihn halb von der Seite an und mit einem Blicke, in dem Sehnsucht und Verlegenheit miteinander rangen. Er lächelte sie an und versetzte: »Aber, Swaantje, wie kannst du das denken!« Und dabei keuchte es in ihm: »Ja, aber warum küsse ich sie denn nicht? Deutlicher kann sie es mir doch nicht zeigen, daß sie sich selber zürnt, weil sie mich damals zurückstieß.«

Er kam sich vor wie ein rätselhaftes Tier, das ihm noch niemals über den Weg gelaufen war, ein Geschöpf, ebenso unheimlich, wie lächerlich. In dumpfem Schweigen schritt er neben ihr her und rauchte.

»Und zwischen dir und Grete ist auch alles wie früher?« fragte endlich das Mädchen. Er seufzte und antwortete: »Ja, vollständig.« Nach einer Weile fuhr er fort: »Das heißt, es bleibt doch ein Riß, Swaantje; denn sieh mal, ich bin damals zerbrochen, und wenn der Bruch auch wieder heilte, eine gewisse Schwäche blieb zurück.«

Er räusperte sich, ehe er weiter redete: »Ich habe nämlich, verstehst du? ich bin nämlich, ich werde nie wieder das sein, was ich war. Ich bin alt geworden damals, zum Greis geworden, wenn ich auch nicht so aussehe. Mein Mai ist vorüber, und der Sommer ist hin; ich bin beim Grummet, beim dritten Schnitt; ich bin kein voller Mann mehr.«

Er stockte, warf seine Zigarre in einen Tümpel und sprach leiser: »Swaantje, ich, weißt du? ja, das ist nun so!« Er zeigte neben den Weg: »Ich bin wie die Haide hier, zertreten und kurz, weil lange Zeit Tag für Tag graue Gedanken auf mir herumtraten und mich kurz hielten.« Als er sah, daß das Mädchen ganz blaß war, setzte er hinzu: »Doch du, liebe Swaantje, meine Gefühle dir gegenüber sind die selben geblieben; wenn ich auch ein anderer Mann geworden bin.«

Sie antwortete nicht und hatte einen ganz engen Mund. Er sah nach der Uhr. »Wir haben noch reichlich Zeit, was sollen wir so lange in der muffigen Bude sitzen,« meinte er. »Wollen noch einen Umweg machen.« Er schlug den Weg nach einem Birkenwäldchen ein. Die Augen des Mädchens belebten sich, und ihr Mund blühte wieder auf.

»So,« sagte er sich; »nun, sobald wir im Walde sind, und ich halte Wort, soll sie den Kuß haben, den ich ihr schuldig bin, und mir das geben, was sie mir schuldet.« Warm lief es ihm über die Brust, und mit heißen Blicken streichelte er ihren Nacken.

»Sieh mal, Swaantje,« sprach er mit zärtlichem Klange; »als wir nach dem Tödeloh gingen, nahm ich mir fest vor, dich umzufassen und in mein Herz hineinzuküssen. Ich habe dir das schon einmal gesagt; ganz fest nahm ich mir das vor. Ich glaube, das wäre für uns beide gut gewesen.

Vielleicht war es aber damals noch zu früh, weil du glaubtest, du liebtest den andern noch, obgleich ich damals schon wußte, oder vielmehr ahnte, daß es nicht so war.« Sie antwortete ganz leise: »Aber ich habe dir doch niemals etwas gesagt, lieber Helmold.« Er schüttelte den Kopf: »Nein, so schwer dir das auch wurde.« Sie seufzte und er fuhr fort: »Das war stark von dir, und ich achtete dich darum hoch; aber klug war es nicht. Es hat uns beide zerbrochen.«

Sie sah ihn demütig an: »Aber ich konnte doch nicht anders, Helmold!« Er lächelte sie zärtlich an, so daß sie rot werden mußte. »Nein, Geliebte, du hast keine Schuld, und ich auch nicht. Sieh mal, ich kann dich nicht so behandeln wie andere Frauen; du bist so ganz anders, und ich empfinde dir gegenüber auch ganz anders! Im Tödeloh solltest du mein sein, ganz mein sein, das hatte ich mir auf Ehrenwort versprochen, und ich mußte es brechen, denn mein inneres Wollen stieß meinen äußeren Willen beiseite.« Das Mädchen atmete schwer und drängte sich dichter an ihn, denn der Weg war nur eben breit genug für sie beide.

Da, wo der Weg sich teilte, kam ihnen ein stattlicher, sehr anständig gekleideter Zigeuner zwischen zwei jungen, grell aufgeputzten Weibern, die beide guter Hoffnung waren, entgegen. Helmold kannte den Mann; er blieb stehen und rief: »Na, Jorgas Michali, wohin und woher?« Der Zigeuner lachte und sagte: »Von der Windwiege nach dem Windgrabe, Herr Maler.« Die Weiber sahen Swaantje an, wie ein Heiligenbild. »Na, welche von beiden ist denn deine Frau?« fragte Helmold. Der Zigeuner grinste: »Beide, Herr Maler!« Hagenrieder lachte: »Vertragen sie sich denn?« Jorgas' Raubtiergebiß blitzte aus dem schwarzen Krausbarte heraus: »Wollt' sie kuranzen, wenn nicht,« sagte er und machte eine Bewegung mit der Hand, als wenn er eine Peitsche darin hielte, und die Frauen lachten. Der Maler gab ihm eine Zigarre und jeder der Frauen ein blitzblankes Markstück. Sie küßten ihm die Hände. »Viel Glück, Herr,« riefen sie, verbeugten sich vor Swaantje und setzten hinzu: »und deiner scheenen Frau ville Kinder!«

Als die Zigeuner hinter den Büschen verschwunden waren, fragte Swaantje leise: »Sind das wirklich beides seine Frauen?« Ihr Vetter nickte. »Natürlich; er hat vielleicht noch ein paar. Jorgas Michali ist einer der reichsten Häuptlinge; er hat drei große Häuser bei Berlin und Geld auf der Bank. Und er hat eine schwere Hand. Horch, wie schön der Kuckuck ruft! immer dreimal.« Er deutete nach dem Birkenwäldchen, in dem der Kuckuck läutete und die Zippe schlug.

Vor seinen Augen tanzten goldene Flammen, sein Herz schlug fieberhaft, und der Atem pfiff ihm im Kehlkopfe. »Drei Schritte noch,« dachte er, »drei Schritte noch, und ich küsse sie, und nehme sie mir.« Gerade wollte er den Mund öffnen, um »Swaantje, meine Swaantje!« zu sagen, da stand ein alter Bauer vor ihnen, der ihnen freundlich die Tageszeit bot und sagte: »Na, dennso kriege ich noch feine Begleitung auf den Weg.« Helmold wußte nicht, ob er dem Manne danken oder fluchen sollte; er hörte nur mit einem Ohre auf das, was er erzählte, und wußte nicht, ob er sich bedauern oder beglückwünschen sollte. Mit Gedanken, so umrißlos wie Wacholderbüsche im Herbstnebel, kam er im Kruge an.

Das Abendessen verlief anfangs recht still, obgleich Helmold sich alle Mühe gab, das Mädchen aufzumuntern; doch da er, wie er wußte, um das, was Swaantje am meisten am Herzen lag, herumgehen mußte, kam ihm jedes Wort, das er sprach, unehrlich und verlogen vor. So war er froh, als die Kastenuhr dreiviertel auf sieben meldete. »Noch zwanzig Minuten,« sagte das Mädchen, und er fügte hinzu: »Ja, es ist schade, daß wir nur die paar Stunden für uns hatten; wir haben uns so lange nicht gesehen.« Sie sah ihn an und ihre Augen fieberten. »Ja, wenn sie mir den Wagen nicht zur Bahn schickten,« sagte sie, schwieg einige Zeit und fuhr fort: »Ich hätte so gern einmal Stillenliebe gesehen und länger mit dir geplaudert. Wer weiß, wann wir uns nun wiedersehen. Muhme Gese will nach Karlsbad, und ich muß wohl mit.« Mit einer hastigen Bewegung, die so gar nicht ihrem wirklichen Wesen entsprach, haschte sie nach seiner Hand, die auf dem Tische lag, führte aber ihre Absicht nicht aus, da er vor sich hinbrütete, sondern drehte die alte Tasse um, als wollte sie sich die Aufschrift ansehen.

»Wollen gehen,« sprach sie dann matt und sah nach der Uhr. Er half ihr in den Mantel hinein und klingelte dem Wirte. Der ließ die Türen hinter sich offen, und während Helmold bezahlte, klang aus der Gaststube lauter Gesang herüber. Swaantje wurde kreidebleich, als sie das Lied erkannte; es war das, was Helmold ihr gesungen hatte, als er mit ihr zum Tödeloh ging, das kecke Lied von dem Jäger und der Jungfrau im schlohweißen Kleid. Ihre Augen wurden starr, und ihre Lippen verkrochen sich, als es hinter ihnen herklang: »Denn deine Unschuld und die mußt du lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Haid, eins zwei.«

Der Zug hatte Verspätung. Sie lehnten an dem Geländer. Swaantje sah nach der alten Kiefer hin, die ihr düsteres Haupt hinter einem moosigen Giebel erhob, und ihr Vetter betrachtete ihr Gesicht und wunderte sich über sich selber. Plötzlich kehrte sie sich zu ihm: »Nun habe ich die Hauptsache beinahe vergessen, lieber Helmold!« Sie drückte ihm die Hand. »Ich danke dir viele Male für das Bild, viele Male!« Ihre Augen wurden dunkel. »Du glaubst gar nicht, wie ich mich darüber gefreut habe!« Wieder drückte sie seine Hand. »Ich dachte, du wärest mir böse gewesen. Bist du das auch ganz gewiß nicht mehr?«

Er wußte nicht, was er sagen sollte, und lächelte sie an, als er den Kopf schüttelte, und er wußte, sein Lächeln mußte gefälscht aussehen. »Ich bin dir nie böse gewesen, und wenn ich es einmal war, so redete ich mir das ein, weil ich dir einen Begriff unterlegte, der nicht auf dich paßte, dich als Weib schlechthin und nicht als das sehen wollte, was du bist!« Etwas heiser klang seine Stimme, als er das sprach.

Der Zug lief ein. »Schade, daß du nicht mitkannst, lieber Helmold,« sagte Swaantje und umklammerte seine Hand; »in Bockshorn habe ich fast eine Stunde Aufenthalt.« Helmold fühlte, daß ihm das Blut in das Gesicht schoß. »Einsteigen!« rief der Schaffner. Helmold half dem Mädchen in das Abteil und stieg auf den Tritt. »Lebe wohl, lieber, guter Helmold,« flüsterte sie und beugte sich zu ihm herunter, als wollte sie ihn küssen. Aber da schrillte die Pfeife, und eine harte Stimme schnarrte: »Abfahren!« Er hatte eben noch Zeit, ihre Hand zu küssen, und er küßte sie, daß sie seine Zähne fühlte, dann schlug der Schaffner die Tür zu, und der Zug ruckte an.

Swaantje stand an dem offenen Fenster, stützte den Ellenbogen auf die Fensterleiste und hielt den Rücken ihrer rechten Hand, den Helmold geküßt hatte, an die Lippen. Ihr Gesicht war ganz weiß, ihre Augen sahen schwarz aus, und sie lächelte, daß Helmold elend zumute wurde. Der Zug fuhr ab; das Mädchen nickte ihm zu, küßte ihren Handrücken und gab ihm so seinen Kuß zurück, und nickte und winkte, solange ihr Vetter in Sicht blieb, und ehe der Zug hinter den Bäumen verschwand, grüßte sie ihn noch einmal mit ihrem Tuche.

Das Schlußlicht des Zuges war schon lange unsichtbar, da stand er noch auf der selben Stelle und starrte nach dem Walde hin. Er ballte die Faust, denn er hätte sich am liebsten in das Gesicht geschlagen. Er warf sich rohe Schimpfworte zu. »Du Idiot,« schrie es in ihm; »du dreimal vernagelter Idiot; wie eine Dirne hast du sie behandelt! Warum fuhrest du nicht mit nach Bockshorn? Weil du kein Nachthemd und keine Zahnbürste bei dir hattest? Jahrelang wimmertest du hinter ihr her, und nun, wo sie daherkommt im Brautkleide, den Myrtenkranz im Haare, dachtest du daran, daß der Wagen sie in Weddingen erwarte, und daß du dich für morgen mit dem Prinzen verabredet hast, und dabei hatte sie gesagt: ›Ich möchte nicht gern zu spät kommen.‹ Bist doch sonst so neunmalweise, und merktest nicht, daß das hieß: ›Vorausgesetzt, daß du mich daran nicht hinderst, Geliebter!‹ Kauf' dir einen Strick, und hänge dich an den ersten besten krummen Birkenbaum am Wege; mehr bist du wahrhaftig nicht wert.«

Der ganze Bahnhof drehte sich mit ihm herum, so daß er erst, als er schon aus dem Dorfe heraus war, daran dachte, daß er sein Rad im Kruge hatte. Er ging zurück, suchte es im Hausflur und im Stalle, bis ihm einfiel, daß es im Schuppen stand. Endlich hatte er es. Ein quälender Durst trocknete ihm den Hals aus; er wollte schon in die Gaststube treten, ließ es aber und fuhr zum Dorfe hinaus. Ganz sicher fuhr er, ohne auf die Sandstellen und Löcher im Wege zu achten, und so rasend, daß die Leute, die ihm entgegenkamen, ihm verwundert nachsahen. Aber in der Haide mußte er stoppen; sein Herz schlug ihm zu grob gegen die Brust.

Er sah über das dämmernde Land, an dessen Rande ein Ferngewitter seine blutigen Witze riß. In einem schwarzen Wacholderbusche war ein weißer Fleck; wie ein menschliches Gesicht sah es aus. »Das ist meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte Swaantje,« obgleich er ganz genau sah, daß es der Stamm einer Birke war. Einzelne warme Regentropfen fielen. »Jetzt weint meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte Swaantje.« Ein Windstoß bewegte die weißen Zweige der Birken. »Meine Swaantje ringt ihre Hände,« dachte er, »meine liebe, geliebte Swaantje.« Einmal huschte so etwas wie Genugtuung über sein Herz, und es war ihm, als wenn er dachte: »Nun habe ich die Rache für meine Tränen«; aber dieser Gedanke wurde sofort vom Winde fortgewirbelt.

Es begann stärker zu regnen; die Birkenbäume stellten sich wie wahnsinnig an, und die Wachholder taten so, als wenn sie weglaufen wollten; in der Ferne murmelte das Gewitter unverständliche Drohworte. Die Regentropfen klatschten Helmold auf Gesicht und Hände und schlugen ihm durch die Hose. Siedehitze kribbelte ihm unter dem Hute, und über seinen Rücken lief ein eisiger Schauer.

Vor sich sah er den Schneekrug; er blickte ihn mit zwei leuchtenden Augen so einladend an, daß er absprang und sein Rad hinter die Krippe stellte. Er besann sich einen Augenblick, ob er eintreten oder ob er weiter fahren sollte, aber der Regen stürzte nur so aus dem Himmel, und das Gewitter begann sich deutlicher auszudrücken. So schwenkte er seinen Hut aus und trat ein.

Er hatte noch niemals im Schneekruge vorgesprochen, aber er war dort sofort zu Hause; es war eine Wirtschaft noch ganz von der alten Art, mit brauner Balkendecke, Kugelfußtisch und den bunten Bildern an den verräucherten Wänden, die des Jägers Hochzeit, Taufe, Grab und Auferstehung darstellten, und die noch nicht von Plakaten verscheußlicht und von einer Musikmaschine veralbert war.

»'n Abend zusammen!« rief er, »binnen is 't besser als buten,« und nahm an dem Tische unter der Hängelampe, an dem schon drei Bauernsöhne saßen, Platz. »Mehrste Heu rein?« fragte er, als er seinen Kümmel und sein Bier getrunken hatte. Die Bauern nickten, und bald war er mit ihnen im besten Erzählen.

»Ordentlich kalt geworden,« sagte der eine, und schüttelte sich. »Da ist Grog gut für,« versetzte er und bestellte eine Runde; »aber nicht mit so viel Wasser, sonst wird er zu kräftig,« setzte er hinzu, und die Männer lachten. »Auf einem Glase kann man nicht gut stehen,« meinte er, als die Gläser leer waren, und eine zweite Runde kam, und dann die dritte.

»Haben Sie's große Loos gewonnen?« fragte der eine Bauer, der ein Gesicht hatte, als trüge er für gewöhnlich den Offiziersrock. »Jawollja,« rief der Maler, »aber ich habe es vor der Ziehung verloren. Das macht aber nichts. Herr Gastwirt, noch ein' Rundgang!«

Es kamen noch vier Gäste, die nach Ohlenwohle wollten, aber von dem Gewitterregen in den Krug gejagt waren, und nun wurde es ganz lustig, denn zwei davon kannte Helmold. Rundgesänge wurden angestimmt, und dazwischen Witze zum besten gegeben, daß der Saft bis an die Deckenbalken spritzte. So wurde es fast zwei Uhr, als er fühlte, daß er nichts mehr trinken durfte, wollte er sich in der Hand behalten. Es regnete immer noch, und es war so dunkel, daß er nicht daran denken konnte, zu fahren; so blieb er im Kruge.

Er schlief sofort ein, als er in dem Bette lag, und wachte erst auf, als die Uhr acht schlug. Frisch und munter kam er in die Gaststube, lachte den Wirt, der über Haarweh klagte, aus, aß tüchtig, trank einen großen Schnaps dazu, machte die Zeche glatt, steckte sich eine Zigarre an und fuhr mit leichtem Herzen davon.

Es war ein bildschöner Morgen. Am Himmel war keine einzige Wolke, die Sonne lachte, die Vögel sangen, was sie nur konnten. »Heute müßte Swaantje kommen, heute,« dachte er, während er durch die Pfützen sauste, daß das Wasser spritzte; »heute bin ich ein anderer Kerl!« Er kam sich gar nicht mehr so alt und kalt und abgestanden vor und stellte sich für sein gestriges Verhalten ein gutes Zeugnis aus. »Denn,« sagte er sich, »gestern litt ich an allgemeiner geistiger Körperschwäche und war wirklich nicht hochzeitsmäßig gekleidet.«

Dann dachte er, wie häßlich und dumm die äußeren Umstände waren, falls, ja, falls er Swaantje bei alle den deutlichen Worten genommen hätte, die sie nicht ausgesprochen hatte. Und er sah ein weißes Haus, das lag vor einem grünen Walde, in dem viele Nachtigallen schlugen, und oben in dem Hause war ein Zimmer mit roten Rosen auf den Fenstervorhängen, und in dem Zimmer standen zwei Betten nebeneinander, und weiter kam er nicht mit seinen Augen, konnte sich den Rest nur denken.

Er schleuderte seine Zigarre in den Graben; sie schmeckte ihm bitter, und er lachte sich selber aus, weil er einsah, daß er blanken Blödsinn gedacht hatte. »Wenn du sie liebtest, mein Lieber,« so spöttelte er, »dann wäre es dir gleich, ob das Haus weiß oder eselgrau wäre, und ob es im Walde stände oder zwischen Straßenbahngeleisen. Du würdest dann überhaupt nicht denken; nein, so unkeusch wärest du nicht; handeln würdest du. Du liebst ja Swaantje gar nicht mehr; Swaantje ist tot. Du hast sie in den Sarg gelegt, und den hast du zugenagelt und als Eilgut zur Eisenbahn geschickt, samt deiner Liebe; das, was du dafür hältst, das ist das Gespenst deiner Liebe, das auf dem Kirchhofe herumspukt und dein totes Herz beunruhigt. Streue Kümmelsamen hinter dich, damit der Spuk zurückbleiben muß!«

Er nickte; es war so. Er sah sich in seiner Werkstatt stehen und Swaantjes Bildnis in einen Sarg betten, in einen flachen Sarg, der aus weißen Brettern zusammengeschlagen war; und ein Dienstmann mit roter Nase holte ihn ab, legte ihn auf einen Karren und fuhr ihn fort, den Sarg, Swaantje und Helmolds heiße Liebe zu ihr.

Einst hatte er um Swaantje geweint; nun galten seine Seufzer seiner toten Liebe.

Die Panne

In der nächsten Zeit kam er aber nicht dazu, an Swaantje und an seine verstorbene Liebe zu denken und an sich selber, denn das Leben warf so schwere Wellen gegen sein Dasein, daß alle seine leisen Gedanken von dem Rauschen und Brausen überbrüllt wurden.

Zuerst nahm ihn die Arbeit für das Schauspielhaus mit Leib und Seele in Anspruch. Wenn er sich auch manchmal vorgeredet hatte, daß seine Kunst ihn, seitdem er es darin zur Meisterschaft gebracht hatte, langweile, das war doch nicht der Fall, besonders bei diesem Auftrage.

Er hatte völlig freie Hand, sowohl was den Inhalt anbetraf, wie in der Behandlung. Der Direktor Meier setzte ihm gar keine Schranken, und die Bankleitung, die hinter dem Unternehmen stand, erst recht nicht. »Machen Sie, was Sie wollen, Herr Geheimrat,« sagte Herr Meier, ein blonder Jude, einst ein beliebter Tenor, nun infolge einer reichen Heirat Millionär, »Sie werden schon das Richtige treffen.«

Sie saßen hinter einer Flasche Wein, als Meier so sprach. »Sie haben gut reden,« meinte der Maler; »früher glaubte ich, Schrankenlosigkeit sei das beste für mich. Jetzt sehe ich ein, daß ein gewisser Zwang viel bequemer ist.« Der andere nickte: »Glaub' ich; geht mir auch so. Wissen Sie, was habe ich früher oft geflucht, wenn ich gerade das singen mußte, was zu meiner Stimmung so paßte, wie der Igel zum Schnupftuch. Jetzt, wo ich nur ab und zu in Konzerten singe, und singen kann, was ich will, macht mir die Sache eh' keinen Spaß mehr. Das ist genau so, wie mit der Liebe. Solange ich ledig war, konnte ich davon haben, soviel ich wollte, machte mir aber nichts daraus, und ich kann Ihnen sagen, es waren Weiber darunter, erstklassig! Na, und jetzt? Der Mensch ist das meschuggenste Tier. Meinen Sie nicht auch?«

»Stimmt,« sagte Hagenrieder. Er wünschte, daß Meier ihm die Stoffe vorschriebe, meinte er dann. Aber der lachte und sagte: »Zerbrechen Sie sich Ihren Kopf gefälligst darüber, was Sie malen wollen, und nicht meinen; krieg ich das Honorar oder Sie? Malen Sie nur nicht so, daß jeder Esel glaubt, er müsse sich dabei wer weiß was denken. Im Theater soll das Volk nicht denken, sonst wird es gefährlich. Fühlen soll es und das bar bezahlen, im Vorverkauf mit Rabatt. Dann ist das Geschäft richtig.«

Der Maler lächelte, weniger über das, was der andere sagte, als darüber, was diese Worte in ihm locker machten. Er war lange überzeugter Antisemit gewesen, bis er einsah, daß damit die Judenfrage nicht zu lösen wäre, und daß dieses Volk für die Germanen bitter notwendig sei, damit sie sich an dessen Emsigkeit aus ihrer angeborenen Trägheit emporärgerten. »Und außerdem,« fiel ihm nun ein, »sie sind doch gewaltige Umwerter und Anreger trotz oder vielmehr wegen ihrer völligen Unproduktivität. Produktive Nichtproduzenten! Wie Figura zeigt.«

Denn die Worte des Direktors hatten ihn auf den Weg gebracht. Er sah die Wände, die ihm zur Verfügung standen, sich mit Bäumen, Blumen und Gestalten beleben, bei deren Anblicke der Fröhliche noch fröhlicher wurde und der Betrübte seine Traurigkeit vergessen mußte. Eine Welt wollte er malen, die leichte Herzen noch höher hob und schwere von ihrer Unbeholfenheit befreite.

Und das gelang ihm auf das beste. Als Meier die Entwürfe sah, bekam er einen ganz roten Kopf und sagte: »Hab' ich es Ihnen nicht gesagt, daß Sie was können? Wissen Sie was? Ihre Bilder sind allein das Entree wert! Wahrhaftig, wenn ich nicht solch Theaternarr wär', möcht' ich das Geld meiner Frau in Ihnen anlegen. Ob ich 'n Geschäft mach'?«

Mit ganzem Herzen ging Hagenrieder an die Ausführung und hatte eine Freude wie ein Kind, als seine Vorstellungen Form und Farbe annahmen. Am meisten freute er sich darüber, daß er nur Schaffenslust, aber kein Arbeitsfieber beim Malen hatte; er aß und schlief wie ein Junge, war ein netter Gatte und Vater und dachte an seinen Auftrag bloß, wenn er auf dem Gerüste stand. Alles, was er liebte und geliebt hatte auf der Welt, brachte er auf die Wände, und so bedeckten sie sich mit viel Licht und Sonne, und wer sie ansah, dem hob sich das Herz. »Herr Geheimrat,« sagte ihm eines Morgens einer der Tischler, »gestern hatte ich einen schweren Ärger gehabt und wollte mir eigentlich einen andudeln; aber da sah ich mir ihre Bilder an und mir wurde gleich besser, und so bin ich denn vernünftig gewesen.« Die Tage, Wochen und Monde flogen dahin, wie die Schwalben, und kaum einmal kam Hagenrieder dazu, auf sich und sein Leben hinabzusehen. Einmal war Swaantje auf einen Tag gekommen; Karlsbad hatte auch ihr gut getan, und sie sah frisch und blühend aus. Deswegen und weil er ganz in seiner Arbeit war, zerwehte der Besuch ihm die Stimmung nicht, zumal er keinen Augenblick mit ihr allein blieb. Als das Mädchen schrieb, sie käme, hatte er zu seiner Frau gesagt: »Tu mir den Gefallen, Grete, und laß mich mit ihr nicht allein,« und als seine Frau nickte, fuhr er fort: »Das arme Mädchen! So ganz allein zu sein, das ist eigentlich das Schrecklichste, was es gibt.«

Einige Tage darauf hatte Direktor Meier ihn und seine Frau eingeladen. Als Helmold gerade den Frack anziehen wollte, kam Grete hereingestürzt, ganz unglückliche Augen in dem kreideweißen Gesicht, die linke Hand auf dem Herzen und ein großes Schriftstück in der anderen. »Nanu?« rief er, »was ist denn los?« Sie hielt ihm das Papier hin, setzte sich auf das Bett und fing hellauf zu weinen an. »Lieber Helmcke,« schluchzte sie, »um Gotteswillen, da, lies, ich habe, denke dir, wir haben, von Ohm Mette haben wir fünfhunderttausend Mark haben wir geerbt.« Kaum hatte sie das gesagt, so fiel sie in Ohnmacht.