Das zerstörte Idyll: Novellen

Part 1

Chapter 12,774 wordsPublic domain

Das zerstörte Idyll Novellen von Hans von Flesch-Brunningen

Kurt Wolff Verlag Leipzig

Bücherei »Der jüngste Tag« Band 44/45 Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig

Kurt Wolff Verlag, Leipzig, Copyright 1917

Inhalt

Widmung für Karin 5 Der Satan 7 Das Lächeln des Geköpften 26 Der Junitag 35 Die Kinder des Herrn Hauptmanns 51 Idylle 62

WIDMUNG FÜR KARIN

KARIN, ich widme dir dies Buch. Du weißt so gut wie ich, wie schwer es jetzt ist, von Gefühlen zu sprechen. Oder gar sie mit Papier und Druckerschwärze zu vermählen. Man muß sich akrobatenhaft auf jene zweite Ebene hinaufarbeiten, auf der wieder die Worte herbeilaufen wie brave Hunde und sich zu Füßen legen. Wo man ruhig »Liebe« und »Sommertag« sagen kann, ohne in den schwärzesten Verdacht einer Lyrik zu kommen, die gewandt zwischen Geld und Gott zu vermitteln sucht. Ich habe es vermieden, in diesem Buche allzusehr an den Gefühlssträngen, die mit Milch und Sonnenschein geschmiert sind, zu zerren. Ich will aber gern arrogant sein und zugestehen, daß ich die zweite Ebene zum Heimatsort gewählt. Wenn auch nur für die Sekunden, in denen ich das schreibe.

Und so darf ich sagen: du warst doch das Einzige, das mich verhindert, mit Ludwig Hunner das Leben zu würgen und mit dem armen Erotomanen vor Autos zu hüpfen. Denn trotz der Jugend, die mich in ihren leichtsinnigen Armen schaukelt, hätte ich oft schon genug haben können.

Ich habe blasse Dummheit in der Schlankheit meiner Mädchen erkannt, Intrige und Ungewaschenheit in den Blicken der Intelligenz, geschäftigen Unsinn in Florenz und Amsterdam, Unnötigkeiten in der Montblanc-Gruppe und Gestank in Venedig. Und wie nun die Worte vor mir stehn, ahne ich auch den blonden Bart, wie er sich mir über die Schulter beugt und etwas von »Blasiertheit« murmelt. Doch diese bezahlte Bürgerlichkeit findet mich in Waffen. Nur Eines läßt mich wanken und weinen: Über allen Augen die Lüge. Siehst du, mein Liebling, man sollte nicht lügen. Gott hat uns schließlich -- gegenüber der tausend Nachteile -- _einen_ Vorteil vor den Tieren geschenkt: wir dürfen reden. Doch das schöne Zueinander wird hin, wenn wir die Instrumente mißbrauchen, die Mauer der verschiedenen Stirnen reckt sich zwischen den Gehirnen auf, die Beweislosigkeit schreckt vor den Überzeugungen zusammen: wir sind allein und dumm. Tiere schmiegen sich -- wild oder beruhigt -- aneinander, wir müssen der Unehrlichkeit an die Kehle fahren und aus dem Maul der geschändeten Gottheit das Geständnis reißen, was wir für hilflose Hunde sind.

Vor diesem circulus vitiosus aller Menschlichkeiten, die sich in die müden Schwänze beißen, ist es billig und noch immer das Einfachste, gar nicht mitzutun.

Der Unhold der Hebamme hat mich hereingeschleudert, Dienerinnen haben mich genährt, Schwäche mich umzwitschert, Schmöcke und Dirnen mein Jugendlied mir vorgesummt: Da fand ich dich.

Liebe Karin, ich widme dir dies Buch.

DER SATAN

DER kleine Prinz war immer schon blaß, hemmungslos und manchmal direkt verrückt gewesen. Er -- vielmehr seine hochgeborene Frau Mama -- hatte ein recht stattliches Vermögen von rund vier Milliarden Dollar, als sie herüberkamen mitgebracht. Die Kindheit sollte er wo in Florida verbracht haben, als er aber knapp sechzehn war, da wäre es nicht mehr mit ihm auszuhalten gewesen. Jede Woche schlug er mindestens einen Sklaven mit seiner eigens konstruierten Peitsche zu Tode. Jede Woche brüllte er, er wolle ein Land haben, er wolle herrschen, König sein. Er wolle Menschen kneten, auf Städte seine Hand legen. Da hätte man sich gegen Europa eingeschifft -- natürlich auf der eigenen Jacht -- und jetzt auf einmal sauste ein scharlachrotes Auto durch die Straßen Kölns.

Also sprachen die bauchigen Stadtväter und manche munkelten noch anderes: »Ja, gewiß, die ganze Überfahrt habe er Fieber gehabt -- er sei überhaupt blind -- wie er in Antwerpen ans Land stieg -- er habe noch nie den Namen Köln gehört -- habe er plötzlich geschrien >Köln! Köln!< -- er sei allein vorausgejagt -- in 1½ Stunden bis Lüttich, dann mit dem Aeroplan hierher -- die Mutter weint immer -- er hat das ganze Domhotel nur für sich gemietet -- -- siebenmal war er schon beim Bürgermeister gewesen -- --«. Die Uhrketten wackelten bedenklich und fast jeder strich sich unruhig-blinzelnd über das Haar, bis sich ein behaglicher Schnalzer im Munde formte: ». . . nun, und die kleine Schwester -- sie ist vierzehn-einhalb -- na, dort im Süden -- ich bitte, man sagt . . .« Wie jetzt Adjunkt Keppel dazutrat, machte man fast eine Gasse (Der Mann konnte Two-step tanzen wie ein junger Gott): »Ich habe eben das Scharlachene über die Rheinbrücke sausen gesehen . . .« »Oh, wohin, glauben Herr Adjunkt . . .« Dieser strich sich den englischen Schnurrbart -- es ist wahr, er war schon zweimal verheiratet, erst 30, ein Verhältnis soll er auch haben -- der Kerl -- na, der Kerl sprach jetzt: »Man redet von ganz eigenartigen Dingen. Ich mit meinen Beziehungen zum Magistrat kann aber bestimmt sagen, er hat sich nach Berlin direkt an S. M. gewandt. Deutschland braucht Geld wie ganz Europa. Die Sozial- und Militärrevolution zehrt noch immer an unserm Gebein. Nun man hat ja -- Gott sei Dank -- diesen blutigen Scherzen ein entsprechendes Ende bereitet . . .«

(Finanzrat Müller, »der rote Müller«, räusperte sich scharf) . . . »aber Sie wissen, unser Handel und Wandel liegen noch arg danieder. Also kurz und gut, der kleine Prinz will unsere Stadt mit Gebiet bis zum Siebengebirge und bis Elshausen samt Bonn und Gladbach als eigenes Gebiet käuflich erwerben.«

Die Münder der Großstadtvertretung blieben weit offen, daß die Rachenmandeln sichtbar wurden und nur ein kleines, scharf gepfauchtes »Unmöglich« zur Luft konnte . . . . . . . .

Das scharlachene Auto sauste unterdessen quer durch das verwüstete Deutschland mit 200 km Stundengeschwindigkeit. Der Prinz und Claire schauten etwas höhnisch über die Schlachtfelder des alten Europa. Der Prinz hatte seine mädchenhaften, dünnen Beine zu sich auf den Sitz gezogen und die rechte Hand spielte mit dem Haar seiner wundervollen Schwester, himmelblaue Augen brannten wie traurige Sterne aus dem durchsichtigen Gesicht, hinter dem noch immer das Fieber wohnte, in die Gegend, in der der Frieden mit dem Grausen rang. »Ich werde es bekommen . . . Ich muß.«

»Bedenke, eine Großstadt . . . du bist krank . . . wie kamst du auf Deutschland? Denke, Paris, London, dort ist Leben . . .«

»Ich habe dir doch oft von der Nacht erzählt, wo unsere Inga starb. Ich bin nicht mehr der dumme Prinz . . . ich bin . . .« Sein Mund wurde gelangweilt und er zog die Vorhänge herunter. »Noch eine Stunde bis zur Haupt- und Residenzstadt.« Das Schwesterlein öffnete den Pelz, unter dem sie nackt war, und gab ihrem Körper die hingebende Linie. Sie legte sich sanft zu dem Bruder, dessen Augen für Momente unfiebrig und ein wenig glücklich wurden. Eine Zwerg-Angorakatze, die sich schläfrig-schnurrend erhob, vervollständigte die Familienszene . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Der Prinz überfuhr drei Personen, bevor er zum Hotel Adlon gelangte. Nichtsdestoweniger wurden noch drei Leute im Gedränge »Unter den Linden« erdrückt und die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Aufregung in der ganzen Stadt stieg noch, als man erfuhr, der Kaiser habe sich entschlossen, seine Hoheit den Prinzen Alvio di Santa Rocco noch heute zu empfangen. Der Prinz selbst war heute nichts weniger als erregt, er ging oben im Salon des Hotel Adlon, eine Zigarette nach der andern rauchend, etwas träumerisch auf und ab, streichelte bald Claire, die kandierte Früchte essend am Sofa lag, bald das Katerchen, er pfiff den Gassenhauer der Saison und schüttelte mit kindlicher Gebärde seine schwarzen Haare. Dann fuhr er fabelhaft elegant und liebenswürdig durch die Menschenmenge zum königlichen Schloß. Hinter ihm ritt ein livrierter Affe, der 10-Markstücke in das heulende Gedränge warf. Im königlichen Schloß blieb Alvio nicht lange. Er war direkt in die Privatgemächer geführt worden und niemand hatte gehört, was dort verhandelt wurde. Nach zehn Minuten verließ er zu Fuß das Schloß. Der Kammerdiener fand über dem Schreibtisch den alten Kaiser mit Tränen in den Augen, noch die Feder in der Hand, verstört und doch wieder begeistert wie von einem ganz unbegreiflichen Ding. Dies erfuhr aber niemand. Ganz Berlin, ganz Deutschland, die ganze Welt wurden aber nach einer halben Stunde von der Kunde in Erstaunen und Bestürzung versetzt, daß die Stadt Köln samt Gebiet mit Bonn und Gladbach um eine Milliarde Dollar in den Besitz und die Herrschaft des Prinzen Alvio di Santa Rocco gelangt sei. Da hatte damals kein Parlament drein zu reden, denn das war seit den Junikämpfen 1925 endgültig abgeschafft. Nur den Zeitungen konnte man es nicht verbieten, über den Stammbaum der Santa Roccas zu schreiben, ihre Beziehungen zu den europäischen Höfen. »Wie die Santa Roccas zu ihrem Gelde kamen,« von Ignotus, »Alvio der einzige Erbe?« usw. Und Rechtsgelehrte schossen vereint mit gewöhnlichen Historikern wie Pilze aus der Erde, um die staatliche Stellung von »Libertia« von vornherein festzunageln . . . . . . .

In Köln wollte man, als die ersten Nachrichten eintrafen, das Domhotel anzünden. Die ganze Stadt drehte sich wie ein blödsinniger Gärungsstoff um und um, strömte auf die Gassen. Die Studentenschaft von Bonn zog, Fackeln in den Händen, vor das Bürgermeisteramt, Aufklärung heischend. »Die Wacht am Rhein«, »Deutschland, Deutschland über alles« scholl aus allen Straßenecken zum blutigen Abendhimmel, der Dom ließ seine Glocken erklingen, von dem Gürzenichbalkon sprach ein roter Fleischhauer und Patriot schnarrend auf den Rathausplatz hinunter. Nur das Militär und die Polizei waren nirgends zu sehen. Es wurde langsam Nacht. Um zehn Uhr versuchten fanatische Arbeiter, Studenten, Bürger, schwarz-rot-gold im Herzen und Antlitz ins Domhotel einzudringen. Die Pforten waren verschlossen, man begann dagegen zu rennen, die Fenster einzuhauen -- da donnerte plötzlich eine Salve in die Reihen der Massen -- man wußte nicht, woher -- niemand war zu sehen -- sie schien aus den Wänden des schloßähnlichen Hotels zu kommen, die ganz eigentümlich porös aussahen. Dann noch eine und wieder und wieder. Ein hundertstimmiges Gebrüll warf sich über den Platz. Beine, Arme, Köpfe wirbelten sich zum Knäuel, entballten sich in Blut und Geschrei und dann waren nur mehr Leichen am Domplatz, darüber der Mond hinter gotischem Zierrat schwermütig und deutsch aufstieg. Eine Arbeiterhand ballte sich, sank zurück, es ward so still, daß man aus dem Hause ein Schluchzen hörte, das klang, als wäre es nicht von dieser Welt. In den andern Stadtteilen wurde man noch aufgeregter auf die Nachricht von dem Sturm und seiner eigenartigen Abwehr. Man schrie nach Waffen, klopfte an Kasernen, die noch immer verschlossen blieben. Es wurde elf, zwölf -- da, dreizehn Minuten nach Mitternacht verstummte auf einmal das Gebrüll der Bürgerkehlen -- vor dem Firmament, das ganz weiß wurde, erschien ein schwarzes Kreuz, das bald verschwand. Die stahlglühende Weiße blieb und ließ vor den Augen der angstgebärenden Mütter und schlotternden Männer einen großen Vogel erscheinen, der sich als eine Etrich-Taube erwies und bis hundert Meter über die Stadt hinabschwebte. Darin saß der Prinz mit Claire und spielte mit den Scheinwerfern. Hierauf senkte sich ein Blütenregen von Gold, Silber und Banknoten in die Taschen der Zugreifenden. Es ging noch tiefer -- kein Schuß fiel -- kein Pfuiruf erscholl, als Alvio jetzt, nur für die Nahstehenden vernehmbar zu reden begann. Die ihn aber hörten, wurden ganz weich und gerührt. Sie gingen in ihre bürgerlichen Betten und in ihren geschlossenen Reihen schritten mitten unter ihnen, lebendig und nur etwas bleich, die am Domplatz gefallen waren . . . . . . . . . .

Vierzehn Tage hindurch blieb alles ruhig. Man sah den blassen Prinzen mit seiner Schwester häufig auf der Gasse, in Hospitälern, in Kinos, wie er zu den Leuten aus dem Volke redete, weich und mit fremden Akzent. Das Domhotel war geräumt worden, sie lebten privat in einer schönen Wohnung in der Kyffhäuserstraße. Die Gesellschaft riß sich um die beiden. Einladungen wurden zwar angenommen, jedoch kam der Prinz zu einem Ball oder zu einem Jour nur immer auf eine Viertelstunde, sprach wenig und gemessen -- fast traurig. Nichts schien sich an der bestehenden Ordnung geändert zu haben, deutsches Militär, deutsche Briefmarken. Am 15. Tage lief durch die Zeitungen Europas ein Gerücht, man habe bei den Scilly-Inseln in der Luft riesige Ballons von kastenartiger Gestalt in großer Menge von Südwesten daherkommen gesehen. Bald meldeten London, Ostende, Brüssel ähnliches. Am selben Tage wurde die gesamte Garnison von Köln und Gebiet auf dem großen Exerzierplatz zusammengerufen. Um ½4 Uhr fuhr der kleine Prinz im scharlachroten Auto vor. Er nahm seinem Diener ein kleines Sprachrohr aus der Hand, bestieg einen Schimmel und ritt die Reihen ab. Er trug einen gewöhnlichen Reiteranzug und schaute jedem ins Herz. Am Ende angelangt nahm er sein Sprachrohr aus der Tasche und redete leise und weich hinein -- es hörte es aber jede brave, niederdeutsche Soldatenseele -- »Soldaten, der Krieg ist Sünde. Mein Reich ist ein Reich des Friedens und der Zufriedenheit. Geht zu euren Frauen, die auf euch warten, und lebt euer Leben dem Glück, das auf euch harrt. Lebt wohl. Und jeder bekommt für Säbel und Uniform, die er am Gürzenich abgibt, 1000 Mark.« Wie Alvio »Frauen« sagte, wurde seine Hand beweglich und fuhr zitternd durch die Luft, das Wort wurde in den Hirnen der Uniformierten ganz lebendig und sie fühlten etwas Weiches, das ihnen ums Herz ging. Dann stoben sie auseinander. Nur _einer_ holte sich die 1000 Mark nicht: Friedrich Bachmann, der fünfzigjährige, geschlechtslose Feind dieser Welt. Am selben Abend gingen bei Deutz 800 Kastenballons nieder, deren jedem 800 schwarze Männer entstiegen. Sie hatten riesige Hände und kleine Köpfe. Der Prinz fuhr sofort zur Landungsstelle, Claire war mit ihm. Er lachte über das ganze Gesicht, ließ sich von den 800 Führern Rechenschaftsberichte ablegen, die er zerknüllt zu Boden fallen ließ, drückte jedem vertraulich und selbstverständlich die Hand. Am Schalter aller Bahnhöfe von Köln und Umgebung wurden jedoch an diesem Abend die letzten Fahrkarten nach dem »Auslande« ausgegeben. Denn am nächsten Morgen prangte in handgroßen Lettern ein Manifest an allen Straßenecken, jeder Mensch hielt es in Händen, lachte darob, weinte ein wenig, schlug sich die Schenkel. In jedem Restaurant lag es auf jedem Tisch, jedes Lebewesen wurde von einem erdrückenden Gemisch aus Geilheit und Traurigkeit befallen, die zum Ausbruch drängten. Das Manifest lautete also:

»Bürger, Menschen, Männer und Frauen!

Ihr werdet leicht einsehen, daß die bisherige Staats- und Lebensform, die diese Welt in ihrer Gänze beherrschte, der größte und schrecklichste Irrtum war, den ein Teufel ersinnen konnte. Ihr werdet es um so leichter können, da ihr ja in vorhergegangener Revolution, in Kriegsgreuel an Blut, Mord und Unbehagen, die noch in euren Hirnen haften, Beispiele und Belege, letzte Konsequenzen dieser Raison vor euch habt. Weniger leicht werdet ihr wissen können, wie aus diesem Wust, dieser Maschine hinaus. Nun, der Angelpunkt des Leidens ist die Unter- und Überordnung, die Pflicht, das Muß. Ich sehe gar nicht ein, warum nicht jeder tun soll, was er will. Ich stelle euch in meinen fast hirnlosen, aber gutmütigen Sklaven die Arbeitsmaschine vor, die euch schneller und besser Luxus und Lebensunterhalt verschaffen wird, als ihr es könnt. In eurem Herzen werden aber Jahrtausende lang an das Rad gebundene Energien frei. Mein Vermögen, mein Geld ist imstande, euch zu dem zu führen, das euch dienenden, schwitzenden Menschen unerreichbar und darum Sünde schien: zur Schrankenlosigkeit. Ihr habt Jahrtausende hindurch, seit ihr zu eurem Schaden den Tierleib verlassen, an unerfüllten Wünschen laboriert. Seht, ich bringe euch Erfüllung aller eurer Wünsche. Laßt euren Trieb Gesetz werden, es wird euch nicht gereuen. Denn daß ihr nicht hungert, dürstet oder friert, dafür sorge ich. Umarmt eure Frauen und die eurer Nächsten, mordet, brennt, stehlt, zerstört -- aber bitte, nur nicht diese jahrhundertalte Langeweile und Lüge. Ehrlichkeit ist die Tugend der neuen Religion, die ich euch bringe. Sucht sie in Bibliotheken, Betten, Gotteshäusern, Turnsälen, jeder als sein, aber nur sein Herr. Ihr Frauen aber, denen die größte Lust zu schenken gegeben wurde, öffnet weit eure Arme, denn eine ganze Welt will darin vergessen, wie dumm sie war.« Dann kamen noch einige technische Anordnungen, daß man folgerichtig sich von der andern Welt abtrennen müsse, daß jedem so und so viel Arbeitsmaschinen zur Verfügung stünden, daß Alvio der Nachfolger Christi sei. Am Schlusse hieß es dann: ». . . und jeder hat sich wie in besserer Urzeit in gleicher Weise sein Leben selbst zu machen, Frauen selbst zu holen und nur die Arbeitslosigkeit trennt ihn von Königen und Göttern. Sie müssen herrschen und führen. Ihr sollt nur _leben_. Lebt!«

Da lief, wie gesagt, manche Brille an, manche Züge verfinsterten sich unwillig: so ein Wahnsinn . . . Doch es bohrte sich auch bei Mann und Frau hie und da die Hand fester in eine gepolsterte Fauteuillehne: ». . . wenn, ja wenn -- --.«

Am selben Nachmittag -- es war Juni und schrecklich heiß -- stellten sich die Arbeitsmaschinen -- Neger von dem Gute auf Florida -- bei arm und reich in gleicher Weise ein -- am selben Nachmittag ging der Prinz mit Claire durch die Straßen und forschte in den Herzen. Am nächsten Tage starben in Köln und Umgebung dreitausend Personen am Schlagfluß. Zu tief war in ihnen der Wurm der Pflicht gesessen und hatte das schöne Gebäude benagen wollen, das ihnen der Satan gebaut.

Die ganze Welt blickte nun auf die Rheinlande -- ein Gemurmel der Mißbilligung durchzog die Presse, man sprach von »Irrsinn«, »Bubenstreichen«. Auf einmal konnte man sich nicht mehr in Verbindung erhalten, da es hieß, der Verkehr mit dem Lande »Libertia« sei technisch unmöglich. Viele Leute verlangten jetzt bewaffnete Intervention.