Das Wirken der Seele: Ideen zu einer organischen Psychologie
Part 2
Die »Identitätstheorie«, wonach Psychisches und Physisches zwei »Seiten«, »Attribute«, »Erscheinungen«, »Aspekte« eines und desselben Wesens bilden, kann in realistischer oder auch in mehr oder weniger idealistischer Weise formuliert werden. Wir glauben nun, daß die realistische Identitätstheorie mit ihrer Annahme eines an sich unbekannten Wesens, dessen Äußerungen oder Seiten das Psychische und Physische darstellen, immerhin durchführbar ist, halten sie aber doch entweder für einen »agnostischen« Verzicht auf eine weitere Vereinheitlichung der Erkenntnis oder aber, wenn sie als der Weisheit letzter Ausspruch gilt, für +halb-dualistisch+ und in manche Schwierigkeiten verwickelnd. Wir ziehen es daher vor, den Monismus +idealistisch+ (oder besser »ideal-realistisch«) zu fassen, indem wir sagen: +Was an sich, für sich, unmittelbar erfaßt psychisch ist, das ist der objektiven Erscheinung nach, mittelbar erkannt, methodisch verarbeitet physisch.+ Der äußeren, körperlichen Organisation »entspricht« die innere, seelische Organisation; erstere ist die »Erscheinung«, der »Ausdruck«, die »Objektivation« der letzteren, diese das »An sich«, das »Innensein« jener, so aber, daß beide nur aus der +einheitlichen Gesamterfahrung+, in der sie untrennbar sind, herausgehoben sind. Diese und das beiden Betrachtungsweisen Gemeinsame (Entwicklung, Differenzierung, Intensität und andere Eigenschaften) ist das »Identische« der beiden Daseinsweisen[8]. Seele und Leib sind demnach +nicht zwei trennbare Dinge+, nicht zwei Substanzen, aber es ist auch nicht die Seele mit dem Körper, dieser mit der Seele identisch. Sondern je nach der Betrachtungsweise ist dasselbe Wirkliche, der »Organismus«, durchweg »Seele« oder durchweg »Körper«. Und weil dem so ist, weil Psychisches und Physisches +Korrelate+ sind, die sich auf +dasselbe Wesen+ beziehen, besteht zwischen ihnen vollkommene +Harmonie+, »entspricht« jedem psychischen ein physisches (physiologisches) Geschehen und umgekehrt, ohne daß eine wahre Wechselwirkung zwischen ihnen zu bestehen braucht. So genommen, verliert der »psychophysische Parallelismus« alles Mystische und Unbegreifliche, denn jetzt handelt es sich nicht mehr um zwei fremd einander gegenüberstehende und doch in genauer Übereinstimmung befindliche, selbständige Seins-Reihen, sondern +nur um eine Wirklichkeit, die von zwei Gesichtspunkten aus betrachtet und denkend verarbeitet wird+[9].
Jedem psychischen Vorgang entspricht ein physiologischer Prozeß, und umgekehrt hat jeder physiologische Vorgang in einem psychischen Geschehen mehr oder weniger bewußter Art sein Korrelat. Es besteht also eine wechselseitige +Abhängigkeit beider Daseinsweisen voneinander+, die aber nicht direkt kausal ist, sondern »funktionell« im Sinne der Mathematik, wiewohl man sich populär und im einzelnen auch der kausalen Ausdrucksweise bedienen kann, wenn man sich nur der +Laxheit+ derselben bewußt bleibt. Die Fälle scheinbar echter Wechselwirkung zwischen Leib und Seele erklären sich wie folgt. Es gibt außer den vollbewußten, apperzipierten psychischen Vorgängen »unterbewußte« und für sich allein, gesondert überhaupt nicht gewußte, nicht bemerkte, nicht »apperzipierte« (keineswegs aber absolut unbewußte, apsychische) Prozesse und Elemente von solchen, die sich zum Teil zu dem vereinigen und in dem aufgehen, was wir das dunkle »Lebensgefühl« nennen. An diesem partizipieren jene psychischen Teilvorgänge, die den +vegetativen+ Lebensprozessen parallel gehen, ohne ins Licht des eigentlichen, des klaren Selbstbewußtseins zu fallen. Die Abhängigkeit des geistigen Lebens, des Denkens z. B., vom »leiblichen« bedeutet nun, streng genommen, nicht eine kausale Beeinflussung des Geistigen durch das Körperliche als solches, sondern durch jene »Innenseite« desselben, die in Form mehr oder weniger dunkler Empfindungen, dumpfer Gefühle und Strebungen u. dgl. auftritt. Das »Leibliche« wirkt also, wenn man will, auf das Seelische ein, aber schon als Bestandteil des Psychischen, als ein +Seelisches niederer Ordnung+, als eine +Provinz der psychischen Organisation+[10]. In diesem Sinne ist es wahr, daß z. B. Verdauungsbeschwerden einen Einfluß auf die Denktätigkeit, die Stimmung usw. ausüben; aber nicht die physikalisch-chemischen Vorgänge im Magen sind die Ursachen der psychischen Depression, sondern die diesen Vorgängen entsprechenden »Innenzustände«, bzw. diese Vorgänge vom Standpunkt der inneren Erfahrung aufgefaßt. Ebenso sind Störungen des Gehirns, die durch Läsion desselben bedingt sind, nur insofern die Ursachen geistiger Erkrankung, als sie zugleich, an sich, Störungen unbewußter psychischer Prozesse, Dispositionen und Verbindungsmöglichkeiten sind, an die sich die eigentliche Geistesstörung knüpft. So wie der Leib nur als Psychisches auf den Geist einwirkt, mit dem zusammen er einen Teil der seelischen Gesamtorganisation bildet, so wirkt die Seele auf den Leib wahrhaft nur, sofern dieser ein »Innensein« hat, d. h. als unmittelbares Erlebnis, nicht wie er als Komplex von Atomen und Energien abstrakt aufgefaßt und bestimmt wird. Nur die unmethodische willkürliche +Vertauschung der Standpunkte+, die ja gewiß bequem ist, verführt zu dem Glauben, es könne etwa der Wille eine Bewegung kausal beeinflussen. In Wahrheit geschieht folgendes: ein von Empfindungen oder Vorstellungen ausgehender Willensimpuls hat zur Folge eine Veränderung in Muskelempfindungen u. dgl., kurz, eine Art Umlagerung von Bewegungsvorstellungen. Die Willenshandlung beginnt psychisch mit dem Antrieb und endet in Muskel- und ähnlichen Empfindungen, und dem geht parallel eine physische Reihe, welche mit Gehirnprozessen beginnt und in einer Bewegung etwa des Armes endigt. Auf diese Weise geht der Willensimpuls tatsächlich der angeführten Bewegung zeitlich voran; aber gleichwohl fallen innere Willenshandlung und äußere Gesamtbewegung zeitlich zusammen, indem je einem Moment der ersteren ein Moment der letzteren zugeordnet ist[11]. In der Bewegung kommt der Wille zum sichtbaren und meßbaren +Ausdruck+, er ist der innere +Grund+ der Bewegung, aber nicht die phänomenale »Ursache« derselben, welche in einem Nervenprozesse zu suchen ist, gemäß dem Prinzip der geschlossenen Naturkausalität und dem der Konstanz der Energie. Der Willensvorgang ist der Grund, daß die objektive Erscheinung einer Körperbewegung für ein Subjekt auftritt, und insofern kann man sagen, die Körperbewegung ist durch das Psychische »bedingt«, sie würde ohne dieses nicht auftreten, da sie ja nur die »Außenseite« desselben ist. +In Wahrheit wirkt die Seele immer nur auf ein Glied oder Element ihrer Organisation und dies erscheint objektiv als Wechselwirkung zwischen Bestandteilen der körperlichen Organisation.+ Alles physiologische Geschehen läßt sich insofern als ein +Zeichen+ für einen psychischen Vorgang auffassen; ja der gesamte körperliche Organismus bildet geradezu ein +System der Ausdrucksbewegungen+, in welchen sich mehr oder weniger bewußte oder unterbewußte, höhere oder niedere psychische Zustände und Vorgänge verraten, manifestieren.
Wir verstehen nun, warum und inwiefern das Psychische an ein Nervensystem und dessen Funktionen, bzw. an organische Substanz, an Substanz überhaupt »gebunden« ist. Nicht weil es ein Produkt dieser Substanz ist, sondern weil es das »Innensein« derselben bildet, weil das Subjektive als materielles Sein und Geschehen erscheint oder unter entsprechenden Bedingungen (Anwesenheit eines wahrnehmenden Subjekts usw.) erscheinen kann und muß. Da höheres Geistesleben nur auf der Basis eines niederen, sinnlichen, teilweise schon »mechanisierten« Seelenlebens erwächst, so ist es begreiflich, daß dieses höhere, entwickeltere, +differenzierte Geistesleben+ auch in Form einer +differenzierteren Materie+ erscheint und demnach an ein Nervensystem, beim Menschen sogar an ein Großhirn gebunden ist, während das Seelische in niederer Form auch nur niedere, weniger organisierte Substanz zum Korrelat hat. Diese substantiellen »Träger« des Seelischen sind erkenntnistheoretisch und naturphilosophisch als »Objektivationen« einer Organisation, einer »Struktur«, eines Seins zu betrachten, das aus der +Wirksamkeit des Seelenlebens auf sich selbst+, in aktiver und reaktiver Anpassung auf die Umwelt, durch Übung und Vererbung und andere Faktoren hervorgegangen ist. Die Seele »baut« sich ihren Leib selbst, nicht durch mystische Formung des Körpers, sondern durch +Selbstorganisation+, die den Ausgangspunkt und die Basis für höhere Entwicklungen bildet und objektiv als mehr oder weniger differenzierte Materie mit entsprechenden, physischen, physiologischen Funktionen erscheint. In diesem Sinne ist der +Leib+ in Wahrheit die +verkörperte und teilweise mechanisierte Seele+, diese die +lebendige, aktive »Form«, die »Entelechie« des Leibes+, in dem sie sich objektiviert und stabilisiert. Jedes psychische Geschehen ist also insofern zugleich physisch, als es in einer physischen Erscheinung zum »Ausdruck« kommt und es hat Physisches zur Folge, insofern es der +innere Grund+ einer Veränderung in den physischen Phänomenen, die den Organismus betreffen, ist. Direkte, +phänomenale+, exakt-meßbare, naturwissenschaftliche +Ursache+ einer organisch-physischen Veränderung ist stets wieder ein +physischer+ Vorgang im Organismus als Reaktion auf einen äußeren Reiz. Indem dieser den Organismus erregt, +bedeutet+ diese »Erregung« zweierlei: vom Standpunkt der äußeren Erfahrung eine Auslösung physischer Energie, vom Standpunkt der inneren Erfahrung ein inneres »Verspüren« und einen »Antrieb« zur Tätigkeit. Die äußere Handlung, die daraus resultieren kann, ist +der objektive Ausdruck der inneren, psychischen Aktion oder Reaktion+, die an sich nichts Physisches, Materielles bewirken kann. Es muß dies wiederholt betont werden, damit die zuweilen schwer zu vermeidende laxere Ausdrucksweise eines Bewirktwerdens physischer Vorgänge durch psychische nicht mißverstanden, +nicht im metaphysisch-ontologischen Sinne+ genommen und dann etwa gar der Vorwurf des Selbstwiderspruches erhoben wird. --
Wir sind nun so weit, daß wir auch der Einseitigkeit der +extremen Aktualitätstheorie+ begegnen können. Wenn diese die Seele (das Ich) für ein bloßes »Bündel« von Vorstellungen, für einen bloßen »Komplex« von elementaren Zuständen und Vorgängen, für ein bloßes »Summationsphänomen« erklärt (+Hume+, +Mill+, +Mach+ u. a.), so besteht die Einseitigkeit hier darin, daß nur auf die Vielheit und Mannigfaltigkeit der seelischen Teilinhalte +geachtet+ wird. Wenn wir nämlich auf diese Vielheit achten, d. h. +Teile apperzeptiv aus dem Zusammenhang des Erlebens herausheben+, dann entgeht uns leicht der +Einheitscharakter+ des Erlebens, oder wir werden wenigstens geneigt, ihn zu unterschätzen. Wir verfallen dann geradeso in Einseitigkeit wie die Dualisten, welche die Einheit des Ich +hypostasieren+, vom Erleben abtrennen und zu einer vom Leibe gesonderten Seelensubstanz machen. Die +Einheit+ des Erlebens ist also weder Schein noch ein selbständiges Wesen, sie ist weder ein bloßes Summationsphänomen, noch eine transzendente Wesenheit, sondern sie ist +so real wie das Bewußtsein überhaupt+ es ist, sie ist +eine im Bewußtsein, in der Fülle der Erlebnisse sich entfaltende und erhaltende Einheit, eine aktive Einheitsfunktion+, kurz das, was wir ein »Subjekt« nennen. Das Subjekt hat mit der Substanz die +Konstanz+ und +Identität+ gemein, ohne die Starrheit jener zu teilen, ohne einen dinghaften Charakter zu besitzen. Das Subjekt ist +kein einzelner Bewußtseinsinhalt+, sondern die +aktive Form und das lebendig Formende des Bewußtseins+, es besteht +nicht neben+ der Mannigfaltigkeit der Erlebnisse, sondern +in ihnen+, in ihrem inneren Zusammenhange, der mehr als eine Summe oder ein Aggregat ist. Und die Erlebnisse, die Bewußtseinszustände, sind +nicht vor und ohne das Subjekt+ da, sondern immer schon +Abhängige, Aktionen und Reaktionen eines wenn auch noch so primitiven Subjektmoments+, eines »primären Ichs« (+Jodl+), um das als Zentrum, als Ausgangs- und Quellpunkt sie sich gruppieren. Die +Seele+ ist also +das in der Mannigfaltigkeit der Bewußtseins-Erlebnisse sich identisch setzende, erhaltende und entwickelnde Subjekt, eine gegliederte, organisierte Einheit in der Vielheit, ein aktiv-reaktives Einheitsprinzip+ -- nicht transzendenter, wohl aber, als Bedingung alles Erlebens, »transzendentaler« Art (im Kantischen Sinne). Die Seele ist also dem Bewußtsein immanent, sie ist das aktive und reagierende +Bewußtsein selbst+, das sich +inhaltlich+ stets nur in einem Zusammenhang von Erlebnissen (»empirisches Ich«) findet, stets aber über jeden Bestandteil, jedes Moment dieses Zusammenhanges hinausragt als ein formales, +synthetisches+ Prinzip, nicht als ein Wesen mit unbekannten Eigenschaften[12]. Das Wesen der Seele ergibt sich vielmehr aus den +Grundtätigkeiten+, in denen sie ihre Natur bekundet. Diese Grundtätigkeiten sind es, worauf die Mannigfaltigkeit psychischer Prozesse zurückführt, und aus den +Gesetzen+ jener, aus der +konstanten Wirkungsweise, Funktion derselben+ sind die typischen Zusammenhänge, Verbindungen und Gebilde des Bewußtseins wenigstens formal zu erklären. Man muß also von der Oberfläche der Bewußtseinsvorgänge auf das +innerste Getriebe+ derselben zurückgehen, wobei man teilweise zu relativ »Unbewußtem«, d. h. Ungewußtem gelangt, nicht aber zu einem absolut und wahrhaft Unbewußtem, prinzipiell Nicht-Erlebbaren. Eine absolut »subjektlose« Psychologie, die alles aus der bloßen Verbindung absolut selbständiger Elemente erklären will, spottet ihrer selbst und weiß nicht wie. Sie führt zur Verdinglichung jener »Elemente«, die nur +als Glieder eines einheitlichen Zusammenhanges+ Existenz und Wirksamkeit haben, aus denen also das »Subjektmoment« nie herauszudestillieren ist. +Einheit und Vielheit, Subjekt und Inhalt des Bewußtseins sind untrennbare, schon ursprünglich, wenn auch noch undifferenziert bestehende Seiten des Erlebens, des Bewußtseins, die auseinander nicht oder nur scheinbar abzuleiten sind.+ Schon im primitivsten Seelenleben muß eine »Subjektivität«, wenn auch noch ohne Abhebung von einer Objektenwelt, bestehen, welche in ihren Erlebnissen sich findet, sich bejaht, sich setzt und erhält, als einfache »Trieb-Seele« mit wenig veränderlichem Inhalt, meist mit äußerst geringen Entwicklungsmöglichkeiten. Aus solchen primitiven »Seelen« haben sich, durch das Zusammenwirken innerer und äußerer Faktoren, nicht zum wenigsten aber durch aktive Anpassung, die hochorganisierten Seelen der Menschen gebildet, als +Subjekte höherer Ordnung+, aber wesensverwandt mit den der untermenschlichen Seelen.
II. Die psychische Kausalität.
Wir hörten bisher, daß die Seele nicht im metaphysischen Sinne auf den Leib (als Materie oder Energiekomplex) einwirkt, sondern daß sie in Wahrheit, genau gesprochen, +stets nur auf sich selbst wirkt und von sich selbst Wirkungen empfängt+, so aber, daß alle Wirkungen +körperlich irgendwie zum Ausdruck+ kommen, wobei eine Wechselwirkung zwischen dem Nervensystem (und dessen Funktionen) und dem übrigen Organismus besteht. Jedes psychische Geschehen hat sein physiologisches Gegenstück, seine physische »Seite«. Infolge des Zurückwirkens der seelischen Organisation auf sich selbst, das seinen physiologischen Ausdruck hat, ist es verständlich, warum an den Veränderungen, an der Entwicklung des Organismus +psychische Faktoren+ beteiligt sind, ohne daß sie den physischen Zusammenhang durchbrechen, also ohne daß irgend einmal an Stelle physikalisch-chemischer Ursachen von leiblichen Prozessen rein psychische Ursachen treten.
Gibt es aber überhaupt eine +psychische Kausalität+, wird man fragen, oder haben am Ende jene recht, welche das Psychische als »inkausal«, als ohne wirksame Eigenschaft bestimmen und behaupten, nur das Physische bzw. Physiologische könne wirken bzw. als wirkend gedacht werden? Die Vertreter des »psychophysischen Materialismus« sind der Meinung, das Psychische, das Bewußtsein -- wenigstens soweit es objektiviert, aus dem unmittelbaren, konkreten Erleben methodisch herausgehoben werde (+Münsterberg+[13]) -- sei ein »Epiphänomen«, eine schattenhafte »Begleiterscheinung«, ein »Nebenerfolg« der Nervenprozesse, es habe keine Aktivität und Kraft, keinen ureigenen, inneren Zusammenhang, keine Eigenkausalität, sondern es bestehe aus Verbindungen, deren Ursache oder Grundlage einzig und allein der raum-zeitliche Zusammenhang der Gehirnprozesse sei. Es gibt hiernach keine wahre psychische Tätigkeit, was wir so nennen ist nichts als die Summe von »Spannungsempfindungen« u. dgl. Empfindungen und Vorstellungen verbinden sich dann miteinander, wenn auch die entsprechenden Gehirnprozesse sich miteinander verbinden, und alle Veränderungen und Störungen im Ablauf des Bewußtseins sind nur Spiegelungen zerebraler Modifikationen.
Eine solche Auffassung ist aber unhaltbar. So wenig ein einzelner physischer Vorgang einen psychischen bewirken oder auf ihn einwirken kann, ebensowenig kann eine Verbindung physischer Vorgänge eine psychische Verbindung bewirken. Und ebensowenig als ein Bewußtseinsvorgang die bloße »Erscheinung« eines physischen Geschehens sein kann, ist es denkbar, daß der Zusammenhang eines seelischen Geschehens nur der Widerschein eines physischen Kausalnexus ist. Alles was gegen diese Art Abhängigkeit des Psychischen vom Physischen spricht, spricht auch gegen diesen Spezialfall, vor allem der Umstand, daß das Seelische nicht bloße Erscheinung eines Geschehens sein kann, das des Seelischen ganz ermangelt, dem also die +Bedingung des Sich-erscheinen-könnens+ durchaus abgeht. Auch läßt sich der psychische Zusammenhang nicht aus der bloßen Verbindung der Nervenprozesse erklären, ableiten. Ich mag noch so eifrig und genau in das Getriebe der Hirnprozesse hineinschauen können, so werde ich, wenn ich nicht die schon damit verknüpften Bewußtseinsvorgänge erlebt habe und kenne, diese und deren Beschaffenheit nicht zu erkennen vermögen; denn die Qualität, die das Psychische als solches konstituiert, das eigenartige Erleben eines Tones, einer Farbe, einer Lust, eines Zornes usw. liegt keineswegs im Nervenvorgang, ist aus ihm nimmer herauszulesen, zu erraten. Und ebenso werden wir zwar aus raum-zeitlichen Verbindungen von Gehirnprozessen Schlüsse auf psychische Zusammenhänge ziehen, manches an diesen aus jenen begreiflich machen können, aber den Schlüssel zum +Verständnis+ des seelischen Zusammenhanges, der spezifischen psychischen Verbindungen und Gebilde, geben die physiologischen Zusammenhänge nicht. Das Physiologische dient zur Erklärung des Psychischen in der Regel nur da, wo eine +Gemeinsamkeit+ von Modifikationen beider statthat, wie Ausfallserscheinungen, Hemmungen, Störungen verschiedener Art, Simultaneität oder Sukzession u. dgl. Das Qualitative, Spezifische der psychischen Verbindung ist +nur psychologisch+, nicht physiologisch zu verstehen, wofern man nicht, was oft der Fall ist, unbewußt schon das Psychische +voraussetzt+ oder psychische Zustände und Zusammenhänge in das Physiologische +hineinträgt+.
Die Auffassung des Psychischen als »inkausal« ist nur dann begreiflich, wenn man sich die unberechtigte Verdinglichung der Empfindungen und Vorstellungen seitens der »Assoziationspsychologie« und die Einseitigkeit des psychologischen »Atomismus« (oder der »atomistischen Psychologie«) vor Augen hält.
Schon +Herbart+ hat den folgenschweren Fehler begangen, die psychischen Elemente -- bei ihm die Vorstellungen -- als selbständige Wesenheiten aufzufassen, die miteinander konkurrieren, um die Vorherrschaft im Bewußtsein kämpfen, einander hemmen und verdrängen; in ihrem Zusammen- und Gegeneinanderwirken werden sie zu Kräften, ja zu einer Art lebendiger Dinge, die mit Tendenzen ausgestattet sind. Ähnlich sind für die +Assoziationspsychologen+ die Empfindungen oft selbständige Elemente, die primär nebeneinander bestehen, miteinander in Verbindung treten usw., kurz, kausale Faktoren, aus deren Wirken das seelische Leben abgeleitet wird.
Diese Auffassung ist die Reaktion gegen die ältere »Vermögenspsychologie«. Diese stattet die substantielle (bzw. dynamische) Seele mit spezifischen Kräften, Vermögen, Tätigkeiten aus, welche das Bewußtsein erzeugen und Bewußtseinsverbindungen herstellen. Ähnlich wirkt das »Unbewußte« +Ed. v. Hartmanns+ als Agens hinter dem Bewußtsein und ist das eigentlich und einzig Aktive, Kausale im Ablauf des Seelischen.
Wenn man nun, mit Recht, sich nicht zu einer solchen Vermögenspsychologie bekennen will, zugleich aber einsieht, daß »reine Empfindungen« nicht primäre, selbständige, absolute Wirklichkeiten, sondern in gewissem Sinne +Abstraktions- und Zerlegungsprodukte+ sind, Glieder eines einheitlichen Zusammenhanges, dann kann man leicht dazu gelangen, diesen psychischen Elementen alles Wirken, alle Kausalität abzusprechen und sie bloß dem Physiologischen zuzuerkennen, wie es +Münsterberg+ tut[14].
Aber hier vermischt sich Wahrheit mit Irrtum. Richtig ist: 1. Es gibt keine psychische Kausalität und Aktivität +hinter+ und +neben+ den Bewußtseinsvorgängen, keine transzendenten Vermögen oder Kräfte, wenigstens kommen sie für die Psychologie nicht in Betracht; 2. Empfindungen als +isolierte+, aus der Einheit des Seelenlebens herausgehobene Elemente, als Abstraktionsgebilde sind ohne Wirksamkeit, weil ohne absolute, konkrete Wirklichkeit. Verfehlt ist aber unseres Erachtens die Abtrennung der Psychologie als einer »objektivierenden« Wissenschaft, welche es mit inkausalen, physiologisch zu erklärenden Abstraktionsgebilden zu tun hat, von den »subjektivierenden« Geisteswissenschaften, welche das konkrete, wirkliche, »stellungnehmende« Subjekt und dessen Aktionen zum Gegenstande haben. Die Psychologie will entschieden das Psychische, d. h. das +wirkliche Erleben des Subjekts in dessen Zusammenhange+ erforschen, nicht Abstrakta, nicht Objektivierungen, mit denen es die Physik und Physiologie zu tun hat[15]. Die abstrakten Empfindungen sind nicht das Psychische, nicht der Gegenstand der Psychologie, sondern höchstens +Hilfsmittel+ zur Erkenntnis des Psychischen. Die völlige Abstrahierung und Verselbständigung der Empfindungen verfälscht und tötet das Seelenleben, sie wird dem Tatbestande der inneren, unmittelbaren Erfahrung nicht gerecht. Nicht erst in den einzelnen Geisteswissenschaften und in der Philosophie brauchen wir die geistige, psychische Kausalität, schon in der Psychologie müssen wir sie berücksichtigen, sonst erreichen wir den +Zweck+ dieser Wissenschaft: das Verständnis des Seelenlebens in seiner Gesetzlichkeit, nicht. Mag auch -- und das ist der haltbare Kern der +Münsterberg+schen Ausführungen -- die Psychologie wie jede Gesetzeswissenschaft nicht das unmittelbare Erlebnis in seiner vollen individuellen Bestimmtheit erfassen, sondern es mehr oder weniger begrifflich umschreiben und logisch verarbeiten, so entfällt hier doch, im Unterschiede von den Naturwissenschaften, die Notwendigkeit einer Abstraktion vom erlebenden Subjekt und dessen Zuständen und Akten. Gerade die +Beziehung der Erlebnisse zum Subjekt+ ist es, was sie zu psychischen Vorgängen macht, ohne diese Beziehung haben wir nur fiktive Wesenheiten oder aber, bei konsequenter Objektivierung, physische Inhalte vor uns.