Das Weserbergland und der Teutoburger Wald
Part 9
Die Rodenberger Aue trennt den Deister vom Bückeberge, der zwar anders streicht als der Deister, aber der gleichen Formation angehört und auch landschaftlich ihm in gewissem Grade ähnelt. Freilich hat hier der Buchenwald auf weite Strecken den Fichtenpflanzungen weichen müssen. Die Sandsteinbrüche befinden sich hier in höheren Lagen als am Deister und Osterwald, nämlich oben auf dem Kamm, so daß die Schutthalden den Bergzug meilenweit kenntlich machen. Die Steine werden in der Regel oben nur roh behauen und dann auf Wagen zu Tale befördert. An Vortrefflichkeit stehen sie keinen anderen nach und haben daher auch für manchen berühmten Bau, wie das Antwerpener Rathaus, das Schloß und die Börse in Amsterdam und den Kölner Dom, das Material geliefert. Die Kohlenflöze liegen hier jedoch tiefer als am Deister. Gegenüber dem überwiegenden Stollenbetrieb dort haben wir daher hier Schächte. Sie liegen am Nordfuße des Gebirges in der Gegend von Obernkirchen; die Kohlen können meist unmittelbar auf den Stationen der Bahn Rinteln-Stadthagen verladen werden und gelangen zum großen Teil in Rinteln zu Schiffe.
[Sidenote: Die Wealdenkohle.]
Die Wealdenkohle, welche nicht nur an den zuletzt besprochenen drei Bergzügen, sondern auch am Süntel, an der Nordseite des Wiehengebirges und im Amte Iburg bei Osnabrück vorkommt, nimmt nach Alter und Beschaffenheit eine Mittelstellung zwischen der eigentlichen Steinkohle der Karbonzeit und der Braunkohle ein. Die beste ist die am Bückeberge, die der westfälischen an Heizkraft fast gleichkommt; dieser steht die Deisterkohle nach, und die Osterwaldkohle ist noch geringer.
Die ältesten Werke sind die am Bückeberge; denn sicher hat dort ein geregelter Betrieb schon im Jahre 1520 bestanden; weniger einwandfreie Nachrichten lassen den Bergbau sogar bis auf das vierzehnte Jahrhundert zurückgehen. Am Osterwalde legte Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg in den achtziger Jahren des sechzehnten Jahrhunderts die ersten Gruben an, um die Salinen von Hemmendorf mit Steinkohlen zu befeuern; am Süntel, von dem weiter unten die Rede sein wird, und am Deister begann die Bergwerkstätigkeit zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, wobei allerdings erwähnt werden mag, daß damals am Deister schon von verlassenen Stollen die Rede war, an deren ehemaligen Betrieb sich alte Leute noch erinnern wollten. Der eigentliche Aufschwung des Bergwerksbetriebes setzt erst mit der Entstehung der Hannover-Lindener Industrie im zweiten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts ein. Für sie war das Vorhandensein der Deisterkohle geradezu eine Vorbedingung.
Der Besitz der verschiedenen Werke liegt teils in Privathänden, teils in denen des Staates. Die Kohlenfelder am Bückeberg beutet Preußen mit Schaumburg-Lippe gemeinsam aus. Die gesamte Förderung des besprochenen Gebietes betrug ohne Osterwald und Süntel im Jahre 1907 fast eine Million Tonnen, die Belegschaft rund 6300 Mann.
[Sidenote: Stadthagen.]
Im Gegensatz zum Osterwalde und Deister ist der Bückeberg nicht völlig unbewohnt. Nein, gerade auf der höchsten Stelle hat sich eine kleine Ansiedlung von Steinbruchsarbeitern und -beamten gebildet. Am Nordfuße liegt Stadthagen (6700 Einwohner) mit hübschem schaumburg-lippischem Schloß. Der Ort, früher Grevenalveshagen, d. h. Graf Adolfs (des Vierten) Hagen, ist ursprünglich eine der Seite 44 erwähnten Hagenkolonien aus dem dreizehnten Jahrhundert, von denen aus der Nachbarschaft noch Krebshagen, Wendhagen, Kathrinhagen u. a. zu nennen sind.
[Sidenote: Obernkirchen.]
Wesentlich älter ist Obernkirchen (4200 Einwohner), das den Ursprung seines ehemaligen Benediktinerinnenklosters auf die Zeit Ludwigs des Frommen zurückzuführen sucht. Die gut wiederhergestellte gotische Hallenkirche ist sehenswert. Die Einwohner des Orts finden in den Steinbrüchen und Gruben, sowie auch in der bedeutenden Glashütte Schauenstein Beschäftigung.
[Sidenote: Bückeburg.]
Als eine westliche Fortsetzung des Bückeberges ist der niedrige Zug des Harrl anzusehen, der an dem Tal der Bückeburger Aue bei dem lieblich gelegenen Schwefelbade Eilsen beginnt und bei Bückeburg, der schmucken Hauptstadt des Schaumburger Ländchens, sein Ende erreicht (Abb. 66). Das alte Grafengeschlecht der Schaumburger, vor deren scharfem Schwerte so Dänen wie Sarazenen erbebten, ist seit 1640 ausgestorben, und die lippische Dynastie, die jetzt dort sitzt, hat von dem weiten Länderbesitz ihrer Vorgänger nur ein kleines Stückchen zu behaupten vermocht. Der Herrscher aber, der der Residenzstadt ihr Gepräge aufgedrückt hat, ist Fürst Ernst, der vorletzte Schaumburger, gewesen. »Die heute noch vorhandenen Reste der Kunstschöpfungen dieses Fürsten,« sagt Haupt, »... atmen eine so leidenschaftliche Liebe zu den prächtigsten und üppigsten Mitteln des Renaissancestils, ein so überzeugtes, unwiderstehliches Fortstürmen auf dem Wege der Übertragung italienischer Kunst ins Nordischere, daß man nur hier völlig ermessen kann, welch herrliche, aufblühende nationale Kunst durch den unglückseligsten aller Kriege erdrückt ist.« Hierher gehören vor allem die so wenig bekannten prachtvollen Innendekorationen des Bückeburger Schlosses und der lutherischen Stadtkirche, die schwungvolle Fassade derselben (Abb. 68), die Schloßkirche, das Tor des Schloßplatzes und die schönen Bronzefiguren von Adrian de Vries im Schloßgarten. Der einheitliche Kunstcharakter des Städtchens, den auch Neubauten wie das stattliche Schloß der Fürstin Mutter und das neue Rathaus (Abb. 69) gewahrt haben, das Fehlen lärmender Industrie, die hübsche Lage am Fuße des buchengrünen Harrl, der Reiz der bunten Volkstrachten in der Umgebung haben Bückeburg (5700 Einwohner) zu einem beliebten Ruhesitz von Rentnern und Pensionären gemacht.
~XII.~ Von Hameln nach Osnabrück. Süntel, Weserkette und Wiehengebirge.
[Sidenote: Hameln.]
Eine Wanderung über die Weserkette nimmt naturgemäß von Hameln ihren Ausgang (Abb. 70). Die Stadt (20700 Einwohner) liegt an einer von der Natur selbst zum Brücken-, Umschlags- und Mühlenort bestimmten Stelle. Das den Überschwemmungen ausgesetzte Gebiet ist hier sehr schmal, schmaler als oberhalb und unterhalb der Stadt. Ferner führen abgesehen von dem Wesertale selbst von rechts die Täler der Hamel und Remte, von links die der Emmer und Humme dem Orte alte Straßen und neuerdings Eisenbahnen zu. Die Weser aber ist durch eine Insel und ein noch nicht völlig von den Wassern durchnagtes Felsenriff aufgestaut, was die Anlage von Mühlen erleichterte, aber die Schiffer zum Umladen zwang. Was in diesen Verhältnissen Ungünstiges lag, hat die moderne Technik siegreich überwunden. Das gefürchtete »Hameler Loch« hat nach Anlage geräumiger Schleusen seine Schrecken verloren. Wohl aber blühen noch die großartigen Müllereien, die jetzt der Weser-Mühlen-Aktien-Gesellschaft gehören. Die beiden Mühlenwerke werden durch 16 Turbinen mit rund 1500 Pferdekräften betrieben und können täglich etwa 6000 Zentner vermahlen. Außerdem geben die Wehre Gelegenheit zum Lachsfang, der seit alten Zeiten dort betrieben, seit Mitte des vorigen Jahrhunderts aber durch die Anlage von Lachsbrutanstalten in der Nähe der Stadt wesentlich lohnender gemacht worden ist. Stehen wir auf der eisernen Brücke, welche den Mühlenwerder mit den beiderseitigen Ufern verbindet, so können wir die Fischer beobachten, wie sie das schwere quadratische Netz wieder und wieder in die bewegte Flut senken und dann an einem plumpen Holzhebel emporziehen.
Nicht zu vergleichen mit den Verkehrsverhältnissen einer Zeit, die noch nicht lange hinter uns liegt, ist die Güterbewegung auf der Weser, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Wurden durch die Hameler Schleuse zu Berg und zu Tale im Jahre 1881 erst 48256 Tonnen hindurchbefördert, so konnte man im Jahre 1891 bereits 155540, im Jahre 1901 dagegen 311309 und im Jahr 1907 endlich gar 491368 Tonnen notieren. Es hat sich also der Verkehr im Laufe von 26 Jahren verzehnfacht. Bei der immer stärker werdenden Produktion von Kali, dem zurzeit hauptsächlichsten Ausfuhrartikel der Weser, dürfte auch in der Folgezeit auf eine große Steigerung zu rechnen sein. Von allen Umschlagplätzen aber von Cassel bis Minden einschließlich hatte im Jahre 1906 der Hameler Hafen mit einer viertel Million Tonnen den größten Verkehr.
Vorüber sind die Zeiten, wo die sogenannten Bremer »Böcke« von 15 bis 20 Pferden mittels eines am Maste befestigten Seiles unter endlosem »Hüh!« und »Hoh!« der Treiber stromauf geschleppt wurden und den kleineren »Hinterhang« nebst den noch kleineren »Bullen« hinter sich herzogen. Drei auf diese Weise vereinigte Schiffe hießen »eine Mast«. Stromabwärts ließen die Schiffer ihre Fahrzeuge treiben und machten durch einen lauten harmonischen Dreiklang die Fährleute von weitem auf ihr Kommen aufmerksam, damit das Drahtseil rechtzeitig in den Strom hinabgelassen werden konnte. Hat Schreiber dieser Zeilen jene Art des Verkehrs noch in seinen Knabenjahren mitangesehen, so wird es ihm und wohl auch dem Leser schwer, sich in jene Zeit zu versetzen, wo selbst der Treidelzug mit Pferden eine Neuerung war, die stellenweise mit alten Verboten zu kämpfen hatte. Im Jahre 1815 bestand ein solches allerdings nur noch auf der lippischen Strecke, wo selbst damals nur mit Menschen getreidelt werden durfte.
Kehren wir nach dieser Abschweifung noch einmal zur Stadt Hameln zurück! Was ihren baulichen Charakter anlangt, so reichen sich hier Mittelalter und Neuzeit die Hand. Da bewundern wir das ehrwürdige Bonifatius-Münster, dessen Ursprung vielleicht noch auf die Karolingerzeit zurückgeht, dessen älteste erhaltene Teile der Spätblüte des romanischen Stiles und dessen Umbauten der gotischen Zeit angehören. Da erfreuen wir uns an den Renaissance-Schöpfungen jenes unbekannten Meisters, der in dem Hochzeitshause einen Bau für allgemeine städtische Zwecke, in dem sogenannten Rattenfängerhause ein behagliches Patrizierheim und in den benachbarten Schlössern Schwöbber und Hämelschenburg Edelsitze nach dem neuen Geschmack von 1600 herzustellen wußte (Abb. 71 u. 72). Umgeben ist die Stadt von einem Kranz zierlicher Landhäuser. Und wahrlich man kann es verstehen, wenn wirtschaftlich unabhängige Menschen sich diesen Wohnplatz aussuchen. Lockt der Ort doch auch Jahr für Jahr einen immer stärker werdenden Schwarm von Touristen herbei, die hier teils die Dampfschiffahrt in die Oberwesergegenden antreten, teils zu Fuß oder im Motorboot die beliebten Punkte der Umgegend aufsuchen. Zu diesen gehört außer dem Seite 84 erwähnten Ohrberg der Klüt, ein unmittelbar über der Stadt am linken Weserufer ziemlich schroff aufsteigender Berg, im achtzehnten Jahrhundert von dem Fort George, jetzt von einem steinernen Turme bekrönt. Unvergleichlich ist der Blick von dort oben auf die schmucke Stadt, das fruchtbare Tal und die gegenüberliegenden Bergketten.
Von Hameln nach Minden fehlt es an einem regelmäßigen Personendampferverkehr. Nur Sonntags im Sommer fährt ein Schiff stromabwärts. Das Tal ist bis Erder zu breit, der Wasserspiegel zu tief, um immer eine freie Umschau zu ermöglichen. So benutzen wir denn lieber die Bahn Hameln-Löhne, die das fruchtbare, von schön profilierten Bergen umrahmte Tal durchzieht (Abb. 80). Hier hat Fischbeck von seinem alten Augustinerinnenkloster, das jetzt als adliges Fräuleinstift weiter besteht, noch eine flachgedeckte romanische Basilika von hervorragender Schönheit. Es folgen Hessisch-Oldendorf (1900 Einwohner) und Rinteln (5300 Einwohner), zwei Städte, deren hübsche alte Fachwerkshäuschen großenteils noch nicht von der entstellenden Tünche befreit sind, mit denen Ungeschmack und Großmannssucht sie im vorigen Jahrhundert bekleidet hat[6].
[6] Wie in den vierziger Jahren selbst die Gebildeten jedes Verständnis für die behaglichen alten Bauformen verloren hatten und nur für lange, weiße Mauern schwärmten, dafür enthält das in der Einleitung erwähnte Buch von Boclo zwei charakteristische Stellen. An Hameln weiß der »Begleiter auf dem Weserdampfschiff« nur das Gefängnis(!) zu rühmen. Er bittet, »nicht zu übersehen, wie großartig-modern Hameln sich ausnimmt, in dem Moment, wo man es zuerst erblickt. Die großen neuen massiven Korrektionsgebäude maskieren nämlich die ganze übrige, ältliche nicht eben schöne (!) Stadt ... und lassen vermuten, Hameln wäre nach diesem modernen Stile eben gebaut worden.« Von Rinteln heißt es: »Die Straßen Rintelns würden viel länger, die Stadt viel schöner sein, wenn nicht bei weitem die meisten Häuser mit der Giebelseite nach der Straße gerichtet wären. Der Grund mag darin liegen, daß Rinteln ... früher eine Ackerstadt war. Man sieht dies noch daraus, daß viele Häuser statt der Türme hohe Tore haben.«
[Sidenote: Rinteln.]
Rinteln ist die Hauptstadt des preußischen Kreises Grafschaft Schaumburg, d. h. des nach dem Aussterben der einheimischen Herrscher an Kurhessen gefallenen Teiles von dem Schaumburger Erbe (Abb. 74). Das Dorf Rinteln lag ursprünglich auf der rechten Seite der Weser, die Stadt wurde im dreizehnten Jahrhundert vom Grafen Adolf ~IV.~, dem Dänenbesieger, auf dem linken Ufer gegründet, hat aber in den letzten Jahrzehnten mit ihrer jungen Industrie die alte Heimstätte wieder mit in Beschlag genommen. Im Jahre 1621 gründete hier Fürst Ernst (Seite 93) eine Universität, die König Jerome im Jahre 1809 zugleich mit Helmstedt eingehen ließ. Dem Königreich Westfalen blieben ja noch die Hochschulen zu Marburg, Göttingen und Halle, mehr als genug für die wissenschaftlichen Bedürfnisse des Königs »Loustic«. Während der kurfürstlichen Zeit war Rinteln als das »hessische Sibirien« verschrien. In diesen entlegenen Teil des Staates schickte man gern unfähige oder auch allzu steifnackige Beamte. Früher war die Zahl der Behörden größer. Aber auch die jetzigen erhalten ihre Beamtenschaft in der Regel aus dem Hauptteil des Regierungsbezirks Cassel. So ist denn hier in der westfälischen Bevölkerung ein hessischer Einschlag immerhin bemerkbar.
[Sidenote: An der Lippischen Porta. Vlotho.]
Unterhalb Erder verengert sich das Tal. Der Fluß windet sich wieder durch ein Stück des Keupergebirges hindurch und bildet die sogenannte »Kleine« oder »Lippische Porta«. Das mit ihr beginnende Durchbruchstal ist nur kurz, es mißt kaum 10 ~km~; aber innerhalb desselben vollführt die Weser einen ihrer schärfsten Knicke. Bei dem westfälischen Industriestädtchen Vlotho (4700 Einwohner), das sich malerisch unter seine alte Dynastenburg auf dem Amthausberg schmiegt, geht sie aus der westlichen plötzlich in die nördliche Richtung über (Abb. 77). Hier verläßt die Bahn das Wesertal, um auf die linksseitigen Höhen nach Oeynhausen und Löhne hinaufzusteigen. Die Weser aber tritt in das breite Tal ein, das bereits die Werre in ostwärts gewendetem Laufe durchfließt. Dieser Richtung folgt sie selber und erreicht alsbald die Westfälische Pforte.
[Sidenote: Der Süntel. Die Weserkette.]
Diesem Zielpunkte wird der rüstige Wanderer lieber auf anderen Wegen zustreben. Vielleicht wird er von Hameln aus das linke Weserufer verfolgen; er wird über den aussichtsreichen Taubenberg gehen, das uralte Dorf Exten (Abb. 29 u. 78) an der forellenreichen Exter besuchen, die dort einer alt eingesessenen Stahlwarenindustrie dienstbar gemacht ist, und die ansehnlichen Baulichkeiten des tausendjährigen Klosters Möllenbeck (Abb. 80) sowie das Renaissanceschloß Graf Simons ~VI.~ zur Lippe in Varenholz bewundern (Abb. 79). Der Hauptstrom der Touristen aber folgt der nördlichen Weserkette, deren schöne Wellenlinie zwar vom Tal und den gegenüberliegenden Höhen aus besser zu beobachten ist, deren kühle Buchenhallen aber nebst manchen sehenswerten Punkten einen Besuch des Gebirges selbst fordern. So sind wir denn an dem östlichen Ende jenes etwa 115 ~km~ langen Zuges angelangt, der früher in seiner ganzen Ausdehnung von der Hamel zur Hase den Namen Süntel führte. Jetzt begegnet uns diese Bezeichnung zunächst in seinem östlichen und höchsten Stück, das sich aus Wealdensandstein aufbaut und bis zu 437 ~m~ ansteigt. Am Nordostfuße liegt Münder (3300 Einwohner) mit Solbad, Stuhlfabriken und Kohlengruben (vergl. Seite 92), von wo eine Eisenbahn durch die Senke zwischen Süntel und Deister nach Nenndorf führt. Steigen wir von dort statt von Hameln zur Höhe hinan, so werden wir hier und da einer nur noch in kleineren Beständen vorhandenen, interessanten Baumform begegnen, der Süntelbuche, die sich außerdem nur am Jura in geringem Maße vorfindet; sie wächst völlig krumm und ist daher anders als zu Heizzwecken nicht zu verwenden (Abb. 81). Von dem Süntelturm aus, an dessen lohnender Fernsicht wir uns lange erfreuen, sehen wir unseren Weg deutlich vor uns. Zwei bis drei Tage lang werden wir, wenn wir die Porta zu Fuß erreichen wollen, der Bergkette zu folgen haben, die wir hier in der Verkürzung erblicken. »Auf eine Kette von niederen Vorbergen gestellt, zieht das Hauptgebirge von dem eigentlichen Süntel aus gegen Abend bis zur Porta Westfalica, zumeist scharf und steil gegen das Tal abfallend. Die schöne Scheitellinie der Bergwand ist wellenförmig gewunden, und häufige, symmetrisch wechselnde, flach eingeschnittene Buchten bezeichnen eine Reihe der ausgezeichnetsten Berge, welche ebensowohl durch ihre malerischen Formen und namentlich ihre grotesken Felsenhäupter, als durch die herrlichen Aussichten, welche man von ihnen genießt, die ganze Aufmerksamkeit des Wanderers in Anspruch nehmen« (Franz Dingelstedt). Der Übergang vom Süntel zur eigentlichen Weserkette macht sich wenig bemerkbar, nur daß der Fichtenwald vom Buchenwald abgelöst wird. Daß wir uns auf dem Gebiete des Weißen Juras befinden, verraten uns erst die Klippen, auf die wir am Hohenstein (332 ~m~) unerwartet heraustreten. Großartiger noch und massiger, von tieferen Kaminen zerklüftet als am Ith, fallen hier die Dolomitfelsen in das waldige Vorland ab. Als dunkele Flecken heben sich die vielhundertjährigen Eiben an unzugänglichen Standorten von dem lichtgrauen Gestein ab (Abb. 82). Von einsamen Waldtälern ist der mächtige Steinklotz auf drei Seiten umschlossen. Tiefe, nachdenkliche Stille umgibt uns hier oben. Gern wollen wir es glauben, was die Überlieferung behauptet, daß der vereinzelt vorspringende Fels, der heute den Namen Teufelskanzel führt, einst ein altgermanischer Opferaltar gewesen sei, und immerhin annehmbar erscheint uns die Hypothese, daß die Namen der benachbarten Hochfläche, des einen Tales und seines Wasserlaufes sowie des einen Dorfes im Tal -- Dachtelfeld (= Prügelfeld), Totental, Blutbach, Weibeck (= Kampfbach) -- an den Sieg Wittekinds über die Franken im Jahre 782, wenn nicht gar an Idistavisus erinnern sollen.
Durch frische Täler und über buchenbewachsene Hügel geht es fort zur Paschenburg, zur Schaumburg und zur Arensburg. Die erste ist ein hochgelegenes Gasthaus (336 ~m~), das wegen seiner Fernsicht berühmt ist. Lassen sich doch von dort oben angeblich 23 Windungen der Weser und 136 Ortschaften zählen. Die Schaumburg, der Stammsitz des gleichnamigen Grafengeschlechtes, liegt unmittelbar darunter auf einem Vorberge. Von dem Schloß sind noch eine Anzahl teils bewohnte, teils halb zerfallene Baulichkeiten ohne großen Kunstwert vorhanden (Abb. 83). Die Lage aber und der Blick auf das am Berge hängende Dörfchen Rosenthal ist von zauberhafter Schönheit. Auch die Arensburg, welche auf kleinem Hügel den Paßübergang von Rinteln nach Obernkirchen beherrscht, ist ursprünglich eine Ritterburg gewesen, jetzt aber ein Lustschlößchen des Fürsten von Bückeburg mit wohlgepflegten, geschmackvollen Parkanlagen (Abb. 84). Das nahe Steinbergen wird als Sommerfrische viel besucht.
[Sidenote: Die Porta Westfalica.]
Von der Schaumburg bis zur Porta Westfalica führt der Touristenweg nicht über die Kämme der Einzelberge, die sich in regelmäßigem Wechsel erheben und bis zur Höhe der südlichen Vorberge herabsenken, sondern auf einer Zwischenstufe, auf der Grenzlinie des Weißen und Braunen Juras (Abb. 85). Von den Gipfeln sind viele bis obenhin bewaldet; ihrer schönen Fernsicht wegen werden hauptsächlich die Luhdener Klippe mit steinernem Turm, der oben kahle Papenbrink, die Nammer Klippe und der Jakobsberg besucht, der bereits einen der Torflügel der Porta bildet. Seinen Namen hat der Berg durch Friedrich den Großen erhalten. Bei einem Besuche der Gegend fand er dort einen seiner Kriegsinvaliden, namens Jakob, der ihm selbstgezogene Trauben[7] vorsetzte. Dies veranlaßte den König, den bisherigen Tönniesberg in Jakobsberg umzunennen.
[7] Weinbau wurde auch sonst an der Weser getrieben. Bei Höxter ging er zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts ein. Wie bei Höxter gibt es auch bei Lübbecke einen »Weinberg«.
In die Porta blicken wir von der auf dem Gipfel errichteten Bismarcksäule oder von der benachbarten Jakobsklippe wie aus der Vogelschau hinab. Durch ein Felsentor von nur etwa 800 m Breite strömt friedlich der blanke Fluß dahin; keine Stromschnelle, kein Strudel zeugt mehr von der Arbeit, die das Wasser hier verrichten mußte, als es diese Bergkette in demselben Maße, wie sie sich hob, langsam durchnagte (Abb. 86). Landstraßen geleiten den Fluß auf beiden Seiten; auf dem rechten Ufer freilich ist der Raum für sie und die Eisenbahn erst durch Felssprengungen gewonnen worden. Das fortwährende Rollen der Züge verrät uns, daß wir uns an einer echten Völkerpforte, einem der wichtigsten Tore zwischen Rhein und Elbe, befinden. Der Flecken am Südfuße des Berges, 200 ~m~ unter uns, ist Hausberge, genannt nach dem »Haus am Berge« (auch als Schalksburg bezeichnet), das die edlen Herren vom Berge dort besaßen; sie waren angeblich Nachkommen Wittekinds, und ihnen gehörte auch der gegenüberliegende Hof Wedigenstein.