Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte

Part 11

Chapter 113,974 wordsPublic domain

Auf einer Haltestelle stieg ein hübsches Bauermädchen ein, das ihn mit ungescheutem Verlangen ansah, denn keine Kleidung stand ihm so gut wie der verschossene Lodenanzug. Erst achtete er wenig auf sie, dann aber dachte er: »Und kann es nicht die Lilie sein, so pflück' ich mir das Röselein,« und da das Mädchen gegen die Sonne sehen mußte, machte er ihr neben sich Platz und sagte: »Komm hier sitzen, Mädchen, denn so hast du die Sonne nicht im Gesicht.« Sie wurde vor Verlegenheit ganz rot, setzte sich aber sofort zu ihm. Er dachte daran, daß er sich über Nacht gelobt hatte, sich fortan so viel Zucker in den Kaffee zu werfen, wie er kriegen konnte, denn ihm war eine der blödsinnig klingenden Weisheiten Henneckes eingefallen. Als sie eines Abends durch den Wald gingen, hatte Hennig ärgerlich brummend den Kopf geschüttelt, und als er ihn fragte, was ihm fehle, geantwortet: »Ich habe verdammt vergessen, mir heute morgen Zucker in den Kaffee zu schmeißen, und das kann ich mein Leben lang nicht wieder einholen.«

Er sah das Mädchen genau an; sie strotzte vor Kraft und Frische und wurde jedesmal rot, wenn er sie anblickte. Er schlug sie auf die Lende: »Wo soll die Reise hin, Lüttje?« Sie wurde rot: »Nach Ohlenwohle!« Er sagte ganz trocken: »Hast du aber Dusel! Dann fährst du ja anderthalb Stunden mit mir zusammen!« Nun mußte sie lachen, und sie litt es, daß er den Arm hinter ihren Rücken schob, und als er fragte: »Hast du auch keine Bange vor mir?« schüttelte sie lustig den Kopf. »Ich bin aber ein ganz gefährlicher Kerl,« flüsterte er und zog sie an sich; »glatte Mädchen mag ich zum Fressen gern. Paß mal auf, jetzt geht's los!« Er drückte sie und küßte sie.

Die Hunde hoben erstaunt die Köpfe; er warf den Jagdmantel über sie: »Das ist nichts für kleine Kinder,« sagte er, und zog das Mädchen auf den Schoß. »Magst mich leiden?« Sie nickte und sah ihn verliebt an. Sie blieben anderthalb Stunden allein, denn auf der nächsten Haltestelle steckte Helmold dem Schaffner einen Taler in die Hand. Als der Zug dicht vor Ohlenwohle war, sagte das Mädchen: »H' ach Junge! Na, wenn das unsere Mutter wüßte! Und nicht wahr, du besuchst mich mal?« Er küßte sie und sagte: »Ich wäre schön dumm, wenn ich das nicht täte. Auf Wiedersehn, und schönen Dank auch, Mariee!«

Als er in Stillenliebe ausstieg, hatte er wieder einen frischen Mund und fröhliche Augen. Der Prinz erwartete ihn mit dem Jagdwagen. Er gab ihm die Hand und meinte: »Du wohnst am besten im Blauen Himmel, von da hast du eine knappe Stunde bis zum Schandenholz; vom Jagdhause sind es anderthalb. Die Zimmer habe ich schon belegt, das heißt von morgen ab, denn heute mußt du mit zum Jagdhause. Der Wind ist für das Schandenholz nicht gut, und außerdem will ich dich einmal wieder für mich haben. Ist dir doch recht?«

Frau Sophiee Pohlmann, die Wirtin des Blauen Himmels, stand in der Türe des Kruges, als der Wagen vorfuhr; die junge Witwe sah in dem blauen Waschkleide mit der weißen Latzschürze zum Anbeißen aus. Sie lachte über das ganze Gesicht, als sie den Maler sah. »Das ist aber schön, daß Sie sich einmal wieder sehen lassen, Herr Hagenrieder!« rief sie, vor Freude errötend, als er ihr die Hand schüttelte; »ein ganzes Jahr sind Sie nicht hier gewesen. Ich dachte schon, Sie wollten uns untreu werden.« Sie machte ein enttäuschtes Gesicht, als er sagte, er bliebe den Tag im Jagdhause.

Als er am anderen Mittag mit dem Prinzen in der Wirtschaft vorfuhr, lachte sie aber schon wieder. Sie ging ihm nachher in sein Zimmer nach und fragte: »Ist auch alles so richtig?« Er machte die Türe zu und sagte: »Jetzt ja!« und damit faßte er die Frau um und küßte sie. Sie stemmte ihre Hände gegen seine Schultern: »H' ach, Herr Hagenrieder,« stöhnte sie, »wenn aber jemand kommt!« Er lachte übermütig, ohne sie loszulassen. »Möchte das keinem raten, dem seine heilen Knochen lieb sind.« Er ließ sie los, stellte sich vor sie hin und befahl: »Kuß!« Mit niedergeschlagenen Augen, feuerrot im Gesichte, kam die hübsche Frau näher, legte ihm die Hände auf die Schultern, hob sich auf den Zehenspitzen und küßte ihn. »So recht, mein Mädchen, so schön, mein Kind, so brav, mein Zuckerchen!« lobte er, faßte sie um die Mitte und küßte sie, bis sie keinen Willen mehr hatte.

»Mensch, du hast wohl seit acht Tagen nichts zu essen gekriegt!« sagte der Prinz, denn sein Freund kniete sich ganz gefährlich hinter die Mahlzeit. Der lachte und antwortete, indem er der Wirtin, die den Nachtisch hereinbrachte, einen kurzen Blick zuwarf, den sie mit einem langen zurückgab: »So hat es mir lange nicht geschmeckt, wie heute, und wenn ich nun den Hirsch nicht kriege, will ich Karl der Große geheißen werden.« In der Türe drehte die Wirtin sich um und warf ihm einen heißen Blick zu. Brüne bekam ihn durch den Spiegel zu fassen, lächelte aber kaum.

Die Wirtin brachte dann den Kaffee und viererlei Backwerk. »Frau Pohlmann,« meinte der Maler, »wenn ich vier Wochen bei Ihnen in Kost bin, passe ich in keinen Sarg mehr!« Die Wirtin lächelte ihn an: »Wie lange bleiben Sie denn, Herr Hagenrieder? Sonntag haben wir Danzefest!« Er schlug auf den Tisch: »Hipp hipp hurrjeh! Nun ist das Geschäft richtig!«

Als der Prinz fortgefahren war, sagte der Maler zu der Frau: »Ich will jetzt eine Stunde schlafen; weck' mich um halbig dreie, Sophiee! Aber erst will ich einen Schlafschönkuß haben; das ist bekömmlicher, als der Kürassao, den der Prinz nach dem Kaffee nimmt. Also!« Er ließ den Kopf auf die Sofalehne fallen und klopfte auf seine Kniee; die Wirtin setzte sich auf seinen Schoß. »Ach, ich habe so viel gegessen, daß ich nicht küssen kann,« sagte er lachend; »das mußt du besorgen. Und ich bin so müde und so faul, daß ich nicht allein ins Bett finde. Denn so wirst du mich wohl hinbringen müssen; hm?« Die Frau kuschelte sich an seine Brust: »Geh vor,« flüsterte sie heiser, »ich komme gleich nach; ich habe sowieso oben Wäsche fortzupacken. Jetzt muß ich erst eben in die Küche.«

Laut flötend ging er nach zwei Stunden durch das Dorf, die Büchse über den Rücken geschlagen. Für alle Menschen, die ihm begegneten, hatte er ein lustiges Wort, und für jedes Kind einen Apfel. Gift und Galle jagten kläffend die Spatzen von der Straße und trieben die Katzen über die Zäune, und Helmold fand, daß die Welt doch noch ganz nett sei. Er freute sich über die bunten Blumen hinter den Zäunen, über die Tauben, die vor ihm herflatterten, über den Turmfalken, der auf der Stoppel rüttelte, und dachte: »Hol's der Teufel; Gott gibt's reichlich wieder!« Er war auch gar nicht ärgerlich, als er spät abends zurückkam, ohne seinen Hirsch gehört zu haben.

Als er am anderen Nachmittage dicht vor dem Osterhohl war, kam er an einem kleinen Hause vorbei, das halb versteckt hinter gewaltigen Stechpalmenhorsten lag. Ein Mädchen stand in der Tür und sah ihm mitten in die Augen. Sie hatte ein volles, aber feines Gesicht, und ihre Augen sahen halb wie die eines Kindes aus, halb wie die einer Frau, die allerlei erlebt hat. Er ging auf sie zu: »Willst du mir Glück bringen, Mädchen?« Sie lachte ihn an: »Gerne, wenn ich es machen kann.« Er legte die Büchse auf den Boden. »So, nun spring dreimal darüber!« Sie nahm ihre Röcke zusammen und sprang, daß ihre hübschen Waden zu sehen waren. »Danke schön!« sagte er, nahm sie um die Mitte und küßte sie. »So, und nun schenk mir noch ein Glas Wasser!« Sie ging vor ihm in das Haus, und er folgte ihr. »Wie heißt du denn, Hübsche?« fragte er und setzte sich in den Spinnstuhl. »Annemieken Ahlmann,« antwortete sie und lächelte ihn an. »Hm,« meinte er; »nun laufe ich schon sieben Jahre hier herum und habe dich noch kein einmal gesehen.« »Ich Sie aber schon oft!« erwiderte das Mädchen; »aber Sie gingen immer so stolz vorbei.«

Eine alte Frau kam herein. Sie kicherte, als sie Helmold sah, und zwang ihm ein Glas Buttermilch auf. »Ja,« sagte sie, »wir sind froh, wenn sich hier mal ein Mensch sehen läßt. Seit das mit Abbe gewesen ist, will keiner was mit uns zu tun haben. Und es war doch man ein Unglück. Ja, ja, das hitzige Geblüt, wer das hat, der kommt leicht zu Schaden. Na, denn viel Glück auch, junger Herr, und lassen Sie sich mal wieder sehen. Annemieken, zeige dem Herrn den Richteweg über die Osterhaide; das ist um die Hälfte näher.«

Das Mädchen ging mit. Als sie im Holze waren, legte Helmold den Arm um sie und küßte sie. Sie wurde rot und weiß nacheinander und fragte dann: »Kommen Sie Sonntag auch zum Erntebier?« Er nickte. »Aber mittanzen tun Sie wohl nicht?« Er nickte wieder. Sie wurde feuerrot und flüsterte: »Auch mit mir einmal?« »Aber sicher,« antwortete er; »ich glaube, mit dir tanzt es sich fein!« Sie nickte: »Ich kann mich tottanzen! Aber wir haben Unglück gehabt. Vater und Mutter sind an der Auszehrung gestorben und Abbe, mein Bruder, der hat den Verwalter von Ohlenhofen totgestochen, wo seine Braut diente. Würden Sie das nicht auch tun?« Er nickte: »Ganz sicher, wenn mir einer an meine Braut käme!« Da lachte sie und drückte sich fester an ihn.

Als er eine Viertelstunde vor dem Schandenholze war, kehrte sie um. Er warf seinen Rucksack zu Boden und legte die Hunde ab. Er ging erst schnell über die Haide, aber je näher er dem Walde kam, um so kürzer wurden seine Schritte. Hinter einem mächtigen Wachholderbusche blieb er stehen und lauschte; es war alles still, nur die Goldhähnchen piepten. Er schlich unter dem Winde von Busch zu Busch, bis er das Hauptgestell übersehen konnte. Eine halbe Stunde blieb alles still, dann meldete halb rechts ein geringer Hirsch. Einen Augenblick später brach es dort und in voller Fahrt floh der Schneider über die Schneise; hinter ihm her dröhnte der Baß eines starken Hirsches. Von fern her schrie ein guter Hirsch, näher ein anderer. In der Dickung brach es, dumpfe Schläge erschallten; der Schadhirsch strafte ein Stück Wildpret ab. Helmold lachte; am liebsten hätte er geschrieen: »So recht, mein Hirsch!« Seine Augen funkelten, halb vor Freude, halb vor Haß.

Langsam rauchte er und sah durch die Zweige des Wachholderbusches die Schneise entlang, die von den schrägen Sonnenstrahlen getigert war. Ein Fuchs schnürte dicht an ihm vorüber, ohne ihn zu wittern; ihm folgte ein Hase. Eine Weile saß er still, dann rückte er zu Felde. Tauben schwangen sich in ihren Schlafbäumen ein; der Schwarzspecht rief zum letzten Male. Helmold lauschte angestrengt. Ab und zu gab der Platzhirsch ein halblautes Knören von sich. Die Sonne sank; hier und da glühte auf einem Kiefernstamme ein roter Fleck auf und täuschte ein menschliches Angesicht vor, verschwand und tauchte an einer anderen Stelle wieder auf. Im Kienmoore schrie ein guter Hirsch herausfordernd; drohend antwortete der Platzhirsch. Ein Kälbertier trat über das Gestell; das Kalb folgte. Warnend rief der Hirsch und zog bis an den Rand der Dickung; sein Atem flog weiß vor ihm her. Das Tier machte Kehrt und trat wieder zurück, und das Kalb trollte hinterher.

Helmold lächelte kalt. »Der weiß mit den Weibsleuten umzugehen,« dachte er; »fällt ihm gar nicht ein, zu schmachten und zu betteln. Er nimmt sich, was ihm zukommt, kraft seines Geweihes.« Er überdachte das letzte Jahr. »Welch ein Narr bin ich gewesen! Hätte ich damals im Tödeloh zugepackt, so hätte ich nicht Nacht für Nacht in mein Kopfkissen hineinzuheulen brauchen. Und wäre ich Grete mit der Tatsache gekommen, so hätte sie sich geduckt.« Er schämte sich vor sich selber. Er hatte sich nackt vor ihr ausgezogen. »Ein schwerer Fehler! Frauen wollen den Mann über sich sehen; stellt er sich neben sie, so sehen sie auf ihn hinunter. Sobald sie wissen, man liebt sie wirklich, ist man schon verloren,« dachte er; »Mann und Weib sind Todfeinde; das ist es. Das Weib ist Realist, klebt an der Erde; der Idealismus, die Himmelssehnsucht des Mannes, ist ihm unbegreiflich, ja verächtlich. Urmensch ist es, handelt nur aus Instinkt. Ihre Hauptwaffe ist die Lüge, die Verstellung; unbewußt, darum so gefährlich, weil uns unlogisch erscheinend, unbegreiflich. Ihre Unwahrhaftigkeit ist primitiv, ist naiv.«

Er drückte die Asche in der Pfeife herunter. »Sie müssen gedrückt werden, soll ihre Liebe nicht ausgehen,« dachte er und lachte. »Auch Swaantje ist ein Weib; ich habe mir eine Göttin aus ihr gemacht. Magd soll das Weib dem Manne sein, nicht Herrin. Nie ist sie ihm Kamerad.«

Es prasselte in der Dickung; der Hirsch trieb die Tiere zusammen. Dumpf schallte es; er forkelte ein störrisches Stück. »Ruppig muß man sie behandeln. Nietzsche hat recht: ›Wenn du zum Weibe gehst, vergiß die Peitsche nicht!‹ Erobert wollen sie sein, roh hingenommen. Wieviel Glück und Wonne hätte mir das Jahr bringen können, wäre ich meiner Natur gefolgt! Den Kameraden suchte ich in Grete; Wahnsinn! Suchte bei ihr Verständnis! Als ob es das zwischen Mann und Weib gäbe. Von Mann zu Mann, ja, und von Weib zu Weib, aber nicht über Kreuz. Der Hirsch ist klüger; er hält sich zum Hirsch, solange ihn die Liebe nicht zwickt, und ist es damit aus, läßt er das Frauensvolk stehen und sucht sich Kameraden, die so fühlen wie er selber.«

Die Schlagschatten der Stämme fielen über das Gestell; hohl rief der Kauz; ein Bock schreckte in den Bleeken. Ganz selten schrie ein Hirsch; der Abend war zu lau und versprach Regen. Helmold stopfte sich eine neue Pfeife und steckte sie hinter dem Hute an. Er hielt Grete und Swaantje nebeneinander und schüttelte den Kopf. »Ein dreifacher Esel bin ich gewesen; eine Möglichkeit, die den beiden als eine Unmöglichkeit erscheinen muß, habe ich von ihnen erbeten. Ich war krank, sonst wäre ich nicht auf einen so irrsinnigen Gedanken gekommen. Bei beiden habe ich meinen Nimbus zerstört; sie sehen auf mich hinab. Das muß anders werden, denn«, er reckte die Brust, »denn ich will meinen Wunsch nicht verhungern lassen.«

Er bohrte seine Blicke in die Dämmerung. »Und Grete, sie ist eine kluge und gute Frau. Sie ist eben Frau und kann deshalb kein Mensch in meinem Sinne sein; und die andere schließlich auch nur so lange, als bis«, er stockte im Denken und sah mit harten Augen nach dem schwarzen Fleck, der auf der Schneise stand. Langsam hob er das Glas; es war ein Stück Wild, das sich dort äste; ein zweites und ein drittes trat dazu. Er nickte vor sich hin: Jawohl, so mußte es werden; er wollte sich mit Grete gut stellen, denn er liebte sie. Wenn er sie zuweilen zu hassen glaubte, so kam das daher, daß er ihr seine eigene Dummheit nachtrug.

Er fuhr zusammen; mitten auf der Schneise stand ein Schatten, höher als die anderen. Das Glas versagte, aber es mußte der Hirsch sein. Dumpf dröhnte es und die anderen Schatten zogen in das jenseitige Jagen, von den Geweihstößen ihres Gebieters getrieben. »Wie viele mag er bei sich haben?« dachte Helmold. »Sicher zehn bis zwölf. Das ist für ihn der Begriff des Weibes, wie für mich die Zusammenstellung Greteswaantje; aber Sophiee und Annemieken und Mariee runden den Vollbegriff Weib erst ab. Denn ich bin mehr wert als zehntausend andere Männer, kann deshalb auch mehr Ansprüche machen. Und das werde ich, so wahr ich Helmold Hagenrieder heiße!«

Er erhob sich, ging einige hundert Schritte zurück und stellte sich unter einer Schirmkiefer auf der Haide an. Der Abendstern stand blank über dem Walde. Er dachte an Swaantje; kühl betrachtete er sie und lächelte. Sie hatte mit Grete über den Roman gelacht, dieweil er mit zerrissener Brust am Boden lag; sie empfand es peinlich, als er mit einem Weidewundschusse im Wundbette saß. Er lachte tonlos vor sich hin: ›Was denkt er von mir?‹ hatte sie gefragt. Ach ja, die Dame war stark in ihr. Eine kalte Wut schüttelte ihn. »Wenn sie jetzt hier wäre, würde ich ihr zeigen, daß ich ein Mann bin. Komm! würde ich sagen und sie würde kommen.«

Kühl strich der Abendwind über die Haide und ruschelte in den gelben Moorhalmen. Helmold fröstelte es. Er knirschte mit den Zähnen; er dachte daran, wie erbärmlich er sich angestellt hatte, als er in der Werkstatt um einen Kuß bettelte. »Hätte ich zugepackt, stände ich anders vor ihr da. Jetzt bemitleidet sie mich. Pfui Teufel! Und sie? Auch an ihr habe ich gesündigt, schwer gesündigt. Ich habe ihr vorenthalten, was ihr zukam; krank und elend habe ich sie gemacht, ebenso wie mich. Gedichtchen habe ich ihr geboten statt Küsse, Seufzer anstatt Liebkosungen. Schöner Held, der ich bin mit meiner schlappen Rücksichtnahme auf ihre Seele, auf Grete, auf die Verwandtschaft, die Gesellschaft, meine Stellung und ähnliche Albernheiten!« Höhnisch lachte die Scham ihn an. Er dachte an den Mühlenkrug, an Janna und Manna, an sein Lautenspiel und an die Lieder, die er den Mädchen sang. »Pfui, pfui; wie ein Schuljunge benahm ich mich!«

Der Hirsch im Kienmoore schrie; er schrie sich bis in die Bleeken hinein. Der Schadhirsch antwortete und zog ihm näher. Helmold lauschte; blanke Freude lachte ihm aus den Augen. Die Hirsche standen sich gegenüber, der eine schrie dem anderen in das Gesicht. »Wundervoll,« dachte er, und ihm war, als wenn der eine feuerrot, der andere blutrot schriee. »Ein Leben von rot auf Rot; rote Liebe auf rotem Mord; das ist Leben!« Er dachte an einen Mann, der ihm einst mitten in sein Leben hineingegriffen hatte. An einem klaren Wintermorgen standen sie sich im weißen Walde gegenüber. Wie blödsinnig das war: die Zilinder, die Pelze, die Gummischuhe, die rotbraunen Handschuhe, und darin die Pistolen, und vor allem: die glattrasierten, höflichen Gesichter der Zeugen und die verbindlichen Manieren des Unparteiischen! Sein Gegner ebenso, und er selber nicht anders. Und dabei: zehn Schritt Barriere mit Vorgehen und Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit. Er lächelte, denn er dachte daran, wie ihm sein Gegner den hohen Hut vom Kopfe schoß und in demselben Augenblicke mit einem schweren Schulterschusse umfiel. Hier der Seidenhut mit dem weißen Atlasfutter im Schnee, da der Arzt bei dem Verwundeten, alle Wipfel voll von Goldhähnchengezirpe, die Luft erfüllt von den Locktönen der Kreuzschnäbel, und der von himmelblauen Schatten gestreifte Schnee, von der Sonne mit Demanten besät, und mitten darin ein großer herzförmiger roter Fleck und ein kleiner, der wie ein Kreuz aussah, und von dem lauter rote Kleckse bis zu der Stelle führten, wo der Arzt arbeitete; eine schöne Erinnerung!

»O, ich habe auch solche,« dachte er, als er, die Hunde hinter sich, über die Haide ging; »und sogar eine ganze Menge.« Vor seinen Augen stand ein Tanzboden, niedrig und ganz mit Tabaksrauch gefüllt, und durch das Fenster flog, das Fensterkreuz und alle Scheiben mitnehmend, ein Gefreiter von den Oldenburger Dragonern, und der ihn so auf den Schwung gebracht hatte, das war der Einjährigfreiwillige Hagenrieder gewesen. Seine gewilderten Rehböcke fielen ihm ein und der Hirsch, den er auf einem Birkenbaume dreihundert Gänge weit über die Grenze geschleift hatte, und Tiedo Tiedsen, sein Konpennäler, der auszog, um den Buren gegen die Khakis zu helfen, und der das redlich besorgte, bis eine Kugel sein heißes Herz zur Ruhe brachte. Eine unbändige Lust packte ihn, die ganze Zivilisation auszuziehen und irgendwohin zu gehen, wo Kraft vor Recht geht und nur der Mann gilt, der am schnellsten im Anschlage ist. Aber dann dachte er: »Verpfuscht, zu spät!« Die drei wilden Blumen, die er die letzten Tage über am Wege gepflückt hatte, kamen ihm wertlos vor; er schlug einen Bogen, um nicht an Ahlmanns Hause vorbeizukommen, von dem ein kleines Licht herüberschimmerte, und er setzte sich im Krug in das Gastzimmer und nicht in die kleine Stube, wo er mit der Wirtin allein sein mußte.

Es kamen nun einige regnerische Tage und die Hirsche schrieen nicht. Vergebens umschlich er das Schandenholz und pürschte im Kienmoore; es blieb alles stumm. Jede Nacht trat der Schadhirsch aus, wie die Fährten auf der Haide wiesen, zog jedoch vor Tau und Tag wieder in die sichere Dickung. Am Sonnabend aber drehte sich der Wind und wurde hart und kalt, und sofort orgelten überall die Hirsche.

Es war noch schwarze Nacht, als Helmold zu Holze zog, Gift am Schweißriemen. Unter dem Winde wartete er auf der Haide den Tag ab, in seinen Mantel gewickelt. Der Himmel war ganz hoch und sternenklar, und das Haidkraut starrte von Reif. Der Schadhirsch schrie zwischen den Krüppelkiefern in den Bleeken und zog dem Hirsche vom Kienmoore entgegen. Helmold hörte, wie die Geweihe aneinanderprasselten, und das Keuchen der beiden Kämpen war deutlich zu vernehmen. Ein heller Wind bewegte die Kronen der Kiefern und flüsterte in dem Haidkraute; im Osten zerriß die Nacht über dem Walde; Wanderdrosseln pfiffen, und im Moore weckten sich die Kraniche auf. Die Sterne gingen langsam nach Hause, und aus den unheimlichen Gespenstern wurden harmlose Wachholderbüsche.

Der zweite Hirsch schrie schon wieder im Kienmoore. Helmold merkte sich ganz genau seine Stimme, während er langsam und bedächtig Brot und Speck aß. Als er damit fertig war, prüfte er mit nassem Finger die Windrichtung, nahm einen kleinen Schluck Kognak, zog den Mantel aus, legte den Rucksack ab, steckte den Hirschruf in die rechte Joppentasche, legte den Hund ab und deckte ihn mit dem Mantel zu, und sobald er Korn und Kimme zusammenbringen konnte, pürschte er sich an das Holz heran.

Der Wind wurde noch schärfer; Helmold knöpfte die Joppe fest zu und zog den Gürtel enger. An der Ostseite bohrte der Morgen ein Loch in die Dämmerung und sah dadurch über die Haide. Der Hirsch im Kienmoore schrie noch einmal und verschwieg dann. Helmold trat an den Rand des Hauptgestelles, prüfte den Wind und lauschte. Endlich hörte er es einmal linkerhand brechen; der Platzhirsch hatte seinen alten Stand eingenommen. Er hörte ihn ab und zu knören und vernahm, wie ein Kälbertier mahnte.

Es war mittlerweile ganz hell geworden; die Meisen wachten auf, die Goldhähnchen piepten in den Zweigen, eine Krähe zerkrächzte die Stille. Helmold sah sich um; ein Mutterreh mit zwei Kitzen zog über das Gestell, dicht an dem Hasen vorbei, der still wie ein Baumstumpf da saß und nur die Löffel aufrichtete, als Helmold in den Bestand trat. Da sah es wild und wüst aus; der Sturm hatte vor Jahren einen Teil der untergebauten Fichten umgeschmissen, und den Rest hatte die Nonne umgebracht. Die von allerlei Gestrüpp bewachsenen Wurfböden erhoben sich überall, zwischen ihnen lagen kreuz und quer die hohen Stangen, von oben bis unten mit silbergrauen Flechten bezogen.

Behutsam das Geknick meidend schob er sich von Stamm zu Stamm, die Büchse schußfertig in den Händen, mit den Augen das silbergraue Gewirr zerpflückend. Nichts entging ihm, weder die Fährte am Boden, noch der Dompfaff in dem Ebereschenbusch, nicht der Fliegenpilz unter der Birke, nicht die zerfetzte Rinde an den Malbäumen.

Eine Stunde war vergangen, da hatte er erst zweihundert Schritte hinter sich, denn nach jedem Tritte machte er Halt und lauschte mit offenem Munde oder prüfte den Wind. Da hörte er den Hirsch knören. Langsam schob er sich hinter einen Wurfboden, langte die Muschel aus der Tasche und quetschte einen neidischen Ruf heraus; von drüben kam eine mürrische Antwort. Er ging, den Schritt eines Hirsches nachahmend, rücksichtslos durch das Fallholz, sich immer in Deckung haltend und ab und zu einen Schrei aus der Muschel herausholend; der Schadhirsch antwortete schon ärgerlicher. Helmold machte das Mahnen eines Tieres nach und ließ einen herausfordernden Ruf hinterher folgen; gereizt erwiderte ihn der Mordhirsch und zog näher. Hinter einem Wurfboden trat Helmold laut hin und her, daß der anmoorige Boden quatschte und das Fallholz brach, und während ihn der Frost schüttelte, vernahm er, wie sein Hirsch immer näher kam. Er setzte die Muschel an den Mund und schrie ihm eine grobe Redensart entgegen, und abermals eine, die noch viel frecher war, und eine dritte, mehr als gemein. Der Hirsch meldete nicht; es schien, als ob er starr wäre über die bodenlose Unverschämtheit des Nebenbuhlers. Helmold ließ den Hirschruf in die Tasche gleiten und machte scharf.