Das wandernde Licht: Novelle

Part 9

Chapter 93,955 wordsPublic domain

Mit einem Ruck, daß die Gelenke in seinem Leibe krachten, richtete er sich plötzlich in die Höhe, ergriff noch einmal das Licht und trat heran -- im nämlichen Augenblick aber flog er rückwärts, als wenn ein Stoß ihn zurückgeworfen hätte. Auf dem glatten Parkett des Fußbodens schlug er der Länge lang hin, mit dem Gesicht am Boden, beide Hände in den Mund stopfend, mit den Zähnen in die Hände beißend, daß das Blut herabtroff. Ein gurgelndes Röcheln, ein ersticktes Heulen wühlte sich aus ihm heraus und in den Fußboden hinein; dann kroch er bis zu dem nächsten Stuhle, arbeitete sich mühselig an dem Stuhle auf, bis daß er auf den Füßen stand, und nun, wie ein Mensch, der nicht mehr gehen kann, dem das Rückgrat gebrochen ist, schleppte er sich, die Augen immerfort auf die Gestalt am Boden dort gerichtet, bis an die Thür, die aus dem Bibliotheksaale auf den Flur führte. An der Thürklinke hielt er sich mit beiden Händen aufrecht, das Haar klebte ihm im Gesicht, eine dicke Feuchtigkeit -- war es Schweiß, war es Blut, waren es Thränen -- rieselte ihm vom Gesicht; es war, als wenn er weinen wollte, aber er vermochte es nicht -- als wenn er etwas sagen wollte, aber er vermochte es nicht -- nur ein Aechzen wurde vernehmbar: »Anna -- Anna -- Anna« und diesen Namen wiederholend und fortwährend, sinnlos wiederholend, schob er sich zur Thür hinaus. Sobald er aber die Thür hinter sich hatte, fühlte er sich von einem eisernen Arm umschlungen und aufrecht gehalten. Der Mann war da, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, und dem er nun wieder gehörte, der alte Johann.

»Kommen Sie nur, gnädiger Herr,« sagte er mit starker, harter Stimme, »kommen Sie nur und lassen Sie mich machen. Jetzt wird sich alles wieder geben.«

Er führte den gebrochenen Mann, der hülflos, willenlos in seinem Arme schwankte, die Treppe hinauf, in sein Zimmer; er brachte ihn zu Bett, wie ein Kind; er deckte ihn zu.

»Nun schlafen Sie,« sagte er laut, beinah befehlend; dann sah er sich noch einmal in den Zimmern um: kein Messer da? Keine Schere? Kein Werkzeug irgend welcher Art? Nichts. Er rieb sich die Hände; so stolz war er! so vergnügt! An den Fenstern machte er sich noch zu schaffen, und es dauerte ziemlich lange, bis er damit fertig war; er hatte einen Schraubenbohrer in der Tasche und Schrauben; sämtliche Fenster in den Zimmern des Barons schraubte er zu -- für alle Fälle -- man konnte ja nicht wissen. -- Dann riegelte er die Räume seines Herrn von außen ab und nun war er fertig, nun hatte er ihn da drin, nun hatte er ihn sicher. Als er auf dem Flur draußen stand, reckte er sich lang auf. »Ah« -- sagte er laut vor sich hin und jetzt brauchte er sich ja keinen Zwang mehr anzuthun, jetzt konnte er lachen und er lachte, laut, immer lauter, zuletzt brüllend. Mit den flachen Händen schlug er sich auf die Lenden; »wer hatte nun recht behalten?«

Vom Augenblick an, als der Baron in der Nacht sein Zimmer verlassen hatte und hinuntergegangen war, hatte er ja alles mit angehört.

»Jetzt kommt's,« hatte er sich gesagt, indem er im Dunkel hinter ihm hergeschlichen war. Dann hatte er den Ruf in Annas Schlafgemach vernommen, das Jagen und Laufen durch die Zimmer, endlich den letzten Schrei und das Fallen des Körpers im Bibliotheksaale.

»Jetzt hat er sie totgeschlagen,« hatte er sich gesagt, und er hatte an sich halten müssen, um nicht schon da lachend herauszuplatzen. In dem Augenblick war er ja noch Diener gewesen, da hätte es sich nicht geschickt.

Aber jetzt -- jetzt blieb nur noch zu thun, daß er sich danach umsah, wo der Leichnam lag. Zu dem Zwecke ging er jetzt nach dem Bibliotheksaal.

Einen dicken Stock trug er in der einen, eine brennende Laterne in der andern Hand. Warum er den Stock mitnahm? Er hatte so ein Gefühl, als könnte sich möglicherweise eine Gelegenheit bieten, -- er wünschte sich eine Gelegenheit -- er hatte so ein Bedürfnis, auf irgend etwas loszuhauen, irgend etwas zu zerschmettern, irgend etwas, am liebsten aber menschliche Glieder und einen menschlichen Körper. Er hieb mit dem Stock auf das Treppengeländer, daß es krachte. Ah -- wie ihm das wohl that! Wenn »sie« so vor ihm gelegen hätte! Wenn er so auf »sie« hätte loshauen können, daß ihre Glieder unter seinen Streichen zerflogen wären wie Glas! Aber der Baron hatte ihm ja schon vorgearbeitet. Jetzt war er nur noch neugierig zu sehen, wie er es gemacht haben, wie er »sie« zugerichtet haben würde. Mit der lüsternen Begier der blutdürstigen Natur, die dem Anblick von irgend etwas Gräßlichem entgegengeht, trat er in den Bibliotheksaal ein, sah sich um -- und blieb enttäuscht stehen. Der Saal war ja leer?

Die Jungfer, die Thür an Thür mit ihrer Gebieterin schlief, war von dem dumpfen Rumoren in Annas Schlafzimmer aufgewacht. Anfangs nur halb ermuntert, war sie ganz wach geworden, als sie den gellenden Schrei nebenan vernahm.

Rasch war sie aufgestanden, hatte Licht angezündet und war eingetreten. Nun sah sie Annas zerstörtes Bett, von dem die Decken heruntergeworfen waren, in dem die Kissen wüst und wild durcheinander lagen. Sie sah die Thür zum Nebenzimmer offen, und in dem Augenblick vernahm sie von drüben, aus der Ferne, Annas verzweifelten Schrei. Im ersten Augenblick hatte sie in ihr Zimmer zurücklaufen und den Kopf unter die Bettdecke stecken wollen. Aber dann hatte sie sich gesagt, daß das nicht recht wäre, daß der Frau Baronin etwas zugestoßen sein müßte, der armen jungen Frau Baronin, die so gut zu ihr war, von der sie nie ein böses Wort zu hören bekam, und daß es ihre Pflicht sei, zuzusehen, was geschehen war. Darum hatte sie sich rasch in die notdürftigste Kleidung gesteckt, und zitternd, mit schlotternden Gliedern, war sie die Zimmerflucht entlang bis nach dem Bibliotheksaale gegangen.

Wie sah es hier aus! Ein Leuchter lag am Fußboden; das Licht war nicht erloschen, die Flamme hatte schon angefangen, ein glimmendes Loch in das Parkett zu brennen, und einige Schritte weiter war noch etwas, etwas lang Hingestrecktes, Weißes, das sich jetzt stöhnend zu regen begann, die junge Frau Baronin, die nur mit dem Hemde bedeckt, mit aufgelöstem Haare ohnmächtig am Boden lag.

Bei dem Anblick brachen dem Mädchen die Thränen aus den Augen. Sie hob das schwälende Licht auf, kniete zu ihrer Gebieterin nieder und nahm ihren Kopf in ihren Schooß.

»Gnädige Frau Baronin,« sagte sie, »Frau Baronin, Frau Baronin!«

Anna schlug die Augen auf, und als sie die Jungfer erkannte, klammerte sie sich um ihren Hals.

»Hilf mir!« seufzte sie, »hilf mir!«

Das Mädchen riß den Mantel ab, den sie um die Schultern geworfen hatte, und verhüllte damit die schutzlosen Glieder ihrer Gebieterin, dann umfaßte sie sie unter den Achseln und half ihr aufstehen. Aengstlich aneinandergeschmiegt wanderten die beiden Frauen nach Annas Schlafgemach zurück.

Hier sank Anna auf einen Stuhl, wie in Betäubung vor sich niederstarrend. Das Mädchen holte ihre Kleidungsstücke heran und begann sie anzuziehen; eine Ahnung sagte ihr, daß man sich auf weiteres gefaßt zu machen hatte und daß man sich rüsten müsse. Anna ließ sie schweigend gewähren.

»Wo ist denn mein Mann?« fragte sie nach einiger Zeit.

»Der Herr Baron? Ich weiß nicht,« versetzte das Mädchen. »Soll ich einmal nach ihm seh'n?«

»Ja, ja,« sagte Anna.

Das Mädchen schlüpfte hinaus, auf den Flur, die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf. Sie kam gerade zurecht, um zu sehen, wie der alte Johann die Thür des Barons von außen verriegelte, wie er dann in sein Zimmer ging und mit der Laterne in der einen, dem Stock in der andern Hand wieder herauskam; unhörbar glitt sie die Treppe hinab, dann kam sie zu Anna zurückgelaufen.

»Gnädige Frau Baronin -- eben hab' ich's geseh'n -- der Johann hat den gnädigen Herrn eingesperrt -- und ich glaube jetzt kommt der Johann herunter -- und einen dicken Stock hat er mit sich -- und er sieht aus, wie ich's gar nicht sagen kann -- gar so fürchterlich -- o Herr Jeses ne, Herr Jeses ne!«

Sie war ganz außer sich, ihr Atem flog, zu Annas Füßen niedergekauert, umschlang sie sie mit den Armen. Hülflos, ratlos drückten sich die beiden Frauen aneinander.

Nach einiger Zeit vernahmen sie ein dumpfes Geräusch; schwere Schritte stampften vom Bibliotheksaale heran. Dazwischen hörten sie eine Stimme; es sprach jemand ganz laut.

Das Mädchen beugte lauschend den Kopf vor.

»Das ist der Johann,« flüsterte sie.

Anna saß, wie in Eis gebadet.

»Mit wem spricht er denn nur?«

Das Mädchen zuckte die Achseln und schüttelte den Kopf.

Jetzt konnte man schon einzelnes von dem verstehen, was er sagte: »Aber tot muß sie sein! Muß sie sein! Lebendig aus'm Haus lass' ich sie nicht! Lass' ich sie nicht!«

Dann plötzlich blieb er stehen, und im nächsten Augenblick gab es einen fürchterlichen Krach; mit dem dicken Knotenstock hatte er in einen der hohen Spiegel hineingehauen, die vorn in den Zimmern hingen.

»Siehste du!« kreischte er, und während das klirrende Glas zu Boden rauschte, stieß er ein Gelächter aus, daß den beiden Frauen die Haare zu Berge stiegen.

Weiter gingen die Schritte, Stühle flogen beiseite, Tische schmetterten zu Boden, wie wenn ein Ungeheuer durch die Zimmer stapfte und alles hinwegschleuderte, was ihm in den Weg kam. Im nächsten Zimmer war wieder ein Spiegel zwischen den Fenstern -- klirr -- ging der Knüppel hinein und -- klirr -- kam das splitternde Glas herunter. Wieder kam das »siehste du!« wieder das gellende Lachen und das wahnwitzige Schwatzen: »Tot muß sie sein! tot muß sie sein! muß sie sein!«

Jetzt war kein Zweifel mehr, auf das Schlafzimmer kam er zu.

»Frau Baronin!« sagte das Mädchen, indem es, kreideweiß im Gesicht, auf die Füße sprang.

Anna saß wie leblos.

»Frau Baronin!« sie schüttelte sie an den Schultern, »um Jesus und aller Heiligen willen, kommen Sie fort!«

Mit einem Griff packte sie Anna um den Leib, riß sie vom Stuhle auf und zog sie aus dem Schlafzimmer in ihre nebenanstoßende Kammer, deren Thür sie hastig von innen verriegelte.

Es war höchste Zeit gewesen.

Im Augenblick, als sie sich hinter die Thür gebracht hatten, erdröhnten die Schritte in Annas Wohnzimmer, und im nächsten Augenblicke erschien auf der Schwelle des Schlafgemachs eine grauenvolle Gestalt, die Gestalt eines Wahnsinnigen, Tobsüchtigen, des alten Johann.

In der Linken hielt er die Laterne hoch, dann hörten die Frauen, die sich draußen zähneklappernd an die Thür drängten, seine Stimme, die jetzt pfeifend, in schneidenden Fisteltönen herauskam: »Siehste du, Kurnallje! Itze hab' ich dich!«

Dann ein Sausen durch die Luft und ein schwerer schmetternder Streich; sein Stock hatte mit aller Gewalt in Annas Bett hineingeschlagen. Die gepolsterte Rolle die unter Annas Kopfkissen gelegen hatte, war während des Kampfes verschoben worden und lag jetzt mitten im Bett. Die längliche runde Gestalt des Polsters täuschte seinen wahnsinnumnachteten Sinnen vor, daß die junge Frau selber vor ihm läge; auf sie hatte er eingehauen.

Ein wütendes Lachen folgte dem Streiche.

»Hat's gut gethan? Hat's gut gethan?«

Dann wurde seine Stimme undeutlich und verworren, als hätte er einen Brei im Munde, den er nicht mehr zu Worten zu zerkauen vermochte, wie die Stimme eines bösen Hundes, den die Wut so übermannt hat, daß er nicht mehr bellen kann.

»Noch leben willst de? Noch mucken willst de? Tot mußt de sein! Tot mußt de sein! mußt de sein!«

Und »krach«, »krach« und »krach« wie eine schaudervolle Begleitung zu den schaudervollen Worten schmetterte der Stock wieder, wieder und wieder in das Bett hinein.

Nun schien er befriedigt.

Ein langgezogenes »so -- siehste itze war's recht«, dann noch ein wortloses unverständliches Wühlen und Rumoren, und dann vernahmen die Frauen, wie er stampfenden Schrittes, so wie er gekommen war, das Schlafzimmer wieder verließ.

Was that er jetzt? Wo ging er hin? Den Finger auf den Mund gelegt, bedeutete das Mädchen Anna, daß sie sich ruhig verhalten, daß sie zurückbleiben sollte, dann öffnete sie leise, leise, die Thür, streifte die Schuhe ab und schlich barfuß dem Alten im Dunkel nach. Nach längerer Zeit erst kam sie zurück.

»Frau Baronin,« sagte sie, »Frau Baronin, kommen Sie schnell, seh'n Sie, was er jetzt angibt.«

Sie warf Anna einen Mantel um, dann ergriff sie sie an der Hand und riß sie durch die dunklen Räume des Schlosses, über eine Hintertreppe in den Garten hinunter.

In einiger Entfernung vor ihnen schritt der Alte, die Laterne in der einen, statt des Stocks jetzt einen Spaten in der andern Hand. Im linken Arme trug er die weiße Kopfrolle aus Annas Bett, die infolge seiner Streiche mitten durchgeknickt war und in zwei bammelnden Enden über seinen Arm hing.

»Er glaubt, das sind Frau Baronin, die er da trägt,« stammelte das Mädchen Anna ins Ohr.

Anna blickte starr.

Das Mädchen zog sie am Arme und bedeutete sie, weiterzugehen; »aber leise,« mahnte sie, »leise!«

Mit angehaltenem Atem schlichen sie hinter dem Alten her, so weit entfernt, daß sie seine von der Laterne beleuchtete Gestalt gerade noch zu erkennen vermochten.

Jetzt sahen sie, wie er vom Wege in das Gebüsch abbog, und nachdem er sich einige Schritte weit hineingearbeitet hatte, blieb er stehen. An der Stelle, wo er sich befand, war eine kleine Lichtung im Dickicht, einige Fuß im Geviert. Er hing die Laterne an einen Ast, warf das Polster zur Erde, spuckte sich in die Hände und mit einem »nu jetzt aber 'mal« stieß er den Spaten in die Erde und fing an, eine Grube auszuwerfen.

Die beiden Frauen hatten sich bis an den äußeren Rand des Gebüsches herangemacht; sie verfolgten jede seiner Bewegungen.

Er arbeitete mit grimmiger Verbissenheit; ein dumpfes Grunzen begleitete jeden Spatenwurf. Dann richtete er sich auf, so daß das Licht der Laterne sich in seinen blutunterlaufenen, gräßlichen Augen spiegelte. Er raffte das Polster vom Erdboden auf, hob es mit beiden Armen empor und dann mit aller Gewalt schleuderte er es in das gähnende schwarze Loch, so daß man den dumpfen Puff vernahm, mit dem es unten aufschlug.

Er stierte in die Grube hinunter.

»Da gehste nein,« sagte er, »da bleibste und kommst all dein Lebtag nicht wieder heraus!«

Dann griff er wieder zum Spaten und schaufelte das Loch zu.

»Frau Baronin, kommen Sie fort,« flüsterte das Mädchen. Der Alte hatte sein Werk vollbracht, gleich würde er jetzt zurückkommen, auf die Stelle zu, wo die beiden standen. Sie wichen einige Schritte in dem dunklen Laubgang zurück. Durch das Dickicht brach er sich hindurch und an ihnen vorbei trottete er nach dem Schloß zurück.

»Jetzt meint er, hat er Frau Baronin begraben,« sagte das Mädchen.

Anna konnte nichts erwidern.

Die gutgemeinte aber plumpe Art, mit der ihre Begleiterin ihr all das Schreckliche, was sie erlebte und sah, noch einmal wiederholte, steigerte die Entsetzensqual, die auf ihr lastete, bis zum Unerträglichen; der Atem versagte ihr, sie schluckte, schluckte und schluckte noch einmal, dann taumelte sie und wäre ohnmächtig zur Erde gefallen, wenn sie nicht mit dem Rücken gegen einen Baumstamm gesunken wäre, und wenn nicht das Mädchen mit beiden Händen zugegriffen und sie aufrecht gehalten hätte.

Erst allmählich hob sich der Druck, der ihr wie ein eiserner Reif die Brust umspannte. Endlich vermochte sie tief Atem zu holen, und nun brach sie in einen endlosen Thränenstrom aus.

»Was soll ich jetzt machen?« schluchzte sie, »ins Schloß kann ich doch nicht mehr zurück!«

Vom Jammer überwältigt, kniete das Mädchen vor ihr nieder und umfing sie mit den Armen.

»Frau Baronin,« sagte sie flehend, »liebe, gutte, gnädige Frau Baronin, weinen Se och nich so! Gott is gutt, Gott wird Sie nicht verlassen! Ins Schloß dürfen Frau Baronin nicht zurück, das is ja klar; also will ich Frau Baronin etwas sagen: Frau Baronin gehen mit mir, zu meinen Eltern ins Dorf« -- in ihrer Erregung hatte sie all ihr Hochdeutsch vergessen und war wieder ganz das schlesische Landmädchen geworden --, »meine Eltern haben halt nur a paar kleene Stiebchen, aber 's sind gutte Leite, gutte Leite! Frau Baronin können ganz gutt a paar Tage bei ihnen wohnen. A Bett für Frau Baronin find't sich schon und a Brinkel zum essen auch, und murne is wieder a Tag, und da werden wir schon weiter seh'n, schon weiter seh'n.«

Mit diesen Worten hatte sie Anna unter den Arm gefaßt und führte sie, die willenlos alles mit sich geschehen ließ, durch den Park auf das freie Feld hinaus und dann im weiten Bogen in das Dorf, zum Hause ihrer Eltern, wo sie in tiefer nächtlicher Stunde an die Fensterläden klopfte und die alten Leute aus dem Schlaf pochte.

Eine halbe Stunde später lag Anna im Bette der alten Tagelöhnersfrau, während diese und ihr Mann sich mit ihrer Tochter, der Franzel, nebenan in die Küche setzten und mit offenem Mund und Augen die fürchterlichen Dinge anhörten, die sich droben auf dem Schlosse begeben hatten.

* * * * *

Am nächsten Morgen saß Eberhard von Fahrenwald oben in seinem Zimmer, in einen Armstuhl geschmiegt, die Kniee mit einer wollenen Decke umhüllt, müde, gebrochen, wie ein plötzlich alt gewordener Mann.

Die Thür that sich auf, und der alte Johann erschien, eine Platte in Händen, auf der er ein Frühstück trug. Er setzte sie auf den Tisch neben seinen Herrn.

»Frühstücken Herr Baron jetzt!« befahl er.

Seine ehemalige demütige Haltung war nicht mehr; er stand neben seinem einstigen Herrn wie ein Aufseher bei einem Gefangenen.

Der Baron senkte die Augen, es sah aus, als fürchtete er sich vor seinem Diener.

»Frühstücken Sie,« gebot dieser noch einmal, und während Eberhard von Fahrenwald einige Bissen zum Munde zu führen versuchte, ging er, die Hände in den Hosentaschen, in den Zimmern auf und ab, die Fenster und Thüren untersuchend. Dann kam er zurück, um das Frühstück wieder abzuräumen.

Eberhard sah mit scheuen Blicken an ihm vorbei. Seine Hände zupften an der wollenen Decke; man merkte ihm an, daß eine Frage auf seiner Seele lag, die sich nicht über die Lippen getraute. Endlich kam sie heraus: »Wo -- ist denn -- meine Frau?«

Der Alte zuckte die Achseln, als verlohnte es sich nicht, auf solche Frage überhaupt zu antworten, und ging auf die Thür zu.

»Wo ist meine Frau?« wiederholte Eberhard mit heiserer Stimme.

Jetzt drehte der Alte die Augen zu ihm herum, die giftigen Augen.

»Denken Herr Baron denn immer noch daran? Wäre abgethan, die Geschichte, hätt' ich gemeint. Wär' schon am besten, Herr Baron fingen an, an andres zu denken.«

Eberhard ruckte und zuckte in seinem Stuhl; es sah aus, als ob er aufstehen wollte, aber der gefährliche Blick des Alten hielt ihn am Platze fest.

Beide sahen sich eine Zeitlang stumm in die Augen. Dann traten Schweißtropfen auf die Stirn des Barons; erst nur vereinzelt, dann immer mehr, immer dicker, so daß ihm der Schweiß plötzlich über das Gesicht zu laufen begann. Er wollte sprechen, aber es sah aus, als wären seine Kinnladen verrenkt.

»Aber -- sie ist nicht --«

Er kam mit der Frage nicht zu Ende.

»Ja, versteht sich!« fiel ihm der Alte mit wüster Brutalität ins Wort. »Was soll sie denn sonst auch sein? Da können Herr Baron warten, eh' die wiederkommt!«

Eberhard stierte ihn an.

»Fortgegangen?« fragte er tonlos.

Jetzt kam der Alte von der Thür zurück, setzte die Platte wieder auf den Tisch und sah grinsend auf ihn herab.

»Tot ist sie! Was haben Sie denn auch gedacht?«

Eberhards Kniee zogen sich wie im Krampfe empor, sein Mund ging auf, als wenn er nach Luft schnappte, er stopfte beide Fäuste in den Mund, dann fiel sein Oberleib vornüber, so daß seine Brust beinah die Kniee berührte. Ein konvulsivisches Zucken ging durch seinen Körper.

Wie ein Teufel stand der Alte neben ihm.

»Das alles,« sagte er mit eiserner Stimme, »habe ich Herrn Baron zuvor gesagt, Herr Baron haben nicht hören wollen.«

Eberhard gab keine Antwort. Er hatte die Hände unter den Kopf gestützt, er dachte nach. Merkwürdig -- mitten in der Zerrüttung seiner Seele fühlte er deutlich, daß er ganz klar dachte. Der ganze gestrige Abend war ihm gegenwärtig, alle Einzelheiten standen vor seiner Seele. Mit einem Ruck warf er den Kopf auf.

»Aber als ich sie zuletzt sah, war sie nicht tot,« sagte er.

Es war ihm plötzlich in Erinnerung gekommen, daß als er aus dem Bibliotheksaale ging, Annas lebloser Körper sich zu regen begonnen hatte.

Der Alte that einen Schritt zurück; seine herabhängenden Hände ballten sich. Wollte der elende, verrückte Mensch da sich unterstehen, ihm zu sagen, daß sie nicht tot wäre? Es kam ihm vor, als sollte er um sein gutes Recht bestohlen werden.

Eberhard hatte sich erhoben.

»Wo ist meine Frau?« fragte er keuchend.

»Tot ist sie!« brüllte ihm der Alte ins Gesicht. »Und das hab' ich Herrn Baron immer gesagt, und Herr Baron haben nicht hören wollen, und nun ist es gekommen, wie ich's gesagt habe! Und wenn Herr Baron mir nicht glauben wollen, dann ziehen Herr Baron sich an und kommen mit hinunter; will ich Herrn Baron zeigen, allwo daß sie da unten liegt!«

Eberhard drückte beide Hände an den Kopf.

»Gib mir meine Sachen!« sagte er dann, »gib mir meine Sachen!«

In fliegender Hast kleidete er sich an.

»Also jetzt,« sagte er dann, »vorwärts!«

Schwankenden Schritts trat er auf den Flur, am Geländer sich haltend, wie ein Greis, arbeitete er sich, Stufe nach Stufe, die Treppe hinunter, und so ging es weiter, bis in den Garten hinab.

Der Alte faßte ihn unter den Arm, weil er seine hülflose Schwäche sah. Eberhard machte eine Bewegung, als wollte er es nicht dulden, aber die Zeit war vorüber, da er zu gebieten hatte.

»Kommen Sie,« sagte der Diener barsch. Jetzt hatte der gnädige Herr zu gehorchen.

Den Laubgang führte er ihn entlang, bis an das Gebüsch, dann brach er sich durch die Büsche hindurch, und einen Augenblick darauf stand Eberhard vor dem frisch zugeworfenen Loch.

Als er das sah, fiel er mit einem heulenden Schluchzen nieder, dann griff er mit den Händen in das Erdreich und begann, die Erde aufzuwühlen. Mit rauher Gewalt riß der Alte ihn fort.

»Ah, was soll denn so etwas!« sagte er.

Er nahm ihn wieder unter den Arm, noch fester als vorhin, ungefähr wie ein Polizist, der einen Entsprungenen geleitet. So führte er ihn aus dem Laubgange auf den Rasenplatz hinaus, in den Sonnenschein, und dort an eine Bank.

»Setzen Herr Baron sich hier,« gebot er.

Eberhards Widerstandskraft war gebrochen, er ließ sich nieder und drückte sich in die Ecke der Bank.

Der Alte ging um den Rasen herum und dann, auf der andern Seite des Platzes, so daß er Eberhard fortwährend unter Augen behielt, auf und nieder. Mit dem Knüppel, den er jetzt immer bei sich trug, schlug er in den Erdboden, daß der Kies raschelte. Dann setzte er sich auf eine Bank, Eberhard gerade gegenüber, und von dort aus stierte er unverwandt auf diesen hin. Er hätte tagelang so sitzen können, ohne sich zu langweilen.

Die »Einbrecherin« war beseitigt, er war wieder, was ihm von Gottes und Rechts wegen zukam, der Wärter seines »elenden, verrückten« Herrn -- er war zufrieden.

Und inzwischen saß der unglückliche Mann, die Augen zu Boden gesenkt, weil er unablässig den fürchterlichen Beobachterblick auf sich gerichtet fühlte, erdrückt unter der Last seines Bewußtseins, das ihm jede Willens- und Widerstandskraft raubte, das ihn zum hülflosen Kinde in den Händen des grauenvollen Alten da drüben machte. Er war ja ein Verbrecher, ein Mörder! Was für ein Recht hat ein solcher, sich aufzulehnen? Er hat zu schweigen und dankbar zu sein, wenn man ihm das Leben läßt. Und warum ließ man ihm das Leben? Weil man annahm, daß er verrückt sei. Also -- er war verrückt. Sein Kinn senkte sich auf die Brust, sein Körper kroch förmlich in sich zusammen.

Und dann kam immer wieder das merkwürdige Bewußtsein, daß er trotzdem ganz klar dachte. Er sträubte sich beinah dagegen. Kann ein Verrückter klar denken? Und dennoch war es so, und immer wieder und wieder tauchte die Erinnerung auf, daß sie sich zu regen begonnen hatte, als er aus dem Bibliotheksaale ging. Wäre nur der Alte nicht gleich bei der Hand gewesen, der ihn fortriß, so daß er nicht mehr Zeit behielt, noch einmal zurückzugehen und sich nach ihr umzusehen!