Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte

Part 12

Chapter 123,863 wordsPublic domain

Vor ihm war alles still, dann mahnte ein Schmaltier und darauf brach es laut; vor ihm stand der Hirsch auf dreißig Gänge und schrie aus vollem Halse. Helmold sah nichts, als vier lange blanke Enden, ein graues Gesicht mit tief liegenden Lichtern und einen Strom weißen Dampfes. Die volle Brunftwitterung stank ihm in Nase und Mund hinein. Der Hirsch schrie noch einmal mit ganzer Kraft und wendete sich. Sowie er das Blatt freigab, hielt Helmold darauf und riß Funken. Er hörte Kugelschlag und sah durch das Feuer, daß der Hirsch stark zeichnete. Prasselnd fuhr er ab, daß das graue Geäst weit umherflog. Hinter ihm her polterte das Kahlwild.

Helmold blieb eine Weile stehen, wischte sich den Schweiß von der Stirne, trank einen Schluck Tee, steckte sich eine Zigarre an und ging auf den Anschuß. Er brauchte nicht lange zu suchen; er fand Schweiß und Schnitthaar. »Tiefblatt«, murmelte er, als er die Schweißspritzer betrachtete und von einem Farnwedel einige Haare ablas. Er verbrach den Anschuß und ging dahin, wo er den Hund abgelegt hatte. Dort überlegte er; bis zu der Wirtschaft, das war reichlich weit. Da fiel ihm Annemieken ein, und er ging nach dem Osterhohl.

Als er in das Haus trat, begrüßte ihn die alte Frau freudestrahlend. Dann trippelte sie nach der Halbetüre und rief mit ihrer brüchigen Stimme: »Annemieken, Mädchen, komm hille!« Das Mädchen kam herein; es hatte bloße Arme und vor dem Leibe einen alten Sack als Schürze. »Kann ich bei euch einen Teller Suppe haben?« fragte Helmold. Sie lachte glücklich; aber dann bekam sie einen roten Kopf und sagte: »Wir haben aber bloß Bohnensuppe und alten Speck.« Er lachte: »Das ist grade das Richtige; ich habe einen Hirsch geschossen und will ihn nachher nachsuchen, und bis zum Kruge ist es mir zu weit.« Er ließ sich in den Spinnstuhl fallen und sah den Funken zu, die um den Kesselhaken spielten. Als die alte Frau hinausgegangen war, sagte das Mädchen: »Ich dachte, du würdest gestern abend hier noch einmal vorbeikommen.« Er antwortete: »Ich war sehr müde und hatte meine böse Stunde.« Das Mädchen sah ihn groß an: »So ein feiner Herr? Ich dachte, der hätte nicht Kummer, noch Sorgen. Denn ist es wohl um ein Mädchen? Aber darüber mußt du dir keinen Kummer machen; wenn man nicht hat, was man lieben will, denn so liebt man, was man hat.« Er lachte: »Woher hast du denn diese Weisheit?« Sie bekam dunkele Augen: »Ich war eine Zeit in der Stadt.«

Sie ging zu dem Kessel, rührte das Schweinefutter um und sah in dem kleinen Topf nach, ob das Essen bald fertig war. Dann ging sie in den Garten und kam mit einem Blumenstrauß zurück, den sie auf den Tisch stellte, über den sie ein weißes Tuch gelegt hatte, machte sich vor dem halbblinden Spiegel das Haar, band die Sackleinwandschürze ab, ließ ihren Rock herunter, wusch sich die Hände und band eine reine Schürze vor. Die Großmutter brachte die Suppe, Helmold holte, was er an Wurst und Schinken im Rucksacke hatte, heraus und legte es auf den Tisch, desgleichen eine Tafel Schokolade und stellte die Kognakflasche dazu, aus der die alte Frau ein Schlückchen bekam. Es wurde ein sehr gemütliches Essen, und die Großmutter gnickerte in einem fort über den lustigen Jägersmann, der so schöne schlechte Witze erzählen konnte. Nach dem Essen aber nickte sie sofort im Spinnstuhle ein und Helmold gähnte auch. »Kannst in meinem Bette schlafen gehen, Junge,« sagte Annemieken. »Und du mein Schatz, bleibst hier?« sang er. Sie schüttelte den Kopf und ließ sich mitnehmen.

Um zwei Uhr wachte er auf und hörte die Großmutter im Flett umhertrippeln. Annemieken stand vor dem Spiegel und kämmte sich. Er wunderte sich, daß ihr Spiegelbild ganz anders aussah, als ihr Gesicht, bis ihm einfiel, daß Spiegel lügen. »Alle Reproduktion ist Schwindel,« dachte er. Die Großmutter klopfte an: »Der Kaffee ist fertig,« rief sie, und als er auf die Diele kam, tat sie, als ob sie von nichts wüßte.

»So, Gift, nun ist es aber Zeit, daß wir uns auf die Strümpfe machen,« sagte Helmold, als er gegessen und getrunken hatte. Als er den Anberg hinaufging, flötete er vor sich hin und dachte dabei: »So, das war ein Tag, rot in Rot; den nimmt mir keiner mehr weg!« Lustig pfeifend schritt er über die Osterhaide. Auf der Blöße äste sich vertraut ein guter Bock; er ließ ihn leben. »Annemiekens wegen,« dachte er, denn sie hatte ihm erzählt, daß sie sich jeden Morgen über den Bock freute.

Vor dem Holze nahm er den Schweißriemen ab, dockte ihn halb auf, und als er bei dem Anschusse war, legte er den Hund zur Fährte. »Such verwund't, mein Hund,« rief er ihm zu; »weis' verwund't, mein Hund!« Der Teckel stieß einen dünnen Laut aus und tupfte mit der rotbraunen Nase auf einen Schweißspritzer. Dann legte er sich so stürmisch in den Riemen, daß sein Herr gänzlich aufdocken mußte.

Es war eine wilde Nachsuche, denn der Hund schliefte fortwährend unter den gefallenen Fichten durch, so daß Helmold alle Augenblicke den Riemen fahren und über die toten Stangen hinwegsetzen und den Riemen wieder festtreten und greifen mußte. Nach fünfhundert Gängen wies der Hund das erste Wundbett vor. Das zweite kam, ein drittes in einem Tümpel und ein viertes; aber da brach es in der Dickung, der Hund riß Helmold den Riemen aus der Hand und hetzte mit hellem Halse weiter. Sein Herr blieb stehen und atmete tief, auf den Ball des Teckels horchend. Seine Augen strahlten: »Wundervoll, ganz wundervoll!« dachte er, wischte sich Stirn und Hals ab, nahm einen Schluck aus der Kognakflasche und setzte sich auf einen Wurfboden, bis sein Herz sich beruhigt hatte.

Dann horchte er auf; der helle Hatzlaut des Hundes brach mit einem Male ab und vertiefte sich zu dumpfem Standlaut. Helmold lachte: »Hat ihn schon!« Er nahm die Büchse vom Rücken und ging schnell aber vorsichtig dem Halse des Hundes nach, der aus dem Nachbarjagen herüberläutete. Er trat über das Gestell und drängte sich durch die Fichtenleichen, ab und zu springend, wenn die grauen Stangen zu hoch lagen, oder sich zwischen zwei Wurfböden durchwindend. Je näher der Standlaut klang, um so behutsamer schlich er, und dann blieb er auf einmal stehen und riß sein Gesicht zu einem breiten Lachen auseinander, denn mitten in einem quelligen Ellernsumpfe stand der Hirsch bis an den Leib in der Modder und versuchte, den Hund zu forkeln, der vor ihm auf einem zwei Fuß hohen Kissen von Silbermoos vorstand und ihn mit heiserem Halse verbellte, ab und zu den Versuch machend, ihn niederzuziehen, aber gewandt zurückzuckend, sobald der Hirsch das Haupt senkte.

»Prachtvoll, ganz prachtvoll,« dachte der Maler, legte den Rucksack ab, langte vorsichtig das Skizzenbuch heraus und hielt mit dem Stifte Hund, Hirsch und Landschaft fest; dann stach er die Büchse, zielte auf den Halsansatz, und so wie es knallte, prasselte und quatschte es, der Hirsch war verschwunden, und mit giftigem Laute sprang der Teckel zu. »Tot, tot!« rief Helmold ihm zu, liebelte ihn ab, brach sich einen Bruch, zog ihn über den Einschuß und steckte ihn an den Hut; dann setzte er das Horn an die Lippen und prahlerisch klang es über Wald und Haide: »Hirsch tot, Hirsch tot, Hirsch tot!«

Er hob das Geweih aus dem Schlamm. »Donnerhagel!« sagte er, als er es sich ansah, »Donnerhagel noch einmal, das ist mein bester Hirsch!« Er zog das Waidmesser und brach mit zwei Griffen die Kusen heraus. »Nummer eins,« lachte er, als er sie in die Hosentasche steckte. Aber dann strich er sich über die Stirn, als ob er da Herbstseide gefühlt hätte; er dachte an die silberne Spange mit den Hirschhaken, die er Swaantje verehrt hatte. Mit Mühe brachte er den Hirsch auf die Decke, brach ihn auf, machte den Hund genossen, schärfte die Mürbebraten heraus und die Zunge und tat sie in den Rucksack, während er das große Gescheide verscharrte und das Kleine zum Ausschweißen an einen Ast hängte. Dann zog er säuberlich das lange Gehääre aus der Brunftmähne, wickelte es in ein Stück Papier, legte es in das Skizzenbuch, wusch sich die Hände und machte das Messer sauber, trank den Rest seines Tees aus, steckte sich eine Zigarre an, dockte den Schweißriemen auf und ging dem Gestelle zu, wo er sich der Länge lang an einen Jagenhaufen lehnte, gegen den Himmel sah und rauchte, während Gift in seinem linken Arme lag und schlief.

Nach einer Viertelstunde knallte Peitschenschlag; der Wagen hielt vor dem Gestell. Helmold sprang auf und winkte den Wagen heran; der Prinz lenkte, und hintenauf saß der Jagdhüter und der Kutscher. »Waidmannsheil!« rief der Prinz, »ist es der Mörder?« Der Maler lachte: »Jawollja, ein Haupthirsch; herzlichschönen Dank auch! Es ist mein bester Hirsch bis heute, obzwar er man vier Enden hat. Aber solche!« Er reckte den Arm und zeigte mit der Hand erst auf den Ellenbogen, dann auf den Schulteransatz. »Klobige Stangen, und Enden so weiß wie ein Jungfernbein.«

Der Prinz sprang ab und folgte seinem Freunde, der ihn zu dem Hirsche führte. »Auf den Ruf?« fragte er. Helmold nickte und erzählte, wie er es angefangen hatte. Etwas wie Neid kroch um den Mund des anderen, als er das Geweih sah, doch dann sagte er: »Na, den wollen wir heute abend im Jagdhause ordentlich tottrinken.« Der Maler schüttelte den Kopf: »Nee, im Blauen Himmel, da ist heute Erntebier!« Der Prinz faltete seine Stirne zusammen, aber dann meinte er: »Ich danke, bleibe lieber im Jagdhause. Willst da wohl Studien machen, Helmold?« Der lachte: »I wo, denke nicht daran; tanzen will ich, daß die Haide wackelt; mir läuft jetzt schon das Wasser in den Tanzbeinen zusammen.«

Der Jagdhüter und der Kutscher schleiften den Hirsch dem Gestelle zu. »Guter Schuß,« meinte der Prinz; »Blatt rein, Blatt raus.« Er sah sich das Herz an, dessen Spitze durchschossen war. »Unglaublich, daß der Hirsch damit so weit geflohen ist! Man sollte meinen, mit einem solchen Schusse müßte er im Feuer bleiben. Und der Gift, das ist ja ein Haupthund! Komm her, Kerlchen, hast brave Arbeit gemacht!« Aber der Teckel wich ihm aus.

Helmold hielt das Herz des Hirsches in der Hand und ihm war, als wäre es sein eigenes. Auch er hatte einen tödlichen Blattschuß bekommen und lebte noch, floh durch Dorn und Dickung, schleppte sich von einem Wundbette zum andern, und war doch verloren, denn hinter ihm her hetzte mit hellem Halse das Gedenken an die Eine. Mit einem Schlage sah er ein, daß seine Wunde nie verheilen würde, und wenn er sie noch so oft kühlen würde in allen Marieen und Sophieen, die er auf seiner Todesflucht antraf, denn immer kläffte die Erinnerung in seiner Rotfährte, und einmal würde sie ihn doch zu Stande hetzen und niederziehen. »Und wenn schon,« dachte er, und sah mit frechem Blicke hinter sich, als stände der eiserne Ritter da, »und wenn schon! Vorgestern die Mariee, gestern die Sophiee, heute Annemieken, und morgen,« er stockte, aber dann sprang er über den Graben, »und morgen Grete und übermorgen Swaantje. Blut um Blut; denn umsonst will ich nicht gestorben sein!«

Sie brachten den Hirsch nach dem Jagdhause, wo der Prinz zurückblieb, während der Maler mit dem Kutscher und dem Jagdaufseher nach Stillenliebe fuhr. Helmold freute sich über den prachtvollen Nacken des Jagdhüters, über den festen Schnitt seines Gesichtes und den weitausgreifenden Blick seiner ruhigen blauen Augen. Es war ein Mann der schnellen Tat, der nicht viele Worte machte und niemals lange fackelte, ganz gleich, ob es sich um Wild oder Weib handelte, oder um einen Wilddieb. Früher wurde in der Gegend viel gewildert; seitdem Moormann da war, hatte das fast ganz aufgehört, besonders seit der Zeit, daß er Sliekenhinnerk, einen Freischützen von Beruf, der im Verdacht stand, den Ohlenwohler Hegemeister totgeschossen zu haben, niedergeknallt hatte. Hagenrieder hatte ihn gefragt, wie ihm dabei zumute gewesen war, als der Mann tot zu seinen Füßen lag. »Großartig«, hatte Moormann gesagt und lachend hinzugesetzt: »Ein Schade, daß er nichts auf dem Kopfe hatte zum Andiewandhängen; aber ich habe doch wenigstens seine Photographie!«

Hagenrieder sah ihn sich genauer an. Er war fünfundvierzig Jahre alt, hatte aber keine einzige Falte in dem braunen, rotbäckigen Gesichte, und auf seinem Handrücken hatte kein unerfüllter Wunsch seine Fährte hinterlassen. Er hatte eine hübsche stramme Frau und einen Haufen Kinder; doch sagte man ihm nach, er ließe auch sonst nichts anbrennen. Die Blicke, die manche Frauen und Mädchen ihm gaben, waren wie ein verstohlener Händedruck; aber die von einigen Männern und Jungkerlen schmeckten nach Messerstichen. Wenn er anlegte, knallte es auch schon, ob er nun Hagel oder Kugeln nahm. »Wer sich besinnt, der nicht gewinnt,« sagte er. Er hatte mehrere solcher Sprüche: »Wer viel denkt, sich viel kränkt,« hatte er einmal zu Hagenrieder gesagt, und ein anderes Mal meinte er: »Frauenvolk und Nesselkraut, wer sachte zufaßt, kriegt Blasen auf die Haut.« Dieser Spruch fiel Helmold nun ein. »Ach ja!« dachte er und kam sich klein und feige vor.

Als sie ein Weilchen gefahren waren, kamen sie an einem Trupp junger Burschen vorbei, die ihnen nachjohlten. »Sind das nicht Schadhörstener?« fragte der Kutscher. Der Jagdaufseher nickte, und der andere meinte: »Das ist eine rüdige Bande.« Moormann zuckte verächtlich die rechte Schulter.

Helmold hörte kaum darauf, was vor ihm gesprochen wurde; er mußte wieder an Swaantje denken, an den Tag, als sie krank im Bette lag und er ihr die Pfirsichspelten zwischen die Lippen schob. »Nein,« dachte er, »es ist doch ein Unterschied zwischen diesen Weibsleuten hier und Grete und Swaantje; die einen kann man ganz hinnehmen und sie bleiben, was sie sind, und bei den anderen kann ein einziger Kuß die Seele bis auf den Grund aufwühlen.« Ein Schatten flog über sein Gemüt; er wußte: nie und nimmer würde er Swaantje so behandeln können, wie Mariee oder die Krugwirtin, und deshalb würde er sich bis an sein Lebensende mit dieser tauben Liebe herumschlagen. Dann aber sagte er sich: »Und wenn Swaantje daran zerbricht, ich will meinen Willen haben, denn ich bin zu wertvoll, als daß ich an ihr umkommen darf. Was ist sie denn? Ein schönes Mädchen aus guter Familie! Es gibt mehr solche; aber Männer wie ich kommen nicht oft vor. Sobald ich nach Swaanhof komme, mache ich einen Bajonettangriff auf sie. Denn zum Kuckuck noch einmal, es ist doch alles Unsinn, was ich in sie hineingeheimnist habe, auch ihre Schriftstellerei. Das war nichts als Widerhall meiner Seele, und es war schließlich nur ein Geständnis von ihr, eine feine Art der Hingebung. Sie hat von mir empfangen und brachte Novellen und Skizzen zur Welt. Aber so sind wir: schafft ein Mann etwas Mittelmäßiges, so verreißen wir ihn nach allen Regeln der Kunst; bei einem Weibe finden wir dieselbe Leistung riesig. Warum? Weil Weiber im Durchschnitt nicht produktiv sind bei ihrer rein rezeptiven Veranlagung und uns jede Ausnahme davon als Riesenleistung vorkommt.«

Eine heiße Blutwelle brandete in seinem Gesichte; er schämte sich. »Verflucht!« dachte er; »ich machte sie zur mittelmäßigen Schriftstellerin, und sie rächte sich dadurch, daß sie mich auf Abwege brachte.« Seine Tendenzbilder fielen ihm ein; alle vier hatte er übergestrichen. Niemals hatte er früher eigene Verse und Singweisen bei der Arbeit gehabt; so sehr hatte ihn diese elende Verliebtheit zerrüttet, daß er alle Klarheit verloren hatte.

Noch einmal schämte er sich, denn ihm fielen die zugeknöpften Augen Hennigs ein, mit denen der die Bilder betrachtet hatte. »Famoser Kerl!« dachte er, und ging in Gedanken alle seine Bilder aus der letzten Zeit durch. Aber er fand nur noch bei Swaantjes Bildnis einen Fehler; die Landschaft war zu aufdringlich, die Haide zu rosenrot, die Wacholder zu botanisch richtig. Das mußte alles zusammendämmern, ineinanderfließen, so daß nur das Gesicht allein wirkte. Er wischte in Gedanken alle Härten aus der Landschaft und arbeitete den Kopf mehr heraus. Dabei fiel ihm ein, daß er nur die halbe Swaantje gemalt hatte, die milde, weiche, selbstlose Swaantje mit den zärtlichen Augen und den liebevollen Lippen; aber sie konnte auch unbarmherzige Augen haben und grausame Lippen. Davon sollte das Bild auch erzählen, von ihrem zweiten Gesichte; aber nur ganz verstohlen durfte es aus dem Alltagsgesichte hervordrohen. »Alltagsgesicht, das ist es,« dachte er; »Maske ist ihre Weichheit, ihr feuchtschimmernder Blick, ihre hilflose Anschmiegsamkeit, mit der ihr Gesicht sich Tag für Tag schmückt; dahinter ist Starrheit, Kälte und Geiz. Ich will das alles in ihr zerbrechen, und wenn sie dabei zusammenkracht!«

So dachte er, denn eine freche, schwefelgelb und feuerrot geringelte Tanzweise schallte vom Kruge herüber. Der Wagen hielt. Unter der Linde stand Hennig, seine Line neben sich. »Donnerwetter, Kerl, ist das ein blödsinnig vernünftiger Gedanke von dir!« rief Helmold, »und fein, daß du deine Lüttje mitgebracht hast. Tag, schöne junge Frau!« Das Mädchen schlug lachend ein. »Kinder, kommt mit rauf, ich muß mich erst noch umhosen und waschen.«

»Du siehst großartig aus, Helmke,« sagte Hennig, als sie oben waren, ihn mit zufriedenen Augen ansehend. »Tja,« erwiderte der andere; »die gute Landluft!« Er schrie die Treppe hinunter: »Mine, zwei Handtücher!« Das Mädchen kam heraufgestürzt. Es war ein blasses, dünnes Geschöpf, aber sie sah in dem hellen Tanzkleide so niedlich aus, daß der Maler sie an das Ohr faßte und heranzog. »Kiek sieh, aus Kindern werden Leute! Hast'e schon 'n Bräutigam?« Sie schlug die Augen unter sich. »Na, dann bring' ihm das mit und sag', ich lasse ihn schön grüßen!« Er küßte sie, daß ihr die Luft fortblieb. Mit feuerrotem Kopf schob sie sich aus dem Zimmer. »Na, ihr seid gut!« sagte Line lachend; »die wievielte ist das denn hier? Aber alles was recht ist, so seid ihr mir doch lieber, als wie neulich, wo ihr aussahet, wie eine kranke Katze.«

Helmold wusch sich im Nebenraum. Er hatte nur die Kniehosen an, als er, das Handtuch in der Hand, hereinschoß. »Du, Hennig, ach so; na, Line, Sie sind ja schon etwas abgehärtet! Also, warum hast du neulich nichts gesagt, als ich dir meine Saharabilder und so weiter zeigte?« Sein Freund schnitt sorgfältig die Spitze der Zigarre ein. »Muß man denn immer etwas sagen?« Helmold lachte. »Alter Politikus!« Er ging in das Schlafzimmer und kam wieder heraus, nun mit einem grün und rot gestreiften Leinenhemde über dem Oberkörper. Er stellte sich vor den Spiegel, zog eine Halsbinde durch den Kragen, knöpfte ihn an und band sich eine unverschämte Schleife. Als er die Hosenträger über den Kopf schlug, fragte er: »Du, Hennig, ich male nicht mehr mit Orchesterbegleitung.« Der andere brummte etwas vor sich hin, und Helmold fuhr fort: »Mir kommt das so vor, als wenn du mit der einen Hand schreiben würdest, und mit der anderen malst du.« Hennig sah auf und nickte seinem Freunde in den Spiegel zu: »Sehr richtig!« Der lachte: »Ja, warum hast du das nicht eher gesagt, alter Heimtücker!« Der antwortete: »Ein Schwäre muß von selbst aufgehen!« Helmold platzte los: »Großartig; meine Lyrik als Abszeß! Aber du hast recht. Und nun höre: geh' morgen in meine Malstatt, und sieh dir die Saharabilder, Wodes Zorn und Frigges Feuertod an; ich glaube, jetzt werden dir die Bilder gefallen.« Er drehte sich um und sah Hennig listiglustig an. Der machte sein dümmstes Gesicht. »Ich habe nämlich an allen eine Kleinigkeit geändert; rate mal, was?« Der andere nahm die Schultern auf und ließ sie wieder fallen. »Malgründe habe ich daraus gemacht, weggestrichen habe ich sie!« Er lachte ausgelassen.

Hennecke sprang mit feuerrotem Gesichte auf: »Mensch,« rief er, »Helmke!« nahm ihn an den Ohren und küßte ihn, daß es knallte; »das ist ja großartig!« Er faßte Line an den Arm und warf sie Helmold an den Hals: »Küsse ihn, Mädchen, küsse ihn, bis er nicht mehr piep sagen kann! Wir haben unsern Helmke wieder! Er ist gesund! Er wird keine Heulkrämpfe mehr kriegen und anständige Leute im Ratskeller blamieren.« Er sauste aus der Türe und kam nach einer Weile mit einer Flasche Sekt und drei Gläsern zurück: »Kerl, darauf wollen wir aber mit dem Besten anstoßen, das es in diesem Kretscham gibt! Heil, heil und zum abermalten Male heil!«

Er schenkte wieder ein und fröhlich paffend kramte er, Line neben sich in das Sofa ziehend, aus: »Was haben wir uns für Sorgen um dich gemacht! Nicht wahr, Linchen?« Das Mädchen nickte und lächelte ernsthaft. »Eine halbe Nacht heulte sie mir im Bette herum und wimmerte: ›Was fehlt ihm bloß! was fehlt ihm bloß! wenn wir ihm doch bloß helfen könnten!‹ Ich habe mich in meinem Leben noch nicht so erschrocken, als wie du uns sagtest, daß du bei jedem Bild jetzt ein Lied und eine Melodie hast! Und als ich dann deine gemalten Leitartikel sah, da war ich ganz zertrümmert; am liebsten hätte ich dir eins an den Hals gehauen! Kerl, was bin ich froh, daß du diese schwere Infektion hinter dir hast! Denn ich war tatsächlich in Sorge um dich. Du kamest so fein in die Höhe, und mit einem Male fielest du die ganze Treppe wieder hinunter und fingest an zu malen, als läge dir etwas am schwarzen Adler. Übrigens: die weiße Haide ist auch fehlerhaft; es ist eine Tautologie.« Helmold nickte. »Das Dümmste ist schon heraus; das andere kommt noch. Ja, ich war schön in den Dreck gefallen.« Er pfiff laut: »Das macht die Liebe ganz allein!« Hennig sah ihn von der Seite an, lachte dann und sagte: »Auf der großen Diele sieht es sengerich aus; die Schadhörstener Rauhbeine sind da; es riecht nach Kloppe!«

Als sie auf die Diele traten, Line zwischen sich, kam von dem Ausschanke her ein heiseres Hohnlachen; da standen die Schadhörstener, prahlten und tranken sich Frechheit an. Helmold ging vorbei, ohne sie anzusehen, und ohne darauf zu achten, daß es hinter ihm herflog: »Kiek den Stadtjapper! Der hat sich die Waden ausgestoppt!« Brüllendes Hohnlachen folgte dem Witze. Die Freunde gingen auf die Stillenlieber Jungens zu; Helmold sagte ganz laut: »In Schadhorsten haben sie wohl kein Geld für ein eigenes Erntebier? Und da tanzen sie wohl bloß, wenn sie eine Handvoll Schrote auf den Hintern kriegen!« Die Stillenlieber lachten hell auf; die Schadhorstener brummten wie Dächse, denn zwei von ihnen hatten wegen Wilderns gesessen.

Den Walzer ließ Helmold vorbeigehen; Hennig und Line tanzten ihn. Als sie zum vierten Male bei den Schadhörstenern vorbeikamen, wurde aus ihrer Mitte ein junger Bengel so gegen Line gestoßen, daß sie stolperte; aber Hennecke hielt sie und trat einem Schadhörstener mit Absicht so auf die große Zehe, daß der Mensch die Zigarre aus dem Munde fallen ließ.

Helmold bestellte bei der Musik die Hamburger Polka; die Trompeter bliesen sogleich an. Er klatschte in die Hände und winkte Annemieken heran; mit hochaufgerichtetem Kopfe ging sie quer über die Diele und stellte sich neben ihn. »Dunnerkiel,« sagte Hennig zu Line; aber was er sich dachte, sagte er nicht.

Die Musik legte los; hastig liefen die verrückten Töne hintereinander her. Helmold und Annemieken tanzten vor, dann kam Klaus Ruter, der Sohn des Vorstehers, mit seinem Schatz, und darauf Hennig und Line und dann die anderen Stillenlieber. Die Schadhörstener machten lange Augen; solch Tanzen hatten sie noch kein Mal gesehen; aber Helmold hatte vorher eine Runde Portwein ausgegeben, und der hatte die Knochen geschmiert. Er tanzte gerade auf die Schadhörstener los, schlug ihnen die Füße dicht vor den Gesichtern vorbei und sah durch sie durch, als wenn sie Luft waren. Sie ärgerten sich blau und blaß, trauten sich aber nicht aus ihrem Winkel heraus, denn die Stillenlieber Jungens hatten keine guten Augen, und der Schadhörstener Hauptschläger sollte erst noch kommen.