Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte

Part 18

Chapter 183,974 wordsPublic domain

Als er aber das Bild, bevor er es einpackte, noch einmal ansah, schien es ihm doch anders. Er setzte sich ihm gegenüber und sah ihm in die Augen, bis das weiße Mädchenangesicht, das hell und kühl aus dem Schatten des Kiefernwaldes hervordämmerte, zu lächeln begann und mit bittenden Lippen flüsterte.

»Meine Nonne,« dachte er, »warum liebte ich dich so sehr, ohne dich zu begehren? und begehrte dich, ohne dich zu lieben? Weil ich der einzige Mann bin, der dich aus deiner Nonnenhaftigkeit erlösen konnte, aus deinem eiskalten Alleinsein, dir ein Kind schenken, ein warmes Leben, damit du des Nachts nicht frierst, wenn du erwachst?«

Er dachte daran, daß alle Kinder Angst vor dem Mädchen hatten, oder wenigstens keine Zuneigung für sie, und daß kein Mann sie ansah, außer ihm selbst und Brüne. Und mit einem Male sah er den Freund, den einsamen, der keine Frau hatte, und der vielleicht nie eine Geliebte gehabt hatte, der zwischen seinen Büchern und Gemälden und Bildwerken das tote Leben des unfruchtbaren Ästheten führte, und erkannte, daß dieser Mann denselben unerfüllten Wunsch in den Augen hatte, wie Swaantje, und dasselbe hoffnungslose Bitten um die Lippen.

»Was ist es,« dachte er, »das diese Menschen zu mir hinscheucht und mich zu ihnen, mich, dem alles Halbe, Unfertige, Dilettantische gleichgültig ist? dem das Problematische kein Problem ist, und dem das Rätselhafte nicht wert dünkt, es zu raten?« Er sah zwei Gärten vor sich, von Mauern umschlossen, alte stille Gärten, deren Blumen nur verstohlen dufteten, und in denen die Vögel ganz anders sangen als sonstwo, ohne Wunsch und Wille. Er sah Brüne in weißer Kutte und Swaantje in der steifen, kühlen Tracht der Bräute Christi, und beide blickten ihn an mit wunschleeren Augen, in denen ein hoffnungsloses Bitten lag.

Er pfiff das freche Lied von der Lüneburger Haide, steckte sich eine Zigarre an und dachte an die vielen, vielen schönen Frauen und hübschen Mädchen, die in seinen Armen zerschmolzen waren. »Restlos zerschmolzen,« dachte er und lächelte spöttisch; »Weh und Wonne hinterlassen gleicherweise keine sichtbaren Spuren in der Erinnerung; wenigstens nicht auf die Dauer.«

Früher hatte er sich in lauen Stunden gern der roten Küsse erinnert, die rechts und links in reicher Fülle neben seinem Wege blühten. Sie waren verwelkt; dürre Stengel waren alles, was von ihnen übrig geblieben war. »Das Leben lohnt sich wirklich nicht,« dachte er und folgte einem Winke des Standspiegels.

Er besah sich von oben bis unten, kehrte sich um und um, zerpflückte sich und betrachtete die einzelnen Stücke. Seine Augen sprachen die Worte Antars, des Dichters: »Wir gehören zu einem Geschlechte, das nicht in seinen Betten stirbt,« tuschelten sie ihm zu. »Irrtum, Herrschaften,« sagte er, »zu dem Geschlechte derer, die nur dann glücklich werden, wenn sie nicht in ihren Betten sterben.« Er langte die Chronik derer von Hagenrieder heraus, ein Werk Henneckes, blätterte darin und sah, daß die Hagenrieder nur dann Glück fanden, wenn sie den Pflug oder das Schwert geführt hatten.

Sein Vater fiel ihm ein, der strenge, gemessene, kühle Kaufmann, der daran gestorben war, daß er so oft verbindlich hatte lächeln müssen, wenn er lieber gebrüllt und dreingeschlagen hätte, und daß er selber, des früh Verstorbenen Sohn, niemals stolzer und froher gewesen war, als wenn er die Faust hatte gebrauchen können, als Werkzeug, wenn er den Garten grub oder Pürschsteige schlug, oder als Waffe.

»So ist es,« sprach er vor sich hin, als er die Bilderkiste zunagelte; »Kunst ist ungelebtes Leben, ist ein Notbehelf dafür, ein ganz elender Ersatz!«

Als er die Aufschrift auf die Kiste malte, mußte er lächeln; ihm war zu Sinne, als schicke er seine Liebe nach Swaanhof, damit sie dort an die Wand gehängt werde. »O, ich entbehre sie ja auch nicht mehr,« dachte er. »Einst, als ich jung und heiß war, suchte ich in Swaantje den Frieden des Schattens, seine kühle Ruhe, seine sanfte Stille; was soll ich jetzt mit ihr, jetzt, da ich alt und kalt bin? Glut brauche ich heute, sehr viel Glut und Licht und Farbe für mein kaltes Herz. Mein ganzer Leib ist mit Küssen bedeckt, wenigstens bedeckt gewesen, aber mein Herz hat keine davon abbekommen, mindestens lange nicht genug. Aber Tränen sind reichlich darauf gefallen, doch die wärmen nur einen Augenblick; sobald sie verdunsten, erzeugen sie Kälte. Das weiß ich noch aus der Physikstunde.«

Er schrieb den Frachtschein und freute sich, daß seine Handschrift noch genau dieselbe war wie vor dreißig Jahren, anspruchslos, ohne Schnörkel und übersichtlich. »Im Grunde bin ich ein ganz einfacher Mensch,« überlegte er, »so gar kein bißchen kompliziert. Wenn ich mir und anderen manchmal so vorkam, so lag es daran, daß dies Leben, dies zivilisierte Leben von heute in diesem Koofmichzeitalter, in dieser Ära des geistigen Mittelstandes, in dieser Periode des bekömmlichen Durchschnittes, so kompliziert ist. Ach ja, die goldene Mittelmäßigkeitsstraße! Freiheit für alle Unfreien, Gleichheit zwischen Groß und Klein, Brüderlichkeit zwischen dem, was sich haßt; schöner Blödsinn, an dem wir vor die Hunde gehen werden.«

Die Sonne fiel plötzlich so in die Werkstatt, daß die Büchse an der Wand grell funkelte. Er nahm sie herunter, spannte sie, stach den Hahn ein, suchte ein Ziel, drückte ab, repetierte, stach wieder, drückte wieder ab, schüttelte den Kopf und hängte sie an das Geweih. Sein Gesicht war ganz ernst geworden. Er dachte daran, daß er lange Zeit den heißen Wunsch gehabt hatte, eine Schlacht mitzumachen, aber vorne, in den ersten Reihen. Er lächelte und sagte sich: »Na die, in der ich mir damals den schweren Blattschuß, zwölf Ringe, faustgroßer Ausschuß, geholt habe, die war schon blutig genug; vollkommen invalide, knapp landsturmfähig kam ich nach Hause, und ohne Orden und Kriegsauszeichnungen.«

Er lachte, zog ein Buch aus dem Schranke, schlug eine Stelle auf und nickte: »Hast recht, Tscheng ki tong, wenn du schreibst: ›Übrigens kann so etwas nie genug kosten, denn nur die Vergnügen, die uns ruinieren, haben wirklichen Reiz.‹« Er lächelte, als er das Buch wieder in die Reihe schob: »Stimmt, alter Chinese, und mit den Schmerzen ist es ebenso. Der Unterschied ist nur der, daß überstandenes Weh salzig schmeckt, verlorene Wonne aber bitter. Man kann jedes Leid wieder erleben, aber keine Lust.«

Er ließ einen Dienstmann rufen, schickte die Kiste fort und vergaß Swaantje, bis ein Brief von ihr kam, oder vielmehr ein Kasten, in dem drei rote Rosen lagen, und eine Karte, auf der weiter nichts stand als die drei Worte: »Lieber guter Helmold!«

Sie klangen ihm wie ein Schrei. Dabei freuten sie ihn wenig und schmerzten ihn kein bißchen, trotzdem er wußte, was sie bedeuten sollten, eine demütige Abbitte und eine Hingabe auf Gnade und Ungnade. Übrigens mangelte ihm auch die Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen; ein ganz großer Auftrag nahm ihn vollkommen in Anspruch, ein Auftrag, der sich nach jeder Seite hin lohnte: ihm war der gesamte Wandschmuck und die Innenausstattung für das neue Schauspielhaus übertragen worden, ohne daß er sich darum beworben hätte.

Früher hätte er die Kasatschka getanzt, wäre ihm eine solche Arbeit angeboten worden; jetzt verzog er keine Miene und sagte beim Mittagessen so nebenbei: »Ich habe die Inneneinrichtung und alle Wände für das Schauspielhaus bekommen, Grete, will aber Kersten, Ludemann und natürlich für die Bildhauerarbeit Voß und Meinecke heranziehen. Mir bleibt ja so noch genug übrig.« Seine Frau sah ihn groß an: »Wann hast du den Auftrag bekommen?« und als er sagte: »Gestern abend,« wurde sie ganz blaß.

Denn war das noch ihr Mann, dessen fernster Traum es einst war, einen solchen Auftrag zu bekommen? Und mit diesem Auftrag hatte er gut geschlafen und den halben Tag gearbeitet, und er sprach davon, als wenn er eine Kiste Zigarren geschenkt bekommen hätte.

Angst und Trauer befielen sie, und nach dem Essen schrieb sie an Swaantje, die bei Thorbergs in Weddingen war, daß Helmold den Auftrag bekommen habe und für die nächste Woche in Stillenliebe zur Jagd sei. Warum sie ihr das schrieb, wußte sie nicht; sie fühlte nur, daß sie schreiben mußte. »Besucht ihn da doch einmal,« schrieb sie.

Es war einige Tage später, da kam Helmold gegen Mittag von der Pürsch zurück. »Es ist auch ein Brief für Sie da, Herr Hagenrieder,« sagte der Wirt. Der Maler nickte und setzte sich, trank sein Bier und spielte mit den Kindern. Als er nach dem Essen auf sein Zimmer ging, um zu schlafen, sah er, daß der Brief, der auf dem Tische lag, von Swaantje war. Sie schrieb aus Weddingen: »Tjark und Ilsabe und ich kommen heute nach Ohlenwohle mit dem Mittagszuge; hole uns mit Gespann ab. Wir wollen gern einmal Stillenliebe sehen. Deine Swaantje.«

Ein Gefühl peinlichen Unbehagens, durchduftet von etwas Genugtuung, überkam ihn. Aber als er über sich selber den Kopf schüttelte, fand er, daß es weniger Genugtuung war als Freude, und auch weniger Freude als Zärtlichkeit, und schließlich auch das nicht, sondern ein Gefühl, in dem allerlei sich mischte, und das er nicht genau betrachten konnte, weil etwas wie eine beschlagene Fensterscheibe davor war. Jedenfalls, das fühlte er, jauchzte sein Herz nicht, und seine Seele schrie weder Hurra noch Holdrio. Aber er war betrübt, daß er nicht gleich auf sein Zimmer gegangen war und den Brief aufgemacht hatte. »Nun sitzt das arme Mädchen in Ohlenwohle in der Kneipe und langweilt sich nach der Schwierigkeit« dachte er. Daß Tjark und Ilsabe bei ihr sein mußten, daran dachte er nicht.

Er zog sich einen besseren Anzug an und war schon auf der Treppe, als Reimers vom Treppenfuße aus ihm zurief: »Sie werden von Ohlenwohle am Fernsprecher verlangt, Herr Hagenrieder, von einem Fräulein. Den Namen konnte ich nicht verstehen.« Ganz ruhig ging Helmold in die beste Stube und wunderte sich dabei, daß er so gelassen blieb. Aber sein Herz machte doch einen kleinen Sprung, als er anfragte: »Bist du das, Swaantje?« und er ihre Stimme und damit das ganze Mädchen dicht bei sich hatte. »Tjark konnte nicht, er hatte wieder einen Gichtanfall, und Ilsabe konnte deshalb auch nicht mit, und so bin ich allein gekommen,« antwortete sie. »Kannst du hier über Nacht bleiben oder nicht, und wann mußt du wieder zurück?« fragte er weiter. »Ich habe gesagt, ich führe mit dem letzten Zuge, und der geht um sieben Uhr,« kam es zurück. »Dann lohnt es sich nicht, daß du erst hierherkommst,« meinte er; »dann komme ich mit dem Rade dorthin,« setzte er hinzu. Eine Weile war es still. »Bist du noch da?« fragte er. »Ja,« rief sie; »dann komm, lieber Helmold; das wird das beste sein.« Es kam ihm vor, als wenn ihre Stimme mit einem Male ganz anders geklungen hätte.

Er holte das Rad aus dem Schuppen und fuhr los. Er wunderte sich, daß er so unsicher war; sonst fuhr er den schmalen Fußweg neben der Haidstraße, ohne vor sich hinzusehen; nun mußte er die Lenkstange festhalten und bewußt aufpassen, und wo bei einem Querwege eine sandige Stelle den Pfad unterbrach, da wurde es ihm sauer, durch den Sand zu kommen. Er schrieb das erst der Hitze zu, bis ihm einfiel, daß er um drei Uhr aufgestanden war und seitdem keine Stunde gesessen hatte.

Mit vor Schläfrigkeit gleichgültigen Augen sah er die herrlichen Wacholdergruppen und den über und über mit goldenen Blumen behängten Ginster an, der die Böschungen des Weges verbarg, und das Gezwitscher der Hänflinge und das Geschmetter des Baumpiepers kam ihm unbekannt vor, ja, er lachte nicht einmal, als ein Rehbock, der im Graben gestanden hatte, so dicht vor ihm absprang, daß er ihn beinahe umgefahren hätte. Erst als er im Lohkruge einen Schnaps und ein Glas Wasser getrunken hatte, wurde er einigermaßen munter und konnte wieder denken.

»Was mag sie haben, daß sie mit dieser elenden Klingelbahn bei dieser üblen Hitze drei Stunden gefahren ist?« dachte er und stellte sich vor, wie sie angekommen war und allen Glanz aus den Augen verloren hatte, als sie ihn auf der Haltestelle nicht vorfand. Und nun saß sie in dem Kruge und wartete auf ihn. Aber warum hatte sie ihm auch keine Drahtnachricht geschickt, sondern erst am Abend vor der Abreise den Brief, der mit der üblichen Verspätung ankam? Und nun: was sollte es zwischen ihnen geben?

Als er den Morgen vor dem Moore stand und sich über eine Fuchsbetze freute, die mit vier Junghasen im Fange auf zwanzig Gänge bei ihm vorüberschnürte, hatte sein Gewissen ihm ganz gehörig die Leviten gelesen. Er hatte an alle seine Liebschaften gedacht und sich gesagt, daß er sich keine Vorwürfe darüber zu machen brauchte. »Banausen, Philister, Fünfgroschenmenschen scheuen sich durchaus nicht, ihrer Leidenschaft zu folgen; also warum soll ich, ein wertvoller Mensch, mich zum Verzichten nötigen?«

Aber da hatte eine fremde Stimme gelacht und gesprochen: »Du kamst dir doch immer als Übermensch vor, mein Herze, nicht wahr, und billigst dir dabei die Untermoral des waschlappigen Gesindels zu? Glaubst du vielleicht, die Borgias und ähnliche Kerle waren Helden? Jämmerlinge waren es, die sich kratzten, sobald es sie juckte. Rede dir nicht selber etwas vor! Seinen Instinkten zu folgen, ist keine Stärke; Schlappheit ist es, urmenschenhafte Schwäche oder Neurasthenie. Außerdem warest du doch stets stolz darauf, ein Mann von Wort zu sein; war dein Treueschwur vor dem Altar nicht ehrlich gemeint? Du kannst dich vor dir entschuldigen, das kannst du, mit Schwäche, mit Gedankenlosigkeit, mit was du willst; aber wenn du versuchst, dich zu rechtfertigen, dann machst du dich einfach lächerlich. Du bist polygam veranlagt, sagst du. Schön, aber dann hättest du Junggeselle bleiben sollen. Du warst ja mehr als mündig, als du vor dem Priester dein Ehrenwort gabest. Also rede nicht!«

So kam er mit einem Herzen voller verschiedenartiger Empfindungen vor dem Ohlenwohler Kruge an, grau und kühl wie der Himmel an einem toten Tage. Der Wirt stand vor der Tür, als er vom Rade sprang. »Das Fräulein ist rechts in der Stube,« sagte er. Swaantje saß auf dem unbequemsten Stuhle, als er eintrat. Sie sah blaß und müde aus und hatte Schatten unter den Augen; aber noch niemals war sie ihm so schön und hilfsbedürftig vorgekommen. Sie errötete über das ganze Gesicht, als er ihr beide Hände gab, und ihm war, als verlangten ihre Augen, daß er sie in den Arm nehmen sollte, und daß er sie küssen möchte; aber er hatte die Tür nicht hinter sich zugemacht, und auf dem Gange standen Leute und vor dem Fenster auch, und da die Sonne darauf lag, hätten sie sehen können, was in der Stube vorging. So drückte er ihr die Hand, zwang sie in das Sofa und fragte: »Hast du schon etwas gegessen?« Sie schüttelte den Kopf, und er ging hinaus und bestellte Kaffee und Zukost. Dann setzte er sich vor den Tisch auf den Stuhl.

Es wurde ihm schwer, etwas Vernünftiges zu sprechen. Der pilzige Geruch des schlecht gelüfteten Raumes erstickte den Rest von Frische, der noch in ihm war, und ein Mitleid, stark mit Verlegenheit durchsetzt, machte ihn unsicher. Und Swaantje saß da, sagte nichts und sah ihn an, mit einem rührenden Lächeln um den blassen Mund, und ihre Augen schimmerten feucht.

Endlich sprach sie mit einer weichen, farblosen Stimme, daß sie sich so sehr auf Stillenliebe gefreut habe, und daß sie vor Enttäuschung nicht habe schlafen können, als Tjark am Abend vorher seinen Anfall bekommen hatte. Und daß sie ihm für das Bild doch endlich ihren Dank sagen müsse. »Denn schreiben, lieber Helmold,« sagte sie und lächelte ihn an, als wäre sie eben mit ihm getraut, »das konnte ich doch nicht, wie sehr ich mich darüber gefreut habe.« Sie nahm seine Hand und drückte sie: »Bist du mir immer noch böse, lieber Helmold?«

Er wußte nicht, was er sagen sollte, und war froh, als die Wirtin mit dem Kaffee hereinkam. Absichtlich bestellte er noch Brot und Butter und dann eine Postkarte, denn er wußte wirklich nicht, wie er sich verhalten sollte. Das weiße lose Kleid hatte sie nicht an, wie damals im Garten, als er hinterher den Bajonettangriff auf sie machte; aber sie war ihm nachgereist, die weiße Fahne in der Hand.

Doch er traute ihr nicht und sich noch viel weniger. Ihr nicht, weil sie ihm heute mehr denn je als reine Seele, als Nonne, als unsinnliches Wesen erschien, und sich nicht, weil er sich nur als Bruder oder Vater ihr gegenüber vorkam, und so gar kein bißchen als begehrender Mann. Dabei war sie ihm noch nie so schön vorgekommen wie an diesem Tage. »Zum Erbarmen schön,« dachte er. Gar zu gerne hätte er sie in den Arm genommen, ihre Backen gestreichelt und ihre Stirn geküßt; aber er hatte Angst, daß sie seine Liebkosungen mißdeuten oder Erwartungen daran knüpfen könnte, die er nicht erfüllen konnte. So schleppte sich die Unterhaltung lendenlahm und langsam hin.

Endlich hielt er es nicht mehr aus. »Komm, Swaantje,« sagte er; »wenn es dir recht ist, bummeln wir durch die Haide. In dieser Luft schrumpelt einem ja das Gemüt ein.« Sie nickte ihn lächelnd an und erhob sich, wobei sie ihm ganz nahe kam. Wieder wurde es ihm so zu Sinne, als sei es seine Pflicht, sie zu liebkosen, und ihre Augen sahen so aus, als sehne sie sich danach; doch abermals streckte der Gedanke, daß nur ihre einsame, verwaiste Seele geküßt und umarmt sein wolle und nicht ihr Leib, die Hand gegen ihn aus und hielt ihn zurück. Als sie vor dem Spiegel ihren Hut aufsetzte, sah ihr Spiegelbild ihn mit vieler Zärtlichkeit an, und er gab sich einen Ruck, um sie zu umfassen; doch da polterte eins von den Kindern in das Zimmer, blieb mit offenem Mund stehen, starrte das Mädchen an, wie einen Geist und stürzte wieder hinaus; er aber atmete erleichtert auf, als sei er einer Gefahr entgangen.

Sie schlenderten durch die Felder und unterhielten sich mit Mühe. Erst als sie in die Haide kamen, frischte ihr Gespräch etwas auf, flaute aber immer wieder ab. Swaantje fragte, welcher Art die Bilder wären, die er für das Schauspielhaus male; dadurch kam etwas Zug in ihre Unterhaltung, so daß er schließlich, zumal er über die Schlafsucht hinaus war, ganz lustig wurde, und es zu einem ganz fröhlichen Geplauder kam, das aber rein äußerlicher Art blieb und sie im Grunde mehr auseinanderhielt, als zusammenführte. Es war ihnen beiden zumute, als schritte irgend ein langweiliger Mensch zwischen ihnen, den sie nicht abschütteln konnten. Dazu begegneten ihnen fortwährend Leute, die vom Heuen kamen, darunter Marien. Seitdem sie verheiratet war, hatte Helmold sie nur einmal flüchtig gesprochen und sich darüber gefreut, daß sie tat, als kenne sie ihn nur ganz oberflächlich. Auch jetzt bot sie ihm mit unbewegtem Gesichte die Tageszeit wie einem fremden Menschen.

»Hier sind so viele Leute,« klagte Swaantje. Er nickte und bog mit ihr in einen schmalen Pfad ein, der tief in das Haidkraut getreten war und nach einem kleinen Wäldchen führte. Ein weißer Bussard, der auf einem Irrsteine gefußt hatte, flog vor ihnen auf, und ein schwarzes Reh, das sich am Zwergginster äste, sprang an ihnen vorüber. Da der Weg nur drei Hände breit war, ging Helmold hinter Swaantje. Sie trug ein Kleid von ähnlichem Schnitt wie an jenem Tage, als er mit ihr nach dem Tödeloh ging, doch war es nicht rosenrot, sondern mattblau, und auch das Band, das den weichen Strohhut umgab, war von derselben kühlen Farbe.

Er nickte. »Ja,« dachte er; »damals erschien sie mir als rosenroter Traum; heute ist sie mir eine mattblaue Erinnerung.«

Er sah sich um; der eiserne Ritter ging nicht hinter ihm. »Meine Liebe habe ich in der Bilderkiste eingesargt«, dachte er, »und mein Verlangen; so blieb mir weiter nichts davon als das Gespenst. Aber ich glaube nun einmal nicht an Gespenster!«

Hinter dem Wäldchen lagen unter einer krausen Eiche zwei gewaltige Findelsteine; auf den einen legte er seinen Mantel und wies ihn Swaantje als Sitz an, auf dem anderen nahm er selber Platz. Vor ihnen kroch der bleigraue Pfad durch die braune Haide und verlor sich zwischen hohen Wacholdern und Ginsterbüschen, die mit ihren gelben Blüten nur so prahlten; davor leuchtete das helle Grün einer quelligen Sinke.

»Wie wunderschön ist das,« seufzte das Mädchen, und ihre Brust hob sich unter dem kühlen Kleide; »zum Weinen schön ist es,« fügte sie nach einem Weilchen hinzu. Ihr Vetter nickte und dachte: »Ganz wie du.« Er sah, daß ihre Hand zuckte, als wolle sie nach der seinen hin; aber da der Raum zwischen den beiden Steinen zu groß war, so glitt ihr Arm an dem Granitblocke herab und nahm eine Eulenfeder auf, die zwischen den grünen Ranken der Krähenbeere am Fuße des Steines lag.

Das Mädchen drehte die bunte Feder zwischen ihren farblosen Fingern, besah sie mit gemachter Aufmerksamkeit und fragte, ohne ihren Vetter anzusehen: »Von welcher Eule ist das?« Er antwortete: »Waldkauz« und flötete halblaut den Balzruf dieses Nachtvogels. Ohne ihn anzusehen, sprach sie: »Ich war neulich wieder einmal im Tödeloh.« Er erwiderte nichts und sah nach dem runden weißen Fleck, der die Spitze des höchsten und schlanksten Wacholders krönte. Er deutete mit dem Finger danach: »Der große Würger,« sagte er.

Das Mädchen nickte, räusperte sich und begann wieder: »Sage mal, Helmold, was hast du dir eigentlich damals gedacht,« sie stockte, scheuchte eine Mücke fort, die auf ihrem Arme saß und sprach dann weiter, »damals, als ich dir in dem Walde sagte, du weißt doch, als uns der Oberbürgermeister begegnete, daß,« sie stockte, »daß das, du weißt ja, vorbei sei?« Er sah nicht auf und erwiderte mit gleichmütigem Tone, über den aber ein tiefer Klang von Verständnis hinwegsah: »Das wußte ich schon vor dem.« Swaantje nickte, strich sich mit der Eulenfeder über die Stirne und fuhr fort: »Das war vorbei, seitdem du mir im Tödeloh das eine Wort sagtest.« Er nickte, sah nach einem blanken Raubkäfer, der eine Raupe umbrachte, und sprach leise: »Das schien mir damals auch schon so.« Der Würger verließ den Wacholderbusch, rüttelte eine Weile über der Sinke und strich mit klirrendem Rufe ab. Helmold sah hinter ihm her.

Die Brust des Mädchens hob sich schwer. »Du verstehst doch, lieber Helmold,« sie sprach es matt, aber er vernahm die tiefe Zärtlichkeit, die dahinter lag, »nicht wahr, daß ich nicht anders handeln konnte?« Er nickte, sah sie aber nicht an. »Denn sieh mal, lieber Helmold, Grete, du weißt, das ging doch nicht.«

Ihm wurde immer trauriger zumute und immer hilfloser, ihretwegen und seinethalben erst recht. Da hielt sie ihm nun ihr Herz auf den Händen hin, dieses arme, ledige, verwaiste Herz, und er konnte es nicht hinnehmen. Er wußte, was sie ihm gerne gesagt hätte, aber nicht sagen konnte, daß Grete ihr nämlich dasselbe gesagt hatte, wie ihm, daß sie an dem ganzen Unglücke schuld sei, das über ihn und das Mädchen und auch über die Frau gekommen war, und daß sie drei zusammengehörten, daß sie drei eins waren und sein sollten. Aber Swaantje wußte es nicht, und er konnte es ihr nicht sagen, daß es dafür zu spät sei.

Er sah, daß die Mücken häufiger flogen, und war ihnen dankbar dafür, denn nun konnte er mit Anstand rauchen. Er scheuchte eine summende Mücke fort, langte sich eine Zigarre heraus und zündete sie an. Swaantjes Lippen versteckten sich. »Sieh mal nach der Uhr,« bat sie; »ich glaube, wir müssen gehen, denn ich möchte nicht zu spät kommen.« Sie fuhr heftig zusammen, denn in dem Gebüsch hinter ihnen schreckte laut ein Reh.

Sie gingen einen anderen Weg zurück. Die Frösche prahlten in den Gräben, und eine helle Weihe schwebte über den Wiesen. Swaantje schritt vor ihm her. »Mein Gott, mein Gott,« klagte es in ihm; »wie schön ist sie, wie wunderschön!« Er sah ihre Nackenlocken an und den vornehmen Bogen ihrer Backen und dachte: »Warum lege ich nicht meinen Arm um sie, warum küsse ich sie nicht? Sie will es doch so gern.«

Der Weg zwillte sich. Swaantje ging nach rechts. Er faßte sie unter den Arm und zog sie nach links. Er hatte vorgehabt, sie an sich heranzuziehen und ihren Mund zu küssen; aber als seine Hand wohl die Wärme ihres Armes spürte und sein Herz sich doch nicht regte, ließ er sie los und ging stumm hinter ihr her, bis der Pfad in den Weg einlief und sie nebeneinander gehen konnten.