Das Weiberdorf

Part 7

Chapter 73,792 wordsPublic domain

Ein kleiner Schuljunge trat ein, Tafel und Federrohr unter den Arm geklemmt; sehr wichtig und hochgeehrt durch den ihm gewordenen Auftrag, brachte er seine Botschaft vor:

»Dän Pittchen soll eweil gleich beim Hähr Pastor in de Kerch kommen, dän Kronleuchter es erunner geporzelt. Hän leit eweil uf em Boden!«

»Laoß hän liegen,« brummte Peter. Er war unwillig, wollte nicht gestört sein; er mußte lauschen, der Stimme lauschen, die so vernehmlich zu ihm sprach. 'Arm, arm -- warum brauchst du arm zu sein? Es liegt nur in deiner Hand -- in deiner Hand --!' Ja, in seiner Hand lag das Thalerstück, das kleine und doch so mächtige Ding, das, nur von Menschenhand geschaffen, doch die Welt regierte, tausendmal mächtiger, wie der Herrgott im Himmel.

»Wat stiehste noch hei?« fuhr er den Knaben an. »Hei gänn kein Maulaffen feil gehaal!«

»Ihr sollt eweil kommen, bei den Hähr Pastor,« beharrte der Junge.

»Jao, gieh doch, Pittchen,« mischte sich die Zeih ein.

»Ech haon ken Zeit!«

»Äwer bei den Hähr Pastor,« sagte Lucia vorwurfsvoll, »bei dän gaastlichen Hähr?! Daor muß mer doch giehn!«

»Gaastlich oder net gaastlich, ales ein Packasch! Laoß mech zufrieden!« Er hob die Hand gegen den Knaben.

»Maach, datste eraus kömmst!«

»Gieh daor, Pittchen,« redete Lucia zu. Sie hatte das Kind hingelegt und faßte ihren Mann nun kräftig unter die Achseln. »Eweil kriehste villeicht ebbes zu verdienen!«

»Ae, verdienen! Ech peifen druf!«

»O Jeß, dän Honger!« Zeih hielt sich den Leib und krümmte sich. »De Gedärm sein mer eweil schuns binnewennig zusammengeschnorrt -- Pittchen, gieh doch!«

»In drei Deiwels Naomen!« Fluchend streckte er ein Bein aus dem Bett, wie ein Pfeil schoß der Knabe zur Thüre hinaus, er fürchtete Prügel.

Lucia lachte hinter ihm drein, und dann hielt sie ihrem Mann die Hose hin. »Dein Buxen, Pittchen! Hei es dat rechte Bein, hei dat linke!« Sie half ihm in die Kleider.

Wie im Traum ließ sich Peter anziehen, seine Gedanken waren weit weg. Zwischen den zusammengezogenen Brauen saß eine grüblerische Falte; er brütete in sich hinein und schrak zusammen, als ihm Zeih mit einem lachenden: 'Färdig' die Mütze auf's Haar stülpte.

Er sah nicht rechts noch links; mit hängendem Kopf, den Blick zu Boden gesenkt, mit schlaff baumelnden Armen und schlorrenden Füßen ging er die Dorfstraße hinunter. Er beachtete kein 'Gutentag' und keinen Zuruf; er hörte auch nicht den Schrei eines neugeborenen Kindes, der hell und kräftig über den Schneiderschen Hof gellte.

Ehe er in die Kirche trat, zog er in dem versteckten Winkel beim Weihwasserbecken rasch noch einmal den Thaler hervor. Sein düstrer Blick wurde heller, wie er das Silberstück betrachtete; falkenscharf. Ein triumphierendes Lächeln umspielte seinen Mund, und um seine Augen zuckten schlaue Fältchen; er stand ganz in Betrachtung verloren. Da, Geräusch! Er fuhr zusammen, blitzschnell verschwand der Thaler in der Tasche.

Pferdegetrappel, Räderrasseln. Ein Wägelchen nahte; der Reisende fuhr vorbei, zum Dorf hinaus. Peter streckte den struppigen Kopf um die Ecke und sah ihm mit höhnischem Grinsen nach, dann tunkte er gewohnheitsmäßig den Finger in's Weihwasser, bekreuzte sich flüchtig und trat in die Kirche.

Drinnen war der geistliche Herr. Die Hände über'm Bauch gefaltet, auf dem guten Gesicht den Ausdruck ratloser Verzweiflung, stand er vor den Trümmern des ehrwürdigen Kronleuchters.

Mitten in's Schiff war der heruntergestürzt; viele, viele Jahre hatte er schon an der weißgetünchten Decke gehangen, seine tropfenden Kerzen hatten an hohen Feiertagen gebrannt, mit ihrem zitternden Licht den Andächtigen geleuchtet und dem geheiligten Raum eine noch höhere Weihe verliehen. Wie ein himmlischer Strahlenkranz, ewig wie Sonne, Mond und Sterne, hatte er über der Gemeinde geschwebt; da war kein Mensch im Dorf, der nicht mit Stolz zu dieser Hauptzierde des Kirchleins hinaufgeblickt und bei besonderen Gelegenheiten eine Kerze in den Kranz gestiftet hätte.

Nun lag der Kronleuchter unten. Die Vergipsung an der Decke hatte sich gelöst, in einer Wolke von Staub war er niedergefahren, mit einem dumpfen Dröhnen aufschlagend; Schutt und Kalk kamen nachgeprasselt, ja, ein ganzer Mauerstein.

Schreckensbleich eilte der Küster zum Pfarrer. Wer sollte den Schaden nun reparieren? Das Einmauern war nicht so schwer, aber der schöne Kronleuchter war arg zugerichtet; seine zinnernen Arme waren verbogen, die Stacheln, drauf die Kerzen gespießt wurden, und viele der flachen Lichttellerchen darunter, abgebrochen.

Der Pfarrer rang die Hände, der Küster jammerte. Was würde das kosten, ließ man einen Künstler kommen, der das wieder herstellen konnte?! Oder gar das kostbare Stück per Axe weit über die Berge zu schaffen! Immer wieder wischte sich der geistliche Herr mit dem Sacktuch über die Stirn, nahm auch eine Prise um die andre und trommelte nachdenklich auf die Schnupftabacksdose.

Endlich sprach eines der Weiber, die sich neugierig eingefunden hatten, von Pittchen.

Der konnte alles. Der einen hatte er einen neuen Boden in den Milcheimer gesetzt; der andren die Wanduhr, die immer stehen blieb, zum Gehen gebracht; dieser das plattgetretene und verbogene Amulettchen mit den heiligen drei Königen schön aufgehämmert; jener den in zwei Stücke gebrochenen Ehering so zusammengeflickt, daß ihm kein Mensch mehr was ansah. Ohrringel, Broschen und Kreuzchen, Uhren und Ringe und Hausgerät, alles konnte der Peter ganz machen, wenn er nur wollte. Warum denn dies nicht?

»Pittchen, holt Pittchen!«

Der Herr Pastor drehte auf seinem Heimweg, den er schon trübselig hatte antreten wollen, noch einmal um.

Und nun war der Peter da. Die Hände in den Hosentaschen, mit gespreizten Beinen, das Maul schief gezogen, stand er und besah den Schaden.

»Jao, jao, e su es et. Jao, jao, et es nau e su!« Er wiegte den Kopf und sah schläfrig drein, ohne jegliches Interesse.

»Könntet Ihr das nicht wieder reparieren?« sprach der Pfarrer.

»Nä, nä, dat es net mein Metjä!«

»Seht einmal, Miffert,« -- der geistliche Herr bückte sich selber und hob eins der abgebrochenen Stücke auf -- »ich denke, das ließe sich wieder anlöten. Das ist Euch gewiß leicht möglich; mit Metall und so was hantieren, löten und hämmern und gießen und feilen, was weiß ich, das schlägt doch in Euer Fach!«

Einen raschen Blick, von unten herauf, warf Pittchen auf den Geistlichen; es war ein eigentümlicher Blick, ein schlauer Blick, in dem zugleich plötzlicher Argwohn dämmerte. »Wat beliewt?« fragte er lauernd. »Wie maant dän Hähr Pastor dat? Ech haon ganz simpel Schlosser gelernt, met su ebbes Apartem haon ech nie neist im Sinn gehatt. Nä, duh mößt Ihr bei ener anneren Dühr ankloppen. Lao kann ech neist bei maachen!«

»Aber Ihr könnt es doch versuchen,« bemühte sich der Pfarrer ihn zu überreden. »Sie sagen alle, Ihr seid so geschickt!«

»Wän haot dat gesaot?« Peter warf einen unruhigen Blick um sich.

»Nun, nun,« -- der geistliche Herr lächelte arglos -- »das ist doch keine Beleidigung! Du bist zu bescheiden, mein Sohn. Was du zur Ehre der Kirche versuchst, wird dir schon gelingen. Die Heiligen werden deine Arbeit segnen, die allergnädigste Himmelskönigin wird sich deiner erbarmen.« Er hob die Hand. »Sei ohne Furcht.« Und dann in minder weihevollem Ton: »Wir haben da vielerlei altes Zinngerät in der Sakristei; wir wollen einmal nachschauen, Miffert, ob Ihr davon nichts zum Ausbessern verwenden könnt. Zinn schmilzt leicht; schön verarbeitet, ja, ja, kann man's von Silber kaum unterscheiden!«

Wieder dies seltsame, rasche Aufblitzen in Peters Augen. Er widersprach nicht mehr.

In der Sakristei war es kellrig und roch nach Moder und Weihrauch; Peter schloß die Thür hinter sich.

Da hingen Chorhemden und Meßgewänder; ein in Schweinsleder gebundenes Buch lag auf dem Tisch, lauter Requisiten für den Gottesdienst. Peter entsann sich wohl, wie er als kleiner Junge hier einmal hineingeschlüpft war und mit andachtsvoller Neugier alles durchmustert hatte. Die Neugier war noch da, aber die Andacht war weg.

Seine Blicke stöberten in allen Winkeln herum und blieben dann auf dem alten Schrank in der Ecke haften; da mußte das Zinngerät drin sein! Er hätte hinstürzen mögen, ihn aufreißen -- Zinn, Zinn! Bald hielt er's in der Hand, ein Metall, aus dem sich was formen und gießen ließ, man mußte es nur verstehen.

Seine Hand tastete verstohlen nach dem Thaler in der Brusttasche. Der war noch da! Er preßte die Hand fest dagegen; so drückte er ihn an's Herz.

Umständlich rasselte der geistliche Herr mit dem Schlüsselbund; endlich hatte er den richtigen Schlüssel gefunden. Knirschend drehte sich der rostige Bart im Schloß; widerwillig gab es nach und sprang so schwer auf, daß Wurmmehl aus der zerfressenen, dunkelgebeizten Schrankthür stäubte.

Da stand die Monstranz, verhängt mit weißem Mulltüchlein, neben Kelch und Hostienschrein; im zweiten Gefach ein paar Weinflaschen zur Stärkung für den Geistlichen. Und da, im alleruntersten Fach, verstäubt und zerbrochen, lauter altes Gerümpel; darunter eine verbeulte Taufschale. Und hier, mit den gebrochenen Enden herausragend, ein paar in Stücke gegangene Altarleuchter.

Der Geistliche bückte sich und kramte in dem Wust. Peter beugte sich über seine Schulter, den Mund offen, die Augen aufgerissen, rasch atmend.

»Da,« sagte der Kaplan und streckte ihm ein paar Leuchterarme hin, »nur Zinn, aber jetzt Goldeswert. Ist das genug zur Reparatur?«

Peter hatte mit einem raschen Blick alles überflogen; auf die Taufschale sehen und sie über die Schulter des andren weg herauszerren, war eins. »Nä,« sagte er schnell, wog die Schale einen Augenblick in der Hand und versteckte sie dann halb hinter'm Rücken, »dat haon ech eweil aach noch nedig!«

»Nimm dir nur! Nimm dir nur, was du brauchst, mein Sohn,« schmunzelte der Pfarrherr, erfreut über Peters Willfährigkeit. »Alles noch aus dem vorigen Jahrhundert, wertloser Plunder; da mußte sich unsere Kirche zu ihren heiligen Zwecken armseliger Zinngefäße bedienen. Aber die Heiligen werden es in deiner Hand segnen. Uff« -- er erhob sich seufzend von den Knieen und stäubte seine Hosen ab -- »ist das eine Ungelegenheit! Hätt' ich das heute morgen geahnt, als ich so friedlich schlummerte! Nun geh, mein Sohn!« Er legte seine Hand, wie segnend, auf Peters Schulter. »Du leihst deine geschickte Hand zu gutem Werk. _Quod bonum felix faustumque sit._ Hol dir den Kronleuchter beizeiten ab, der Küster wird dir helfen.«

Peter antwortete nicht mehr; die Taufschale vorn unter'm Rock versteckt, die Leuchterarme, allen sichtbar, in der Hand, eilte er zur Kirche hinaus.

Draußen gesellte sich Tina zu ihm; sie sah verfroren aus und drängte sich dicht an ihn, als suche sie Wärme bei ihm.

»Biste mer bees, Pittchen?«

»Nä,« murmelte er zerstreut.

Sie trippelte neben ihm her. »Pittchen, maachste am Sonntag met nao Oberkail? Se danzen beim Pauly. Holste mech bei de Muhsik, dann« -- in ihrem Blick lag eine glühende Verheißung.

Als er schwieg, funkelten ihre Augen; sie verzog spöttisch den Mund. »Olau, et es nor gud, dat dernaoch de Mannsleider widder kommen. Dau bis e su en power Luder, hast net emaol e Kastemännche, om dei Mädche zo traktieren!«

Das traf! Er fuhr in die Brusttasche und ließ seinen Thaler um ein weniges herausblinkern. »Kuckste eweil, dat ech net e su power bin, hä? Wann ech nor will. Äwer« -- er schüttelte verneinend den Kopf, drehte ihr den Rücken und ging mit großen Schritten davon; er lahmte heute gar nicht, er ging so aufrecht und forsch, wie einer, der den Sieg in der Tasche trägt.

Mit offnem Mund sah ihm Tina nach -- einen Thaler, so viel Geld?! Wie der Wind lief sie hinter ihm drein; als sie ihn erreicht hatte, faßte sie ihn am Rockschoß. »Hä, Pittchen, hä, wuher haste dän Dahler? Sao't mer doch, Pittchen, mei liew Pittchen!«

Er besann sich einen Augenblick, dann lächelte er verschmitzt. »Geärwt,« flüsterte er ihr in's Ohr. »Pst, pst, Maul gehaal! Dau darfst niemand neist dervon saon, ech kriehn noch mieh. Äwer« -- er schlug sich selbst auf den Mund.

»Ech saon neist, waohrhaftgen Godds,« versicherte sie.

»Eweil holste mech aach bei de Muhsik, gäl?« Sie schmeichelte ihm und zog ihn abseits zwischen die Hecken, die, obgleich entlaubt, doch noch guten Schutz boten. Dort küßte sie ihn stürmisch und gierig.

Ihm wurde ganz duselig im Kopf, eine wilde Freude bemächtigte sich plötzlich seiner. Alles konnte er haben, alles! Mit einem Juchzer schlang er den Arm um Tinas geschmeidigen Leib und lupfte sie in die Höhe. --

So fleißig wie diesen Nachmittag war Peter noch nie in seinem Leben gewesen. Aus allen Ecken stöberte er seine selten benutzten Werkzeuge auf, schimpfte laut, wenn ihm eins fehlte, und ruhte nicht eher, als bis er alle zusammen hatte.

In der Rumpelkammer neben der Stube, die nur durch eine Luke spärliches Licht erhielt, richtete er seine Werkstatt her. Den Tisch schleppte er dorthin, die einzige Lampe und den Schemel.

Lucia sah lachend zu, sie wußte nicht, was sie davon denken sollte. Als sie den Einwand machte, daß er ihr das Beste aus der Stube weg trage, kniff er sie zärtlich in die Wange und kitzelte sie unter'm Kinn.

»Dau sollst et schuns kommod kriehn,« brummte er und lachte in sich hinein; nahm dann einen Hammer und probierte ihn auf dem Tisch. »Eweil noch net, äwer bal. Dän Pittchen es en Filu. Gudendag, Dahlerpittchen,« er machte einen Kratzfuß, »wat kost de Welt?!«

Stolz richtete er sich auf, warf sich in die Brust und summte:

»Dahler, Dahler, dau mußt wannern Von der anen Hand zor annern, Dingderlink, Dahler dau -- -- -- --

Himmelkreizgewieder!« schrie er, zusammenschreckend, dann plötzlich seine Frau an, »wat willste hei? Weibsbiller haon hei neist zo suchen!« Er schob sie aus der Kammer und schloß zu.

Mit dem Kind auf dem Arm ging Lucia hinunter in's Dorf. Trotz des unlustigen Wetters ständerte sie an den Thüren herum und schwatzte. Diese und jene rief sie herein; dann setzte man ihr einen Kaffee vor und ein Schmierchen und fragte sie aus nach Leibeskräften.

Wie ein Lauffeuer hatte sich's im Dorf verbreitet: der Miffert hatte eine Erbschaft gemacht! Wer es aufgebracht, wußte man nicht recht; aber man schwur darauf, wie auf das Amen in der Kirche.

Lucia lachte harmlos dazu, sie sagte nicht 'nein' und nicht 'ja' -- was wußte sie denn davon? Aber sie nützte die Gelegenheit; so bereitwillig zum Geben waren die Weiber noch nie gewesen. Als sie wieder zur Hütte hinaufstieg, war sie schwer beladen, mit Kartoffeln, Brot und Speck; sie hatten für ein paar Tage genug daran. Satt und behaglich schlief sie ein.

Erst lange nach Mitternacht, die Hähne krähten schon den grauenden Morgen an, suchte Pittchen sein Lager auf.

Aus dem Spiegelscherben neben dem Bett starrte ihn ein fahles, seltsames Antlitz an. So hatte der Peter noch nie ausgesehen, er erschrak vor sich selber. Seine Lippen waren fest aufeinander gepreßt, als hätten sie ein Geheimnis zu verschließen; seine Augen fuhren scheu lauernd umher, wie die eines Diebes, der Überraschung befürchtet.

Eine Maus kraspelte; er schrak zusammen und löschte rasch das Lämpchen.

Ein Mondstrahl stahl sich durch das verhängte Fensterchen und malte helle, runde Lichtflecke auf die Thür zur Nebenkammer. Peter schlüpfte im Hemd, auf bloßen Füßen an's Fenster und zog den Lumpen fester vor, prüfte sorgsam, ob die Thür der Werkstatt verschlossen, und verbarg den Schlüssel hinter einem losgebrochnen Stein des Herdes.

Dann erst kroch er fröstelnd in's Bett. Aber er wurde nicht warm. Von Schauern überrieselt, mit brennenden, weitoffnen Augen lag er, von Zweifeln und Ängsten beschlichen. Würde es ihm auch gelingen?! -- -- -- -- Was hatte der Pfarrer gesagt? 'Die Himmelskönigin wird sich deiner erbarmen!' -- -- -- -- »Ech gelowen der en Kerz, e su dick wie mein Arm, nä, noch dicker,« murmelte er. »Nä, zwa! On en Kleid von Seid, on Messen for de armen Seelen im Fegfeuer.«

Bah, was ging denn nur mit ihm vor?! Er riß die gefalteten Hände auseinander -- so rasch ein Betbruder geworden? Das sollte ihm fehlen! Seine Gesichtsmuskeln zuckten in einem höhnischen Grinsen -- nur keine Furcht!

»Wän net wagt, dän net gewinnt, Wän net sucht, dän net findt,«

sagte er sich laut vor. Wo Reichtum und Armut so ungerecht verteilt sind, muß man da nicht selber suchen, sich was zu verschaffen? Wer zuerst beim Weihwasser ist, segnet sich zuerst. Und hatte ihm die Heilige nicht selber den Weg gewiesen?

»Jao, jao,« -- er bekreuzte sich nun doch unter der Bettdecke -- »unsre liebe Fra, gelowt sei se!« Die hatte das so gewollt; die war dem Pittchen gut, wie alle Weiber. Die hatte den Kronleuchter stürzen lassen; die hatte ihm das Zinn und das silberne Taufbecken in die Hände gespielt; die hatte dem armen Pittchen helfen wollen, die würde ihn auch ferner nicht im Stich lassen.

Seine Aufregung legte sich allmählich, die finstren Falten auf seiner Stirn glätteten sich.

Allerhand liebliche Bilder kamen. Wenn er sich auch erst unruhig warf und stöhnte, daß die Zeih aufwachte und erschrocken den Arm um seinen Hals schlang, bald schlief er sanft.

Er lag noch und schnarchte, als der Pfarrherr den Küster schickte und fragen ließ, wie dem Pittchen die Arbeit gelinge?

VIII.

Der alte Krumscheid knallte mit seiner Peitsche, daß Krähen und Spatzen entsetzt aufflatterten und magere Häschen sich in den kotigen Ackerfurchen versteckten. Wenn die lange Peitschenschnur sich in den nackten Ebereschenzweigen, rechts und links von der Straße, verfing, fluchte er und riß und zerrte. War es ihm endlich gelungen, loszukommen, weifelte er hin und her und setzte dann in Bogen und Zickzacklinien seinen Heimweg fort.

Er kam von Spang-Dahlem, da hatte er eine trächtige Kuh verkauft; ein gut Stück Geld trug er im Lederbeutel, unter'm Mantel versteckt, auf dem Leib. Kein Wunder, daß er einen Kleinen sitzen hatte; in Oberkail war er auch noch einmal eingekehrt.

Als er zum Dorf hinaus war, stieß er auf Pittchen; fast schien es so, als hätte der da auf ihn gepaßt. Pittchen kam auch von Oberkail, hatte sich beim Maurer dort ein Säckchen Gips geholt, eine recht reichliche Portion, zum Eingipsen des Kronleuchters in der Kirche.

Sie redeten dies und das. Der Krumscheid war sehr guter Laune, und Pittchen ging ihm um den Bart, so geschmeidig, wie eine schnurrende Katze ihrem Herrn um die Füße streicht. Zuletzt wurde der Alte vertraulich; wenn er gar so sehr schwankte, stützte Peter ihn.

»Gud gelaoden,« lallte Krumscheid und schlug sich auf den Bauch, daß es lieblich im Lederbeutel klimperte. Und dann blinzelte er, von der Seite her, dem andren dummpfiffig in's Gesicht. »No, bei Eich werd et eweil aach bal klimpern, wat? Saot« -- er flüsterte wichtig und spitzte neugierig die Ohren -- »mir könnt Ihr't eweil dreist anverdrauen, wän -- wän« -- der Schlucken stieß ihn -- »wän haot Eich -- ebbes -- ver--vermaacht?«

»Jongfra Maria!« Peter flüsterte auch und legte dann, sich scheu umsehend, dem Angetrunkenen die Hand auf den Mund. »Still, äwer still, dat se 't net hört! Dat haot se net gären. Wann mer dervon babbelt, krieht mer de Krankhaat!«

»Wän haot Eich -- ebbes -- ver--maacht -- wän?« Der Alte riß blöd die Augen auf.

»Hei dän Däumerling,« lachte Peter und streckte seinen Daumen in die Höhe.

»O dau Filu!« Der Krumscheid stieß ihn kichernd in die Seite. »Ihr spillt jao Kumedi! Ihr wollt et nor net saon!«

»Kann sein, kann aach net sein!« Peter zuckte die Achseln. »Äwer, Krumscheid, hört ehs« -- er zwinkerte vertraulich -- »seid eweil e su gud, on lehnt mer e paor Dahler, Stücker aacht oder ziehn. Ihr krieht se met Zönsen widder, e su bal ech -- no, Ihr waaßt jao schuns! -- E su bal ech ausgezaohlt gänn!«

»Lehnen -- Dahler --?!« Trotz seiner Trunkenheit wurde der Alte argwöhnisch; er hielt die Hände vor den Bauch, als wolle er so die Thaler schützen.

Sie waren unweit Schwarzenborn, ein starker Wind blies über die kahle Höhe; der Alte torkelte, daß er sich kaum aufrecht halten konnte.

Peter packte ihn fest unter den Arm. »Met Zönsen widder,« raunte er ihm in's Ohr. »Anstatts ziehn, fünnefziehn Dahler! Dat es en Geschäft, gäl? Hört Ihr dän Wind? Wie dän heult! Wann ech Eich loslaoßen, eweil kullert Ihr hei dän Berg erunner, bonz onnen, bonz owen! Se können Eier Knöchelcher anzeln ufsuchen.«

»Jesses!« Der Alte klammerte sich fest an den stützenden Arm. »Kriehn ech se dann aach widder, mein Dahlersch?« stammelte er ängstlich.

»Uf Ehr on Säligkaat,« sagte Pittchen feierlich. »Hopp! Maacht, gieft Obacht, eweil kunnt Ihr dat Genick brächen, wann ech net derbei waor!«

»Jeßmarijusep!« Der Alte knöpfte schon seinen Mantel auf; Pittchen half ihm dabei, allein konnte der Krumscheid nicht mehr damit zu stande kommen.

Auf einem Stein am Weg kramten sie den Beutel aus; die Papierscheine schob Pittchen mit Verachtung zurück, aber die harten Thaler, die darin waren -- grade acht -- packte er mit Gier. Er betrachtete sie scharf -- lauter Thaler verschiedener Prägung, schon durch viele Hände gegangene; die Bildnisse verwischt, die Schrift nicht mehr leicht leserlich, das fein Gekerbte des Randes etwas abgegriffen. Er klopfte sie prüfend an den Stein. Waren sie auch echt? Sie gaben keinen sonderlich hellen Silberklang mehr.

Mit einem tiefen Aufatmen, sehr befriedigt, steckte er sie in die Tasche. Dann führte er, sorgsam wie eine Mutter, den jetzt völlig Sinnlosen den abschüssigen Weg in's Thal, leitete ihn gutmütig bis in die Schenkstube und half ihm sogar selber noch in's Bett.

Es war ganz dunkel, als er nach Hause ging.

Zeih hatte ein Talglicht brennen; eine leere Flasche diente als Leuchter. Sie hatte es auf den nun einzigen Schemel der Stube gestellt und kauerte davor am Boden, wie ein Türke, mit untergeschlagenen Beinen.

Josefchen schlief fest in seinem Weidenkorb; sein Gesichtchen, mit dem unkindlich spitzen Näschen und den wachsgelben Wänglein, sah aus wie das eines toten Kindes.

Das armselige Licht flackerte mit langer Schnuppe und stank abscheulich nach ranzigem Fett; auf dem Herd schwehlte Reisig, warf ab und zu einen aufzuckenden Schein über die Wände und sank dann jäh wieder zusammen. Das gab dem öden Raum etwas Leeres, Ausgestorbenes. Die nackten Mauern glichen Grabmauern in der gespenstischen Beleuchtung.

Nur Zeih atmete volles Leben. Über ihrer üppigen Brust straffte sich die bunt-baumwollene Nachtjacke, der oberste Knopf war nicht geschlossen, man sah die weiße Kehle schimmern. Aus den Flechten hatte sie die Haarnadeln gezogen, nun hingen sie ihr halbgelöst herunter, und das flackernde Licht warf einen goldenrötlichen Glanz auf ihr Braun. So sah sie fast mädchenhaft aus, trotz ihrer Fülle von einer keuschen Lieblichkeit.

Mit flinken Fingern kramte sie in dem bunten Gelappe auf ihrem Schoß -- hier ein Bandflickchen, da ein Spitzenendchen -- es war rätselhaft, wo sie das alles aufgetrieben hatte. Nun langte sie neben sich und hielt die Taille des roten Sonntagskleides gegen's Licht -- an der Brust ganz speckig gerieben, alle Nähte blank, der Stoff so fadenscheinig abgetragen, daß das Licht durchschimmerte, wie durch ein Spinngewebe.

Sie seufzte. Schade, daß das neue Kleid nicht schon fertig war! Der Stoff war noch nicht einmal angekommen; was hätte sie sonst für einen Staat machen können, morgen zu Oberkail! Jammerschade!

Ein paar Augenblicke ließ sie die Lippen hängen, aber gleich darauf hoben sich die Mundwinkel wieder in einem vergnügten Lächeln. Ei was, amüsieren würde sie sich auch in dem alten Kleid, war nicht der schöne Gendarm da?! Und wenn der nicht, dann doch andre!

Es wurde ihr heiß, wenn sie an die Lustbarkeit dachte; sie öffnete die Nachtjacke weiter über der Brust. Pittchen mußte mit ihr hingehn, er mußte; hei, das würde fidel werden! Sie hielt den hübschen Kopf schief über ihre Arbeit geneigt und summte sich halblaut eins.

Da knarrte die Thür; Peter trat ein.

Mit einem unterdrückten freudigen 'Jesses' sprang sie ihm an den Hals.

Er war durchfroren; das Haar hing ihm, vom Nebel genäßt, in die Stirn.