Das Weiberdorf

Part 9

Chapter 93,911 wordsPublic domain

»Ich glaube es wohl, das ist kniffelige Arbeit!« Der Geistliche legte ihm selber die Entschuldigung in den Mund, Peter schnappte danach, wie ein Fisch nach dem Köder.

»Dat es et, dat es et,« beeilte er sich zu versichern. »Ech arweiden Dag on Naacht, äwer --«

»Ich habe es gehört,« unterbrach ihn der Pfarrherr freundlich. »Das ist brav, mein Sohn. Deine Arbeit wird schon wohlgelingen; Mariä Sohn selber« -- er wies hinauf zum Kreuz, das sie hoch und breit überragte -- »wird dich in seine Fürbitte aufnehmen!«

Ein Stich ging Peter durch und durch, er fühlte, wie eine heiße Blutwelle ihm in's Gesicht schoß; scheu sah er hinauf zu dem verzerrten Leidensantlitz.

Der goldne Glanz vom Himmel hatte sich gewandelt, rot wie Blut war er geworden und umspielte mit flammendem Schein die eingemeißelte Schrift. Sie flimmerte vor seinen Augen.

»Lao stieht wat,« stammelte er und zeigte mit dem Finger hinauf. »Wat heißt dat?«

»_Amor me cruci affixit_ -- Liebe hat mich an's Kreuz geschlagen,« sprach der geistliche Herr und wandte sich zum Gehen. Er nickte noch einmal zurück: »Guten Abend, guten Abend, ich komme in den nächsten Tagen selber zu Euch, Miffert, und sehe nach Eurer Arbeit.« Mit segnendem Gruß hob er die Hand. Sein Brevier murmelnd, tauchte er hinter den Hügeln unter.

Einsam war wieder der Kirchhof; so still war's um Pittchen, daß er das eigne Atmen als lautes Geräusch hörte.

Schwerfällig ließ er sich auf dem Sockel des Kreuzes nieder.

'Liebe hat mich an's Kreuz geschlagen' -- ja, die Liebe! Seine Brust hob sich unter einem tiefen Seufzer -- die war's! Eine große Erleichterung kam über ihn. Was er that, that er ja auch nicht für sich, nur aus Liebe zu andren! Da waren die Zeih, das Josefchen und die andren alle -- aus purer Liebe!

Sein unsteter Blick wurde ruhiger, er heftete ihn fest auf das Bild des Gekreuzigten. Der da oben litt, und er selbst litt auch -- ja, leicht war's nicht, am Kreuz zu hängen! Aber die Angst, die Angst, die er hatte, war die nicht noch schrecklicher?!

»Wann se mech atrappieren, gänn ech villeicht aach ufgehang,« murmelte er finster. »Nä, dat duhn se eweil net mieh, äwer se sperren mech ein, wuh Sonn on Mond net scheinen, wuh mer kein Luft krieht, wuh mer -- ha --!« Er holte tief und zitternd Atem, der Kopf sank ihm auf die Brust. Aber gleich darauf hob er ihn wieder.

Die Gestalt des Heilands verschwamm schon im Grau des rasch sinkenden Abends, nur um das Haupt wob sich noch ein flüchtiger Schimmer wie eine Glorie. Es schien sich zu neigen.

Mit unterdrücktem Schrei streckte Peter die Hände aus. Ja, der da oben, der verstand ihn! '_Amor me cruci affixit_' -- der würde ihn nicht zu Schanden werden lassen!

Er warf sich am Fuß des Kreuzes nieder und betete, wie er es noch nie gethan. Getröstet stand er auf; einen vertraulichen Gruß sandte er noch hinauf, ein verständnisvolles Nicken.

Festen Fußes schritt er an den Gräbern entlang. Es war fast dunkel, die Lichtchen niedergebrannt, nur hie und da flackerte noch eins wie ein Irrwisch mit aufzuckendem Schein.

Als er das Gatter des Friedhofs schloß, pfiff er. Er fühlte sich so leicht, so vergnügt; nun wußte er, was er zu thun hatte, nun wurde nicht länger gefackelt.

Von der Eichelhütte her kam ein Wägelchen über die Chaussee, es rollte dicht an ihm vorüber. Er erkannte den Besitzer der Eichelhütte, den Herrn van Beuren, darauf, der immer nur zweimal im Jahre ein paar Tage zur Jagd herkam; der neben ihm sitzende dicke Mann, mit einem Wollenshawl vermummelt und mit Ohrenklappen an der Mütze, war ihm fremd. Wer war denn das? Neugierig sah Peter dem Gefährt nach.

Dicht vor'm Dorf stieß er auf Krumscheid. Donnerwetter, der kam ja von seiner Hütte heruntergestelzt, was wollte denn der da oben? Aha -- Peter lachte in sich hinein -- der hatte wohl Angst um sein Geld?!

Geschmeidig grüßte er den Alten: »'n Aowend, Vadder Krumscheid!«

Dieser hielt ihn fest. »Saot, Pittchen, wie stieht et eweil met mein Dahlersch, hä?« Man merkte es dem Alten an, er wollte es nicht gern mit dem Pittchen verderben; er suchte einen Vorwand. »Et duht mer laad, dat ech ebbes dervon saon moß, äwer ech -- ech sein sälwer in Onverläjenhaat, ech haon ebbes zo zaohlen; et pressiert!«

Pittchen lächelte.

Krumscheid deutete dies Lächeln falsch, die Angst überkam ihn. »Ech moß mein Gäld haon,« stieß er grob heraus.

»Tutswit,« sagte Peter gelassen. »Ihr könnt et jeden Momang haon, wann Ihr wollt. Kommt bei mech eruf, lao könnt Ihr se metholen, de Dahlersch!«

»Nä, nä!« Der Alte traute nicht recht, er fürchtete Prügel. »Kommt liewer bei mech, dann drinke mir e Schöppche.«

»Nä!« Jetzt, wo es zur That ging, bebte Peter doch plötzlich zurück; eine jähe Angst überfiel ihn, sein Herz hämmerte, daß er's bis in den Hals spürte. »Eweil kann ech net,« sagte er hastig. »Heit net. Morjen -- morjen.«

»Morjen, gewiß on waohrhaftig?« Der Alte packte ihn am Rockschoß.

»Morjen,« sagte Pittchen gepreßt und entwand seinen Rock den knöchernen Fingern.

Eilig rannte er heim, er fand die Zeih, in Thränen aufgelöst, an der Wiege. Das Josefchen verdrehte die Augen, ballte die Fäustchen und zog die Beinchen krampfhaft herauf an den Leib.

»Wann mer noren dän Hähr Dokter hätten! Wann ons Josefche dem sein Medezin einhole könnt, gäb et gesond! Josefche, mei Josefche, ech duhn mer e Laad an -- stärw net, Josefche, mei Josefche!« Schreiend warf sie sich über das Kind.

Peter konnte es nicht mehr mit ansehen, an allen Gliedern zitternd, stand er da. Er wollte sprechen und konnte nicht, so trocken war es ihm im Halse; er schluckte und schluckte. Leeren Blickes stierte er auf das Bettchen -- da lag sein Kind, es glich ihm genau; so hatte er wohl auch einst der Mutter in der Wiege gelegen. Wie ihm, so fehlte dem Josefchen das unterste Stückchen am linken Ohrlapp, auch die Brauen waren so über der Nase zusammengeschoben und die Haare in dunklen Ringeln so tief in die Stirn gewachsen. Sein Kind -- sein Ebenbild! Der heiße Wunsch stieg in ihm auf, das Kind zu behalten.

Und glühend heiß fielen ihm die Thränen der Zeih auf's Herz, er konnte ihr Jammern nicht mehr hören; schwankenden Schritts, wie ein Trunkener, taumelte er nebenan in seine Kammer.

Als er nach einer Weile wieder herauskam, war er ruhiger. Auf seiner Stirn stand ein Entschluß; seine Lippen waren fest zusammengepreßt.

Beim Morgengrauen würde er den Doktor holen, sagte er der Zeih.

Und dann eilte er noch einmal zum Hause hinaus; er lief, wie gejagt. Durch eine Gutthat wollte er sich den Beistand des Himmels sichern.

Er wußte, wohin er zu gehen hatte. Da war die Hütte der Schneidersch; mit der Bäbbi ging's schlecht, die konnte sich nicht erholen. Zweimal schon hatte der Kauz nachts an ihrem Fenster geschrien. Krokodilsthränen vergießend, erzählte es die Alte im Dorf herum, aber ihr Jammern galt mehr der eignen gestörten Nachtruhe, als den Leiden der Schwiegertochter; wenn sie sich auch dreidoppelt ein Tuch um die Ohren band, sie hörte doch durch die rissigen Lehmwände das Stöhnen der jungen Frau und das Schreien des halbverhungerten Säuglings. Die Bäbbi fieberte und fieberte; ein paarmal hatte sie schon versucht, aufzustehen, nach wenigen Schritten war sie mit einem schmerzlichen Schrei zusammengebrochen.

Vorsichtig tappte Peter über den Hof, bis zur Thür neben dem Stall. Drinnen hörte er ein Kind greinen und eine kranke Stimme sprechen: »Sei still -- sch -- sch -- waart nor, bis dän Pappa kömmt! O Jeß, wann hän net bal kömmt, sein ech dud -- sch -- sch --!«

Der sehnsuchtsvolle Ton verzitterte in einem langen Seufzer. Die sprach ja, wie eine Sterbende! Peter erschrak. Leise schlich er an's Fensterchen und guckte hinein.

Da saß sie im Bett, das einzige Kissen hatte sie sich in den Rücken gestopft; sie war so schwach, daß sie den Kopf nicht halten konnte, bald sank er ihr zur linken, bald zur rechten Seite.

Wie traurig hatte die sich verändert! Sie war nicht häßlich, nein, vielleicht hübscher, als sie jemals zuvor gewesen. Schmerzen und Gram hatten ihr Gesicht verfeinert, die sonst gebräunte Haut war abgeblaßt, silbrig schimmernd wie Perlmutter. Das straffe Haar bauschte sich ihr lockrer um den Kopf, und im Blick ihrer weitgeöffneten großen Augen lag etwas Überirdisches.

Es fröstelte Peter. Sacht klopfte er an die Thür und trat zugleich ein.

Verwundert drehte Bäbbi den Kopf nach ihm, sie erkannte ihn nicht gleich. Dann aber flog ein freudiger Schein über ihr Gesicht, sie wollte seine Hand gar nicht loslassen. »Es dat schien, dat Ihr mech besuche kommt -- oh -- dat es schien!«

Er beugte sich über sie und suchte hinter einem Lachen und einem Scherz seine Rührung zu verbergen. »No ruhig, Bäbbche, ruhig! Jao, wann dän Ehmahn net derhäm es, dann kömmt onser anen e su apropos wie Räjen im Mai. Gäl, Bäbb?« Er strich ihr gutmütig über die schmale Wange. »Wanneh danzen mir zwa dann zosammen?«

Sie blieb ernst. »Ech haon de Engel schuns Hallelujah singe gehört; ech danzen net mieh!«

»Gott bewaohr, Bäbb,« sagte er erschrocken, »Ihr werdt doch net himmeln?«[36]

Sie sah ihn wehmütig lächelnd an. »Duht mer de Liew -- ech verlangern e su -- schreiwt mer e paor Wörtcher an dän Lorenz! Ech haon heiwel[37] vill Däg gelauert, dat ans kömmt, wat schreiwe kann.« Sie machte einen Versuch, sich höher aufzurichten, traurig schüttelte sie den Kopf.

»Ech kann jao net ufstiehn, ech sein innewennig wie ausenanner. Lao im Schößche[38] sticht Papier on Feder -- lao es de Dint -- schreiwt -- schreiwt!«

Mit ängstlicher Hast trieb sie ihn an. Sie diktierte schwerfällig, ruckweise, zu jeden paar Worten machte sie eine neue Anstrengung.

Beim Schein des winzigen Lämpchens schrieb Pittchen:

'Deurer Lorenz!

Ech grüßen dech vill dausendmaol! Ons Könd leit in der Heija[39] on dräumt von seim Pappa. Ech haon e su lang neist von Dir zo hören kritt, ech verlangern e su, datste bei mech kömmst, ehnder ech --'

Hier stockte Bäbbi; in schmerzliche Thränen ausbrechend, schlug sie die Hände vor's Gesicht.

»Kreischt net, Bäbb,« tröstete Peter mit weicher Stimme.

»Nä, nä!« Sie raffte sich schon wieder zusammen. »Streicht dat vom Verlangern on Stärwen aus, ech will em dat Herz net schwer maachen. Schreiwt nor:

'lang neist von Dir zo hören kritt, ech hoffen, Dau bis gesond on veramesterst Dech aach. Ech beten Dag on Naacht for Dech, ech --'«

Sie schöpfte zitternd tief Atem.

»'Ech sein eweil ganz alert[40] --'«

Peter sah sie verwundert an.

»Nä, nä, neist vom Kranksein,« sagte sie rasch. »Schreiwt dat 'alert' dick on groß, dann freut hän sech.

'Adjes, mein villdeurer Lorenz, bis in die Ewigkaat

Dein Bäbbchen.'«

Erschöpft sank sie zurück, Totenblässe überzog ihr Gesicht; ihre Lippen wurden weiß, sie war halb ohnmächtig.

»Bäbbi, Bäbbi,« Peter faßte sie am Arm, »wat es Eich? Ihr mößt Stärkung haon.« Verstört sah er sich um. »Haot Ihr dann bei gaor neist for zo drinken?«

Sie schüttelte den Kopf. »Neist,« sagte sie tonlos.

Da lag sie in dem elenden Bett, seit Tagen war es nicht gemacht; sie lag wie eine Sterbende, blutleer und hilflos.

Das Kind schrie auf, besorgt versuchte sie nach der Wiege zu blicken. Peter nahm das kleine Bündel und legte es ihr an die Brust; da suchte es wimmernd, mit gespitztem Mäulchen.

»Ech haon ken Milch mieh,« sagte sie leise.

Ein Krampf ging über Peters Gesicht; er wurde blaß und rot, einen argwöhnischen Blick warf er in alle Winkel, und dann fuhr er rasch in die Tasche und legte drei harte Thaler vor sie auf's Bett. »Dao,« sagte er mit gepreßter Stimme. »Kaaft davor, wat Ihr braucht!«

Für ein paar Augenblicke sah sie ihn verständnislos an.

Er nickte. »Morjen holen ech dän Dokter, dän besten, dän zo kriehn es; ons Josefche es krank. Duh kann dän Eich aach ebbes ufschreiwen for gesond zo gänn!«

Eine jähe Röte flog über ihr Gesicht, in ihren matten Augen blitzte es auf, sie haschte nach seiner Hand; ehe er's hindern konnte, hatte sie die geküßt.

»Merci, merci! Onsen Hährgott sei met Eich! -- Pittchen -- o Ihr --!« Sie war ganz außer sich, sie lachte und schluchzte, zog ihn an sich und küßte ihn mit ihren matten blutleeren Lippen; wie Schnee fühlte er den Kuß auf seiner Stirn.

»Ech danken, ech danken Eich villdausendmaol, Pittchen! Es et denn wirklich waohr -- Gäld, Gäld -- drei Dahler -- Dahler?!« Sie drückte die Geldstücke liebkosend an ihre Wange. »Ech kann eweil ebbes kaafen beim Krumscheid, on Milch for dat Könd, alle Dag! On ech sälwer« -- sie faßte ihren Kopf mit beiden Händen -- »dän Dokter kömmt bei mech! Ech soll gesond gänn -- ech kann dän Lorenz widdersiehn! Jesus, Maria, Josef -- oh Pittchen, Pittchen!«

Langsam sank er an ihrem Bett nieder; ein abergläubischer Schauer und zugleich eine freudige Wollust des Gebens zog ihn auf die Kniee.

Ihre Hände falteten sich über seinem Kopf, sie betete; mit rührender Stimme flehte sie den Segen des Himmels auf ihn herab.

Er wagte nicht, sich zu rühren. Ein himmlischer Gruß, weihrauchduftend, rein und heilig, schien ihm durch die verlassene Kammer zu wehen. Schwebten nicht Engel mit großen Flügeln gen Himmel und trugen auf goldner Schale die Dankesthränen der armen Bäbbi? Und seine Gutthat, als weiße Taube, flog voran.

Eine mächtige Erschütterung ging ihm durch den Körper, er lag wie niedergeschmettert. Die ganze Qual der letzten Wochen, die gehetzte Arbeit der Nächte, das Versuchen und Grübeln, das Sorgen um's Gelingen, Zweifel und Furcht, wilde Freude und dann wieder kindische Angst, all das brauste und brandete auf einmal durch sein Gehirn.

Bäbbi betete, und die wilden Gedanken wurden plötzlich so glatt wie Meereswogen, auf die man Öl gießt.

Thränen brachen ihm aus den Augen, erlösende Thränen; sie liefen ihm über das hagre Gesicht und rannen nieder auf das elende Bett.

X.

Der Winter war über Eifelschmitt hingezogen, es mit seiner Schneelast verschüttend. Weihnachten war dagewesen und hatte die Männer nach Hause gebracht. Jubel in den Hütten, Gedudel im Wirtshaus, Gläserklingen und Kuchendüfte. Heilig Dreikönigstag hatte der Lust ein Ende gemacht; morgens darauf waren die Männer wieder abgezogen, und die große Wintereinsamkeit hatte das Dorf in ihre Arme genommen und eingelullt, bis daß es schlief.

Jetzt wollte es lenzen.

Unter der modrig feuchten Decke des abgefallenen Buchenlaubes sproßte der Waldmeister, an besonders heimlichen Stellen trieb schon ein erstes scheues Reis, und in den noch toten Chausseebäumen lärmten die Staare.

'Naoch Lichtmeß es et Aushalt' sagen die Eifeler, 'warm oder kalt, de Dag gänn lang on dän Fuß krieht sein Gang.'

Sankt Matheis hatte das Eis gebrochen; auf den überschwemmten Wiesen um die Salm ruderten lustig die Dorfenten.

Auf dem Äckerchen der Schwiegereltern arbeitete Bäbbi. Sie hackte mit starken Armen den Boden auf, drehte die Schollen um, zerstieß und klopfte und verkleinerte die harten Erdklöße, und bückte unermüdlich den Rücken. Verschnaufend hielt sie wohl eine kurze Weile inne und blickte prüfend über die Berghänge.

Noch keine im Dorf hatte an die Frühjahrsbestellung gedacht, und sie wußten doch alle: Schneifurr -- Gedeihfurr! Da lotterten sie zu Hause herum, in Unterrock und Nachtjacke, und verschliefen den halben Tag. Ernst, fast vorwurfsvoll, ruhte Bäbbis Blick auf dem Dorf; sie schüttelte den Kopf, und dann spuckte sie in die Hände und griff von neuem zur Hacke und arbeitete wieder, bis ihr der Schweiß die vom scharfen Wind zerwühlten Haare an die Stirn klebte.

Sanct Gertraud mußte den Acker bestellt finden; und der Lorenz sollte sich darauf verlassen können: da war eine daheim, die für sein Kind und seine alten Eltern schaffte.

Ein warmes Rot stieg ihr in die Wangen, ihr Mund wölbte sich stolz. Mit frischer Kraft, neu belebt, trieb sie die Hacke in den Boden, daß die noch winterharte Rinde tief auseinander barst und ein feuchter, treibender Erdduft aufstieg. Die Muskeln an ihren Armen strafften sich, man sah's unter dem fadenscheinigen Blaudruck-Kleid; sie arbeitete wie ein Mann.

Jetzt machte sie keine Pause mehr; gleich einer Maschine, regelmäßig, ohne Ermüdung, hob und senkte sie die Hacke, Furche nach Furche wurde abgeschritten. Der Schweiß fiel in Tropfen in die gelockerte Erde, die das warme Naß gierig einsog. Blitzschnell bückte sie sich zwischen den Schlägen, hier einen Stein aus dem Acker zu lesen und dort; in mächtigem Schwung flog der dann den felsigen Abhang hinunter, aufprallend, sich überschlagend und prasselnd andres Geröll mit sich in die Tiefe reißend. Laut hallte es im einsamen Thal nach, die Stille gab das Geprassel doppelt stark wider, es wurde zum Gepolter; drüben an der Berglehne antwortete dumpf ein verschlafenes Echo.

Der Unkrautstellen im Ackerland wurden weniger und weniger, die schwachbegrünten Flecke verschwanden einer nach dem andren -- nun breitete sich das gleichmäßige Schwarz bis zum Wegrain aus. Im Dorf bimmelte das Glöckchen; die reine Luft trug den Klang hell hier herauf; mit einem Seufzer der Befriedigung ließ Bäbbi die Hacke zum letzten Mal niedersausen. Fertig für heute!

Morgen wurde wieder von frischem angefangen und übermorgen wieder, und dann wieder, bis die lehmigen Erdklöße -- sie bückte sich und zerbröckelte einen in der Hand -- so fein waren wie Mehl; dann wollte sie zufrieden sein. Dann gab's auch eine gute Ernte, Kartoffeln genug und auch ein wenig Korn. Was würde der Lorenz sagen, wenn sie so viel erübrigte, um eine Ziege zu kaufen? Wie gut würde die Milch dem Kind und den beiden Alten thun! Auch zu einem Ferkel würde es vielleicht noch langen, das wurde fett gemacht und dann auf dem Markt zu Wittlich verkauft.

Sinnend ging der Blick der jungen Frau in's Weite und verlor sich im duftigen Blaugrau, jenseits der Berge. Da weilte der Lorenz, weit, weit. Ein Ausdruck sehnsüchtiger Liebe machte ihren herben Mund weich. Kam wohl je eine Zeit, in der nicht mehr so viel Berge, so viel Wald, so viel Wasser sie von einander trennte?!

Bäbbis Gestalt reckte sich höher auf, ein tiefer Atemzug hob ihre Brust -- die Zeit #mußte# kommen!

Mit der schwieligen Hand strich sie sich das Haar zurück, zog das Kopftuch tiefer in die Stirn, schulterte ihre Hacke und schritt rasch dem Abhang zu. Scharf umrissen zeichnete sich ihre Gestalt vom lichten Horizont ab. Sie schien gewachsen, groß und stark hob sie sich über der Umgebung.

Eilenden Schrittes stieg sie den Pfad gegen das Dorf abwärts, ihre derben Nägelschuhe trapsten fest. Elf Uhr, nun warteten die Alten daheim schon, daß sie kam und das Mittagessen kochte. Die waren beide recht hinfällig geworden in diesem Winter, der Vater lag immer im Bett, und der Schwiegermutter Maulwerk war nicht halb mehr so scharf geschliffen; sie greinten wie die Kinder, wenn sie ihren Willen nicht kriegten.

Und dann der Kleine! Ein glückliches Lächeln verschönte das ernste Gesicht der jungen Frau -- ach, der kannte die Mutter schon! Wenn die kam, strampelte er und reckte die Ärmchen und wollte nicht mehr bei der Großmutter bleiben.

Rasch und rascher schritt sie zu; nun war sie unten auf dem Thalweg. Aber trotz ihrer Eile sah sie die jungen Blätter des Wegebreits am Grabenrand -- die waren heilsam zum Auflegen für den offenen Fuß der Schwiegermutter; erfreut kniete sie nieder und pflückte die ab. Und da sproßte der erste Löwenzahn -- geschwind griff sie zu -- und da noch einer, und weiter drinnen im Gras noch mehrere! Das sollte ein Salat werden für den Alten, so lecker, wie ihn nur Herren an der Tafel haben, und dazu so gesund für's Geblüt. Sie sammelte eifrig.

Plötzlich hob sie lauschend den Kopf. Ein Stöhnen klang an ihr Ohr -- war da jemand in Not? Sie rief.

Wieder ein Stöhnen, und dann ein Fluch. Jetzt sah sie erst: unten im Graben lag einer und suchte vergebens an den steilen Rändern aufzuklimmen. Sie hatte ihn vorhin in ihrem Eifer gar nicht bemerkt.

Das war ein Betrunkener! Furchtlos ging sie näher und streckte ihm die Hand hin. »Jesses,« sagte sie unwillkürlich und blieb stehen, wie angewurzelt; es war Pittchen.

»Wat stiehste elao on hälst Maulaffen feil, Framensch?« grunzte er sie an. »Siehste dann net, eweil stechen ech in der Bredullich. Ech sein net si--si--sicher, ech haon hei im Dr--Dreck geläjen -- de -- de ganz Naacht,« schloß er weinerlich.

Er sah danach aus. Rock und Hose waren von oben bis unten beschmutzt, er hatte sich recht im Schlamm gesielt. Eine Mütze hatte er nicht; von nasser Erde verklebt, starrten seine Haare, ein paar Zotteln hingen ihm in's fahle Gesicht. Seine Lippen waren blau, die Augen verglast, noch hatte er seinen Rausch nicht ausgeschlafen.

Ohne Wort beugte sie sich zu ihm nieder und hielt ihm die Hand hin. Er haschte mit seinen verklammten Fingern danach; so steif durchfroren war er, daß er sich kaum rühren konnte. Fast riß er auch sie hinab.

»Olau,« grinste er, »dau willst e Küßche? Verliewt wie de Weibsbiller al!« Er schmatzte mit den aufgesprungnen Lippen. »Küß mech, dau Leckermaul,« -- erschrocken fiel er zurück -- »Dunnerwäder, dat Bäbb!«

»Miffert,« sagte sie bestimmt, »seid net e su gäckig! Hei, faßt de Hack an! On hei es mein anner Hand! Däut[41] gäjen, däut! Ans, zwa un ans -- ech trecken[42] Eich eruf!«

Sie stemmte die Füße ein und zog mit Kraft; unfähig, sich selber zu helfen, ließ er sich willenlos zerren. Nun hatte sie ihn oben, wie ein Klotz lag er am Rand auf den Knieen.

»Pittchen,« sagte sie betrübt, »es et dann waohr, wat se im Dorf saon? Ihr sauft?! Pittchen,« -- sie faßte ihn unter den Achseln und stellte ihn auf die Füße -- »ech haon et net glauwen wollen, wat se saon. Laoßt doch dat Tina laufen on de Fraleider al, bleiwt derhäm! Ihr rujiniert Eich. Wat haot Ihr dann von al Eirem Gäld?«

»Willste ebbes?« lallte er und suchte nach der Tasche.

»Nä!« Sie hielt seine Hand fest und sah ihn voll herzlicher Teilnahme an. »Ke Gäld! Ihr hatt mir als e su vill Gudes gedahn; Eire drei Dahler haon mer Säjen gebrach, ech mechten Eich davor --«

Er unterbrach sie mit einem lauten Auflachen: »Haha, Säjen! Säjen!« Die Zähne klapperten ihm aufeinander, und er schauderte.

»Gieht häm,« riet sie besorgt, »Ihr hatt Eich verkält -- Jesses, de ganze Naacht hei im Grawen! -- Kommt, kommt!« Sie wollte ihn unter den Arm fassen und führen, er stieß sie zurück.

»Dau willst mer Mores liehren, bleiw mer vom Leiw, dau Quiesel[43]! Ech haon kein Predigt nedig -- gieh -- gieh!« Er strampelte mit Händen und Füßen, verlor das Gleichgewicht und stürzte wieder rücklings in den Graben.

Hatte er sich weh gethan? Erschrocken wartete sie ein paar Minuten, dann blickte sie hinunter. Da lag er mit geschlossenen Augen und offnem Mund, blaß wie ein Toter; aber jetzt ertönte sein regelrechtes Schnarchen. --

Bäbbi lief dem Dorf zu; sie hatte ihren Salat vergessen.

Kräftig pochte sie an Mifferts Hütte und trat zugleich ein. »Zeih! Eier Mahn leit drau --«

Das Wort blieb ihr im Halse stecken. Da saß der Gendarm von Oberkail und hielt die Zeih auf dem Schoß. Etwas verlegen sprang die auf.

»Was ist denn los?« fragte der Gendarm unwillig.

Bäbbi stotterte: »Eier Mahn leit draußen im Grawen, kommt, kommt!«

»Laßt ihn ruhig liegen,« sprach der Gendarm und strich sich den Schnurrbart auf.

»Äwer hän kann sech den Dod holen, hän es eweil als ganz verklomm!«

»Wat Ihr net saot?!« Zeih horchte nun doch auf, sie ließ sich den Hergang umständlich erzählen, keinen Augenblick verlor sie dabei ihr vergnügtes Lächeln. »Im Grawen -- de ganz Naacht?! Jeß, dat arm Pittchen! Jao e su es hän, alleweil strawätzt hän erum. Bäbb, seid e su gud, weist mer de Stell!«

Als die beiden Frauen die Hütte verließen, kamen Tina, Leis und Vrun daher; sie hatten die Bäbbi so rasch laufen sehen. Ihre Augen funkelten neugierig. »Wat es passiert?!« Zeih berichtete.

»Dat Pittchen -- im Grawen?! Hahahaha!« Tina krümmte sich vor Lachen und hielt sich die Seiten; vor Vergnügen juchzend, warf sie den Kopf hintenüber, daß ihre dunklen Haarsträhnen sich lösten.

»Hahaha,« lachten Vrun und Leis, und Zeih lachte mit.

»Wir wollen hän hole giehn! Hole giehn, olau!«