Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte
Part 17
Doch so ging es ihm oft mit ihr; sie hatte tausend Schubladen und Geheimfächer in ihrer Seele, und manche davon waren so versteckt angebracht, daß sie sie nur ganz zufällig fand und selber erstaunt war über die alten Erbstücke, die darin herumlagen, einige noch gut erhaltene, andere vergilbt und stockfleckig, mottenfräßig oder schimmelig.
Das Spinnrad schnurrte, der Tranküsel flackerte, rote Funken sprangen hin und her, und die gewaltigen Pferdeköpfe des Herdrahmens warfen unheimliche Schatten auf die Wände des Fletts. Mieken rührte die Arme fleißig, und Helmold betrachtete mit zufriedenen Augen ihr reiches blondes Haar, ihr frisches Gesicht, das bei jedem Lächeln drei Grübchen vorwies, die vollen Brüste, die sich ungesucht unter dem weißen Hemde und dem roten Leibchen abzeichneten, und die prallen Lenden, die der blaue Rock umspannte, während die weiße Schürze sich im Schoße verführerisch knickte, und er ließ sich von der alten Weise streicheln, die der Kessel brummte und Annemieken summte, bis sie, mit verträumten Augen vor sich hinstarrend, zu erzählen begann und ihn in die Zeiten führte, da noch die Bäume rote Herzen hatten und jedes Tier eine Sprache besaß, die von Menschenohren verstanden wurde.
Sein Volk, das einzige, das er auf der Welt noch liebte, saß vor ihm in Weibesgestalt, durchsichtig, wie ein tiefes Wasser, und ebenso unergründlich, schön anzusehen und doch schrecklicher Geheimnisse voll, und es blickte ihn mit hellen warmen Augen an, die einen Pulsschlag später kalt und dunkel aussehen konnten.
Er zerfaserte sein Verhältnis zu dem jungen Weibe, das vor ihm saß und in völliger Selbstvergessenheit spann. Zu Bildern waren ihm die Frauen im allgemeinen nun geworden; er konnte sie nur noch flächig sehen. Bei Annemieken war das anders, die lebte um ihn; weniger sie selber, als das, dessen Sinnbild sie war, als sein Volk, mit dem er sich eins fühlte.
Er dachte an die Stadt und lächelte in sich; Plunder, Volants, außen und innen, ein Staffeleileben, zwecklose Ornamentik, Künstelei, das Ganze ohne viel Sinn und Zweck.
Er sah sich im Flett um; da war nur Zweck und gar kein Ornament. Selbst die Mährenhäupter des Rahmens waren nur Zweck, eine Verbeugung vor Wode, dem entthronten Gotte. Aber wie schön war nicht der Kesselhaken in seiner ganz auf den Zweck gearbeiteten Form, wie schön jedes Stück Geschirr an der Feuerwand, wie sinngemäß die kunstvolle Pflasterung des Estrichs mit den geschwungenen Schmuckstreifen aus weißen Kieseln. Das war Kunst, Kunst im Leben, nicht neben dem Leben, keine Staffelei- und Atelierkunst.
Überall lachte sie ihn an, die Seele seines Volkes, die ein Kunstwerk aus jedem Geräte gemacht hatte, und nur deshalb, weil sie an Kunst nicht dachte. Ob es nun der Kugelfußtisch war oder der Stuhl mit dem Sitze aus Schilf, die Tranlampe oder der Tellerkranz, jedes Stück erzählte oder sang in seiner leisen Art; desgleichen der Rosmarinstock vor dem Fenster der Dönze und der grüne Topf, in dem das Allwundheil wuchs. Das war die Welt, in die er hineinpaßte, in der er hätte leben müssen, wenn auch nur als kleiner Handwerker.
Hier tönte ihm noch ein Echo des wirklichen Lebens. Es war ihm ein Bedürfnis, Annemieken die schweren Arbeiten abzunehmen; er fühlte sich ganz hineingestimmt in diese Welt, er, der Mann, der dem übrigen Leben gegenüber sich zum Außerhalbsbewußtsein hingefunden oder verirrt hatte. Da war Ruhe und Frieden und langsames, bedächtiges Schaffen; da war nicht jeder Augenaufschlag mit einem Lächeln gewürzt, wurden Zärtlichkeiten nicht feilgeboten. Alles mußte erarbeitet oder erobert werden.
Unglaublich tief war das Verständnis dieses einfachen Weibes für seine Art; denn es beruhte auf der uralten Überlieferung, auf nach Jahrtausenden zählenden Gewohnheiten, auf einer unermeßlichen Erfahrung.
›Hier ich, da du!‹ das war die Losung, und das Feldgeschrei hieß: ›Jedem das Seine!‹ Da gab es keine Seelenvermanschung, Persönlichkeitsverquirlung, nur ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie zwischen dem Birnbaum im Grasgarten und dem Efeu, der ihn umwuchs. Vor allem! man sprach nicht über Dinge, die mit Worten nicht zu ändern sind, wie man seit Jahrzehntausenden wußte; man war zu klug und zu gebildet und zu keusch. Man zog sich nie nackt vor einander aus, und man quälte sich nicht mit Unmöglichkeiten. Man gab sich keine Mühe, den anderen zu durchdringen; man wußte, jeder blieb doch für sich. So gab es keine Enttäuschung und kein Entfremden, keinen kalten Blick nach dem Nacken des anderen.
Er trank den Rest Warmbier aus der zinnernen Kanne, die er neben dem Feuer stehen hatte, klopfte seine Pfeife aus, hängte sie an den Nagel, sah das Mädchen an und sprach: »Annemie!« Sie lächelte und ihre Augen leuchteten, denn wenn er sie so anredete, das wußte sie, mußte sie ihm irgendwie helfen. Sie sah ihn fragend an. Er fing an: »Annemieken, du hast sie doch gesehen, damals, als ich so krank war?« Sie nickte. »Wie gefiel sie dir?« Sie wiegte den Kopf hin und her: »Ich weiß nicht; das war nicht Fisch noch Fleisch!«
Er sah Swaantje vor sich. Ihre Augen hatten keine goldenen Blumen mehr, sondern gelbe Flecke; ihre Stimme war nicht mehr weich, sondern schwach; ihr Gesicht war zu sehr nach Mannesart geschnitten, und ihr Haar roch nicht wie Mädchenhaar; was sollte er also mit ihr?
Aber er hatte ein Anrecht auf sie, er wollte seine Satisfaktion von ihr haben; wollte damit alles das, was er durch sie eingebüßt hatte, wieder in sich hineinzwingen. »Aber das wird doch nicht gehen,« überlegte er, nahm Annemieken in den Arm und küßte in ihr sein Volk, ließ sein Bewußtsein in ihr untergehen, wärmte sein altes Herz an dessen ewig jungem Leben.
Als dann der Schlummer sein Denken schon zudecken wollte, war es ihm, als ob seine Ehefrau neben ihm atmete, und sehnsüchtig gedachte er ihrer. Er sah sie als Bäuerin im Hause walten, ruhig und bedächtig, nur ihm und den Kindern lebend, unbekümmert um das, was außerhalb ihres Hofes in der Welt vor sich ging, ganz und gar weiter nichts als Frau Hagenrieder, von seiner selbstverständlichen Achtung umgeben, und seiner vollen Liebe um so sicherer, als davon niemals die Rede war.
Als er nach drei Tagen in der zweiten Wagenklasse heimfuhr, hatte er ein Mädchen aus der ersten Gesellschaft zur Fahrtgenossin. Sie war einst seine Tischnachbarin gewesen, hatte ihm in allen möglichen Dingen widersprochen, bis ihm die Geduld riß und er freundlich antwortete: »Ja, über bildende Kunst kann ich nicht urteilen, gnädiges Fräulein; ich bin man bloß Maler.« Sie hatte erst einen roten Kopf bekommen und glühende Augen, war aber dann ganz weich geworden und hatte ihn in aller Form um Entschuldigung gebeten.
Nun war sie wie Knetwachs in seinen Händen. Sie war sehr schön und von reizendem Wesen, und er wußte es: »Ein Wort, ein Griff und du hast sie.« Aber er hatte eingesehen, warum er noch vor kurzem jedes Frauenherz annahm, das ihm hingehalten wurde; Seelen hatte er sich vermählen wollen. Nun er einsah, daß das eine Unmöglichkeit war, riß er sich zurück, unterhielt das hübsche Mädchen auf das beste, vermied jene innere Annäherung und schied von ihr mit einem höflichen Lächeln.
Am nächsten Tage mußte er abermals ein Herzchen dankend ablehnen. Er war allein im Hause und Minna, das Kindermädchen, das mit einem Male einen prallen Schürzenlatz und verlangende Augen bekommen hatte, umgab ihn, als er zu Abend aß, mit so durchsichtiger Hingebung, daß die Absicht mit Händen zu greifen war. Als er dann allein in der Werkstatt war, erschien sie zweimal dort, reizend anzusehen in dem Waschkleide, dem weißen Tändelschürzchen und dem Spitzenhäubchen in dem welligen hellen Haar.
Sie tat ihm leid, denn allzu deutlich bot sie sich ihm an, von der Natur getrieben und aus dem Gefühle der Dankbarkeit heraus gegen den allzeit gütigen Herrn; auch war er sich ganz klar darüber, daß er sie begehrte, einfach deshalb, weil die Natur den reifen Mann zu dem eben aufblühenden Weibe hinzwingt; aber er nickte ihr nur freundlich zu und sagte: »Danke, liebes Kind, nun habe ich alles; wenn du noch etwas ausgehen willst, so ist mir das recht. Es ist ein so schöner Abend.«
Rüstig arbeitete er an seinem Bilde weiter, denkend: »Ich bin nicht mehr jung genug für solche Dinge und habe also das Recht darauf eingebüßt. Und sie ist zu schade dafür, mir weiter nichts zu sein, als ein Spielzeug. Und sie wird nicht mehr an mich denken, sobald sie einen findet, der ihrer Art ist.«
Die nächste Zeit hatte er sehr viel zu tun, einmal mit seinen großen Aufträgen und dann mit dem Doppelbildnis des Oberpräsidenten und seiner Frau. Als es fertig war, schickte er es ihnen hin, und als er am folgenden Tage dort eingeladen war und die Oberpräsidentin ihm sagte: »Sie haben uns hoch erfreut, lieber Freund; wie sollen wir das gut machen?« lachte er und sagte: »Dadurch, daß Eure Exzellenz mir gestatten, noch oft kommen zu dürfen.«
Im Verlaufe des Abends fragte der Hausherr: »Sagen Sie mal, Ihre Familie war doch einst von Adel?« Der Maler nickte: »Jawohl, von altem Bauernadel. Wir verarmten in Kriegszeiten völlig und legten die Standesbezeichnung ab, denn sie war zum störenden Ornament geworden, womit man überall anhakte. Ich besitze übrigens alle Papiere über mein Geschlecht; der Stammbaum weist keine Lücke auf über sechshundert Jahre.« »Ei, ei,« meinte der Gastgeber und sprach von etwas anderem.
Einige Zeit darauf wurde Hagenrieder zum geheimen Hofrate ernannt. Um den Glückwünschen aus dem Wege zu gehen, und um sich von den gesellschaftlichen Anstrengungen zu erholen, fuhr er nach Stillenliebe. Er hatte sich in Annemiekens Hause eine Dönze eingerichtet und wohnte nicht mehr in der Wirtschaft. Die Bauern vermieden jede Anspielung auf seine Stellung zu dem Mädchen; er gehörte so sehr zu ihnen, daß sie sein Eigenleben ebenso achteten, wie sie ihr eigenes schützten.
Alle, die ihn näher kannten, fühlten heraus, daß er nicht mehr der lustige Mann war, als den sie ihn kennen lernten; aber da jeder von ihnen selber einen Packen auf dem Nacken hatte, erbot sich keiner, ihm den seinen tragen zu helfen, selbst der Vorsteher Klaus Ruter nicht, sein bester Freund im Dorfe. Als der Pfarrer vom Kirchdorfe einmal bei Ruter vorsprach, angeblich kirchlicher Angelegenheiten halber, und anscheinend beiläufig auf das Verhältnis Hagenrieders zu Annemieken zu sprechen kam, fragte ihn der Vorsteher: »Was trinken Sie lieber, Herr Pastor, Bier oder Wein?« Da sprach der Geistliche schnell von etwas anderem.
So hatte Helmold Hagenrieder zwei Gesichter, das des Jägers und Bauern, und das des Stadtmenschen und Künstlers. Er konnte die halbe Nacht mit den Bauern trinken und Karten spielen, und er brachte es fertig, vier Stunden lang im Frack der Glanzpunkt einer Tischgesellschaft zu sein. Die Bauern ahnten nicht, daß der Mann, der mit jedem von ihnen auf du und du stand, der bedeutendste bildende Künstler seiner Zeit war. Als ein Reisender eine Zeitschrift im Kruge liegen ließ, in dem der Geheime Hofrat Professor Hagenrieder beschrieben und abgebildet war, machten sie zwar den verlegenen Versuch, ihm seine Titel zu geben, aber da lachte er und sagte zu dem Wiebkenbauern: »Alter Döllmer! Soll ich zu dir vielleicht Herr Vollmeier oder Herr Jagdvorsteher oder Herr Gemeinderatsmitglied sagen? Professor und Geheimrat und das andere bin ich, wenn ich die Kellneruniform anhabe; hier heiße ich Hagenrieder und damit basta. Prost, Korl! auf daß deine Kinder einen klugen Vater kriegen!« In der Stadt hinwiederum hatte man keine Ahnung davon, daß der Herr Geheimrat, der fesselnde Plauderer, da hinten in der Haide wie ein Halbindianer lebte und mit einem Mädchen, das mir und mich verwechselte, selbst wintertags keine Hosen trug und mit dem Messer aß, auf du und du und so weiter stand und ihr beim Holzhacken und Stallausmisten half. Die einzigen Stadtleute, die darum wußten, Hennig Hennecke und der Prinz, sprachen darüber nicht.
Mehr als einmal hatte Helmold es vorgehabt, sich seiner Frau zu entdecken; doch stand er davon ab, indem er sich sagte: »Wozu soll ich sie ärgern?« Und dann wußte er auch, daß er ihr eigentlich gar nichts verheimlichte, denn was war ihm Annemieken schließlich mehr als ein Teil des Dorfes, ein Stück der Landschaft? Die Zeit der Liebe war vorbei für ihn, also auch die Zeit der heimlichen Sünde.
Er hatte sich jetzt völlig in der Hand; sein Herz lief Schritt und Trab, wie er es haben wollte. Nur ein einziges Mal schlug es noch etwas über die Stränge. Das war auf dem großen Maienfeste, das die Künstlerschaft im Hirschgarten veranstaltete. Es fiel gerade in die Zeit, in der sich Swaantje bei Benjamin einer Behandlung unterzog. Sie wohnte bei Hagenrieders. »Ist es dir auch nicht unangenehm?« hatte Grete gefragt. »Durchaus nicht,« antwortete ihr Mann.
Mit einer gewissen Feindseligkeit im Herzen trat er ihr anfangs gegenüber, doch fand er bald, daß er sich unnütz in Paukwichs geworfen hatte. Ihre Stimme klang nicht mehr bis zu seiner Seele, und seine Augen streichelten sie weder, noch drohten sie ihr. Er vermied aus Nützlichkeitsgründen das Alleinsein mit ihr; ließ es sich aber nicht umgehen, so zwang er sich zu einem leichten freundlichen Plaudertone. Sobald sie aber eine ernste Frage anbrach oder an sein Innenleben heranging, machte er kehrt.
Ganz kalt beobachtete er sie. Sie war noch ebenso schön, wie einst; aber er hatte zu lange hinter ihr hergeweint, als daß seine Augen für sie nicht erblindet wären. Er liebte sie nicht mehr, und fühlte auch keinen Haß gegen sie; sie war ihm nichts, als das Bild eines Menschen, den er einst heiß geliebt hatte.
»Schade,« dachte er, »daß es so ist; aber nichts ist überzeugender, als die Wucht der Tatsache!«
Er sah sie im Garten neben Grete stehen. Er zog sie mit den Augen aus, betrachtete ihren Akt, gab ihr alle Stellungen und setzte sie jeglicher Beleuchtung aus, schüttelte den Kopf und dachte: »Es war einmal! Ein Segen, daß sie nicht meine Frau geworden ist.« Und mit einem Male mußte er auflachen. Er hatte Professor Groenewald kennen gelernt, einen Mann, der nach Eitelkeit und Kölnischem Wasser roch, Weiberhände hatte und einen Brillantring trug. »Schmalzlerche!« hatte Helmold gedacht, als er ihn sah. Nun aber dachte er: »Solche Männer, die keine sind, gefallen so'nen Weibern, die keine sind.«
Bei der Tafel hatte er Swaantje halb rechts gegenüber sitzen; ein großer Strauß trennte zumeist ihre Blicke, so daß er sich völlig seiner Tischdame widmen konnte, eben jenem schönen Mädchen, das ihm einst in der Eisenbahn ihr Herz umsonst hingehalten hatte, und das den rosenroten Namen Meinholde Marten trug. Sie war glücklich, neben ihm sitzen zu können; ihre Augen funkelten noch mehr als die Demanten in ihrem goldenen Haar und auf ihrem herrlichen Halse. Seine Blicke streichelten ihre Schultern und stahlen sich dahin, wo ihre Brüste im Schatten der Spitzen auf und abhüpften, ab und zu freudig errötend, wenn eine zarte Schmeichelei oder ein kecker Vergleich sie in Erregung versetzte.
Niemals war Helmold bezaubernder gewesen, als an diesem Abend: er focht Dessin mit seinen Worten, schlug ganz leichte Terzen an, gebrauchte listige Finten und setzte dann eine Tiefquart dahinter, daß Lappen und Knochensplitter flogen und die Abfuhr völlig war. Aber das war nichts als Schlägermensur; mit dem krummen Säbel trat er erst an, als er sich zum Trinkspruche erhob, denn da sah man den Renommierfechter. »Ich habe den peinlichen Auftrag erhalten, den Trinkspruch auf die Damen auszubringen,« begann er und sah kalt von rechts nach links in die vierhundert verblüfften Augen. »Ich denke gar nicht daran, den Auftrag zu erfüllen; denn,« er sprach es mit einem bösen Blicke, »den Frauen und Jungfrauen will ich ein Lobredner sein, so gut ich es kann.« Alle Augen wurden hell. »Dame, was ist das?« fuhr er fort; »ein wälsch Wort, ein farblos Wort, ein Unwort. In der galanten Zeit kam es auf, und bedeutete nichts Sauberes, schmeckte nach Liebelei, aber nicht nach treuer Liebe, sagt doch der alte gute Friedrich von Logau: ›Was Dame sei und dann, was Dama wird verspürt, daß jene Hörner macht und dieses Hörner führt.‹«
Er lachte lustig und rief: »Fort mit dem dämlichen Wort!« Und dann wand er den Frauen und Jungfrauen einen Kranz aus roten und weißen Blüten; er huldigte ihnen als Mann, nicht als Knecht; er gab ihnen die Hand, küßte ihre aber nicht, die Kniee beugend; vergaß keine, weder die vornehme Frau noch die einfache Magd, und dann schwenkte er ab, näherte sich gefährlichen Punkten, daß die Männer unruhige Augen bekamen und den Frauen das Herz stille stand, weil sie ihn schon abstürzen sahen; doch mit einem harmlosen Lächeln gab er seinen Worten eine Wendung, die ihn rettete. So führte er seine Zuhörer ein dutzend Male an gefährlichen Abgründen vorbei, um sie schließlich zu einem Gipfel zu leiten, von dem aus sich ihnen eine Aussicht bot auf lauter Sonne und Wonne.
Alle Augen an der Tafel waren erfüllt von dem Abglanze seiner Worte, als er endete und hinter einem Gitter weißer Arme verschwand, die ihm die Sektkelche entgegenstreckten, deren helles Klirren sich von dem neidischen Beifallsgemurmel der Männer abhob, wie weiße Blumen von abendlich dunklem Gebüsche. Doch am meisten leuchteten die Augen seiner Tischnachbarin; als er mit ihr anstieß, hauchte sie: »Du!«
Swaantjes Augen aber standen schwarz in ihrem weißen Gesichte; ihr Mund war wie ein Strich, und ihre Hand lag geballt auf dem Tische. Sie hatte das selbe Gesicht, wie an jenem Tage, als er in der Werkstatt um einen Kuß flehend vor ihr stand, Tränen in den Augen. Nun stieß er, sie unbefangen anblickend, mit ihr an und setzte sich nieder, seiner Tischnachbarin ein Wort zuflüsternd, das Abendröte auf ihrem Gesichte hervorrief.
Keinen Augenblick ließ Swaantje das Paar mit den Blicken los, solange die Tafel währte. Ihr Vetter merkte es wohl; als er sah, wie blaß sie war, stieg ein unbehagliches Gefühl in ihm auf. Aber da er rundumher nur zärtliche Augen erblickte, und der Sekt sein Blut erhitzte, und das Mädchen, das neben ihm saß, ihn ganz in Anspruch nahm, und zudem der Fliederstrauß Swaantje halb verbarg, so vergaß sein Herz sie.
Und dann kam der Fackelreigen durch den dunkelen Wald, an dessen Rändern die Nachtigallen schlugen, und er hatte das wunderschöne Mädchen erst am Arm, und bald darauf, als der Zug sich auflöste, im Arm, und der Kauz rief und der Waldmeister und das junge Buchenlaub dufteten, und Helmold küßte Meinholde und sie küßte ihn wieder, bis sie aufseufzte und flüsterte: »Nun geh! sonst reden sie über uns.«
Dann aber fand er sich mitten im Trubel, stand vor Swaantje und bat sie um den Walzer. Sie tanzte schlechter als sonst, und sah so bleich aus, daß er sie zu einer Bank führte, sich zu ihr setzte und einen leichten Ton anschlug. Sie antwortete matt und lächelte kaum, wenn er etwas Lustiges sagte, und mit einem Male sah sie starr nach seiner Hemdenbrust, stand jäh auf und sagte: »Ich muß einen Augenblick allein sein; mir ist so sonderbar.«
Als sie ihn verlassen hatte, nahm er das goldblonde lange Haar fort, das an der Perle hing, die sein Hemd zusammenhielt, und er wußte nicht, sollte er die Stirn runzeln oder lächeln. Aber dann erinnerte er sich an das, was er sich an dem Tage vorgenommen hatte, als er den Mordhirsch im Schandenholze geschossen hatte. »Blut um Blut!« dachte er.
Am folgenden Tage fuhr er zur Jagd; absichtlich fuhr er in aller Frühe fort, ohne Abschied zu nehmen. Als er nach einer halben Woche wieder kam, nach jungem Birkenlaube und Post duftend, drei Birkhähne in der Hand, traf er Swaantje ganz allein zu Hause, denn seine Frau hatte einen Besuch zu machen und die Mädchen waren mit den Kindern aus.
»Du siehst nicht besonders aus, Kleine,« sagte er und tätschelte ihr die Backen wie einem Kinde. Sie bediente ihn beim Kaffee; er freute sich der kraftlosen Anmut ihrer Bewegungen und nahm den Klang ihrer weichen Stimme dankbar hin, suchte aber vergebens nach den goldenen Blumen in ihren Augen und lauschte umsonst auf den Widerhall seiner Liebe in seiner Brust.
Wenn er sie ansah, war ihm zu Mute, als käme er in eine Stadt, in der er einst viele liebe Freunde hatte, und nun waren sie alle tot.
Doch als er dann in der Werkstätte war, dachte er: »Ich will sie an ihre Schuld mahnen, jetzt gleich. Donnerwetter, sie ist und bleibt doch immer eine Lücke in meinem Leben, über die ich in Gedanken alle naselang noch stolpere!« Er gedachte der Nacht, in der sie in dem Büchersaale von Swaanhof vor ihm stand in dem weißen Nachtkleide, den hellen Schein der Kerze über ihrer Brust, auf die der Schatten des Palmenwedels mit kecken Fingern deutete, und des Maientages, an dem sie mit dem Rade fiel und ihre Röcke so schüttelte, daß ihre Hosen bis über die Hüfte sichtbar wurden, und er sagte sich: »Ich will mir holen, was mir zukommt; denn ich habe es mit meinem Leben erkauft. Also!«
In diesem Augenblicke kam Swaantje aus dem Wohnhause und ging in den Garten, ein Buch in der Hand. »Aha!« sagte er sich; »läuft der Hase so?« Denn sie hatte ein weißes loses Kleid an, fast ganz so wie jenes, das einst seine Hände hungrig gemacht hatte.
Er ging ihr entgegen: »Du hast mein neuestes Bild noch nicht gesehen, Swaantien,« sagte er. Sie wurde rot und folgte ihm. »Ach, wie schön,« flüsterte sie und sah ihn mit hingebungsvollen Augen an.
»Bleibe ein bißchen hier und erzähle mir was, Maus,« bat er und deutete auf das Ruhebett. Sie gehorchte und sah ihm zu, wie er an dem Bilde einige Stellen vollendete.
»Ach was, malen!« rief er und stellte den Pinsel in das Glas; »ich habe keine rechte Lust dazu!« Er schob einen Sessel heran und setzte sich zu ihr. »Hast du nichts Neues geschrieben?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf: »Ich habe es aufgesteckt; ich habe gar kein Talent.« Er lächelte in sich. »Ist auch besser so. Talentvolle Frauen sind keine.« Und dann fragte er weiter: »Hat dir Benjamin geholfen?« Sie nickte: »Etwas!« antwortete sie. Er strich über ihre Schläfe. »Immer noch die alte Stelle?« Sie nickte und sah ihn dankbar an, denn seine Hand war ihr eine Erquickung. Er legte den Arm um ihren Nacken, küßte sie auf den Mund und flüsterte: »Meine Swaantje!« Ihre Arme erhoben sich, als wenn sie seinen Hals umfassen wollten, aber dann stieß sie ihn zurück und rief: »Aber Helmold, schäme dich!« Er ließ sofort von ihr ab und lächelte: »Entschuldige, liebe Swaantje; das verflixte Kleid!«
Als er zu Bette ging, fragte ihn seine Frau: »Hast du Swaantje etwas Böses gesagt? Sie war so sonderbar und will morgen abreisen.« Er errötete etwas, erwiderte jedoch ganz ruhig: »Ich! wie sollte ich dazu kommen?« Doch ehe er einschlief, schämte er sich, einmal, weil er seine Hände nach einem Weibe ausgestreckt hatte, an dem ihm nichts gelegen war, und dann, weil er fühlte, daß er sie doch noch liebte, wenn auch nicht als Weib. »Ich habe in ihrer Seele, die ich immer und ewig liebe und begehre, mein Bild zerschnitten,« dachte er und nahm sich vor, sie um Verzeihung zu bitten.
Dazu kam er aber nicht, denn als er sie am Frühstückstische traf, sah sie nicht bleich und elend aus, wie er gefürchtet hatte, sondern eher froh und glücklicher, als in den letzten Wochen, und als sie abreiste, nickte sie ihm aus der Wagentür freundlich zu.
»Der Teufel soll aus den Frauenzimmern klug werden,« dachte er und kam sich wie ein dummer Junge vor, der eine kokette Abwehr ernst genommen hatte. Späterhin aber freute er sich des Mißerfolges. Was früher seine höchste Wonne gewesen wäre, nun wäre es besten Falles weiter nichts gewesen, als ein Vergnügen.
»Ich hätte nicht mehr davon gehabt, als wenn ich die Zunge zum Fenster hinausgehalten hätte,« dachte er, suchte einen bespannten Keilrahmen heraus und entwarf ein Bild von ihr.
Der Sarg
Es wurde ein wahrhaftiges Kunstwerk; es war so schön, daß er dachte: »Eine Liebeserklärung auf Leinewand!« Dann aber lächelte er und meinte zu sich: »Nicht ganz, eher das Gegenteil.«