Das Wirken der Seele: Ideen zu einer organischen Psychologie

Part 3

Chapter 33,040 wordsPublic domain

Doch genug darüber, bleiben wir bei der +psychischen Kausalität+ und sehen wir, wie sie zu denken ist. Da wir die metaphysische Hypothese einer an sich unbewußten Seelensubstanz ablehnen müssen, so entfallen für uns die »Seelenvermögen«, kraft deren der Geist im Bewußtsein wirkt. Diejenigen, welche erklären, von einer Tätigkeit, Aktivität der Seele +neben+ den Bewußtseinsvorgängen, den Vorstellungen, Gefühlen usw. sei nichts zu finden, haben nicht unrecht. Aber die Folgerung, es gebe überhaupt keine psychische Aktivität, ist falsch. Diese +Aktivität+ besteht, zwar nicht hinter und neben den Einzelerlebnissen, wohl aber in einem +Zusammenhange+ der Erlebnisse und ist durch besondere Gefühle charakterisiert, so daß das Ich unmittelbar davon Kunde hat, daß und wann es tätig ist. Aus der bloßen Summe von Empfindungen, die sich passiv miteinander verbinden, besteht die Bewußtseinsaktivität nicht, wenn sie auch nur +in+ und +an+ dem Verlaufe des Erlebens zu konstatieren ist. Der eigenartige +Zusammenhang+ und +Ablauf+ von Erlebnissen, der als psychische Tätigkeit und Wirksamkeit sich abhebt, ist +ebenso real+ wie die einzelnen Momente und Elemente des Erlebens, +ebenso primär+, ja in gewissem Sinne ursprünglicher. Denn erst die psychische +Analyse+, die durch die bestimmt gerichtete +Aufmerksamkeit+ an dem einheitlichen Bewußtseinszusammenhange willkürlich oder unwillkürlich bewerkstelligt wird, hebt aus demselben Momente und Elemente heraus, die in Wahrheit niemals isoliert und selbständig vorkommen, sondern Glieder des Zusammenhanges bilden, von ihm untrennbar sind. +Die psychische Tätigkeit entfaltet und manifestiert sich in einer Mannigfaltigkeit von Momenten, existiert nicht ohne diese und neben diesen Momenten; aber umgekehrt haben diese Momente auch keine Existenz außerhalb des Tätigkeitszusammenhanges, aus dem sie sich herausheben und für sich fixieren lassen.+

Die Existenz einer psychischen Kausalität, das wollen wir hier betonen, unterliegt keinem berechtigten Zweifel. Ist doch das Wirken des Ichs, die psychische Kausalität geradezu das +Ur- und Vorbild aller Kausalität+. Tätigkeit, Kausalität, Kraft wird von uns nicht als Bestandteil der Außenwelt erlebt, wahrgenommen, sondern das Objektive, der Wahrnehmungsinhalt wird kausal +gedeutet+, d. h. es wird auf ihn die Kategorie des Wirkens angewendet, die durch den raum-zeitlichen Zusammenhang des Objektiven nur ausgelöst wird, im übrigen aber der Funktion und Gesetzlichkeit des Denkens entspringt, die am unmittelbarsten im und am eigenen Erleben, am eigenen Ich sich betätigt. In und mit der Kategorie des Wirkens »introjizieren« wir in die Objekte der Sinneswahrnehmung ein Analogon der Eigentätigkeit des Ichs, d. h. wir fassen gewisse äußere Zusammenhänge als +Manifestationen innerer Verknüpfungen+ auf, jenen analog, welche wir in unserem Wollen und Tun unmittelbar setzen und erleben. So wie in uns alles Tun +motiviert+ ist, in einem andern, vorangehenden Tun, Erleben seinen +Grund+ hat, so ist auch das objektive, physische Geschehen für uns begründet, +verursacht+, und so wie wir innerlich +aktiv+ und +reaktiv+ sind, so erscheinen uns auch die Außendinge als mit +Kräften+ begabt, vermöge deren sie wirken, einander beeinflussen; kurz, sie sind uns insofern tätige »Subjekte«, bei denen wir nur später, auf höherer Kulturstufe und in der exakten, quantitativen Wissenschaft, von aller inneren Qualität, von allem »Für-sich-Sein« absehen[16]. Weit entfernt also, daß die psychische Kausalität nicht existiert oder nur die Erscheinung, das Epiphänomen der physiologischen Kausalität ist, erweist sich gerade die physische Kausalität erkenntniskritisch als schon abhängig von der Gesetzlichkeit des Subjekts und dessen ureigenem Wirken.

Nur wenn man die primäre Wirksamkeit der einheitlichen Psyche, des aktiven und reagierenden Bewußtseinssubjekts verkennt, verfällt man dem Irrtum, aus den psychischen Elementen selbständige Kräfte zu machen. Alle Momente, Faktoren, Elemente des Bewußtseins können wirken, Kraft entfalten nur insofern, als sie eben +Glieder des Ich-Zusammenhanges+ sind; sie sind +nicht die primären, vollen Ursachen+ des psychischen Geschehens, sondern Teilursachen, Anlässe u. dgl., während die +einheitliche Psyche+ das primär und eigentlich in ihnen Wirksame, der tiefste Untergrund und oberste Grund der psychischen Verbindungen ist. Natürlich nicht als unbeschränkte, selbstherrliche Macht, sondern in Abhängigkeit von der +Umwelt+ und deren Reizen und in verschiedenem Maße der Bezogenheit auf die Einflüsse dieser. Die Psyche wirkt aktiv und reaktiv, aber nicht allein und isoliert, sondern im Verein mit äußeren Faktoren, durch die der Ablauf der Bewußtseinsvorgänge mannigfach bestimmt, modifiziert wird. So wenig die Psyche absolut »passiv« ist, so wenig ist ihre »Spontaneität« absoluter Art; gleichwohl sind in ihr Tun und Erleiden, aktiver und passiver Bewußtseinsverlauf wohl unterschieden. Von den psychischen Zuständen, in denen wir von momentanen Reizen und Einflüssen außer und in uns direkt abhängig sind und triebartig auf sie reagieren, sondern sich mehr oder weniger scharf die geistigen Akte ab, in welchen die +Totalität+, die ganze Wucht des Ichs, der charakterisierte, in die fernste Vergangenheit zurückreichende Zusammenhang der Erlebnisse energisch zum Ausdruck gelangt, so daß der momentane Reiz zurücktritt oder unwirksam wird.

Die +Geschlossenheit+ der psychischen Kausalität, auf die wir hier gleich zu sprechen kommen, darf nicht mißverstanden werden[17]. Sie ist, methodologisch, eine Forderung des um Konsequenz des einmal eingenommenen Betrachtungsstandpunktes besorgten Denkens und das Gegenstück zur Lückenlosigkeit des physischen Kausalzusammenhanges. Psychische Vorgänge gehen ureigentlich immer wieder nur aus psychischen Vorgängen hervor und haben, direkt und genau genommen, immer wieder nur psychische Vorgänge (die objektiv als Bewegungen oder Energien sich darstellen) zur Folge; physische Ursachen oder Wirkungen als solche gehören nicht in die Reihe psychischer Zusammenhänge. Aber das bedeutet nicht etwa, daß die Seele alle ihre Erlebnisse aus sich allein heraus entwickelt, und daß die Umwelt nicht in den Ablauf des psychischen Geschehens eingreift. Vielmehr ist ein +beständiger Wechsel aktiver und reaktiver (passiver), bewußter und unterbewußter (relativ unbewußter) Vorgänge+ vorhanden, so daß das Wirken der »äußeren« Faktoren und des »Leibes« fortwährend das spontane, aktive Wirken der Psyche durchkreuzt und durchzieht, und erst dieser +Gesamtzusammenhang+ psychischer Erlebnisse ist absolut »geschlossen«. Die Umwelt wirkt aber auf die Psyche nicht als Komplex von Bewegungen oder Energien ein, sondern als das »An sich« dieser Vorgänge, das vielleicht selbst ein Psychisches niederster Stufe, jedenfalls aber nicht selbst physisch ist. Hält man daran fest, dann kann man keinen Widerspruch zwischen der Geschlossenheit der psychischen Kausalität und dem unleugbaren Einflusse der »Naturkausalität« auf die Psyche, auf das Bewußtsein finden. Auch ist hier von keinem »Dualismus« die Rede. Denn die psychische Kausalität, die in verschiedenen Formen, je nach ihrer Richtung, auftritt -- als sinnliche und geistige, logische, ethische usw. Kausalität, ist das unmittelbar erfaßte Wirken derselben Organisation, die objektiv als der Leib eines Lebewesens, des Menschen erscheint. Die Wirksamkeit des leiblichen Organismus bzw. des Nervensystems ist nur die Sichtbarwerdung, die »Objektivation« des Wirkens der Seele in allen ihren »Provinzen« und »Phasen«.

Psychische Vorgänge und Zustände sind also Ursachen anderer nur insoweit, als sie +Modifikationen der einheitlichen Psyche+ sind. Weil die Seele im Moment 1 so beschaffen ist, so agiert oder reagiert, ist sie im Moment 2, 3 ... so beschaffen, so agierend oder reagierend. Die Einheit der Psyche -- nicht einer unbekannten Seelensubstanz, sondern des »primären Ichs« -- ist der rote Faden, der durch den gesamten Bewußtseinsverlauf sich zieht, ohne von ihm real abtrennbar zu sein[18]. Nicht die psychischen Elemente sind das Agierende, sie kommen nicht von selbst zusammen, erzeugen nicht das Denken usw., sondern die Psyche, das Ich, das Subjekt ist der tätige Faktor, der spontan oder triebhaft synthetisch wirkt, psychische Gebilde erzeugt, Bewußtseinszusammenhänge bestimmter Art erstellt. Und die +Gesetze+, welche die Psychologie zu erkunden sucht, sind nicht fremde Mächte, welche das seelische Geschehen äußerlich determinieren, sondern nur +Formeln für das konstante, permanente Auswirken der Psyche, der Subjekt-Aktionen+. Aus diesen Aktionen (bzw. Reaktionen) die bunte Mannigfaltigkeit des Seelenlebens nicht aprioristisch zu deduzieren, was unmöglich ist, wohl aber begreiflich zu machen, ist die Aufgabe einer sich selbst und ihr Ziel verstehenden Psychologie, die von Metaphysik freizuhalten ist, wenn sie auch schließlich in eine solche mündet und außerdem erkenntnistheoretischer Voraussetzungen nicht entraten kann.

Eine solche Psychologie wird den psychischen »Mechanismus«, soweit er besteht, anerkennen. Aber sie wird erstens den Versuch unternehmen, die +lebendige Triebkraft+ dieses Mechanismus zur Erklärung desselben heranzuziehen und zweitens wird sie nicht dem vergeblichen Bemühen sich unterziehen, aus dem bloßen und fertigen Mechanismus, aus dem mehr oder weniger automatisch gewordenen »Spiel der Vorstellungen« das +gesamte+ Seelenleben abzuleiten, wie es die +Assoziationspsychologie+ oft unternimmt. Der Mangel dieser ist es, daß sie nicht bis zur psychischen Kraft, zur psychischen +Dynamik+ vordringt, daß sie nicht das +wahre+ Agens der psychischen Zusammenhänge erfaßt, sondern statt dessen bald das Gehirn, bald die Empfindungen heranzieht, und daß sie die +mechanisierten+ nicht von den +primären, aktiv-reaktiven+ Bewußtseinsprozessen scharf genug unterscheidet. Sie +verdinglicht+ Elemente, die nur als +Glieder des einen Bewußtseinszusammenhanges+ bestehen, macht sie zu selbständigen Kräften und unternimmt schließlich auch oft den vergeblichen Versuch, die +nicht-intellektuellen+ Funktionen des Bewußtseins, besonders den Willen, aus bloßen Empfindungen u. dgl. zu konstruieren. So ist sie im schlechten Sinne des Wortes psychologischer +Intellektualismus+, während diejenige Psychologie, welche dem vollen Tatbestand des Seelenlebens möglichst gerecht zu werden sucht, +voluntaristisch+ ist.

Der Betrachtung der Rolle des Willens im Seelenleben uns zuwendend, verweisen wir bezüglich weiterer mit der psychischen Kausalität zusammenhängender Fragen (Erhaltung bzw. Wachstum psychischer Energie u. dgl.) auf den letzten Abschnitt.

Hier sollte nur gegenüber allen Versuchen, die Existenz einer psychischen Kausalität zu leugnen, gezeigt werden, wie es nicht möglich ist, durch bloße außerpsychische, physiologische Zusammenhänge die simultanen und sukzessiven Verbindungen psychischer Vorgänge zu erklären. Diese Verbindungen sind qualitativ von ihren Elementen und Momenten verschieden, sie sind auf bloße Abhängigkeiten in der Zeit nicht zurückzuführen, und durch den Nachweis der ihnen entsprechenden Verbindungen von Nervenprozessen keineswegs schon erklärt. Im Denken, Wollen und Handeln erleben wir »unmittelbar«, »anschaulich«, d. h. nicht erst durch abstrakte Konstruktion und Projektion, Zusammenhänge kausaler Art, ein stetiges Hervorgehen der Folgen aus ihren Gründen, eine innere Motivierung und Determination zu bestimmten Aktionen und Reaktionen. Und wo uns die Zwischenglieder solcher Kausalzusammenhänge im klaren Bewußtsein nicht vorliegen, da suchen wir mit Recht methodisch nach solchen; und wie die Physik es vermeidet, physische Vorgänge aus nicht-physischen abzuleiten, so muß die im guten Sinne positivistische, nicht-metaphysische Psychologie die gesuchten Zwischenglieder als +psychische+ Faktoren annehmen, als welche sie sich in der Tat oft auch empirisch erweisen. Wissen wir auch nicht immer, +wie+ wir es vermögen, kausal zu sein, wodurch unser Wollen und Handeln Wirkungen hervorbringt, so wissen wir doch wenigstens, +daß+ wir wirken und Wirkungen erleiden, daß unsere Erlebnisse miteinander zusammenhängen und einander hervorrufen, wobei natürlich der Einfluß der Faktoren der Umwelt nicht zu übersehen ist. So kompliziert die Verhältnisse des Seelenlebens sind, so ist es doch sehr möglich, aus der Mannigfaltigkeit individueller Modifikationen +typische, regelmäßige+, sowohl innerhalb einer Individualpsyche als auch bei einer Vielheit von Individuen +konstant wiederkehrende Abfolgen und Verbindungen+ herauszuheben. Wir können eben die Individualseelen gleichsam als Vertreter eines gemeinsamen Typus, des »Psychischen überhaupt«, ansehen und die Kausalzusammenhänge, welche wir bei allen Individuen konstatieren, gehören zum Wesen des allgemein Psychischen. So gibt es typische Zusammenhänge in den Gemütsbewegungen, den Willenshandlungen, den Denkprozessen, in der Reproduktion und Assoziation von Vorstellungen usw. Und auch die +Abweichungen+ von dem Allgemeinen sind solcher Art, daß sie sich vielfach wieder zu +speziellen Typen+ vereinigen lassen. Die Existenz einer psychischen Kausalität, eines psychischen Wirkens und Gewirktwerdens, ist aber keineswegs an das Auftreten allgemeingültiger Zusammenhänge gebunden. Auch da, wo es solche vielleicht nicht gibt (-- man denke etwa an die historische Kausalität --) sind die betreffenden psychischen Vorgänge Modifikationen des Subjekts, die durcheinander bedingt sind und auseinander in bestimmter Abfolge hervorgehen. Um die psychische Kausalität, den +Kausalnexus der psychischen Aktionen und Reaktionen+, der sich von der +Kausalität der objektivierten Erfahrungsinhalte+ durch den Standpunkt der Betrachtung und Erkenntnis unterscheidet, kommt man nicht herum.

III. Der Wille als psychischer Motor.

Das Wesen des psychologischen +Intellektualismus+ ist es, in den intellektuellen Prozessen und deren Elementen, also im Denken, Vorstellen oder in den Empfindungen den Ausgangspunkt, die Grundlage, den Kern alles Seelenlebens zu erblicken. Gefühl und Wille sind hiernach sekundär, abgeleitet, sie sind Produkte, Seiten, Reflexe, Abhängige des Intellektuellen oder bloße Komplexe von Empfindungen. Einen spezifischen Willen gibt es hiernach nicht; was wir so nennen, ist eine Summe von Vorstellungen, Empfindungen, ev. auch Gefühlen, verbunden mit ausgeführten oder ideell antizipierten Bewegungen; entwickelt hat sich der Wille, nach dieser »heterogenetischen« Theorie, aus Reflexen, die später kompliziert, bewußter wurden. Eine eigentliche Willenskraft, die mehr ist als »ideomotorische« oder Bewegungsvorstellung plus Spannungsempfindungen u. dgl., haben wir nicht anzunehmen. Während die ältere Psychologie intellektualistischer Richtung aus Akten des Denkens, des Urteilens, Schließens, kurz aus der Reflexion psychische Vorgänge ableitete, die entweder viel zu einfach oder primitiv sind, als daß sie mit bewußter Überlegung u. dgl. etwas zu tun haben können (z. B. Instinkte), oder aber überhaupt nicht intellektueller Art sind (z. B. Affekte), spricht der neuere Intellektualismus oft von angeborenen (ererbten) Vorstellungen, die unbewußt oder bewußt das Handeln leiten, von Urteilen u. dgl. schon auf niedriger Bewußtseinsstufe, von Empfindungen der Muskeln, Sehnen usw. als Willensgrundlagen. Der psychologische Intellektualismus verkennt die Ursprünglichkeit und Wirksamkeit des Gefühls- und Willenlebens, er übersieht dessen fundamentale Rolle, dessen Einfluß nicht bloß auf das äußere Handeln, sondern auf den Intellekt und das Vorstellen selbst. Und da sich einer genaueren Erforschung des Seelenlebens der Wille geradezu als das +zentrale Agens+ des psychischen Geschehens enthüllt, so gibt uns die intellektualistische Psychologie ein einseitiges und verzerrtes Bild vom seelischen Erleben und dessen innerem Zusammenhang. Wie ein bloßes Vorstellen, Empfinden oder Denken sich in ein Wollen verwandeln oder ein solches erzeugen kann, ohne daß schon von Anfang an ein willensartiger +Impuls+, ein Streben bestand, ist unerfindlich, ebenso wie aus bloßen mechanischen Reflexen ein Willensentscheid sich entwickeln konnte. So wenig das Psychische aus dem Physischen, das Subjektive aus dem Objektiven, das Ich aus dem Nicht-Ich abzuleiten ist, so wenig ist es einzusehen, daß und wie aus absolut Willenlosem jemals so etwas wie Streben, Trieb, Willensimpuls hervorgehen konnte. Und so wenig ein psychischer Vorgang einem physischen, einer Bewegung gleichgesetzt werden kann, so unmöglich ist es für jeden Unbefangenen, fast möchten wir sagen, Unverdorbenen, den lebendigen Prozeß des Wollens bloßem Empfinden, Vorstellen u. dgl. gleichzusetzen. Ist doch das Wollen geradezu das +Sicherste+, was das Ich in sich selbst finden kann, so daß man mit Recht sagen kann: volo, ergo sum. Im Wollen erfaßt sich das Ich am +unmittelbarsten+, es setzt sich selbst wollend und unterscheidet von sich, von seinem Eigenwillen die fremden Willen, die ihm als Objekte seines Wahrnehmens erscheinen und seinen Willen kreuzen und hemmen. Der Wille ist das +Konstanteste+ im Ich, er ist der +Einheitspunkt+, um den sich das Erleben bewegt, von dem es ausgeht und zu dem es gravitiert. Wollen, Ziele setzen und anstreben, ist ein so prononzierter Akt des Subjekts, daß man eher zweifeln kann, ob es Empfindungen oder Vorstellungen im Sinne des psychologischen Atomismus gibt als an der Existenz dieses Wollens[19].

Damit ist schon angedeutet, daß der Wille +keine metaphysische, transzendente Potenz hinter dem Bewußtsein+ ist. Von einem solchen Willen können wir absolut nichts wissen, was wir vom Willen aussagen, ist unserem bewußten Erleben entnommen. Der Wille ist +keine geheimnisvolle Kraft+, die wir erst erschließen müssen, sondern das Konstante, Allgemeine im konkreten Wollen, das sich denkend und praktisch betätigt, das um sich und seine Ziele deutlich weiß oder sie dumpf fühlt, das jedenfalls durch unmittelbares Erleben und psychische Analyse in uns zu finden ist. Ein Voluntarismus im Sinne +Schopenhauers+ oder +Ed. v. Hartmanns+ ist also für die Psychologie unbrauchbar. Und zwar auch aus folgendem Grunde.

Für die »autogenetische« Willenstheorie, wie sie vorzüglich +Wundt+ vertritt, ist der Wille zwar etwas +Primäres+ und +Spezifisches+, aber +nicht ein einfaches Bewußtseinselement+ analog den Empfindungen. Weder ist daher, wie manche Psychologen glauben, das Bewußtsein eine Verbindung dreier Vermögen, Funktionen usw.: Vorstellung (Empfindung), Gefühl und Wille, noch gibt es einen absolut einfachen, »blinden«, intelligenzlosen Willen +neben+ und +vor+ dem übrigen Bewußtsein, eine Willenstätigkeit neben und gesondert von dem übrigen Erleben. So wenig aus einer reinen Empfindung oder Vorstellung ein Wollen hervorgehen kann, so wenig kann aus einem absolut einfachen, blinden Willen der Intellekt entstehen. Vor einem solchen extremen (»alogischen«) Voluntarismus müssen wir uns nicht minder hüten wie vor dem, die Eigenart des Willens verkennenden Intellektualismus. Die Psychologie hat den Willen so zu nehmen, wie er sich im Erleben wirklich darstellt und wie er demgemäß auch begrifflich zu bestimmen ist.

Hierbei muß sie sich aber hüten, sich das Wollen gleichsam +hinwegzuanalysieren+. So wie die Einheit des Ichs leicht dem Beobachter sich entzieht, der durch die analytisch gewonnenen Elemente des Erlebens gefesselt wird, so kann die analytische Betrachtung des Wollens leicht die +Täuschung+ erzeugen, als ob der Wille nur aus Empfindungen, Vorstellungen, höchstens auch noch Gefühlen bestände, obzwar es auf der Hand liegt, daß aus der Zusammensetzung solcher Elemente noch nicht das Wollen herauskommt, das zwar nichts Einfaches, aber doch kein »Summationsphänomen« ist. Bei der Analyse des Willensaktes darf nicht vergessen werden, neben den Momenten desselben auch wieder das Ganze, den eigenartigen +Gesamtverlauf+ zu apperzipieren; erst dann rekonstruieren wir psychologisch das wirkliche Erlebnis, ohne es zu verfälschen. Es zeigt sich dann klipp und klar, daß »Wollen« +ein Prozeß, ein Bewußtseinsverlauf+ ist, der als solcher ganz eigenartig, spezifisch, unvergleichbar ist, sich aber in +Momente+ sondert, sondern läßt, welche wir als Empfindungen, Vorstellungen, Gefühle ... bezeichnen und für sich untersuchen können. Das »Ich will« ist der Ausdruck für ein Verhalten des Ichs, welches nicht neben dem Vorstellen usw. herläuft, sondern in sich Momente, Elemente, Faktoren enthält, sich in solche zerlegen läßt, die in Vorgängen, deren Willenscharakter abgeschwächt oder zurückgedrängt ist, als spezifisches Vorstellen, Fühlen usw. auftreten. Es gibt verschiedene Formen und Entwicklungsstufen des Willens, vom dumpfen Trieb und Streben angefangen bis zum komplizierten Wahlakt, aber nirgends findet sich konkret-empirisch ein »reiner« Wille, der absolut empfindungs- und gefühlsfrei wäre. Mit dem Fühlen hängt der Wille am innigsten zusammen, ohne daß er aber nur eine Summe von (selbständigen) Gefühlen ist. Vielmehr ist das Gefühl ursprünglich stets schon ein +Willensmoment+, die Einleitung, Begleitung, Endigung einer Willensfunktion. Der vollständige, primäre Vorgang ist der Willensvorgang mit seinen Momenten und Seiten; das Gefühl ist entweder ein solches Moment oder aber abgeschwächte, gehemmte Wollung, die auf einen eigentlichen, vollen Willen wirken und von ihm Wirkungen empfangen kann.

Der volle, ungebrochene psychische Vorgang ist ein +Willensvorgang+, mit den Momenten des Empfindens, Vorstellens, Fühlens, Strebens, kurz, das, was +Fouillée+[20] treffend als »processus appétitif« bezeichnet hat. Zu unterscheiden sind zwei Stufen des Willens: Triebwille (Trieb) und Willkür; ersterer ist der einfache, eindeutig bestimmte, letzterer der kompliziertere, aktivere, bewußtere Wille. Der Triebwille ist als +Ausgangspunkt der gesamten Seelenentwicklung+ sowohl onto- als phylogenetisch aufzufassen. Alle äußeren Anzeichen sprechen dafür, und seine Natur ist eine solche, daß sich sowohl die progressive als die regressive Entwicklung des Bewußtseins aus ihr verstehen läßt. Im Vereine mit dem »Willkürwillen« durchzieht der Triebwille das +gesamte Seelenleben+ des Menschen, in den verschiedensten Formen und Richtungen findet er sich hier und seine Herrschaft ist eine um so größere, je mehr wir uns dem Tierischen nähern.