Das Weiberdorf

Part 3

Chapter 33,870 wordsPublic domain

»Dommhaaten!« Mit verzognem Mund versuchte er zu lachen. »Haal dech gesond, on schreiw bal, hörste?! Adjes, Bäbb!« Er setzte sich den Hut auf und griff nach seinem Bündel, mit dem freien Arm zog er sie an sich. »Jesses, Bäbbchen, kreisch net e su! Bäbbchen, biste gäckig?! Bäbbche, mei liew Bäbbche!«

Wütende Küsse brannten auf seinem Mund, glühende Thränen flossen auf seine Wange, zitternde Arme hielten ihn umklammert. Mit Gewalt machte er sich endlich los.

Ganz benommen taumelte er zur Thür -- noch ein Blick zurück, noch ein Kopfnicken -- nun stolperte er über die Schwelle. Nun war er fort.

Sich aufbäumend stand das junge Weib in der Kammer -- da, horch! -- noch einmal seine Stimme! Er nahm Abschied von Vater und Mutter. Jetzt eilende Tritte -- jetzt nichts mehr!

Mit furchtbarem Schreien warf sie sich vor der Bettstatt auf die Kniee und verbarg das Gesicht in dem noch warmen Kissen. --

Am Wirtshaus trafen sie sich alle; Lorenz war der letzte. Sie foppten ihn, daß er sich nicht hatte trennen können. Auch viele Frauen und Mädchen waren hier, die den Männern das Geleit geben wollten; mit verstörten Gesichtern und fröstelnd standen sie umher.

Oben, längs der Chaussee, auf der Höhe von Schwarzenborn, stand ein Busch, wie ein Haarschopf auf kahlem Scheitel; das war die Grenze, soweit gingen sie immer mit. Da war schon manche Thräne auf den nackten Felsgrund gefallen, und der einsame Busch hatte wie eine dornige Wand letzte Umarmungen versteckt.

Niklas Densborn kommandierte zum Abmarsch, es war hohe Zeit. Noch ein Schluck aus der Branntweinbuttel, die der Krumscheid in die Runde reichte, und dann: -- »Voran gemaach!«

Seine Frau am Arm ging der Densborn voran. Die Kathrine hatte schon manches Mal Abschied genommen, die verzog keine Miene. Bald war ihr ältester Sohn fünfzehn, dann wanderte der auch mit; 's war Zeit, daß der fortkam.

Trapp -- trapp -- -- --. Hart tönen die Schritte auf dem holprigen Dorfpflaster. Trapp -- trapp -- das klingt wie Hammerschläge auf einen Sargdeckel.

Haus nach Haus vorüber; verödet bleiben sie alle zurück. Leer sind die Gärtchen, thränenschwer nicken die Blumen am Zaun. --

Stumm schreiten sie die Straße gen Schwarzenborn hinan. Alle Gesichter sind grau, alle Blicke trüb, traurig suchen sie den Himmel -- oben auf dem Scheitel des Berges ragt der einsame Busch. Eine gelbliche Helle ist um ihn, die ihn dunkler erscheinen läßt, fast schwarz; scharf hebt er sich ab vom weiten Hintergrund des Himmels.

Und dieser Hintergrund färbt sich röter und röter; die wie träumend hingelagerte Wolkenschicht belebt sich, bewegt sich, wird durchschossen von rosenfarbnen Bändern, von goldnen Linien, von feurigen Blitzen. Alles Grau der Wolken ist schon verdrängt. Eine Flamme loht auf, voll, stark, groß -- riesengroß -- sie leckt himmelan mit gierigen Zungen, mit Windesschnelle greift sie um sich; auf dem Gipfel des Berges entfacht, schlägt ihre lodernde Glut höher und höher, breitet sich weiter und weiter.

Der Busch ist eine Fackel; jeder Zweig ist feurig durchglüht, jeder Dorn, jedes Blatt.

Er brennt, er brennt! Der ganze Berggipfel brennt! Der Himmel brennt!

Ein Riesenbrand ist entglommen, staunend schauert die Erde; ein Feuervorhang verhüllt den Himmel -- da -- jetzt -- jetzt hebt er sich, er zerteilt sich! Ruhig, in majestätischer Größe schwebt ein Ball empor hinter'm Felsgrat, eine goldne Scheibe, eine Welt voll Glanz -- die Sonne!

Über Schwarzenborn stand die Sonne; und sie wanderten mitten hinein in die Flut von Licht. Der Goldglanz fiel auch auf die grauen Gesichter; die der Männer erhellten sich, die Frauen bedeckten die Augen mit der Hand.

»Voran gemaach,« rief der Densborn und hob mahnend die Hand. »De Sonn'!«

Und Lorenz stimmte den 'Abschied' an; er mußte singen, da saß was auf der Brust und in der Kehle, das mußte weg.

Er schmetterte der Sonne entgegen:

»Der, der, der, on der Abschied fällt mir schwer! On die, die, die, on die Abreis' noch viel mehr! Also fällt mir dieser Trost noch ein, Ech kann net immer an einem Ort sein, Mein Glück muß ech probieren, Marschieren!«

Sie sangen alle mit:

»Hinaus, hinaus, zum engen Thal hinaus! Wir haben hier gehauset im besten Saus und Braus; Wir wünschen euch zu guterletzt Ein andern, der die Stell ersetzt, Damit sei'n alle Wunden Verbunden!«

Gegen den Schluß fiel der Gesang schon etwas auseinander; die Weiber schluchzten, der einsame Busch war nah. Da war manch einer, der ein wenig zurückblieb und die Seine auf offener Straße umfing.

Die junge Tina hing Thomas Laufeld am Hals; er hatte sie in den Chausseegraben, hinter ein vorspringendes Stück Fels gezogen, da küßte er sie noch ordentlich ab. Die Augen funkelten ihr im Kopf, bei ihren Küssen biß sie, bei ihren Umarmungen kniff sie; immer, wenn sie ihn schon losgelassen hatte, stürzte sie sich noch einmal auf ihn.

Ihre kleine Schwester, die mitgelaufen war, zog sie am Rock: »Komm ehs, Tina!«

»Frech Dingen!« Ein Schlag brannte auf der Wange der Kleinen, aber diese ließ nicht nach, sie zerrte die andre am Rock, dabei spitzte sie den Mund und lächelte den Burschen an: »Adjes, Thomas!« Der küßte zuletzt das hübsche Kind auch noch.

Die Kathrine Densborn reichte ihrem Mann nur die Hand, dann machte sie das Zeichen des Kreuzes.

»Jesus! Maria! Josef! Datste gesond widder kömmst! Zu Weihnacht -- vergeß net! -- für ons Trautche en Kleid von Kottong,[20] sechs Ehlen -- äwer, dat de Farf net schanschört![21] On für mech en Gedrucks, elf Ehlen, et es nor fünnef Viertel breit. Adjes, Nikla!«

»Adjes, Kättche! -- Hä, allons,« schrie der Densborn.

Lorenz wandte sich noch einmal zurück und schaute in's Thal hinunter; er schwenkte seinen Hut, eigentlich war ihm nun schon ganz leicht um's Herz. »Adjes, Bäbb,« murmelte er, und dann pfiff er hell. Da lag die Welt, sonnbeschienen, vor der Arbeit scheute er sich nicht, Pläsier gab's auch, zu Weihnachten kam man schon wieder nach Hause -- warum denn grämen?!

Küsse, Umarmungen, Abschiedsblicke, Abschiedsworte. »Adjes, bring mer ebbes Schienes met!« -- »Schreiw als bal!« -- »On dau aach!« -- »Bleiw gesond!« -- »Grüß ons Könner!« --

Händeschütteln, Nicken, Winken. Trapp, trapp, fort geht's! Trapp, trapp! Hohl verklingen die Schritte, hinter der nächsten Erdwelle sind die Männer verschwunden.

Allein. -- Da standen sie nun um den einsamen Busch, eine verlassene Herde. Der herbe Morgenwind wehte scharf über's kahle Plateau; er blähte die Röcke der Frauen, daß sie flatterten wie Flaggen, in der Not gehißt.

»Eweil sein se weg,« sagte eine und starrte trübselig hinter den Entschwundenen drein.

IV.

Peter Miffert saß vor seiner Thür auf dem Bänkchen. Die Beine hatte er weit von sich gestreckt, die Hände hielt er in den Hosentaschen; behaglich schabte er den Rücken an der sonndurchwärmten Hauswand.

Still war die Luft, sehr heiß; zwischen den Bergwänden hatte sie sich gefangen und kochte und brütete da, wie in einem Kessel. Kein Windchen rührte sich, die Bäume regten kein Laub, lautlos schlängelte die Salm ihr sehr schmal gewordenes Silberband gen Himmerod hin.

Hier herauf zur letzten Hütte, abseits von allen übrigen, drang kein Ruf, kein einziger Hall. Im Sonnenbrand lag weiter unten das Dorf, ohne Leben, wie versunken in einen Märchenschlaf; seine kleinen, weißen Häuser, blendend im flimmrigen Licht, duckten sich scheu im engen Thälchen.

Peter dehnte und rekelte sich; dann saß er ganz still, die schweren Lider fielen ihm noch tiefer über die Augen, die Mütze rutschte ihm bis auf die Brauen, er gähnte, daß man seinen allerhintersten Zahn sah. Willenlos wackelte sein Kopf nach der linken, nach der rechten Schulter, dann sank er ihm auf die Brust. Pittchen schlief. -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Frau Zeih war heut nicht zu Hause; ein Reisender in Knöpfen, Litzen und Kleiderstoffen hatte das Dorf passiert, auf dessen Wagen war sie in aller Frühe mit dem Kind zu ihren Verwandten nach Manderscheid gefahren. Sie hatte die Gelegenheit benutzt.

Peter hatte sie vor's Wirtshaus gebracht und abfahren sehen, hatte dann beim alten Krumscheid einen gekippt und war dann langsam nach Hause geschlendert, um die Ziege und die Hühner zu füttern. Eben wollte er sich von dieser Anstrengung erholen, da kam der Hubert, der Enkel vom alten Steffes, gerannt; der Pflug war nicht in Ordnung, die Stoppel sollte gepflügt werden, es pressierte!

»Gieh nor als voran, ech kommen e su bal als ech kann,« sagte Pittchen wichtig und schob den kleinen Boten zur Thür hinaus. Dann lachte er in sich hinein -- das sollte ihm fehlen, bei der Hitz sich auch noch mit Arbeit echauffieren! Morgen war auch noch ein Tag, vielleicht war's da kühl genug.

»Uf, dat es en Strawatz!« Er riß das Hemd auf der Brust von einander und warf sich querüber, mit den Stiefeln, auf das noch ungemachte Bett. Mit schläfrigen Augen starrte er zur niedrigen Decke auf, die der Rauch schwarz gebeizt hatte, an der die Spinnweben in langen Festons hingen, und dachte an seine Frau. Donnerwetter, sah die staats aus, als sie bei dem Reisenden auf dem Wagen saß. Wie 'ne Dam'! Ihr bestes Kleid hatte sie an, auf Kleider hielt sie was; wie lange lag sie ihm schon in den Ohren, um ein neues! Und einen Hut hatte sie auf, den hatte sie sich zurecht gestutzt mit allen möglichen Bandschnippelchen; halbe Tage konnte sie sitzen und an so was herumputzen. Aber wie stand ihr der auch! Unter dem Strohrand mit den blauen und roten Schlupfen lag das dichte Haar schön wellig an den Schläfen; bis auf die Augenbrauen, die wie ein dunkler Strich über die lustigen, hellen Augen zogen, hing es in glänzenden Kräuseln. Dem Reisenden war auch das Wasser im Mund zusammengelaufen, das hatte der Peter wohl bemerkt.

Kotzdonner, war er nicht ein großer Esel, daß er die Zeih mit dem fremden Mannskerl allein fahren ließ?!

Er zog die Stirn kraus; in einer ärgerlichen Unruhe sprang er auf -- da -- es klopfte schon wieder!

Die Thür ging auf; ohne ein 'Herein' abzuwarten, steckte Tina Pötsch den Kopf in die Stube. Schlau lächelnd sah sie sich um.

»Es dat Zeih net derhäm?«

»Nä!« Er sagte es ziemlich grob; sie kam ihm ungelegen, er hatte so viel nachzudenken.

Wie ein Kätzchen schlich sie sich näher, ihre Augen funkelten. »Es dat Zeih metgemaach bis nao Manderscheid?«

Woher wußte sie das? Er sah sie verwundert an.

Sie sagte nichts, aber ihr Lächeln verriet sie. Aha, die hatte aufgepaßt!

Sie stand vor ihm, den Kopf zur Seite geneigt, und blinzelte ihn an. Er konnte nicht umhin, sie hübsch zu finden; das helle Kopftuch stand ihr gut zu dem bräunlichen Gesicht, einen Mund hatte sie, so rot wie eine Kirsche.

»Wolltste ebbes vom Zeih?« fragte er viel freundlicher.

»Nä, von Eich,« sagte sie keck, hob ihren Rock auf und krabbelte lange in der Tasche ihres Unterrocks. Dabei wandte sie keinen Blick von ihm und lächelte ihn an mit ihrem Kirschenmund.

Endlich brachte sie ein kleines Packetchen zum Vorschein, mit spitzen Fingern wickelte sie die Zeitungspapierfetzchen auseinander. Ein Schmuckstück war darin, ein vergoldetes Kreuzchen, die Gestalt Christi als winziges Püppchen hing daran.

»Kuckt!« Sie legte es vor ihn hin und beugte sich zugleich über seine Schulter.

Er nahm es prüfend in die Hand; das Kreuzchen war verbogen, unten ein Stück abgebrochen. »Wat sollen ech dermit?«

»Heil maachen!«

»Dat kann ech net.«

»Ojeh« -- sie lehnte sich von hinten her fest an ihn -- »wän dat zweifelt! Se saon, Ihr seid e su gescheidt, Ihr haot dat Tolent, Ihr könnt ales maachen!«

»Laoß mech gewärden[22],« brummte er.

»Dat Pittche haot heit kei gud Schur[23],« lachte sie. »Schnauzt mech doch net e su ahf!« Sie griff über seine Schulter nach dem Kreuzchen und streifte dabei zart seine Wange. »Kuckt, lao maacht Ihr ebbes Neies dran -- wupptich, su schnell wie gespauzt[24] -- ons Hährgöttche es färdig!«

»Dau Fladdiererin,« schmunzelte er und strich ihr die Wange. »Saog ehs, Mädche, von wem haste dat Hährgöttche? Von deim Schatz?«

»Nä, nä.« Sie that sehr verschämt. »Ech haon ken Schatz. Ech sein eweil noch vill zo jong!«

»Hm, hm.« Er betrachtete sie interessiert. »On dän Thomas Laufeld -- no?!« Er kniff sie augenzwinkernd in den Arm.

Sie schlug ihn auf die Finger. »Autsch! Bah, dän domme Jong.« Sie warf die Lippen auf. »Eweil es dän weit weg, waaß Gott, wat dän micht! Et gitt'r aach noch annere -- haha!« Sie lachte hell und neigte sich ganz zu ihm hinüber.

»Dao haste rächt in,« stimmte er zu.

Sie gefiel ihm immer besser, er begriff nicht, daß er nicht längst mit der Tina angebändelt hatte; so jung wie die, war keine von den andren -- und Augen hatte sie! Da kam selbst die Zeih nicht gegen an. Die hier hatte brennende Zündhölzchen im Kopf, mit denen flackerte sie ihm in's Gesicht, als wollte sie sagen: 'Brenn dich an; ich brenn' schon lichterloh!'

»Dau Racker,« sagte er, zog sie an sich und küßte sie mitten auf den Mund.

Sie erwiderte seinen Kuß, und dann kicherte sie: »De Katz es net zo Haus, eweil haon de Mäus frei danzen! Dat Zeih --«

»Dat Zeih,« unterbrach er sie rauh; es schien, als wolle er das Mädchen von sich drängen.

»Ojeh,« kicherte sie, »dat Zeih werd sech aach schuns amesieren, dän Hähr waor e su onöwel net!« Sie sah ihn von der Seite an. »Puh, maacht ken e su garschtig Visasch -- köß mech, sons kössen ech dech!«

Sie warf sich ihm so stürmisch an den Hals, daß er hintenüber auf einen Schemel fiel. Ihre brennenden Augen sahen ihm gierig in's Gesicht, ihre Lippen schimmerten blutrot über den spitzigen Zähnchen -- das war die junge Katze, die erst kürzlich das Rauben gelernt, auf deren Zungenspitze noch der Blutgeschmack des ersten Fraßes schwebt und sie lüstern auf neuen macht.

Sie saß auf seinem Schoß, ihre Arme umstrickten ihn fester, fester. Er dachte nicht daran, sich zu wehren. Junger Most berauscht am meisten; und dazu kam die geschmeichelte Eitelkeit.

Es war ein heißes Schäferstündchen in der schmutzigen Stube unter der rauchgeschwärzten Decke. Das Herrgöttchen lag am Boden, achtlos trat Tinas Fuß darauf; der goldne Zierrat knirschte unter dem nägelbeschlagenen Schuh. Sie achtete es nicht, sie hörte auch nicht das Huschen unter'm Fenster und das Kraspeln auf der Schwelle.

Jetzt öffnete sich die Thür spaltbreit, grade weit genug, daß Tinas Ebenbild, Schwester Billa, den Kopf hereinstecken konnte. Ihre altklugen Kinderaugen sahen alles. Mit einem Wutschrei fuhr Tina auf, Peter stand sehr betroffen.

»Dau sollst erunner kommen.« Billa riß die Thür sperrangelbreit auf. »Äwer tutswit[25]!«

»Maach, datste weg kömmst,« schrie die andre und ballte die Faust.

»Bäh.« Billa streckte ihr die Zunge heraus und rannte dann fort mit Geschrei, den Weg zum Dorf hinunter. »Ech waaß ebbes! Helao, ech saon et, ech saon et!«

Tina wie eine Furie hinterdrein.

»Kreizgewieder!« Pittchen sah ihr verdutzt nach; Hören und Sehen war ihm vergangen.

»En hongrig Laus beißt am stärksten,« brummte er, und dann schloß er seine Thür. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, es war ihm sehr warm geworden.

Er hockte sich auf den Schemel und stützte den Kopf in die Hand. -- 'Dat Zeih werd sech aach schuns amesieren!' Jetzt, wo er wieder zur Besinnung gekommen, peinigte ihn der Gedanke: 'Wo war die Zeih jetzt? Was trieb sie?'

-- -- -- -- -- -- -- -- --

Da -- »Kreizdunner,« fluchte er -- schon wieder Klopfen!

Ei, da kam die Mutter vom Hubertche selber, die junge Frau Steffes, die allein mit dem alten Großvater hauste; der Mann war unten in der Fabrik.

»Ech haon als ons Hubertche geschickt,« stammelte sie atemlos und setzte sich auf einen Schemel, »wollt Ihr net kommen?«

»Gewiß, gewiß,« versicherte er. Die Annemarie Steffes war eine hübsche Frau, keine von den großen, aber munter und wohlgeformt wie eine Wachtel.

»Et es pressant,« sagte sie und legte die Hand auf die heftig wogende Brust; gelaufen mußte sie sein wie der Wind, sie war hochrot und keuchte.

Und doch schien es ihr jetzt nicht zu eilen; behaglich sah sie sich um und musterte die armselige Stube.

»Dat Zeih es net zo Haus?« sagte sie dann.

»Nä.«

»Et es nao Manderscheid?«

»Jao.«

»Duh kömmt et wohl erscht diesen Awend widder?«

»Jao.«

»Jesses, on dir haot niemand, dän Eich ebbes for zo äßen kocht! Nä, su en Fra, läßt dän armen Mahn ganz allein!« Sie schlug die Hände zusammen. »Es et menschenmiëlich?!«

Er nickte, es that ihm wohl, bemitleidet zu werden, während seine Frau mit dem Reisenden durch den einsamen Wald fuhr. Ja, die Zeih, die ließ ihn schön im Stich! Aber wart, das wollte er der eintränken!

»Su en armen Mahn,« rief die Steffes wieder, sie konnte sich gar nicht beruhigen. »Äwer waart, ech duhn Eich ebbes schicken; oder -- Pittchen, wißt Ihr wat? Kommt bei ons, mir haon heit ebbes extra Feines: Grombieren met Griewen on Kaabes! On en Flasch Bitburger spendieren ech aach derzu!«

Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, so gut hatte er lange nicht gegessen.

»Kommt nor,« sagte sie dringend und kam auf ihn zu.

Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, und dann legte er den Arm um ihre Taille und zog ihre Gestalt an sich. »Dat es net zo veraachten,« seufzte er.

Sie spitzte den Mund und lehnte sich an ihn. »On des Dauner Käs haon ech aach noch derhäm!«

Donnerwetter, Dauner Käs! Den aß Pittchen für sein Leben gern. Dauner Käs! Er drückte ihr einen Kuß auf den Mund, daß es schallte. Sie küßte wieder. Kuß auf Kuß. Sie packte ihn beim Kopf, sie war heiß und rot, ihre Hitze steckte ihn an -- da -- sie schreckten auseinander.

Von der Thür her sagte jemand: »Met Verlöw,« und die Kathrine Densborn stand mit spöttisch verzognem Mund in der Stube.

»Exkusört! Ech kommen wohl onpaß bei der schienen Onnerhaalung? Ech haon gekloppt on gekloppt!«

Sie warf einen verächtlichen Blick auf die kleine Steffes.

»Dau has wohl kein Ohren mieh?! Dein Könner kreischen, dat mer se hunnert Schritt weit hört. Dat Sußche es de Trepp erunner gefaal, dän Jakob on dän Jobann haun sech. Dat Hubertche haot met Steiner naoch ons Äppeln geschmiß, duh haot em ons Hannickel ordentlich de Bux verwixst; eweil haste ebbes zo flicken!«

»Jesses Maria!« Die Steffes rannte zur Thür, auf der Schwelle drehte sie sich noch einmal um: »Komm dau mer ehs, dau ale Schatehk!«

Die Densborn lachte grimmig. »Dau denkst: 'Besser half geleiert, als ganz gefeiert' -- dech kennen ech nau, dau mannsdoll Mensch! Waart, ech schreiwen deim Mahn e Briefche, dat hän sech net hinner dän Spiegel sticht!«

»O dau -- dau --« Die Steffes wollte noch etwas sagen, aber die Densborn schob sie über die Schwelle und krachte die Thüre zu.

»Gemaach, gemaach,« sagte Peter; er war ärgerlich, die junge, saubere Frau war ihm bei weitem lieber, als die starkknochige ältliche.

Entrüstet wandte sich die Kathrin gegen ihn.

»Ech moß mech siehr wonnern, dat Ihr Eich met su aner inlaoßt! Duh es dat Zeih doch en anner Persohn, su alert on freindlich on artlich im Omgang, on de Schienste weid on breid!«

Sie lobte die Zeih über alle Maßen. Peter war ganz verdutzt, er hatte nie geahnt, daß die da was von der Zeih hielt -- im Gegenteil. Aber es schmeichelte ihm gewaltig, daß die angesehene Densbornin seine Frau lobte.

Er lächelte und strich sich den Schnurrbart. »Womit kann ech ufwaarten, Fra Densborn?«

Ihr Gesicht mit den breiten Backenknochen und der zu Leder verbrannten Haut schmunzelte. »Ech wollten Eich nor fraogen, ob Ihr net e su gud sein wollt, on mer de Adreß an dän Densborn schreiwen, ech haon net e su en schien Handschriwt. On de annren hei sein e su ongebildt, se können net emaol ihren eignen Naomen schreiwen, dat mer hän läse kann. Hei!« Sie zog ein Briefcouvert aus der Tasche, hinten sorgfältig mit Siegellack verklebt; der Fingerhut hatte als Petschaft gedient.

»Nä, wat Ihr geliehrt seid,« sagte sie bewundernd, als er die Adresse schrieb und noch einen kecken Schnörkel unter das 'Densborn' zog. »Ihr könnt besser, wie dän Hähr Lährer zo Oberkail; äwer dat es aach schuns e su en Alden, de Alden sein for neist mieh notz. Wat bin ech Eich schullig, Pittchen?«

»Neist, neist,« beeilte er sich zu versichern; er war immer galant, wenn er sich dabei nicht allzusehr anzustrengen brauchte.

»Merci, merci! Kommt doch ahf on an, on drinkt e Dröppche; von meim Bruder onnen an der Musel hammer noch e Fäßche im Keller.« Sie drückte ihm die Hand und sah ihn dabei an mit breitgezognem Mund und sanften Blicken der sonst so strengen Augen, daß ihm ganz bänglich wurde. Er war erleichtert, als sie ging.

Aber noch hatte er keine Ruh, das Gelauf nahm kein Ende.

Da waren noch mehrere gekommen, die schwarze Vrun, die blonde Leis, und zuletzt des Mathesen Martin Frau, die Traut; die hatte über ihren Mann geklagt, daß sie der schimpfe und mit Eifersucht quäle, sie hatte geweint und geschluchzt und Pittchen an 'früher' erinnert.

Mit der einen lachen, die andere trösten und -- alle karessieren, das war ein bißchen viel verlangt! Pittchen schwirbelte der Kopf, er war ganz abgemattet; kein Wunder, daß er nun vor seiner Hüttenthür saß und schlief. --

In der heißen Mittagsluft summten honigbeladene Bienen, ein starker, fast strenger Geruch stieg von den Wiesen um die Salm auf; sie standen hoch im Gras, längst that ihnen das Mähen not.

Auf den Äckerchen an den Hängen schimmerten weiße Kopftücher, wie hellere Flecken auf blaßgelblichem Grund -- da schafften jetzt die Weiber.

Aber keine Sense blitzte und legte in langen Schwaden das Korn nieder; die Weiber rutschten auf den Knieen und schnitten den Roggen mit der Sichel, wie man Gras schneidet. Sie arbeiteten hart, der Schweiß rann in Strömen; das Hemd klebte, naß zum Auswinden, am Leib, die braunen Beine, von den Stoppeln zerkratzt und zerstochen, steckten nackt unter'm kurzen Rock.

Kein Mann zwischen den Arbeitenden; nur hier und da saß so ein Alter am Grasrain, als Aufseher, und stopfte sich die Pfeife, oder ein paar halbwüchsige Jungen hetzten mit 'Hot und Hahrüh' eine magere Kuh, die mühsam den Pflug durch die Stoppel schleifte.

Glühend heiß der Sonnenprall an die steilen Wände; mager, mager die Erdkrume, darunter harter Fels. Erbärmlich das Getreide; in winzigen Mandeln stand es da, dünn im Stroh, gering in der Ähre.

Auch Bäbbi war bei der Arbeit. »Jesses,« sagte sie und richtete sich, schwer atmend, aus ihrer gebückten Stellung auf.

Die alte Schneidersch, die hinter der Schwiegertochter das Korn raffte, keifte: »Voran gemaach! Sei net e su faul!«

»Ech kann net mieh!«

»Ech kann net mieh,« äffte die Alte nach. »Hammer dech dafor in de schiene Stuw einloschiert? Hei gieft net gefaullenzt! Mir haon ke Gäld, om onnötze Mäuler zo fudern!«

Bäbbi verbiß die Thränen; es wollte sich ihr wie ein Schrei aus der Kehle ringen: 'Wenn das der Lorenz wüßt'!'

Aber sie schwieg, mit der Schwiegermutter war nicht gut Kirschen essen. Neulich, als der Lorenz Geld geschickt, hatte die es wie selbstverständlich an sich genommen; der jungen Frau, die schüchtern ihr Teil verlangte, wurde grob über den Mund gefahren.

Lenzen Bäbb hatte keinen Anhang, ihre Eltern waren tot. Der alte schwachköpfige Lenzen-Ohm, bei dem sie halb als Tochter, halb als Magd gewohnt, hatte ihr das, was er ihr vermacht hätte, zur Hochzeit ausgezahlt; nun war das verjubiliert, kaum für die notwendigsten Anschaffungen war etwas geblieben.

'Wenn er doch hier wäre! Wenn er bald wiederkäm'!' Das war der Stoßseufzer, der sich stündlich von Bäbbis Lippen rang; mit einer verzehrenden, krankhaften Sehnsucht gedachte sie seiner, Tag und Nacht. Schwer wie die Bürde ihres Leibes, schleppte sie ihr Leben hin. 'Wär' er nur wieder da!'

In der Ecke ihrer Kammer machte sie mit Rötel jeden Abend einen Strich an die Wand -- wieder ein Tag vorüber! Noch hundertzwei Tage, dann kam er!

Die Sichel in der Hand, auf den Knieen liegend, starrte das junge Weib traumverloren in den blendenden Sonnenflimmer.