Das zweite Gesicht: Eine Liebesgeschichte
Part 10
Das Mädchen seufzte schwer auf. Er schüttelte den Kopf: »Helmold Hagenrieder wird weiter malen; Swaantje Swantenius wird weiter als zweckloser Mensch dahinleben und langsam eine alte Jungfer werden, die nur etwas voll und ganz durchgelebt hat, nämlich ein Leben, das keins war. Und wenn sie alt und grau ist, dann wird sie doch einmal nachts in ihrem Bette weinen und wimmern: ›Ich habe es verpaßt!‹ Oder wie denkst du dir dein Leben?« Das Mädchen nickte: »Genau so!« Er sah sie herrisch an: »Und du glaubst, das werde ich dulden? Glaubst du, ich bin ein dummer Junge, der nach einem Küßchen gibbert? Ich will dich ganz haben, und du wirst dich mir ganz geben, und freiwillig wirst du das tun; denn obzwar du Dame bist, so bist du nebenbei doch noch etwas Mensch und ein wenig Weib geblieben und viel zu gebildet, um nicht einsehen zu müssen, daß Sitte und Gesetz Papier sind, und daß Not kein Gebot kennt. Ich will nicht in dich dringen, aber ich bitte dich, Swaantje: gib mir ein wenig Hoffnung, ein ganz klein wenig, nur so viel, daß ich mein Leben eben damit friste.«
Er ging zu ihr hin und faßte ihre Hände. »Willst du das?« Sie sah an ihm vorbei und schüttelte leise den Kopf. »Kind,« flüsterte er, »ich brauchte dich ja nur umzufassen und zu küssen, denn ich sehe durch dich hindurch wie durch Glas. Aber ich will das eben nicht, denn ich liebe dich. Also du gibst mir keine, aber auch gar keine Hoffnung?« Abermals schüttelte sie den Kopf. »Na, dann vereinfacht sich der Fall, und die Sache liegt so: dann stehe ich hier ganz allein, Grete und die Kinder da, und du dort. Denn von dem Augenblicke an, daß ich weiß, ich habe keine Hoffnung mehr, habe ich keine Verwendung mehr für das, was man Herz nennt. Also reden wir von etwas anderem.«
Er pfiff leise vor sich hin und malte weiter. »Weißt du, Swaantje,« fing er dann an, »was ich glaube? Du hast eigentlich recht! Im Grunde passen Männer und Frauen überhaupt nur so zueinander wie die Nuß und die Hülle. In der Jugend halten sie zusammen; sind sie reif, dann verlieren sie den Zusammenhang, weil jeder sich auf sich selbst besinnt. Wenn Stahl und Stein zusammenkommen, gibt es rote Liebesfunken; aber Stahl bleibt Stahl und Stein Stein; höchstens splittert der eine etwas ab, und der andere kriegt Kratzen. Zu was also das ganze Gehampel? Ich bin ein Mann von über vierzig, du gehst auf die dreißig; die schönste, dümmste Zeit liegt hinter uns. Darum tun wir gut, vernünftig zu sein. Der eine stickt sich ins Grab, der andere malt sich hinein, derweilen das junge Blut sich liebt und küßt und Wonne und Weh leidet. Ein Segen, daß wir beide klüger sind. Nicht, Swaantje?«
Das Mädchen sah ihn hülflos an; ihr Gesicht war blaß und mager. Er ging zu ihr und streichelte ihr die Backen. »Arme Kleine! So quälen wir uns beide, aus Feigheit, aus Rücksicht, aus Mangel an Naivheit. Bald ist es Winter. Anstatt daß wir uns der letzten Blumen freuen, gehen wir daran vorüber. Nachher tut uns das leid.« Er steckte sich eine Zigarre an. »Na, vielleicht komme ich doch noch darüber hinweg, obgleich ich das nicht hoffen will, denn dann danke ich bestens für mich.« Swaantje sah ihn ernst an. »Helmold, du hast doch noch immer deine Kunst!« Er lachte lustig: »Ich pfeife darauf! Kunst, weißt du, was das ist? Ungelebtes Leben! Sieh dir die Griechen an; nie hat ein unglücklicheres Volk gelebt. Sie waren sehr unglücklich; sonst hätten sie es nicht in der Kunst so weit gebracht. Die Römer hatten keine Kunst, die lebten ein lebendiges Leben. Die Kunst ist wie ein Spiegel; vorne Farbe und Leben, hinten Pappe.«
Er ging an den Bücherschrank, nahm den Angelus Silesius heraus, schlug ihn auf, reichte ihn Swaantje und sagte: »Lies die grün angestrichene Stelle.« Das Mädchen las und bekam ganz enge Lippen, denn da stand: »Die Braut verdient sich mehr mit einem Kuß um Gott, denn alle Mietlinge mit Arbeit bis in den Tod.« Er nickte ihr spöttisch lächelnd zu: »Ja, der frumbe Mann wußte Bescheid; die Liebe ist alles, das andere ist nichts. Aber: wie du willst! Mögest du nie wissen, was Reue ist! Ich weiß es. Als ich ein junger Kerl war, gab ich unserem netten Dienstmädel mal einen Kuß, rein aus Übermut. Als ich zu Bette ging, machte sie leise ihre Kammertüre auf und flüsterte: ›Gute Nacht, Herr Hagenrieder.‹ Ich wollte aber keinen Unfug machen und nickte ihr nur zu. Am anderen Tage fuhr ich nach München. Die Augen, die das Mädchen mir machte, als ich an ihr vorbei aus dem Hause ging, vergesse ich mein Leben nicht, und wenn ich einmal in die Hölle komme, so ist es wegen einer Unterlassungssünde.«
Seine Frau kam herein. Mit scheinbarer Unbefangenheit schlug sie für den Nachmittag einen gemeinsamen Spaziergang vor. Helmold nickte. »Mir ist alles gleich,« sagte er. Aber im Walde wuchs seine Übellaune von Minute zu Minute; die schlaflosen Nächte wirkten nach. So wurde es ein ungemütlicher Spaziergang. Mit zersetzender Geistreichigkeit machte er sich über die Natur, das Wetter, die Menschen und die ganze Welt lustig, und quirlte auf dem Heimwege Ernst und Hohn so durcheinander, daß seine Frau und Swaantje die kalte Angst in das Genick faßte.
»Weißt du, liebe Grete,« meinte er, »du müßtest eigentlich Romane schreiben, denn du hast ein bedeutendes Erfindertalent. Sieh mal, dieser hier, in dem wir drei die Hauptpersonen sind, ist doch einfach eine glänzende Leistung. Sag' mal, wie hast du dir den Schluß gedacht? Blumenthal-Schönthansch oder Shakespeare-Sophokleïsch? Hm? Denn du hast doch ein Ziel gehabt, als du das erste Kapitel anfingst?«
»Wißt ihr was, Kinder,« und er nahm in den einen Arm Grete und in den anderen Swaantje, »wir wollen uns hinsetzen und jeder einen Schluß schreiben, oder habt ihr zwei beiden schon einen fertig? So scheint mir das wenigstens. Ich bin in der Beziehung etwas unbegabt. Bin überhaupt ein dummes Luder, das alles ernst nimmt, was seine Frau im Scherz sagt. Vor sieben Jahren sagte sie: ›Die Hauptsache ist, Helmold, daß wir beide immer gute Freunde bleiben.‹ Heute weiß sie nichts mehr davon, denn die Hauptwaffe der Frauen ist das abstellbare Gedächtnis.«
»Übrigens: wie famos die Schatten da sind! Genau so wie die, die deine Worte über mein Herz warfen; das sieht wie ein rotes Zebra aus. Ihr könnt es später auf den Jahrmärkten sehen lassen. Und das da ist die Venus, der sogenannte Liebesstern. Sie zittert; ihr ist kalt. Mir auch. Ach, Kinder, ist das ein schöner Abend! Sieh, da ist ja auch der Mond. Na, Kerl, was sagst du nun? Jetzt habe ich die beiden Frauen, die laute und die leise; es fehlt nur noch der Schimmel und die Wölfe, die sich um Männerköpfe beißen. Kerl, es ist alles Schwindel, alles; ich habe überhaupt keine Frau, nur eine Frau Gemahlin, geborene Möllering.« Er pfiff sein frechstes Lied.
Zum Abendessen kam Hennecke; Grete hatte ihn herbeigebeten und ihm gesagt, wie es um Helmold stand. Beim Essen wurde von der Sache nicht gesprochen. Hinterher sprach er erst mit Helmold und versuchte, ihn umzustimmen; das gelang ihm nicht. Dann ging er zu Grete. Swaantje kam in das Zimmer. Nach einem langen Schweigen fragte sie ihren Vetter: »Weiß er es?« Er nickte: »Ja, von Grete, von mir nicht.« Das Mädchen fragte weiter: »Was denkt er von mir?« Sie zuckte zusammen, denn ein Blick wie ein Messer streifte sie. Und abermals zuckte sie zusammen, als Helmold antwortete: »Das denkbar Schlechteste,« und zum dritten Male, als er fortfuhr: »nämlich, daß du dich völlig als Dame benommen hast!«
Er ging im Zimmer auf und ab: »Ich bin mit ihm fertig, denn er hat dich in meinen Augen herabgesetzt. Er sagte: ›Sie ist ein Weib, also auch nicht wert, daß man ihretwegen auch nur ein einziges Haar grau werden läßt.‹ Er denkt nicht besonders von euch. Als ich ihm Gretes Verhalten darstellte, lachte er und sagte: ›Darüber wunderst du dich? Nimmst du denn Frauen ernst? Mein Lieber, du bist über vierzig! Freu' dich, daß es Kinder sind und bleiben, die nicht aus Gemeinheit unwahr sind sondern aus Instinkt.‹ Na ja, die Mädchen, mit denen er verkehrt, mögen so sein. Ich denke besser von Grete und von dir, oder dachte so, und deshalb bin ich so elend geworden.«
Er ging auf das Mädchen zu, gleich als wollte er sie anfassen; sie sprang auf und stellte sich hinter den Sessel. Er schüttelte belustigt den Kopf: »Habe keine Angst; ich will dich nicht mehr. Das eine Wort: ›es ist mir peinlich‹ hat mir gezeigt, wer du bist. Und wenn wir beide eine Woche allein wären, und du trügest jeden Tag das weiße Kleid, ich würde stets die Dame in dir achten, die Dame, die umfällt, wenn ihr eine Maus über den Weg läuft, und die den einzigen Mann, der das Weib in ihr sah, und den sie zum Sterben liebt, aus ganz gemeiner Feigheit umkommen läßt. Ich will dir etwas zum Andenken schenken.« Er ging in das Atelier und kam mit einem gerahmten Pastellbildchen wieder. Es stellte einen Sarg dar, der auf zwei Stühlen mitten in einer Wiese stand; in dem Sarge lag Helmold Hagenrieder, wie er nun war, und sah spöttisch auf Helmold Hagenrieder hinab, wie er einst war.
Swaantje legte das Bild entsetzt fort und sah verstohlen ihren Vetter an. Sie fand, daß seine Schläfen ganz grau waren, und daß er Altemannsfalten über dem Munde und neben den Augen hatte. Sie stand auf und ging auf ihn zu, aber da kam Hennecke mit Grete.
Um Mitternacht gingen Grete und Swaantje zu Bett; Helmold und Hennig saßen noch lange auf. Hennecke versuchte in seiner ruhigen Art dem Freunde aus dem Gestrüpp herauszuhelfen. Helmold hörte geduldig zu, aber dann sagte er: »Du hast vollkommen recht, und Grete hat recht, und Swaantje hat recht. Hier handelt es sich aber nicht darum, sondern darum: soll ich leben oder sterben? Ich glaube übrigens, es ist für das eine schon zu spät; denn ich bin bereits tot!«
Er sah Hennig mit harten Augen an: »Sage mal, Grete sagte vorhin, du hättest gesagt: ›Wenn ich eine Schwester hätte, und ein verheirateter Mann näherte sich ihr in der Weise, wie es hier vorliegt, den schösse ich tot.‹ Ist das wahr? Hast du das gesagt?« Hennecke bekam einen schmalen Mund: »Muß ich antworten?« Der andere nickte, ihn starr ansehend, und Hennig antwortete: »Nein, das hat deine Frau gesagt, nicht ich; das konntest du dir doch wohl gleich denken.« Helmold holte schwer Luft: »Um dir zu beweisen, was aus mir geworden ist; als Grete mir das sagte, antwortete ich ihr: ›Hat er das gesagt, dann kenne ich ihn nicht mehr.‹ Wer nur im geringsten gegen mich ist, ist mein Feind. Pfui, wie kann eine Frau so handeln!« Hennecke zuckte die Achseln: »Was soll sie machen? Sie ist eine Frau! Sie hat andere Ehrbegriffe, sie kennt nur eine Moral: ihren und der Ihren Vorteil. Du hast deiner Frau viel zu danken und darfst ihr die Unbesonnenheit, die doch lediglich ein Ausfluß ihrer arglosen Natur ist, nicht übelnehmen.«
Das hatte sich Helmold schon viele hundert Male selbst gepredigt; darum sah er seine Frau am anderen Morgen doch böse an, als sie sagte: »Swaantje fährt heute; sie leidet zu sehr.« Er sagte erst nichts, aber dann trat er auf sie zu und nahm sie in den Arm. »Grete,« bat er, und seine Stimme war wie eine Nacht ohne Mond und Sterne, »sei doch nicht so hart! Sieh mal, ich sterbe daran. Ich kann doch nichts dazu. Du sagst, du liebst mich; beweise es mir!« Seine Frau machte sich von ihm los; ihre Stimme klang spitz, als sie antwortete: »Was soll ich denn tun? Wenn es irgend jemand anders wäre; aber meine eigene Kusine?« Er sah sie starr an. »Erinnerst du dich, was du mir sagtest, als ich von Swaanhof zurückkam?« Sie zuckte die Achseln: »Was sollte ich machen? Du warest krank, und ich dachte ja auch, daß deine Liebe zu Swaantje lediglich Mitleid sei. Ich habe nicht geahnt, daß du derartige Absichten hattest!«
Da polterte er los. Er legte sich so wenig Zwang auf, daß Swaantje entsetzt hereingestürzt kam. Aber auch da bremste er sich nicht, sondern schüttelte alle die Angst und die Wut und allen Kummer und Grimm vor den beiden Frauen aus. Als er herauszischte: »So höre denn: ich liebe dich nicht nur nicht mehr, ich hasse dich. Du hast mich von oben bis unten belogen, hast kein Mittel gescheut, um mich zu zerbrechen, hast sogar meinen einzigen Freund gegen mich auszuspielen versucht. Ich bin fertig mit dir!« und seine Frau den Hieb damit zurückgab, daß sie ihm eine Scheidung vorschlug, da lachte er und sagte: »Schön! Doch gehst du, so sieh zu, wie du leben willst. Mir ist es recht, aber ich kümmere mich dann in keiner Weise weiter um dich, und die Kinder bleiben bei mir. Oder sie können wählen, denn mir liegt jetzt an nichts mehr etwas, und sie ähneln ja auch dir mehr als mir. Sobald du den ersten Schritt tust, verkaufe ich alles, was mir gehört, und gehe irgendwohin, wo nicht Weiberköpfe, sondern Männerfäuste herrschen; denn dieses ganze verfluchte Land mit seinem verbildeten Gesindel ist mir ekelhaft.«
Grete, die ganz weiß aussah, bekam einen roten Kopf, und ihre Augen funkelten, als sie rief: »Ich denke, du willst dir Swaantjes Liebe erringen; meinst du, daß dieses der Weg dazu ist?« Er lächelte freundlich: »Nein, denn ihre Liebe habe ich. Mir liegt übrigens nichts mehr daran. Jetzt kannst du sie mir schenken, und ich nehme sie nicht. Außerdem ist das meine ureigenste Angelegenheit, ob ich Swaantje liebe oder nicht, und geht weder dich noch sie etwas an. Überhaupt liebe ich sie nicht mehr; ich liebe das Gespenst meiner Liebe zu ihr. Ich kann keine Menschen mehr lieben, denn ich bin tot. Mein Herz ist nicht mehr da; ich habe eine Fiedel daraus gemacht und spiele jede Farbe darauf, die es gibt. Ich bin Künstler geworden; aber ein Mensch bin ich nicht mehr. Das habe ich euch zu verdanken, dir, liebe Grete, und dir, Swaantje; ich danke euch herzinnig dafür.« Er küßte beiden die Hand und ging in die Werkstatt.
Ruhig und besonnen arbeitete er an seinem neuesten Bildnisse weiter. Da fielen seine Blicke auf die Saharabilder, und auf Wodes Zorn. Er stutzte, rückte die Bilder zurecht, trat zurück, und dann nahm er den breitesten Pinsel, tauchte ihn in einen Farbentopf und strich mit festen Zügen die Bilder aus.
Als er fast damit fertig war, trat Swaantje ein. Er ließ sich nicht stören und erst, als sie trocken aufschluchzte, sagte er: »Nun sag' bloß noch: ›Die schönen Bilder!‹, und dann müßte Grete noch sagen: ›Das schöne Geld!‹, und dann hätte ich einen Grund, einmal wieder von Herzen zu lachen.« Aber als er das Mädchen genau ansah, sprang er zu, geleitete sie zu dem Sessel und rückte einen anderen daneben, in den er sich setzte. Er faßte ihre Hand: »Ich weiß, ich weiß, Kind, in welcher schweren Herzensnot du dich befindest, und wie sehr du darunter leidest, und daß Grete so unglücklich ist. Aber bedenkt ihr denn nicht, daß ich mehr bin als ein beliebiger Herr Soundso? und daß ihr, helft ihr mir, einem Manne das Leben neu schenkt, der dazu berufen ist, seinem Volke große Werte zu schaffen? Wiegt das nicht die ernstesten Bedenken auf? Und ich will ja so wenig, will weiter nichts, als ein bißchen Hoffnung, mit offenen ehrlichen Händen gegeben. Und darum bitte ich dich: gib mir einen Kuß, einen einzigen, einzigen Kuß; ich will dir alles dafür geben, was ich habe: meine ganze Vergangenheit und alle meine Zukunft.«
Bittend sah er das Mädchen an; aber als sie schwieg und an ihm vorbeisah, stand er auf. »Swaantje,« rief er, »du weißt, meine besten Bilder habe ich behalten. Ich schenke sie dir. Mache damit, was du willst! Gib sie irgendeinem Schuster; er darf auch sein Zeichen darunter setzen. Aber gib mir einen Kuß, oder laß dich von mir küssen! Nur ein einziges Mal, sonst geht es so nicht mehr weiter. Neulich, in der Bar, habe ich Heulkrämpfe gekriegt, daß alle die leichten Mädels und sämtliche schwergeladenen Gäste es mit der Angst bekamen. Ich bin fertig. Ich heule jede dritte Nacht mein Kissen naß. Grete merkt das nicht; aber sieh dir einmal die Augen an, mit denen unsere Luise mir nachsieht. Das Mädchen ist verlobt, und sie hat ihren Schatz gern. Aber, wenn ich winke, kommt sie; aus mütterlichem Mitleid. Alle Frauen und Mädchen sehen mich an, als wollten sie mich in den Arm nehmen, so dauere ich sie. Und ich komme mir vor, wie ein ganz kleines Kind, das liebgehabt werden will, weil es hungert und friert. Was habe ich früher die Leute beneidet, die sorglos leben konnten und die, die sich mit Lob wuschen und in Ruhm badeten. Jetzt bin ich so gut wie berühmt, was ich male, ist Gold wert; ich beherrsche die Technik autokratisch. Aber ich bin ärmer als damals in München, als ich mit der Miezi in einer Bodenkammer lebte und froh war, wenn ich Brot und Wurst hatte. Meine Haare sind grau geworden, meine Augen sind kalt, und mein Herz vereist langsam. Meine eigene Frau stieß mich in den Tod, und du stehst dabei und siehst zu. Hätte ich nicht diesen Indianerkörper, ich wäre längst auch leiblich tot.«
Er trat dicht vor das Mädchen hin und sah sie lange an; sie blickte an ihm vorbei. »Du leidest ebensoviel wie ich, Swaantje,« begann er endlich wieder; »vielleicht noch mehr, denn du hast Angst zu sprechen, und du wagst nicht mich anzusehen. Ich will dich auch nicht weiter quälen, denn du tust mir sehr leid, und ich liebe dich mehr als je zuvor. Was ich vorhin sagte, war nichts als Wut. Ich werde dich immer lieben, so oder so, auch wenn ich tot bin.« Sie zuckte zusammen. »Habe keine Angst, ich töte mich nicht. Es hätte gar keinen Zweck mehr; denn ich bin schon tot. Tote darf man küssen, Swaantje, darf man auf Nimmerwiedersehen küssen, denn sie küssen nicht wieder. So gib mir denn den einen Kuß.« Er beugte sich zu ihr, faßte sie um Kinn und Nacken und näherte seinen Mund ihren Lippen. Aber je näher er ihr kam, um so mehr versteckten sich ihre Lippen, um so starrer sah sie gegen die Wand, um so krampfhafter hielt sie den Atem an, und so streifte er mit den Lippen eben ihre Stirne, ließ sie los und ging aus der Werkstatt.
Beim Mittag war er sehr ruhig, sprach auch ganz freundlich mit seiner Frau und scherzte mit den Kindern. Als Swaantje reisefertig war, fragte er: »Darf ich dir einmal schreiben?« Sie schüttelte den Kopf, ohne ihn anzusehen. Dann sagte er ganz geschäftsmäßig: »Dein Bild schicke ich dir, wenn es fertig ist. Die weiße Haide muß heraus; sie drückt zu sehr auf dein Gesicht. Überhaupt habe ich in der letzten Zeit viel Quatsch gemalt; ich hatte ja auch meist Fieber. Ich werde jetzt nach Stillenliebe fahren; vielleicht hilft mir die Jagd. Und nun, liebe Swaantje, verzeihe mir alles, was ich dir antat. Ich bin krank, sehr krank. Und ich will mir Mühe geben, daß hier wieder alles so wird wie früher. Lebe wohl; der Wagen ist da!« Er reichte ihr die Hand hin; sie legte die ihre lose hinein, ohne ihn anzusehen, und ging die Treppe hinab, wo Grete sie erwartete.
Beide stiegen ein, ohne sich umzublicken. Er sah dem Wagen so lange nach, bis er um die Ecke verschwand; dann ging er in die Werkstatt, und Gift und Galle, seine beiden Teckel, folgten ihm mit gesenkten Ohren und hängenden Ruten.
Der Platzhirsch
Am anderen Morgen fuhr er nach Stillenliebe; neben ihm auf der Bank lagen Gift und Galle, seine Hunde, und Gift und Galle waren auch in ihm.
Er hatte, unterdes Grete und Swaantje zur Bahn fuhren und er in der Werkstatt mit Sweenechien Bilder besah, die Ereignisse der letzten Zeit überdacht und einen dicken Strich unter sich und Swaantje gezogen. »Das muß ein Ende haben,« sagte er sich und nahm sich vor, recht nett zu seiner Frau zu sein.
So nahm er sie in den Arm, als sie zurückkam, küßte sie und sagte: »Ich will morgen nach Stillenliebe; sonst wird der Prinz öde. Hör' mal, er schreibt: Die Hirsche schreien, wenn auch nicht, wie es fälschlich in der Bibel heißt, nach frischem Wasser, sondern nach passender Damenbekanntschaft, aber auch nach dir, vorzüglich der Schadhirsch vom Schandenholz, der schon letzten Herbst sterben sollte. Jetzt ist er aber reif; er hat einen braven Zwölfender zu Tode geforkelt. Also!«
Helmold hatte gelacht, als er seiner Frau den Brief vorlas. »Dem will ich es besorgen, Grete! Er steht in der unzugänglichsten Ecke, und deswegen hat ihn mir der Prinz so lange eingemottet, denn er weiß, bei mir heißt es: je leichter, desto langweiliger! Das ist ein Hirsch, den man nur auf den Ruf schießen kann, denn er tritt niemals bei Büchsenlicht aus der Dickung. Na, dann machen wir es eben, wie Mohammed mit dem Berge! Es ist ein ganz alter Bursche, der aber nur ein Gabelgeweih trägt und deswegen jahrelang als Schneider durchgegangen ist, und keiner ahnte, daß er der Mordhirsch war. Und wir sind gute Bekannte; vor zwei Jahren schrie ich ihn mir bis vor die Stiefelspitzen; aber ehe ich den Finger krumm machen konnte, bekam er Wind. Dieses Mal aber soll er daran glauben, oder ich will die Kunst nicht verstehen.«
Er legte die Hände vor den Mund und machte eine Brunft im vollen Gange nach, vom Mahnen des Kälbertiers bis zum Orgeln des Platzhirsches, so daß Luise, die frisches Trinkwasser brachte, entsetzt aufschrie und die Flasche fallen ließ. »Ich kann's noch,« lachte Helmold; »Demonstratio ad Luisam! Morgen früh ziehe ich zu Holze; ich habe nun doch ein bißchen zu viel Farben verblutet seit vorigem Herbste, und mein Vorrat von Arbeitslust ist alle. Und das ist ein Zeichen, daß die roten Blutkörperchen bei mir sparsam werden.«
Als er so prahlte, bekam Grete ihre lichte Laune wieder. Sie holte den kornblumenblauen Samtkasten hervor und kramte die Mohnblumenkarten aus. »Bekomme ich dieses Mal wieder welche?« fragte sie, indem sie sich auf die Sessellehne setzte und ihm das Haar kraulte. Sein Herz beschattete sich; er dachte an die Mohnblumenkränze, die sie ihm über das Bett gehängt hatte. Aus Seidenpapier waren sie gewesen. Er machte seinen Kopf los und sagte kühl: »Gewiß, wenn dir an papiernen Blumen so viel gelegen ist.« Sie stand auf, und als er ihr Gesicht im Spiegel sah, bemerkte er, daß ihre Augen hart und ihre Lippen unbarmherzig aussahen; alle die guten Vorsätze, die er am Nachmittage gefaßt hatte, fielen zu Boden und zerbrachen.
»Bitte, sage dem Mädchen, sie solle mir einen Wagen zum Siebenuhrzuge bestellen und dieses Telegramm besorgen, und jetzt will ich packen. Zwei Wochen bleibe ich mindestens fort,« sagte er trocken und ging in die Werkstatt. Dort blieb er bis Mitternacht und ging schlafen, ohne seiner Frau den Gutenachtkuß zu bringen. Über Nacht knabberten viele graue Gedanken an seiner Seele; drei Uhr wurde es, ehe er einschlief, und als er am anderen Morgen in das Zimmer seiner Frau ging, stand das harte Gesicht, das ihm am Abend der Spiegel gezeigt hatte, zwischen ihm und ihr, so daß er mit einem losen Händedruck Abschied nahm.
Es war ein frischer, sonniger Herbsttag, und die Landschaft sah lustig aus. Sonst hatte er sie während der Fahrt immer liebkost; nun behandelte er sie schlecht; sie langweilte ihn. »Schwindel!« dachte er, als er sah, daß hier und da einzelne Büsche sich in schreiende Farben gehüllt hatten; »Plunder, nicht echt!« Selbst seine guten Freunde die Kiefernwälder und Haidberge zerfetzte er mit höhnischen Blicken, und als er die gewaltigen Schirmkiefern neben der alten Hammerschmiede sah, sonst sein Entzücken, lächelte er verächtlich.