Part 4
Nebenan auf der Stoppel pflügte die Tina Pötsch. Sie hatte ihre beiden jüngeren Geschwister, den dreizehnjährigen Karl und die vierzehnjährige Billa in den Pflug gespannt; nur wenige im Dorf konnten sich den leisten, die meisten arbeiteten den Acker mit der Hacke um. Stolz schwang sie die Peitsche, mit einer besonderen Wollust hieb sie sausend durch die Luft. Das Schnurende traf Villa am Hals, mit einem Aufschrei drehte die sich um.
Tina lachte.
»Waart, dau frech Dingen,« kreischte die jüngere wütend.
Tina lachte noch immer.
»Hü, hott, meine Peerdches!«
»Ech sein net dein Peerd!« Billa warf sich in der Furche nieder.
»Hü, hott! Willste ziehn?!«
Sie blieb halsstarrig in der Furche liegen, kein Peitschenschlag trieb sie zum Aufstehen; aber als Tina hinter dem Pflug vorsprang und sie mit dem Fuß in die Weiche stieß, packte Billa zu. Ihre Finger krallten sich in Tinas Wade, mit einem Aufkreischen riß sie die Überraschte zu sich nieder. Sie wälzten sich beide auf der Stoppel.
Karl, nicht faul, nahm die Partei der jüngsten Schwester; es war ihm gelungen, sich loszusträngen, nun warf er sich über die beiden Mädchen, auf Tinas Rücken mit den Fäusten trommelnd. Billa, zu unterst am Boden liegend, erstickte fast unter der doppelten Last.
Das war aber alles noch Spaß, in das Gekreisch mischte sich Lachen; jedoch nun wurde es Ernst.
Tina hatte den Bruder in's Bein gekniffen, dafür riß er sie an den Haaren; mit der einen Hand zerrte er ihren Kopf in die Höhe, mit der andern Faust schlug er ihr in's Gesicht. Das Blut floß ihr aus der Nase, das Wasser aus den Augen; sie schrie laut.
Verschiedene kamen herzu und umstanden die Wolke von Staub, in der sich die drei wälzten. Die Meinungen waren geteilt.
»Dat schadt dem Tina neist, wann dat ordentlich wat uf de Schnöß krieht,« sagte eine.
»Jesses, hän haut se kappores!«
»Speck on Schwart sein von einer Art -- die duhn sech neist!«
»Haal dem Jong de Bein fest, hän trampelt dat Bill zo Schannen!«
»Ä wat, Onkraut vergieht net!«
»Et blut jao!«
»Hilf! Hilf!« kreischte Tina. Ihr Hilfeschrei gellte weit über die Äcker.
Von allen Seiten liefen jetzt neugierig die Weiber herbei.
»Wat es passiert? Wän schreit e su? Kuckt elao! Jeßmarijusep!«
»Et es en Schand,« rief die Densborn, »dat dir dat Tina half dud schlaon laoßt! Krieht hän beim Schlawittchen! Läßte los, dau infamichte Karnallij!« Sie zerrte den Jungen am Bein.
»Laoßt hän nor,« schrie die Steffes gegen, »kömmert Eich erscht om Eiren Jong! Dän Karl haot ganz rächt, dat Tina pisakt se Dag on Naacht. Wän onschullige Könner schlät, es sälwer Prüjel wert. Eier Hannickel soll mer nor kommen! Hän haot dat Hubertche geschlaon, dat em ale Rippen wieh duhn; ech verklaogen hän bei de Hähren vom Gericht, on Eich derzu, Eich scheinheilig Luder!«
»Wat -- wat,« zeterte die Densborn, »Ihr wollt noch räden?! Su en Mensch, su en mannsdoll Mensch, su en« -- in der Wut versagten ihr die Ausdrücke -- »dat zu de Mannsleit rennt, e su bal als de Fra net derhäm es! Pfui!« Sie spuckte aus. »Su en --«
»Et es net waohr, et es net waohr,« kreischte die Steffes; sie war blutrot im Gesicht und wirbelte auf die große starkknochige Gegnerin zu. »Ihr seid nor neid'sch -- jao, neid'sch! Haha!« Sie lachte krampfhaft. »Ihr wollt sälwer gären, Ihr« --
Die andre schlug ihr auf den Mund: »Liegnersch!«
»Ihr wollt sälwer gären -- haha -- alde Schatehk!«
»Haha! Alde Schatehk!« Wie einen Schlachtruf nahmen die jüngeren Weiber das auf.
Die schwarze Vrun, die blonde Leis gesellten sich zur Steffes; sie hatten längst einen heimlichen Groll auf die Densborn, die allem nachschnoberte. »Annemarei, dat es rächt! Laoß der neist gefaalen, Annemarei! Dat scheel Luder maant, et könnt hei kommandieren?! Su hammer net gewett! Olau, Schatehk, alde Schatehk! Hahahaha!« Ein nicht endenwollendes Gelächter pflanzte sich fort.
Die paar, die noch arbeiteten, erhoben sich auch von den Knieen; in großen Sprüngen stürzten sie herzu, die Sichel in der Hand schwingend, mit flatternden Röcken und Geschrei.
Da wurden Haare gelassen!
Kathrine Densborn hatte Annemarie Steffes am Schopf gepackt.
»Dau mannsdoll Mensch, dau -- saog et noch ehs -- dau!«
»Neid'sch, dir seid neid'sch! Alde Schatehk!«
»Liegnersch!«
»Wolltst sälwer gären!«
»Waart, ech will dech liehren!«
Der Kampf wurde ernsthaft. Die große Gegnerin schüttelte die kleine wie ein Bündel Kleider; diese schlug mit Händen und Füßen aus. Ließen sie sich einen Augenblick los, um Atem zu schöpfen, gleich stürzten sie wieder aufeinander.
Schreie, Schimpfworte, Kreischen, Lachen, ohrenbetäubendes Geschnatter.
Zwei Parteien hatten sich gebildet, Frau stand gegen Frau; so manche hatten heimlichen Groll auszufechten, es waren nicht mehr die Densborn und die Steffes allein, die aufeinander losgingen.
Die Geschwister Pötsch waren vergessen. Karl, die Hände in den Taschen seiner zerlumpten Hose, sah grinsend dem Tumult zu; Billa lag heulend am Boden. Tina wischte mit dem Handrücken das Blut von der Nase, dann schlich sie mit funkelnden Augen dem Weiberknäuel näher. Sie hatte auch ihre Feindinnen darunter -- rasch der Steffes ein Bein gestellt! Warum hatte ihr die vorhin nicht beigestanden?!
Nun steckte sie mitten drin im Kampf; die blonde Leis, das Bäschen von der Steffes, und, mit ihren goldnen Zöpfen, Tinas gefährlichste Nebenbuhlerin -- war sie nicht erst vorhin aus Pittchens Thür geschlichen? -- versetzte ihr eins.
»Hol dech in Aacht, dau Schleckermaul,« zischelte Tina hinter zusammengebißnen Zähnen.
»Dau Rotznaos,« schrie die Blonde verächtlich; sie war um ein oder zwei Jahr älter.
»Dau öwerstännige Kwetsch!«[26]
»Dau unreifen Appel!«
»Ech roppen der dein rot Börschten[27] aus!« Tina griff kräftig in die goldnen Zöpfe.
»Vrun, Vrun,« rief Leis die Freundin zu Hilfe. »Komm ehs här! Gief dem dao eins hinnen druf, ech halen derweil der verliewten Katz de Poten.«
»Hal dau dein Schnöß! Vrun, komm bei mech,« schrie Tina. »Ech saon der, dat Leis -- Vrun, Vrun! -- et es heit beim Pittchen gewest, et haot zom Pittchen gesaot: et hält dech für en Naor! Vrun, Vrun!«
»Wat?!« In einem Augenblick hatte sich das Blättchen gewendet, die Schwarze kehrte sich gegen die Blonde. »Beim Pittchen gewest? Mech für en Naor halen? -- O dau falsch Dingen!«
Mit triumphierenden Augen sah Tina zu, wie die beiden Freundinnen auf einander losfuhren.
Das war ein Spektakel! Ein Lärmen, ein Schimpfen, ein Schreien. Vom Berghang tönte es nieder zum Thal, an Pittchens Hütte vorbei -- der schlief ruhig weiter -- und und brach sich schallend an der jenseitigen Höhenwand.
Sie hörten alle nicht das Mittagsglöcklein; nur Bäbbi. Die stand abseits und starrte mit großen traumverlornen Augen in's Gewühl. Früher hätte sie auch frischweg am Kampf teilgenommen, -- aber jetzt?! Es war alles untergegangen in der großen Sehnsucht.
Als das Glöcklein läutete, bekreuzte sie sich; die Sichel entfiel ihr, langsam sank sie auf die Kniee und faltete die Hände. Was that der Lorenz wohl jetzt? Dachte er jetzt auch an sie? -- -- Wär' er doch erst wieder hier -- ach! -- -- -- -- -- --
»Steh uf,« schrie die alte Schneidersch sie an. »Schläfste?« Die Alte hatte sich auch am Zank beteiligt, besonders mit dem Mundwerk; sie hatte aber auch bald darin ihren Meister gefunden, nun ergoß sich die ganze aufgestaute Flut von Scheltworten über die Schwiegertochter, diesen Dorn in ihrem Auge.
Mit einem wilden Ingrimm fuhr die Alte auf sie los. Es wurde Bäbbi nichts erspart; laut und gellend, vor aller Welt, wurde ihr ihr Fehltritt vorgeworfen. Kein Mädchen war je so schlecht gewesen, so lumpig, so armselig und so berechnend dazu. Was hätte der Lorenz für Partien machen können, aber sie hing ihm ja wie ein Klotz am Bein, merkte es gar nicht, daß er sie gern los geworden wäre -- ja, er hatte sie satt, der Mutter hatte er's vertraut!
Schwerfällig richtete sich Bäbbi auf, stumm, mit düstren Augen hatte sie auf den Kampf der Weiber gestarrt -- Heulen, Schreien, geschwungene Fäuste, verzerrte Gesichter, ein wildes Durcheinander erregter Gestalten -- jetzt schien sich auch ihr Blick langsam daran zu entzünden. Als die Schwiegermutter schloß: »Hän haot dech saat, saat bis zom Ekel, hän wünscht dech, wuh dän Peffer wächst,« flammte er auf.
Sie kehrte sich gegen die Alte, raffte die Sichel auf; ihr Gesicht glühte, ihr Auge glitzerte unheimlich, ein irres wildes Lachen rang sich aus ihrer gequälten Brust. Sie hob drohend die Sichel -- aber, da, sie ließ sie wieder fallen. Statt dessen schwang sie die Faust und schmetterte sie nieder auf den Rücken der Schwiegermutter, daß der Hören und Sehen verging.
Die Alte knickte in die Kniee, schützte den Kopf mit beiden Armen und schrie laut.
Hageldichte Schläge. Die Alte duckte sich und wand sich wie ein Wurm, Bäbbi stand über ihr gleich einer Rächerin, totenbleich, die Lippen fest aufeinander gepreßt. Sie schlug darauf los mit einer Art von Befreiung, von Erlösung.
»Hör uf,« kreischte die Alte, »ech zeigen dech an! Ech fluchen der!«
Ununterbrochen fielen die Schläge.
»Hör uf, ech saon et dem Lorenz! --«
»Lorenz --!«
Jammernd, beschwörend, bittend zugleich schrie Bäbbi den Namen nach; der erhobne Arm fiel ihr zur Seite, sie starrte verwirrt drein, als erwache sie aus einem Traum. Ein Zittern, ein Rütteln ging durch ihren ganzen Körper; sie schwankte, die Füße schienen sie nicht länger zu tragen. Mit einem dumpfen Laut schlug sie die Hände vor's Gesicht.
V.
»Bimmel, bimmel, bimmel« tönt das Glöckchen der Kirche. Sein dünner heller Klang fliegt durch's Dorf und steigt an den Thalwänden in die Höhe; oben von Schwarzenborn antwortet ein anderes Glöckchen. »Bimmel, bimmel, bimmel« -- Vesper.
Aus den Steinfliesen der Kirche lag Bäbbi. Ihr Gesicht war blaß, ihre Augen rot, vom Weinen dick verschwollen. Sie hob die Hände zu dem Marienbild, das in der Nische des Seitenaltares stand; weiße und rote Papierrosen umkränzten die Heilige, ein paar dünne Kerzchen flackerten ihr zu Füßen.
Kein Mensch war sonst mehr in der Kirche. Die braunen Holzbänke standen leer; hie und da war ein Gebetbuch liegen geblieben, ein buntes Heiligenbildchen steckte als Zeichen darin. Derbe Lederschuhe hatten vom Kot der Dorfstraße mit herein geschleppt; die ausgetretenen Fliesen vor dem Marienbild waren am meisten beschmutzt, da hatten die Weiber vorhin gekniet, die Stirn tief gesenkt, unablässig die Lippen bewegend.
Ein Gewitter war am Nachmittag aufgezogen, rasch kam es, ungeahnt, ohne vorherige Anzeichen; schwarz war der Himmel, schwer wie Blei. Er drohte mit Hagel. Angstvoll schauten die Frauen aus -- sollte das schon die himmlische Strafe sein für den heutigen Zank?
Sie glichen heute alle blessierten Kriegern nach der Schlacht; einen Kratz, einen Stoß, einen Schlag, einen Tritt hat jede wegbekommen. Mit funkelnden Augen waren sie vom Acker heimgekehrt, Schimpfworte, Verwünschungen auf den Lippen. Die Hüttenthüren wurden zugeschmettert, die Kinder verkrochen sich scheu, die Schüsseln klapperten -- manch eine ging heut in Scherben; mit noch nicht gestilltem Zorn verzehrte man ein sehr verspätetes Mittagbrot, es schmeckte wie Galle.
Da -- krach -- der erste Donner!
Furchtbar rollte er im engen Thal; wie ein böses Tier im Käfig, das keinen Ausweg findet, so grollte er zwischen den Bergwänden. Krach, krach -- Hall und Widerhall. Und der Himmel so drohend, und die Blitze niedersausende Schwerter.
»Jeßmarijusep!« Wie eine Herde Schafe, vom Wolf gescheucht, flüchteten sie in die Kirche. Da lagen sie auf den Fliesen und schlugen die Brust und beteten und seufzten zum Steinerweichen. Sie waren ganz zerknirscht.
»Maria, Jongfra voller Gnaden, bewaohr ons!«
»Heiliger Donatus, sänftig dat Ongewieder, dau kannst et! Heiliger Donatus, ech flehen dech an, laoß meine Gerscht net zu Schannen gänn -- se stieht als in Mandeln!«
»Heilige Maria, Moddergotts, ech haon et net e su bees gemaant, wie ech dem frech Mensch eins appliciert haon. Dau wirst en Einsiehn haon -- o liew Moddergöttesche, rechen et mir net an!«
Draußen kracht der Donner. Kanonenschüsse feuert er durch's Thal, von einem Ende zum andren.
»Gegrüßet seist du, Maria -- hilf, hilf, heiliger Donatus!«
»Meerstern, ich dich grüße, Gottes Mutter süße -- --«
Der Tag ist schwarz wie die Nacht, in den Winkeln der Kirche hockt grauliche Dämmerung. Jetzt bebt der alte Bau -- jetzt loht ein feuriger Blitz durch die Dunkelheit, noch feuriger durch das bunte Glas des Fensters, darauf das Bildnis des heiligen Donatus steht, mitten zwischen Blitzen. Ein gellendes Aufkreischen drinnen antwortet der dröhnenden Stimme draußen, immer lauter wird das Murmeln, immer rascher bewegen sich die Lippen.
»Heiliger Donatus, ech grüßen dech, gelowt seist du!«
»Maria, Moddergotts, bitt for ons!«
»O Maria, ech grüßen dech, dreiunddreißigtausendmal!«
Die Stirnen neigen sich bis auf die Fliesen; Gelöbnisse, Versprechungen werden den Wunderthätigen gemacht.
Sie brauchten nicht allzulange mehr zu beten; so rasch wie es gekommen, so rasch ließ das Unwetter nach, es zog über die Berge ab in einem Hui. Vor der Kirchthür gackerten schon wieder die Hühner und scharrten nach Würmern, Spatzen schirpten vergnügt und lupften das nasse Gefieder. Die Jauche floß, durch den Regen von den Misthaufen weggespült, quer über die Gasse; aber am blauen Himmel stand schon wieder die Sonne und lachte.
Sie knixten und bekreuzten sich noch einmal an der Kirchthür und tunkten den Finger in's steinerne Weihwasserbecken.
»Dunnerknippchen, waor dat en Wäder,« sagte die eine. Und die andre: »Deiwel aach, dat konnt en bees Onverlegenhaat gänn!«
Sie waren alle guter Dinge, lachten und schwatzten. Die Feindinnen sprachen wieder miteinander; mit Geschäker machte man sich selbander auf, aus dem Wald das abgeschlagne Dürrholz zu holen.
Bäbbi war allein zurückgeblieben. Ihr Murmeln hallte wider im einsamen Raum; sie hatte nicht beten können zwischen den andren, jetzt betete sie. Sie wußte selbst nicht, was sie sprach; Worte waren es kaum, nur ein Gestammel, ein schmerzvolles Lallen.
Flehend richtete sie den trüben Blick auf das Marienbild; das lächelte.
Sie nickte traurig -- ja, die war rein und heilig, darum lächelte sie auch so stumm; die verstand so viel Sündhaftigkeit nicht!
»Erbarm dech!«
Mit einem Stöhnen schlug Bäbbi die Stirn auf den kalten Stein. Sie hatte die Hand erhoben gegen die, die den Lorenz geboren hatte, sie hatte seine Mutter geschlagen! Was würde der Lorenz sagen?!
Wenn sie das Schreckliche, das ihr Gewissen bedrückte, doch nur einem Menschenohr anvertrauen könnte! Wenn ein reinerer Mund für sie bei der da oben den Fürsprecher machte, dann würde auch der Lorenz ihr verzeihn!
Eine furchtbare Angst erfaßte sie. Wenn er sich von ihr wendete, wenn er nicht wiederkehrte!
Halb irr vor Furcht, wand und krümmte sie sich und rang die Hände.
»Maria, Moddergotts, verzeih mer! Lorenz, komm widder! Lorenz! Ech will dein Modder uf Händen dragen, se soll mech schlaon, half dud schlaon, ech mucksen net! Komm widder, komm widder!«
Es raschelte in den Papierrosen um's Marienbild, ein Zugwind hatte sie gestreift; oben am Orgelchor klappte ein Fenster -- die Sakristeithür hatte sich geöffnet.
Bäbbi hörte nicht, inbrünstig flehte sie.
Der geistliche Herr war eingetreten, sein gutes bäuerliches Gesicht glänzte rot und zufrieden. In der Sakristei hatte es nicht eingeregnet, im Pfarrgarten war auch nicht eine von den kostbaren Speckbirnen abgeschlagen! Gelobt sei der heilige Servatius, der Schutzpatron von Eifelschmitt!
»Ei, Lenzen Bäbb,« sagte er freundlich und tupfte die Zusammengekauerte auf die Schulter. »Was machst du hier?«
Sie hob den Kopf und sah ihn verstört an. »Hähr Pastor -- Hähr!« Sie stotterte, verlangend glitt ihr Blick hinüber zum Beichtstuhl an der jenseitigen Wand, in dem das grüne, verschleiernde Gardinchen so hoffnungsvoll schimmerte. »O Hähr Pastor« -- sie stieß es heraus mit einer Art Gier -- »wann ech eweil zor Beicht giehn dörft!« Ihre Hände haschten nach dem Zipfel seines speckig glänzenden, langen Rockes; sie drückte die Lippen darauf. »Hähr Pastor, zor Beicht!«
»Jetzt nicht, meine Tochter,« sagte er etwas verwundert, »nächsten Freitag! Du weißt doch, nach der Messe morgens, und nachmittags von fünf bis sieben. Heut ist Montag. Warst du denn gestern nicht im Hochamt? Es ist doch abgekündigt worden. Nächsten Freitag« -- er betonte nachdrücklich jedes Wort -- »von fünf bis sieben ist Beichte. Behalte, nächsten Freitag!«
»Oh,« wimmerte sie, »Hähr Pastor!«
»Also am Freitag, meine Tochter!« Er hob mit einer segnenden Bewegung die Hand zum Abschiedsgruß.
Sie sah ihn an, wie ein verhungerndes Tier.
Lächelnd fuhr er in die abgegriffene Tasche der Soutane und brachte ein Bildchen heraus, ein weißes Cartonkärtchen mit Spitzenpapierrand; ein rotes, flammendes Herz war darauf gemalt, von einem Pfeil durchbohrt -- 'das süße Herz Jesu'.
»Hier, meine Tochter!« Er machte das Zeichen des Kreuzes über sie.
Sie küßte das Bildchen, sie küßte seine Hand; und dann war sie wieder allein. Der Herr Pastor ging, um sein Brevier zu beten; das that er, wie täglich, auf seinem Spaziergang gen Himmerod zu, da führte der Weg lieblich im Bergschatten und wanderte sich sacht und eben.
Lange noch lag Bäbbi vor dem Altar; süßlächelnd blickte das Marienbild nieder, kein Zug in dem Wachsgesicht veränderte sich. Ein grenzenloses Gefühl der Verlassenheit überkam die Einsame; da war niemand, der ihr helfen konnte! Zerschlagen an allen Gliedern schlich sie sich endlich fort.
Als sie bald darauf, die Hotte auf dem Rücken, den andren Weibern nach, zum Kunowald hinaufwanderte, schloß sich ihr Peter Miffert an. Er wollte der Zeih entgegengehen. Seinen zerlumpten Werktagsanzug hatte er mit dem Sonntagsstaat vertauscht; viel war an dem auch nicht dran, aber die Hosen, die ihm sonst schlotterten, hatte er stramm heraufgezogen, die Mütze mit dem blanken Wachstuchschild saß ihm verwegen auf den dunklen Ringelhaaren.
Er pfiff und sang, aber sein Singen war mißtönend wie das Gekrächz des Hähers, der, aufgeschreckt, in den Baumwipfeln flatterte und argwöhnisch von dort niederäugte. Die Zeih mochte sich heut schön 'veramesiert' haben! Pittchen hatte sich eine Haselgerte abgeschnitten, mit der hieb er rechts und links, daß die Blätter der Büsche flogen.
»Duht dat net!« Bäbbi sah ihn aus ihren traurigen Augen beweglich an. »De arm Dinger! Am Busch sein se e su lostig grün, Ihr haut se ahf, duh liejen se kapot uf der Straß on gänn zertret!«
»Waorom net gaor,« sagte er leichthin; aber er hieb doch nicht mehr.
Schweigend gingen sie beide weiter, jeder in seine Gedanken versunken. Plötzlich schluchzte Bäbbi auf, schwer ließ sie sich auf einen Stein am Weg fallen. »Glauwt Ihr, dat dän Lorenz widder kömmt?« stieß sie hervor; ihr Blick bohrte sich mit angstvoller Frage in Pittchens Gesicht.
Er fühlte ihre Angst heraus und lachte gutmütig: »No, waorom dann net?! Waor soll hän dann annerschter giehn?!«
»Maant Ihr? Maant Ihr werklich?« Sie preßte seine Hand. O wie gut that ihr seine Zuversicht! Schluchzend hielt sie ihn am Ärmel fest und lehnte die Stirn gegen seinen Rock.
»Äwer, Bäbb, seid doch net gäckig!« Ob schön oder häßlich, er konnte kein Frauenzimmer weinen sehen; er war ganz gerührt von ihren Thränen, er quetschte sich neben sie auf den Stein und streichelte ihre Hand. »Bäbb, Bäbbchen, kreisch doch net e su!«
»Wann hän mech net mieh liew haot, duhn ech mer en Leid an,« murmelte sie mit finsterer Entschlossenheit.
Das traf Pittchen wie ein Schlag. Wenn ihn die Zeih nicht mehr lieb hätte, was würde er dann thun -- -- --?!
Er sprang so hastig auf, daß Bäbbi ihn erschrocken ansah.
»Eweil giehn ech. Adjes!«
Das war nicht sein gewöhnlicher fauler Schlendergang, bei dem er die Füße kaum hob und nur langsam weiter schlorrte; er rannte.
Tannen rechts, Tannen links. Schwarze Riesenwände, die einen schmalen Streifen Himmel einrahmen. Keine Hütte, kein Stückchen bebautes Land mehr. Kein Mensch; keine grasende Kuh, keine meckernde Ziege, auch kein Wild, kein Vogel.
Ohne eine Nadel zu regen, in majestätischer Größe stehen die Tannen, wie aus der Urwelt stammend, mit ihren Riesenbärten von abgestorbenem, grauem Moos, ihren überhandlangen, braunen, schuppigen Zapfen, ihrem dunkelflüssigen Harz, das in zähem Rinnsal aus der zerklüfteten Borke sickert.
Tiefstes Schweigen. Ein Schweigen, in dem auch der leichtherzige Wanderer stumm wird; eine gebieterische Hand streckt sich aus dem Dunkel der Äste und legt sich auf seinen Mund: »Still!«
Hinter den finstren Stämmen tauchen Gedanken auf, dämmernde, ahnungsbange Gedanken; tückisch brechen sie hervor, wie Räuber aus dem Hinterhalt, und überfallen den Harmlosen. Man erschrickt vor dem eignen Fußtritt, man hält den Atem an und steht und lauscht; und dann packt einen die Angst im Genick, wie ein schwarzes Tuch fällt es einem über den Kopf -- weg ist der Frohsinn. Ein grüblerischer Ernst hält den Menschen umklammert und läßt ihn nicht los in dieser Einsamkeit.
Weltabgeschieden ist der gewaltige Wald. Wer hier um Hilfe schreit, wird nicht gehört; was man hier treibt, wird nicht gesehen; wer etwas verbergen will vor andrer Augen, kann's hier dreist, ein Schutzdach wölbt sich über ihn und um ihn.
Pittchen pfiff und sang nicht, er rannte auch nicht mehr; argwöhnisch bohrte sich sein Blick rechts und links in die Tannen. -- Ob die Zeih allein daher kam? Wenn sie nun hier ginge, begleitet von einem andren -- -- --?!
Der verfluchte Wald! Hätte der Weg über freies Feld geführt, würde er sich gar keine Gedanken machen, aber so -- -- --!
Grüblerisch hing er den Kopf auf die Brust. -- -- Da ging die Zeih von Manderscheid fort, auf der Chaussee begegnete ihr einer, es schlich ihr wohl gar einer nach von Manderscheid -- hätte er's denn nicht selber so gemacht? -- Nun kam der große Wald, nun gingen die zwei mit einander hinein, immer tiefer in's heimliche Versteck. Kein Mensch sah sie, nicht einmal die Sonne lugte verstohlen; es dämmerte bereits, Abendwolken verschleierten das Himmelsauge. Dem Mann wurde warm an der Seite der schönen Zeih, er redete verliebtes Zeug, und sie lachte dazu. -- Peter hörte ihr halblautes Gekicher, so kicherte sie auch, wenn er zärtlich wurde -- sie wiegte sich in den Hüften, der Dreiste faßte sie um die Taille, sie wehrte sich nicht, sie lachte nur -- -- -- -- --
»Kotzdonner noch ehs!« Peter fluchte ingrimmig in sich hinein -- jetzt fuhr er zusammen; deutlich erklang das Lachen, das verfluchte Lachen! Er stand, wie der Teckel vor'm Fuchsbau, zitternd, lauernd, aufgeregt.
Im dürren Gezweig knackte es -- Rehe waren das nicht! Wieder das Lachen -- und jetzt --
»Haalt,« schrie es hell.
Ein Rudel junger Weiber setzte aus dem Dickicht und verstellte den Weg.
Peter sah verblüfft drein.
»Helao,« lachte die wilde Tina, »hei gitt et Wegzoll bezaohlt, eweil sein mir de Sperrbarriär!«
Sie faßten sich an den Händen und bildeten eine feste Kette; die Tina, die Leis, die Vrun, das Kättchen, das Nettchen, die Billa und noch ein paar Halbwüchsige, in Röckchen, die grade bis unter's Knie langten.
Mit ihren bloßen Füßen, die gebräunt von der Luft, beschmutzt vom nassen Moos, zerkratzt vom Reisig waren, trippelten sie ungeduldig. Sie schrieen alle:
»Sperrbarriär! Pittchen, helao, Pittchen, wat zaohlste?!«
Er suchte, sich geschwind an der Seite vorbeizustehlen.
»Hei gitt et net strawätzt[28]!« Tina hielt ihn fest.
Sie ließen ihn nicht durch; drohend ragten die Hotten mit den quergelegten Reisigbündeln über ihren Köpfen.
»Laoßt mech dorch, ihr Mädercher!«
Ein vielstimmiges. »Nä!«
»Wat wollt ihr dann?«
»Wegzoll! Dau moßt zaohlen, zaohlen!« Sie lachten und drängten sich um ihn her und hopsten und reckten sich an ihm in die Höhe.
Kein Durchkommen. Was sollte er machen, er konnte sich doch nicht mit Gewalt befreien?
»Wegzoll,« lachte Tina, »dau kömmst net ehnder dorch!«
»Net ehnder, nä, nä,« schrie der Chor.
Scherzend riß Miffert Tina an sich.
»E Küßche,« raunte sie ihm zu.