Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte

Part 16

Chapter 163,968 wordsPublic domain

Langsam gingen die Stunden dahin, Hennecke löste den Arzt ab. Der war zufrieden. »Er kommt an das Ufer, glaube ich, der Puls ist ganz ruhig.« Er aß und ging nach oben, und Hennecke leistete der Frau wieder Gesellschaft. Sie sprachen wenig. Plötzlich seufzte Frau Grete erleichtert auf und lächelte gespannt. Männertritte kamen näher und erklommen die Treppe; die Haustür ging auf. Die Frau erhob sich, öffnete die Tür und nahm dem Briefträger das Telegramm ab, gab ihm den Taler, den sie schon bereit hielt, löste gelassen den Verschluß, faltete das Papier auseinander, las den Inhalt, ohne eine Miene zu verziehen, nickte, reichte Hennecke die Depesche und sprach: »Es ist so, wie ich sagte: sie kommt. Gott sei Lob und Dank!«

Die Tür ging auf; der Arzt stand darin, helle Freude im Gesicht. »Sie haben Ihren Mann wieder, Frau Hagenrieder,« sagte er ganz laut. Er sah erstaunt auf, als die Frau nur nickte und meinte: »Ich wußte es.« Er trank ein Glas Sekt aus: »Merkwürdig,« murmelte er dann; »eben erwachte er, seufzte sich den Schlaf fort, sah ganz klar aus den Augen, machte sie wieder zu und mit ganz fieberfreier Stimme flüsterte er: ›Sie kommt!‹ Und dann schlief er wieder ein.«

Am andern Morgen lachte die Sonne, und die Amsel sang zum ersten Male. Helmold war sehr schwach, aber fieberfrei. Als er die drei Schneeglöckchen sah, die seine Frau ihm auf das Tischchen stellte, ging ein leises Lächeln über sein Gesicht. Er winkte mit den Augen, und sie bückte sich zu ihm nieder. »Näher!« hauchte er, »noch näher!« Sie küßte ihn auf den Mund. »Meine liebe Frau,« flüsterte er und schlief ein.

Der weiße Garten

Als Swaantje in Stillenliebe anlangte, war Helmold bereits aus aller Gefahr, aber noch so angegriffen, daß der Arzt jede Aufregung verbot. Er gestattete ihr nur, daß sie ihn sah, während er schlief.

Das Mädchen mußte sich am Türrahmen festhalten, als sie ihren Vetter erblickte. Welk fiel ihm das fast völlig ergraute Haar in die Stirne, der Bart hing schlaff über die blutleeren Lippen, die Nase trat scharf hervor, unter den Augen waren tiefe Löcher, die in allen Farben spielten, die Ohren sahen wächsern aus, und die Hände waren leichenfarbig.

Als sie das Zimmer verlassen hatte, fiel sie Grete um den Hals und schluchzte tränenlos, und die Frau sagte, als sie mit ihr in dem besten Zimmer saß: »Wir wollen Gott danken, daß wir ihn behalten haben, Swaantje; und sobald er kräftig genug ist, fährst du mit ihm in irgend eine stille Ecke und pflegst ihn mir ganz gesund. Nicht wahr, Liebste?« Das Mädchen nickte, denn sie fühlte, daß die andere das im vollen Ernste sagte.

Es wurde aber nicht so; denn je mehr sich Helmold körperlich erholte, um so mehr schien seine Liebe für Swaantje zu erkalten. Als ihm seine Frau einmal von dem Mädchen sprechen wollte, wehrte er ab. »Ich genese, Grete,« sagte er, »und auch davon.« Er sah sie voll an und fuhr fort: »Möglich, daß ich ihr später wieder kameradschaftlich näher komme; vorläufig wäre mir ein Zusammentreffen peinlich, und schädlich. Hennecke und Benjamin sind der selben Ansicht.«

Wenn er, warm zugedeckt, auf dem Ruhestuhle im Garten lag, dem Schlage der Finken zuhörte und die knospenden Zweige betrachtete, dachte er noch oft an das Mädchen, aber nicht in Liebe. Etwas wie Unmut war in ihm; denn er fühlte sich beleidigt. Er hatte sich vor ihr erniedrigt, hatte um einen Kuß gebettelt, war fast irrsinnig vor Liebe geworden, und es hätte nicht viel gefehlt, daß er an seinem Verlangen zu Grunde ging.

Er wußte aber auch, daß dieses der letzte Rückfall war. »Was hat sie nicht alles aus mir gemacht,« dachte er; »einen Trinker, einen Wüstling, einen Salonaffen, einen Streber!« Er las in dem Buche, das Hennig ihm mitgebracht hatte, und lächelte belustigt, denn er war vorhin auf einen Ausspruch Montanabbis gestoßen, der vortrefflich zu seinen eigenen Gedanken paßte, und der folgendermaßen hieß: »Viele Menschen waren gleich mir Opfer eines weißen Halses, eines rosigen Angesichtes und zweier Augen, die sanft blickten, wie die der Gazelle.« Er nickte und dachte: »Hast recht, beturbanter Philosoph; wir wollen den Fall zu den Akten in das Fach Erledigt legen.«

Die Magd wusch in der Küche Gläser auf und sang. Er nickte lächelnd, pfiff leise die Singweise durch die Zähne und summte den Schlußreim: »Kehr' dich ab von mir, heb' dich fort von mir, scher' dich weg von meiner Tür.« So waren seine Gedanken, wenn er an Swaantje dachte. Mochte sie sich jetzt ebenso um ihn quälen, wie er es ihrethalben getan hatte; sie hatte es verdient durch ihre Feigheit.

Mit Schadenfreude stellte er fest, daß er sie nicht mehr liebte. Das war nur natürlich; es entsprach seiner Veranlagung. Sein Vater hatte den Grundsatz gehabt, ihm niemals einen Wunsch sofort zu gewähren. So hatte er ihm, als Helmold zwölf Jahre alt war, verboten, sich eine Armbrust zu kaufen. Nach einem halben Jahr bekam er sie zum Geburtstage, rührte sie aber nicht an, denn er war schon darüber hinaus.

Allmählich dachte er milder. Zu Hennig, der sich seinetwegen frei gemacht hatte, sprach er sich einmal, als er mit ihm vor das Dorf ging, darüber aus: »Weißt du, mein Lieber, ich zürne ihr auch nicht mehr, denn sie konnte schließlich nicht anders handeln, schon ihres Verhältnisses zu Grete wegen nicht. Ich weiß, das Ganze war Einbildung; aber daß ich das weiß, das ist eben das Schlimme. Ich bin doch jetzt körperlich schon wieder ganz rüstig; aber ich bleibe innerlich kalt und tot. Ich lebe in einem weißen Garten; wo ich hinsehe, verlieren die Blumen die Farbe und die Blätter das Grün. Mein Herz ist gefeit gegen jegliches Gefühl; es hat kein Teil mehr am lebendigen Leben.«

Er schwieg und dachte an alle die Frauen und Mädchen, die er geliebt hatte. Aus Gewohnheit fühlte er ihnen gegenüber Dank, in Wirklichkeit waren sie ihm alle gleichgültig. »Ja, Hennig,« murmelte er und nickte, auf das Dorf hinabsehend, wo alle Obstbäume blühten, »das ist nun so: Helmold Hagenrieder ist tot. Was da lebt, ist bloß noch der Professor gleichen Namens. Zwischen mir und der Welt ist eine Glasscheibe. Ich habe noch Sinne, noch Sinnlichkeit; aber ich habe die alte kindliche Anteilnahme an den Menschen und den Dingen verloren. Ich sehe sie nur noch in ihren kalten Lokaltönen, nicht mehr in der warmen persönlichen Beleuchtung, die ich ihnen früher gab.«

Er seufzte, aber dann lächelte er: »Ist übrigens das einzig Wahre. Der Künstler muß außerhalb der Welt stehen, wie Gott. Wer im Leben steht, bringt es nie zur Meisterschaft. War schon das beste für mich, diese dämliche Entgleisung. Wäre ich irgend ein Soundsomensch, Beamter oder so was, Philister, so wäre ich daran eingegangen; so aber hat mich diese Geschichte gereinigt. Denn ich bin da, um zu wirken, nicht um zu leben, wie Hans X und Kunz Y.«

Leise sprach er vor sich hin: »Künstler sollten nicht heiraten; sie können nicht treu sein, dürfen es nicht, sollen sie sich nicht selber untreu werden. Aber heiratet man nicht, so hat man keinen Zusammenhang mit dem Leben, lernt dessen tiefste Nöte nicht kennen. Wie man es auch macht, es ist immer verkehrt, und so wird das Allerverkehrteste wohl das einzig Richtige sein.«

Er zündete sich die erste der zwei Zigaretten an, die Benjamin ihm gestattet hatte, sah den Freund an, legte ihm die Hand auf das Knie und sprach weiter: »Ich habe früher von der Philosophie niemals viel gehalten; sie ist noch ein viel lorbeernerer Ersatz für das Leben, als die Kunst. Jetzt aber, wo ich mit dem Leben innerlich nichts mehr zu tun habe, philosophiere ich. Höre zu: Nach Kant gibt es kein Ding an und für sich; ich aber sehe die Dinge an und für sich. Also gibt es kein Ding an und für mich, sondern nur Dinge an und für sich für mich. Also geht mich als Menschen nichts mehr etwas an. Also bin ich kein Mensch mehr; also bin ich tot!«

Ein Goldammerhähnchen kam angeschnurrt, ließ sich auf einem Zaunpfahle nieder, sah die Männer zutraulich an, glättete seine gelbe Holle und begann zu singen. Helmold pfiff leise durch die Zähne das Lied des Vogels nach, nickte und murmelte: »Manche sagen, der Goldammer singt: ›Wie wie hab ich dich lieb, lieb.‹ Andere meinen, er sänge: ›Mein Nest ist weit weit, weit.‹ Alles auf der Welt hat ein zweites Gesicht, die Natur, die Kultur, die Religion, die Kunst, die Politik, die Liebe, alles, alles. Wer das nicht weiß, ist glücklich; ich weiß es. Ich habe es wohl immer gewußt, bloß manchmal vergaß ich es, und dann glaubte ich, glücklich zu sein. Im Sichselbstvergessen allein liegt das einzige Glück, also in der Narkose, durch Liebe, oder Haß, oder Arbeit. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, sagt man. Er ist und bleibt aber, wie alles Leben, eine dilettantische Leistung. In einem Buche über die Kultur der alten Assyrer steht folgender Vers eines Dichters jener Zeit: ›Gewandert ist in Hast mein müder Fuß so viel; ich gönnt' ihm keine Rast, doch fern bleibt stets das Ziel.‹«

Ein braunes Ding kam über den Zaun geschwenkt, streckte gelbe Krallen nach dem singenden Vogel aus und verschwand damit hinter der Hecke. Helmold sah Hennig an und lachte lustig: »Eine Gemeinheit sondergleichen; der gelbe Vogel singt von Liebe, und die Natur oder die Vorsehung schickt ihm den braunen Tod! Ich hatte einen Mitschüler, er hieß zwar Julius und noch dazu Müller, aber nie hat es ein so goldenes Herz gegeben, nie so viel Güte in einem Menschen. Er starb an Wundstarre, starb sieben Tage lang, lag da bei vollem Bewußtsein, konnte kein Glied rühren und mußte durch künstliche Atmung hingehalten werden, bis auch das nichts mehr half. Seine Mutter, eine Witwe, war eine gläubige Katholikin. Sie hat, nachdem ihr Julius tot war, keine Kirche mehr betreten und nie wieder gebetet. Ich war jeden Tag, solange mein Freund im Sterben lag, bei ihr, und mit jedem Tag bröckelte mein Gottesglauben mehr ab, bis nichts mehr davon übrig war, besonders seitdem ich vergleichende Religionsgeschichte gelesen hatte. Und dann kam ich an die Philosophie.« Er schüttelte den Kopf: »Na, das ist erst der größte Blödsinn; Narkose im Quadrat; vierte Dimension des Stumpfsinnes.«

Ein fast voll entwickeltes Mädchen von vierzehn Jahren mit hellblonden Flechten kam losen Ganges den Fußweg entlang, warf sich in die Brust, als sie die beiden Männer sah, machte ihnen einen Knix und sah den Maler so heiß an, daß Hennig die Augenbrauen hochzog. Helmold bemerkte es und meinte: »Ein reizendes Geschöpf, und so sehr verliebt. Die am Herzen liegen zu haben, das brächte mir am Ende noch ein bißchen Glück. Aber das wäre unmoralisch. Früher lebte ich unmoralisch, und hielt darum von der Moral sehr viel. Jetzt werde ich wohl moralisch leben, denn ich weiß, daß die Moral Schwindel ist, besonders die Geschlechtsmoral; ihre Wurzel ist der Neid, und weiter nichts. Wenn ich mit den Augen winkte, flöge mir dieses Bild von Mädchen an die Brust, und gäbe mir alles, was sie zu verschenken hat. Und nähme ich es, so gäbe das ein schönes Geschrei; denn alle Männer sehen ihr mit den selben hungrigen Augen nach, wie ich, und wie du, lieber Hennig. Infolgedessen, darum und so weiter!«

Er sah den Rauchringeln nach, blickte mit leeren Augen über das lachende Land und auf die kleinen Mädchen, die in der Wiese Blumen pflückten, und sprach vor sich hin: »Ich will hier fort. Mir ist es peinlich, die Anteilnahme in Frau Pohlmanns Augen zu sehen. Und dann ist Annemieken da. Allen bin ich Dank schuldig; aber wie kann ein toter Mann Dank abstatten? Höchstens durch kalte Worte. Laß uns irgendwohin fahren, wo kein Mensch mich kennt, und wo kein Mensch ist, den ich lieben muß.«

Das taten sie denn auch; doch zuvor fuhr Helmold nach Hause, um einige Tage mit den Kindern zu verleben. Als er eines Morgens, während seine Frau ausgegangen war, in der Werkstatt seine Bilder betrachtete, um zu prüfen, ob nicht dort oder da Spuren einer krankhaft verzerrten Anschauung zu finden seien, klopfte es an der Tür und auf seinen Zuruf trat Luise herein. Sie war ganz blaß und hatte die Augen unter sich. Er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihr allein zu sein, und er war sehr froh darüber gewesen; aber als er sie so dastehen sah mit auf den Estrich gerichteten Augen, wurde sein Herz doch ein wenig warm, denn sie sah so schön und dabei so magdlich demütig aus. »Nun, liebe Luise,« fragte er, und strich ihr mit der Hand über die Backe, »wo fehlt es? Denn du hast etwas auf dem Herzen, das sehe ich dir an.«

Das Mädchen sah auf, schlug aber die Augen sofort wieder nieder, und ihre Brüste gingen auf und ab, als sie endlich herausstotterte: »Herr Hagenrieder, ich, ich, mein Schwager, Sie wissen doch, meine Schwester ist gestorben, und nun sitzt er da mit den beiden kleinen Kindern. Und er ist da und fragt mich, ob ich ihn nicht heiraten will.« Sie strich an ihrer Schürze entlang und schwieg. »Hast du ihn gern?« fragte er. Sie nickte: »Er ist ein guter Mann und fleißig, und er sagt, er hat mich von jeher gut leiden mögen, und denn sind die Kinder da, und die mögen mich gut leiden. Und so wie es ist, kann es doch nicht bleiben.« Sie stockte, fuhr aber gleich fort: »Aber ich meine, solche Eile hat das just nicht, und wenn Sie wollen, Herr Hagenrieder, so bleibe ich noch.«

Eine warme Welle lief ihm über die Brust. Er faßte das Mädchen bei der Hand und sagte: »Nein, das will ich nicht; denn auf die Dauer durften wir nicht so weiter leben. Wenn Sie Ihren Schwager wirklich gern haben, ist es so das Beste.« Sie nickte und sah ihn dankbar an, Tränen in den Augen. Er gab ihr die Hand und sagte: »Ich wünsche dir viel Glück, mein liebes Kind. Und noch eins: jeder Mensch kann einmal Sorgen haben. Vergiß nie, daß ich dir sehr viel Dank schuldig bin.«

Er sah ihr nach, als sie gerade und aufrecht durch den Garten ging, und als sie in der Haustür verschwand, dachte er: »Meine Jugend hat mich verlassen; wohl mir!«

Am anderen Tage fuhr er mit Hennecke fort. Als er nach einem Monde wieder kam, hatte er ein volles, braunes Gesicht, klare Augen, eine feste Stimme und einen straffen Gang. Das Weiche, Zarte war ganz bei ihm verschwunden, doch auch das Harte und Eckige.

Er sah seinen Kleiderschrank durch, tat alles beiseite, was nach gesuchter Eigenart schmeckte, hielt eine fürchterliche Musterung unter seinen Halsbinden und Handschuhen ab und gab dann der neuen Magd den Auftrag, das Moos, das er früher so sehr geliebt hatte, von den Wegen im Garten zu entfernen. Dann stellte er alle Bilder von Swaantje wieder an ihre Plätze und desgleichen die Geschenke, die er und seine Frau von ihr erhalten hatten, und schließlich schrieb er ihr einen netten Vetternbrief, in dem er ihr in leichter Weise erzählte, wie sein äußeres Leben in der letzten Zeit gewesen war. »Denn,« sagte er sich, »sie ist nun doch einmal unser Bäschen.«

Als Grete ihm erzählte, daß Swaantje Krankenschwester werden wolle, erwiderte er: »Na, dann wird sie hoffentlich über kurz oder lang Frau Doktor Soundso heißen. Das wäre auch das beste für sie.« Seine Frau stand auf, legte ihren Kopf an seine Schulter und flüsterte: »Ist das dein voller Ernst, lieber Helmold?« Er sah sie mit aufrichtigen Augen an, nickte und antwortete: »Jawohl, das ist es; ich werde nicht wieder rückfällig.« Er schwieg einen Augenblick; dann fuhr er fort: »Sie war mir ein leiser Oktavton; er ist in mir aufgegangen und klingt nicht mehr. Ich war C, sie eine Oktav tiefer. Es gab keine Dissonanz, aber auch keinen Akkord, denn sie war ein zu unselbständiger Ton neben mir. Ich liebte sie aus Angst vor dem Altwerden; jetzt habe ich vor dieser Angst keine Bange mehr.«

Er sprach die Wahrheit; er wußte, daß er bereits alt war. In dem Luftkurorte, in den er sich mit Hennecke geflüchtet hatte, war er bald der Mittelpunkt der Geselligkeit gewesen, und wenn er gewollt hätte, so konnte er viel süße Küsse pflücken. Er hatte aber nur mit Worten getändelt und zumeist harmlos, bis sich aus dem Wortgetändel zwischen ihm und einer hübschen, sehr schlagfertigen Frau, die unter den Folgen eines Scheidungsprozesses litt, etwas entwickelte, das wie Liebe aussah, aber im Grunde nur der Niederschlag der gepfefferten Wortgefechte war, die ihm neue Spannkraft gaben und ihr das zerdrückte Herz aufrichteten.

Er war oft sehr weit in seinen Bemerkungen gegangen. Die Frau trug eines Tages seidene Strümpfe mit einem spiralig verlaufenden Muster. Als er mit lustigen Augen darauf hinsah, fragte sie ihn: »Interessieren Sie meine Strümpfe so sehr?« Er lachte: »Ja freilich; das Muster eröffnet dem denkenden Leser die interessantesten Perspektiven?« Sie fuhr auf: »Aber, Herr Hagenrieder?« Er lachte wieder: »Na was denn? Denkt man sich die Spirale fortgesetzt, so landet man schließlich bei,« er sah sie harmlos an, »dem klugen und schönen Gesichtchen!« Sie drohte ihm mit dem Finger.

Drei Tage, bevor sie abreiste, sagte sie ihm: »Sie haben mein Herz wieder lachen gelehrt, Sie ganz frecher Mensch Sie; aber ich glaube, ich habe Ihnen auch etwas geholfen. Es ist übrigens gut, daß jetzt wieder jeder seinen eigenen Weg geht.« Sie sagte das mit lachendem Munde, aber dabei liefen ihr Tränen in die Augen, und sie drehte sich schnell um.

Er hatte sich sehr an sie gewöhnt, und ihm war so, als müßte er ihr in den Laubengang nachgehen und sie in den Arm nehmen; aber er riß sich zurück. Als sie abgereist war, sagte er sich: »Herr Hagenrieder, Sie werden alt, oder vielmehr, Sie sind es schon.«

Er war es; er wurde kühlverbindlich in seinem Benehmen, zurückhaltend im Reden und vorsichtig im Handeln. Er, der früher Gefahren und Verwicklungen suchte, schlug jetzt Richtwege ein, konnte er dadurch eine Unannehmlichkeit vermeiden. »Passé!« dachte die Gräfin Tschelinski, als sie ihn wiedersah, und wich ihm aus, was ihm sehr lieb war, denn ihr übermodernes Wesen hatte ihm schon längst den Appetit verdorben. Noch froher war er, als der Prinz ihm erzählte, daß Frau Pohlmann ihr Anwesen verkauft und sich anderswohin verheiratet habe.

Mit viel mehr Freude konnte er nun zur Pürsch auf den roten Bock fahren. Aber auch mit der Jagd war er auseinandergekommen; er schoß nach dem Bock, wie nach der Scheibe, und während er sich früher gänzlich der Stimmung der Landschaft hingegeben hatte, betrachtete er sie jetzt mit den selben Augen, mit der er seine entthronten Herzensköniginnen ansah. Er bemerkte ihre Schwächen, ohne daß er dadurch abgestoßen wurde; er hing nicht mehr an ihnen, und so beleidigte ihn das Fehlerhafte nicht.

Seine Frau freute sich über ihn; er war jetzt immer gleichen Mutes, hatte nie üble Laune, vergaß kein einziges Mal den Morgen- und Abendkuß, gab sich viel mit den Kindern ab, war der rücksichtsvollste und verbindlichste Kavalier in allen Gesellschaften, zu denen sie mit ihm ging, sah nie mehr mit langenden Augen nach anderen Frauen hin, aß stets mit Appetit, ging rechtzeitig schlafen und teilte sich Arbeit und Erholung gewissenhaft ein.

Ab und zu wurde ihr die Abgeklärtheit und Durchsichtigkeit seines Wesens etwas unheimlich; aber bei ihrer frohherzigen Natur kam sie bald darüber hinweg, und sie sagte sich schließlich auch: »Ach was, es ist auch besser so!«

Ganz das selbe dachte er dann und wann auch. Wenn er beim Malen war, und er alle die Formen und Farben, die sein Herz ihm nicht mehr bot, aus seinem Verstand hervorholte und kühl und überlegen zu kraftvollen Werken zusammenklingen ließ, dachte er: »Ist das langweilig! Ich weiß ja, es gelingt: also lohnt es sich nicht mehr!«

Er wünschte sich in solchen Augenblicken, er wäre tot, und seine Witwe fände einen netten, guten und klugen Mann; denn in Wirklichkeit stand auch sie samt den Kindern fern von ihm.

Mit Hennecke ging es ihm nicht anders; er liebte ihn nur noch in der Erinnerung und hatte ihm das einst gesagt. »Ist mir ganz schnuppe,« hatte Hennig geantwortet, und er setzte hinzu: »es freut mich aber, daß du es mir sagst; das ist eine Liebeserklärung in bester Form. Ich habe dir viel, du mir einiges zu danken; daran wollen wir uns genügen lassen. Schließlich bleibt doch jeder Mensch allein.«

Auch er war ein kalter Mann geworden, seitdem ihm seine Line drei Tage, bevor er sich mit ihr trauen lassen wollte, von einem Kraftwagen totgefahren war. Nicht viel anders ging es Beni Benjamin. Er hatte die Stelle als Nervenspezialist am städtischen Krankenhause angenommen, den Professortitel bekommen, spielte eine Rolle in der Gesellschaft, und noch mehr seine schöne, lebhafte Frau, und er hatte auch die leise Frau, die er sich geträumt hatte, in einer Patientin gefunden, die er von jahrelangem Leiden gerettet hatte. Da starb ihm sein Sohn, und nach einem Vierteljahr war er ein stiller Mann mit toten Augen und lippenlosem Munde.

»Tja«, scherzte Helmold Hagenrieder, als er mit ihm und Hennecke hinter einer guten Flasche saß, »hier sitzen wir drei Weisen aus dem Morgen- und Abendlande, hocherhaben über der blöden Menge und können singen: ›Guter Mond, du gehst so stille!‹ Ja, lieber Hennig, du hattest recht, als du mit zwanzig Jahren dichtetest: ›Nichts hoffen, aber auch nichts fürchten, nie traurig, doch auch niemals froh; Ich möchte sein, was ich gewesen; ach was, es ist auch besser so!‹ Stoßt an, Brüder von der kalten Lamain; das Leben ist einer Hühnerleiter nicht unähnlich: ziemlich dreckig, oder noch mehr einem Kinderhemde: kurz und bescheiden. Na, wir haben es bald zur Strecke gebracht. Ha la lit!«

Das meinte er aber durchaus nicht im trübseligen Sinne, und gleich darauf erzählte er die tollsten Schnurren, ließ sich den Wein und die Zigarre schmecken und ging um halb elf Uhr heim; denn der Alkohol war ihm jetzt nur noch ein guter Freund, von dem er sagte: »Man darf die Freundschaft nicht zum Verkehr ausarten lassen.« Einmal in der Woche traf er sich mit Hennig und Beni beim Wein und einen anderen Abend ging er in den Künstlerverein, um Billard zu spielen und zwei Gläser Bier dabei zu trinken.

Nur wenn Vollmond war, kam ab und zu die alte Unruhe über ihn; aber dann sah er sich vor und fuhr nach Stillenliebe, tobte sich mit Klaus Ruter, der inzwischen den väterlichen Hof übernommen hatte, hinter den Karten aus und ließ sich von Annemieken die Brummfliegen wegjagen.

Bei diesem Mädchen, das gar keine Bildung, aber ein Herz und einen scharfen, wenn auch nicht weiten Verstand und viel Takt hatte, wich alle seine Unruhe sehr bald. Zudem fesselte sie ihn, wenn auch wenig mehr als Weib und auch kaum als Einzelmensch, sondern als Typus; das Erdgebürtige, das Urwüchsige, Unverbildete ihrer Erscheinung und ihres Wesens sagte seinem Urmenschenempfinden zu, und mit stets neuem Erstaunen lauschte er den unwillkürlichen Offenbarungen, die ihrem Unterbewußtsein entsprangen.

Sie konnte eben noch lustig lachen, aber dann begannen ihre Augen zu verschwimmen, und wenn sie sprach, hörte er nicht ein hübsches Landmädchen reden, sondern sein Volk sprach zu ihm. Stundenlang konnte er, die Pfeife im Munde, im Backenstuhle sitzen und in das offene Feuer sehen, während Gift und Galle sich zu seinen Füßen räkelten und die Katze auf seinem Schoße saß und schnurrte; ihm gegenüber saß dann Annemieken, spann und sang mit nur halb entfalteter Stimme ein altes Lied.

»So kann man tausend Jahre sitzen,« sagte er, den Funken zusehend, die um den Dreifuß sprangen. »Ja, Feuer ist Gesellschaft,« antwortete das Mädchen und ließ das Rad weiter schnurren.

Er sah sie groß an; dieses eine Wort, das einzig mögliche, um die Bedeutung des offenen Feuers für das Seelenleben eines ganzen Volkes wiederzugeben, eröffnete ihm einen Ausblick auf die Entstehung der gesamten Volksdichtung.

»Weißt du, Mieken, daß du eine Dichterin bist?« fragte er sie. Sie nickte gleichmütig: »Ja, ich habe erst heute noch das Fenster im Ziegenstall gedichtet«, und dann lachte sie, weil er ein ganz verblüfftes Gesicht machte, denn das war der erste Kalauer, den er von ihr hörte.