Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte
Part 13
Mit dumpfem Getrampel und gellendem Aufjuchen brach der Tanz ab; die Stillenlieber Jungens hatten alle rote Köpfe, und ihren Mädchen gingen die Schürzenlätze auf und ab. »Kinder!« schrie Hagenrieder und schlug auf den Tisch, daß die Gläser Polka tanzten, »ich habe von Morgen den dicken Happbock vom Schandenholz dode geschossen; darauf will ich einen ausgeben. Frau Pohlmann, sechs Buddeln Rotkopp und eine Kiste Ziehgarr'n!« Die Schadhörstener, die sich erst alle umgedreht hatten, als er so losprahlte, machten schnell wieder kehrt, als der Wein herbeigeschleppt wurde. Aber dann lachten sie, denn Christel Remmert, der Sohn ihres Vorstehers und der Hauptschläger weit und breit, trat ein, gerade als die Stillenlieber mit Hagenrieder und Hennecke anstießen und lauthals hoch riefen, als Helmold schrie: »Hoch Stillenliebe und alles, was sich dazu rechnet, und die Knochen für die Hunde vor der Türe!«
Christel Remmert ging quer über die Diele, warf der Musik einen Taler hin und schrie: »Solo für Schadhorsten!« Die Musiker standen auf und stimmten einen Walzer an. Die Stillenlieber tranken ihre Gläser aus und stellten sich vor ihre Mädchen. In der vordersten Reihe standen Hagenrieder, Hennecke und Ruter, die Hände in den Taschen, die Zigarren in den Mundwinkeln.
Remmert trat vor sie hin, klatschte in die Hände und winkte Annemieken, und zwei andere Schadhörstener machten es bei Line und Ruters Mädchen ebenso, aber die Mädchen lachten sie aus. Da versuchte Remmert, sich zwischen dem Maler und seinem Freunde durchzudrängen, erst mit der Schulter, und als das nicht gehen wollte, indem er sie mit den Händen auseinanderschob. Aber Helmold stieß ihn vor die Brust, daß er zurücktaumelte.
»Teuf, du Aas!« schrie der lange Kerl und sprang auf den Maler zu; der trat zur Seite und schlug ihm mit einer schnellen Fußbewegung die Beine unter dem Leibe weg, so daß er schwer auf die Diele hinstürzte. Auf ihn fiel ein anderer Bengel aus Schadhorsten, den Hennecke in die Herzgrube geboxt hatte, und da schrie Klaus Ruter: »Die Fenster auf!«, sprang mitten zwischen die Fremden, packte den Stärksten von ihnen an Brust und Hosenlatz, hob ihn auf, warf ihn zwischen die Stühle, daß es krachte, griff wieder zu, schleppte ihn zum Fenster und warf ihn in die Mistgrube.
Die Stillenlieber brüllten vor Vergnügen, und Helmold auch. Da hörte er hinter sich einen Schrei, und als er sich umdrehte, sah er Remmerts kreideweißes Gesicht und eine Hand, die ein Messer hielt. Im nächsten Augenblicke aber war das Gesicht rotgestreift, und das Messer fiel zu Boden; Annemieken hatte dem Heimtücker eine Weinflasche so in das Gesicht geschlagen, daß ihm die Scherben Mund und Nase zerschnitten.
Im nächsten Augenblicke stand kein Schadhörstener mehr auf den Beinen. Moormann, der von der Gaststube aus zugesehen hatte, rief: »Sie gebrauchen das Messer!« Sofort standen die acht Stillenlieber Bauern den jungen Leuten aus dem Orte bei, und nun flogen die Fremden kopfoberst, kopfunterst teils aus der großen Tür, teils aus dem Fenster, und die diesen Weg gehen mußten, lernten dabei, wie Stalljauche schmeckt. Helmold und Hennig halfen tüchtig mit, und dabei bekam der erste einen Schlag mit einem Bierglase auf die Backe, daß er einen fingerlangen Schnitt davon behielt. Er ließ sich schnell nach Ohlenwohle fahren, wo der Arzt wohnte, und kam nach anderthalb Stunden geflickt und vernüchtert wieder, aß wie ein Wolf und tanzte bis in die zwölfte Stunde. Dann brachte er Annemieken nach Hause und saß hinterher mit Hennecke und den Bauern noch beim Biere. Frisch und munter wachte er am anderen Morgen um acht Uhr auf, frühstückte mit Hennig und Line und fuhr sie zur Haltestelle.
Auf dem Rückwege fiel ihm ein, daß er seit dem vorigen Nachmittage noch nicht an Swaantje gedacht hatte, und nun er das tat, schien sie ihm nur noch ein Schatten zu sein. Als er nach dem Mittagessen auf dem Sofa lag und den Spielfliegen zusah, die unter den Deckenbalken tanzten, überlegte er sich seine Lage in aller Ruhe. »Sieben Jahre lang hat mir diese Liebe in den Knochen gesteckt; ein Jahr lang war sie akut. Das genügt mir; jetzt ist Schluß«, sann er. »Ein Loch behalte ich immer davon, das weiß ich; ungeküßte Küsse und ungeschlagene Schläge, das ist das bitterste Weh. Aber schließlich vernarbt alles und schmerzt nur noch ab und zu bei Wetterwechsel.« Er dachte geflissentlich an das Mädchen; aber seine Gedanken waren nicht hell und zart wie das Laub der Maibuchen, und nicht welk und mürbe, wie Fallaub, sie waren hart und fest, wie das Buchenblatt, das sich schon gewendet hat.
»Im Grunde hat mir die Sache nur genützt,« überlegte er; »bisher war ich ein Junge, ein Kind; jetzt habe ich mich entweiblicht und vermännlicht. Ich will jetzt nur noch tun, was ich will, und mich unter keinen fremden Willen mehr ducken. Ich werde küssen, was mir gefällt, und zu Boden schlagen, was mir vor die Pferde kommt.«
Es klopfte leise an die Tür. Er rief: »Herein, wenn es kein Geldbriefträger ist!« Die Wirtin kam mit dem Kaffee. Sie hatte den ganzen Tag mit ihm gemuckt, Annemiekens wegen, und als er sie vorhin in der kleinen Stube umfassen wollte, hatte sie sich ihm schweigend entzogen. Jetzt stellte sie ihm ihr feinstes Geschirr auf den Tisch und einen bunten Strauß dazu, und als er sich in der Sofaecke reckte und unter herrischem Augenaufschlage fragte: »Ist das alles?« da warf sie sich in seine Arme und küßte ihn, wie sie ihn noch nie geküßt hatte.
»So werde ich das fortan immer machen,« beschloß er, als sie ihn verlassen hatte und er seine Zigarre rauchte; »den Hirschen und den Männern werde ich höflich entgegengehen und die Frauenzimmer auf mich zukommen lassen. Das Hinterherlaufen hat nun ein Ende. Moormann hat recht.«
Ruhig und bedächtig machte er sich für die Nachmittagsbrunft zurecht, nachdem er Grete eine Mohnblumenkarte gemalt und in den Kasten gesteckt hatte.
Die Wundfährte
Seine Frau freute sich, als er braungebrannt und helläugig zurückkam. »Aber wie bist zu dem schönen Schmisse gekommen, Helmold?« fragte sie. »Ja,« sagte er und lachte, »bei der Schweißarbeit geht es oft nicht gerade säuberlich her, und die drei Geweihe sind den Krätzer schon wert.« Er schämte sich gar nicht, daß er um die Wahrheit herumging. Früher hatte er seiner Frau alles, aber auch alles gesagt und sich in Hemdsärmel und ohne Kragen vor ihr gezeigt; das sollte nicht wieder vorkommen.
Nach dem Abendessen sagte er: »Ich muß noch ausgehen; wie lange ich bleibe, weiß ich nicht.« Seine Frau machte ein etwas beleidigtes Gesicht: »Gleich den ersten Abend?« Er faßte sie unter das Kinn und küßte sie: »Jawohl, mein Herze; es geht nicht anders.« Er ging erst ziellos auf der Hauptstraße hin und her, setzte sich dann anderthalb Stunden in ein Kaffeehaus, spielte mit einem ihm unbekannten Herrn Billard und ging gegen zehn Uhr nach Hause. Grete, die etwas blaß und ermüdet aussah, lachte vor Glück, als er so früh und mit so fröhlichen Augen zurückkam, rückte ihm den bequemsten Sessel hin, brachte ihm Wein und Zigarren und räumte dann auf.
Er sah ihr nach und freute sich über ihre vornehme Erscheinung, ihr schönes Haar und ihre frischen Bewegungen. »Sie ist eigentlich doch die Schönste!« dachte er und machte so verliebte Augen, daß sie sich auf seinen Schoß setzte. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und meinte: »Ich danke dir auch sehr für die wunderschöne Karte; es war nur eine in zwei Wochen, aber es ist ja auch Herbst!«
Sie besann sich einen Augenblick, unterdes sie ihm bald die Hände streichelte, bald den Nacken kraulte, und dann sagte sie mit etwas verlegener Stimme: »Ich habe dir auch etwas zu schenken: ich bin aus dem Verein ausgetreten. Weißt du, das ging mir doch zu weit: das ist kein Frauenbildungsverein mehr, das ist ein Vermännerungsklub. Und dann diese Geschichten, die da vorgekommen sind! Die überspannte Frau Kelling ist mit einem Kalifritzen ausgerückt und hat ihren netten Mann und die reizenden Kinder sitzen lassen, und Frau von Besentzien läßt sich scheiden. ›Mein Mann ist mir geistig nicht gewachsen,‹ hat die Gans gesagt. Aber das schlimmste ist die Sache mit Professor Detten, du weißt doch, der uns immer die glänzenden Vorträge über Frauenkultur hielt. Jetzt hat er einen Haufen Geld geerbt, und was tut er? Er heiratet die Köchin seiner Mutter!«
Helmold lachte, daß ihm die Arme flogen: »Ja, das ist allerdings eine Gemeinheit sondergleichen, wo er doch in dem Vereine ein so wohlassortiertes Lager von ge-, ver- und überbildeten Dämlichkeiten hatte. Aber ich habe es dir ja früher oft gesagt: die radikale Frauenbewegung hat sehr viel Gutes; sie verekelt allen ernsthaften Männern die Damen und veranlaßt sie, Mädchen zu freien, die ihren Männern weiter nichts als Frauen sein wollen und ihren Kindern Mütter. Übrigens, so sehr ich mich freue, daß du aus der Blase heraus bist, in die du vernünftige Frau gar nicht hineinpaßt, meinetwegen hättest du das nicht zu tun brauchen. So ein bißchen Sport will jeder Mensch neben dem Alltagsleben haben.«
Es gingen einige schöne Wochen in das Land; Helmold arbeitete fleißig, aber ohne Überstürzung. Er malte den Hintergrund zu Swaantjes Bild um, gab ihrem äußeren Gesichte einen weichen Zug, brachte aber dahinter etwas rätselhaft Hartes an, das niemand fassen konnte, das aber jeder fühlte, und umgab das Bild mit einem dunkelgrünen, gleißenden, durch grellrote Perlen gehobenen Rahmen, der die Wirkung von reich tragenden Stechpalmen andeutete. Als er sein Malzeichen unter das Bild setzte, pfiff er das freche Lied von der Lüneburger Haide so laut, daß Grete angestürzt kam und ihn fragte: »Du pfeifst das üble Lied, und so denke ich, ich darf mal kommen!« Er nickte und sagte, auf das Bild weisend: »So! vorher war es wabbliger Kitsch, jetzt ist es etwas. Nicht wahr, Gretechien?« Sie nickte; frei wurde es ihr um das Herz. Seine Stimme war ohne Unterklang, seine Augen sprachen nur von dem Bildnisse und nicht ein bißchen von dem Mädchen, das es darstellte. Sie hätte aufschreien mögen vor Glück. Doch der Brief, den sie in der Hand hielt, verbot ihr das.
»Helmold,« begann sie, und ihre Stimme duckte sich, »hier lies mal. Swaantje geht es nicht gut. Sie bittet mich, zu kommen, denn Muhme Gese, schreibt sie, fiele ihr doch etwas auf die Nerven. Was meinst du, soll ich fahren?« Sie setzte sich auf das Ruhebett, und er nahm in dem Sessel Platz. Langsam und bedächtig las er den Brief. Bei jeder Zeile wurde seine Stirne krauser; aber obwohl er tiefes Mitleid empfand, spöttelte er in sich doch über die verlogene, oder, wie er sich selber verbesserte, verbogene Schrift und den gequälten Humor, der den ganzen Brief durchzog. Er gab den Brief zurück und sagte: »Natürlich fährst du; sie braucht einen Menschen, den sie wirklich liebt; die alten Leute bieten ihr so gut wie nichts. Ich glaube, sie ist von ihnen mit Altersschwäche angesteckt, denn Ohm Ollig und Tante Gese sind, meine ich, schon mit Arterienverkalkung und Hämorrhoiden auf die Welt gekommen, in geistiger Beziehung wenigstens sicher. Fahre sofort und muntere sie auf. Übrigens Thorbergs fahren erst nach Neujahr; sein Prokurist ist krank, schreibt er mir, und es ist jetzt zu viel zu tun. Schade! Was Swaantje fehlt, ist frische Luft und neue Menschen.«
Seine Frau hatte ihn aufmerksam angesehen, solange er sprach. War das derselbe Mann, der jüngst noch fast einen Tobsuchtsanfall bekommen hatte, als sie sich zwischen ihn und das Mädchen stellte? Ein sonderbares Angstgefühl hielt ihr den Atem fest. Sie betrachtete ihn, während er Swaantjes Bild an den ersten besten Nagel hängte, ganz aufmerksam. Es war ihr Helmcke, aber er war es doch nicht; es lag eine Ruhe und eine Gelassenheit in seinem Gesichte, die sie erschreckte. Der dummejungenhafte Zug, der ihre Lust und ihr Leid gewesen war, fehlte gänzlich. Schon die Art und Weise, wie er schritt, befremdete sie, und als er ganz behutsam die Zigarre einschnitt, langsam das Streichholz entzündete, mit großer Aufmerksamkeit die Zigarre ansteckte, das Zündholz ausblies und in den Dreifuß fallen ließ, kam er ihr wie ein ganz anderer Mensch vor, wie ein Mann, der weit von ihr gerückt war und hoch über ihr stand. Wenn er früher eine Zigarre ansteckte, ging das immer hopphopp. Und wie er rauchte! wie ein alter Geheimrat. Und alt war er geworden; es war nicht das graue Haar über den Ohren, es waren nicht die scharfen Falten hinter dem Munde, und es war auch nicht ein Altern, sondern eine Ausgereiftheit. Niemals mehr würde er poltern, das sah sie, nie wieder grob werden, aber sich auch niemals wieder wie ein Kind an sie schmiegen.
Die Angst drückte ihr die eiskalte Hand auf die Stirne. Sie stand auf, legte ihrem Manne die Arme um den Hals und flüsterte: »Helmold, fahre du hin!« Er machte eine abwehrende Bewegung. »Höre zu!« fuhr sie fort, »während du in Stillenliebe warest, habe ich über die ganze Sache sehr viel nachgedacht. Du hast ganz recht gehabt; erst habe ich dich zu Swaantje hingestoßen, und dann riß ich dich zurück. Das war schlecht von mir, und dumm. Aber du verstehst?« sie lehnte sich an ihn, »ich hatte solche Angst, daß sie dir mehr würde als ich, und wenn ich dich ihr auch sonst gern gegönnt hätte, und sie dir, Zweitfrau wollte ich doch nicht sein. Aber jetzt,« sie stockte und sprach heiser weiter, ohne ihn anzusehen, »jetzt weiß ich, daß du mir doch ganz und immer gehörst, auch wenn, wenn,« sie atmete erleichtert auf und hob ihr Gesicht zu ihm empor, und ihre Augen waren mit Tränen gefüllt, »wenn sie ganz dein geworden ist. Und deshalb, liebster Mann, fahre hin und denke, daß ich nicht deine Frau, deine Liebste bin, sondern dein bester Freund, der dir alles gerne gönnt, was dein Herz fröhlich macht. Denn ich habe dich lieb. Und Swaantje auch.«
Helmold fühlte, daß ihm die Augen feucht wurden, aber er jagte die Tränen dahin, wo sie hingehörten. Er küßte seine Frau auf die Stirne, nahm sie um den Leib und zog sie, sich in den Sessel gleiten lassend, auf seinen Schoß. »Sieh mal, Grete,« begann er mit etwas rauher Stimme, »hättest du eher so gesprochen, so hättest du mir viele bittere Wochen erspart, und dir auch. Aber alles auf der Welt hat seine Zeit. Zudem war ich damals so krank, daß du gar nicht wissen konntest, ob das, was ich wollte, einem zwingenden Grunde oder einer Einbildung entsprang. Wir wollen von dieser Sache nie wieder sprechen, denn ich glaube, ich bin darüber hinaus. Jedenfalls bin ich dir herzlich dankbar für deine gütigen Worte, und rechne dir die Selbstüberwindung, die sie dich auf jeden Fall kosteten, sehr hoch an. Was nun die praktische Seite deines Vorschlages anbetrifft, so kommt hier lediglich Swaantje in Frage, und Swaantje braucht, so scheint es mir, jetzt mehr eine Schwester denn einen Bruder. Grüße sie herzlich von mir, und sage ihr, sie solle sich zusammenreißen und sich mit Italien und Spanien im voraus trösten, und schustere Tante Gesina einmal gehörig zurecht, das heißt, in Güte, denn Grobheiten habe ich ihr damals so viele gesagt, daß ihr Bedarf vorläufig gedeckt sein wird.«
Sie sah ihn ungläubig an. »Übrigens,« fuhr er fort, »mache nicht solch ein Passionsgesicht! So schlimm wird es mit ihr nicht stehen; Neuralgiker sind zähe, das sieht man an Bismarck. Der Tausend, du siehst ja wie Buttermilch aus! Lege dich einen Augenblick hin!« Er führte sie nach dem Ruhebette, deckte sie zu und streichelte ihr so lange die Stirne, bis sie einzuschlafen schien.
Aber sie schlief nicht, sie dämmerte nur. Gespenstige Vorstellungen wisperten ihr seltsame Worte zu. »Wenn er sie nicht mehr liebt, liebt er dich auch nicht mehr,« flüsterten sie; »du bist rot und warm, sie ist grün und kühl; ihr seid ihm Komplemente, bildet eine Einheit in seinen Augen. Fühlst du nicht, daß er nur noch mit den Lippen küßt und nicht mehr mit der Seele? Daß bloß seine Hände dich streicheln, aber daß seine Gedanken nicht auf deiner Stirn sind? Daß nur seine Sinne noch leben, sein Herz aber, das ist tot?«
Sie fuhr in die Höhe, seufzte gequält und sah verängstet um sich. Ihr Mann streichelte ihr die Backen; sie blickte ihn verzweifelt an: »Helmold,« schluchzte sie, »ich habe so schrecklich geträumt! Ich möchte am liebsten nicht fahren. Ich habe solche Angst, ich glaube du, daß du, du liebst Swaantje nicht mehr und mich auch nicht mehr. Wir haben dir das Herz zertreten. Du bist so ganz anders geworden, du bist mir so fremd, daß ich dich nicht ansehen kann, wie man seinen Mann ansehen soll. Du kommst mir so vor, wie damals, als du auf einmal ohne Bart nach Hause kamest. Helmold,« stöhnte sie und faßte seinen Kopf mit beiden Händen, »ist das wahr? Ich habe jetzt immer so viel Angst. Fühle, wie mein Herz klopft. Komm mit, du und ich und Swaantje, wir drei wollen uns so lieb haben, wie noch niemals Menschen sich lieb hatten.« Sie schluchzte fassungslos in das Kissen hinein.
»Gretechien, mein dummes Gretechien,« scherzte er und liebkoste sie; »du siehst Gespensterchien! oder willst du dich rächen? denn genau solchen Unsinn habe ich damals auch von dir gedacht. Glaubst du, solche rosenroten Stunden, wie wir sie erlebten, könnten verblassen und verwelken? Waren diese Wochen nicht ganz so, wie vor acht Jahren, als wir Tag für Tag zu Frigge beteten und sie lobten, wie sie gelobt werden will? Gewiß bin ich anders geworden, aber auch ohne das, was sich die letzte Zeit begab, wäre ich mehr Mann geworden, denn allzulange bin ich Junge gewesen. Und bist du nicht auch in den beiden letzten Wochen eine andere geworden? Glaubst du, daß du noch einmal wieder zu mir so ein hartes Gesicht machen kannst, wenn ich ein bißchen ungezogen bin?« Sie lächelte unter Tränen und schüttelte den Kopf und zog ihn fest an ihre Brust, hungrig seine Lippen suchend.
Am Nachmittage brachte Helmold sie, Swaan und Sweenechien samt der Kindermagd zur Bahn, denn er hatte bestimmt, daß die Kinder mitfahren sollten. »Sie haben Ferien, und Swaanhof ist für sie das, was für uns die Riviera. Und sonst bangst du dich nach ihnen. Außerdem hat Muhme Gese dann etwas mehr zu tun und läßt Swaantje in Ruhe. Und bleibe, solange es dir da gefällt. Sage aber nichts von dem Bilde; das soll sie als Julklapp haben.«
Als er nach Hause ging, mußte er immer noch an das reizende Bild in dem Fenster des Eisenbahnwagens denken: seine schöne Frau zwischen den beiden Blondköpfen und dahinter das niedliche Mädchen, glühend vor Reisefieber. Und welche glücklichen Augen Grete gehabt hatte und welchen weichen bräutlichen Mund!
Stolz leuchteten seine Augen, als er die Straße entlang ging, und alle Frauen und Mädchen, die ihm begegneten, sahen ihn an, als wollten sie sagen: »Muß der aber küssen können!« Er nahm alle diese Blicke dankbar hin, nutzte sie aber nicht aus, trotz des überlegenen Paschagefühles, das ihm die Muskeln schwellte.
Er dachte an den neuen großen Auftrag, den er bekommen hatte. Anfangs hatte er sich darüber geärgert, denn es handelte sich um eine naturgetreue Wiedergabe von drei Landschaftsbildern für den Speisesaal auf Rottenwiede, dem Stammschlosse des Freiherrn von der Rotten. Er hatte angenommen, weil er den Preis bestimmen durfte, und er hatte sehr viel gefordert. Jetzt freute er sich über den Auftrag. »Denn die enge stoffliche Begrenzung«, dachte er, »schließlich ist sie doch keine größere Einengung als die, die bei jedem Bildnisse Voraussetzung ist.« Und er wollte einmal den Nurlandschaftern zeigen, was es heißt, eine Landschaft wörtlich abzuschreiben und doch einen echten Hagenrieder aus ihr zu machen. Ein Wort Oskar Wildes über den Wert des Reimes fiel ihm ein, über den wohltätigen Zwang, den er auf das Gemüt des Dichters ausübt, und er sagte sich: »Künstler ist nur der, der vor keinem Auftrage zittert.« Er ging schneller, denn die Hand juckte ihn nach der Arbeit.
Als er am anderen Morgen mitten im Schaffen war, fröhlich vor sich hinsummend, sah er, daß die Großmagd sich im Garten zu schaffen machte. Er hatte es immer mit Freude angesehen, das große, schlanke, herrlich gewachsene Mädchen. »Sonnenschein über Apfelblüten,« dachte er, als er ihr goldenes Haar und ihr rosiges Gesicht ab und zu über den Büschen auftauchen sah. Er freute sich über das prächtig entwickelte Muskelwerk ihrer Unterarme und den guten Sitz ihres frischen Waschkleides, und er dachte, indem er dem Spiele der Schulterblätter und der Lenden unter dem rosenrot und weiß gestreiften Rocke zusah: »Muß die einen köstlichen, unverbildeten Akt haben!«
Plötzlich fand er, daß das Mittelbild sehr gewinnen würde, wenn im Vordergrunde rechts Figuren wären, und er sah Luise da stehen und, ein Kind an der Hand, über die Haide nach dem Dorfe hinsehen. Er trat aus der Tür und rief das Mädchen in die Werkstatt. »Hören Sie mal, Luise,« begann er, sie mit Wohlgefallen ansehend. Sie wurde über und über rot und konnte ihn nicht anblicken. »Ich brauche hier für das Bild eine schlanke Figur, und Sie würden großartig dazu passen. Würden Sie so gut sein und mir dazu stehen?« Das Gesicht des Mädchens färbte sich noch roter: »Ich will alles tun, was Sie wünschen, Herr Hagenrieder,« antwortete sie leise, und ihre Stimme zitterte. »Aber in dem Kleide geht es nicht,« meinte er, und da er gerade das Bild betrachtete und dann in das Nebengemach ging, um sich Farbe und Pinsel herauszusuchen, so sah er nicht, was hinter ihm vorging. Als er nun aus dem Vorratsraume zurückkehrte, stutzte er und stand mit heißem Gesichte vor dem Mädchen, das gerade dabei war, das letzte Kleidungsstück, das ihren Leib verhüllte, abzulegen.
»Halt!« rief er und hob die Hand; »so habe ich das nicht gemeint, Luise. Ich wollte, Sie sollten sich ihr Dorfkleid anziehen; denn so brauche ich Sie hier und nicht in Ihrem städtischen Zeug.« Das Mädchen, dessen Gesicht aufgeflammt war, als er ihm gegenüberstand, wurde kreidebleich. Schlaff ließ es die Arme an den Hüften herabhängen, hielt den Kopf tief gesenkt und stotterte: »Ich, ich dachte, Sie meinten das so, weil doch die Modellmädchen und deshalb.« Ihr Herr suchte nach Luft. Das Blut kribbelte ihm unter den Haaren, der Atem wollte ihm nicht über die Lippen, und seine Augen klammerten sich an den Fußboden. »Luise,« sagte er, und heiser klang seine Stimme, »es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie mir einmal Akt stehen wollten, denn solche Figur, wie Ihre, die finde ich wohl nie wieder. Aber was wird Ihr Bräutigam sagen?« Das Mädchen nahm den Kopf in die Höhe und sah ihn an, und ihre Augen schienen ihm zu leuchten, als sie erwiderte: »Das ist aus.« Erstaunt fragte er: »Aus? Warum denn? Es war doch eine gute Partie für Sie?« Kühl antwortete sie: »Ja, er war einmal eklig gegen seine Mutter, und er schämte sich, weil sie eine Waschfrau ist.« Ohne daran zu denken, daß das Mädchen nur noch das Hemd anhatte, trat er auf sie zu und faßte ihre Hand, denn er wollte sie trösten, und da kam in ihre Augen ein Glanz, daß ihm auf einmal einfiel, daß sie vorhin gesagt hatte: »Ich will alles tun, was Sie wünschen.« Dann war alles rosenrot um ihn, und im selben Augenblicke hing das Mädchen an seiner Brust, willenlos und willfährig. Ohne zu wissen, was er tat, nahm er hin, was sie ihm gerne gab. Freude war in ihm, als sie ihn verlassen hatte. »Du liebst sie,« dachte er; »und wer liebt, ist noch jung.«