Das Weserbergland und der Teutoburger Wald
Part 3
Die geologische Fortsetzung des Sollings nach Süden und gewissermaßen nur ein von ihm durch das Wesertal abgetrennter Teil ist der Reinhardswald. Nordöstlich des Sollings, teilweise zwar von ihm durch die Liasversenkung des Einbeck-Markoldendorfer Beckens getrennt, verläuft ein Zug in sich sattelförmig angeordneter und an Verwerfungen gegenüber den Nachbargebieten herausgehobener Buntsandsteinschichten, der die Bergzüge des Elfas, Homburgwaldes und Voglers zusammensetzt. Wir finden in ihm eine wichtige Hebungslinie des Wesergebirgslandes, die wir nach der in sie entfallenden Antiklinale des Elfas als die »Elfasachse« bezeichnen können und an der im Gebiete der Homburg sogar Zechsteinschichten die Tagesoberfläche erreichen. Gegen die entlang dieser Achse aufragenden alten Schichten liegt nach Feststellungen von O. Grupe der Solling an einer herzynischen Bruchzone abgesunken. Eine Hebungslinie von gleicher tektonischer Bedeutung, die »Leinetalachse«, folgt dem Leinetale zwischen Elze und Groß-Freden und bringt dort die Kalisalze des Zechsteins in abbauwürdige Teufen. Zwischen der Elfas- und der Leinetalachse liegt mit gleichfalls herzynischem Streichen das aus Jura- und Kreideschichten zusammengesetzte tektonische Senkungsfeld der Hilsmulde. Scharf hebt sich in ihr der Weiße Jura heraus, der am Südwestflügel den Ith, am Nordostflügel den Kahnstein, Thüster Berg, Duinger Berg und Selter zusammensetzt. Das Innere der Mulde bilden Kreideschichten, die den hochaufragenden Bergzug des Hils bilden, nach dem die ganze Mulde benannt ist. Vom Ith zur Weser bei Bodenwerder durchwandern wir Keuper und Muschelkalk quer zu ihrem Streichen und kreuzen die im Fortstreichen leicht verfolgbaren Rücken der festen Schichten, zunächst denjenigen des Rhäts, der zur Hasselburg und zum Schecken (Obensburg) bei Hameln führt, und danach denjenigen des Muschelkalkes. Zwischen dem aus Buntsandstein bestehenden Vogler und dem Muschelkalkzuge bilden die mürben Schichten des Röts, zwischen dem Muschelkalk- und dem Rhätzuge diejenigen des Mittleren Keupers und zwischen Rhätzug und Ith diejenigen des Unteren und Mittleren Juras herzynisch streichende Einsenkungen. Den Gegenflügel des Muschelkalkzuges im Vorlande des Iths finden wir zwischen Kahnstein und Leine in dem Bergzuge des Külf.
Abbildung 6 auf Seite 10 zeigt ein Profil durch die Bergzüge zwischen dem Nordende der Hilsmulde und der Hannoverschen Tiefebene. Im großen und ganzen haben wir einen Sattel, dessen Kern im Tale von Springe liegt und dessen Flügel vom Deister einerseits, vom Saupark und Nesselberg anderseits gebildet werden. Die miteinander verschmelzenden Bergzüge des Osterwaldes, Sauparks und Nesselberges gehören tektonisch eng zusammen und bilden eine in sich stark zerrüttete Mulde von Wealden und Juraschichten, von der allerdings im nördlichen Teile der Westflügel durch die in Abbildung 6 angedeutete Verwerfung teilweise abgeschnitten ist.
Die am südöstlichen Deister noch fehlenden Münder Mergel stellen sich etwa in der Höhe von Springe ein und schwellen nach Westen und Nordwesten stark an, wo aus ihnen in den Salinen von Münder und Sooldorf Sole gewonnen wird. Der nordwestliche Teil des kleinen Deistergebirges besteht in der Hauptmasse aus nordwärts fallenden Schichten des Wealden, und in dem Maße, wie der feste Wealdensandstein nach Bad Nenndorf zu an Mächtigkeit verliert, verringert sich auch die Höhe des Gebirges, wobei allerdings noch allerlei Störungen eine Rolle spielen. Eine schmale Niederung trennt bei Nenndorf das Nordwestende des Deisters von dem Nordostende der Bückeberge, die in diesem äußersten Teile den Namen Heisterberg führen, und Deister und Heisterberg ordnen sich mit ihren Schichten symmetrisch zu einer nord-südlich gerichteten Achse derart, daß wir sie als stark divergierende Flügel eines Sattels ansprechen können. Diese Achse nimmt im Fortstreichen die herzynische Richtung, die der Deister in seiner ganzen Länge befolgt und die auch von den Bückebergen weiter östlich eingeschlagen wird, und die abweichende Richtung der östlichen Bückeberge beruht auf rein lokaler Ausbiegung der Schichten inmitten eines im übrigen herzynischen Sattelsystems.
Wir sahen bereits, daß die Bückeberge eine durch die Widerstandsfähigkeit der Wealdensandsteine bedingte Gebirgsschwelle im Hangenden des Juras der Wesergebirgskette und des südlich der Weser sich heraushebenden Keupers sind (Abb. 4). Die Wesergebirgskette führt nach Osten zum Süntel, und zwar bilden die Weißjuraschichten im Fortstreichen der Weserkette, wie neuerdings E. Scholz im einzelnen untersucht hat, den Südflügel der Süntel-Synklinale, deren Inneres im östlichen Teile des kleinen Gebirges neben gering ausgedehntem Neokom die im großen und ganzen die Form eines Hufeisens beschreibenden Schichten des Wealden einnehmen, die den Untergrund der höchsten Erhebungen des Süntels bilden.
~III.~ Klima und Gewässer.
[Sidenote: Klima.]
Das Klima des Weserberglandes ist als ein gemäßigtes zu bezeichnen. Die mittlere Jahrestemperatur in den Haupttälern bis zum Oberlauf der Flüsse beträgt wie im nördlich vorgelagerten Flachlande über 8° ~C~, während sie auf den Höhen auf 6° sinkt. Die Verteilung der Wärme auf die vier Jahreszeiten ist aber wesentlich anders als im Flachlande. Der Januar zeigt bis Münden hinauf in den Tälern einen mittleren Stand von 0°, auf den Höhen von -1°, ist also kälter als an der Küste, wo das Meer erwärmend wirkt, und wärmer als auf den benachbarten Mittelgebirgen, Harz, Rhön, Thüringer Wald mit -3 bis -4°. Im April dagegen übertrifft die Mitteltemperatur der Gebirgstäler die des Flachlandes, da der höhere Sonnenstand im Süden sich bereits bemerkbar macht, während in größerer Seenähe das noch winterlich kalte Meerwasser die Lufttemperatur ungünstig beeinflußt. Es steht in dieser Jahreszeit der Küstentemperatur von etwa 7° eine solche von 8° in den Tälern des oberen Wesergebietes gegenüber. Die Höhen freilich haben auch dann im Mittel nur 5 bis 6°, übertreffen aber immerhin noch die Rhön mit 3°, den Thüringer Wald mit 2° und den Brocken mit 0,5°. Im Juli haben die Täler des Hügellandes ungefähr die gleiche Temperatur wie das Flachland, nämlich 17 bis 18°, da die entgegengesetzte Wirkung des höheren Sonnenstandes im Süden und der absolut höheren Lage einander aufheben. In größeren Höhen zeigt sich dagegen schnelle Abnahme der Temperatur, auf den 300 bis 500 ~m~ hohen Weserbergen bis zu 15° (vergleiche Rhön 13°, Kamm des Thüringer Waldes 12°, Brocken 11°). Der Oktober endlich weist ähnliche Zahlen auf wie der Jahresdurchschnitt.
[Sidenote: Temperatur und Niederschläge.]
Die Zunahme und Abnahme der Temperatur erfolgt nicht gleichmäßig von Monat zu Monat. Die rascheste Steigerung erfolgt um 4 bis 5° vom April zum Mai, der stärkste Absturz vom Oktober zum November; langsam dagegen (etwa um 1°) ist die Temperaturabnahme vom Juli zum August und vom Dezember zum Januar, ebenso langsam die Zunahme vom Januar zum Februar.
Nennen wir Winter die Zeit, in der die mittlere Tagestemperatur im Durchschnitt der Jahre unter den Gefrierpunkt sinkt, so ist dessen Dauer in den Niederungen unseres Gebietes auf zwei bis vier Wochen zu veranschlagen. Auf den Höhen dauert er dagegen von Anfang Dezember bis Ende Februar. Zum Vergleich diene die Bemerkung, daß das Flachland am Unterlauf der Weser keinen Winter im angegebenen Sinne kennt, daß dagegen auf der Rhön von Mitte November bis Mitte März Winter herrscht und auf dem Brocken gar fünf Monate lang.
[Sidenote: Niederschläge.]
Im allgemeinen haben die höher gelegenen Orte die größere jährliche Niederschlagsmenge, da das Aufsteigen der feuchten Luftschichten in höhere und kältere Lagen eine Verdichtung der Wasserdämpfe und somit den bekannten Steigungsregen bewirkt. Zu berücksichtigen ist aber außer der Höhe eines Ortes die Frage, ob er an der Windseite (d. h. in unserem Klima Westseite) des benachbarten Gebirges oder auf der dem Winde abgewandten Ostseite liegt. Auf letzterer ist nie so viel Niederschlag. Überhaupt verliert die vom Meere hereinströmende Luft auf ihrem Wege landeinwärts immer mehr von ihrer Feuchtigkeit, so daß Orte von gleicher Meereshöhe im Westen mehr Niederschlag haben als im Osten. So findet man beispielsweise am Wiehengebirge und am Teutoburger Wald bereits bei 70 ~m~ Seehöhe eine Niederschlagsmenge von 700 ~mm~, während man, um diese anzutreffen, im Solling bis zu 175 ~m~, im Harz bis zu 200 ~m~ hinaufsteigen muß. Über 1 ~m~ Jahresniederschlag zeigen nur einzelne hochgelegene Stellen des Teutoburger Waldes und des Eggegebirges, auf 900 bis 1000 ~mm~ kommen die Höhen des Sollings, Hilses, Iths und Süntels, ferner der Köterberg und weitere Teile des Teutoburger Waldes; viel größere Flächen nimmt die Zone von 800 bis 900 ~mm~ ein, während die im Schutze höherer Berge liegenden Täler und Abhänge die Stufen von 600 bis 800 ~mm~ ausfüllen.
Der regenreichste Monat ist überall der Juli mit 11 bis 13% der Jahresmenge, die feuchteste Jahreszeit der Sommer. Diese hat in den Tälern des Südens 34-38 vom Hundert der gesamten Jahresmenge an Regen. Je höher aber die Orte liegen, desto mehr bekommen auch die anderen Jahreszeiten ihren Anteil an der Niederschlagsmenge, so daß auf dem Solling -- ähnlich wie auf dem Oberharz -- bereits die Winterregen überwiegen.
Die Zahl der Niederschlagstage beträgt in den Tälern etwa 150 fürs Jahr; auf den Höhen ist sie größer. Zum Vergleich diene es, daß Hannover nur 137, Cassel 149, Osnabrück dagegen 164 und Schießhaus im Solling 173 Niederschlagstage haben. Innerhalb eines Monats geht die durchschnittliche Zahl nicht über 18 hinauf und nicht unter 10 herunter.
Wollte man aus der Verteilung der Niederschläge in den einzelnen Monaten und Jahreszeiten unmittelbar auf die in den Bächen und Flüssen jeweilig zu Tal beförderte Wassermenge schließen, so würde man sich gewaltig täuschen. Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß die Zeiten des stärksten Niederschlages infolge ihrer hohen Temperaturen auch die Zeiten der stärksten Verdunstung sind. Infolgedessen versiegen besonders auf Kalkboden und auf spaltenreichem Sandstein, wo das Wasser zu unterirdischem Abfluß neigt, die Bäche im Sommer oft ganz und gar, wie z. B. mit ihren bezeichnenden Namen die Durrbeke bei Altenbeken und die Dürre Holzminde im Solling; und die Weser selbst hat leider ihren niedrigsten Wasserstand gerade zu der Zeit, wo sonst für die Schiffahrt die Bedingungen am günstigsten liegen. Größere Wassermengen, ja Überschwemmungen bringt mildes Winter- und Frühlingswetter, wenn die aufgespeicherten Feuchtigkeitsvorräte infolge der Schneeschmelze zu Tale eilen. Waren früher in den flacheren Talabschnitten die Hochwässer sehr gefürchtet und für den Verkehr störend, so haben sie seit der besseren Regulierung des Flußlaufes, der Vertiefung des Bettes, der Erweiterung der Durchlässe usw. das meiste von ihren Schrecken verloren. Hochwasserkatastrophen wie die vom Februar 1909 gehören jedenfalls zu den Seltenheiten.
[Sidenote: Die Weser.]
Wenn die Weser bei Münden in unser Gebiet eintritt, hat sie eigentlich bereits zwei Fünftel ihres ganzen Weges und fast drei Fünftel ihres in das Gebirgsland fallenden Laufes hinter sich. Denn wir werden die Werra als das oberste Stück der Weser anzusprechen haben. Zwar hat die Fulda ein um ein Viertel größeres Niederschlagsgebiet als die Werra und besitzt in der Eder nebst der Schwalm Zuflüsse von einer Bedeutung, wie sie der Werra fehlen; dafür steht sie aber an Lauflänge hinter der Werra in dem Verhältnis von drei zu vier zurück. Spricht ferner zugunsten der Fulda die Abflußmenge, die unter normalen Verhältnissen der der Werra mindestens gleich kommt, bei Hochwasser aber sie bei weitem übertrifft, so könnte man für die Werra die gleiche Laufrichtung und den gleichen Charakter als Waldgebirgsstrom anführen, während die Fulda abgesehen von dem untersten Teile ihre eigene Physiognomie hat als Abfluß eines sanft welligen, offenen Hügellandes. Dieser Eindruck muß sich schon unseren Altvordern aufgezwungen haben. Sonst hätten sie nicht dem von der Rhön herabkommenden Fluß eine eigene Bezeichnung gegeben und hätten nicht das Kind des Thüringer Waldes mit dem Namen des Hauptstromes benannt. Dies ist aber tatsächlich geschehen. Denn den Formen »Werra« und »Weser« liegt bekanntlich die gleiche Urform »Wisar-Aha«, d. h. Westfluß, zugrunde, die durch eine nicht ungewöhnliche Angleichung des ~S~ an ~R~ im mitteldeutschen Sprachgebiet zu »Wirraha« und weiter zu »Werra« wurde, während die niederdeutschen Anwohner das ~S~ erhielten und den Namen nur zu »Wesera« und »Weser« verkürzten. Wenn man daher nicht, wie frühere Zeiten es taten, jeden der beiden Namen in Bezug auf den ganzen Strom beziehen und den einen oder den anderen anwenden will, je nachdem man eben hochdeutsch oder plattdeutsch spricht, dann müßte man die niedersächsische Benennung schon von der Sprachgrenze an abwärts gebrauchen und so das Stück des Flusses von oberhalb Hedemünden bis zum Einfluß der Fulda bereits der Weser zurechnen.
Das Tal von Münden bis Minden zeigt einen regelmäßigen Wechsel zwischen engen, gewundenen Schluchten und breiten, mehr gradlinig oder flachbogig verlaufenden Niederungen. Dieser Wechsel hängt mit der geologischen Beschaffenheit des Geländes insofern zusammen, als der Fluß in den Tälern der letzteren Art im allgemeinen auf Gesteinsgrenzen dahinströmt, im anderen Falle aber seinen Weg durch ein und dieselbe Formation hindurchbricht, und zwar nacheinander durch Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper und Jura. Auf diese Weise entstehen sieben Stromabschnitte, von denen die ersten vier annähernd gleiche Länge haben, nämlich rund je 40 bis 45 ~km~, die letzten drei jedoch zusammen nur halb so lang sind als jedes der ersten.
Im obersten Abschnitte fließt die Weser von Münden bis Herstelle in enger Spalte durch Buntsandstein, von dort auf der Grenze zwischen den beiden ältesten Gliedern der Trias bis zur Mündung des Forstbaches in ziemlich breitem Tale. Bei der Domäne Forst tritt sie in das Muschelkalkplateau ein, das sie wiederum in engem Tale durchbricht. Bei Ohsen beginnt der vierte Talabschnitt, den wir bis zu dem lippischen Dorfe Erder rechnen können, und der abgesehen von der etwas schmaleren Stelle bei Hameln wieder recht breit ist. Er scheidet diesmal die jurassische Weserkette von den Keuperbergen Lippes. Dann folgt von Erder bis Rehme der Durchbruch durch das Keupergebirge; von Rehme bis Hausberge strömt die Weser zwischen der Weserkette und bedeutenden Diluvialablagerungen in breitem Tale ostwärts, und endlich -- das wäre der siebente Abschnitt -- durchbricht sie in der Porta das Wesergebirge.
Auf diesem Lauf hat die Weser bei einer Luftlinien-Entfernung von etwa 105 ~km~ einen Weg von 204 ~km~ zurücklegt und ist dabei um 79 ~m~ gefallen, d. h. durchschnittlich 387 ‰ oder 1 : 2584, wobei natürlich der Oberlauf im allgemeinen ein stärkeres Gefälle aufweist als die unteren Strecken.
Stromspaltungen sind im Weserlauf äußerst selten und, wo sie vorkommen, durch Ablagerungen schwerer Geschiebe veranlaßt, die entweder unmittelbarer von den Talwänden oder durch Vermittlung von Nebenbächen dem Strombett zugeführt wurden. Meist hat man sie künstlich beseitigt. Nur bei Hameln und Bodenwerder besteht noch eine wirkliche Insel. Vorübergehend treten Teilungen des Flusses bei Hochwasser ein, dessen Flutrinnen an einigen Orten »Alte Weser« genannt werden und in einzelnen Fällen wirklich ehemaligen Flußbetten entsprechen mögen. Die Breite des Stromes, von Uferbord zu Uferbord gemessen, beträgt oberhalb Carlshafen durchschnittlich 100, unterhalb 120 bis 140 ~m~. Die Spiegelbreite schwankt naturgemäß und bleibt bei Mittelwasser um etwa 30 ~m~ hinter jener zurück. Ebenso verschieden ist nach Ort und Zeit die Tiefe des Flusses. Wo künstliche Ausbaggerung des Bettes nötig war, auf den sogenannten »Köpfen«, d. h. Schwellungen des natürlichen Untergrundes, begnügt man sich mit einer 25 ~m~ breiten Fahrrinne, die vorschriftsmäßig bei niedrigstem Wasserstande oberhalb Carlshafen 80 ~cm~, unterhalb aber 1 ~m~ tief sein soll. An günstigen Stellen ist die Tiefe selbst bei Niedrigwasser etwas größer, bei Mittelwasser aber -- abgesehen von einzelnen noch mehr bevorzugten Stellen -- 2 ~m~ und darüber.
[Sidenote: Weserzuflüsse.]
Ihre Zuflüsse erhält die Weser während ihres Laufes durch das Hügelland hauptsächlich von links, da rechts die Wasserscheide gegen die Leine und später gegen die Aue und andere Flachlandsbäche zu nahe liegt. So sind denn selbst die größten der von rechts mündenden Bäche, wie die Schwülme vom Dransfelder Höhenland, die Lenne aus der Hilsmulde und die Hamel vom Süntel ohne größere Bedeutung. Demgegenüber wären links zu nennen die Diemel, die von den Höhen des Sauerlandes mit beträchtlichem Gefälle herabkommt und in ihrem Mündungsgebiete bei Carlshafen früher ernstlich als Schiffahrtsstraße in Betracht genommen werden konnte, ferner die Neihe, die Emmer, die Humme und die Exter, sowie endlich die Werre, welche zusammen mit ihren Zuflüssen Else und Bega ein beträchtliches Stück des Lippischen und Ravensbergischen Hügellandes entwässert. Bekanntlich steht die Else in ihrem obersten Laufstück bei Gesmold in einer natürlich entstandenen, aber künstlich geregelten Verbindung mit der Hase, die ein Drittel ihres Wassers an die Else abgibt, während der Rest ihr selbst verbleibt und später der Ems zufließt. Das ist die berühmte Hase-Bifurkation, für welche die Anwohner das hübsche Wort Twielbiäke (Zwieselbach) verwenden.
Erwähnt mag noch werden, daß ein Teil unseres Hügellandes im Osten und Nordosten zur Leine, im Norden zur Hunte und somit nur mittelbar zur Weser entwässert; die West- und Südwesthänge des Egge-Osning-Zuges dagegen senden ihre Niederschlagswässer teils zur Lippe und somit zum Rhein, teils zur Ems. Auf der Hochfläche von Hartröhren im Teutoburger Wald, unfern vom Hermannsdenkmal, befindet sich der »hydrographische Knotenpunkt«, bei dem das Gebiet der Weser mit dem der Ems und des Rheines zusammenstößt. Und wahrlich, man hat den Eindruck, als ob hier für alle drei Flüsse genug Wassers vom Himmel herunterströmte, wenn man hört, daß der Hartröhrer Förster im Jahresmittel 1042 ~mm~ und im Jahre 1894 gar 1159 ~mm~ Niederschläge gemessen hat.
~IV.~ Der Wald.
Wenn wir in dem folgenden Abschnitt über die Pflanzendecke unseres Gebietes handeln wollen, so betreten wir damit bereits die Grenze zwischen physikalischer und Anthropogeographie. Denn die heutige Vegetation ist ja nur zu einem Teile ein Ergebnis natürlicher Bedingungen, und neben, wenn nicht gar vor sie, tritt als bestimmende Macht der Mensch. Er weist nicht nur der einzelnen Pflanze und ganzen Gruppen Wohnplätze an und verbannt sie von anderen, sondern er läßt auch ganze Familien von Gewächsen aus einem Lande verschwinden und einwandernden Fremdlingen Platz machen. Wie schnell sich solch ein Wechsel selbst innerhalb eines Menschenlebens vollzieht, diese Beobachtung stimmte schon vor 700 Jahren den edlen Sänger Walter von der Vogelweide elegisch, da er als bejahrter Mann in seine Heimat zurückkehrte. Klagend rief er aus:
Wo einst im tiefen Dunkel gerauscht der Tannenwald, Da wogen goldne Ähren, Kornblumen nicken drin -- Nur du, geliebtes Wasser, strömst noch wie sonst dahin. (Samhaber.)
[Sidenote: Wandel im Landschaftsbild.]
Wer nach langer Abwesenheit in das Weserbergland zurückkehrt, wird dieselben Beobachtungen machen; ja oft wird er nicht einmal die alten Wasserläufe wiederfinden, sondern statt der sich schlängelnden Bäche »begradigte« Gräben. Mit dem murmelnden Quell aber ist manch liebliches Blümlein der Verkoppelung zum Opfer gefallen. Die stärkere Ausnutzung jedes Fleckchens Erde, die Pflasterung oder Beschotterung der Wege, das Aufräumen wüster Winkel hat die sogenannte Ruderalflora der Straßenränder, Dungstätten und Schutthaufen dem Untergange geweiht. Die aus Eichen und Buchen bestehenden Büsche, die besonders im Osnabrückischen und auch sonst in Westfalen zwischen den Feldern eingesprengt sind und dem ganzen Bezirk den Charakter eines Waldlandes geben, obgleich der Anteil des Gehölzes an der Bodenbedeckung verhältnismäßig nicht so groß ist, schwinden mehr und mehr (Abb. 101). Ebenso ergeht es vielfach in Westfalen den hohen Wallhecken, die neben Buche und Eiche auch Weißdorn- und Haselnußsträucher enthalten, und die »Kämpe« wandeln sich in offenes Feld um. Die Gemeindeänger sind verschwunden und zu Acker gemacht. Von den alten Waldbäumen ist die Eibe nahezu ausgerottet, und die wenigen noch wild wachsenden Exemplare werden als »Naturdenkmäler« gezeigt (Abb. 17 und 81). Der Wald ist aus der Tiefe der Täler fast ganz verbannt. In wesentlich höhere Lagen sind stellenweise die Felder emporgestiegen; aber weder das zarte Blau der Leinblüte, noch das üppige Goldgelb des Rapses schmückt mehr die Hänge und die Talbreiten. Vorbei auch sind die Zeiten, in denen »der Pappeln stolze Geschlechter in geordnetem Pomp vornehm und prächtig daherzogen«. Die Pyramidenpappel, übrigens auch ein Fremdling, ein Kind des sonnigen Welschlandes, hat an unseren Heerstraßen dem unscheinbaren, aber nahrhaften Apfelbaum weichen müssen, weil man ihren ungünstigen Einfluß auf die angrenzenden Felder erkannt hat, denen sie mit ihren weitverzweigten Wurzeln die Nahrung entzieht. Anderseits aber hat auch mit der Einschränkung der Hausschlachtung und Hausbäckerei der Bedarf an hölzernen Mulden und mit der Verbesserung der ländlichen Wege der Bedarf an Holzschuhen nachgelassen, die man beide, besonders im Schaumburgischen, aus ihrem weichen Holze heraushieb oder-schnitzte.
[Sidenote: Die Landschaft im Lauf der Zeiten.]
Die Berge selbst haben ebenfalls ihr Aussehen verändert. Und wenn wir gelegentlich an Stelle einer Buchenkuppe, auf deren fein bis in die Einzelheiten durchmodellierter Oberfläche tausend Lichter spielten, eine ernst einförmige Fichtenpflanzung erblicken, so können wir uns in die Empfindung einer Mutter hineinversetzen, die ihres Sohnes geliebtes Lockenhaupt bei dessen Heimkehr aus der Fremde in einen modischen »Stiftekopf« verwandelt sieht.
Nicht alle diese Eingriffe in die natürlichen Verhältnisse haben sich als zweckmäßig erwiesen. Manche hatten auch ungewollte und ungeahnte Nachteile im Gefolge. Das Niederlegen der Hecken und Regulieren der Bäche führte zur Austrocknung des Ackerbodens und beförderte die Mäuseplage. Die Umwandlung von Wald in Feld brachte, wo der Boden zu dürftig für den Körnerbau war, nicht die erhofften Erträge, und er verarmte ganz und gar. Deshalb war es nötig, die Walddecke vielfach wieder herzustellen und sich somit bis zu einem gewissen Grade den ursprünglichen Verhältnissen wieder zu nähern.
[Sidenote: Der Wald im Altertum und Mittelalter.]