Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte

Part 15

Chapter 154,163 wordsPublic domain

»Hat dich was geträumt über Nacht, lieber Jägersmann?« fragte Annemieken. Sie stand vor dem Spiegel und machte sich ihr Haar. »Und was hat dich geträumt?« fragte sie und lachte Helmold mit ihrem Spiegelbilde an; das hatte dunkle Augen und schwarzes Haar und ein weißes Gesicht, und Helmold wußte es ganz genau, Annemiekens Backen waren rot wie Rosen, ihre Augen blau wie Bachblumen und ihr Haar sah aus, wie Haferstroh in der Sonne. Aber er schlief noch in sich, und da ging sie hinaus, und als sie wieder hineinkam, warf sie ihm eine Grabse voll Schnee auf den Mund, lachte und sagte: »Da hast du, was du haben wolltest. Und nun komm und iß; die Suppe schreit schon nach dem Löffel!«

Als er wegging, nahm sie die Katze auf, daß die ihm nicht über den Weg laufen sollte, und sie spuckte ihm in die Hacken und warf ihm ihren Schuh in den Rücken und wünschte ihm Pech den ganzen Tag und Hals- und Beinbruch, soviel es gibt, und lauter schlechten Anblick, und zwischen jedem, was sie tat und sagte, warf sie dreimal die Türe zu, und schließlich lief sie hinter ihm her, weinte zwei bittere Tränen über ihren süßen Mund und sagte: »Auf Wiedersehn, Nimmerwiedersehn, mein Jägersmann!«

Drei Vögel sah er, als er durch die Feldmark ging. Das erste war ein Stieglitz; sein Scheitel war rot wie Blut. Das zweite war ein Dompfaff; seine Brust war rot wie Blut. Das dritte war ein Kreuzschnabel; der war von oben bis unten so rot wie Blut. Und als er in den Wald hineinkam, sah er im Schnee eine Fährte; in der war rotes Blut. Alle sieben Schritte stand sie wieder im Schnee, rot von Blut. Und er sagte: »Du edeles Wild, adelig Getier, kein anderes Wild, gemeines Tier will ich jagen noch fangen, ehe daß du nicht mein bist.« Da kam der Häher und sagte: »Nein!« Da kam der Bussard und sagte: »Niemals!« Da kam die Krähe und sagte: »Nimmermehr!«

Er wurde traurig und sah, der Schnee war schwarz und die Tannen waren weiß, sein Herz wurde kalt und sein Gesicht wurde heiß, das Blut blieb ihm stehen und der Atem flog vor ihm weg, bis er die Wundfährte wieder fand; da wurden die Tannen schwarz und der Schnee weiß, sein Herz ward warm, und sein Gesicht wurde kalt, sein Blut fing an zu gehen und sein Atem beruhigte sich, und er lachte und sagte: »Du edeles Wild, adelig Getier, mein wirst du sein, ehe daß die Sonne schlafen geht, ehe der Fuchs auf Raub auszieht und die Eule umfliegt!« »Nein!« sagte der Häher, »niemals!« der Bussard, »nimmermehr!« die Krähe; aber er lachte sie alle drei aus.

Und er ging und ging und ging den ganzen Tag. Er kam an den Teich, in dem die schöne Rosemariee sich ertränkt hatte, und nach dem Stein, wo der Förster erschossen wurde, und zu dem Kreuz, das da steht, wo die Nonne ermordet war, und er ging über die Haide und an dem Moore vorbei und durch den Wald, ließ den Morgen hinter sich liegen und den Mittag und den Abend, und alle seine Fußstapfen waren gefüllt, erst mit grüner Hoffnung, dann mit schwarzer Trauer und zuletzt mit grauer Angst. Seine Füße wollten ausruhen, seine Augen wollten schlafen gehen, sein Herz sprach: »Ich kann nicht mehr!« Er aber hörte nicht auf sie und ging weiter, immer dem roten Blute nach.

»Ich will dir helfen!« sprach der Schnee und machte die Nacht heller, und der Mond kam auch und alle Sterne, die es gibt, und sie gingen rechts und links neben ihm, daß er die Fährte finden konnte. Er fiel hin und stand wieder auf, er setzte sich und ging weiter, er bückte sich über die Quelle und richtete sich empor, und blieb immer wieder stehen und redete seinen Füßen zu und seinen Augen und seinem Herzen und sagte: »Nur noch bis zum nächsten Blutsfleck, bitte nur noch dieses einzige Mal; dann sollt ihr auch schlafen, solange ihr wollt.« Aber wenn er da war und stehenblieb und um sich sah und horchte, ob er sein Edelwild nicht sah oder hörte, dann war nur der Wald da und der Himmel und der Mond, und der nickte ihm zu und sagte: »Immer weiter, immer weiter!«

Da kam er in einen dunkelen Wald, und die Finsternis sprach zu ihm: »Siehe!« Da sah er, wie der Wind über den Berg gelaufen kam; in seinen Händen trug er zwölf Glockenschläge. Dann trat die Stille vor ihn hin und sprach: »Horch!« Da hörte er die Nacht über den Wald springen; in ihrem Mantel trug sie ein Weinen, das war ganz fern und doch so nah, war sehr leise und doch so laut, und so bitter war es und so süß. Seine Füße starben vor Angst, sein Herz fiel tot um, und seine Augen brachen. Aber als der Wind den letzten Glockenschlag vor ihn hingelegt hatte, gab ihm der Tod sein Leben wieder in die Hände; die waren so kalt wie Eis. Und kalt wie Eis war er ganz und gar und konnte nicht fühlen und nicht denken und stand da wie ein toter Baum, wie ein lebloser Fels, wie eine abgestorbene Blume.

Doch der Sturm ermunterte ihn wieder; er hielt das Weinen über ihn, und daraus flossen Tränen auf ihn und weckten ihn auf, bis das Eis von seinen Augen schmolz, und seine Füße lebten wieder, und sein Herz stand auf, und da sah er, daß die rote Fährte im Schnee dort zu Ende war, wo er stand, und daß es zwei nackte Fußspuren waren, über und über rot von Blut. Seine Füße zitterten, sein Herz fing an zu bluten, und seine Augen weinten bitterlich, bis daß die beiden Fußspuren weißgewaschen waren. Das Alter lehnte sich gegen seinen Rücken, Falten krochen in sein Angesicht hinein, in sein Haar aber fiel der Schnee.

Das Weinen über seinem Haupte wurde zu einem Lächeln und stellte sich über die weiße Fährte im Schnee und winkte seinen Augen zu. Und als sie ihm folgten, kamen ihnen zwei andere Augen entgegen und gingen wieder zurück und blieben vor ihm stehen, weit genug von seinen Händen. Sie sahen ihn an und weinten Tränen, die fielen als Blut in die Fußspuren und füllten sie wieder bis zum Rande, und das Lächeln schlug die Hände vor das Gesicht und weinte leise, und das Weinen sah ihn mit Augen an, die voller Furcht waren und leer von Hoffnung, aber beladen mit Verzweiflung.

Seine Seele zitterte und schrie: »Was soll ich tun, ihr beiden Augen, beladen mit Angst, gefüllt mit Trauer, beschwert mit Grauen, daß ihr wieder lächeln könnt? Und du Weinen, bitterliches Weinen, sage mir, was beginne ich, daß du nicht mehr im Sturm umherirren mußt und in Frost und Kälte und einsamer Nacht? Und du Lächeln, banges Lächeln, sprich, was muß werden, damit du dich nicht mehr zu bergen brauchst hinter den Dornen und in den Disteln und unter den Nesseln? Und du, nackte Seele, was ist es, das dir wieder Ruhe gibt, auf daß du nicht mehr mit bloßen Füßen wandern mußt über Berg und Tal und Stock und Stein und Feld und Flur, blutend aus sieben Wunden, kalt bis in das Herz und müde bis auf den Tod?«

Da trat die Finsternis hinter ihn, die Einsamkeit winkte der Stille zu und die legte dem Sturme Schweigen auf. Der Mond ging zur Seite und nahm die Sterne alle mit; dunkel wurde es rund umher. Aber die Dunkelheit war klar, so daß er die rote Fährte im Schnee sehen konnte und die beiden Augen über ihr und einen blassen Mund und zwei Hände vor einer bangen Brust; die waren ineinander gefaltet. Eine Stimme, die war nicht hier noch da, nicht von gestern und nicht von heute, nicht leise und nicht laut, kam langsam aus den blassen Lippen zu ihm gegangen, stellte sich vor ihn hin und sprach:

»Du, von dem ich nicht weiß, wer du bist, den ich niemals gesehen habe, und der immer vor meinen Augen steht, vor dem ich vor Angst vergehe und vor Sehnsucht nach ihm sterbe, du, o du und du, was habe ich dir getan, daß du mich jagst barfuß und barhaupt und bloß durch Nacht und Schnee und Frost und durch Dunkelheit und Einsamkeit und diese Totenstille? Siehe, meine Augen bluten, meine Füße sind wund, mein Leib ist vor Kälte erstarrt. Mein Lächeln habe ich im Schnee verloren, meine Ruhe rissen mir die Dornen vom Leibe, der Sturm trägt mein Weinen vor mir her. Ich bitte dich, bitte dich so sehr, bitte dich um alles in der Welt, höre auf, mich mit Furcht zu schlagen, mich mit Angst zu peitschen, mich mit Jammer zu geißeln, da ich dir doch nichts zuleide tat.«

Seine Seele stöhnte auf; sie fiel auf die Knie, streckte die Arme aus, schluchzte auf und schrie: »So sage mir, arme Seele, gehetztes Herz, müder Geist, sprich, was soll ich tun, daß du dein Lächeln wieder findest, die Angst aus deinen Augen verlierst und dem Sturme dein Weinen aus den Händen nimmst? Was ich dir antat, ich weiß es nicht; aber ich will es wieder gut machen; büßen will ich es, wie du es mir sagst, mit Not und Tod oder einem Leben ohne Abend- und Morgenrot. Das schwöre ich dir bei den sieben Sünden, die bei mir stehen, drei zu meiner Rechten, drei zu meiner Linken und der einen, die über mir ist. Ich gelobe es dir bei allen Lüsten, die mich locken, und bei allen Süchten, die mich schrecken. Siebenmal schwöre ich es dir.«

Da sah ihn die Stimme, die nicht von gestern war und nicht von heute, und nicht hier noch da, und weder laut noch leise, freundlich an, und also sprach sie: »Ich halte deine Schwüre in der einen Hand und deine Gelübde in der anderen, und ich sehe, sie sind wahr und ehrlich und treu; so wisse denn: lege deine grünen Hoffnungen alle ab, wirf deine blauen Träume hinter dich und tritt weit fort von deinen roten Wünschen. Das ist das eine; aber das zweite ist dieses: zertritt das bunte Gedenken, reiße ab die lachenden Erinnerungen und rotte gänzlich aus das Wissen von dem, was du nicht wissen durftest. Das ist das andere; aber das letzte ist dieses: laß dein Lachen hier im Walde liegen und dein Weinen, wo deine Füße stehen, und all dein Fühlen mußt du der Einsamkeit geben und der Dunkelheit und der Stille. Ohne Wehr und Waffen gehe von hier, daß ich nicht mehr zittern muß, wenn deine Schritte meine Gedanken kreuzen, wenn deine Augen Schatten auf meinen Weg werfen und deine Sehnsucht über mein Herz hinwegfliegt. Gelobest du mir das?«

Seine Seele neigte ihr Haupt und gelobte es bei allem, was sie fürchtete, und da sprach die Stimme zu ihm, und noch freundlicher sprach sie, daß es wie Maiensonne auf seine Angst fiel, und also sprach sie zu ihm: »Siehe, meine Augen sie bluten nicht mehr so sehr, und meine Lippen röten sich ein wenig, und meine Hände zittern kaum noch, weil die Furcht sie nicht mehr so quält und die Angst und das Entsetzen; und nun höre: du hast gerufen heute: du edeles Wild, adelig Getier, mein sollst du sein, ehe daß die Sonne sinkt. Wenn die Sonne sank für dich wie für mich, keine Blume uns mehr blüht und Schmerz und Lust uns nicht mehr ihre Lieder singen, dann will ich dein sein, ganz und gar dein sein, für immer und ewig dein sein, du lieber, viellieber, geliebter Jägersmann.«

Als er in das Dorf zurückkam, riefen im Kruge die Fiedeln, und die Trompeten schrien, und eine Flöte lachte: »Komm tanzen, junger Jägersmann!« Er ging in den Saal und sah sich um. Annemieken stand da, schön wie immer, aber sie kannte ihn nicht. Sein Freund ging an ihm vorüber, aber er sprach ihn nicht an, und sein Feind warf seine Augen auf ihn, doch ohne Haß.

An der Wand hing ein Spiegel; der rief ihn zu sich hin. Er sah hinein und setzte sich auf die Bank der alten Leute.

Der graue Engel

Im blauen Himmel ging alles auf Strümpfen. Die Straße war auf drei Häuserlängen mit Stroh belegt und mit Kaff bestreut, und an der Haustüre hing ein Schild, auf dem zu lesen stand: Kein Ausschank. Alles Vieh und auch der Hund waren in der Nachbarschaft untergebracht, und die Pumpe war festgebunden, und auf der untersten Treppenstufe war mit Kreide die heilige Fünf hingemalt, denn der Tod stand hinter der Haustür.

Er war wütend. Kinder, Greise und sonstiges Niederwild zu jagen dünkte ihm kein Waidwerk; nach Edelwild gelüstete ihn, nach einer hohen Beute. Diesen Mann da zu fällen, diesen großen Künstler, ehe er sein Bestes gegeben, ehe daß er Tausenden von Menschen das Herz gestärkt hatte, das war ein lohnendes Ziel. Über die zwei Männer und die Frau, die zu seiten des Krankenbettes saßen und ihre Schilde vor den siechen Mann hielten, lachte der Tod; aber die eine, die nicht da war, die machte ihm schwer zu schaffen.

Ingrimmig knirschte der graue Engel mit den Zähnen, daß es dem Förster, der in der Gaststube saß, eisig über den Rücken lief und er schnell seinen Schnaps austrank. Dann bückte der Tod sich, trat auf die Straße, von der die Spatzen entsetzt aufflogen, als sein Schatten auf sie fiel, und stellte sich vor das gegenüberliegende Haus, wo Lorenmutters Fuchsien sofort die Knospen verloren, denn die Augen des Todes hatten sie gestreift. Aber auf die alte Frau fielen seine Blicke nicht; er wandte sie dahin, wo Helmold lag, und stierte nach dem Fenster. Hineinsehen konnte er nicht, weil die Vorhänge zugezogen waren; aber er wollte doch wenigstens hinsehen.

Der Kranke hatte ruhig dagelegen. Sein Gesicht sah wie eine Totenmaske aus; jede Spur von Leben hatte das Fieber aus ihm herausstilisiert. Regungslos saß der Arzt da, mit losen Fingern das Handgelenk des Freundes umspannend. Aber nun blickte er auf; die weiße Flaumfeder auf den Lippen des Kranken rührte sich hastiger. Frau Gretes Züge verzogen sich zum Weinen, Hennigs Gesicht verdunkelte sich; die Augen des Arztes sahen starr nach dem Gesicht des Kranken.

Im nächsten Augenblicke sprang er auf und hielt beide Hände über das Bett, denn Helmold hatte sich mit einem Ruck emporgeschmissen, sah ohne Verstand um sich, machte einen bittenden Mund und flehte: »Kuß, ein' einz'gen Kuß, Swaantje!« Sein Gesicht füllte sich mit Entsetzen; er fiel zurück und atmete schwer. Dann sprach er mit verdorrter Stimme: »Die Augen, nein die Augen; was sind das für Augen? Leg sie fort, ganz weit, nein, dahin, weg!« Seine Brust ging auf und ab; er röchelte: »Ist nicht wahr, hab ich nicht gemalt, Lüge, alles gelogen. Die Augen, die Augen! Grete, du hast gelogen. Wir drei, wir drei, wir drei, hast du gesagt. Gemeine Lüge!«

Er knirschte mit den Zähnen und stöhnte: »Tödeloh, da bin ich gestorben, ganz totgestorben. Ha la lit! Der gute Bock ist tot! Bock tot, will ich blasen. Mein Horn ist weg.« Er warf sich hin und her; dann sang er: »Rose weiß, Rose rot,« und flüsterte weiter: »Sophie, eine Runde! Deuwel auch, Klaus, laß dir das nicht gefallen; Wiebken mogelt.« Er lachte: »Es gibt viel Schönes, Wunderschönes: Maserholz, grobe Leinwand, so wie Annemiekens Hemden, rohes Kupfer, das heilige Dreieck. Ach ja, das heilige Dreieck, das dunkele Geheimnis, unser Anfang, Ende auch. Such verwundt, mein Hund, weis' verwund't, mein Hund! Szissa her mit'n Lüttjen, her mit'n lüttjen Schluck!«

Er flötete den Jagdpfiff, versuchte zu blatten, zog beide Hände vor das Gesicht, als wollte er in Anschlag gehen, und schrie: »Mariee, Dicke, was hast du für Arme! Wahre Pracht. Auf Chali pfeif ich; das ist ein Biest. Jawohl, gnädige Frau, künstlerische Reife ist Beginn der Fäulnis. Entweder leben oder Künstler sein. Die Atrappe ist höhere Gemeinheit. Hurra, es lebe der Öldruck! Hennig, deine Line ist keine Dame, darum mußt du sie heiraten. Damen sind inaktive Dirnen. Pfui Teufel! Hier habe ich voriges Jahr den Keiler geschossen. Nein, ich schieß ihn nicht, Swaantje, aber küssen will ich dich, wenn du auch noch solche Augen machst.«

Er griff mit den Händen umher! »Hülfe, Hülfe, tut mir nichts: ich will ja mein Herz wegschmeißen! Da, da liegt es, seht Ihr, im Dreck; der Hund hat es geholt! Seid Ihr zufrieden, Grete und Swaantje? Nun bin ich ganz artig.«

Er fiel zurück und schlief ein, wachte aber sofort wieder auf und schrie: »Schwindel! Alles Schwindel, Farbe, Liebe, alles, alles! Hennig, sieh den Schillerfalter; alle Farben hat er, hat er; also Schwindel. Hat überhaupt keine, tut bloß so. Nichts ist so, wie es aussieht. Swaantje sieht gut aus, Swaantje ist böse. Grete auch, Sophiee auch, Mariee auch, aber Annemieken ist gut. Soll ich dir helfen, Annemie? Was brauchen wir unsere Herzen? Weg damit! Ohne Herz liebt es sich bequemer. Wer hat den Hochsitz hierher gestellt? Senator, Sie irren sich, Sie sind Fachmann, verstehen also von der Sache nichts, sind darin, nicht darüber. Prinz, du schießt ja doch nur vorbei, ganz sicher; hast ja den Tatterich. Frau Trui, der Honig ist ausgezeichnet, süß, wie heimliche Küsse. Aber die Farbe ist Schwindel; Honig muß rot sein. Alles, was süß ist, ist rot. Rote Rosen sind schön. Wer hat die verdammten Nesseln mang die Küsse gebunden? Was sollen die Witze? Häh?«

Er fiel abermals zurück. Der Arzt goß Arznei ein und flößte sie dem Kranken ein, der unwillig schluckte. Frau Grete sah wie der Tod aus, Hennigs Gesicht war wie aus Holz. Helmold schlug um sich. »Laß mich in Ruhe mit dem verdammten Kleide, hörst du? Es ist mit kalten Augen besetzt, gemeinen Augen. Fort damit! Ich hasse die Kanaille und halt sie mir vom Balge, sagt Horaz. Prost, oller Römer! Janna, Manna, singt noch eins!« Er summte: »Meiner zu gedenken, das gebrauchest du ja nicht.« Starr sah er nach der Wand: »Ich habe deine Brüste gesehen, o wie schön, und ich will sie küssen. Gib sie her, sofort, hörst du! Ach laß auch, sie sind kalt. Siehst du, das hast du davon. Lauf mir nicht immer nach, Swaantje! Überall bist du! Ich will den Bock haben, stell' dich nicht immer davor, sonst wahrhaftig, ich mache den Finger krumm. Frau Pohlmann, in meinem Bette waren Flöhe. Nein, bloß Spaß, waren Gewissensbisse. Annemie, ich bin müde. Du sagst, du willst nicht? Teuf, Lork! Hast auch zwei Gesichter, ein Taggesicht und eins in der Nacht, und das ist mir lieber.«

Er sang nach einer Tanzmelodie: »Beni Benjamin hat gesagt, ich hab den Lungenkataharr! Hab' mir das Herz verkühlt, hat kalte Füße gekriegt. Heißen Pottdeckel darauf, das hilft. Ich will nicht mehr malen, ich male mir noch alles Blut aus dem Leibe. Und das brauch' ich noch 'ne Weile. Fritsche, alter Döllmer, trag' das Gewehr nicht so dämlich! Hennig, wo willst du hin? Ach so! Na, wenn das man gut geht! Nun hab ich es dicke; überall stehst du mir im Wege, Swaantje! Komm her, Mädchen. Hoch lebe die Liebe und die umliegenden Bierdörfer!«

Er murmelte: »Ja, ja, schon gut. Mein Bild, das kannst du küssen und mit ins Bett nehmen, aber mich, das fällt dir nicht ein! Ach Süße, komm her, einmal, o du, du, du!«

Er schwenkte den Arm: »Tanzen sollst du, bist du weich bist, windelweich, und dann nehm' ich dir den Rosenkranz ab, Ringelringelrosenkranz ab. Ein bißchen welk ist er schon. Und nun haben wir die Bescherung. Siehst du, Prinz, du pürschst zu laut! Sekt her! Was kann das schlechte Leben helfen. Die alten Deutschen tranken noch eins!«

Er lachte: »Ja, malen, das kann ich. Kranke Frauen kriegen ganz gesunde Kinder, gehen aber leicht hopps dabei. Amanda, was sagst du? Biermamsell, ja, mir Wurst, aber du kannst wenigstens küssen! Jawohl, Miezi, es ist noch etwas Leberwurst da, aber die Kohlen sind rein alle. Bete zu deiner Heiligen, und schaff sie ab, wenn sie uns keine Kohlen schickt. Swaantje, ich will meinen Kuß haben! Den hab ich kontraktlich. Och Chott, Mensch, das ist ja viel zu weit! schießt ja doch daneben! Bei meiner Beerdigung muß ich aber dabei sein, diesmal wenigstens. Christus sagst du? Bin mehr für Wode. Ist ja auch gleich. Meinetwegen Maria; ich denke dabei an Frigge. Importen mag ich nicht, bekommen nicht. Frigge hilft uns schon; bete zu ihr. Du sollst sehen, sie hilft dir. Frigge fügt Hand zu Hand, Mund zu Mund, Schoß zu Schoß. Gelobt sei Frigge!«

Er lächelte: »Mein Herz tanzt auf einer goldenen Wiese, und mein Mund läuft hinter dir her. Siehst du, jetzt bist du hingefallen. Na, weine man nicht; komm her, ich heb' dich auf!«

Er bewegte den Kopf in einem sanften Takte, als horche er auf eine ferne Melodie; dann fing er an zu summen, so seltsam, daß seine Frau ein Schauer schüttelte, denn die Singweise war aus Lust und Leid gewebt, mit Übermut durchwirkt und mit Verzweiflung besäumt.

»H' ach,« rief er dann, »h'ach du, du! Du hast es gesagt. Sagst: ich habe dir ja nichts gesagt!« Er lachte glücklich auf. »Du sagst, ich habe dir ja nichts gesagt! Habe dir ja nichts gesagt, nichts gesagt.« Er lachte belustigt: »Ich habe doch ein Gehör wie der Fuchs. Weiß schon Bescheid, weiß, was das heißt. An der Fährte spricht man den Hirsch an; das da ist sicher einer vom zwölften Kopfe. Und den will ich haben, oder ich will die Kunst nicht verstehen.«

Er schauerte zusammen; der Arzt zog ihm die Steppdecke bis unter das Kinn. Er flüsterte: »Danke, danke!« Er küßte in die Luft: »Ach wie schön warm! Das ist so lieb von dir, liebe Swaantje. So warm.« Er schnurrte wohlig: »Wie lange habe ich dich gesucht, wie lange, aber du hast die Fährte verwischt. Das ist sicher ein guter Bock. Gute Nacht, Herrschaften; ich gehe schlafen. Komm Annemie! Mädchen, du hast ja Swaantjes Kleid an! Nein, das geht nicht; ist dir ja viel zu lang. Sofort ausziehen, hörst du! Na, weine man nicht, behalt's an; bist ja doch die beste, die allerbeste!«

Frau Grete ging hinaus, kreidebleich im Gesichte; als sie wieder hereinkam, sah sie Hennecke an und schüttelte den Kopf. Der Kranke flüsterte: »Dein Herz ist von Gold, Swaantje, und du hast es an einer silbernen Kette unter den Spitzen auf deiner Brust. Das sieht doll aus, ganz doll.« Er schrie auf: »Wo bist du, Gotteswillen komm her!« Sein Kopf fiel auf die Seite, und er begann rasselnd zu schnarchen.

Der Arzt flüsterte: »Gehen Sie essen, ich bleibe so lange hier; er schläft. Das ist ein gutes Zeichen, ich habe Hoffnung.« Er zählte die Pulsschläge und nickte langsam. Dann lächelte er der Frau zu und zeigte mit dem Kopfe nach der Tür. »Erst etwas essen und dann ein bißchen hinlegen. Wir haben an einem Kranken genug. Hennecke, gehen Sie mit! Und daß es ja ganz stille im Hause ist.«

Als Frau Grete draußen war, sah sie Hennig an und flüsterte: »Behalten wir ihn wohl, lieber Freund?« Er nickte: »Ich glaube es; seine Indianernatur wird ihm durchhelfen. Aber nicht wahr, jetzt essen Sie ein bißchen?« Sie nickte müde.

Er führte sie in das kleine Zimmer, rückte ihr den Sessel und die Fußbank zurecht, goß ihr ein Glas Sekt ein und begann dann zu essen, ruhig und langsam, wie immer. Das half; sie aß ein Stückchen Brot und kaltes Fleisch und bekam wieder etwas Farbe.

Hennecke tat, als kümmere er sich nicht um sie; aber wenn er etwas nahm, rückte er den Auflageteller immer so, daß die besten Stücke vor ihr lagen, und als ihr Glas leer war, füllte er es. Dann aber sagte er: »Nun schlafen, bitte, und sobald die Antwort kommt oder eine Änderung im Befinden eintritt, klopfe ich.«

Die Frau nickte und stand auf; als sie schon die Türklinke in der Hand hatte, blieb sie stehen und hielt den Kopf schräg, als wenn sie lauschte. Dann lächelte sie Hennecke zu und sagte: »Sie kommt, wir werden gleich Nachricht haben. Sie hat das Telegramm selber aufgegeben.« Hennecke sah sie ernst an und nickte. Die Frau trat auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sprach: »War es so schlecht von mir, was ich tat? Wenn er stirbt, so bin ich schuld.« Er antwortete: »Beruhigen Sie sich, liebe Freundin; Reue ist die größte Sünde, die es gibt, denn sie hat keinen Zweck. Sie haben gehandelt, wie Sie mußten.« Sie sah ihn ernst an und schüttelte den Kopf: »Nein, ich habe ihn belogen. Aber, nicht wahr, der Gedanke, er liebt eine andere, und ich, seine Frau, die zwei Kinder von ihm hat, soll entsagen, Sie begreifen, daß da zuerst alles Kleine und Enge in einem nach oben kommt. Und so bin ich hart zu ihm gewesen und schlecht, sehr schlecht. Erst habe ich gesagt: ›Ja ja, mein guter Junge, sie soll kommen! Wir drei, nicht wahr?‹ Und so nach und nach nahm ich alles zurück und dachte nicht daran, daß ich ihm zuerst die Augen geöffnet hatte.«

Dann setzte sie sich an das Fenster. Düster sah sie vor sich hin, die Hände im Schoße faltend. »Ich bleibe hier; schlafen kann ich doch nicht, ehe das Telegramm da ist. Rauchen Sie bitte, lieber Hennecke. Aber erst sehen Sie zu, wie es oben steht.«