Das zerstörte Idyll: Novellen

Part 3

Chapter 33,662 wordsPublic domain

»Dann treten Sie dorthin.« Der mittelgroße Mann im Frack stieß ihn vorwärts. »Pax tibi semper -- pax aeterna . . .« Ein Kreuz trat vor das Gesicht, der Mund spitzte sich zum Kuß.

»Auf jenen Polster, ja . . .« »Ich danke Euch, Herr.«

Und schon fiel -- ritsch-ratsch -- das Fallbeil herab. Das Lächeln war geblieben. Blutiger Stumpf starrte ins Gemäuer. Das herb vom Leib geschiedene Haupt trug seinen Segenswunsch, die Sonne aber hatte sich in dem blonden Haare verfangen und war mit in den schwarzen Sack gerutscht, der den Abfall empfing. Im Hofe des Gerichtsgebäudes von Marseille war Christus gestorben.

Die Welt ward dunkel wie das Antlitz von Pestkranken. Vom Zenit donnerte eine schreckliche Stimme über die Städte und Felder der Erde: »Weil einer von euch das Leben geliebt, aus wahrem Herzen und wie die Kinder, und _der_ ein Mörder war, so sollt ihr fürder dies Getränk, den Leib und seine Lüste nicht mehr freundlich schlürfen, sondern hassen . . .«

Die Wolke verzog sich. Am Himmel hing ein rötlich leuchtender Kopf und gab Licht. Die Erde ließ Stachelkräuter wachsen, zackige Kakteen. Selbstmörder bevölkerten die Metropolen, die Verbrecher waren Herren der Scholle, Mörder, die gekreuzte Beile bläulich über der Stirn trugen. Die Tiere sind ausgestorben, die Maschinen streiken. Blut floß und fließt in riesigen Strömen, bis in letzter Barmherzigkeit ein Satan die Wagschale zur Hölle stößt. Dort dürfen wir schmoren und wimmern und heulen mit offenen, schwärenden Wunden in alle Ewigkeit. Amen.

DER JUNITAG

IN der Wohnung des Sektionschefs von Hornische standen die Möbel schwer und altbraun herum und es roch nach Schmerzen. Die Doktoren sagten: »Man hat alles getan -- man muß lindern«. Frau Alwine von Hornische zeigte sich gefaßt. Sie linderte und ging herum wie eine böhmische Krankenschwester. Oft richtete sich noch Sektionschef Otto von Hornische mit dem Kaiserbart im Bett auf, fluchte laut und warf seine Spuckschale mitten ins Zimmer und schrie und ward rot: »Die Alte hinaus . . . mein Mädel . . .« und der Rest wurde von einem quälenden dumpfen Schmerzenslaut unterdrückt. Dann hieß es »Das Mädel muß heraus -- Krankenatmosphäre -- Tante Frieda . . .«

Das Mädel war die siebzehnjährige Tochter. Sie hieß Gretel und hatte Augen, grau, jungfräulich und zum Weinen unschuldig. Auch sonst war sie hübsch und schlank. Es ist eigentlich von ihr nur zu sagen, daß sie siebzehn Jahre und ein Mädchen war. Sie hatte noch nie geküßt.

***

In Tante Friedas Wohnung hatte der Dämon der Zeit die Makart-Buketts mitzunehmen vergessen, und man ahnte von ferne Reifrockzeit und Familienblätter. Gretel langweilte sich hier äußerst. Jeden Tag kam Mama herüber und erzählte. Gretel wandte sich roh ab und dachte: »Wenn nur der Alte schon . . .« Und Tante Frieda erzählte viel von Bismarcks Frau, die sie einmal gekannt zu haben vorgab. Es war ihr alles zuzutrauen. Gretel war ein Sportsmädel, wie es sie trotz versichernder Feuilletons der Presse und trotz Semmeringtouren doch wirklich gibt. Sie riß die Fenster auf und sah sich nach einer Tennispartie um. Tante Friedas Villa lag in Hietzing . . . . . .

Es war ein gesegnetes warmes Frühjahr. Gretel fragte plötzlich: »Du Tante, was für einem Herrn gehört denn die Villa dort drüben?«

»Hoflieferanten Schneider Striberny. Mein seliger Mann hat immer . . .«

»Ja und der sitzt immer am Fenster dort bei den Büchern . . .«

»Ah nein -- das -- das ist nur ein Gast von ihm. Ich glaube Geschichtsprofessor -- -- krank gewesen -- eigentlich verwandt mit euch -- -- -- wohnt sonst in Ottakring so -- Ja Gymnasialprofessor . . .«

Gretel lachte: »Sitzt immer bei die Bücher; bei so einem schönen Wetter.« Der Mensch dort drüben schaute auf. Gretel nickte: »Ja Sie mein' ich.« Dann spitzte sie den Mund und wollte pfeifen. Tante Frieda verwies es ihr. -- -- -- -- -- -- Gretel war seit einiger Zeit müd, abgespannt. Sie ging nicht mehr zu den Tennispartien. Beim Essen blickte sie auf, und ein Knödel hing gedankenvoll an ihrer Gabel . . .

»Der erste Mai ist heute. Und schon so warm. Man sollte etwas anstellen heute.« Sie streckte sich, daß man die weiche Biegung ihres Körpers sah. »Ich werde wieder hinein zu den Eltern fahren . . .« Tante Frieda putzte die schwere Brille. Sie murmelte etwas von: ». . . armer Vater . . . ringt . . . sowieso nicht lange . . .« Plötzlich fragte Gretel: »Was ist denn mit meinem interessanten Geschichtsprofessor?« »Wieder zu Hause . . . Ottakringerstraße.« Dann kamen Wiener Tascherln herein und das Obst. Gretel steckte sechs Kirschen auf einmal in den Mund und dachte sich etwas . . . . . . .

Um halb Drei setzte sie ihren schicken Hut auf. »Ich geh spazieren . . .« Draußen war alles grün in der Allee und Vögel sangen. »Warum nicht?«, dachte das Mädchen und »es is a Hetz . . .« Von der Hausmeisterin drüben bekam sie gewünschten Bescheid: »Ja, also jetzten, gnä' Fräul'n, bei saner Familie, Ottakringerstraße 157 im vierten Stock« . . . . . . . . . . . . .

Die feiertägliche Elektrische fuhr durch die staubige Vorstadt. Ihr Läuten und das Pfeifen und das Tönen der Trompete und »ja, ja, steigens nur ein, wir fahren nach Dornbach« -- alles schlängelte sich die nicht angestrichene Wand des verklebten, blinzelnden Zinshauses hinauf. Denn es war eine Haltestelle knapp vor dem Tore . . . Oft fluchte darüber Ludwig Hunner und sah von seinen Pandekten in die Gulyasduft und Staub tragende Viertestockluft. Die Knaben nannten ihn Hunzer. Er hatte ein Gesicht wie ein lyrischer Lustmörder oder wie ein Revolutionär aus Traurigkeit. Er war irgendwie mit reichen, mächtigen Leuten wie Hornische und so verwandt. Der Reichtum war wie ein süßriechender Kelch an ihm vorüber gegangen. Er war in seiner Jugend ein Aufwühler und etwas verrückt und also am Wege liegen geblieben. Jetzt loderte sein Fanatismus in Büchern aus Schweinsleder mit Bücherskorpionen und zusammengebraunten Seiten auf. In seinem Hirn glühten und verfielen noch immer Welten. Doch die Hand schrieb »nicht genügend« und über seine gigantische Nase war das Gefängnis einer Brille gelegt. Die Augen waren erloschen. Er hatte eine Gattin, welche nicht abließ, ihn »Luschi« zu rufen und ihm Kinder zu gebären. Sie liebte ihn, und er hatte sie aus Wut einmal gegen wen Andern geheiratet. Jetzt war ihr Leib reizlos, und Ludwig Hunner ging an ihr bröckelnd und fluchend zugrunde. Siehe, auch jetzt rief sie es wieder herein: den Schlachtruf ihres Lebens: »Luschi, der Kaffee wird kalt.« Und inzwischen schoß der achtjährige Sohn Jonas mit einer Luftpistole an die Wand. Ludwig Hunner aber exzerpierte gerade mit seiner kleinen zerschmetterten Schrift etwas über den dreißigjährigen Krieg und brüllte hinein wie zehn Löwen und seine Stimme kam noch immer aus einem feurigen Krater: »Ich komme sofffort!« Da läutete es draußen . . .

»Ja natürlich ist das eine unglaubliche Keckheit -- Aber ich hab mir gedacht, wir sind eigentlich verwandt. Und wissen Sie -- ich langweil mich sooo -- und ich hab Sie bei den Büchern sitzen gesehen und ich hab mir gedacht, Sie langweilen sich auch. Nicht? . . .« Sie schwieg und ihre Augen blieben an den waldigen Augenbrauen Ludwig Hunners haften.

Dieser brachte kein Wort hervor. Seine klobigen Hände zerknitterten irgend ein Papier. Er war eigentlich in dem »Dem-Herrn-Direktor-Vortrittlassen-ins-Konferenzzimmer« ein feiger Philister geworden. Aus dem Nebenzimmer kam der Kaffee gekrochen; eindringlich und braun.

»Wissen Sie . . . also man tut oft etwas Plötzliches mit siebzehn. So ganz etwas Plötzliches.« Sie . . . stand auf und in ihrem Innern dachte sie schon »So ein Blödsinn.«

»Ich könnte auch gehn.«

»Aber nein« -- er wurde lebhaft. Er nahm sie bei der Hand. »Eigentlich ist das ein großes Glück . . . habe immer auf so etwas Plötzliches gewartet als ich jung war.« Seine Stimme versank. Er führte Gretel ins Speisezimmer. -- -- »Also, Emmy, das Fräulein war so lieb und hat sich uns anvertraut. Sie ist ohne nähere Verwandte« -- er log aus Angst -- Gretel zuckte spöttisch mit den Mundwinkeln -- »ohne Verwandte und hat sich gedacht, wir werden uns ihrer annehmen. Wir werden ihr in Zukunft immer unser bescheidenes Heim zur Verfügung stellen.« Noch nie hatte er so lang und so weltmännisch mit seiner Frau geredet. Diese zwinkerte Gretel prüfend an, rief dann kreischend etwas von einer neuen Tasse in die Küche, verwies der kleinen Inga das Nasenbohren und der Anfang war gemacht . . . Ludwigs Glut war schon längst Zucht und Beherrschung geworden. Er war dabei allerdings ein wenig um die Theatralik und das Gepränge der gesprochenen und gehandelten Tat gekommen. Doch nun entzündete er sich, wie er mit einem so fremden, andern, neugierigen und selber angestaunten Individuum über den siebenjährigen Krieg sprach und Alt-Ägypten und Napoleon. Er fuhr sich mit der Hand einige Male über die Haare, die ungekämmt waren, und schob das kleine Mizzerl ganz aufgeregt beiseite, als sie sich auf seinen Schoß setzte und voll starren Staunens auf die weißen Mädchenhände Gretels blickte . . . Es war sieben Uhr geworden. Die Bücherdeckel erglänzten im letzten Sonnenstrahl. Gretel unterhielt sich geradezu. Sie dachte immer »Komisch -- sehr komisch . . .« Es kam über das Staubmeer ein Duft. Dann zündete Emmy die Petroleumlampe an. Gretel ging. Sie ging über die Stiege und lachte über das ganze Gesicht. Sie dachte . . . »Komisch . . . sehr unterhaltend -- also Napoleon hätte nicht mit Metternich sprechen sollen in Dresden und Amenhotep war der erste, der . . .« Sie lachte laut heraus und stieg fast in einen H2-Wagen ein, der sie nie nach Hietzing gebracht hätte. Oben trank Ludwig Hunner ein Glas Wasser in einem Zug aus, richtete seine aus der Fassung gebrachte Krawatte und rief dann ins Nebenzimmer »Emmy, unser Abendspaziergang!« Worauf er mit Kind, Kegel und Gattin in irgend einen Dr. Karl Lueger-Jubiläumspark ging, der rhachitische Kinder und staubige Reifen ahnen ließ -- -- -- -- -- --

Es gefiel Gretel von Hornische in der Ungewaschenheit und Stilwidrigkeit des staubigen Kleinbürgertums herumzurühren. Sie ahnte auch irgendwo einen Brand, etwas Außerordentliches unter diesen Abzahlungsmöbeln. Sie kam öfter im Mai in die Ottakringerstraße. Sie sagte ganz offen zu Tante Frieda: »Ich gehe zu armen Verwandten. Aber laß mich mit deiner blöden Tennispartie aus.« Sie starrte die Hände Ludwig Hunners an, die die Hände eines Bergarbeiters waren. Ihre Neugierde wuchs; sie drehte sich im Nachmittagsschein vor dem Fenster und legte ihren Kopf auf die Hände. Und es erwachte die kleine Bestie in ihr. Ludwig Hunner aber sprach laut und deutlich. Er sprach jetzt von seinen Wünschen und Ambitionen. Gretel blinzelte. In muffigen Ehegebührsumarmungen, bei Kind und Nachttopf und hängenden Brüsten war in Ludwig jeglicher erotische Sinn abgestorben. Nur manchmal nahm er ein Stück Monatsgehalt und lebte sich aus. Trotz allem sah sein ästhetisches Auge, wie unglaublich gut diese Linie war, wenn sie sich bog, und die Hüften waren schlank und aufreizend. Er mußte auch lächeln; »Warum lachen Sie?« »Ich dachte, daß es eigentlich sehr komisch und sehr nett von Ihnen ist.« »Was denn?« »Daß Sie zu uns kommen.« Seine Stimme bebte. Später sah er ihr nach, gelehnt an seine älteste Tochter Karla, die dreizehn Jahre war, und zittrige Haarsträhnen krochen über ihr Gesicht. Gretel kehrte sich um und winkte herauf. Ihr Kleid leuchtet wie roter Mohn. Ein Gewitter-Windstoß fuhr Ludwig in die Haare, die er sich am nächsten Tage schneiden ließ . . . Er ließ sich auch den Schnurrbart abnehmen . . . Vater von Hornische rang noch immer. Tante Frieda meinte, die Besuche müßten aufhören. Gretel ging jetzt justament hin und fast jeden Tag. Gretel kam einmal unvermutet gegen Abend noch einmal. Sie hatte ihr Tascherl vergessen. Sie sah Ludwig nicht am Arbeitstisch. Aber über seiner Schreibmappe thronten, unten angeschwärzt und umgekehrt, zwei Röllchen. Dies wirkte furchtbar komisch. Sie mußte auch sehr lachen. Als Ludwig hereinkam und die Szene erkannte, bekam er einen guten Zorn, einen Bubenzorn, und warf die Röllchen mitsamt den 40 Heller-Imitations-Knöpfen in die Ottakringerstraße hinab und schrie ein ordinäres deutsches Schimpfwort. Gretel staunte. Aber Emmy mußte vier Tage hindurch Manschetten annähen, trotz ihrer Schwangerschaft -- -- -- -- -- -- -- -- --

In dem Hause und der Wohnung Ottakringerstraße 157 gab es viele Dinge und es war eine bewegte, kreischende Symphonie des Mittelstandes und der Arbeit. Es gab enge, verschrumpfte Drehstiegen mit unheimlichen, offenen Gasflammen, die zischten und pfauchten. Und einen Hof, in dem plötzlich in der Mittagsglut der Mehlspeisendüfte wandernde Sänger auftauchten und ihr Lied aufsteigen ließen, das da gewöhnlich ging: »Hupf mein Mäderl!« Vorn spielten Rotznäschen und schwarze Finger am Trottoir, das Risse hatte, mit undefinierbaren Kugerln. Und Klopfbalkons und Gerüche sämtlicher Kuchen Wiens. Da war eine Köchin mit stets aufgesprungenen, roten Armen, die jeden Dienst bei Hunners verrichtete. Sie roch aus dem Mund. Stühle waren vorhanden, die wackelten, und halbtrockene Windeln im Gangerl und fünf Kinder und der Knabe war gewalttätig und schlug Lärm. Ferner Nachttöpfe, die sehr begehrt waren, und ein Bett, das nie gemacht war, und Flüche und Häuptelsalat, worin eine Raupe umherkroch, und Mizzerl kreischte dann: »Schau, Máma, ein Vieeech!« und Zinnsoldaten am Boden zerstreut und ein Kübel mitten im Zimmer und an den Wänden Stiche aus der »Gartenlaube« und die gelbe, häßliche Uhr ging um eine Viertelstunde zurück und Berge, Berge von Büchern und Scripten und Heften, beklexten und halbvoll geschriebenen. Und »Pápa, darf ich heut in den Zirkas gehn?« und »Emmy, heute ist Konferenz, gib den Schlußrock heraus!« und der Ehrenteller bei Tisch war auch schon gesprungen und die Lotti hat sich einen Schiefer eingezogen. Über allem aber thronte, frisch und herrlich, Gretel von Hornische . . . . . . . . .

Mama spannte sie hie und da zu kleinen Dienstleistungen an. Trotzdem lächelte sie und kam weiter hin. Sie gingen auch manchmal zusammen nach Dornbach hinaus in den Wald -- -- -- Es war ein warmer Mai -- -- -- Einmal gingen Gretel und Ludwig mit der kleinen Marie. Plötzlich sagte diese: »Geh, Vater, geht's voraus -- ich hab da so viel schöne Veigerln gesehn!« Sie bückte sich und pflückte. Gretel lachte und sie gingen zu zweit weiter. Ludwig fuhr sich am Hemdkragen herum und etwas sagte in ihm: »Du bist verliebt.« Er aber erklärte, daß der Tag herrlich sei. Gretel lachte und war neugierig. Da sagte er: »Das Kind ist gescheit«, und küßte Gretel auf den Mund. Sie küßte ihn wieder und beide bluteten dann ein wenig. Am Rückweg fragte Gretel, ob sie wirklich verwandt seien, und sagte dann: »Da sind Sie ja mit Kinskys verwandt. Wir sind es nämlich.« Sie freute sich, daß sie doch nicht nur die glutvollen Lippen einer Feuerseele geküßt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Es war Juni. Es war bereits heiß. Wenn Gretel jetzt kam, ließ sie sich die Hand so von innen küssen und den Nacken und sie sagte möglichst kühl: »Gut, daß du rasiert bist!« Es war aber auch in ihr Juni . . . Ludwig Hunners Philisterherz zerschmolz zu dem heißen Steinkern seiner einstigen Jugendlichkeit. Wieder türmten sich die Gedanken und lauerten auf die Tat. Seine Seele hielt die Zügel und den Atem an . . . . . . . Arbeiter sangen, Elektrische und Automobile rasselten, es leuchtete drüben über dem Wienerwald. Die Luft war schwer. Im Speisezimmer flackerte das Petroleumlicht und der Aufschnitt stand auf dem Tisch. Gretel war heute auch zum Abendessen da; weswegen Mizzis neues Barterl vorhanden war und man es Jonas verbot Nägel zu beißen. Das ganz Kleine weinte, weil es Angst vor Gewittern hatte. Emmy stand nun auf; sie war gelb und, wie gesagt, wieder einmal in der Hoffnung. Ihr Leib war gedunsen und sie sah wie ein Traumbild Goyas aus. Sie stand auf und wankte hinein und man hörte sie erbrechen. Mizzerl lief ihr nach und die andern Kinder bekamen Angst und rannten aus dem Zimmer. Ein Bierglas war umgefallen und der Zylinder der Lampe knackte. Ludwig saß da, starr wie ein Stier. Gretel aber rief, flötete, sang: »Küß mich!« Er sprang auf, hob sie, trug sie aufs Sofa, riß ihr die Bluse auf und küßte sie auf die kleinen, zarten Brüste und den Lilienhals. Sie biß ihn und flüsterte sommerhaft und mädchenglutend: »Ich liebe dich!« Es weinte aber ein kleines Kind nebenan. Ein Donner schreckte die beiden auf und Emmy rief: »Also vorwärts, zu Tisch, Kinder!« Und man versetzte sich zurück in die Gefilde der Bürgerlichkeit und Gretel erklärte, sie sei beim Uhraufziehen an einem Nagel hängen geblieben und schade um die schöne Bluse. Die alte Uhr ging aber wirklich plötzlich. Unten sang man: »Trink ma no a Flascherl . . .« und Jonas gab fest und knabenhaft seiner Meinung Ausdruck, er esse keine Dürre nicht. -- -- -- Obwohl es gegen Schulschluß ging, war Ludwigs starre und strenge Observanz doch so geschwunden, daß er sich um das Gymnasium gar nicht kümmerte. Er holte jetzt Gretel in Hietzing oft ab, sie gingen in einen Wald hinter der Einsiedelei. Es war vier Uhr und durch Blätter kam weiße Hitze und sie küßten sich. Das siebzehnjährige Mädchen war älter und wieder frischer als der Mann und ihre Leidenschaft sah Ziele. »Seltsam, daß ich mich in dich verliebt hab« und »wenn mein Vater stirbt, läßt du dich scheiden, wir heiraten. Oder ich ziehe in die große Wohnung und ich werfe Mutter hinaus und du wirst mein Geliebter. Übrigens habe ich da jetzt eine sehr nette Tennispartie gefunden, vielleicht lasse ich dich fallen . . .« Da wurde dann sein Gesicht zerrissen und gewaltig und sie bekam Angst. Manchmal dachte sie: »Ich liebe ihn wirklich, sicher, und es ist meine erste Liebe und seine Küsse sind Glut-Küsse, ah . . . Aber ich bin eine Jungfrau und muß klug sein.« Und: »Sollte ich nicht plötzlich verreisen?« Denn oft war es ihr, als wüchse seine Schwerheit und Trauer über sie hinaus, sie wollte sich verkriechen und, als er einmal brutal wurde -- nur einmal -- und sie auf einem Spaziergang in ein Stunden-Hotel zerren wollte, schrie sie so laut, daß Passanten stehen blieben und er ohne Gruß fortstürzte . . . Denn sein Inneres war ohne Weg und Form. Er torkelte zwischen Entschlüssen und Taten hin und her wie ein Betrunkener. Er kaufte sich einen Revolver; er wollte sich in die Donau werfen. Er wollte ganz schlicht und einfach eine Ehescheidung einleiten. Er wollte Gretel nicht mehr sehen. Er wollte mit ihr fliehen. Er wollte vieles . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Am Abend des 26. Juni sagte Gretel ihm an der Gartentür in Hietzing adieu und, daß sie morgen wahrscheinlich nicht kommen könne, denn ihr Vater liege in Agonie. Ludwig sagte: »Gute Nacht, mein Liebling!« und war ganz weich. Wolken zogen über seinen Weg, als er heimging . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

(Seine Frau kränkte sich schon lange und hatte auch Szenen gemacht. Ludwig sagte immer: »Aber laß doch!« und »gardez les enfants!« Tante Frieda ihrerseits schüttelte nur den Kopf und in Hietzing lächelte man) . . .

Da kam der 27. Juni. Es war schon am Morgen heiß und man ahnte, dies sei ein Tag der Züchtigung und der Glut. Doktor Schwalbenschwanz hatte sich um ½9 in der Ottakringerstraße eingestellt, hatte »Hm, hm« gesagt und die gnädige Frau werde gegen Abend niederkommen und die Hebamm', ja, ja, er werde schon alles ordnen. (Die Kinder waren schon seit drei Tagen bei den Großeltern mütterlicherseits.) Ludwig ging mit großen, idiotischen Schritten in seinem Zimmer auf und ab. Er schlug bald die Geschichte der Kolonial-Entwicklung auf, bald die Chronika der Stadt Nürnberg. Dann setzte er sich, strich sich über die Haare, lächelte befriedigt. Wurde unruhig, zerspitzte einen roten Bleistift und band sich einen neuen Schlips um. Zu Mittag warf er mit einem gewaltigen Aufbrüllen die Köchin, die ihm einen »falschen Hasen« hereinbrachte, zur Türe hinaus und aß überhaupt nur ein Stück Semmel und ein wenig Kirschen. Um ½3 Uhr ging er dann zu seiner Frau hinein, streichelte sie und sagte, er sei gleich wieder zurück, er müsse sich nur ein Buch besorgen. Hierauf ging er zum Thermometer im Hof, konstatierte, daß es 26 Grad im Schatten habe, nickte mit dem Kopf und nahm aus einer Lade den Browning. Dann bestieg er die Tramway, nahm sich eine 20-Umsteigen und fuhr über den Gürtel gegen den Parkring. Ja, ihr Vater war heute dort gestorben und er mußte sie sehen, heute sehen, gerade heute. Er fuhr im hintern Beiwagen. Neben ihm troff ein bläulicher Mann von Fusel und Schweiß. Die Fenster waren offen. Man sah die grünen Kastanienbäume und das aufgerissene Pflaster unserer Stadt. Die Blätter waren hie und da gegelbt von der Hitze, und die Arbeiter hatten das Hemd offen und zeigten die zottige Brust. Dort sprachen zwei mit Rackets von einem Tennistournier. Um die Ecke der Märzstraße zog ein Knabenhort und die Trompete klang schrill. Am Getreidemarkt hatte ein Roß gescheut. Leute liefen hin und her, Wache war da. Ludwig richtete sich auf und, als er einen umgestürzten Streifwagen sah, dachte er nur: »Ah, ja -- ganz klar.« Im Palais Hornische sagte man ihm dann, da er sich für einen Abgesandten des Tennisturniers ausgab -- er hatte etwas von Gretel gehört und benützte diese unwahrscheinliche Ausrede -- »Ach, ja, gewiß« -- und der Portier blickte von oben herab -- ja, der gnädige Herr sei gestorben -- das gnädige Fräulein könne natürlich nicht zum Tennisspielen kommen -- sie sei aber zu Verwandten nach Dornbach oder so, um ihnen die Nachricht mitzuteilen. Ludwig lachte ihm ins Gesicht und klopfte ihm mit seiner gewaltigen Hand auf die Schulter und floh dann fort. Rannte zur nächsten Elektrischen und dachte -- »Ah -- ah -- sie mußte mich auch sehen -- nun ja, 26 Grad -- morgen sind Wahlen.« Einer sprach von Schuhmeier und Lueger selig . . . . . Gretel war vom Sterbebett -- es sah unordentlich und gar nicht wie ein Paradetod aus -- es war zu sommerlich, um im Bett zu sein -- sie war also unter irgend einem Vorwand weggestürzt. Sie rannte zu Fuß über den Gürtel, sie wußte nicht, was sie wollte, sie mußte ihm etwas sagen, sie zitterte, es flimmerte ihr vor den Augen. Nur heraus aus dieser Dumpfheit, dieser Krebsluft. Sie wollte mit ihm einen Ausflug nach Rodaun machen. »Das geht aber nicht, man darf sich nicht kompromittieren.« Sie seufzte. Keine Wolke war am Himmel. Sie kaufte sich Gefrorenes und verzehrte es trällernd. »Herrgott -- die Sonne ist was Schönes!« Auf der Stiege trafen sie sich dann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Warum packst du mich so roh an der Hand?« Er zog sie in sein Zimmer. »Du -- ah -- du!« Die Rouleaux waren herabgelassen; es war bräunlich im Zimmer. »Küß', ja, küß' mich!« Sie waren ans Bett getaumelt. Er zerrte an ihrem Haar, an ihrem Kleid. In seinem Gesicht stand mit großen Zeichen die Sommerwut der Hunde zu lesen. »Nein -- du laß -- schau -- es geht doch nicht s« Jetzt war etwas Schwärzliches da. Sie schlug ihm den Revolver aus der Hand. »Bist du wahnsinnig? -- aah -- mit Gewalt?!« Sie rüttelte an der Türe, die versperrt war. »Du -- Du« Ihre beiden Schultern bebten vor Erregung. Er stand breit da wie ein brunftendes Tier. Sie sprang ihm mit den Händen ins Gesicht. »Du Prolet -- du Kot-Mensch!« Sie kratzte. Er packte sie bei den zarten Handfesseln und schleuderte sie zu Boden. Einen Augenblick wimmerte sie, dann ein Schrei -- doch er sprang an ihre Gurgel und schleuderte sie hin und her. Jetzt war nur mehr Lachen, ihr Lachen, ihr triumphierendes Lachen da. Es sprang von den Büchern herab, von der Wand herab in sein Hirn . . . . . . . . . . . . . . . . .

Da erwürgte er sie.

DIE KINDER DES HERRN HAUPTMANNS