Das Weserbergland und der Teutoburger Wald

Part 10

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Dieser war wohl der Herrenhof zu der Volksburg oben auf dem Wittekindsberge, der den westlichen Torflügel der Porta und den Anfang des Wiehengebirges bildet. Von dem alten Ringwall ist kaum noch etwas zu sehen. Die kleine graue Wittekindskapelle, der Rest eines ehemaligen Klosters namens Margaretenklus, sowie die merkwürdig hoch gelegene steingefaßte Wittekindsquelle fallen als Zeugen der frühen Besiedelung mehr in das Auge. Die Hauptzier des Berges aber ist das Denkmal, das die Provinz Westfalen durch Kaspar Zumbusch und Bruno Schmitz dem Gründer des Deutschen Reiches hat errichten lassen. Unter hohem steinernem Hallenbau, dessen Fernwirkung aufs beste berechnet ist, steht des alten Kaisers ehrwürdige Gestalt, die Rechte zum Segnen erhoben (Abb. 87).

Leider ist dieser durch Natur und Kunst ausgezeichnete Platz wenig geschont worden. Gerade mitten an der schmalsten Stelle des Tales liegt ein garstiges Eisenwerk, das die in der Nachbarschaft gefundenen Erze ausbeutet, und die Talwände sind durch Steinbrüche verunziert. In ihnen wird der wertvolle grobkörnige Portasandstein gewonnen, während der benachbarte Hügelzug Bölhorst, nördlich vom Wittekindsberg, Wealdenkohlen birgt.

[Sidenote: Minden.]

Eine Wegstunde stromabwärts liegt die Regierungsbezirks-Hauptstadt Minden (25400 Einwohner), deren Ursprung auf die Zeit Karls des Großen zurückgeht (Abb. 88). Dieser gründete hier für das Engerland ein Bistum, das bis zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges reichsunmittelbar blieb. Trotz des Ausmündens der Weserstraße und der Wege vom Rhein und von der Ems (Eisenbahnlinien Cöln-Hannover und Rheine-Hannover) hat sich Minden unter der Ungunst politischer Verhältnisse nur langsam entwickeln können. Immerhin hat es als Umschlagshafen an der Weser jetzt die zweite Stelle eingenommen. Die Industrie des Ortes hat keinen einheitlichen Charakter. Erwähnen möchten wir aber hier einen Gewerbezweig, der sich über ein weites Gebiet auf beiden Seiten der Weser bis nach Osnabrück, Bielefeld und Detmold, ja bis nach Höxter und Carlshafen ausdehnt und von größter sozialer Bedeutung ist. Das ist die Verarbeitung des auf der Weser eingeführten Bremer Tabaks. Vielfach ist die Zigarrenmacherei an Stelle der Weberei getreten, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zugrunde ging, und wird wie sie als Hausindustrie gepflegt. Meist sind die Arbeiter kleine Grundbesitzer und Pächter, Heuerlinge, die neben der Arbeit für den Verleger auch etwas Landwirtschaft betreiben, und die an ihrer Lohnarbeit auch die Familienglieder teilnehmen lassen. Nach einer Schätzung der Mindener Handelskammer zählen die genannten Bezirke abgesehen von den Oberweserorten rund 27000 ansässige Tabakarbeiter. In den Kreisen Minden, Lübbecke und Herford sind 3500 Häuser im Besitz von Zigarrenmachern, und allein in dem Herfordischen Amte Gohfeld-Mennighüffen wird in 1400 von 3400 vorhandenen Häusern Zigarrenarbeit getrieben.

Von der Vergangenheit Mindens erzählt uns hauptsächlich der Dom, dessen ehrwürdig plumper Turm aus der romanischen Zeit in einem merkwürdigen Kontrast zu den edlen und freien Formen seines gotischen Schiffes steht (Abb. 89). Besonders berühmt sind die »überaus prachtvollen, in dieser Art für Westfalen unerreicht und überhaupt vielleicht unübertroffen dastehenden Fenster« (Lübke).

Nach diesem Abstecher kehren wir zu unserer Gebirgswanderung zurück, deren größter Teil noch vor uns liegt; denn etwa 70 ~km~ trennen die Porta von der Hase. Aber es mindern sich die Reize des Gebirges links der Weser mehr und mehr. Die Gliederung ist einfacher, sie geschieht fast nur durch einige tief einschneidende Quertäler. Die Klippen aus Korallenkalk fehlen ebenso wie die malerischen Vorberge, die wir in der eigentlichen Weserkette beobachtet haben. Mißt der Wittekindsberg 277 ~m~ über den Meeresspiegel, und erreichen zwei Berge bei Lübbecke noch 320 ~m~, so nimmt das Gebirge weiterhin an Höhe und Breite ab und endigt westlich von Bramsche in Hügeln, welche die Diluvialebene kaum noch überragen. Daß die Bewaldung nur dürftig ist, wurde Seite 30 bereits erwähnt. Von Osterkappeln ab tritt Nadelwald an Stelle der Buchen.

[Sidenote: Das Wiehengebirge.]

Der Name Wiehengebirge (vielleicht = Wittekindsgebirge) kommt der Kette im Volksmunde nur bis in die Gegend von Lübbecke zu; weiterhin gibt es auf eine längere Strecke hin keinen volkstümlichen Gesamtnamen; und erst im Osnabrückischen wird wieder die Bezeichnung Süntel gebraucht.

Als einheitlicher, ungegliederter Wall zieht sich das Gebirge von der Porta bis zu dem Passe, den man nach dem hoch auf dem Sattel reitenden Dorfe Bergkirchen (163 ~m~) zu benennen pflegt (Abb. 90). Bald folgt ein etwas tieferer Paß, die Wallücke; Eisengruben haben hier zur Anlage einer Kleinbahn nach Löhne Veranlassung gegeben. Weitere Erwähnung verdient höchstens noch das Städtchen Lübbecke (4000 Einwohner), das bereits in den Kriegen Karls des Großen eine Rolle gespielt hat, und das Solbad Essen.

[Sidenote: Oeynhausen.]

Wollten wir von Minden die Bahn nach Osnabrück benutzen, so würden wir anfangs dem Laufe der Werre und Else entgegenfahren, dann dem der Hase folgen (vergl. Seite 26). Die Weser überschreiten wir bei Rehme, dem übertausendjährigen, und erreichen dann eine der jüngsten Städte Westfalens, das Solbad Oeynhausen (3400 Einwohner). Die ersten Bohrversuche durch den Berghauptmann v. Oeynhausen, nach dem der Ort genannt ist, gehen auf das Jahr 1830, die Anlage der ersten Bäder bis 1845 zurück. Später nahm der Staat die Ausgestaltung der Anlagen in die Hand. Jetzt besitzt der Ort, der sich seit 1885 der Stadtrechte erfreut, verschiedene warme und kalte Solquellen, die jährlich rund 15000 Gäste zu dem freundlich gelegenen, geschmackvoll und behaglich eingerichteten Bade locken und außerdem zur Gewinnung von Kochsalz dienen (Abb. 91). Das tiefste Bohrloch ist bis auf 707 ~m~ hinabgetrieben. Löhne ist ein bedeutender Eisenbahn-Knotenpunkt mit verschiedenen industriellen Anlagen, Bünde (5000 Einwohner) ein reizloses Städtchen, bekannt durch seine Zigarrenfabriken, seine Würste und seine Missionsfeste, Melle (3200 Einwohner) ein bescheidenes Solbad inmitten äußerst fruchtbaren Ackerlandes.

[Sidenote: Elsetal. Piesberg. Osnabrück.]

Nicht mit zum Wiehengebirge oder zum Süntel können wir aber die Berge rechnen, die sich zwischen jener zusammenhängenden Bergkette und der Else-Hase-Rinne, vielfach gegliedert, von Ost nach West ziehen. Sie sind stellenweise, so bei Melle und in der Gegend von Schledehausen, gut bewaldet und entbehren des landschaftlichen Reizes nicht. Ein besonderes Interesse beansprucht der nordwestlich von Osnabrück gelegene Piesberg wegen seines im Jahre 1899 leider eingegangenen Kohlenbergwerkes, das eine ausgezeichnete Anthrazitkohle förderte, und wegen der mächtigen, noch jetzt von etwa 1000 Arbeitern ausgebeuteten Steinbrüche. Der dort gewonnene Kohlensandstein ist außerordentlich hart, aber recht grobkörnig. Er wird besonders als Pflaster- und Schotterstein verwendet. Zum Werkstein eignet er sich nicht; wohl aber wird der ausgewaschene Splitterkies mit Zement zu einem Kunststein namens Durilith verarbeitet, den man in Osnabrück vielfach zum Bau monumentaler Fassaden benutzt.

[Sidenote: Osnabrück. Der Osning.]

Daß Osnabrück (60000 Einwohner) eine sehr alte Siedelung ist, vielleicht die älteste unseres ganzen Gebietes, dafür spricht mancherlei; so das Vorhandensein zahlreicher Steingräber, wie sie sonst in unserem Gebiete nicht vorkommen, ferner aber auch der alte germanische Name Osnabrück selbst, der vermutlich als Götterbrücke zu deuten sein wird, wie Osning als Götterberg (s. Seite 110). Schwanken auch die Annahmen über die Entstehungszeit der Steingräber oder Dolmen, deren wir in den Karlssteinen am Piesberg ein treffliches Stück besitzen, so fällt sie doch wohl kaum später als in die Mitte des letzten vorchristlichen Jahrtausends. Die Gründung des Bistums erfolgte wohl bald nach dem entscheidenden Siege der Franken über Wittekind an der Hase (783), jedenfalls aber noch vor 787. Osnabrück ist also das älteste und wohl auch das bedeutendste sächsisch-karolingische Bistum gewesen. Um die Domfreiheit, die -- wahrscheinlich schon vor der Gründung der ersten Kirche -- von Bauern, später Ackerbürgern, bewohnt war, bauten sich Handwerker und Gewerbetreibende an. So erlangte der Ort, der später dem Westfälischen Städtebunde, sowie auch der Hansa beitrat, eine große Bedeutung als Handelsstadt und betrieb einen schwunghaften Export von Erzeugnissen der Landwirtschaft, besonders der Viehzucht, wie Schinken, Häuten und Wolle, sowie von Leinwand und Tuch. Die Tuchmacherei, die im Jahre 1600 noch über 300 selbständige Meister beschäftigte, erlag in der Folgezeit der englischen Konkurrenz, während sich die Leinweberei zwar länger hielt, aber infolge der Wirren des Siebenjährigen Krieges und infolge des Überganges vom Handbetrieb zum Maschinenbetrieb schwere Krisen durchmachen mußte. Die heutige Regierungsbezirks-Hauptstadt, deren schnelles Wachstum erst seit dem großen Kriege von 1870 beginnt -- denn im Jahre 1868 zählte sie noch 19600 Seelen gegen 59600 im Jahre 1905 --, ist nach ihrem industriellen Charakter in erster Linie Metallstadt. Erster Arbeitgeber in diesem Gewerbezweige ist der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein, der außer der Georgsmarienhütte am Fuße des Dörenberges südlich von Osnabrück noch in der Stadt selbst das Eisen- und Stahlwerk, außerdem aber Erzfelder am benachbarten Hüggel, am Schafberg bei Ibbenbüren (s. Seite 110), an der Wallücke (vergl. Seite 107) und bei Werne in Westfalen besitzt. Auch der Piesberg gehört ihm. Im ganzen beschäftigt er weit über 6000 Arbeiter und erzeugte im Jahre 1907 über 300000 Tonnen Roheisen, Halb- und Fertigfabrikate. Als Gegenstände des Osnabrücker Gewerbefleißes sind besonders Eisenbahnbedarfsartikel wie Schienen, Schwellen, Weichen, Wegschranken, ferner aber Drahtröhren, Maschinen allerart, Brücken, Dachkonstruktionen, Kochherde, Kraftwagen und Musikinstrumente zu nennen, die in einer großen Anzahl von Fabriken erzeugt werden. Stark ist der Gegensatz zwischen dem modernen und dem mittelalterlichen Osnabrück, die noch nebeneinander bestehen. Niemand, der vom Gertruden- oder Westerberg das malerische Städtebild auf sich wirken läßt, wird sich diesem Eindruck entziehen können (Abb. 92). Zwar hat der Bischof, der seit dem Westfälischen Frieden seine Landeshoheit in der merkwürdigen Weise mit dem Welfenhause teilen mußte, daß abwechselnd ein katholischer Prälat und ein protestantischer Prinz das Fürstentum regierte, seit 1803 seine Reichsunmittelbarkeit verloren. Aber doch werden wir noch einen Begriff von der einstigen Bedeutung dieses kirchlichen Mittelpunktes empfinden, wenn wir den wuchtigen spätromanischen Bau des Domes und die schönen gotischen Gotteshäuser, die Johannis-, Marien- und Katharinenkirche, betrachten. Anderseits zeugen das stattliche spätgotische Rathaus nebst der Ratswage (Abb. 93) und die hübschen Wohnhäuser aus dem sechzehnten Jahrhundert von dem stolzen, tüchtigen Bürgersinn, der aus Osnabrück das gemacht hat, was es ist, und der auch bis jetzt nicht geschwunden ist.

~XIII.~ Osning, Teutoburger Wald und Egge.

[Sidenote: Teutoburger Wald.]

Das 100 ~km~ lange, schmale Gebirge, das mit dem niedrigen Huckberg unfern der Ems beginnt und bei Horn in Lippe in dem Velmerstot gipfelt und endet, hat im Mittelalter den Namen Osning, auch Osnegge, geführt; diese Bezeichnung umfaßte zugleich den südlich anschließenden Zug vom Velmerstot bis zum Diemeltale, der heute kurzweg Egge genannt wird. Egge, hochdeutsch Ecke, bedeutet soviel wie Schneide, enthält also eine ähnliche Bildvorstellung wie der Ausdruck Kamm. Asen-Egge ist also der Götter-Bergkamm. Jetzt wird der Name Osning besonders der Strecke von Örlinghausen bis Osnabrück beigelegt. Der aus Tacitus' Annalen stammende Name Teutoburger Wald wurde erst im neunzehnten Jahrhundert, nach den Befreiungskriegen, auf unser Gebirge, und zwar zunächst auf den sogenannten Lippischen Wald bezogen, seitdem der Detmolder Archivrat Clostermeier unter Hinweis auf die alte Befestigung der Grotenburg und auf deren mittelalterlichen Namen Teut den Nachweis zu führen versucht hatte, daß dort der Ort der Varusschlacht sei.

Ohne auf die geologische Erklärung des Gebirges (s. Seite 12 ff.) zurückzugreifen, möchte ich nur daran erinnern, daß wir es mit mehreren -- zwei oder auch stellenweise drei -- parallelen Ketten zu tun haben. Dazwischen ziehen sich schmale Längstäler hin. Aber auch an Quertälern fehlt es nicht, die in der Regel bis auf den Grund des Gebirges hinabgehen. Zu ihnen gehört die Brochterbecker Schlucht, durch welche die Eisenbahn Ibbenbüren-Gütersloh hindurchgeht, ferner die Pässe von Iburg, Borgholzhausen und Bielefeld, die Dörenschlucht und mehrere kleinere Einschnitte.

Sehen wir von den inselartig aus der Diluvialdecke des Flachlandes links der Ems auftauchenden Hügeln ab, so haben wir das nordwestliche Ende des Osnings bei Bevergern am Dortmund-Ems-Kanal zu suchen.

Die Reise über diesen Bergzug aber werden wir am zweckmäßigsten in Ibbenbüren beginnen. Der Ort (5500 Einwohner), die Hauptstadt der ehemaligen Grafschaft Ober-Lingen, liegt nicht unmittelbar am Osning, sondern am Fuße des nördlich vorgelagerten Schafberg-Plateaus, das uns insofern interessiert, als es neben dem Hüggel und dem Piesberg bei Osnabrück allein in unserem Gebiete die paläozoischen Formationen, und zwar das obere Karbon, vertritt. Es liegen dort sieben abbauwürdige Flöze, die von etwa 800 Bergleuten meist für Rechnung des Staates ausgebeutet werden.

[Sidenote: Osning-Wanderung.]

Eine Kammwanderung von Ibbenbüren zunächst bis Bielefeld erfordert drei bis vier Tage. Ihre Reize bestehen hauptsächlich darin, daß von den geologisch verschiedenen Parallelketten bald die eine, bald die andere die Führung übernimmt. Folgen wir stets der höchsten, so genießen wir immer wieder wechselnde Landschafts- und Vegetationsbilder. Anfangs schreiten wir auf der Sandsteinkette dahin. Sie hat hier trotz ihrer geringen Höhe etwas Ernstes, Starres. Ihre Flora ist noch ganz die der benachbarten Heide; Birke und Kiefer bilden den spärlichen Wald, Hülse und Wacholder ein niederes Buschwerk, und Heidekraut und Preißelbeere bedecken den Boden. Nur vereinzelt ragen nackte Felsen aus dem sonst abgerundeten Rücken hervor und bringen es uns zum Bewußtsein, daß wir nicht mehr auf Dünen oder auf den Geschieben der Eiszeit dahinschreiten. Unter jenen Steingebilden sind die Dörenther Klippen wegen ihrer grotesken Formen berühmt. Ungehindert aber schweift der Blick über die flacheren Landstriche im Norden und Süden und besonders hier weit hinein in die Münstersche Tieflandsbucht. Von Tecklenburg ab werden wir dagegen auf den buchenbedeckten Plänerhöhen wandern, die uns nur hie und da einen Ausblick aus dem Waldesschatten erlauben, dafür aber auch zuweilen einen recht lohnenden, wie der Große Freden (210 ~m~) bei Iburg. Hier umfaßt das Auge einen weiten Horizont waldiger Höhen. Es sind außer der parallelen Sandsteinkette noch einige besondere Gruppen, die im Norden vorgelagert sind. Unter ihnen überragt der viel besuchte, wuchtige Dörenberg (331 ~m~), zwischen Iburg und Georgsmarienhütte gelegen, den Osningzug selbst um ein beträchtliches. Nach einer längeren Wanderung durch einförmiges Stangengehölz, das bei Borgholzhausen endigt, haben wir zwischen dem Ravensberg und Halle die Wahl, ob wir auf der Südkette im Buchenwalde oder auf der Nordkette über kahle Sandsteinhöhen dahinschreiten wollen. Von Halle ab bilden die letzteren unbestritten den Hauptkamm. Äußerst lohnend ist ein Spaziergang über diesen an sich öden Rücken bei kühlem Herbstwetter, wenn der scharfe Südwestwind uns am Lodenmantel zaust, und wenn zwischen den jagenden Wolken immer neue Landschaftsbilder mit stets wechselnden Beleuchtungen in den beiden so grundverschiedenen Landschaften, dem fruchtbaren Ravensberger Hügellande und der sandigen Münsterbucht, vor unseren Blicken auftauchen. Freilich den würdigen Abschluß erhalten diese Genüsse erst, wenn wir vom Dreikaiserturm, den man in die alte Hünenburg (s. Seite 57) eingebaut hat, oder vom Schützenhaus auf dem Johannisberge auf das freundliche Bielefeld zu unseren Füßen hinabschauen.

Vergessen wir aber nicht, unterwegs den interessanten menschlichen Siedelungen gebührende Beachtung zu schenken. Da sind zunächst die drei stolzen Hochburgen zu nennen, die der Sage nach einst ein mächtiger Sachsenfürst aus Wittekinds Geblüte für seine Töchter Thekla, Ida und Ravenna erbaut hat. Tecklenburg, Iburg, Ravensberg. Von der Feste Tecklenburg, deren fehdelustige Insassen über einen ausgedehnten Länderbesitz verfügten, stehen nur noch die Ringmauern. Im Jahre 1701 starben die Grafen aus, und ihr Schloß gab man dem Verfalle preis. Wohl aber liegt das malerische Städtchen (1000 Einwohner), das einst im Schutze der Burg entstand, noch heute auf seiner luftigen Höhe (200 ~m~) und lockt durch die Reize seiner Lage zahlreiche Ausflügler herbei (Abb. 94).

Der gleichen Gunst erfreut sich Iburg (900 Einwohner), dessen Burg auf einem 142 ~m~ hohen Einzelhügel einen wichtigen Paß beherrscht. In dem Benediktinerkloster, das die Osnabrücker Bischöfe im Jahre 1070 hier gründeten, haben sie sechs Jahrhunderte hindurch ihre Residenz gehabt und damit wohl ebensosehr ihren strategischen Blick wie ein tiefes Verständnis für die landschaftlichen Reize dieses Fleckchens Erde bewiesen. Von den ursprünglichen Gebäuden ist infolge wiederholter großer Brände nicht viel auf unsere Tage gekommen, und die Ersatzbauten, die jetzt die Spitze des Hügels krönen -- sie dienen zu Verwaltungszwecken -- wirken im Landschaftsbilde weniger durch künstlerische Formen als durch ihre imponierende Massigkeit und ihre bevorzugte Lage (Abb. 95).

Trauriger noch waren die Geschicke der Burg Ravensberg (Abb. 96, 97 u. 99). Wohl ragt noch der gewaltige alte Bergfried und bietet uns ein köstliches Luginsland. An ihn aber lehnt sich eine bescheidene Försterwohnung anstatt des Schlosses, das im Jahre 1673 von dem Bischof von Münster, Bernhard von Galen, zusammengeschossen worden ist. Eine Stadt schließt sich an den Ravensberg nicht unmittelbar an. Borgholzhausen (1300 Einwohner) liegt eine halbe Stunde nördlich, Werther (2100 Einwohner) mehr östlich und das saubere, altertümliche Halle (1800 Einwohner) etwas weiter südlich (Abb. 98 u. 99). Erwähnenswert ist, daß hier wie in dem an derselben Bahnstrecke Osnabrück-Bielefeld liegenden Dissen (2000 Einwohner) die Herstellung feiner Fleischwaren fabrikmäßig betrieben wird. Man ist darin uralten westfälischen Überlieferungen treu geblieben. Denn es ist bekannt, daß Westfalen schon seit dem elften Jahrhundert seine Schinken und Würste weithin versandte, und daß sich in Cöln, Frankfurt und Mainz Markt- und Stapelplätze für diesen wohlschmeckenden Handelsartikel befanden (Abb. 100).

[Sidenote: Bielefeld.]

Bielefeld (72000 Einwohner), der Hauptort der Grafschaft Ravensberg, die durch Erbschaft 1346 an Jülich, 1514 an Cleve und 1609 endlich an Brandenburg fiel, wird im Anfang des elften Jahrhunderts zuerst erwähnt (Abb. 101 bis 104). Es verdankt einerseits seine Entstehung der wichtigen alten Straße vom Rhein zur Weser, die wie auch jetzt die Cöln-Mindener Bahn das Gebirge hier in einem bequemen Passe durchschneidet, anderseits seine Stellung als Hauptstadt dem schützenden Bergneste Sparenberg, das, geschmackvoll ausgebaut, noch jetzt das reizende Stadtbild wirksam belebt. Dort steht auch das Standbild des Großen Kurfürsten inmitten der von ihm oft und gern bewohnten Baulichkeiten, aus deren Fenstern er auf sein geliebtes »Spinn- und Linnenländchen« herabzuschauen liebte. Das Leinengewerbe, dem auch er seine Förderung durch Anlage von staatlichen Leggen angedeihen ließ, hat recht eigentlich den Weltruf Bielefelds begründet. Mindestens seit dem sechzehnten Jahrhundert ist das Spinnen und Weben von Flachs im Ravensbergischen heimisch. Wie diese Beschäftigung aus den bescheidenen Anfängen eines landwirtschaftlichen Nebengewerbes herangewachsen ist, wie sie sich aus einem ländlichen zu einem städtischen Gewerbe, vom Handwerk zur Fabrikation exportfähiger Ware entwickelte, wie sie nach schweren Krisen der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse und der besonderen ihres Produktionszweiges durch Anpassung an die veränderten Umstände zu neuer Blüte hinaufstieg, ist hier nicht der Ort zu erzählen. Erwähnt mag nur werden, daß die erdrückende Konkurrenz der Baumwolle und der Maschine um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts glücklich überwunden wurde durch Anlage mechanischer Spinnereien und Webereien. Gegenwärtig sind die Ravensberger Spinnerei und die Bielefelder mechanische Weberei die größten Werke ihrer Art in ganz Deutschland. Aber mit ihnen wetteifern am Orte zahlreiche andere Firmen, die auch verwandte Gewerbe, u. a. Seiden- und Plüschweberei und vor allem die Wäschefabrikation und die Konfektion betreiben. Für diese letzteren Betriebe war die Herstellung von Nähmaschinen zunächst ein Hilfsgewerbe. Doch bildete es den Übergang zur Metallindustrie, die jetzt in Fahrrad-, Automobil-, Maschinen- und anderen Fabriken bereits ein größeres Arbeiterheer beschäftigt als die Gewebeindustrie. Von der Blüte des modernen Bielefeld legt der stattliche Rathaus- und Theaterbau von 1903 ein beredtes Zeugnis ab (Abb. 104).

[Sidenote: Bielefelds Umgebung.]

Zum Einflußbereiche der Stadt gehören auch die neuerdings zu beträchtlicher Größe angewachsenen Nachbardörfer, von denen u. a. Schildesche mit altem, berühmtem Kloster 7700, Brackwede 9600 Einwohner zählen. Bei letzterem Orte liegen auch die großartigen Krankenanstalten von Bethel, die, im Jahre 1866 aus den Liebesgaben christlicher Freunde gegründet, sich unter der Leitung des unermüdlichen Pastors v. Bodelschwingh zu nie geahnter Ausdehnung entwickelt haben (Abb. 101 im Vordergrunde). Die ganze Siedelung zählt etwa 5000 Seelen, darunter 4000 Kranke, meist Epileptiker, und arbeitet mit einem jährlichen Budget von drei Millionen Mark. Um dies zu verstehen, dürfen wir nicht vergessen, daß die Grafschaft Ravensberg von jeher ein Land äußerst regen religiösen Lebens gewesen ist, wie auch die großartige Missionstätigkeit daselbst beweist.

[Sidenote: Herford.]

Die zweitgrößte Stadt Ravensbergs ist Herford (28900 Einwohner), am Einfluß der Aa in die Werre gelegen. Im frühen Mittelalter wegen seines hochberühmten, bis 1803 sogar reichsunmittelbaren Stiftes der Nachbarstadt Bielefeld weit überlegen, hat das »heilige Herford« in wirtschaftlicher Entwicklung nicht völlig gleichen Schritt halten können. Immerhin sind seine Spinnereien, seine Möbel- und seine Zigarrenfabriken von Bedeutung; die alten Kirchen und Bürgerhäuser erfreuen noch heute den Kunstfreund. Wie Herford, so birgt auch der auf Seite 39 erwähnte Flecken Enger Erinnerungen an den Sachsenherzog Wittekind, dessen schönes, allerdings späteren Zeiten entstammendes Grabdenkmal sich in dem ehrwürdigen Kirchlein des Ortes befindet (Abb. 105).

[Sidenote: Lippischer Wald.]