Part 4
WENN Josef Mittermüller ins Gymnasium ging, um bei den Professoren Auskünfte über seinen vierzehnjährigen Sohn Max einzuholen, so sagte man ihm gewöhnlich: »Ja, gewiß, ganz brav ist der Bub. Aber, aber, ich glaube, er hat nicht viel Talente. Wissen Sie, lassen Sie ihn Offizier werden.« Das war noch so in der guten, alten Zeit, da noch Bismarck lebte und es noch keine Aeroplane gab. Josef Mittermüller folgte dem Rat der Behörden und so wurde sein Sohn Offizier. Da nicht viel Geld vorhanden war, wurde auch noch dazu die Infanterie ausgewählt, den blonden Maxl in ihre Reihen aufzunehmen. Der machte seinen Weg geradeaus und ohne viel Beschwerden und Neuigkeiten. Er war seine Jahre in Galizien, er erbte, als sein Vater starb, ein kleines, aber immerhin vorliegendes Kapital und blickte aus wasserblauen Augen noch immer nicht sehr intelligent in eine Welt, die ihm bis jetzt wohl neue Oberste und hie und da ein neues Dienstreglement, aber sonst nichts beschert. Sein Kopf saß steif auf dem nicht sehr jugendlichen Nacken, um den Mund lag jene Gutmütigkeit, die in den verzweifeltsten Situationen die Mistviecher zum Mitleid reizt, und die Hände waren gut bürgerlich. Als Max Mittermüller nach Innsbruck transferiert wurde, war er 27 Jahre und ein wohlbeschriebener Oberleutnant. In der lieblichen Bergstadt lernte er Margot Osten kennen. Sie lebte, abgeschnitten von jedem gesellschaftlichen Verkehr, bei einer alten Tante. Maxl war nur durch einen Zufall in das Haus gelangt. Margot Osten war damals noch sehr jung. Sie hatte schweres goldenes Haar, einen sanften Mund und Augen, die in gewissen Augenblicken ihre meergrüne Farbe zu nicht geahnten Effekten steigern konnten. Außerdem fast gar kein Geld. Die Achtzehnjährige las viel Bücher, gab italienische Stunden und war zu ernst für ihr Alter. Sie hatte so jung ihre Eltern verloren, die alte Tante hielt sie stramm und konnte gut schimpfen. Maxl Mittermüller war fast der erste Mann, den sie kennen lernte. Es hatte da einmal -- -- wie sie noch in Wien gelebt -- -- einen Cousin gegeben; sie war noch nicht sechzehn gewesen; einen Cousin verbunden mit Waldspaziergängen und Küssen. Max Mittermüller verliebte sich in die Schlanke mit der Goldkrone. Nicht gerade mit einer Leidenschaft, wie sie oft stille Seelen bis zum Irrsinn stachelt; aber doch immerhin, er war ziemlich aus dem Geleise und in der Zeit der Unentschiedenheit schmeckte ihm sein Morgenkaffee gar nicht. Die Unentschiedenheit konnte nicht lange dauern. Margot sah jemanden vor sich, der ihr körperlich und geistig nicht ekelhaft war, im Gegenteil, den sie sogar in Gespräch und Blick und Lebensführung mehr als achten gelernt; jemanden, der ihr andere Existenzmöglichkeiten bot. Die alte Tante mußte notgedrungen einwilligen; erstens wußte sie wirklich nichts Besseres, als »ja« zu sagen, und zweitens, _wenn_ Margot etwas wollte, dann vermochten ihre Augen ihren Leib zu einem Trotz zu verhalten, ihm eine Linie des Aufstands zu geben, vor der die bissigsten Worte in Rauch und Asche zerfielen. An einem windigen Märztage also hatte sich Max die Zusage geholt. Er saß jetzt zu Hause, in seiner Junggesellenwohnung -- hoffentlich nicht mehr lange! -- vergönnte sich eine Zigarette und wiegte sich in Zukunftsträumen. »Ich liebe dich!« hatte sie sogar ganz weich gestammelt und hatte die Arme um den Waffenrock geschlungen, was jenem Braven alles sehr schön vorkam. Das war das Glück, jawohl. Das Glück, das Gott den Menschen geschickt, damit sie schön brav das liebe Leben loben. Und Kindlein würden aufwachsen, sie würden nützliche Mitglieder der . . . wir wissen schon. Der Oberleutnant summte eine Melodie und war ganz alltagserhoben. Er hätte fast ein Gedicht gemacht. Im richtigen Augenblick erinnerte sich sein Hirn einer Wohnung, die er jüngst draußen in Wilten -- sehr hübsch gelegen, 3 Zimmer, ich glaube, ein kleines Haus ganz für sich, Garten -- angeschlagen gesehen hatte. Und so ließ er die Reimerei und machte sich auf, eine Bestallung für die Zukunft zu mieten . . .
Die Zeit der Verlobung dauerte nicht lange. Die Wohnung in Wilten war eingerichtet worden und grüßte wirklich sehr nett aus dem kleinen Garten, den Habicht und den Weg nach dem Süden. Margot hatte es sich ausbedungen, außer ihren Büchern und den sehr bescheidenen Mädchenzimmermöbeln auch noch die Dienerin Annina mitzunehmen. In letzterem Falle wäre sie fast bei ihrem sonst sanften Bräutigam auf Widerstand gestoßen. Ja, das war so eine Sache mit Annina. Sie war nicht eigentlich eine Dienerin; es hieß, ihre Eltern wären mit Margots Eltern gut bekannt gewesen, hätten ihnen einmal vor Jahren einen großen, sehr großen Dienst erwiesen. Dafür sprach auch die Art und Weise, mit der sie Margot behandelte. Sie sagte ihr »Du« wie einer Freundin und schien sie fast zu lieben, sicherlich zu bewundern. Annina war erst siebzehn und sehr schön. Obwohl man auf den ersten Blick nicht wußte, worin ihre Schönheit lag. Sie ging auch immer so einfach; einfacher als alle Dienstboten der Erde. Sie hatte einen Gang wie eine Katze und sprach sehr wenig; und wenn, dann klangen in ihr Deutsch italienische Worte und Betonung. Oberleutnant Mittermüller hatte sie vom ersten Tage an nicht leiden können. Er war zwar nicht grob zu ihr; ignorierte sie aber vollkommen und konnte das Benehmen -- sogar der alten Tante -- ihr gegenüber nicht verstehn. Schließlich mußte er doch einwilligen, sie mit seiner Frau ins Haus zu nehmen, da diese sehr böse wurde, als er fragte: »Warum hängst du gerade an diesem Dienstmädel _so_?« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Ehe Maxl Mittermüllers ließ sich anfangs sehr günstig an. Leute, die an dem kleinen Hause vorbeigingen, sahen in den ersten Monaten die Beiden entrückt und Hand in Hand in die untergehende Sonne schaun; andere wieder fingen bei Jours und Sport und gemeinsamen Bergtouren Blicke voll Liebe auf, die sogar einmal Hofratin Erzner zu dem Ausspruch bewogen: »Wie nett, so junge, glückliche Eheleute!« Margot hatte es auch wirklich gut; ein eigenes Heim, einen Mann, der sie vergötterte und außerdem jetzt Verkehr mit den ärarischen und nicht ärarischen Familien Innsbrucks.
Und doch entdeckte sie in sich Untiefen, für die niemand verantwortlich schien, die aber auch ihr Mann nicht verschütten und unsichtbar machen konnte. Ihre verzehrende Sinnlichkeit wuchs in um so abenteuerlichere Dimensionen, je menschlich sanfter die Liebe des Gatten in Küssen verebbte. Da glaubte sie auch ihrem Leibe nur die Gefährtin gewachsen. Annina, deren Macht schon, als sie selbst noch Mädchen war, bis in ihr tiefstes Blut gereicht, nahm sie für sich. Margot fand viel mehr Gleiches und viel mehr, das in ihrer Sprache zu ihr kam, in dem Herzen der Katze. Und wenn ihr Mann im schweren Bauernbett sie in den Armen hielt und über dem Garten lagen mitten in Blumen die Sterne, da glaubte sie ein Lachen ins Hirn rinnen zu spüren und wie ein weiches Tier legte es sich ihr um die Schultern. In das Stöhnen der Wollust traten Gesichte, die sie immer weiter lockten; das Zimmer ward voll schlangensüßer Leiber, die sich bis zur Decke reckten und ihr Früchte versprachen, goldene Äpfel, ungeheure, endlose Lust. Einmal auch war in solcher Liebesstunde Maxl Mittermüller aufgefahren. Der Vorhang des Bettes hatte sich bewegt, eine Maske, die von dort herstarrte, verschwand, eine Türangel knirschte. »Was war das?« Das Herz des Offiziers ging hart und hämmernd. »Nichts . . . du . . . nichts« Am nächsten Morgen schlug es wieder den Trott der Gezeiten und war beruhigt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Bis die Kinder kamen. Max Mittermüller war jetzt 37 und Hauptmann. Seine Ehe dauerte schon fast zehn Jahre. Seine Frau hatte ihm fünf Kinder geboren. Das jüngste war erst vier, das älteste neun. Alle waren Buben; alle dem Vater vollkommen unähnlich. Sie waren von dem ersten Tage an ungebändigt, wild, laut und hatten einen Zug um den Mund, der Bösartigkeit verriet. Dabei waren sie alle sehr groß und stark für ihr Alter, aufgeweckt und rechthaberisch. Alle schienen den Vater, der sie nur mit einer bärenmäßigen Strenge kuranzen zu können glaubte, zu übersehen. Sie waren um ihre Mutter, zupften sie an den Haaren, tollten um sie, küßten sie ab. Doch waren sie nie zärtlich zu ihr. Zärtlich waren sie nur zu Annina . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Annina hätte einen Stationsvorstand aus Sterzing heiraten können. Sie hatte gelacht. Und als dieser -- ein braver Mann und Bürger -- sie sinnlos vor Leidenschaft verfolgt und belästigt hatte, war sie ihm bei der Gartentür in Wilten ins Gesicht gesprungen, hatte ihn gekratzt, hatte über die blutende Stirn des geilenden Männchens ihre schwarze Mähne geschüttelt. Dann war sie hinaufgelaufen, im Speisezimmer Margot um den Hals gefallen und hatte gerufen: »Ich bleibe bei dir, cara, carissima!« -- -- -- Sie war auch die einzige, die durch ein Nicken die Kinder an ihren Platz stellen konnte, die aber auch durch einen nicht ausgesprochenen Gedanken sie die größten Dummheiten tun ließ. Max, der nur den erzieherischen Einfluß Anninas bemerkte, mußte seiner Frau wohl oder übel recht geben, wenn diese ihm auf seine Vorstellungen, die italienische Bestie doch hinauszuhauen, immer nur antwortete: »Was machst du dann mit den Kindern?« Ja, es war gräßlich, und jedem in der Stadt fiel es auf, was für eine Wirtschaft die Mittermüllers zu Hause hatten. Wenn man zusammen ausging, da fingen gewöhnlich die beiden Ältesten, Karl und Moritz, auf kolossal raffinierte Weise einen der vorbeikommenden, kleinen Hunde, rannten mit ihm weg und erschienen nach einigen Minuten mit einer plattgedrückten Leiche, die sie mit Hilfe eines Feldsteins oder einer elektrischen Straßenbahn hervorgebracht. Hauptmann Mittermüller hatte schon manche Strafe zahlen müssen; aber es half da wirklich nichts. Man konnte prügeln so viel man wollte, vierzehn Tage waren die Kinder dann wie die Engerln, gaben bei der Ecke dem armen, blinden Mann aus ihrem Taschengeld je einen Kreuzer, um ihm nach weiteren acht Tagen den Hut beim Vorbeigehen mit allem, was drin war, hämisch hinabzuschleudern. Max Mittermüller wollte für die ältesten eine Korrektionsanstalt, ein sehr strenges Institut heranziehen. Margot beschwor ihn davon abzustehn. Sie würden dort verdummen und ganz schlecht werden. »Sie sind doch so hübsch und gescheit!« Die beiden Eltern blickten in den Garten hinaus, der in summender Augustsonne dalag. Hinter ihnen im Speisezimmer verstreute Ludwig, der Sechsjährige, von dem noch nicht abgeräumten Esstisch sinnreich Kirschkerne über den Boden. Die Eltern aber beobachteten unten beim Springbrunnen Fritz und Robert, deren helle Lockenköpfe interessiert über ein Ding im Gras gebeugt waren. Es war eine kleine Eidechse, die sie mit Hilfe eines Brennglases in Brand versetzten. Margot meinte: »Fritz -- bitte, er ist erst vier gewesen -- kann schon ganz gut buchstabieren! Es ist unglaublich. Nicht, Liebling?« Hauptmann Max hatte sich umgedreht und die Tätigkeit seines Sprößlings im Zimmer entdeckt. »Schau, um Gottes willen, schau! Wie komme ich zu diesen Kindern?« Seine wasserblauen Augen wollten sich mit Tränen füllen wie immer in solchen Momenten. Da wurde dann aber Margot zornig. »Kümmere dich um sie! Du bist der Mann!« Der Hauptmann begann zu prügeln . . . . . . . . . . . . .
Besonders gründlich wurden Haus und Garten hergerichtet, wenn der Vater in der Kaserne war. Kein Mensch wollte mehr bei Mittermüllers verkehren. Wie Horden wilder Tiere durchstürmte die Schar der fünf die Zimmer, erfüllte sie mit Geschrei, warf Teller gegeneinander, riß Blumen aus, ließ Stinkbomben platzen, schlug sich blutende Wunden. Im Garten wurde ein Graben aufgeworfen, listige Fallen gelegt. Obwohl sie immer in Kampf miteinander lebten, schlossen sie sich sofort gegen den Erwachsenen solidarisch zusammen und nur vor Annina entbrannte Eifersucht. Wen sie streichelte, der wurde halbtot gehauen. Da konnte die Mutter Margot nicht konkurrieren, und je älter sie wurden, desto mehr haßten sie ihren Vater. Im Hin- und Herstreiten um das Schicksal der Kinder war auch das Einvernehmen der beiden Gatten sichtbar schlechter geworden. Streit, Rauheit und dunkle Sünden hatten sich um das weinlaubumrankte Haus gelegt und versuchten heimlich das Glück, das sich bereits zum Mittagstisch gesetzt, zu fesseln und zu würgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
***
Im Winter des zehnten Jahres der Ehe mußte Margot zu ihrer Tante reisen, die schon lange nach München übersiedelt war. Während der Zeit ihrer Abwesenheit kam Hauptmann Max einmal gegen 12 Uhr nachts angeheitert von einer geselligen Zusammenkunft. Er dachte, daß er im Februar transferiert werde. Die Nacht war ganz in Schnee und Schnee stieg bis zum Himmel auf. Hauptmann Max stapfte durch die nicht gekehrten Vorstadtstraßen und sein Hirn funktionierte weiter: »Da werde ich wenigstens mit einer guten Ausrede diese -- diese Annina los!« Jene Gedankenassoziation riß ihn plötzlich wach. In das dunkle Gefühl der allgemeinen Rauschseligkeit sprang böse Lust. Das Bürgerliche wurde pervers und erinnerte sich der festen Brüste des Mädchens, das ihm sonst höchst zuwider war. Max Mittermüller sperrte das Haustor leise auf, um die Kinder nicht zu wecken, die auf der rechten Seite des Vorzimmers in zwei Räumen schliefen. Dann schlich er, nachdem er den Säbel abgelegt, durch die Küche in das Dienstbotenzimmer und vergewaltigte die Schlafende. Mit männlichster Faust hielt er ihr den schreienden Mund zu und seine Betrunkenheit ließ ihn dann zu Bett taumeln, ohne den Blick erkannt zu haben, der den Augen Anninas Wut und Qual entriß . . . .
Föhn sprang um das Dach. Eine Kerze schwankte im Vorzimmer hin und her. Dort stand in einem weißen Mantel die Dienerin. Jetzt öffnete sie die Türe in das Kinderzimmer, trat ein. Das war noch nie vorgekommen, daß sie ihre Lieblinge zur Nacht besuchte; alle waren darum aus ihren Betten aufgefahren, fiebrig-erregt im Nachtkleid zu ihren Füßen gehuscht. Die Kerze tropfte in der zitternden Hand. »Was hast du? Du kommst zu uns?« Annina beugte sich zum Ältesten und flüsterte. Das Flüstern ging weiter. »Sie ist unser Vater?! Hast du das gewußt? Sie hat es gesagt! Der dort drüben aber . . .« Die kleine Faust ballte sich. Die Diele knackte. Das Flüstern erfüllte das Haus, stieg in den Kamin. Drüben schlief der Hauptmann den Schlaf der Gerechten und Sünder. Die Kinder schlichen durch den Gang; wie Tiere an sein Bett. Weiße Mäuse des Irrsinns. Dort stand eine und hielt das Licht. Es fiel dem Hauptmann flackernd vor die Stirn, doch der schlief fest. So fest, daß sein Ältester ihm mit dem Rasiermesser die Kehle durchschneiden mußte, um ihn zu besserem Leben zu erwecken. Der kleine Fritz, der schon lesen konnte, riß an des Vaters Füßen, bis sie locker wurden und einer schnitt an der Nase herum. Der Föhn sprang ums Dach. Annina hatte den Mantel fallen gelassen und war nackt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Am grauen Morgen fuhr ein Einspänner vor dem Hause vor. Freudig bewegt eilte Margot durch den Vorgartern auf die Türe zu. Sie hatte einen früheren Zug benützt und war schon da. Der Jüngste kam ihr im Hemd entgegengelaufen, trug ein Ding in der hohlen Hand und schrie: »Schau, das A-uge, das A-uge!« Durch ein Fenster sprang Annina, schwang sich in die Lüfte, hinter ihr die Kinder, jedes blutig und höhnisch. Im winterlichen Land lagen die Trümmer eines explodierten Lebens verstreut. Mitten im Zimmer ein großes, blutiges Herz. Im Garten die liebliche Gattin.
IDYLLE
BAUER zenterte und Fischera konnte unhaltbar einsenden, eine halbe Minute später pfiff der Schiedsrichter ab: der Länderwettkampf Österreich-Ungarn war für ersteres 4:2 siegreich entschieden. Ein ungeheures Gebrüll durchdrang die Maienlüfte, die Menge warf sich ins Spielfeld, um ihre besonderen Fußballlieblinge auf den Schultern hinauszutragen. Das Logenpublikum eilte zu seinen Autos. »Ja, Josef, fahren Sie direkt nach Haus.« Frank Merten half seiner kleinen Frau in den Wagen. Die beiden sprachen anfangs kein Wort. Frau Herma hatte ihre rechte Hand über ihre müden Augen gelegt, die andere aber lag sehr kindlich in der des großen, breitschultrigen Mannes, der ihre Finger einzeln und sorgfältig liebkoste. Auf den Gassen weiter draußen gegen Lainz und Mauer waren die obligaten roten Blusen, in denen die Mädchen unserer Stadt steckten, und die Wiesen sah man voll Sonntags und Papierln. Die Grünheit des Tiergartens schien freundlich herüber, Sonne war da. Frank Merten sagte: »Weißt du, Liebling, wir haben heute viele Menschen gesehen -- bei Renskys war es eigentlich ganz nett -- und jetzt das Match.« Herma dehnte die vom Sitzen steifen Glieder: »Ja -- du -- vier Besuche . . . aber beim Ländermatch das Geschrei hab ich so gern.« Er steckte ihr ein Schokoladebonbon in den Mund und sie machte die Augen wieder zu. »Du, Hermelein, ich habe heute wieder den blödsinnigen Liebes-Tag. Am Abend haben wir heute keinen Menschen draußen -- zwar, die Randolfis warten schon lange auf eine Einladung -- --« Als sie dann vor ihrer Rodauner Villa ausgestiegen waren und das Auto war fortgeschickt -- sie gingen Hand in Hand zwischen Taxushecken dem Hause zu -- lächelte sie ganz plötzlich und zeigte ihre Zähne: »Schick auch die Diener weg außer dem Karl. Heute haben wir Mond. Wir wollen allein sein im Garten, nicht Bubi?« Als sie in die Halle traten, kam der Diener Karl schon auf sie zu. »Etwas Neues?« »Nichts, Euer Gnaden. Das heißt ein Mann war da, ein Gartenbursche von Scaldonettis drüben, glaub' ich. Er hat das gebracht.« Karl wies auf einige schmutzige Tücher, unter denen die Pfoten eines Bullys hervorschauten. »Hat man ihn endlich gefunden -- ja, aber so -- wer hat ihn denn?« Dr. Merten machte ganz bestürzte Kinderaugen. »Die Lausbuben, die Pülcher, mit Schrot -- wann i die derwisch.« Frau Herma war über die Fetzen gebeugt und sprach einige Worte zu dem toten Hundekopf. Dann richtete sie sich auf: »Na, armes Vieh . . . Erinnerst du dich, Tante Blanca hat es zu Ostern vor einem Jahr -- -« Ihr Mann aber war schon ins Schlafzimmer vorausgegangen. Sie sagte noch zum Karl: »Übrigens sagen Sie den Leuten, es kommt heute niemand her. Sie können alle weggehen, auch die Fanny. Es ist doch Kaltes da und Obst? -- ja, also decken Sie auf der Veranda auf.« »Ich möcht schön bitten, Euer Gnaden, meine Tante hat heut ihren 60. Hochzeitstag gefeiert und wir sind alle beim »Schneider« unten -- --« »Gut, gehn Sie halt auch. Aber machen Sie alles nett. Ein paar Blumen zu Tisch. Und wenn Sie weggehn, machen Sie beide Türen gut zu.«
Drinnen im Badezimmer hatte Frank schon das verschwitzte Hemd von sich geschleudert, den Kopf unter die Brause getan und pustete gewaltig. Herma fuhr auch recht schnell und gewandt aus ihrer Straßentoilette. »Hast du die Lisie schon weggeschickt?« schrie er ins Schlafzimmer hinein, »soll ich dir helfen?« Da flog auch schon die gnädige Frau mit der Schnelligkeit ihrer zweiundzwanzigjährigen Beine ins Badezimmer und küßte Frank oft und stürmisch ins nasse Gesicht. Sie lachte unausgesetzt über ein Haar, das ihm von seinem Scheitel so komisch wegstand, wofür er sie hinterrücks mit der Douche überraschte. Hierauf trockneten sie sich zusammen in einem schneeweißen Badetuch ab. »Du, Nunnerl, ich zieh mir den Smoking an. Du, geh, nimm auch dein hellblaues.« »So üppig? Aber du mußt einen niedern Kragen haben, wo du wie ein Gymnasiast ausschaust.« »Ich -- Gymnasiast?« Er straffte seinen Oberarmmuskel. »Schon gut.« Sie fuhr ordnend über seine Augenbrauen . . . . . . . . . .
Beim »Hellblauen« mußte er allerdings hinten mithelfen, Sie sah hübsch aus vor dem offenen Fenster -- weiter drüben war ein blühender Kirschbaum in letzter direkt kitschiger Abendröte. »Ich glaube das mit dem Bobby war der Aushilfskoch, der mit mir so -- war -- du warst auch etwas roh.« »Ach was, so ein frecher Hund -- überhaupt brauchen wir keine Riesen im Haus.«
»Euer Gnaden, es ist serviert.« »Also gut, gnädige Frau?« Frau Herma hing sich förmlich in ihres Mannes Arm ein, sie gingen durch ein paar Zimmer, die dunkel lagen, auf die Veranda. Der Tisch war voll Goldregen und alles sehr appetitlich. Nachdem sie auch Karl entlassen, liefen sie noch einmal zum Rosenbeet hinunter und Frank steckte der gnädigen Frau zwei Rosen ins Haar, er selbst befestigte sich eine im Knopfloch. Dann lächelten sie sich in die Augen und als von einer auf der Gasse vorbeiziehenden Menschengruppe Ziehharmonikaklänge heraufkamen, tanzten sie einen Walzer mitten im schönen Rasen. »Du, der Herr Rubek wird schimpfen --« Er hob sie und trug sie freudig zu Tisch. Die Abendschatten waren ganz lang geworden und eine Frühlingsnacht ließ Schleier von den Bäumen flattern. »Weißt du, -- aber zum Essen muß man etwas sehn.« Frank stellte eine rote Lampe auf den Tisch, in deren Licht alles sehr freundlich zu ihrem Herzen kam. Dann aß man mit jugendlichem Appetit: Hummer und Mayonnaise, kaltes Händel und Roastbeef. Der Bursche hatte auch nicht den Champagner vergessen, ein Stöpsel flog in die Luft, sie tranken aus gewechselten Gläsern und er sagte: »Nunnerl, ich hab dich so lieb s« Er breitete die Arme weit. Bei den Erdbeeren wurde es dann ganz schön. Der Mond kam rot und lieblich wie eine Blüte über die Ebene, so daß sie die Lampe verlöschen und sich auf seinen Schoß setzen mußte. Die Erdbeeren rochen fabelhaft nach Wald und den warmen Lichtungen, auf denen sie gewachsen. Herma zerzupfte mit ihren Zähnen die Knopflochrose und schaute in das starke Gesicht ihres Mannes. Sie waren so nah -- sie küßten sich. Der Horizont mit Stadtlichtern und einer geahnten Weite schien sich um sie in lieblichem Ringelreihen zu schließen -- von dem Ginster dort sang die Nachtigall eines Dichters und der Springbrunnen war der Friede. Der Mond stieg -- »Weißt du, Buberl, damals, als ich --« Ihr Arm hatte sich zu seinem Herzen geschlichen und hielt ihn ganz. Die Zigarette war ausgegangen. »Weißt du, daß wir glücklich sind?« -- -- Der Kies war wie Elfenbein und jetzt war ein Wind, der die Silberpappeln an der Einfahrt zittern machte, das Einzige, das zu leben schien. Die beiden atmeten und träumten. »Weißt du, wir sind im Himmel.« Eine Karaffe auf dem Tisch nickte ihren gleich schauenden Augen zu, Goldregen kam zu ihnen. Der Mond stieg und ließ Musik in ihr Herz. Ihre Körper wurden warm aneinander wie eine schöne Flamme. Frank summte leise eine Melodie. »Schau, Hermelein, hole deine Mandoline aus dem Herrenzimmer.« »Oh, was für eine gute Idee . . .« Sie biß ihn in das Ohr und fort war sie wie eine Katze. Er ließ die Arme von dem Fauteuil herabhängen und blies heitere Wolken von der neu angezündeten En A' Ala dem Mond ins Gesicht. Drinnen warf scheinbar beim Herunternehmen der Mandoline die gnädige Frau das Konsoltischerl um. Pum. Pum. Nein, es war wieder still. »Wo das Mäderl nur bleibt?« Im Ginster raschelte es. Frank erhob sich -- »sie hat wieder nicht Licht gemacht --« und trat in die Türe. Er wollte das »Elektrische« anzünden, das aber scheinbar nicht funktionierte und durchmaß deshalb im Dunkeln den nicht allzu großen Raum. »Weißt du, Mäderl, wir werden --« Da sah er, nachdem er die nächste Tür geöffnet, im süßen Mondschein eine weiße Hand, weiter nichts mehr. Denn ein furchtbarer Schatten fiel wie der eines Tieres von hinten über ihn, würgte ihn, ließ ihn nicht sich umdrehen, zog ihn zu Boden. Seine Hände spreizten sich -- »Jetzt gilt's -- Leben -- Herrgott --« -- ganz rohe pfauchende, laute Stimmen. Etwas kollerte er von sich und dann kam eine Spitze durch die Smoking-Brust und tat weh. Er schlug hart mit dem Kopf auf, hörte noch, wie Kasten aufgerissen, zersprengt wurden, ein Wimmern, schwere Schritte. Dann stürzte sein Himmel ein, rote Kugeln schossen vor seinen Augen hin, seine Hand hob sich, sank zurück . . . . .