Das Weiberdorf

Part 5

Chapter 53,815 wordsPublic domain

Lachend ließ sie sich küssen, und lachend küßte Peter weiter, eine nach der andren nahm er beim Kopf; kreischend und doch willig ließen sie sich's gefallen, der stille Wald hallte wider von den jauchzenden Mädchenstimmen.

Weg war die bange Einsamkeit. Peter schäkerte; je toller, je lieber, die warmen Lippen hatten ihn ganz berauscht. Ganz benommen torkelte er weiter -- es dunkelte hier innen schon; nun fiel ihm die Zeih wieder ein.

Tina war hinter den andren zurückgeblieben, er hörte ihr leises: »Pst, pst!« Sie winkte ihm.

Er that, als ob er's nicht sähe. Ein andermal gern; aber jetzt hatte er Eile. Er setzte sich in Trab. -- Donnerwetter, da kamen noch welche! Waren denn heut alle Weiber auf den Beinen?!

Er wollte sich seitwärts unter die tiefhängenden Äste drücken -- umsonst -- sie hatten ihn schon gesehen. Die Steffes, mit ihren harmlosen Augen, konnte ausschauen, scharf wie ein Falke; die Kathrine Densborn nicht minder, und die Traut erst recht. Auch noch ein paar andre waren dabei. Himmel, so viel Weiber!

Pittchen fühlte einen leisen Schauer den Rücken hinabrieseln, und doch war ein gewisses Wohlgefühl dabei. War er nicht der Herrscher über alle die da?!

Sie kamen seinem Gruß zuvor, ihre Blicke hingen an ihm.

»'n Aowend,« nickte er herablassend und wollte weitergehen.

Sie hielten ihn an, jede hatte was mit ihm zu sprechen, eine immer dringender wie die andre.

Er kam nicht los; grob konnte er doch nicht sein! Als sie sich endlich trennten -- schon war er ein paar Schritte fort -- da drehte die Traut noch einmal um: »Hä, Pittchen! Hä!«

Und hinter der Traut lief wieder die Steffes drein.

»Uf ein Wort, Pittchen! Ech moß Eich ebbes saon, Pittchen!«

Da gab er Fersengeld.

»Hä! Hollah, Pittchen! Waartet ebbes -- haalt!«

Da rannte er in den Wald hinein, was hast du, was kannst du. Hinter sich hörte er das Rufen der Weiber. Mischte sich nicht jetzt auch Tinas Stimme darein? -- Lachen, Schreien, nun verfolgende Tritte!

Er verließ den Weg und sprang über den Graben, quer durch's Unterholz, daß dürres Reisig knickte und krachte und überhängende Zweige ihm in's Gesicht stachen.

Es peitschte ihn mit Ruten; er rannte, daß ihm der Schweiß ausbrach.

Immer glaubte er, rufende Stimmen zu hören; wie mit Armen griff es nach ihm, heißer Atem blies ihm in's Genick, Röcke rauschten und raschelten -- hochatmend hielt er endlich inne. Ach, das war ja nur der Buchenwald, der rauschte so!

Erleichtert sah er um sich. Das Tannendickicht hatte nun ein Ende; unter den grünen luftigen Buchen war's weit heller, sanftes Licht floß an den glatten Stämmen nieder, und die Blätter regten sich traulich flüsternd im Abendwind.

Er suchte den Weg wieder auf, rückte sich den Rock zurecht und schlenkerte die Mütze aus, Tannennadeln und dürre Zweiglein hingen daran.

Kam die Zeih denn noch nicht?! Er hatte sich verspätet, aber sie scheinbar noch viel mehr. -- Der würde er aber einen schönen Empfang machen, die Lust sollte ihr vergehen, sich so spät im Wald herumzutreiben!

Da war ja der Kaisergarten. Da zweigte der Weg nach Großlittgen ab, und da, unter dem Trupp himmelhoher Fichten, die abgegrenzt mitten im Buchengrün sich hoben, stand die Moosbank, so recht ein Versteck für Liebespaare.

Er stutzte. Ein Chaischen war quer über die Straße gefahren, der braune Gaul mit hängenden Zügeln rupfte friedlich die Gräser am Grabenrand ab. Waren das nicht Pferd und Wägelchen vom Gastwirt Pauly zu Oberkail?! War der hier?!

Leises Kinderweinen schlug an Peters Ohr. War das nicht das Josefchen? Zwischen den Stämmen blinkerte eine Uniform. Wer war da?!

Jetzt Lachen -- das war die Zeih!

Mit einem Satz war er unter den Fichten. Richtig, die Zeih saß auf der Moosbank und neben ihr -- traute er denn seinen Augen recht? -- neben ihr saß ganz gemütlich der schöne Gendarm von Oberkail!

»Zeih!« Er rief es so laut, daß der friedliche Gaul einen Satz machte und das Josefchen gellend aufschrie.

»Aha, der Herr Gemahl,« sagte der Gendarm und legte höflich die Hand an den Helm. In seinem vollwangigen Milch- und Blutgesicht vertieften sich zwei Grübchen. Er hatte nicht umsonst bis zuletzt als Unteroffizier bei der Garde in Berlin gestanden, er wußte, daß man gegen die Männer hübscher Frauen artig zu sein hat, und wären es auch die größten Lumpe und Lüderjahne.

»Na, Herr Miffert,« -- er rückte in die Ecke der Bank und legte das Seitengewehr über die Kniee -- »wollen Sie nicht Platz nehmen?«

»Nä,« sagte Pittchen kurz. »Komm, Zeih!« Er sah sie zornig an; sie schien das gar nicht zu bemerken; umständlich nahm sie von dem Gendarm Abschied und lächelte ihn an, die Lippen dabei spitzend, daß ihr Pittchen am liebsten einen Schlag drauf gegeben.

»Merci, merci, Hähr Schandarm, et waor e su freindlich, dat Sie mech metgeholt haon. Pittchen, bedank dech aach ehs. Dän Hähr Schandarm waor zo Manderscheid, hän haot mech invitiert, met uf dem Wägelche redur zo faohren. Duh haon ech et kommod gehaot!« Sie lachte vergnügt.

Peter sagte kein Wort.

Der Gendarm erhob sich und steckte zwei Finger hinter den mittleren Brustknopf der Uniform. »Ich hab's Ihnen schon gesagt, wenn Sie den Umweg über Großlittgen nicht scheuen, schöne Frau, können Sie auch noch weiter mitfahren. Habe da noch Wichtiges zu thun; unser einem wird zu viel aufgepackt, keine Minute Pause, strammen Dienst bis zum späten Abend. Für mein schweres Geld hab' ich mir den Wagen vom Pauly genommen, nur um keine Zeit zu verlieren.« Er gab sich ein sehr wichtiges Aussehen.

Lucia sah ihn mit offnem Mund bewundernd an.

Er machte eine einladende Handbewegung: »Steigen Sie nur auf, schöne Frau!« Zu Pittchen sprach er mit Gönnermiene. »Für Sie ist auch noch Platz, Miffert!«

Peter schielte ihn von unten herauf an. »Willste met de grußen Hähren Kerschen äßen, maach, datste de Steiner net an dän Koap kriehst -- nä, merci!«

»Was wollen Sie damit sagen?« Der Gendarm verstand den Dialekt noch nicht und witterte immer gleich eine Verhöhnung der Obrigkeit. Er versuchte seinem harmlosen Knabengesicht einen martialischen Ausdruck zu verleihen und zwirbelte den Schnurrbart aufwärts. »Nanu, was wollen Sie damit sagen?«

»Neist!« Pittchen sah ihn unbefangen, etwas blöde an, aber in seinem Innern kochte es: 'Waart, dir spielen ech aach als en Possen!' »'n Aowend!« Er zog Zeih unwiderstehlich mit sich fort.

»Tappert,« brummte der Gendarm, als er ihnen nachsah. 'Tappert,' das war ungefähr das einzig Eiflerische, was er bis jetzt gelernt; es war gleichbedeutend mit dem hochdeutschen 'Dummes Luder', und wurde hier bei den 'dämlichen Bauern' mit Vorliebe von ihm angewendet.

»Autsch, reiß mech doch net e su,« schmollte Lucia, als sie ein Stück weiter weg waren. Sie blieb stehn und sah sich um. »Wat soll eweil dän Hähr Schandarm denken?! Jesses, laoß mech doch los!«

Er hatte sie unsanft am Handgelenk gefaßt, sie machte sich frei, mit Thränen in den Augen. »Autsch, ech giehn jao schuns allein! Laoß los! Ech haon e su als schuns schwer zo schleppen, et es mer net kommod!«

Schweigend nahm er ihr das Kind ab, dieses ganz in ein großes Tuch gewickelte Bündel; nun trug sie nur noch ein Packet, das war verschnürt, und sie trug es mit besondrer Sorgfalt.

»Wat haste lao?« brummte er.

»Raot ehs!« Ihr Gesicht hellte sich schon wieder auf, ihre Augen glänzten vor Vergnügen. »O su ebbes Schienes, su ebbes Wonnerschienes! Waart, Pittchen, ech zeigen et der!«

Lebhaft kniete sie nieder, legte das Packet sacht auf's weiche Moos und begann es aufzuschnüren. »Dau sollst dein blao Wonner siehn,« schwatzte sie dabei, »su ebbes Schienes! Kuck ehs hei, Pittchen! Kuck ehs!« Sie schlug die Hände zusammen in eitel Glückseligkeit und lachte wie ein Kind.

Da lag ein schöner roter Flanellunterrock und schimmerte grell auf dem dunklen Moos. Und daneben eine Tändelschürze von schwarzem Seidenstoff, unten mit bunter Blumenguirlande bestickt.

»Haste su ebbes schuns gesiehn?« stammelte sie entzückt; und dann griff sie mit beiden Händen zu und hielt sich das viel zu kleine Seidenläppchen vor den starken Leib. »Wat werden se saon!« Sie jauchzte förmlich.

Er staunte auch über die Pracht, aber zugleich ergriff ihn eine plötzliche Unruhe, ein jähes Unbehagen -- wie kam die Zeih dazu?

»Wuhär haste dat?« fragte er finster.

Sie lachte fröhlich: »Geschenkt kritt!«

»Geschenkt kritt?« wiederholte er. »Von deim Tant doch sicher net; on dein Modder haot sälwer neist!« Er sah sie lauernd von der Seite an.

»Olau, von dänen -- nä!« Nun lachte sie, daß sie sich schüttelte. »Von dänen, su ebbes Schienes?! Hahahaha!«

»Von wäm dann?« fuhr er sie an.

»Olau, dau domm Pittchen,« -- noch immer lachend stieß sie es heraus -- »von dem Hähr Reisenden, von dem freindlichen Hähr! Von wem annerschter?!«

»Biste doll?!« Er sprang auf sie zu wie ein Rasender und riß ihr die Schürze vom Leib. »Gief her!«

Das Lachen verging ihr, jammernd suchte sie ihm die Schürze wieder zu entreißen. »Mein Schörz, Pittchen! Mein Schörz, mein schien Schörz!«

»Dän Lappen, dän Dreck!« Er knäulte die Seide zusammen und schmiß sie hin; auf dem roten Rock trampelte er herum. »Onnerstieh dech noch ehs -- ebbes aanzonähmen von Hähren, von fremde Hähren! Ech schlaon dem Kerl ale Rippen im Leiw dorch, ech schlaon hän kapores, ech schlaon hän dud. -- Dau Mensch, dau lidderlich Mensch, wat haot hän dafor gekritt? Saog!« In seiner Wut gab er ihr einen Stoß, daß sie zu ihren mißhandelten Schätzen auf's Moos niederfiel. »Saog de Waohrhaat -- lüg net! Wat haot hän dafor gekritt?!« Er schrie; unter den schweren Augenlidern sah er sie durchbohrend an mit stechenden, gefährlichen Blicken.

Sie suchte die Geschenke zusammenzuraffen; er schleuderte sie in weitem Bogen auf die schmutzige Straße.

»Wat haot hän dafor gekritt -- willste't nau saon?!«

»E Küßche,« wimmerte sie, »nor en anzig Küßche. For den Rock zwaa -- for de Schörz ans -- nä, aach zwaa! Föhrwaohr on enklich, ech saon de Waohrhaat. -- Pittchen, Pittchen!« Sie hatte Angst bekommen.

»Neist mieh? Lüg net!« Er knirschte mit den Zähnen. »Dau kömmst net labendig hei aus em Wald, wannste net de Waohrhaat saost. Ech raoten der!« Er hob die Faust, jede Muskel seines hagren Körpers war angespannt; er war nicht so groß und kräftig gebaut wie seine Frau, aber in diesem Augenblick erschien er ihr wie ein Riese.

»Hän haot mech uf dän Schoß geholt,« stotterte sie scheu. »Hän haot dat Josefche hinnen in et Chaische gelät. Hän saot, hän wollt mer noch ebbes vill Schieneres metbringen, wann hän dat nächste Maol nao Eifelschmitt käm. -- O mein Schörz! Mein rot Röckche! Mein schien Schörz!«

Die Thränen liefen ihr stromweis über die blühenden Wangen, jammernd rang sie die Hände: »Ech arm Dier! Hätten ech dech nie geheiraod! Hätten ech uf mein Vadder sälig geheert! Ech konnten en annern kriehn! Duh sitzen ech eweil zo Eifelschmitt in dem dreckige Loch -- ke Gäld -- ken Penning -- mer waaß oft net, wat mer äßen soll -- dän Mahn stiehlt onsem Hährgott dän Dag ahf -- im Winter friert mer sech zo Schannen -- im Sommer haot mer net emaol en anstännig Kleid, om uf de Kirmes zo giehn! Hei dat Fähnche« -- sie hob ihr verschossenes, an allen Enden zu knappes Kleid in die Höhe -- »dat dragen ech schuns e su lang mir verheiraod sein -- zwaa Jaohr! On im Dienst zo Manderscheid haon ech et aach als drei Jaohr gehatt. Mer moß sech schämen for de Leit!« Das Schluchzen erstickte sie fast: »Ech arm -- arm Dier -- ech deierlich Fra!« Sie warf sich ihren Kleiderrock über den Kopf und saß nun ganz vermummt.

Das Kind auf Pittchens Arm fing kläglich an zu schreien; er warf es der Mutter in den Schoß: »Dao lieg, dau Bankert!«

Aber gleich darauf packte ihn die Reue; sie schluchzte so herzbrechend, so hatte er sie noch nie gesehen. Sonst war sie immer fröhlich. Die hörte wohl nie mehr zu weinen auf!

Und hatte sie nicht recht, ging's ihnen nicht erbärmlich genug? Hatte er ihr nichts Besseres versprochen, als er die schöne, lustige Zeih freite?! Er stand betroffen.

»Zeih,« sagte er sanfter, und dann räusperte er sich. »Zeih!«

Wenn sie ihn auch nicht sah, nun wußte sie doch, woran sie war; sie schluchzte jetzt noch jämmerlicher und krümmte sich wie in unerträglichen Schmerzen.

»Zeih,« sagte er ganz kleinlaut und zog ihr den Rock vom Kopf.

Sie sah ihn gar nicht an, nahm das Kind in den Arm und herzte es unter Thränen: »O dau mein Josefche, mein arm Josefche.« Sie küßte es mit stürmischer Zärtlichkeit. Der Hut war ihr vom Kopf geglitten, das Haar hing ihr lang und wellig an den Schläfen nieder, ihr lieblicher Mund zuckte wie bei einem Kind, das sich ausgeweint hat und dem nur noch stoßweise ein letztes Schluchzen kommt. Die Lider hielt sie beharrlich gesenkt, ihr Blick ruhte auf dem Kinde; die goldig-braunen Wimpern lagen auf den schwellenden Wangen, die die Sommersonne nicht verbrannt, nur mit einem pfirsichähnlichen Anhauch überzogen hatte.

Keine war doch so hübsch wie sie -- und alleweil so fidel!

Peter sah unverwandt auf sie nieder. »Haste de Waohrhaat gesaot, Zeih? Schwör! Beim Josefche bei!« Er legte die Hand auf das Kind.

Sie legte die ihre dazu. »Ech schwören!«

Nun hob sie den Blick und blinzelte ihn an: »Biste mer bees, Pittchen?« Ein Schluchzen stieß sie noch. »Ech kann doch neist dafor!«

»Nä, nä, kreisch nor net -- Kotzdonner, dau sollst net kreischen, Zeih!« Er stieß mit dem Fuß auf. »Ech haon et jao net e su bees gemaant. Äwer dau moßt mer aach net ontreu gänn -- hörste, Zeih, net ontreu. Zeih!« Er rüttelte sie schon wieder.

»Nä, nä -- o mein schien Röckche! Mein Schörz!«

Er ging schon auf die Straße und holte beides. »Dao haste dän Dreck!«

»O Pittchen!« Sie faßte seinen Kopf und zog ihn zu sich herunter, beide Hände legte sie an seine Wangen. Ganz zart flüsterte sie -- es war schon wieder was von dem früheren vergnügten Klang in der Stimme --: »Eweil biste mer widder gud, gäl? On en anner Kleid kaafste mer aach, gäl? E su bal dän Hähr Reisenden widder kömmt. Ech saon der, dän haot Kleider!« Schmeichelnd rieb sie ihr Gesicht an dem seinen. »Gäl, dau kaafst mer ans?« Sie wartete auf seine Antwort; als keine kam, warf sie den Kopf zurück: »Dän wollt mer ans schenken!«

Er zuckte zusammen. »Dau sollst kans geschenkt kriehn, dau därfst kans geschenkt kriehn, ech leiden dat net, ech -- jao« -- er nickte und kratzte sich nachdenklich hinter den Ohren -- »ech kaafen der sälwer ans!«

Mit einem Freudenschrei riß sie ihn ganz zu sich herunter, preßte seine Lippen auf ihren Mund und küßte ihn heiß.

Er lag mit seinem Kopf neben dem Kind in ihrem Schoß; sie streichelte seine Haare und wickelte sie um ihre Finger.

»Gäl, Pittchen, dau kaafst mer ans? Jesses Maria, haon ech en Freid. Pittchen, ech haon dech su liew!«

»On dän Schandarm?« fragte er leise, noch einmal von einem düstren Argwohn beschlichen.

Sie lachte hell auf. »Dän Lappes! Waaßte, wie dän micht? Kuck hei.« Sie drückte die Augen heraus, warf sich in die Brust und zwirbelte an ihrer rosigen Oberlippe. »Alleweil micht dän e su. O dän! Hahaha!«

Er hatte sich halb aufgerichtet; auf den Ellbogen gestützt, sah er verliebt in ihr lachendes Gesicht.

Sie strich ihm die Falten auf der Stirn glatt und kitzelte ihn mit einem Halm unter der Nase. Er mußte mit ihr lachen. Und dann tuschelte er ihr etwas zu und drückte ihren Fuß.

Das Kind schlief unbeachtet. Das Moos war weich, der Wald einsam, dunkler und dunkler wurde der Abend. So weich, so zärtlich ging die Luft, und die Blätter lispelten sacht, als hätten sie sich heimlich, ganz verschämt etwas anzuvertrauen.

Als sie gingen, hing sie an seinem Arm, und er schleppte beides, das Kind und das Packet. Sorgfältig hatte er selbst die Geschenke eingepackt und verschnürt, dann hatte er sich den Bindfaden um den Hals gehängt; das Päckchen baumelte, bei jedem Schritte spürte er's.

Der Weg schimmerte kaum erkennbar, im Tannenforst war's stockfinster. Zeih that furchtsam; bei jedem Knistern der Rinde, jedem Niederrieseln einer Nadel fuhr sie zusammen und schmiegte sich fester an ihn. Sie ruhte mit ihrer ganzen Schwere auf ihm, unter dem dünnen Fähnchen spürte er ihren warmen vollen Körper.

Es war ihm sehr heiß, sein Atem ging unruhig; er schwitzte, trotzdem es nun bergab ging und der Nachtwind feucht und scharfkühl wehte.

Dunkel lag Eifelschmitt; nur in wenigen Häusern schwacher Lichtschein, die Straße leer. Am eintönig plätschernden Brunnen standen noch ein paar Weiber und wuschen ihre Füße in dem ausgehöhlten Baumstamm, der als Brunnentrog diente. Sie hatten ihre Röcke hochgeschürzt; in dem Mondstreif, der jetzt durch's Nachtgewölk brach, schimmerten ihre nackten Arme und Beine lockend silberweiß.

Peter fühlte wieder das seltsame Gruseln, jenen wunderlichen Schauer, der ihm leise über den Rücken hinabrieselte, sein Blut für Augenblicke erstarren machte, um es dann desto heißer anzutreiben.

Unweit ihrer Hütte strich eine Gestalt an ihnen vorbei; Peter glaubte Tina zu erkennen an ihren glitzernden Augäpfeln und den geschmeidigen Bewegungen. Sie schlüpfte zwischen ihm und der Hecke durch; für eine Sekunde fühlte er seine Hand gestreift von heißen, feuchten Fingern -- dann war's vorbei, verschwunden wie ein Spuk. In der Ferne noch ein leis verklingendes Lachen. --

In der Nacht träumte Pittchen schwer.

Er ging denselben Weg, den er heut der Zeih entgegengegangen. Aber oben am Kaisergarten wandte er sich rechts, gen Großlittgen zu; er mochte wollen oder nicht, er mußte dahin. Es puffte ihn von hinten was in den Rücken, ein starker Wind blies ihn fort.

In der Ferne hörte er Stimmen, sie riefen und lockten: »Pittchen! Komm, Pittchen!«

Lachen klang dazwischen -- jetzt hörte er die Zeih rufen, und jetzt die Tina -- jetzt fielen andre bekannte Stimmen ein: »Pittchen! Pittchen!«

Wo war er denn? Erschrocken sah er sich um. Da ging er durch die öde Heide, der Wind stöhnte drüber hin mit unheimlichen Klagelauten.

Er wollte nicht weitergehen, umkehren -- sein Fuß strauchelte über abgestorbne Strünke, es roch nach Pech und Schwefel. Eine glühende Luft schlug ihm entgegen wie Flammenhauch, versengte ihm Haar und Brauen und tief innen im Leibe das Herz.

Er wollte Hilfe schreien und konnte nicht. Fern, fernab tönte heisres Hundegebell -- das waren die Hunde von Großlittgen. Hilfe, Hilfe, dorthin!

Er wollte laufen und konnte nicht. Er stand wie festgewurzelt.

Der Boden war heiß, als brenne unterirdisches Feuer darunter. Und da war ein Kreis seltsamer grüner Pflänzchen, wie abgezirkelt standen sie im Kranz mitten auf totem verbranntem Land; im schwefligen Licht, das die Nacht erhellte, sah er deutlich ihr giftiges Grün.

Hilfe, Hilfe! Der Hexenkranz! Hatte ihn seine Mutter nicht schon als Kind dort, sich bekreuzend, vorüber geführt und scheu geflüstert: »Hei es't net geheuer!« Da tanzten vormals die Hexen, und loderndes Feuer prasselte auf. Der Boden verbrannte unter ihren Füßen; nur diese Pflänzchen sproßten, grüne Stengel, ohne Blatt und Blüte, das einzig Lebendige ringsum.

»Pittchen, Pittchen!«

Wer rief?

Im Flammenschein hüpften ihm Gestalten entgegen mit raschelnden Röcken und flatternden Haaren, sie lachten und winkten und riefen und streckten die Arme nach ihm und reichten sich die Hände und wirbelten um ihn in tollem Tanz. Immer toller, toller -- immer wilder, wilder -- Weiber, Weiber, lauter Weiber!

Und auf einmal stand die Zeih mitten im Kreis, sie hatte die Seidenschürze wie ein Mäntelchen um die Schultern hängen und den neuen roten Unterrock an -- weiter nichts. Sie schlug die andren auf die ausgestreckten Finger und lachte hell.

»Dän es mein!« Sie warf den Unterrock und die Schürze ab -- da stand sie nackt und schön im Flammenschein und sprach gebieterisch: »Kaaf mer e nei Kleid!«

Laut kreischten die andren auf, heulend sprangen sie in die Höhe, sie wurden zu Flammen, die ihm entgegenzüngelten -- -- --

»Jesus! Maria! Josef!« -- Da, der Boden wich ihm unter den Füßen, er that einen tiefen Fall, abgrundtief -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Mit einem Schrei erwachte Pittchen.

Der Mond schien hell durch's unverhängte Fensterchen, mitten auf das zerlumpte Federbett. Der Kopf der Zeih lag schwer auf seiner Brust und drückte ihn.

Sie schlief mit offnem Mund und schnarchte regelmäßig.

Noch vom Grauen des Traumes erfaßt, rüttelte er sie: »Zeih, Zeih, Zeih!«

Sie wachte nicht ganz auf, schlaftrunken öffnete sie nur ein Spältchen die schwarzen Lider.

»Dat Kleid,« lallte sie. -- »Kleid -- kaaf mer e schien nei Kleid!«

VI.

Lucia Miffert hatte ihren Mann seit Wochen gequält, den ganzen Tag und die Nacht auch. Sie hatte sich angeschmiegt wie ein bittendes Kind und ihn dann wieder spröde von sich gestoßen. Sie hatte gebettelt, geschmollt, gedroht; sie bestand auf ihrem Recht, sie wollte ihr neues Kleid.

Seit gestern war der Reisende wieder im Dorf. Mit Wut und Angst im Herzen hatte Pittchen das Wägelchen ankommen sehen; hinten aufgeschnallt wankten zwei hohe Musterkoffer.

Beim alten Krumscheid war der Reisende abgestiegen, da hatte er seine Muster und Waren zur Schau ausgelegt. Die Weiber rannten hin und staunten und feilschten; auch Lucia war unter ihnen. Sie blieb stundenlang aus; längst waren die andren zurück -- Peter hatte aufgepaßt -- noch immer kam sie nicht! Da ging er hin, sie zu holen.

Es war ein trüber Herbsttag. Unten im Thal an geschützten Stellen war's zwar noch leidlich, aber oben auf den Höhen sauste der Oktoberwind mit Ungestüm und fegte ganze Lawinen welker Blätter die Hänge hinunter. Der Wald stand traurig.

Die Dorfstraße war schmutzig, zum Durchwaten; an Stellen, wo das Pflaster fehlte, sank man ein bis über die Knöchel. Ein modriger Geruch stieg von Hütten und Ställen auf, es hatte acht Tage ohn' Unterlaß geregnet.

Gegen das Ende des Thales, nach Himmerod, war die Aussicht versperrt; die Ruinen des heiligen Bernardus hüllten sich in Regendunst und Nebelwolken. Quirlend, brausend wirbelte die Salm dahin; ihr klares Wässerchen war zu lehmigten Wogen geworden mit Köpfen von milchigem Gischt.

An allen Ecken und Enden tropfte es; vom Himmel herab, der sich wie ein Trauertuch spannte; von den Bäumen, die zitternd die schwarzen Äste reckten -- hie und da hielt noch eine Eberesche an der Chaussee eine Dolde verschrumpelter, roter Beeren fest --; von den Dächern, die, triefend, tief über den durchweichten Hausmauern hingen.

Alles war dunkler von Nässe, ohne Farbe, schwer und unlustig.

Als Peter am Schneiderschen Häuschen vorbeiging, hörte er hinten vom Stall her, über den Hof weg, jammernde Rufe schallen, Heulen und Winseln. Er guckte in das papierverklebte Fenster vorn neben der Hausthür. Drinnen in der Stube lag der alte Schneider im Bett, da kroch er hinein, sowie es kalt wurde; die Frau saß am Tisch, hatte ihren Kaffeenapf vor sich und tupfte mit dem Finger die letzten Brotbröselchen von ihrer Schürze.

Wieder das Geheul, das nichts Menschliches hatte! Und doch schrie kein Tier.

Peter klopfte an die Scheiben: »Hä, ihr! Wat es denn hei passiert?«

Die Schneidersch öffnete das Fenster ein Ritzchen und steckte ihre spitze Nase heraus. »Dat Bäbb,« sagte sie lakonisch und wollte eilends wieder zuschlagen, als fürchte sie, ein Atom Wärme möge von drinnen entweichen.

»Haalt!« Pittchen klemmte die Faust zwischen das Fenster. »Et schreit doch e su! Gieft dann de Weis-Fra von Oberkail net geruf?«

»Saogt doch liewer gleich: dän Hähr Dokter!« Die Alte wackelte ärgerlich mit dem grausträhnigen Kopf. »Ihr haot wohl dat gruße Los gezillt[29]? Mir sein arme Leit, mir haon neist öwrig. Laoßt se schpektaklen, se werd schuns rohig gänn!«

Und vom Bett her schalt die zornige Stimme des Alten: »Wat es dat for en Manier?! Dat Fenster zugemaach, Zapperloot.« Er hüstelte und schimpfte; rasch schlug die Schneidersch zu.