Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte
Part 14
Die Blutsbrüderschaft der Stedinger, ein loser Freundschaftsverein, aus einer Mitschülervereinigung entstanden, hatte einen klobigen Häuptlingsstuhl, auf dessen riesiger mennigroter Lehne in knallweißer Pfefferkuchenschrift zu lesen war: »Der moralisch bessere Teil der deutschen Studentenschaft ist ein ganz rauhbeiniges und freches Gesindel, und dazu gehören wir!« An diesen protzigen Leitspruch mußte Helmold denken, und er lächelte dabei vor sich hin. »Ja, ich bin ein ganz unmoralischer Mensch,« dachte er, »und das bekömmt mich denn so schön!« Er besah sich ganz genau und lächelte wieder, denn ein Ausspruch von Hans von Bülow, den er sehr liebte, fiel ihm ein: »Die Kunst steht über der Moral,« hatte der irgendwo geschrieben: »Der Künstler, der würdige Priester seiner Kunst, hat, sei er im übrigen auch wie er wolle, gerechten Anspruch auf höhere persönliche Geltung als der einfache gute Mensch und Bürger.«
Er belehrte sich daraus also: »Ich bin äußerst schöpferisch als Künstler, also auch als Mensch. Ich habe eine Welt in mir, die ich nicht nur in Kunstwerken wiedergeben kann, sondern die ich auch durch mein Leben verkörpern muß. Ich liebe alles, was sehr schön und sehr gut ist, und eine große Zärtlichkeit drängt mich, es zu umfassen. Aus Weibes Schoße bin ich geboren und fühle mich in Dankbarkeit wieder dorthin gezwungen. Ein einziges Weib kann, ohne in Flammen aufzugehen, alle die Liebe nicht ertragen, die ich dem Weibe als solchem abzustatten mich für verpflichtet fühle, und verglimmen und verkohlen würde ich, dürfte ich meine Liebe nicht hellauf lodern und weithin leuchten lassen. Von jeher war, wo gesunde, einfache Sitten herrschten, die Magd die Zweitfrau des Hausherrn. Sie sorgte für ihn, sie schaffte für ihn, sie kannte alle seine Geheimnisse oft besser als seine Ehefrau, denn sie machte sein Bett und sah, ob er gut geschlafen hatte oder nicht. Er muß ihr dankbar sein, und wie kann ein Mann einem Weibe besser Dank abstatten als durch Kuß und Umarmung?«
Er dachte an die reizende Magd, die ihm und seiner Frau in schweren Jahren das Leben verschönt hatte durch ihr sonnenhelles Wesen, und er sandte einen Seufzer der Reue dem Kusse nach, den er sich von ihr nicht hatte nehmen mögen, weil ihr Herz für einen andern Mann schlug.
Alles das dachte er, wenn er frisch und fröhlich an den drei gewaltigen Bildern malte. Er fühlte sich durchaus nicht minderwertig, weil seine Magd seine Geliebte war; im Gegenteil, sein Gesicht blühte von Tag zu Tag mehr auf, immer federnder wurde sein Schritt, und er schaffte wieder, wie vor der Zeit, da Märzenschnee die Jungsaat seiner Seele versengt hatte. Nie hatte er vor dem Jenseits gebangt, nie ein Dankgefühl einem höheren Wesen gegenüber empfunden, aber jetzt hatte er es in sich. »Gott,« dachte er, »wenn du bist, so bist, wie das Volk ihn sich denkt, gütig und voller Verständnis für alles, was deine Kinder tun, daß du mir, dem Manne, der die Höhe seiner Tage überschritten hat, so viel blühende Jugend an das Herz legtest, damit er sich daran erquicke, ich danke dir und will dafür zu dir beten, vorausgesetzt, daß dir daran etwas gelegen ist; denn ich glaube, dir genügt es, deine Geschöpfe glücklich zu wissen.«
Er verhehlte sich gar nicht, daß sein Verhältnis zu Luise eine Gefahr für ihn wie für sie war. Sie entstammte einer hochachtbaren Arbeiterfamilie und war streng kirchlich; zudem war sie seiner Frau von Herzen zugetan. Doch sie war ebenso ganz und gar und nichts als nur Weib, daß der Gedanke, eine Sünde zu begehen, ihr die Küsse, die sie geschenkt bekam, auch nur ein ganz wenig vergällen konnten; denn sonst wäre sie nicht in den beiden Wochen des Alleinseins mit ihrem Herrn nur noch ansehnlicher geworden. Nie aber vergaß sie ihre Stellung, niemals war sie, außer, wenn sein Arm sie umschlungen hielt, etwas anderes als die Magd, die ihre Arbeit tat und dafür ihren Lohn erhielt. Als seine Frau wiederkam und das Mädchen es mehr als einmal ansehen mußte, wie die Ehegatten zärtlich zueinander waren, blieb ihr Benehmen sich gleich, nur daß es Helmold schien, als ob sie der Frau gegenüber noch mehr Willfährigkeit und Aufmerksamkeit darlegte, so daß diese sagte: »Das Mädchen wird mir von Tag zu Tag lieber; sie tut, was sie mir an den Augen absehen kann, und ich glaube, sie ist in dich gehörig verschossen.«
Er mußte lächeln, als sie so redete; sie blieb trotz der einen schlimmen Erfahrung immer noch das harmlose Gretechien ohne Arg und Sorge und dachte sich nichts bei dem, was sie in ihrer frohen Art dahinplauderte. So hatte sie auch, als sie von Swaanhof zurückkam, in aller Unschuld von Swaantje ein so rührendes Bild gemalt, daß Helmold schnell von etwas anderem sprach, denn er fühlte, daß die Sehnsucht sich wieder vor ihn stellte und ihn bittend ansah, und so sagte er denn: »Ich will ihr einen hübschen Brief schreiben, wenn ich ihr ihr Bildnis schicke, und ein paar Bücher beilegen, die ihr Freude machen werden und sie zerstreuen, bis sie nach Italien fährt.«
So kaufte er einige gute Werke, die ihr die Augen für alles das öffnen sollten, was sie in der Fremde sehen würde, wählte auch einige Bücher heiteren Inhalts, damit sie sich durch sie nötigenfalls über ihre Schmerzen hinweglesen sollte, die, wie Grete ihm erzählte, oft noch sehr arg waren, und an die er mit Bedauern dachte, doch ohne den Wunsch, sie mit leise streichelnden Händen von ihrer Schläfe zu entfernen. Dann und wann erhob sich zwar in seiner Seele das geheime Wünschen und flüsterte begehrliche Worte, aber da ihn sein Weib mit herzlicher Liebe erquickte und die Magd ihn mit untertäniger Hingebung erfrischte, so glaubte er herauszufinden, daß er in Swaantje weiter nichts gesehen habe als ein Sinnbild für seine starke Hinneigung zu dem Weibe an sich, dem er durch die Eingehung der Ehe hatte entsagen müssen.
Das Gefühl von Gereiztheit seiner Frau gegenüber, unter dem er selber am meisten gelitten hatte, war völlig verschwunden, seitdem er vor ihr diese Heimlichkeit hatte. Er hatte vor ihr eine Schuld, aber eine Schuld, die ihn nicht drückte, die ihn nur dazu antrieb, doppelt so gut zu ihr zu sein, und mehr als je zuvor regelte er sein Benehmen ihr gegenüber, wurde zärtlich wie ein Bräutigam und aufmerksam wie ein Hausfreund.
Vor allem hütete er sich, sie mit seinen eigenen Angelegenheiten zu behelligen, sobald diese unerquicklicher Art waren, und daran fehlte es ihm nicht. Der Oberbürgermeister hatte es ihm nicht vergessen, daß er ihn seinerzeit gezwungen hatte, ihn zuerst zu grüßen; er versuchte es ihm heimzuzahlen, indem er die Ausschreibung eines Wettbewerbes für die Ausschmückung des neuen Rathauses hintertrieb und es durchsetzte, daß die Aufträge unter der Hand vergeben werden sollten. So lag die Gefahr vor, daß die Hauptarbeiten recht mäßigen Malern zufielen, die es keine Überwindung kostete, den Rücken zu beugen und Vorzimmerlungerei zu treiben, worauf Helmold sich nicht einließ. Er tat überhaupt keine Schritte, einen Auftrag zu bekommen, und bat Hennecke sogar, in der Presse nicht für ihn einzutreten, zumal es ihm an Aufträgen nicht fehlte.
Als er darum mit dem Oberbürgermeister bei dem Oberpräsidenten zum Abendessen geladen war, und der Oberpräsident sagte: »Wir freuen uns sehr auf das, was Sie im Rathause schaffen werden, lieber Herr Hagenrieder, denn die Hauptgemälde werden Sie doch wohl bekommen,« lächelte er verbindlich und sagte: »Sehr schmeichelhaft, Exzellenz, aber in Hinsicht auf die vielen Aufträge, die ich anderweitig habe, war die Stadt so rücksichtsvoll, mich nicht aufzufordern.« Die Hausfrau lächelte, der Oberbürgermeister verschluckte sich und spielte während des ganzen Abends das Mauerblümchen, während Hagenrieder, den die Gastgeber sehr herangezogen, seinen Geist schillern ließ, so daß die Oberpräsidentin ganz entzückt von ihm war und ihn bat, ein für allemal sich als Gast an ihren offenen Tagen zu betrachten, eine Ehre, mit der sie recht sparsam umging.
Drei Tage darauf schrieb das Stadtoberhaupt an ihn und fragte, ob er die Wandgemälde für Rottenwiede sehen könne. Er kam, lobte mit einem gewaltigen Aufwande von hohlen Redensarten das Werk, und als er ging, hatte Hagenrieder die vier Wände des Sitzungssaales in dem neuen Rathause und die Glasfenster im Treppenhause in der Tasche. Einige Monate später ernannten ihn die städtischen Körperschaften zum Beirat in Kunstfragen, nachdem ihm kurz vorher der Herzog den Professortitel verliehen hatte. »So,« sagte er zu seiner Frau, »jetzt gelte ich sogar bei den Stadtverordneten etwas, und das will etwas heißen, denn das mehrste sind Heuochsen mit Eichenlaub und Schwertlilien.«
In voller Absicht stellte er sich jetzt in den Vordergrund der Gesellschaft, soweit es seine Zeit erlaubte. Während er früher am liebsten in Loden ging und sich halb bäuerlich trug, kleidete er sich nun derartig modisch, ohne die Albernheiten der Mode mitzumachen, daß er als einer der bestangezogenen Männer der Stadt galt und von allen Gecken studiert wurde, denn nie war ein Stilfehler in seiner Kleidung, obgleich, oder vielmehr, gerade weil er seine Kleidung ganz nach eigenem Ermessen zusammenstellte.
»Der amüsanteste Mann, den wir haben,« sagte die Oberpräsidentin; »schon als Erscheinung ein Genuß.« Er war zu einer ihrer Gesellschaften in hochgeschlossener Weste gekommen, wie sie die Bauern trugen. »Wo haben Sie denn den famosen Westenschnitt her, Herr Hagenrieder?« fragte die Gräfin Tschelinski etwas spöttisch. »Von den Bauern, meine Gnädigste, den einzigen Leuten, die heutzutage noch Kultur haben,« versetzte er. Sie warf den Kopf zurück: »Und wir, Herr Professor?« Er lächelte: »Sind nur zivilisiert!« Der Bildhauer Professor Brambach, ein würdevoller Figurenfabrikant, versuchte ihn lächerlich zu machen, indem er sagte: »Sehr praktische Tracht!« »Jawohl,« antwortete er ihm, »man braucht nicht alle acht Tage ein reines Hemd anzuziehen.« Die Gräfin schrie vor Vergnügen, und es gab eine gepfefferte Toilettendebatte.
»Sehen Sie, meine Herrschaften,« lehrte der Maler, »für den Pöbel ist es ja erziehlich, zwingt die Mode ihn, ein Teil seiner Leibwäsche zu zeigen; sonst läuft er am Ende vier Wochen in derselben Linnenhülle herum. Wir aber brauchen den Beweis, daß wir uns reinlich halten, nicht erst anzutreten; denn sonst müßten wir die umliegende Menschheit durch einen mit dem Westenausschnitt übereinstimmenden Ausschnitt in unseren unaussprechlichen Hosen davon überzeugen, daß die noch unaussprechlicheren Unterbeinkleider ebenfalls durch Tadellosigkeit glänzen.« Professor Brambach war entrüstet, die anderen quiekten vor Vergnügen.
Dann kam die Damenkleidung an die Reihe. Hagenrieder erklärte: »Nur im Reformkleid ist eine Frau angezogen; im Zweistöckigen ist sie kuvertiert.« Scharf wurde widersprochen. »Beweis?« hieß es. Mit todernstem Gesicht dozierte er: »Sie selber, meine Damen, denn Sie tragen alle Reform.« Sie lärmten, denn nur die Gräfin trug sich so. In lehrhaftem Tone fuhr er fort: »Dasjenige Kleidungsstück, das Ihnen am teuersten ist, weil es Ihrem Herzen am nächsten steht, ist, soweit ich in den Auslagen der Wäschemagazine darüber Studien machen konnte, nicht zweistöckig, sondern besteht aus einem Stücke.« Die Gräfin schloß die Augen bis auf einen kleinen Spalt, sah ihn von oben bis unten an, und ihre Zungenspitze ging über ihre Lippen.
Als er nachher im Wintergarten mit ihr allein war, fragte sie mit gemachter Harmlosigkeit: »Sie sagten vorhin, Herr Professor, schön sei der Mensch nur im Arbeitskleide.« Er nickte ernsthaft. »Ja, aber,« meinte sie, »eine Frau wie ich, in welchem Kostüm finden Sie denn die am schönsten?« Er machte sein treuherzigstes Gesicht, als er antwortete: »Auch im Arbeitskleide.« Sie fragte neugierig: »Und das ist?« Mit kindlich naiven Augen sah er sie an, als er versetzte: »Das Nachtkleid.« Sie machte ein halb entrüstetes, halb belustigtes Gesicht, als sie ihm mit ihrem Fächer einen Schlag auf die Schulter gab und zischte: »Unverschämter Mensch!« Aber als er sich glücklich lächelnd verneigte und fragte: »Ich danke gehorsamst, gnädigste Gräfin; ich darf diese Bemerkung doch wohl im Gewinnkonto eintragen?«, da lächelte sie, und ihre Augen sagten: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr Hagenrieder.«
Dann meinte sie leichthin: »Ich habe zu Hause allerlei Ahnen hängen, die ein bißchen gichtbrüchig sind, und möchte von Ihnen wissen, ob das zu heilen ist. Vielleicht sehen Sie sich die Bilder einmal an und empfehlen mir einen Restaurator, wenn es sich noch lohnt.« Er sah ihr mit heißen Blicken in die Augen: »Muß das gleich sein?« fragte er und hielt ihr den gebogenen Arm hin. Sie drohte ihm mit dem Fächer, lachte und sagte über die Schulter: »O nein. Aber wenn Sie morgen nachmittag Zeit haben?« und ging dann zu den anderen Gästen. Als er am anderen Tage zu ihr kam, empfing sie ihn in einem weichen losen Kleide von weißer Wolle. Er erhob die Hände bis zu den Schultern: »Wie wundervoll Sie aussehen, Gräfin; der Künstler dankt Ihnen.« Als er ihre Handgelenke küßte, flüsterte es über seinem Kopfe: »Nur der Künstler?« Er nahm sie in den Arm, raunte ihr in das Ohr: »O nein; der Mann dankt noch viel mehr,« und dabei küßte er sie.
Die Gräfin blieb nicht die einzige Frau aus der Gesellschaft, die sein wurde. Wenn er gewollt hätte, konnte er jeden Tag im Monat einen anderen Mund küssen. Doch er ging auf Eroberungen nicht aus; wenn aber ein Weib ihm ihre Neigung mit lächelnden Augen kredenzte, und sie erregte sein Wohlgefallen, so nahm er dankbar die Labe hin. Mit jeder Frauenseele, die sich ihm erschloß, glaubte er ein Stück Jenseitsdasein mehr zu erwerben, wähnte er sein persönliches Leben zu verlängern. Wenn er malte, sah er sich oft dastehen, umdrängt von vielen schönen Frauen und Mädchen aus allen Kreisen, die ihre Herzen in den Händen hielten, Herzen, aus denen frohlockende Flammen schlugen, die einen Duft von Weihrauch verbreiteten.
Nur eine Lücke war in der Reihe der weißen Leiber, nur ein Gesicht fehlte, nur ein Herz flammte und duftete nicht zwischen den anderen. Denn je mehr rote Rosen er in seiner Erinnerung fand, um so stärker trat wieder der Gedanke an die eine weiße Lilienblüte vor ihn. Er wehrte ihn ab, trat ihn von sich, aber immer und immer wieder winselte er vor seiner Seele herum, stahl sich in seine Träume und trabte vor ihm her, wo er ging und stand. Er suchte sich dadurch von ihm zu befreien, daß er nach Stillenliebe fuhr, auf Sauen pürschte und bei Sophien und Annemieken Trost suchte. Er mietete sich in Ohlenwohle ein, angeblich um Studien zu machen, in Wirklichkeit, um sich an Marieens derber Art von der städtischen Überfeinerung zu erholen. Es half ihm wenig; denn überall stand ein blasses, müdes Gesicht neben ihm und zwei dunkelblaue, tiefumhofte Augen sahen ihn bittend an. Er schloß alle Lichtbilder von Swaantje ein und jegliches Stück, das ihn an sie erinnerte; aber dadurch wurde es nur noch ärger.
Er schrieb seinen Zustand auf das Übermaß von Arbeit und Geselligkeit, das er sich aufgeladen hatte, schaffte langsamer, zog sich mehr zurück, doch immer mehr nur quälte ihn Swaantje Swantenius, und ab und zu waren seine Nächte wieder ohne Schlaf und seine Tage ohne Frische. So setzte er sich denn kurz vor dem Julfeste hin und schrieb ihr einen langen Brief, einen Brief, in dem er nur heiter von seinem äußeren Leben plauderte, doch ihm war, als flüsterte jede Seite Worte der Liebe, und als wäre jeder Buchstabe ein verstohlener Seufzer. Mit eigenen Händen packte er Swaantjes Bild und einige Bücher ein, legte den Brief dazu und sandte die Kiste nach Swaanhof.
Ihm war sofort leichter zumute; es schien ihm, als hielte er Swaantje bei der Hand und plauderte mit ihr, und fröhlich wartete er auf eine Antwort. Er hoffte auf weiter nichts, als auf einen im kameradschaftlichen Tone gehaltenen Brief, hinter dessen Gitterwerk von schwarzen Buchstaben vielleicht ein ganz klein wenig blumiges Hoffnungsgrün für ihn sichtbar wurde. Aber erst einige Tage nach dem Feste kam eine Sendung aus Swaanhof an ihn; sie enthielt eine lederne Zigarettentasche, verziert mit der Sonnenrune, und eine Karte, auf der die Worte standen: »Lieber Vetter, über die Bücher, das Bild und deinen lieben Brief ganz besonders habe ich mich sehr gefreut. Wie schön, daß es dir wieder gut geht! Hab tausend Dank. Dir und Grete herzlichen Gruß. Deine Swaantje.«
Ganz fassungslos starrte er auf die Zeilen. Eine Absage für immer in aller Form. »Laß mich in Ruhe!« hieß das. Er sah auf den Sessel, in dem Swaantje gesessen hatte, als er sie um einen Kuß anbettelte, und nickte mit dem Kopfe. Er holte sich alle Bilder des Mädchens aus Gretes Truhe, sah eines nach dem anderen genau an und schüttelte den Kopf. Er nahm wieder alles das durch, was er von Swaantje und sich gedacht hatte, und sagte sich: »Es hilft alles nichts; sie wird mein Tod sein, mein Vampir. Ich werde im Grabe keine Ruhe finden, wird sie nicht mein, und bleibt sie nicht die Meine.«
Als Luise ihn zum Essen rief, sah sie ihn ganz erschrocken an, und seine Frau fragte ihn: »Was ist dir, Liebster? du siehst so krank aus.« Er lächelte ihr die Sorge fort: »Ich habe mich wohl erkältet, das Feuer wollte nicht brennen.« Er legte sich nach dem Essen zu Bett und stand erst am anderen Morgen wieder auf. Alle Arbeitslust war ihm vergangen, und eine beschämende Schlaffheit beugte ihn nieder. »Geh nach Stillenliebe!« riet ihm Grete. Er nickte. »Ja, Kind, ich muß hinaus; es war ein bißchen viel Anspannung in der letzten Zeit. Ich will mir die Knochen wieder munter pürschen.«
Als er den Koffer packte, zitterten ihm die Hände, so setzte ihm das Fieber zu, und in der Eisenbahn lähmte ihn eine so ermattende Schüchternheit, daß er es sich nicht verbat, als zwei dicke Viehhändler, die einen frechen Schnapsgeruch verbreiteten, die Fenster auf beiden Seiten aufrissen. Völlig durchgefroren und ganz blaß kam er an, holte sich aus dem Grogglase wieder warmes Blut und setzte sich auf Sauen an. Gleich am ersten Abend erlegte er eine angehende Sau, und als er zurückkam, fühlte er sich wohl und munter. Aber wohl zehn Male wachte er in der Nacht vor Durst auf, und jedesmal, bevor er einschlief, sah er in seinem fieberhaften Zustande Swaantjes Gesicht auf sich zuschwimmen, weiß, kalt, ohne Haare und Augenbrauen, mit blicklosen Augen und einem Mund, dessen Lippen sich versteckten. Sehnsüchtig nannte er es bei Namen und versuchte es zu streicheln, aber sofort zerfloß es zu nichts.
Müde und unfrisch wachte er um elf Uhr auf, und die Wirtin sagte bedauernd: »Sie gefallen mir gar nicht mehr; ich glaube, nach dem Essen bringe ich Sie gleich wieder zu Bette, mache Ihnen einen Tee und decke Sie bis zum Hals zu.« Er ließ sich ihre Fürsorge gefallen und fühlte sich dadurch erwärmt; doch bald darauf war ihm noch eisiger und unglücklicher zumute, und heftige Fieberschauer stießen ihn aus dem Halbschlafe. Sein Herz klopfte, sein Blut kochte, aus dem Muster der Tapete lösten sich fratzenhafte Gesichter los, jeder Laut von der Straße drang in zehnfacher Stärke zu ihm, und jede Farbe, die er um sich sah, sang ihm ein böses Lied.
So stand er bald auf, zog sich an, ging aber nicht hinaus, sondern spielte mit Klaus Ruter und dem Förster Karten und trank sich das Fieber fort. Am anderen Morgen fühlte er sich besser.
Es regnete nun drei Tage lang, und dann gab es Plattfrost. Eines Abends, als er reichlich müde von dem weiten Wege und durch und durch kalt vom langen Passen bei Annemieken saß und sich die Füße am Torffeuer wärmte, klagte er ihr sein Leid, und als er sie dabei ansah, kam sie ihm ganz anders vor als sonst, und er fand, daß das junge Weib ein neues Gesicht und fremde Bewegungen hatte. Sah sie eben noch wie Sophiee Pohlmann aus, so schien es ihm gleich darauf, daß sie ihn mit den Augen der Gräfin anblickte; dann wieder war sie Grete, gleich darauf Swaantje und hinterher Mariee oder Luise oder eine andere, die er geküßt hatte. Außerdem war die Diele bald hoch und hell, bald niedrig und duster; eben brannte das Feuer blau, gleich darauf grün und dann gar nicht; war die Katze jetzt ganz klein, so fing sie mit einem Male an, unheimlich zu wachsen, und während es vorhin nach Schweinefutter roch, war plötzlich ein strenger Duft von weißen Lilien da. Nun fing auch noch der Kesselhaken an, ihm böse Gesichter zu schneiden, um ihn sofort durch ein freundliches Grinsen zu versöhnen, aber da begann das Zinngeschirr an der Feuerwand, ihn auszulachen, das Spinnrad machte ihm einen albernen Knix, der Tranküsel winkte ihm spöttisch zu, und die Mährenköpfe am Herdrahmen wieherten und schnaubten gewaltig.
Doch alles das ängstigte ihn kein bißchen, sondern machte ihm Vergnügen. Er trank ein Glas Grog nach dem anderen und erzählte seine tollsten Witze, bis ihm einfiel, daß er nun schon drei Tage auf Spurschnee wartete, und lachend befahl er Annemieken, ihm welchen zu besorgen. Das Mädchen, das tüchtig mitgehalten hatte und dessen Augen von dem heißen Grog und den wilden Witzen nur so blitzten, lachte und sagte: »Ich werde es Großmutter sagen, und die soll dir geben, was du haben willst; und dann werde ich dir sagen, was du mir dafür schenken sollst.«
Da ging die Großmutter zu der Herdflamme und sagte ihr den Spruch, den ihre Mutter sie gelehrt hatte, ehe daß sie starb, und die Flamme lachte und nickte und wurde gleich siebenmal so lang und leckte mit sieben Zungen am Kesselhaken entlang. Dann warf die alte Frau die Schuhe hinter sich und winkte nach der Dönze. Da kamen drei Taubenfedern angeflogen und sieben Hühnerfedern und dreizehn Entenfedern und einundzwanzig Gänsefedern und dreiunddreißig Schwanenfedern, alle so weiß wie Schnee. Sie flogen um die rote Flamme, und die spielte Kriegen mit ihnen, bis sie eine nach der anderen fing und dem Rauche gab und ihm sagte: »Zeige ihnen, wo sie hinsollen, und sage ihnen, wie sie es machen müssen, und dann komme wieder und bring mir Bescheid.«
Der Rauch aber machte einen Knix, und dann wurde er wieder ganz lang und immer länger, bis er zum Dachloche hinausfuhr, und die siebenundsiebzig schlohweißen Federn nahm er mit. Nach einer Weile war er wieder da, warf sich vor der Flamme hin und sprach: »Ich habe alles getreulich ausgerichtet.« Und die Flamme erwiderte: »Denn so wollen wir schlafen gehen.« Und da lachte Annemieke und sagte: »Und wir auch!«
In der Nacht hatte Helmold einen blitzblanken Traum. Er sah Frau Holle auf der blauen Sternenwiese stehen und die Betten sonnen, in denen die erdenmüden Seelen ausschlafen. Da kamen drei Federchen angetrippelt, drei schneeweiße Taubenfederchen, stahlen sich durch das Gras und suchten so lange, bis sie an einem Bette eine Naht offen fanden, und dann kicherten sie und krochen hinein. Und es dauerte nicht lange, und sieben weiße Hühnerfedern kamen angelaufen; die machten es ebenso, und nach ihnen die dreizehn Entenfedern und hinterher die einundzwanzig Gänsefedern und die dreiunddreißig Schwanenfedern kamen auch an und krochen in das Bett.
»Was ist denn das?« sagte Frau Holle und stemmte die Hände in die Hüften, daß das weiße Fleisch ihrer Arme so reizende Falten in der Ellenbeuge schlug, daß gleich zwei Schmetterlinge kamen und sich dort niederließen. »Was ist denn das?« sagte Frau Holle, und ihr Kleid hüpfte vor der Brust, daß unten auf der Erde das Meer ganz still wurde, weil es solche Wellen nicht schlagen konnte. »Was ist denn das?« fragte Frau Holle und ihre Brauen wurden ganz schwarz, so sehr zog sie sie zusammen, und die Wetterwolken auf der Erde krochen vor Angst in die tiefsten Wälder. Aber dann lachte die schöne Frau, und der Sturm hörte sofort auf zu schimpfen, und der Donner fluchte nicht mehr hinter den Bergen. »Ahlmanns Mutter, Ahlmanns Mutter!« lachte die Hunderttausendschöne, »was machst du mir für Geschichten!« Und dann nahm sie ihr blitzblankes Messerchen und ritzeratz war die ganze Naht auf und holterdipolter flogen die weißen Federn von der blauen Wiese nach der grauen Erde.