Part 10
Im Laufschritt, ausgelassen kreischend, mit fliegenden Haaren und flatternden Röcken, sich neckend und jagend, stoben sie hinter Bäbbi drein. --
Es war nicht das erste Mal, daß Peter betrunken nach Hause kam. Er machte sich ein Gewerbe daraus, von Dorf zu Dorf zu wandern und die Wirtshäuser abzusitzen.
Seit er 'geerbt', arbeitete er gar nichts mehr; nicht, daß er früher viel geschafft, aber er hatte doch wenigstens hie und da etwas gebastelt, und mit der Reparatur des Kirchenkronleuchters sogar ein Meisterstück geliefert. Der geistliche Herr hatte ihn auch öffentlich, von der Kanzel herunter, deswegen belobt.
»Eweil haot hän dat Arweiden net mieh nedig,« sagte die Zeih und sah wohlgefällig an ihrem schönen Kleid herunter. Bald nach dem Tanzvergnügen in Oberkail war der Stoff gekommen, und der Peter hatte dem Postboten stolz acht harte Thaler auf's Fensterbrett gezählt; es waren noch dieselben alten Thaler, die er vom Krumscheid geborgt, Thaler mit verschiedenen Randschriften, wie: 'Gott mit uns,' 'Gott segne Sachsen,' 'Gott -- Ehre -- Vaterland.' Auf den Stücken, die der Alte wieder erhalten, waren Kopf und Schrift weniger deutlich; sie waren wohl schon durch sehr viele Hände gegangen. Ordentlich fettig fühlten sie sich an, das Gekerbte an den Rändern war abgegriffen. Aber es waren vollgewichtige Thaler, und schmunzelnd verschloß der Alte sie in seinem Sparkasten, glücklich, so ohne weiteres Drängen zu seinem Gelde gekommen zu sein.
Eine seltsame Rastlosigkeit hatte sich Peters bemächtigt. Es gab Nächte, in denen er gar nicht heimkehrte, andre, in denen er wohl zuhause war, aber zu Zeihs größter Verwunderung erst bei Morgengrauen zu ihr in's Bett schlich. Sie gewöhnte sich an beides. In ihrer gedankenlosen Art, fragte sie nun auch nicht mehr: 'Saog ehs, Pittchen, wat maachste e su lang lao binnen in der Kammer?' Er hatte sie ein paarmal angefahren: 'Hal dei Maul, schär dech om dein Saachen!' Jetzt rekelte sie sich bequem, wenn sie ihn drinnen noch hantieren hörte, und drehte sich gähnend auf die andre Seite.
Sie war immer guter Dinge; seelenvergnügt fiel sie ihm um den Hals, wenn er ihr etwas von seinen Wanderungen mitbrachte.
Bald war er in Oberkail, bald in Spang-Dahlem; den einen Tag in Großlittgen, den andren in Ober-Öfflingen; heut in Musweiler, morgen, in entgegengesetzter Richtung, in Bettenfeld; diesseit in Landscheid und jenseit in Hupperath, immer die kreuz und quer, von Dörfchen zu Dörfchen. Bis nach Manderscheid lief er und gar bis gen Daun; in der ganzen Gegend war er bekannt, im näheren und weiteren Umkreis. Die Wirte sahen ihn gern kommen, er hatte eine flotte Art, den blanken Thaler auf den Tisch zu werfen: 'Dao, zieht de Rechnung ahf!' Mitunter ließ er sich auch von einem Bäuerlein wechseln, das froh war, seine grünspanigen Kupferpfennige und abgeschabten Gröschchen einzutauschen gegen das blanke Silberstück.
Sie litten keine Not mehr, und doch sah Peter elend aus; so tief hatten ihm nie die Augen im Kopf gelegen, scheu und gedrückt schlug er den Blick zu Boden, nur nach ein paar Gläsern Schnaps flammte der auf. Dann glühten die düstren Augen, wie hell brennende Kohlen; in wilder Lustigkeit schlug Pittchen auf den Tisch: 'Wat kost' de Welt?!' Und dann trank er und trank, bis daß er sinnlos davon taumelte. Regen und Schnee ernüchterten ihn nicht, torkelnd zog er über die einsamen Landstraßen und durch den nachtdunklen Wald. Dann sprach er wild vor sich hin; schrie, laut schimpfend, die Bäume an und focht mit den Armen wie ein Verrückter.
Die Kleider schlotterten ihm um den Leib, sein Gesicht war abgezehrt, und doch hingen die Weiber an ihm wie die Kletten. Heute die, morgen die. Die Tina beherrschte ihn ganz; die loderte um ihn her, wie eine Flamme um ein dürres Holzscheit, und züngelte und leckte, bis daß er Feuer fing. Dann konnte er auch aufflammen, und alle 'Wiehduhns'[44] gingen in Rauch auf; zwar nur für Augenblicke, aber um diese Augenblicke that er ihr allen Willen.
Sie war unersättlich, bald begehrte sie dies, bald das: eine Brosche, eine Schleife, einen Ring, eine Schürze, Zuckerzeug und wohlriechende Pomade. Bald mußte er sie dahin führen, bald dorthin. Sie schmeichelte und trotzte, sie versprach und versagte, und wenn er zuletzt gequält rief: 'Laoß mech in Ruh, maach, datste weg kömmst,' lachte sie ihm in's Gesicht. 'Maach dau, datste weg kömmst! Lauf bei dein Zeih, lao kannste zukucken, wie dän Oberkailer dat caressiert!'
Sie hatte nicht die Unwahrheit gesprochen. Als er zum ersten Mal den Gendarm bei der Zeih antraf, brüllte er in sinnlos eifersüchtiger Wut. Die geballten Fäuste schwingend, sprudelte er wilde Drohungen: »Eraus, eraus! Ech schlaon Eich dod, ech -- eraus, tutswit, eraus!«
Der Gendarm ging schon, ganz gekränkte Würde; nur auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um und drohte mit dem Zeigefinger der wildleder-behandschuhten Rechten: »Nehmen Sie sich in Acht! Beleidigung der Obrigkeit wird mit Gefängnis bestraft. Sie überhaupt -- Sie --« er spuckte aus; es schien Peter, als hefte sich sein Blick durchdringend gegenüber auf die Kammerthür. -- »Sie haben überhaupt jar keine Ehre mehr, mitzureden. Bitte mir Achtung aus, werde Ihnen sonst mal auf die Bude rücken, Sie -- Tappert!« Rasch die Thür zuwerfend, verließ er schleunigst das ungastliche Haus.
»Wat maant hän dermit?« schrie Pittchen die Zeih an; seine Augen rollten hin und her.
»Bis still, Pittchen! Bis still!« Sie war in Angst vor ihrem Mann.
»Ech sollen mech in Aacht holen -- uf de Bud rücken?!« murmelte Peter. Und dann brüllte er: »Wat haot hän von der Kammer gesaot -- wat? Antwort!«
Sie sah ihn betroffen an und stotterte verlegen: »Mir -- mir -- hän haot gesaot, mir wollten lao erin giehn, lao --«
»Kreizgewieder!« Schwer fiel Peter auf den Schemel und stützte den Kopf in die Hände. So saß er lange regungslos, wie aus Stein.
Sein Schweigen machte sich Zeih zunutze. Nun hatte sie Oberwasser; mit großer Geläufigkeit, halb ärgerlich, halb lachend warf sie ihm seine Grobheit vor. »Och Jesses, wann ech noren dän kleinsten Diskurs met anem haon, stracks bis dau e su schroh![45] Wat soll hän nau von ons denken, dän Hähr Schandarm?! Mer kann nie wissen, wie ei'm e su anen trillsen[46] on tribelieren kann; et es doch alleweil besser, mer haot ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat!«
»Ken Onverläjenhaat met der Owrigkaat,« sprach er ihr nach und schüttelte sich, als liefe es ihm kalt über den Buckel.
Von nun an bekomplimentierte er den Oberkailer höflich, wenn der Zufall ihn den in seiner Hütte finden ließ. Sein blasses Gesicht trug dabei aber einen so verbissenen Ausdruck, daß der schöne Gendarm es vorgezogen hätte, die Zeih draußen im Freien zu treffen; wäre es nur nicht gar so kalt gewesen! Der Miffert war ihm riesig ungemütlich, und ebenso war er's dem Miffert; sie gingen beide umeinander herum, vorsichtig schnuppernd, wie Füchse um die Falle.
'Es muß doch mal Frühjahr werden, auch in dieser verfluchten Gegend,' tröstete sich der Gendarm. Dann gab der Buchenwald einen angenehmen Ort für's Stelldichein, es saß sich gut auf dem weichen Moos. Er hatte noch keinen Eifelwinter mitgemacht, und der dünkte ihn schier endlos, zum Sterben langweilig mit seinen ungeheuren Schneelasten, die das Bergland von jedem Verkehr abschnitten.
'Eweil moß et bal Frühjaohr gänn,' tröstete sich auch Pittchen. Dann war das Wandern von Dorf zu Dorf nicht mehr so beschwerlich, man konnte 'kommoder' über Land gehn und seinen Rausch gemächlich im Wald ausschlafen. -- -- --
»Frühjaohr,« kreischten auch jubelnd die Weiber, als sie nun längs der Wiesen dahinliefen, um den Betrunkenen heimzuholen.
Ein feuchter Dunst stieg auf, ein Duft nach jungem Gras und erdiger Kraft. Sie atmeten mit geblähten Nüstern, ihre Gesichter waren rot, glühend vor Übermut. Mit einem Schrei riß sich Tina das Tuch vom Hals und ließ es wie eine Flagge in der Luft wehen.
»Frühjaohr! Hä, helao, Pittchen, wuh stichste?[47]« Mit verschmitztem Lachen erhob sie einen durchdringenden Gesang:
»Im Mai, im Mai, Moß mer sein zo zwei --«
»Still,« sagte Bäbbi und drehte sich um. »Hör uf met dem schnippschnappig Lied! Hörste dann net de Lerch? Still! Se es Gottes Vogel.«
Auf einem nahen Grasbüschel saß die Lerche. »Tirili, tirili!« Mit den Flügelchen schlagend, erhob sie sich, jetzt schoß sie aufwärts wie ein Pfeil; in Kreisen, höher und höher steigend, schmetterte sie ihr jauchzendes Tirili himmelan.
»Iwickelchen, Liwickelchen,«[48] schrien die Mädchen und sprangen, in die Hände klatschend, wie die Tollen in die Wiese hinein. Sie rauften mit beiden Händen das kurze Gras aus und schleuderten es sich in's Gesicht, wie ein Regen rieselte es ihnen über Haar und Schultern; sie trappten hin und her, mit Gelächter und Gekreisch, ihre schweren Nägelschuh traten die zarten sprossenden Hälmchen tot.
Zeih blieb ein wenig zurück, die hageren Dinger liefen ihr denn doch zu schnell. Und da sah sie auch ein paar gelbe Blumen des Löwenzahns, erfreut pflückte sie sie ab und steckte sie sich in's Haar -- glänzten die nicht wie eitel Gold? Anmutig nickten die leuchtenden Blüten auf den braunen Scheitel.
Kaum sah Tina die also Geschmückte, riß sie ihr auch schon die Blumen vom Kopf. Zeih schalt lachend und riß ihr Eigentum wieder an sich; das ging hin und her, ein förmlicher Kampf begann, ein halb spielerisches, halb ernsthaftes Balgen. Zuletzt schleuderte Tina die zerknickten Stengel von sich: »Lao haste dän Dreck!« Die Füße der Weiber schritten achtlos darüber weg.
Bäbbi war den anderen weit voraus; jetzt blieb sie stehen und wartete auf die Nachzügler. Mit zusammengezogenen Brauen sah sie ihnen entgegen. »Kommt, kommt!« rief sie unwillig. »Laoßt de Alfanzereien!«
»Alfanzereien?!« Tina lachte spöttisch und hob keck ihre Nasenspitze zu der um einen Kopf Größeren, »sei dau nor net e su fürnehm, Lenzen Bäbb, mer waaß jao doch, wän dau bis!« Kichernd stieß sie die Vrun an, und die Vrun stieß die Leis an, und die Leis die Zeih.
Eine dunkle Röte stieg Bäbbi in die Wangen, aber sie sagte nichts; mit einem ernsten Blick sah sie von oben herunter auf die Kleinere.
»Haha,« fing Tina wieder an -- sie hatte den Blick wohl verstanden und boste sich darüber -- »dau wills ons Conduitten liehren -- dau?! Dau maanst wohl, dau därfst dat, weil de noch in der elften Stund onner de Hauw gekommen bis? Olau, e su domm! Mer kennt dän Vogel an sein Federn, wann hän sein Stimm aach noch e su verstellen duht. Hahaha!«
Die Mädchen schlugen ein Gelächter auf, auch Zeih lachte, ihr gedankenloses, fröhliches Lachen.
»Zeih, kommt!« sagte Bäbbi und faßte sie am Arm. »Laoßt eweil dat Tina! Ein faul Ei verdirbt dän ganzen Brei!«
»Hollah« -- Tina packte die Zeih am andren Arm -- »hei gebliewen! Wat saoste, Lenzen Bäbb? Ein faul Ei -- wän maanste dermit, hä?« Sie fauchte die Große böse an, ihre Augen funkelten. »Dau Sauerpot, dau Quiesel, onnerstieh dech! Stillwässer -- Grundfresser. Duh dei Maul uf, dau Grundfressersch, laoß ehs hören, waorum ech faul sein? Faul!« Sie ballte die Fäuste. »Saog!« Nun stampfte sie mit den Füßen. »Saog!«
»Je mieh mer im Kot rührt, desto mieh stinkt hän. Ech haon ken Lust derzu,« sagte Bäbbi ruhig und drehte sich kurz um.
Sie hatte die Lacher auf ihrer Seite, aufkreischend vor Entzücken fielen sich Vrun und Leis in die Arme; Zeih hing sich ihr freundschaftlich an den Arm.
Jämmerlich abgeschlagen zog Tina allein hinterher; einer andren wäre sie auf den Rücken gesprungen und hätte ihr das Fell mit den Nägeln zergerbt. Der da traute sie sich nicht. Die ging so ruhig und sicher ihren Weg und führte die drei anderen wie selbstverständlich mit sich fort.
Tinas Augen kniffen sich zusammen, wie die einer lauernden Katze; der Bäbbi konnte sie nicht ankommen, aber der Leis und der Vrun, und besonders der Zeih, denen wollte sie's eintränken.
»Eweil sein mer elao,« sagte Bäbbi und wies auf einen Dornbusch, dicht am Grabenrand. »Bei dem Busch liegt hän unnen.« Mitleidig beugte sie sich über, mit einem Ruf der Uberraschung fuhr sie zurück. Da unten lag wohl noch der Peter und schnarchte; aber neben ihm hockte eine Frauensperson, den Oberrock über den Kopf gezogen, ihr grellroter Unterrock blähte sich wie eine große Mohnblume. Die Traut!
Mit einem triumphierenden Lächeln sah diese aufwärts in die verblüfften Gesichter; sie hielt Pittchens Kopf in ihrem Schoß.
Ein vierstimmiger Schrei antwortete dem Lächeln, mit einem Satz war Tina unten, Vrun und Leis stürzten nach; dann folgte die Zeih. Das war ein Gewälze von Leibern im Graben, ein Gewirr von Armen und Beinen, ein Schimpfen und Lachen, Zanken und Zerren. Einen Augenblick sah Bäbbi darauf nieder, dann machte sie Kehrt.
Mit raschen Schritten ging sie davon. Kurz vor'm Dorf blickte sie noch einmal zurück; die stille Luft trug ein Getöse an ihr Ohr, ein Stimmengewirr, als ob ein Heer anrücke.
Da tauchten sie in der Ferne auf, von der Märzsonne grell beschienen, wie von goldnem Flimmer umhüllt. Als Kernpunkt der Peter; von den einen geschoben, von den anderen gezogen, nahte er wankend.
XI.
Eine Aufregung war im Dorf, kaum weniger groß, als bei der Heimkehr der Männer. In das stille Thal war's gefallen wie ein Kanonenschuß und hallte unaufhörlich von allen Ecken und Enden wider: ein Mann, ein Herr! Ein reicher Herr!
In der Eichelhütte würde er wohnen, die hatte er dem van Beuren abgekauft. Aber nicht bloß ein paar Jagdtage wollte er da verweilen, nein, den ganzen Sommer sicher, und vielleicht auch den Winter. Der Krumscheid hatte es erzählt und sich schmunzelnd dabei die Hände gerieben; er witterte einen sicheren Verdienst. Denn der Fremde hatte einen zartrötlichen Hauch auf der Nase, und seine etwas verschwommenen, blaßblauen Augen blickten gemütlich in die Welt.
Gleich bei der ersten Einkehr hatte der Wirt das nähere und nächste erfahren. Herr Anton Nikolaus Schmitz, 'Rentner', wie er sich schrieb, hielt durchaus nicht mit seinen Angelegenheiten hinter'm Berge; er erzählte gern.
Er stammte aus der Eifel. Als armer Waisenknabe war er ausgewandert und hatte sich durchgefochten bis unten an den Niederrhein, wo ein entfernter Verwandter von ihm wohnte; der that ihn zu einem Gerber in die Lehre. Es glückte ihm; der Lehrling wurde Geselle, der Geselle Meister -- jetzt paßte bald das Sprichwort:
'Häutchen, wie stinkst du, Geldchen, wie klingst du!'
Zuletzt hatte er eine große Gerberei in Köln besessen. Aber was sollte er sich noch länger schinden? Junggeselle war er, nähere Verwandte hatte er nicht, sein Haar war grau geworden, die Gicht suchte ihn öfters heim, und der Hals kratzte ihn vom Lohstaub. Jetzt war's Zeit, sich zur Ruhe zu setzen.
Da meinte der Herr van Beuren, den er beim Frühschoppen in der 'Kevverndoos'[49] kennen gelernt, das grüne Salmthal, das so geschützt und lieblich zwischen den Bergen läge, das wäre recht der Ort für so einen. Sie besuchten miteinander die Eichelhütte, und was noch mächtiger wirkte, als das eifrigste Zureden des Herrn van Beuren, das war das Heimatsgefühl, das plötzlich in dem geborenen Eifeler erwachte. --
Nun standen die Fenster der Eichelhütte weit offen, der laue Frühlingswind durchfächelte die Stuben und spielte mit den großblumigen Vorhängen des gemütlichen Himmelbetts. Mit allem, was da lag und stand, hatte der Schmitz das Haus gekauft, von den Geweihen und rostigen Flinten an den Wänden bis herab zum Wildschweinsfell vor der Thürschwelle. Er wanderte in seinem doppeltgefütterten Schlafrock, die lange Pfeife im Mund, von einem Raum in den anderen, trieb freundliche Scherze mit den Weibern, die da fegten und scheuerten, und fühlte sich ganz als Herr und Besitzer.
Gestern war er durch's Dorf spaziert und hatte die ausgesucht, die ihm zur Arbeit am tauglichsten schienen. Alle waren gelaufen gekommen und hatten sich angeboten, selbst die alte Schneidersch und die kleine Bill. Die hübschesten waren die tauglichsten; Herr Schmitz hatte sich schon ein Trüppchen zusammengestellt, da kam die Zeih des Wegs -- Donnerwetter, war das ein Frauenzimmer!
Der alte Junggesell riß seine blauen Äuglein auf. Merkwürdig, Jahre lang hatte er keine Anfechtung mehr gehabt, nur an seine Häute gedacht -- Gerberlohe trug ihm die schönste Farbe -- nun blieb sein Blick auf diesen braunen Flechten haften, die sich so glänzend, zu einem dicken Nest gesteckt, zeigten. Und ein Fellchen hatte die! Hell und zart, wie ein junges Kalb.
Machte es die Frühlingsluft, die stark und lebenerweckend von den Bergen wehte? Machte es der Dunstkreis all des Weibervolks, das sich um ihn drängte? Herr Schmitz fühlte eine seltsame Unruhe in den Beinen, das Wasser lief ihm im Mund zusammen.
Linkisch galant zog er die Mütze. »He, junge Frau. Guten Tag!«
Lucia lächelte, daß man all ihre weißen Zähne sah; das leicht bewegliche Blut schoß ihr in die Wangen, sie waren rot wie reife Äpfel.
'Fett wie ein Hammel,' dachte Schmitz und ließ einen väterlich wohlwollenden Blick über die junge Frau gleiten; er liebte das 'Völlige'. Wohlbeleibte Menschen waren immer gemütlich im Umgang; er selbst hatte sich ja auch ein Bäuchlein zugelegt. Ein instinktiver Selbsterhaltungstrieb zog ihn zu Zeihs angenehmer Fülle, die doppelt auffiel zwischen den sehnig schlanken, fast hageren Gestalten der übrigen Weiber.
Das war was für ihn! Die wollte er zur Aufwärterin wählen! Ihr freundlich heitrer Blick aus klaren, braunen Augen bestärkte ihn noch darin.
»No, junge Frau,« sagte er, »haben Se et auch als jehört, dat der Schmitz hier sein Residenz aufschlage will? He? Ich brauch en Frauensperson, die mer et Bett macht un en Taß Kaffee kocht; ich bin simpel jewöhnt, aber en Buttel muß se aufziehn können un auch en Spaß verstehn. Im übrigen hab ich jern mein Ruh.«
Zeih sah ihn mit offnem Mund an; sie verstand den Herrn nicht, aber sie lächelte.
Sie gefiel ihm immer besser; die anderen waren ihm viel zu geschwind mit dem Mundwerk, besonders die eine, die junge Schwarze, die sie Tina nannten und die mit ihren dreisten Blicken unheimlich herumfunkelte.
»No,« sagte er wieder und klopfte Zeih auf die Schulter, »können Sie bei mer die Aufwartung machen? Wie steht et dermit, he? Oder sind Sie zu fein derzu?« Jetzt erst war ihm ihr ausgeputztes Kleid aufgefallen, das handbreit länger war, als die Röcke der anderen.
Die umstehenden Weiber stießen sich an und kicherten halblaut.
»Se es dem Pittchen sein Fra,« rief Tina keck, »dän haot geärwt. Eweil haot dat Zeih dat Arweiden net mieh nedig. Wann hän net bal ales versoff haot; dann gieft dat freilich en anner Mod! On wann dän Oberkailer Schandarm net schplendid --«
»Bis still,« fiel ihr Zeih hastig in's Wort und zupfte sie am Rock. Und sich mit dunkelrotem Kopf wieder zu dem Herrn wendend, flüsterte sie schüchtern, die Wimpern gesenkt: »Ech moß erscht dat Pittchen fraon, hän es e su -- e su -- ech glauwen net, dat dän et gären sieht.« Zögernd sagte sie es, sie hätte für ihr Leben gern die Aufwartung übernommen, nicht das Geld war's, das sie lockte -- zu essen und trinken hatte sie ja -- aber so ein Herr aus der Stadt konnte allerlei Präsente machen, von denen man hier nichts ahnte. Schade, daß mit dem Pittchen jetzt so gar nichts anzufangen war! Wie ein Rasender war er auf und nieder gerannt und hatte geflucht und geschimpft, als er von dem neuen Besitzer der Eichelhütte gehört hatte.
Mit einem Seufzer schlug sie die Augen auf, die feucht schimmerten. »Ech därf jao net!«
Mitleidig sah ihr Schmitz nach, als sie mit gesenktem Kopf davonschritt -- das war ja eine rechte Kreuzträgerin, und so ein sanftes, kreuzbraves Weibchen! -- -- -- --
Heute, als der Besitzer der Eichelhütte die Schar der fegenden Weiber besichtigte, bedauerte er wieder auf's neue, die hübsche Zeih nicht darunter zu sehen. Die hätte gewiß nicht so gepoltert und unbändig hantiert, sondern so nett gemächlich, wie es einem Mann in seinen Jahren angenehm war. Fast wollte es ihn bedünken, als trieben die Weibsbilder ihren Possen mit ihm; die kecke Schwarze, hoch oben auf der höchsten Leitersprosse, wippte hin und her, daß ihm der Angstschweiß ausbrach; und die mit den blonden Zöpfen goß ihm einen vollen Eimer Wasser grade vor den Füßen aus. Er flüchtete vor die Hausthür.
Da stand er nun in seinen grasgrünen Pantoffeln, die Hände in den Schlafrocktaschen vergraben, einen Shawl um den Hals, mächtige Tabakwolken in den hellen Morgen hinausqualmend. Mit behaglicher Rührung musterte er die Umgebung. So waren ihm die Heimatberge mit ihren runden Buckeln und den daranhängenden, winzigen Äckerchen manchmal im Traum erschienen! Und dann dachte er an das 'Mus', an 'Kabes met Grombieren on Griewen', die er sich für heut mittag beim Krumscheid bestellt, und sein Eifeler Magen knurrte in süßer Erinnerung.
Schmunzelnd blickte er die Straße zum Dorf hinunter. Alles ruhig und friedlich, kein Wagen, kein störender Lärm. Nur eine einsame Frauengestalt kam des Weges; als diese sich bemerkt sah, zögerte sie und trat dicht an die Mauer des Kirchhofs heran.
Schmitz ständerte noch ein wenig vor der Hausthür herum und besichtigte dann seinen Garten. Wenn die hohen Bäume sich erst belaubten, mußten sie einen köstlichen Schatten geben. Mochte die Sonne noch so brennen, hier war's angenehm; man konnte eine Hängematte aufhängen und sanft darin duseln, und dort auf dem grünbemoosten Steintisch mit der rätselhaften, eingemeißelten Inschrift hielt sich der Moselwein gewiß kühl.
Sehr befriedigt kehrte er aus dem Garten zurück; da sah er am Gitter eine Gestalt vorbeischleichen, die jetzt still stand und neugierig durch die Stäbe lugte. Als er die Brille aus der Tasche gezogen, mit seinen plumpen Fingern daran gewischt und sie auf die Nase geschoben hatte, erkannte er die Zeih.
»Sieh ens an!« sagte er erfreut. »Weißt du auch, mein Dochter, dat ich heut als an dich jedacht hab?!«
Sie stand verlegen lächelnd. Hinter sich her hatte sie ein Holzwägelchen gezogen; darin saß ein erbärmlicher, kleiner Junge. Er ließ die Unterlippe hängen, der Sabber lief ihm ununterbrochen aus dem Mund und vereinte sich mit dem Brünnlein, das aus der Nase quoll, vorn auf dem Lätzchen.
»Dat es ons Josefche,« sprach die Zeih, als sie den Blick des Herrn bemerkte.
»So so. Hm hm!« Er konnte seine Verwunderung kaum verbergen -- wie kam das hübsche, frische Weib zu dem elenden Kind?! Der Vater mußte doch gar nichts taugen. Die Leute hatten sicher recht, die den Miffert einen Säufer und Weiberjäger nannten; so allerlei war ihm hintenherum über den Kerl zu Ohren gekommen. Das arme Weib!
»Kommt doch herein,« sagte er freundlich, öffnete das Gitterthor und zog selbst das Wägelchen in den Garten.
Schüchtern trat die Zeih ein und ließ ihre Blicke an den hohen Stämmen hinauf und hinunter gleiten; vor lauter Verlegenheit nahm sie dann das Josefchen auf den Arm und herzte es.
Das Gesicht des alten Junggesellen trug alle Zeichen der Anteilnahme. Er klopfte dem Kind die aufgedunsenen Bäckchen und nahm das welke, blasse Händchen zwischen seine fleischigen, roten Finger. »Du, du, kß, kß, kß,« machte er und kitzelte es am Hälschen.
Josefchen verzog das Gesicht und fing an zu weinen; es war kein lautes, kräftiges Schreien, nur ein jämmerliches, dünnes Greinen.
Zeih war heute auch einmal schlechter Stimmung. Als sie das Kind weinen hörte, zogen sich ihre Mundwinkel abwärts; schon hingen ein paar Thränen in ihren langen Wimpern.
Mit dem Peter war eben gar kein Aushalt mehr, heut in der Frühe war er nach Hause gekommen, sternhagelvoll. Gelärmt hatte er nicht, er war in einem weit schlimmeren Stadium, dem der verbissenen Wut. Sie traute sich nicht heran; aber nachdem er dann ein paar Stunden fest geschlafen, glaubte sie ihn in der richtigen Verfassung, um ihr Anliegen wegen der Aufwartstelle vorzubringen. Aber da kam sie gut an!
Wie ein Verrückter trommelte er mit den Fäusten auf's Bett und schrie sie an: ob sie denn noch nicht genug an einem hätte? Noch einen neuen dazu?!
»Nä, nä,« brüllte er, raffte sein Kissen auf und warf es ihr an den Kopf. »On bei däm Stehler? Mein es dat Schlößche -- mein mußt et sein -- Stehler! Hal dei Maul!«