Das Weserbergland und der Teutoburger Wald

Part 6

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Die Frauenkleidung zeichnet sich besonders durch den fußfreien, feuerroten Tuchrock aus, dessen Stoff -- vielleicht nach seiner friesischen Herkunft -- Friesat, sonst auch Büffel oder Schierlaken genannt wird. Die Frauen tragen ihn stets außer beim Abendmahl, wo ein schwarzer an seine Stelle tritt. Der Schnitt und der Farbenton des Rockes ist in den einzelnen Landesteilen verschieden; ebenso unterscheiden sich einige andere Stücke des Anzuges, wie Wams, Mütze, Nackentuch, Schürze und Mantel. Man spricht daher von einem hessischen oder Lindhorster Typus (Abb. 31), den wir z. B. in Nenndorf am Deister noch beobachten können, von einem Friller Typus, der nördlich von Minden herrscht, und von dem eigentlichen Bückeburger. Bei diesem letzten fallen uns besonders die festen Mützen mit den ungeheuren steifen Bandschleifen auf. Die letzteren sind verhältnismäßig jungen Ursprungs. Bis gegen Ende der siebziger Jahre waren die Schleifen noch klein und ungesteift (Abb. 30). Dann griff man zur Pappeinlage und hatte nun ein Mittel gefunden, sie allmählich bis ins Ungemessene zu vergrößern (Abb. 32 zeigt den Übergang). Die Folge davon ist freilich gewesen, daß die Mütze jetzt schwer und lästig ist und bei der Arbeit oder zu Hause vielfach gar nicht aufgesetzt wird (Abb. 33). Ein besonders wertvolles Schmuckstück ist die »Kralle«, die Bernsteinhalskette mit silbernem Schloß, zu der in einzelnen Landesteilen noch eine silberne Halsbinde kommt. Überhaupt hat die ganze Tracht den Charakter des Prunkenden, aber auch zugleich des Soliden und Echten. Wäre das einzelne Kleidungs- oder Schmuckstück nicht für ein Menschenleben oder gar für eine Folge von Generationen gemacht, so würde gewiß die Tracht längst verschwunden sein.

Eine gewisse Abart des Schaumburger Kostüms herrscht am linken Weserufer in der Mindener Gegend. Die Hauptabweichung besteht außer in der Mützenform (Abb. 34) darin, daß die weißen Halskrausen und leider auch die roten Röcke nebst sonstigen farbigen Bestandteilen der Kleidung seit den sechziger Jahren verschwunden sind. Man nennt diese Tracht daher bezeichnenderweise die »schwarze Tracht«. Ihres Hauptreizes beraubt, fällt sie natürlich noch leichter der Gleichmacherei zur Beute und wird sicher ziemlich bald der vordringenden städtischen Kleidung den Platz räumen. Aber auch die bunte Schaumburger Tracht geht, obwohl langsamer, kirchspielweise, denselben Weg (Abb. 33) und wird wie das altsächsische Haus nach Verlauf weniger Jahrzehnte wohl nur noch als antiquarische Merkwürdigkeit bewundert werden können.

~VI.~ Geschichtliches.

[Sidenote: Geschichte.]

Eine Geschichte des Weserlandes zu schreiben, kann nicht der Zweck dieses Buches sein; auch würde ein solches Unternehmen voraussetzen, daß der Landstrich politisch eine Einheit darstellte. Das ist nun aber fast nie der Fall gewesen, und so wird sich diese historische Skizze, die der Beschreibung der einzelnen Landschaften vorausgehen mag, die Aufgabe stellen, die Buntscheckigkeit der heutigen politischen Landkarte zu erklären und nebenbei einige Ereignisse zu berühren, die sich ausschließlich oder doch vorzugsweise im Weserland abgespielt haben.

[Sidenote: Altertum.]

Seit dem vierten Jahrhundert v. Chr. finden wir dort fast überall Germanen außer links von der Weser, von wo die letzten Kelten weit später, wenn auch sicher schon vor Cäsars Feldzügen nach Westen gedrängt worden sind. Zur Zeit der Römereinfälle wohnten an der oberen Weser die kriegerischen Cherusker, von Angrivariern, Brukterern und Chatten im Norden, Westen und Süden umgrenzt. Sie und ihr tapferer und verschlagener Häuptling Arminius hatten die Führung jener Stämme in den Freiheitskriegen gegen die römischen Feldherren Quintilius Varus und Germanikus; in ihrem Gebiete lag der Teutoburger Wald, wo die Legionen des Varus im Jahre 9 n. Chr. aufgerieben wurden, und Idistavisus, wo Germanikus einen solchen Sieg davon trug, daß ihm der Geschmack an weiteren Lorbeeren verleidet wurde. Idistavisus ist vermutlich an der Weserkette zu suchen, doch wissen wir nicht wo; und auch die Lage der Teutoburg wird sich wohl nie mit unumstößlicher Gewißheit feststellen lassen. Viel für sich hat die Annahme Clostermeiers (1822), die auch Schuchhardt neuerdings vertritt, daß die Grotenburg bei Detmold, auf der jetzt das Denkmal des Arminius steht, die alte Teutoburg sei. Jedenfalls ist sie eine der altgermanischen Volksburgen, wie sie in Kriegeszeiten zum Sammeln des Aufgebots und als Zufluchtsstätte für Menschen und Vieh benutzt wurden, und zwar in unserem Gebiet die einzige sicher festzustellende; denn die Hünenburg bei Bielefeld und die Sieburg im Dreieck zwischen Diemel und Weser bei Carlshafen können auch jünger sein.

Einige Jahrhunderte nach jenen Kämpfen ist die Erinnerung an die alten germanischen Stammesbezeichnungen verschwunden. Es leben in Norddeutschland die kühnen, freien Sachsen, abgesehen von den Nordalbingern in die Stämme der Westfalen, Engern und Ostfalen geteilt. Nehmen manche Geschichtsschreiber eine friedliche Verschmelzung der alten Völkerschaften und die allmähliche Ausdehnung des Namens Sachsen auf die geeinte Stammesfamilie an, so stellen sich andere Forscher den Vorgang weniger idyllisch vor. Gewichtige Stimmen sprechen von einer im dritten und vierten Jahrhundert schrittweise vorgehenden Unterwerfung der Länder zwischen Rhein und Elbe durch die aus Holstein kommenden Sachsen.

Für ihren kriegerischen Sinn zeugt die große Zahl der von ihnen errichteten Burgen. Es sind große befestigte Heerlager auf unzugänglichen Bergen, vielfach nur aus einer Mauer bestehend. Der ahnungslose Wanderer, der etwa die Amelungsenburg bei Hessisch-Oldendorf oder den Wittekindsberg bei der Porta betritt, wird die im Buchenwalde versteckt liegenden Wälle kaum beachten, wogegen der Forscher in ihnen wie in vielen anderen, z. B. der Karlsschanze bei Willebadessen, der Iburg bei Driburg, der Herlingsburg bei Schieder, der Obensburg bei Hameln, die deutlichen Züge der altsächsischen Befestigung erkennt.

[Sidenote: Die Zeit Karls des Großen.]

Trotz ihrer Tapferkeit erlagen die Sachsen den fränkischen Eroberern, die mit einem Netz von Straßen, Wirtschaftshöfen und Burgen das Land überzogen. Auch von ihren Befestigungen finden wir Reste und erkennen sie an ihrer Zweiteiligkeit. Der kleinere befriedete Raum umschloß die Wohnung des Wirtschafters oder Befehlshabers, der größere enthielt den nötigen Platz für Zelt- oder Barackenlager. Zu diesen Burgen gehören u. a. Altschieder bei Schieder, die Bennigserburg und die Heisterburg im Deister, die Babilönie bei Lübbecke und die sogenannte Wittekindsburg bei Rulle. Diese Festen bieten in ihren Überbleibseln dem nicht sachkundigen Beschauer ebensowenig des Merkwürdigen wie die Sachsenlager. Viele andere, zumeist die jüngeren, haben überhaupt keine Spuren hinterlassen, da sie in Dörfern oder Städten aufgegangen sind. Da Karl der Große längs der Straßen und Marken alles Land der Verfügung des Staates unterstellte, sächsische Bauern vielfach verpflanzte, und für sich und seine Getreuen sowie für geistliche Stiftungen bedeutende Güter aussonderte, die dann mit abhängigen Kolonisten aus dem Frankenlande besiedelt wurden, so brachte er allmählich alle wichtigen Plätze in die Hand sicherer Leute. Natürlich erbitterte die Errichtung dieser großen Grundherrschaften, diese völlige Umwälzung der Eigentumsverhältnisse die Sachsen aufs äußerste. Gleichwohl lag darin auch ein Anreiz, sich mit der neuen Herrschaft zu versöhnen und den Lohn der »Treue« in Gestalt reichen Königsguts entgegenzunehmen. So vertauschte, nachdem der Engernfürst Bruno sich bereits 775 unterworfen hatte, auch der Westfale Wittekind zehn Jahre später die Rolle des Bauerngenerals mit der des reichen Grundherrn von Königs Gnaden.

Aufs engste war unter Karl und seinen Nachfolgern mit der politischen Eroberung die kirchliche verknüpft. Bistümer erstanden wie Osnabrück, Minden, Paderborn u. a. Ihre Diözesen und derer Unterabteilungen schlossen sich ebenso wie die fränkischen Gerichts- und Verwaltungsbezirke, die Gaue, an alte Stammgebiete und volkstümliche Gerichtssprengel an.

Von den drei alten Provinzen Sachsens interessiert uns zumeist Engern. Ostfalen scheidet abgesehen von einem Teil der Hilsmulde ganz aus unserer Betrachtung aus, und westfälisch ist von dem auf Seite 4 umgrenzten Gebiet nur der Teil, der von der Linie Bünde-Brackwede nordwestlich liegt. In Engern lag die alte Thingstätte Markloh (d. h. Grenzwald), wo die Abgesandten der Sachsen zusammenkamen. In Engern spielten sich auch die meisten Hauptereignisse des sächsisch-fränkischen Krieges, Überwinterungen, Reichstage, Belagerungen, Schlachten, ab. Man denke an die Eresburg (Marsberg), an Herstelle, Lügde, Schieder, Detmold, Paderborn, den Süntel, Lübbecke.

[Sidenote: Das Mittelalter.]

Zur Ottonenzeit war es ruhig in den Weserlanden. Das politische Schwergewicht hatte sich nach Ostfalen verschoben, wo es auch unter den Saliern blieb. Engern erfreute sich allerdings häufiger Besuche der Herrscher. Herford und Corvey sowie, ihnen nacheifernd, Paderborn und Minden wirkten kulturfördernd; aber doch hatte das Weserland kein Goslar, kein Hildesheim aufzuweisen. Auch von dem Emporblühen der westfälischen Städte Osnabrück, Münster, Soest und Dortmund hatte das Weserland, das alte Engern, wenig Vorteil.

[Sidenote: Scheidung der Dialekte.]

Im elften Jahrhundert verschwindet übrigens der Name Engern allmählich. Als mit dem Sturze Heinrichs des Löwen (1180) das Herzogtum Sachsen, das noch kurz zuvor dem Kaiser selber Trotz zu bieten vermochte, in Stücke geschlagen ward, da lösten sich die Bande zwischen den Ländern rechts und links der Weser. Paderborn kam an das unter dem Erzbischof von Köln stehende Herzogtum Westfalen. Auch Minden, das selbständig gewordene Bistum, wurde später zu Westfalen gerechnet; durch die Maximilianische Kreiseinteilung (1512) gelangte auch Schaumburg dazu, während die welfischen Lande den Hauptbestandteil des niedersächsischen Kreises bildeten. Diese scharfe Scheidung scheint auch auf die Entwicklung der Stämme von Einfluß gewesen zu sein. Denn das niedersächsische Plattdeutsch weist von dem westfälischen bedeutende Unterschiede auf. Heißt es in Westfalen »mī« und »dī«, so sagt man in einem Teile Niedersachsens »meck« und »deck«; sagt der Westfale »ick sin«, so wird man in Niedersachsen meist »ick bin« hören. Besonders groß sind die Unterschiede des Vokalismus, insofern der einfachen niedersächsischen Länge zumeist ein westfälischer Doppellaut gegenübersteht; man vergleiche: Brôd -- Bräud oder Braud (Brot), Brût -- Briut (Braut), dûsent -- diusent (tausend), Müse -- Muüse (Mäuse), Tîd -- Tëid oder Tuid (Zeit), spräken -- spriäken (sprechen), brôken -- bruaken (gebrochen). Auffallend ist auch das reine lange â der Westfalen, z. B. in Wâter (Wasser), während der Niedersachse dumpf Wáter sagt. Da die ehemals engrischen Teile Westfalens noch gewisse Besonderheiten im Dialekt gegenüber dem Altwestfälischen haben, so ist anzunehmen, daß das Ostengrische vom Ostfälischen (= Niedersächsischen) aufgesogen worden ist.

Doch kehren wir zu unserer Geschichte zurück. Nach der Zerstückelung des sächsischen Herzogtums sehen wir, wie mehr und mehr die kleinen Dynasten emporkommen und die geistlichen Herren nach Kräften rupfen. Im Welfenlande wurde ein ansehnlicher Teil des alten Besitzes 1235 als Herzogtum Braunschweig-Lüneburg zusammengefaßt, unterlag aber später mannigfachen großen und kleinen Teilungen, bis sich aus dem Wirrwarr die Fürstentümer Lüneburg, Calenberg, Göttingen, Grubenhagen und Wolfenbüttel nebst kleineren Unterteilen herauskristallisierten. Ihre Grenzen haben sich teils in den Grenzen des Herzogtums Braunschweig gegen die preußische Provinz Hannover, teils in denen der hannoverschen Regierungsbezirke gegeneinander erhalten.

Wohl könnte es uns reizen, die Geschicke auch einzelner geistlicher Territorien und mancher urwüchsiger Dynastengeschlechter zu verfolgen, deren Länder in dem Territorialbesitz der überlebenden Staaten aufgegangen sind; von manchem kecken Raubzug, mancher blutigen Fehde, mancher frommen Stiftung würden wir hören. Aber wir werden uns begnügen, ihre Spuren da zu erwähnen, wo wir sie finden. Für eine Geschichte der Grafen und Herren von Northeim, Dassel, Everstein, Homburg, Spiegelberg, Schwalenberg, Pyrmont, Sternberg, Schaumburg, Hallermund, Roden, Ravensberg, Tecklenburg ist hier kein Platz. Auch die ferneren Schicksale unserer Landschaften werden wir nicht verfolgen, da ihre Geschichte die Geschichte Deutschlands ist.

[Sidenote: Die Neuzeit.]

Eine Betrachtung der politischen Karte wird uns zeigen, daß unser Bergland unter fünf verschiedenen Herrschern steht. Von den alten Kleinstaaten sind Braunschweig, Waldeck-Pyrmont, Lippe und Schaumburg-Lippe erhalten. Preußen ist mit den Provinzen Hannover, Westfalen und Hessen-Nassau, den Regierungsbezirken Hannover, Hildesheim, Osnabrück, Minden, Münster und Cassel beteiligt. Unter das Zepter der Hohenzollern ist die Grafschaft Ravensberg im Jahre 1609 gekommen, dann folgte 1647 die Stadt Herford, 1648 das Bistum Minden, 1702 Ibbenbüren, 1707 Tecklenburg, 1803 die Bistümer Hildesheim (bis 1813) und Paderborn sowie das Stift Herford. Dazu kam 1815 außer den in der Franzosenzeit verlorenen und nun wieder gewonnenen Gebieten noch das Stift Corvey mit der Stadt Höxter. Endlich wurden 1866 Hessen-Nassau und Hannover nebst den von ihnen früher erworbenen Ländern, vor allem den Bistümern Hildesheim und Osnabrück, der Zollernkrone untertan.

~VII.~ Die Weser von Münden bis Herstelle. Dransfelder Höhenland und Reinhardswald.

Ehe wir von Münden aus unsere Weserfahrt antreten, sind wir hinaufgestiegen zur Tillyschanze, jenem steinernen Turm auf einem Vorsprung des Reinhardswaldes. Die geschichtliche Tatsache, die dieser Stätte ihren Namen gegeben hat, wird uns mit realistischer Treue ins Gedächtnis gerufen durch die im Inneren aufgestellten Kriegsaltertümer und das lebensvolle Relief von Prof. Gustav Eberlein: »Die Verteidigung der Stadt Münden im Dreißigjährigen Kriege.« Wie anders als in jenen schrecklichen Pfingsttagen des Jahres 1626, wo die von 3000 Leichen erfüllte Stadt der Beutegier kaiserlicher Soldateska preisgegeben war, ist der Anblick, den jetzt das entzückte Auge von der Plattform genießt!

O Heimat, du erscheinst mir So jugendfrisch und schön; Ein Tempe Deutschlands[4] bist du, Wie keins ich noch gesehn, Ein Born, woraus sich immer Mein durstig Herz erquickt, Wenn ich von deinen Höhen Hinab ins Tal geblickt.

Wie bist du schön im Maien, In Frühlingsherrlichkeit, Von weißen Blütenbäumen Stehst du wie überschneit, Und schallen Kirchenglocken Hinein ins blühende Tal, Dann bist du aller Schönheit Vollkommnes Ideal.

[4] Der Ausdruck rührt von Goethe her.

Gern werden wir uns dieses Urteil Eberleins zu eigen machen, der sich am Fuß des Berges, im Angesicht der Vaterstadt, sein behagliches, von einem großen steinernen Eber bewachtes Heim geschaffen hat. In engem Talkessel, umgeben rings von den lieblichen Formen buchengrüner Höhen, umkränzt von Obstgärten mit zierlichen Landhäusern, blickt uns das freundliche Rot der ziegelgedeckten Altstadt entgegen; und darüber ragt in ehrwürdigem Grau eine Anzahl massiver Steinbauten empor, unter denen die alten, zum Zweck der Schrotfabrikation erhöhten Befestigungstürme, »die Hageltürme«, besonders auffallen (Abb. 36).

[Sidenote: Münden und die Weserschiffahrt.]

Die in ihrer ursprünglichen Gestalt dem dreizehnten Jahrhundert angehörenden Kirchen zu St. Ägidien und St. Blasien -- an der ersteren befindet sich der Grabstein des liedberühmten ~Dr.~ Eisenbart --, das plumpe Schloß der Calenberger Herzöge Erich ~I.~ und ~II.~ und das der Blütezeit Niedersachsens, dem Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, entstammende Renaissance-Rathaus (Abb. 37), sie alle zeugen von der Bedeutung Mündens in alter Zeit. Aber auch die Privathäuser mit ihrer an hessische und thüringische Städte gemahnenden Holzarchitektur, mit ihren vielen überkragenden Geschossen, ihrem zierlichen Riegelwerk und den spitzen, wohlgegliederten Dächern erzählen uns von der Vergangenheit (Abb. 38 u. 39). Politisch und sprachlich zu Hannover gehörig, zeigt nämlich das Gebiet von Münden in städtischem und ländlichem Hausbau, in Dorfanlage und bäuerlicher Erbsitte mitteldeutschen Charakter (Abb. 23). Gau- und Stammesscheiden, deren Nachfolger die jetzigen Provinzialgrenzen von Hannover, Hessen-Nassau und Sachsen sind, stießen hier zusammen, erlitten aber auch gelegentlich Verschiebungen. Münden selbst wird als ursprünglich fränkischer Ort bezeugt; es war eine karolingische »~villa~«, zugleich wohl Brückenkopf gegen das Sachsenland. Die Burg aber ist wahrscheinlich von Otto von Northeim, einem niedersächsischen Dynasten, also als Bollwerk gegen Hessen gegründet worden. Nach dem Sturze Heinrichs des Löwen kam die Stadt an die Landgrafen von Thüringen, um gegen die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts unter die Welfenherrschaft zurückzukehren. Der Ursprung der Siedelung erklärt sich, wenn man einen Blick auf die Karte wirft, von selbst. Werra und Fulda waren für die winzigen Verhältnisse des mittelalterlichen Verkehrs bedeutende Wasserstraßen, Münden Knotenpunkt des Schiffsverkehrs, Umschlags- und Stapelort. Eifersucht und Feindschaft gegen die Hessen veranlaßte im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts nach und nach die welfischen Landesherren zur Erteilung, dann die Mündener Bürger zum Erschleichen von Privilegien, die bis ins neunzehnte Jahrhundert galten und in ihrer Gesamtheit unter dem Namen des Mündener Stapelrechts bekannt sind. Danach durften alle Waren, die stromauf und stromab die Stadt verließen, nur durch Mündener Schiffer befördert werden; auch mußte man alle Durchgangsgüter ausladen und zu Casseler Marktpreis drei Tage lang feilhalten. Daß Münden nicht bedeutender wurde, hat seinen Grund darin, daß die Ufer der drei Flüsse eine für Talstraßen wenig günstige Beschaffenheit darboten. So bevorzugte der vom Oberrhein durch die hessische Senke kommende Überlandverkehr, soweit er auf Hamburg und Lübeck hinstrebte, das Leinetal, dem auch jetzt die Eisenbahn nach Hannover folgt, soweit er Bremen zu erreichen suchte, das Esse- und Diemeltal. Die Erbauung der Eisenbahnen hat wie überall auch in Münden zunächst zertrümmernd, dann aufbauend auf die wirtschaftlichen Zustände gewirkt. Die Stadt ist mehr und mehr Industrieort geworden. Der Wald der Umgegend liefert Holz zu mannigfacher Verarbeitung (vergl. Seite 35) und Lohe für die Gerberei, der Erdboden Braunkohle, Ton und Mühlsteine. Andere der dortigen Industrien (Zinnwaren, Tabak, Gummi) sind weniger abhängig von örtlicher Rohstofferzeugung. Aber auch der Schiffsverkehr hat sich mächtig gehoben, besonders in der letzten Zeit, wozu die im Jahre 1895 dem Verkehr übergebene Kanalisierung der Fulda bis Cassel besonders beigetragen hat. Zum Schluß wollen wir noch bemerken, daß Münden derzeit 11300 Einwohner zählt, eine Kgl. Forstakademie mit etwa siebzig Studierenden beherbergt und als Sommerfrische und Touristenstadt mehr und mehr aufgesucht wird.

Wir schreiten zum Tanzwerder, der wegen Hochwassergefahr unbebaut gebliebenen äußersten Ecke des Anschwemmungsdeltas zwischen Werra und Fulda, also sozusagen der Geburtsstätte der Weser. Hier steht der Weserstein, leider! War es nötig, der Weser ein Denkmal zu errichten? bedurfte es wirklich einer »Verschönerung« der Landschaft durch Verse? und mußten diese gar in Stein gemeißelt werden als ein »~monumentum aere perennius~«? Wir besteigen den geräumigen und bequemen Dampfer »Kaiser Wilhelm« und fahren, durch das regelmäßig einförmige Stampfen der Räder in süßes Träumen gewiegt, behaglich dahin und lassen die traulichen Bilder der grünen Ufer an unseren Blicken vorübergleiten. Wir werden gut tun, aus unserem Gedächtnis alle Erinnerungen an eine etwa früher unternommene Donau- oder Rheinfahrt zu verbannen; wir wollen nicht vergleichen, nicht die Lieblichkeit der einen Landschaft an der Großartigkeit der anderen messen, sondern unbefangen genießen. Daran wird uns auch nicht ein vielsprachiges Gewimmel von hastigen Reisenden stören. Unser Schiff trägt außer den Landleuten der Ufergegenden zumeist anspruchslose Touristen aus Nordwest- und Mitteldeutschland. Gelegentlich bemerkt man unter ihnen einige holländische Vergnügungsreisende. Weit zurück liegt die Zeit, wo auf diesen Fluten der erste Dampfer fuhr; es war der erste Dampfer überhaupt. Sein Erbauer war der gelehrte Hugenotte Dionysius Papin aus Blois, seit 1687 Professor der Physik in Marburg. Von Cassel aus fuhr er auf dem von ihm ersonnenen Beförderungsmittel die Fulda hinab, um England damit zu erreichen. Doch schon in Münden zerschlugen die neidischen Mitglieder der privilegierten Schiffergilde das Teufelsfahrzeug. Seit jenem unglückseligen Septembertage des Jahres 1707 verstrichen über 111 Jahre, bis der nächste Dampfer -- er hieß »Herzog von Cambridge« -- vom 9. bis zum 20. März 1819 die Fahrt von Bremen nach Münden machte; doch erwies sich die Maschine als zu schwach, das Fahrwasser als zu schwierig, und so wurden die Fahrten nicht fortgesetzt. Erst im Jahre 1843 fuhren wieder Dampfer auf der Oberweser, und seit 1844 unterhielt die »Vereinigte Weserdampfschiffahrtsgesellschaft« mit dem in Paris gebauten »Hermann« und dem bald folgenden »Wittekind« regelmäßige Fahrten. Die jetzige Personenschiffahrt betreibt zwischen Münden und Hameln die Wesermühlen-Aktiengesellschaft zu Hameln mit fünf stattlichen Schiffen, die im Jahre 1908 rund 112000 Passagiere befördert haben (im Jahre 1905 etwa 60000).

[Sidenote: Von Münden bis Carlshafen.]