Das Weserbergland und der Teutoburger Wald

Part 7

Chapter 73,230 wordsPublic domain

Das Wesertal ist von Münden bis Carlshafen-Herstelle eng und wenig besiedelt. Der Strom fließt im Buntsandstein, einer alten Verwerfungsspalte dieses Gesteines folgend. Durch jahrtausendelanges Nagen hat sich das Flußbett derartig vertieft, daß die bewaldeten Höhen rechts und links -- dort Blümer Berg (Abb. 16), Bramwald, Kiffing, hier Reinhardswald genannt -- die Talsohle vielfach bis zu 230 ~m~ überragen. Die Schichten dieser Berge fallen beiderseits nach der vom Strome abgewendeten Seite ein; die Wasserscheiden liegen nahe dem Fluß, die Hänge sind schroff, die Täler meist kurz und steil. Nur rechts sind Schede, Nieme und Schwülme größere Bäche, die, dem Hinterlande jener grünen Berge, nämlich der Senke zwischen Buntsandstein und Muschelkalk entsprungen, den letzteren in hübschen Tälchen durchnagt haben. Verzichten müssen wir auf die Aufzählung all der schmucken Dörfer, deren Jugend die Ankunft unseres Schiffes an und noch lieber in dem Wasser erwartet, während die überall zahlreich vorhandenen Gänse unter lautem Protestgeschnatter in vornehmem Zuge das Flußbett verlassen. Im allgemeinen bildet die Weser hier die Grenze zwischen Hannover und Hessen. Doch greift dieses auch aufs rechte Ufer über. Die Bevölkerung aber ist auf beiden Seiten niederdeutsch.

Links liegt der Flecken Veckerhagen (1500 Einwohner), der seine jetzt noch bestehende kleine Tonindustrie und die Fabrik von Casseler Braun (Umbra) ebenso wie die von 1666 bis 1903 betriebene Eisenhütte benachbarten tertiären Bodenschätzen verdankt. Das gegenüberliegende Hemeln ist aus einem alten karolingischen Reichshof hervorgegangen, der wie so oft unter einer alten Volksburg angelegt worden war. Den späteren Wohnsitz ihres adligen Gebieters werden wir in der Bramburg zu erkennen haben, deren Ruine rechts aus dem Walde düster emporragt; sie gehörte später den Herren von Stockhausen und wurde wegen deren Räubereien im fünfzehnten Jahrhundert zweimal von den braunschweigischen Landesherren zerstört. Die Domänen Hilwartshausen und Bursfelde sind ehemalige Klöster; letzteres liegt auf dem Geröllkegel der Nieme (Abb. 40 u. 41). Kirchengeschichtlich ist es bekannt als Ursprungsort der Bursfelder Kongregation, eines im fünfzehnten Jahrhundert gestifteten Verbandes von Benediktinerklöstern zur Erhaltung der kirchlichen Zucht, kunstgeschichtlich durch seine schöne im Jahre 1903 wieder hergestellte romanische Basilika. In dem erweiterten Tale beim Einfluß der Schwülme haben die Flecken Lippoldsberg (900 Einwohner) mit schönem alten Kloster und Bodenfelde mit kleinem Umschlagsplatz (vergl. Seite 34) einige Bedeutung. Ein besonderes Interesse beanspruchen die Hugenottenkolonien Gottestreu und Gewissenruh. Sie sind ungefähr gleichzeitig mit Carlshafen um 1700 entstanden, als Landgraf Karl von Hessen die nach Aufhebung des Edikts von Nantes vertriebenen Glaubensgenossen der wirtschaftlichen Hebung seines Landes dienstbar zu machen suchte. In Gewissenruh wurden zwölf Familien angesiedelt, von denen jede einen Streifen Waldland zur Urbarmachung erhielt (vergl. Seite 44). Französische Inschriften an den Häusern und dem kleinen Kirchlein[5], französische Familiennamen wie Jouvenal, Don, Héritier, Volle, Seguin (sprich: Zeckink) und einige schwarzäugige und dunkelhaarige Köpfe sind die einzigen Reste fremden Wesens in dem Dörflein (Abb. 42).

[5] ~1 Août 1799. Gen. XXVIII. V. 16. Certes, L'éternel est en ce lieu et ie nan sauoie rien.~

[Sidenote: Carlshafen.]

Noch mehr hat sich dieses in Carlshafen verwischt, obgleich hier noch bis 1825 von dem Pfarrer Guillaume Suchier französisch gepredigt worden ist. Carlshafen ist eine rein künstliche Gründung (Abb. 43). Freilich ist die geographische Lage am Einfluß des größten linken Nebenflusses in die Weser außerordentlich günstig und hat früh zwei Siedelungen veranlaßt. Weil aber der Baugrund an der Mündungsstelle selbst zu feucht war, ist die eine von ihnen 2 ~km~ im Diemeltale hinauf, die andere 2 ~km~ im Wesertale abwärts gerückt. Jene ist Helmarshausen (1300 Einwohner) mit der im Jahre 998 von dem frommen Freundespaar, Kaiser Otto ~III.~ und Papst Gregor ~V.~, gestifteten Benediktinerabtei, zu deren Schutze Erzbischof Engelbert von Köln 1220 die Krukenburg dort oben erbaute (Abb. 44); diese ist das von Karl dem Großen erbaute Herstelle, wo er den Winter 797/98 verbrachte und eine Kirche gründete. Herstelle war zu einem festen Lager und dauernden Stützpunkt seiner Regierung bestimmt; zeitweilig kam sogar die Errichtung eines Bistums in Frage. Jetzt ist Helmarshausen ein hauptsächlich von Steinbrucharbeitern und Zigarrenmachern bewohntes Städtchen, die Krukenburg die schönste Ruine des Wesergebiets, Herstelle ein westfälisches Dorf, überragt von einem Kloster und einem modernen Schloß. Mit der Erbauung von Carlshafen oder, wie es ursprünglich nach der alten Volksburg darüber (vergl. Seite 57) genannt wurde, Sieburg, wurde am 29. September 1699 begonnen. Landgraf Karl wollte hier mit allen Mitteln des aufgeklärten Despotismus die Entstehung einer Handels- und Hafenstadt erzwingen; der Verkehr sollte den lästigen Mündener Stapel umgehen und auf der kanalisierten Diemel und Esse bis Hofgeismar und dann über Land nach Cassel gelenkt, der Kanal aber womöglich bis zur Lahn nach Marburg fortgeführt werden. Französische und deutsche Ansiedler erhielten billige Wohnungen und allerhand Vergünstigungen. Die Stadt bietet, aus der Vogelschau von den hessischen Klippen gesehen, das Bild vollendeter Symmetrie: in der Mitte der jetzt unbenutzte Hafen, daneben zwei stattliche Gebäude, dann gleiche Wohnblöcke, deren Häuser -- außer den etwas größeren Eckbauten -- je fünf Fenster Front, zwei Stockwerke und einen einfenstrigen Dacherker haben. Die weitschauenden Pläne Karls versanken mit seinem Tode von selbst ins Nichts. Jetzt hat das 1900 Einwohner zählende Städtchen als Erwerbsquellen Stein-, Tonröhren- und Holzindustrie, dazu Zigarrenfabrikation und ein kleines Solbad; ein Invalidenhaus besteht noch seit den Tagen des edlen Landgrafen; auch lockt die entzückende Lage, neben der Mündens sicherlich die reizvollste im Wesertal, zahlreiche Sommerfrischler herbei.

Von den Landschaften an dem obersten Stück des Weserlaufs werden die links den Wanderer mehr anlocken. Rechts ist die Buntsandsteinzone schmal, und nur in ihr herrscht zusammenhängender Wald, so besonders im Bramwald (Totenberg 406 ~m~), dem man freilich stellenweise noch anmerkt, daß bis vor 40 Jahren 1700 Rinder, 7500 Schafe, 3200 Schweine und zahllose Gänse bei ihm zu Gaste gingen. Das hübsch an der Nieme gelegene Lewenhagen ist ein bescheidener Luftkurort. Das östlich dahinter liegende Dransfelder Höhenland, das meist dem Muschelkalk angehört, wird überragt von malerischen Basaltkuppen, wie dem aussichtreichen Hohen Hagen (506 ~m~) und dem Dransberg, deren Steinbrüche auch hauptsächlich den 1400 Einwohnern des alten, hochgelegenen Städtchens Dransfeld (Bahnhof 301 ~m~) Unterhalt gewähren (Abb. 45).

[Sidenote: Der Reinhardswald.]

Der Reinhardswald links der Weser ist für den Naturfreund ein lohnenderes Wandergebiet. Er besteht aus einer fast 30 ~km~ langen, durchschnittlich 10 ~km~ breiten Buntsandsteinscholle von etwa 400 ~m~ Höhe, auf der basaltische Kuppen wie der Gahrenberg (464 ~m~) und der Staufenberg (472 ~m~) aufgesetzt sind. An ihrem Fuße finden sich tertiäre Ablagerungen, aus denen u. a. am Gahrenberg Braunkohle bergmännisch gewonnen wird. Das Innere des Waldes ist fast unbewohnt. Beberbeck ist ein königliches Hauptgestüt mit weit ausgedehnten Bergweiden, auf denen sich etwa 350 edle Rosse (Halbblut) in Freiheit tummeln, die malerische Sababurg (im Volksmunde ist der ursprüngliche Name Zappenburg erhalten) ein 1490 erbautes, jetzt halb zerfallenes Jagdschloß der hessischen Landgrafen, Gottsbüren, das einzige, übrigens sehr alte Dorf des inneren Waldes, im vierzehnten Jahrhundert durch seine Wallfahrtskapelle, jetzt durch eine Kirchenorgelfabrik berühmt. Das malerische, von einer Burg überragte Ackerstädtchen Trendelburg an der Diemel (650 Einwohner) liegt schon außerhalb des Gebirges (Abb. 46). In diesem selbst herrscht ringsum der Wald, ununterbrochener Wald. Der Reinhardswald ist alter Reichsforst, wurde aber im Jahre 1018 von Kaiser Heinrich ~II.~, dem letzten Sachsen, seinem Freunde, dem Bischof Meinwerk von Paderborn, für das Bistum geschenkt. Nach mehrfacher Teilung und Besitzvertauschung kam er bis zum sechzehnten Jahrhundert nach und nach ganz an Hessen.

[Sidenote: Reinhardswald und Solling.]

Die für den Forstmann nicht gerade erfreulichen Schicksale des Waldes als solchen, über die auf Seite 30 bis 32 das Nötige gesagt worden ist, haben eine den Naturfreund fesselnde Mannigfaltigkeit des Landschaftsbildes hervorgerufen. Außer dem eigentlich bodenständigen Buchenwald finden sich weite, parkartig mit vereinzelten alten Eichen bestandene Blößen, die früher Hutezwecken dienten. Vielfach auch sind die Eichen später mit jungen Buchen forstgerecht unterbaut. In den sechziger Jahren wurden, um die Blößen nicht ganz der Viehweide zu entziehen, sie aber zugleich auch forstlichen Zwecken dienstbar zu machen, kreisförmige Plätze von 4 bis 6 ~m~ Durchmesser bei 14 ~m~ Dreiecksverband mit kleinen Entwässerungsgräben umgeben und miteinander verbunden. Der Aufwurf diente zur Erhöhung des Platzes, der mit je 25 Stück junger Fichten bepflanzt wurde. Diese sind nun herangewachsen und bilden die auffallende Erscheinung der »Klümpse«. An ihre Stelle tritt neuerdings allmählich richtiger Fichtenwald, der im Gahrenberger Revier bereits 22% der Forstfläche (gegen 3% vor hundert Jahren) bedeckt. Stellenweise bereitet auf der Hochfläche allerdings der versauerte und vertorfte Boden der Aufforstung Schwierigkeiten.

Im Mittelalter noch ein Tummelplatz von Tausenden wilder Eber, verarmte der Reinhardswald später allmählich in bezug auf seinen Wildstand, und als gar im Revolutionsjahre die Jagd freigegeben worden war, zählte man bald danach (1852) im Holzhäuser Revier nur 8 Stück Rotwild, 14 Stück Schwarzwild und 14 Rehe gegen 98, 86 und 76 fünf Jahre vorher. Jetzt ist seit 1866 ein Gebiet von 8000 ~ha~ eingegattert, und es wird darin ein mäßiger Bestand an Rot- und Schwarzwild gehalten (Abb. 47). Auch Auerwild kommt vereinzelt vor. In jedem Herbst findet die akademische Hubertusjagd im Forstbezirk Gahrenberg statt, nach der unter Fackelschein die Beute durch Münden getragen, auf dem Markte eine Rede gehalten und beim Kommers das Jagdgericht abgehalten wird.

~VIII.~ Solling, Homburg und Vogler.

Ähnlichen Charakter wie der Bramwald und der Reinhardswald zeigt auch der Solling, jene große Buntsandstein-Ellipse, die nach Einmündung der Schwülme in die Weser dem Hauptstrom die westliche Richtung seines Nebenflusses aufzwingt. Es fehlen hier jedoch die basaltischen Durchbrüche, wenn wir nicht die von der Schwülme an drei Seiten umflossene Berggruppe, die in der 461 ~m~ hohen Bramburg gipfelt, noch zum Solling rechnen wollen. Die Bramburg ist die nördlichste ausgebildete Kuppe aus Basalt Deutschlands überhaupt. Die Brüche dort oben sind mit maschinellen Hilfsmitteln allerart ausgestattet. Sie sind die bedeutendsten in der Gegend und haben den Gipfel des Berges, der eine prachtvolle Fernsicht gewährt, bereits völlig umgestaltet. Der leitende Ingenieur und eine Anzahl Arbeiter wohnen oben, andere in den benachbarten Ortschaften. Bei der Gewinnung der Steine kommt es vor allem darauf an, das eben gebrochene Material schnell hinter Strohwänden oder unter Schuppen zu bergen und möglichst bald zu verarbeiten. Solange es nämlich noch frisch ist, läßt es sich leicht spalten und zu rechteckigen Klötzen behauen; sobald aber die Sonne es beschienen hat, zerspringt es unter dem Hammer zu unregelmäßigen Stücken, und statt der Pflastersteine ist nur Schotter zu gewinnen. So kostet oft ein unerwarteter Sonnenschein, vor dem frisch gebrochene Steine nicht mehr gerettet werden konnten, dem Werke eine Menge Geld. Die Ursache des »Verbrennens« der Steine ist noch nicht einwandfrei festgestellt. Am Südfuße der Bramburg liegt der uralte Flecken Adelebsen (1500 Einwohner), in dem die Adelsfamilie gleichen Namens ihr Stammschloß mit einem ungeheuren Bergfried hat. Am Nordfuß ist Volpriehausen zwar ein altes Dorf, aber ein ganz junger Industrieplatz. Abgesehen davon, daß es die Bahnstation für die Bramburgbrüche ist (eine Betriebsbahn verbindet diese damit), verdankt es seine Bedeutung dem großen Kaliwerk, das aus Tiefen von 400 bis 600 ~m~ jenes für die Landwirtschaft so wichtige Mineral zugleich mit reinem Steinsalz heraufbefördert. Als Betriebsmittel dient die in der Nähe bei Delliehausen gewonnene Braunkohle; doch ist deren Lager nahezu erschöpft.

[Sidenote: Der Solling.]

Der Solling bietet an seinen Rändern meist keinen reizvollen Anblick, da er sich allmählich erhebt und die Äcker weit an seinen Hängen emporsteigen. Nur bei Carlshafen und Fürstenberg hat die Weser ihn angenagt, so daß der Dampfer dicht unter steilen Felsen dahingleitet. Von den bisher besprochenen Buntsandsteingebieten unterscheidet sich der Solling durch eine größere Ausdehnung und seine annähernd kreisrunde Form. Da die Schichten des Gesteins horizontal liegen, so ist der Abfluß von der Mitte der Hochfläche erschwert, und es bilden sich Hochmoore wie am Moosberg, der wohl daher seinen Namen hat. Strahlenförmig fließen nach allen Seiten Bäche, die sich ziemlich enge, allmählich tiefer werdende, landschaftlich recht reizvolle Wiesentäler nach den Rändern der Hochfläche hin genagt haben; von jenen fließt die Ilme zur Leine, die Aale zur Schwülme, die Rottmünde und die Holzminde zur Weser. Die zwischen den Tälern stehen gebliebenen breiten Rücken haben annähernd gleiche Höhe und wachsen für das Auge eines ferner stehenden Beschauers zu einer einzigen Ebene zusammen. Auch die Gipfel, unter denen die Große Blöße mit 528 ~m~ der höchste Berg zwischen Harz und Sauerland ist, überragen die Fläche so wenig, daß vor der Herausgabe der preußischen Meßtischblätter stets der Moosberg (513 ~m~) als die bedeutendste Kuppe des Gebirges, als der König des Sollings, genannt wurde. So haben also preußische Offiziere diesen König entthront. Die Silhouette des Sollings erscheint unter diesen Umständen außerordentlich einförmig. Was das Gebirge reizvoll macht, das ist der stundenlang ununterbrochene Wald (Abb. 18, 20 u. 21). Berühmt sind außer vereinzelten Prachteichen auch einige um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts angepflanzte Eichenalleen. Im übrigen aber ist der Wald -- jetzt vielfach Fichtenbestand -- ein Ergebnis der neueren verständigen Forstkultur (Seite 30 ff.).

An Siedelungen ist das Innere des Gebirges arm. Daß deren früher mehr vorhanden waren, beweisen die Kirchenruinen, wie wir deren im Schwülmetale bei Adelebsen und in der Wüstung Friewohle unweit Volpriehausen zwei noch stattliche finden, während sich an anderen Stellen nur eben die Grundmauern unter Laub und Gras erkennen lassen. Dagegen ist das Gebirge mit einem Kranz von Dörfern und Städten umgeben. Carlshafen, Adelebsen und Volpriehausen haben wir bereits erwähnt. An der Bahnstrecke Ottbergen-Northeim, welche einer alten Handelsstraße zum Harze folgt, liegt noch Uslar (2500 Einwohner) inmitten fruchtbaren Getreide- und Rübenbodens mit Eisenhütte, Obstweinfabrikation und Teppichweberei und Hardegsen (1300 Einwohner) am Durchbruch des Flüßchens Espolde durch den öden Muschelkalkzug der Weper, überragt von dem hohen, düsteren »Mushaus«, dem Überrest einer sehr alten, zeitweilig den Braunschweiger Herzögen gehörigen Burg. Baulich interessant sind noch das alte Schloß Nienover bei Bodenfelde und die romanische Basilika des Klosters Fredelsloh.

[Sidenote: Einbeck.]

Nordöstlich vom Solling und von ihm getrennt durch den Bergzug, der die Ruine der alten ehemaligen Welfenburg Grubenhagen trägt (293 ~m~), liegt am Rande einer fruchtbaren Keuper- und Liasmulde die einstige Hansastadt Einbeck (8700 Einwohner), von alters her berühmt durch ihre Leinweberei und noch mehr durch das Bier, von dem schon Herzog Erich ~I.~ von Calenberg auf dem Wormser Reichstage Luthern eine Kanne spendete. Die Brauerei nimmt neben anderen Gewerbezweigen, z. B. der Zuckerfabrikation und der Fahrradindustrie, noch immer eine Hauptstelle in der Arbeit der Bewohner ein und liefert besonders pasteurisiertes Flaschenbier zur Ausfuhr in die Tropen. Bedeutende Kirchen, ein stattliches Rathaus und schöne geschnitzte Holzhäuser aus der Renaissancezeit bezeugen die ehemalige Blüte der Stadt (Abb. 48 u. 49). Während Einbeck früher an der Kreuzung zweier bedeutender Straßen lag, nämlich der von Göttingen nach Hannover, welche an dieser Stelle das enge, feuchte Leinetal vermied, und der zur Weser bei Bodenwerder, wird es jetzt von der durchgehenden Bahnlinie nicht berührt. Es liegt an einer Seitenbahn, die im Ilmetal aufwärts bis zu dem Städtchen Dassel (1500 Einwohner) führt. Daß dieses einst der Sitz eines mächtigen Grafengeschlechtes war -- man denke an Ludolf, den Kanzler des Rotbarts --, ist an sichtbaren Spuren nicht mehr zu erkennen. Interessanter ist das benachbarte von Herzog Erich ~I.~ von Calenberg 1530 erbaute Schloß Erichsburg.

Nördlich davon liegt Stadtoldendorf, ein braunschweigisches Städtchen von 3500 Einwohnern, Station der Bahn Kreiensen-Holzminden (Berlin-Cöln). Der Zechstein birgt hier, besonders nach der benachbarten Homburg zu, einen mächtigen Gipsstock, der in mehreren Brüchen ausgebeutet wird. In einigen Fabriken werden daher Gipsdielen hergestellt.

[Sidenote: Elfas. Homburg.]

Die am Westrande des Solling liegenden Orte mögen später bei einer fortgesetzten Betrachtung des Weserlaufes besprochen werden. Vorher hätten wir noch ein Wort über den Buntsandsteinzug Elfas-Homburg-Vogler zu sagen. Das Fehlen eines gemeinsamen Namens zeigt uns, daß wir es trotz der geologischen Zusammengehörigkeit dieser Berge mit drei gesonderten Gruppen zu tun haben. Am wenigsten tritt der Elfas (380 ~m~) hervor. Bedeutender ist die Homburggruppe, in ihren beiden Hauptgipfeln 400 ~m~ überragend. Auffallend ist -- zumal im Gegensatz zu der Weichheit der Linien in dem benachbarten Sollinggebiet -- die in dieser Formation so seltene malerische Kuppelform des Berges, der die Ruinen der alten Dynastenburg trägt. Es ist nicht viel von ihr erhalten. Denn schon hundert Jahre nachdem 1409 der letzte der Herren von Homburg, wie die Sage meldet, unter der Hand eines Eversteiner Grafen am Altare zu Amelunxborn verblutet war, ließen die Braunschweiger Herzöge die Burg verfallen und bauten aus den Steinen das neue Amtshaus in Wickensen. Aber der Pallas ist nebst einigen Gewölberesten mitten im grünen Buchenwald noch erkennbar. Der Besuch der Trümmer sowie der Blick von dem Stumpf des zerbröckelten Bergfrieds auf das Städtchen zu Füßen wird den Wanderer sicherlich für die Mühen des Aufstieges belohnen.

[Sidenote: Vogler.]

Zum Vogler werden wir von Stadtoldendorf aus unseren Weg am besten durch das liebliche Hooptal nehmen; so heißt das oberste Stück der von dem Forstbach in die Hochebene eingewaschenen Schlucht. Bald überrascht uns hier der Anblick des Klosters Amelunxborn, hart oben am Rande der schroffen Talwand gelegen. Wir finden hier eine auch sonst sich aufdrängende Beobachtung bestätigt, daß die Zisterziensermönche nicht nur landwirtschaftliche Praktiker ersten Ranges, sondern auch Menschen von einem hervorragenden Verständnis für landschaftliche Schönheit gewesen sein müssen. Im Jahre 1129 vom Grafen Siegfried von Northeim gestiftet, auf den auch die Erbauung der Homburg, wenn auch vielleicht nicht die erste, zurückgeführt wird, ist es die älteste Klostergründung jenes Ordens in Niedersachsen. Die schöne romanisch-gotische Doppelkirche dient jetzt der Domäne und den Nachbardörfern als Gotteshaus.

Der Vogler ist von den drei Berggruppen die ausgedehnteste. Der Kamm zieht sich in einem flachen, nach Osten geöffneten Bogen etwa zehn Kilometer weit hin, sendet nach beiden Seiten viele starke Äste aus und gipfelt in dem 460 ~m~ hohen Ebersnacken, einem der herrlichsten Aussichtspunkte des Wesergebietes. Die Fülle schönen Buchenwaldes, die starke Entwicklung leicht zu überblickender Täler, die reiche Gliederung, die auch in der edlen Silhouette des Gebirges ihren Ausdruck findet, verleihen dieser Berggruppe einen ganz besonderen Reiz. An Siedelungen finden sich fast versteckt nur zwei arme Holzhacker-Dörflein. Der Name des einen, Heinrichshagen, hat zusammen mit dem des Bergzuges selbst Anlaß zu der Sage gegeben, hier habe König Heinrichs Vogelherd gestanden. An seinem Nordwestende, der Königszinne, erreicht der Vogler in steilem Absturz bei Bodenwerder die Weser, deren Lauf wir von Herstelle ab nunmehr noch verfolgen müssen (Abb. 60).

~IX.~ Die Weser von Herstelle bis Hameln.

[Sidenote: Das Wesertal.]

Unterhalb Carlshafens, bei Herstelle, verläßt die Weser das reine Buntsandsteingebiet und tritt durch das von den hannoverschen Klippen rechts, von den hessischen Klippen und ihrer westlichen Fortsetzung links gebildete Tor in den zweiten der Seite 24 u. 25 genannten Talabschnitte hinaus. Der Eindruck der offenen Landschaft wird abgesehen von der größeren Entfernung der Talwände auch durch deren Lücken hervorgerufen, die sich an den Mündungen der Zuflüsse befinden, aber zu der Bedeutung von Wässerchen wie die Nethe, die Holzminde, der rechtsseitige Bever- und der Forstbach in keinem Verhältnis stehen. Den Gegensatz zwischen den beiden jüngsten Gliedern der Trias, die unser Tal scheidet, haben wir reiche Gelegenheit zu beobachten. Sanft erhebt sich rechts der Solling; weit steigen die Felder an seinen Hängen hinauf, so daß von dem Walde vielfach nur ein Streifen zu sehen ist und die Gipfelhöhe des Sandsteingebirges unterschätzt wird. Links fällt das Höxtersche Höhenland steil ab. Im Gegensatz zu der abgerundeten Form der Gehänge, die wir am Reinhardswalde beobachtet haben, bildet der Muschelkalk winklige Abstürze, deren steilste Stelle oben am Rande des Plateaus liegt, während unten stellenweise aufgehäufte Schuttkegel die Steilheit mildern. Diese Form des Bergprofils wiederholt sich bei allen Vorsprüngen der Hochfläche, die sich kulissenartig voreinander schieben, und erinnert trotz der kleineren Verhältnisse an den Nordrand der Schwäbischen Alb (Abb. 55). Als Grund dieser Erscheinung haben wir die Tatsache anzusehen, daß beim Sandstein mehr die mechanischen, beim Kalk mehr die chemischen Kräfte des Wassers abtragend gewirkt haben. Dieses führt den Kalk gelöst oder in so kleinen Teilchen zu Tale, daß an der Böschung selbst fast nichts liegen bleibt, während sich der aus dem Sandstein losgerissene Schutt überall da ablagert, wo das schwächere Gefälle die lebendige Kraft des Wassers mindert.