Das zerstörte Idyll: Novellen

Part 2

Chapter 23,606 wordsPublic domain

In der Stadt Köln ereignete sich aber in den nächsten 16 Tagen noch immer nichts Erwähnenswertes. Allerdings auffallend erschien ein gewisses zwangloseres Benehmen der Einwohner. Tanzunterhaltungen, Sommerfeste, die gegen zwei Uhr in ein wüstes Getümmel verliefen, dem am nächsten Tage Duellforderungen, Selbstmorde folgten, gehörten nicht mehr zu den Seltenheiten. Dabei war die Laune der Bevölkerung eine übertolle zu nennen, die Sterblichkeit ging zurück, die Neger funktionierten tadellos. Es standen jetzt häufig Gewitter am Himmel, die sich oft in Hagelschauer entluden, wobei rötlich-weiße Körner niedergingen. In der Nacht dann, wenn die keuschen Sterne sich wieder verdutzt blicken ließen, schlichen kleine Gestalten, wie Kaulquappen, an den Häusern hin, hinauf die Treppen, schlüpften durch das Schlüsselloch, setzten sich in die armen Hirne der Schläfer. Sie schienen dem Prinzen ganz ferne zu stehen und auf eigene Faust zu operieren. Der war schon am 17. Juli mit seinem Palaste bei Brühl fertig geworden. Er wurde bei allen Redouten und Maskenfesten gesehen, als rosaroter Page verkleidet reizte er durch sein sinnloses Trinken und Küssen die Gesellschaft zu einer ungewollten Ausschweifung, die in der Gestalt von Alkoholvergiftungen in den besten Familien unpassende Blüten trieb. Die Frucht schien reif. Vielleicht durch den Widerspruch der Geistlichkeit, die noch immer gegen die Arbeitslosigkeit wetterte, angeregt, erschien eines schönen Julisonntags nach dem Hochamt im Dom Alvio auf der Kanzel und sprach zum Volk. Er begann: »Jedem seine Meinung in Ehren . . .« Aber jetzt wäre es Zeit. Er lüde sie alle zu sich aufs Schloß. Dann stieg er hinunter und ging geradeswegs in der Menschenmenge auf Dr. Halb zu, den schönsten Mann der ganzen Rheinprovinz. Der Prinz lächelte und klopfte dem gewesenen Ministerialbeamten auf die Schulter. Die Leute wurden schon aufgeregt und drängten sich warm und fest aneinander -- in ihren Mienen standen Angst und Würdelosigkeit. Hände tasteten und griffen, Füße wollten zueinander, durch den gewaltigen Raum schlich auf einmal nur mehr ein dummes, armseliges »Dominus vobiscum . . .« -- dann sprangen die großen Türflügel auf. Die Orgel begann einen Two-step zu spielen, die Priester am Altar erstarrten, die Menge drängte gegen das Tor. Der Platz draußen war rosengeschmückt und durch die Sonnenglut gingen zwei Herren im Jackett auf ein bildschönes Mädchen zu, das ihrer augenscheinlich harrte. Der eine Herr machte eine einladende Geste mit der rechten Hand. Hierauf flammte in der schwarzen Masse der Gläubigen ein Schuß auf, der ziemlich gewaltsam von den gotischen Hochsäulen zurückgeworfen wurde, man sah, wie einer eine Frau aufhob und forttragen wollte, die Altäre zitterten. Das Chaos der Gemeinsamkeiten brach los. Scham war tot und die lebendigen Rosen waren Brautbett der Fürsten und Gemüsemädchen. Inzwischen fuhr Claire mit dem schönen Dr. Halb in himmlischer Nacktheit in das Schloß der Lüste. Der blasse Prinz ging aber am Domplatz auf und ab, auf und ab und seine Haare hingen feucht in die Stirn. Er konnte das Begattungsgebrüll nicht vertragen und hatte sich Wattestöpseln in die Ohren gesteckt. Als die Gräfin Balthes auf ihn zurannte -- der Rock zerrissen und um den Mund Blut -- ließ er sich in ihr Haus zerren. »Mich hat noch keiner gehabt -- du -- du --.« Ihre Lenden boten sich ihm schamlos dar. Er ging zum Erker und schaute zum Domplatz hinunter. Er grinste: »Ich habe Fieber.« Und dann: »Liebst du mich?« Die Gräfin sprang ihm an den Hals. Er wurde ganz sanft. Eine Wolke war vor die Sonne gezogen. Aus dem Nebenzimmer -- oder war es über ihnen? -- klang Gepolter umfallender Sessel, Klirren von Gläsern, Ächzen. Am Domplatz floß Blut. Ein Haus in Deutz hatte zu brennen begonnen, und schwarze Maschinen trugen Verwundete, Bewußtlose ins Spital. Der Himmel war gelb vor Weh und Geilheit. Der drinnen streichelte höflich und erlöserhaft der Gräfin Haar und beugte sich zu ihr. Er flüsterte ihr ins Ohr: ». . . und hätten der Liebe nicht.« Er unterließ es auch nicht, sie dabei im Nacken zu krauen. »Du -- weißt du, meine Schwester ist die Schlange.« Worauf die Gräfin aufheulte und schwarz im Gesicht ward. Sie krümmte ein wenig ihre aristokratischen Fingerspitzen und war tot . . . Der Prinz bedeckte sie mit einem Tuch und fuhr mit seinem Auto nach Brühl. Dort erschoß er den schönen Dr. Halb, wie er gerade aus Claires Schlafzimmer kam. Er selbst legte sich zu ihren Füßen hin und schlief bald ein. Sie aß kandierte Früchte und lächelte lieblich wie ein von Gott besoldeter Engel . . . Alle Hirne hatten sich anders eingestellt, die Temperatur in aller Adern stieg auf 39,6°. Das Banner der Zügellosigkeit flatterte über die Dächer. Daß Handel und Industrie nicht lahmlagen, hatte man nur den trefflich funktionierenden Negern zu verdanken, die stets an ihrem Platz waren. Sie waren unentbehrlich. Fast wie Alvio, der mit dem scharlachroten Lieblingsauto von Ort zu Ort, von Gasse zu Gasse fuhr. Er stieg aus, sprach da und dort ein Wort, legte den Frauen die Hand auf die Augen, daß sie weinten. »Also übermorgen«, sagte er jedem, »das Fest. Ihr kommt doch?« Und die verwirrt schlagenden Herzen, die Hirne, in denen der Wahnsinn saß, schnappten ein »Ja.« Denn der Bann, der von ihm ausging, hielt sie alle. Manche -- besonders Professoren, ehemalige Offiziere und andere Ehrenmänner -- begannen zu zittern, und aus allen ihren Poren brach Schweiß. Die Geistlichkeit hatte sich scharf gegen ihn gewehrt. Er aber versprach Messen, ließ goldene Kruzifixe, Meßgewänder in die Pfarreien tragen, daß sie schwiegen. Im niedern Volke hatte die Syphilis scharf um sich gegriffen. Der Prinz ging zu jedem Kranken hin und siehe -- man wurde gesünder, fast gesund, wurde weiter gepeitscht. Tag und Nacht. Haus und Gasse und Herd und Kirche und Bett waren eins. Wo man müde war, schlief man ein. Das Pflaster war weich und gab nach, die Luft zart und schwül. In der Nacht hing ein Gestirn am Himmel, hell wie die Sonne, nur viel röter. Am 38. Juli fand unter Massenbeteiligung das Hochamt der Lust im Kölner Dom statt. Claire vereinigte sich mit dem Prinzen, die Erde dröhnte. Sonst schien der Kosmos keinen entsprechenden Anteil zu nehmen. Da war das Ausland schon bedeutend lästiger, das telegraphisch sich erkundigte, anklopfte an die Türen von »Libertia.«

»Wir wollen ihnen das Evangelium des Lebens bringen«, sagte der schlanke Keppel, Privatsekretär des Prinzen und Two-steptänzer.

»Noch ist es nicht an der Zeit. Nach dem Fest.« »Wo willst du übrigens so viel Tausende in diesem Schloß bewirten?« »Warte . . .«

Ja, im Schloß herrschte eine fieberhafte Erregung. Alles wurde mit Blumen, Düften und Tieren geschmückt. Der blasse Prinz ging oft tagelang nicht aus seinen Zimmern. Eines Tages hörte seine Mutter, die jetzt heiterer geworden war, ihn seufzen. Sie selbst durfte nicht eindringen, darum schickte sie Claire hinein. Claire -- ja, kennt ihr Claire? -- manchmal ist sie euch sicher schon begegnet, Claire, die Schlanke, Claire mit den verschleierten Augen, Claire, die Schlange -- nun, Claire bog sich, als sie bei der Tür stand, ein wenig rückwärts und der Prinz lächelte wieder und nahm sie fröhlich hin. »Ach, wär' ich geblieben doch in meinem Garten« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

In dem Lande der Wollust rüstete sich unterdessen alles zum großen Fest. Kinder, die damals zur Welt kamen, wuchsen in Stunden so groß, wie sonst in Jahren. Und nur einer ging seines Wegs: Bachmann, der die Welt haßte. Vor dessen Haus fuhr aber zwölf Stunden vor Beginn des Gelages Prinz Alvio vor und erwürgte ihn höchsteigenhändig . . . . . . . . . .

Der Palast war in drei Trakten erbaut. Die beiden Seitentrakte waren für die Privatgemächer bestimmt, in der Mitte erhob sich das goldene Haus des Festes. Sein Grundriß war ein Dreieck, aus sich verjüngenden, viereckigen Sälen gebildet. Der Rest bestand aus unregelmäßigen Gängen und Gemächern, die stets verschlossen blieben. Am Vorabend des großen Tages erschien ein feuriges Transparent am Nachthimmel, auf dem stand: »Alle, die ihr _gesund_ seid, kommt!« Am nächsten Tage startete man nach Brühl hinaus. Im Aeroplan, im Auto, zu Fuß, im Marathonlauf. Die Frauen von den Männern getragen, geführt, geschleppt. Ihre Lippen höhnisch und siegessicher. Die Negermaschinen waren zurückgeblieben, um die Städte und Kranken zu bewachen. Als man um ½6 vor Brühl anlangte, fuhr der Menge schon Alvio und Claire entgegen. Der Palast würde erst um 2 Uhr nachts geöffnet. Dann bekam man ein Fußballmatch zu sehen, die siegreiche Mannschaft wurde bei 2:1 von der Menge zertrampelt. Um 8 Uhr kam von einem der benachbarten Hügel Musik, vorher noch nie gehörte, unfaßbare, den Begierden zu sanft -- man schrie, warum hat man uns hierher gebracht? -- einen Rechnungsrat traf vor Ärger der Schlag. Doch mußte man sich notgedrungen beruhigen, da um 9 Uhr alle, wo sie saßen und lagen, friedlich einschliefen. Der Prinz -- im Frack, die Orchidee im Knopfloch, -- stieg mit Claire zwischen den Körpern umher und kitzelte dicke Beamtensgattinnen. Um 2 Uhr erwachte man, sah die Türen offen und fühlte sich merkwürdig rein. Man betrat den Palast. Der erste Saal war wie ein Garten -- große, gelbe Sonnenblumen, eine Märchenmusik -- Katzen, Papageien, Löwen, Tiger und Schlangen, alles furchtbar friedlich und harmlos. Ein kleines Mädchen, das erst vor sechs Stunden zur Welt gekommen war, rief: »schau, wie das Paradies.« Die Menschen benahmen sich auch etwas ungeschickt, zertraten Blumenbeete, flirteten blöd herum und wollten schließlich tanzen. »Tanzen, ja, tanzen bitte!« Die Mäderln drängten sich um den Arrangeur, der grün und zwerghaft war. »Wo ist der Prinz?« »Der Prinz und seine Schwester warten auf Sie im letzten Saal. Kommen Sie nur.« Der nächste war schon etwas salonhafter. Einige waren allerdings zurückgeblieben und sprachen mit kindlichen Zwergantilopen, aber die andern -- ich bitte, das war ein flottes Gehüpfe. Es wurde da gleich etwas heißer. Der feurige Cymbalwalzer -- bald war die frühere Temperatur erreicht. Und dann weiter und weiter von Saal zu Saal. Hinter den Vorwärtsstürmenden wurde es dunkel und ging der blaßmachende Tod. Verwandlung auf Verwandlung um sie, in ihnen. Da waren sie nackt und nur ein mattes Holzfeuer vom Kamin schien über stöhnende, verschlungene Glieder, aus der Luft kamen flüsternde Stimmen. Dort rasten sie zwischen überhellen Spiegeln dahin, fingen sich -- in Tierfelle gehüllt -- Lichtkaskaden, schrille Schreie -- und dann sahen sie sich plötzlich auf dem Parkett des letzten Saales.

Die Mauern waren von Muscheln, und es brannte ein einziger Luster voll Kerzen. Sie sahen sich als Nonnen, und dort die Herren hatten einen Frack an, statt der Blume aber eine riesige Kreuzspinne im Knopfloch. Gemessen die Bewegungen und fast steif. Still. Still. Die Musik schwieg, man starrte sich an. Still. Es waren hier nur mehr wenige. Repräsentanten, schöne, kraftvolle Männer, süße, schlanke Frauen. Ein aschblondes Mädchen rief: »Wo sind die andern?« Still. Ganz leise gingen die Tore hinter ihnen auf. Alles lag hellblau in der Reihe der Säle da. Still. Sie drehten sich wieder. Die Kreuzspinne begann zu kriechen und kroch, wenn sie sich faßten, den Frauen unter das schwarze Nonnengewand. Von oben tropfte Blut, das vom Himmel kam, denn das Dach war auf einmal fort und alles war leer. Still. Der Prinz trat unter sie. Er hielt eine kurze Ansprache. Um seinen Mund ringelte sich eine Schlange. Er war sehr schrecklich anzuschauen, denn seine Augen waren nur weiße Lichter. Hinter ihm kam es jetzt schwarz und unermeßlich durch die Säle des Todes, mit großen Händen. Ein klirrendes Orchester aus Blech und Furchtbarkeit wurde vernehmbar. Die Hände wollten zupacken, der Prinz grinste. Der Schrecken trieb die Menschen durcheinander -- jagte sie wieder zusammen. »Hier -- du --« Die Nonnengewänder flogen, die Spinnen hatten sich auf die Frauenbrüste gesetzt und sogen Blut, die Köpfe wuchsen ineinander. Die Neger warfen sich unter sie wie mähende Sicheln. »Du -- nein -- ich will dich -- dich -- nimm mich -- trag mich fort --« Die gelben Augen der Schwarzen waren schon nah. . . . da rief eine große und traurige Stimme: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und . . .« Der Tod trat in den Saal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Das Weltbewußtsein rüttelte sich nach einiger Zeit schweißbedeckt aus seinem Fiebertraum und suchte den Satan weiter in Erdbeben, Eisenbahnunglücken und Gehirnkrankheiten, nur nicht in der Liebe.

DAS LÄCHELN DES GEKÖPFTEN

IM Jahre des Heils 1914 schienen die Angelegenheiten dieser Welt zu einem Punkte gediehen, der sie für den Henker reif machte. So ging es nicht mehr weiter. Unbedingt nicht. Man glaube nicht, daß etwas Besonderes geschehen sei. Nein, im Jahre des Heils 1914 war alles so, wie es eben gewöhnlich war. _Hört_: Gesellschaften drehten sich im Kreisel dummer Walzerhymnen, Flirt verwirrte sich tief in das Innerste des Fleisches, dazwischen flogen Revolverkugeln der Revolutionäre und Selbstmörder, Dirnen mit offenen Haaren. Über Apparaten und dicken Büchern saß bärtige Wissenschaft, über jungfernweiße Bergrücken rodelten Sport und rote Wangen, Wahnsinnige nagten an Stäben, Audienzen wurden erteilt, in hohen Sälen flossen Orden hernieder und stiegen Reden. Kaffeehäuser in Bukarest, Lissabon und San Francisco und allem, was dazwischen liegt, rollten Billardkugeln gegeneinander, ließen Meinungen in Zigarettenrauch verwehen, kuppelten Bürger und Boheme. Einer schrieb Bücher, ein anderer stand mit fleischigen Armen vor der Backstube des Lebens, im Kimono wurden galante Besuche erwartet. Akten und Geschreibsel, dicke Bäuche und Brillen lenkten das Getriebe. Ein Genie war besoffen, Tausende Arbeiter erstickten im Bergwerk. Kirchen, Schulen, Bordelle, Institute, Gefängnisse, Ballokale, Haus und Wiese und Wald und Feld: alles war überfüllt. Zu den Schaltern des Schicksals drängten sich Milliarden, um den neuesten Film zu besehen. Doch auch die Seelen aller waren voll wie Säcke, Ursache und Wirkung lösten sich in dümmster Selbstverständlichkeit ab, was man nicht gleich erklären konnte, wurde psychologisch ausgeschöpft, und je komplizierter die Untiefen erschienen, desto lächerlicher war der Rätsel Lösung. In den Herzen der Wesen, die zwischen längst aufgedeckten Nord- und Südpolen herumkrochen, war jegliches Gefühl religiöser Scheu abgestorben, und der Kampf ums Dasein war zum Geraufe zwischen Hemmungen und Frechheit geworden. Bettler hatten ein Innenleben und dachten nach, Tiere und Landschaften waren Ornamente einer Stimmung, Erotik auf Flaschen gezogen und für Kunstwerke verwendet. Kurz, das Gefüge der Maschinen war so kompliziert geworden, daß der Irrgarten der Geschehnisse im Wahnsinn der verschlungenen Linien sich wieder zum höchst simpeln Kreis schloß, der ohne Anfang und Ende war. Das Schmieröl roch stark, die Achsen knackten, Gott, der Herr, beschloß, dem ewigen Treiben ein Ende zu bereiten.

Engelchöre sangen den abgedroschenen Schöpfungshymnus, in himmelblauen Seligkeiten schwammen Düfte und gebrauchte Lustgefühle. Bei der Himmelstür spielten die beiden wachthabenden Engel ihr Schach. Zu Petrus aber sprach der Herr und strich sich über das glatt rasierte Kinn: »Nein, so war dies nicht geplant. Als ich mit dem Chaos um die Zukunft würfelte und gewann, da wollte ich doch nicht Übles durch Übleres ersetzen. Unordnung, die sich als solche bekannte, durch Heuchelei, in der alles doch verschmiert und planlos hingeht. Nein -- fort -- ein anderes Bild.«

Schon hob sich die ringgeschmückte Hand des Schöpfers, um abzuwinken. Riesige Männer mit Stangen waren in den Thronsaal getreten und erwarteten den Befehl, einen kleinen, kosmischen Zusammenstoß zu veranlassen. Im Erdbebenbüro und in der Seuchenverschickungszentralstelle herrschte fiebrige Geschäftigkeit. Architekt Baron Julius Stil, Baumeister der Erde des Mars, beeideter Sachverständiger in Pflanzen-, Tier- und Menschenleibern, legte schon neue Pläne vor, von achtzehnbeinigen Wesen mit durchwegs blauen Augen -- vielleicht probeweise 200-300 Stück -- gehirnlos, nicht? -- einen enormen Geruchssinn für das Ganze als Ersatz? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ja, im Himmel ging alles schnell. Doch war es noch der Überredungskunst des schlanken Petrus gelungen, Gott vor der endgültigen Entscheidung zu bewegen, wieder einmal zuzusehen. Sie traten in das Beobachtungszimmer (4. Himmel, 3117. Stiege, Tür 933) und begaben sich vor die sinnreichen Apparate. Nichts aber schien hier geeignet, den Willen des Herrn umzustimmen. Der bedienende Geist -- früher einmal Newton aus England, Erde -- mußte oft die Platten wechseln, Schrauben drehen und immer neue Projektionsflächen einschalten. Es war auch wirklich zu langweilig und gewöhnlich, was man zu sehen bekam. Die Blicke konnten in Paläste, Kaschemmen und Boudoirs aller Erdteile dringen, konnten Lebensläufe zusammenfassend erschauen, wenn man die 344. Linse etwas mit Natriumchlorür bestrich und die M-Strahlen entstanden, konnten Gehirndeckel abheben, die Gedanken sich bilden und den Geist bei der Arbeit sehn. Nichts entging dem Schöpfer. Nach Ingangtretung der Menschheit hatte ihm zwar der Satan den Einfluß immer mehr und mehr abgekauft. Doch konnte er nicht gehindert werden, »Ja« und »Schluß« zu sagen. Oder mit Syphilis und Kriegsgreuel reinigend dreinzufahren und sich schließlich sein Werk zu betrachten, als den hohlen Rasierspiegel seiner Größe. Doch diesmal sah er nicht sich. Was er sah, war die Banalitat der tausend Teufel, die ihrem Berufe nachkamen.

Siehe, dort wurde ein Kindlein geboren, wuchs auf, Gymnasium, Sport, erste Frühlinge, Universität, Nachtleben, Ball, Verlobung, Dirnen, Ehrgeiz, Reisen, Beziehungen, Zeitung, Bücher -- der liebe Gott ließ sich eine andere Platte einstellen (das waren ich und du . . .)

»Vielleicht das wäre etwas? Ein kleines Verbrecherleben. So was hält frisch und warm.« Da sah man einen Akrobaten Frauen vergiften.

»Ah so, Giftmörder Hopf. Den kenne ich schon aus Feuilletons. Danke.«

»Oder ein verlottertes Genie. Hungert. Ohne Namen. Niemand kennt ihn. Und steht doch dir nahe. Du kennst ihn. Und dann . . .«

»Dann kommt alles, wie es kommen muß. Schau nur hin. Anerkennung auf dem Totenbett. Er ist lungenkrank. Man bringt ihm Telegramme an das Lager. Das Auge leuchtet. Der Freund sinkt ins Knie. Weiß schon . . . Nein, ich möchte in meiner Allwissenheit einmal ein wenig erstaunt sein.«

»Vielleicht jenes Bild . . .«

***

Sonne schien stark auf eine penninische Alpenwiese. Viel Sonne kam über die Gletscher her und wurde durch den harten Geruch der Gebirgsblumen noch lebendiger. Dort wuchs bei Ziegen und Abgründen ein blonder Knabe. Die Augen leuchtend wie die guter Tiere. Die Muskel und der Bau der Knochen, der Schädel mit den langen, hellen Haaren an Riesen erinnernd. Der hatte nicht Vater und Mutter, der konnte nicht schreiben und lesen, der kannte nicht Mensch noch Gott, nur seine Sonne. Im Winter kroch er in Dörfer und lebte bei seinen Zieheltern, Uhrmacher und Gattin, in niedern Stuben. Im Sommer sprang er über Felsen. Sang mit gewaltiger Stimme Lieder und schleuderte Blöcke gegeneinander. Holte aus Schründen seine Zicklein. Als er zwanzig war und seine Hände erwachsen und göttergleich, da gefielen ihm die glänzenden Deckel der Uhren und der süße Leib seiner Stiefschwester. Um beides zu haben, erschlug er den Alten, den er Vater genannt. Stand über dem Blut und erstarrte, als er den Tod aus verdrehtem Auge springen sah. Abend war's. An die Fensterscheiben drückten sich ängstliche Gesichter, das Dorf murrte und Kinder liefen schreiend durch die Gassen. Drinnen ging einer auf und ab, und begann zu begreifen. Gendarmen ritten durch die Nacht mit ihm fort. Die Schwester weinte. Im Mondschein lagen Instrumente und Gläser und Ketten umher und weißes Haar klagte an. Der Wind blies Wolken herab.

Der blonde Doré -- wie man ihn nannte -- wurde zum Tode verurteilt. Der Gerichtshof von Marseille hatte nach den vielen Mordtaten, die in den letzten Jahren die französischen Behörden beschäftigten, beschlossen, ein Exempel zu statuieren. Ein Verbrechen, das so tierisch war, so kalten Bluts ausgeführt und zugestanden, mußte die gehörige Bestrafung finden. »Zum Tode durch das Beil verurteilt.« Die Worte des Protokollführers blieben im überfüllten Raum in der Luft schweben und lösten das aus, was man in Berichten so schön als »Bewegung« verzeichnet findet. Der Kopf des Angeklagten, der während der Urteilsbegründung neugierig und stolz zu den Männern im schwarzen Rock aufgeschaut, sank schwer wie ein goldener Apfel auf die breite Brust nieder. Die Lippen bewegten sich, doch den Gesichtsausdruck konnte niemand erkennen, da ein schwerer Regenschauer Gassen, Höfe und Zimmer verdunkelte. Das Gaslicht wurde aufgedreht und der Mörder in völlig apathischem Zustande von den Soldaten der Justiz hinausgeleitet. Dem Verteidiger stand nur mehr die Berufung offen. Denn der Geisteszustand war von den Gerichtsärzten zwar als etwas unter dem Gewöhnlichen stehend, woran wohl die mangelhafte Erziehung schuld sei, aber keineswegs als anormal bezeichnet worden. Doch auch dem Gnadengesuch wurde nicht Folge geleistet. Am 25. August sollte der blonde Bauer seinen Tod finden. Der war aus dem Zustand der Apathie bald erwacht. Hatte in seiner Zelle zu toben und zu schrein begonnen. Sein Hirn, das offene Weiden und Blicke in den Himmel gewohnt gewesen, war durch die Untersuchungshaft betäubt worden und ermannte sich jetzt erst zur Revolte des gesunden Fleisches. Der blonde Doré biß in die Eisenstangen der vergitterten Luke, kratzte mit den Nägeln an den steinernen Wänden, verweigerte die Nahrungsaufnahme. Ein dunkler Sinn für die ewige Gerechtigkeit war in ihm aufgegangen. Immerfort rief eine Stimme: »Wie, wenn es Unrecht war von mir, zu töten, was dürft ihr mich, -- mich, den Starken, Starken, Starken in den Tod stoßen? Weil ihr mehr seid? Oh . . .« Dann griff er mit den Händen in die Gitterstäbe, um das ewige Gewölk fortzuschieben, das jetzt Regenmassen in grauer, ruhiger Reihe niedertropfen ließ. Dort mußte seine Sonne sein. Dort vielleicht Freiheit . . . . . . . . . . . . .

Der Priester wurde mißhandelt und hinausgestoßen. »Es gibt keinen Gott. Ich kenne keinen Gott.« Hochaufgerichtet stand er da, das Hemd an der Brust offen, die Arme wirbelnd in der Luft, ein heller Fleck in dunkler Zelle das Haar: Ein Prophet des Nichts . . .

Am nächsten Morgen wurde er hinausgeführt. Es ging durch Gänge, über Stiegen, vorn die graue Jacke des Aufsehers. Die Lippen Dorés waren mit einem Ausdruck unbeschreiblicher Wut zusammengekniffen. Die Handfesseln drückten tief ins Fleisch, das sich immer und immer wieder blutig stieß. Auf einem der äußersten Höfe wurde Halt gemacht. Staatsanwälte und andere Funktionäre standen feierlich umher, eine knarrende Stimme las noch einmal das Urteil. Gebete flossen gemurmelt von fleischlosen Mündern. Die Handlanger der Justiz traten auseinander, durch die Gasse, die sie bildeten, kam der Scharfrichter, ein mittelgroßer Herr im Frack. Er legte dem Verbrecher die Hand auf die Schulter. Die Geste war einladend und gar nicht unliebenswürdig. Mit diesem war in den letzten Sekunden eine Veränderung vor sich gegangen. Die Augen waren klar aufgeschlagen, der geplante Fluch schien in die Brust zurückgesunken. Der blonde Doré sah über die Menschen und die Maschine des Todes hinweg, in eine Ecke des Hofes. Dort stand ein breitstirniger Schubkarren und auf dem tanzte ein Sonnenkringel, der durch Mauerspalten hereingeschlichen war, auf und ab. Denn die Wolken hatten sich verzogen und über dem Haupte der Hinrichtung lag klares Firmament, über das langsam und feurig die Sonne heraufrollte.

»Haben Sie noch etwas zu sagen? Nein?«

Schweigen. Die Pupillen des Mörders hatten sich weit gemacht, um eine Welt in ihnen ertrinken zu lassen. Der Mund lächelte.