Part 8
An einem Sessel brach er in die Kniee; mit beiden Fäusten griff er sich ins Haar; er schlug die Stirn auf den Stuhl; ein heiseres Keuchen, beinah wie ein dumpfes Geheul, brach aus seiner Kehle.
»Ich will nicht! Ich will nicht! Ich will nicht!«
Dann ließ der Sturm nach; gebrochen blieb er am Boden liegen, und nach einer Stunde dumpfen kraftlosen Vorsichhinstarrens raffte er sich auf und schleppte sich nach seinem Lager.
Während sich dies begab, war dort oben im zweiten Stock noch jemand wach. Das war der alte Johann.
Er schlief nicht. Nein. Er wußte ja, daß er von jetzt an überhaupt nie mehr schlafen durfte. Seit heute war die »Einbrecherin« im Schloß. Das Unheil war eingezogen, jetzt hieß es, Wache halten! Das war sein Amt, seine Pflicht. Darum von nun an die Augen aufbehalten! Nicht mehr schlafen! Nie mehr schlafen!
Der Baron hatte ihm verboten, sich zu zeigen, wenn er heute nachmittag mit seiner jungen Frau ankommen würde.
Natürlich hatte er gehorcht; alte Haushunde sind gehorsam, aber wachsam sind sie auch. Und sie haben Zähne!
Er hatte auch ganz recht gehabt, der Herr Baron, daß er ihn fortschickte, daß er »die Person« in Sicherheit vor ihm brachte, ganz recht, ganz recht, ganz recht.
In seinem Zimmer eingeschlossen, drei Stunden lang und mehr war er ununterbrochen hin und her gegangen, die knochigen Hände reibend, immerfort das eine Wort murmelnd »ganz recht, ganz recht, ganz recht«.
»Ganz recht, daß du mich nicht an sie heranläßt -- denn wenn ich ihr zu Leibe könnte --« Bei diesem »wenn« knirschten seine Zähne, seine Fäuste streckten sich in die Luft.
Dann, als es elf Uhr geschlagen, hatte er gehört, wie jemand mit hastigen Schritten, als wenn er liefe, als wenn er flüchtete, die Treppe draußen heraufgekommen war. Er hatte gelauscht, hatte gehört, wie die Thür zum Zimmer des Barons aufgerissen, schmetternd zugeworfen und dann von innen verriegelt wurde.
Aha -- also, schon heut am ersten Abend fing es an! Das war der Baron, den er da hatte kommen hören, der jetzt da drüben in seinem Zimmer saß, wie die Maus im Loch, wie die dumme Maus, der man Speck gestreut hat und die genascht hat und jetzt dahinter kam, daß der Speck vergiftet gewesen war! Er grinste übers ganze Gesicht, er mußte an sich halten, daß er nicht laut herauslachte, laut, daß man's durchs ganze Haus hörte.
Die dumme, dumme Maus! Es war doch eigentlich zu komisch! zu lächerlich!
Dann war er über den Flur geschlichen, an die Thür seines Herrn, hatte sich mit dem Ohr an das Schlüsselloch gebeugt und gehorcht, und wie er da drinnen das Hin- und Hergehen, das Rasen, das Keuchen und Schnaufen hörte, hatte er grinsend mit dem Kopfe genickt: »Siehst du, siehst du, siehst du wohl?«
Die ganze Nacht hätte er so stehen können und horchen, denn es verursachte ihm ein namenloses Vergnügen, zu hören, wie sein Herr da drinnen litt. Das hatte er nun davon, der unglückselige, verrückte Mensch, und das geschah ihm recht! Ein Glück nur, daß wenigstens ein Vernünftiger noch da war, einer, der noch zum Rechten sehen und die verfahrene Geschichte wieder herausreißen konnte. Und das war er, der alte Johann; und er würde sie wieder herausreißen, ja, das würde er! Noch wußte er nicht genau wie, aber fertig bringen würde er es, das wußte er, das sagte er sich, indem er jetzt über den Flur zu seinem Zimmer zurückging, nicht mehr schleichend wie vorhin, sondern hocherhobenen Hauptes. Denn ein Stolz erfüllte seine Brust, daß er sich vorkam, als wäre er jetzt eigentlich der Herr im Hause, als hätte er zu befehlen und kein andrer sonst.
Er konnte sich noch gar nicht entschließen, in seine Kammer zurückzukehren; es war ein Gefühl in ihm, als müßte er noch irgend etwas thun, etwas vollbringen; ein solches Kraftgefühl, daß er am liebsten laut gebrüllt hätte. Darum stieg er noch einmal die Treppe hinunter und wandelte durch alle Gänge des Hauses, alles im Dunkeln, ohne Licht, wozu brauchte er denn Licht? Er fand sich ja auch im Dunkeln zurecht in seinem Hause. Sein Haus -- er drückte sich mit den Fingern die Lippen zu, damit sein Kichern nicht zum lauten Gelächter ward. Als er endlich zu seinem Zimmer zurückkehrte und über die Schwelle trat, bückte er sich. Er wußte, daß er plötzlich gewachsen war. Ja, ja, es war merkwürdig, aber wahr, er war gewachsen, mindestens um einen Kopf, darum mußte er sich in acht nehmen, sonst wäre er mit dem Kopfe oben an die Thür gestoßen. --
* * * * *
Der Frühling that seine Pflicht. Zu allen Ritzen und Löchern des Schlosses Fahrenwald schickte er am nächsten Morgen die Sonnenstrahlen hinein, als wollte er dem alten Kasten bis in die finstersten Eingeweide hineinleuchten und wärmen.
Als der Baron an das Fenster seines Zimmers trat und hinunterblickte, sah er, daß andre schon früher aufgestanden waren als er. Einen Strohhut auf dem Kopf, das Kleid hoch aufgeschürzt, wandelte im Blumengarten unten eine Gestalt zwischen den Beeten auf und ab, bald rechts sich niederbeugend, bald links, so daß der breitkrämpige Hut bedächtig auf und nieder schwankte. Es war seine junge Frau.
Die Sonne hatte sie früh am Morgen geweckt und ihr keine Ruhe im Bette gelassen.
Als er ihrer ansichtig wurde, war ihm, als sänke die Nacht und alles, was in der Nacht gewesen war, wie ein Spuk hinter ihm nieder, in eine endlose Tiefe. Ohne sich zu besinnen, riß er das Fenster auf und »Anna!« rief er laut hinunter.
Als sie seine Stimme vernahm, richtete sie den Kopf zu ihm auf, und als sie ihn erblickte, hob sie die Hände an den Mund und warf ihm Kußfinger zu. Ihr Antlitz, vom gelben Hute umrahmt, strotzend von Fülle und Jugend, sah aus wie eine Sonnenblume.
»Komm herunter Eberhard,« rief sie zu ihm hinauf, »hier unten ist's wundervoll.«
Wie der Morgenruf der Lerche drang ihre Stimme an sein Ohr. Das Leben war ihm wiedergegeben, und da unten stand es vor ihm, leibhaftig verkörpert in dem geliebten Geschöpf.
Er lehnte sich weit über die Fensterbrüstung hinaus. »Gleich komm' ich, gleich,« sagte er; aber während er das sagte, blieb er ruhig im Fenster liegen. Er konnte sich nicht satt sehen an ihr.
Sie stand und lächelte ihm zu und nickte; er nickte zurück. Dann zog sie ihr weißes Taschentuch hervor und wie mit einem Fähnchen winkte sie hinauf.
»Komm doch,« rief sie wieder, »komm doch endlich.«
Nun erhob er sich, um sich anzukleiden, und jetzt erst spürte er, wie schwer die Nacht ihn angegriffen hatte. Er taumelte beinah, und erst das kalte Brunnenwasser, mit dem er sich überströmte, brachte ihn wieder zu sich. Als er aber in den Garten zu ihr hinunterkam, vergaß er seine Schwäche und alle Leiden. Blaß war er freilich, aber das war sie ja an ihm gewöhnt; sie hüpfte ihm entgegen; er fing sie in seinen Armen auf, und als sie an seinem Herzen lag und die Liebe fühlte, die wie ein Strom aus diesem Herzen über sie dahinging, vergaß auch sie, daß sie gestern abend in Thränen eingeschlafen war.
Der Tag blieb dem Morgen treu, heiter und schön bis zum Ende. Aber weil er so schön war, wurde er für Eberhard von Fahrenwald anstrengend. Anna nahm ihn vollständig in Beschlag und schleppte ihn vom Morgen bis zum Abend im Park umher. Kaum daß sie ihm zu den Mahlzeiten Ruhe vergönnte.
Der Park hatte es ihr angethan; sie war geradezu darein verliebt. Bisher hatte sie ihn nur im allgemeinen kennen gelernt, nun sollte Eberhard ihr alle Winkelchen und Eckchen zeigen. Sie war in der Stadt groß geworden; die Natur, in die sie zum erstenmal hineinblickte, war für sie wie ein Märchenbuch, das man vor den Augen des Kindes aufschlägt. Jeder kleinste Vorgang darin war ihr ein Gegenstand des Staunens und Bewunderns. Unter jedem Baume, in dem eine Nachtigall saß, mußte Eberhard mit ihr stehen bleiben und dem Gesange lauschen; wenn ein Buchfink über den Weg vor ihnen herhüpfte, hielt sie ihren Begleiter am Arme fest, mit ausgestrecktem Finger zeigend: »Sieh doch nur, sieh! was für ein reizendes Tierchen!« Sie war vollständig zum Kinde geworden; sie brauchte nichts weiter, verlangte nichts weiter, sie war glücklich.
Der gestrige Abend mit seiner schwülen Erregung, seiner dumpfen Niedergeschlagenheit war in ihr ausgelöscht. Sie hatte ja ihren Gatten nicht recht begriffen, allerdings, aber sie hatte ja auch durch Erfahrung gelernt, daß man in solchen Augenblicken nicht in ihn dringen, ihn nicht fragen durfte; also fragte sie nicht.
Eine sinnliche Natur war sie nicht. Es kamen wohl Stunden und waren sogar dagewesen, wo ihr Blut heißer wurde -- aber für gewöhnlich war ihr das Verlangen der Sinne fremd, und es bereitete ihr keine Schwierigkeiten, sich eine Ehe zu denken, in welcher die Eheleute wie zwei gute Freunde nebeneinander hergingen.
Und sie begann sich mit der Vorstellung vertraut zu machen, daß ihr beiderseitiges Verhältnis fortan in dieser Art weitergehen würde.
Ob der Mann, der müden Schrittes hinter ihr drein kam, diese Gedanken in ihrer Seele las? Vielleicht.
Er war etwas hinter ihr zurückgeblieben, denn weil er ihr zu langsam ging, hatte sie sich von seinem Arme losgerissen. Nun sah er sie vor sich dahintrippeln mit hastigen, fröhlichen Bewegungen, den grün übersponnenen Laubgang entlang, durch dessen Dach die Sonne ihr Licht in verstreuten Funken herniederschickte, die junge Gestalt wie mit Edelsteinen übersäend.
Wie glücklich sie war! Und wie ihr Glück ihm die tiefste Seele erwärmte!
Aber wie harmlos auch, wie sorglos sie war! Wie so keine Ahnung sich in ihr regte von dem, was gestern abend in ihm vorgegangen war, von all dem Dunklen, Entsetzlichen!
War es nicht gut, daß es also war? Freilich war es gut. Aber warum seufzte er trotzdem innerlich auf?
Er fühlte, daß er dieses alles vor ihr verstecken mußte. Den einen Menschen, der in ihm war, den gütigen, liebevollen, edlen Menschen, den durfte er ihr zeigen, -- den andern mußte die Nacht bedecken und das Dunkel, daß sie nie in sein Gesicht sah -- denn wenn sie es gesehen hätte -- Und also mußte er stark sein und immer stark, und allein für sich tragen und schweigen.
Und so, indem er sie vor sich herschlendern sah, im Sonnenlichte gebadet, sie selbst wie ein verkörperter Sonnenstrahl, kam er sich vor wie das dunkle Gewölk, das hinter dem Lichte einherzieht, in dessen Schoß das Ungewitter brütet, der Untergang des Lichtes und sein Tod. Wer war vorhanden, um das vertrauensvolle Licht davor zu bewahren, daß das Ungewitter es verschlang? Nur er selbst. Er selbst war ihre Gefahr und sollte ihr Beschützer vor ihm selbst sein. Indem er die furchtbare Anforderung empfand, die von nun an jede Stunde und Minute, jeder Anblick des ersehnten Weibes an seine Selbstbeherrschung stellte, überlief es ihn wie ein Grausen.
Würde er Kraft behalten? Immer? Es legte sich schwer auf seine Brust, beinahe wie eine Todesangst.
Und dieses Angstgefühl verließ ihn nicht mehr; es wurde zu einer bleibenden, körperlichen Beklemmung, und diese Beklemmung wuchs, je mehr der Tag sich zum Ende neigte. Das Dunkel erschreckte ihn; er fürchtete sich vor der Nacht. Als er daher gegen Abend mit seiner Frau ins Schloß zurückgekehrt war, ließ er alles, was an Lampen aufzutreiben war, anzünden, damit Licht würde, damit er sich das Tageslicht einbilden könnte. Denn bei Tage, so schien es ihm, hatte der Dämon keine Gewalt über ihn. Nur hatte er dabei vergessen, daß in dem Lichte, das jetzt, aus allen Spiegeln widerstrahlend, die Gemächer füllte, auch die Gestalt des Weibes um so leuchtender hervortreten mußte. Und gerade vor ihr fürchtete er sich ja am meisten. Heute, im Laufe des Tages, als sie mit ihm den Park durchtändelt hatte, war sie ihm wie ein kleines Mädchen, wie ein Kind erschienen, dem gegenüber die Sinne schweigen -- jetzt, da die Nacht kam, wurde sie wieder zum Weibe. Jede Bewegung ihrer Glieder wuchs in seiner Phantasie zu einer verstrickenden Umarmung, jedes Rauschen ihres Kleides zu einem sinnbethörenden Lockruf.
»Ich ziehe mir meinen Morgenrock an,« hatte Anna gesagt, als sie ins Schloß zurückkehrten, und es hatte ihm auf der Zunge geschwebt, zu sagen, »thu's nicht!«
Aber er sagte es nicht. Was hätte sie denken müssen? Wie hätte sie es verstehen können? Sollte er sagen, daß er wahnsinnig sei? Er selbst? Er lächelte.
»Freilich, freilich; wir gehen wohl heute früh zu Bett? Du wirst dich müde gelaufen haben?«
Als er zu ihr zurückkam, stand sie vor einem Bilde, mit einer Lampe hinaufleuchtend. Der weite Aermel des Schlafrocks war zurückgefallen, der volle weiße Arm kam bis über den Ellbogen hervor. Alles vergessend, wollte er mit einem Sprunge sich über sie stürzen -- da wandte sie sich lächelnd um. Ein harmloses, ahnungsloses Kinderlächeln. Alles war für den Augenblick vorbei. Ruhig trat er zu ihr heran und nahm ihr die Lampe ab.
Heute, nachdem sie zu Abend gespeist hatten, wartete er nicht, bis die Uhr auf dem Kamin elf schlug.
»Du bist müde?« fragte er.
Sie nickte ihm mit traumverschleierten Augen zu.
In einem Armstuhl saß sie da, behaglich hintenüber gelehnt, die Füße weit ausgestreckt und übereinander gelegt.
»Die Frühlingsluft macht so müde,« sagte sie mit dämmernder Stimme, »und es ist so schön, einzuschlafen, während man die Nachtigallen singen hört -- horch doch nur, wie das klingt -- entzückend.«
Er war an das geöffnete Fenster getreten -- sie hatte recht. Wie die Stimme des Frühlings drang der süße Ton der Nachtigallen aus dem nachtdunklen Parke herauf. Liebe war es, die ihren Gesang erweckte, und es war, als riefen sie allen Geschöpfen der Erde zu »liebt euch, jetzt ist die Zeit der Liebe«. Und da stand er und durfte nicht lieben. Die Qual, die er empfand, war so groß, daß er lange Zeit lautlos am offenen Fenster stehen bleiben mußte. Dann trat er zu ihr.
»Nun gute Nacht,« sagte er. Er stand über sie gebeugt; sie blickte lieblich zu ihm auf.
Plötzlich griff er mit der Hand hinunter und riß ihr den einen Schuh vom Fuße.
Sie erschrak beinah.
»Aber Eberhard.«
Sie wollte nach ihrem Schuh greifen, aber er hielt ihn fest.
»Ein Andenken,« rief er, »ein Andenken,« er lachte dabei laut, beinahe gellend, und dann, indem er den Schuh, in dem noch die ganze Wärme ihres Fußes war, an die Lippen drückte, schoß er auf die Thür zu und war hinaus. Kopfschüttelnd saß Anna und sah ihm nach; dann erhob sie sich, und den einen Fuß im Schuh, den andern im Strumpfe, wanderte sie in ihr Schlafgemach.
Eine Reihe von Tagen folgte, alle diesem Tage gleich. Luft und Himmel voll Sonnenschein, das Laubgezelt des Parks immer dichter anschwellend zum grünen, rauschenden Wald, von Düften durchflutet, von Vogelstimmen durchtönt, und durch die grünende Wildnis dahinwandelnd die rosige blühende Frau und der bleiche hohläugige Mann.
Immer größer wurde der Abstand, in dem sie gingen; immer weiter flog sie ihm voran, immer müder blieb er zurück, und es kam auch schon vor, daß er sich auf eine Bank niedersetzte und sie allein auf Entdeckungen ausziehen ließ.
Die schlaflosen Nächte griffen ihn zu furchtbar an. Seine Nerven waren des Morgens wie aufgeweicht, um sich dann im Laufe des Tages allmählich aufzustraffen, bis daß sie am Abende wieder angespannt waren, wie die Saiten eines Streichinstrumentes, jeden Augenblick zum Springen bereit.
Jeden Abend dann wieder das Aufsteigen des wütenden Verlangens und das Niederkämpfen desselben, so daß sein Inneres einem Schlachtfelde glich, und jeden Abend die Wiederkehr einer Erscheinung, die er sich nicht zu erklären vermochte, und die trotzdem vorhanden war, die er empfand, mit Grauen empfand:
Jeden Abend, wenn er in sein Zimmer gekommen war, hatte er ein Gefühl, als stände etwas hinter ihm, irgend etwas, er hätte nicht sagen können, was. Etwas Fürchterliches, das unablässig auf ihn hinblickte, mit grünen Augen, mit einem wartenden Blick. So deutlich empfand er die Anwesenheit dieses schrecklichen, unsichtbaren Etwas, daß ihm manchmal geradezu war, als hörte er ein leises, keuchendes Atemholen, so daß er die Lampe aufnahm und Winkel und Ecken seiner Zimmer durchstöberte, bis daß er die Lampe wieder niedersetzte und sich sagte, daß niemand da war und nichts, daß alles nur in ihm selbst war, ein Spukgebilde seiner Seele, der Wahnsinn, der Wahnsinn.
Eines freilich sah er bei diesen Gelegenheiten nicht: wenn er mit der Lampe in der Hand durch seine Zimmer stöberte und der Thür nahe kam, die zum Flur ging, dann sah er nicht, wie sich draußen an der Thür eine hagere Gestalt aufrichtete, die bis dahin lauernd zum Schlüsselloch gebeugt, mit leise keuchendem Atemholen gestanden hatte und nun, wenn sie seine Schritte nahen hörte, über den Flur hinweg huschte und sich in den Schatten des großen Schrankes drückte, der an der Wand des Flurs, neben der Thür stand.
Anna hatte in den letzten Tagen sein übles Aussehen bemerkt und ihn zärtlich besorgt gefragt, ob ihm etwas fehle. Aber er hatte hastig und entschieden verneint, »Gar nichts fehlte ihm, er war vollkommen wohl!« Und um sie zu beruhigen, hatte er sogleich einen weiten Spaziergang mit ihr durch den Park gemacht.
Mit aller Gewalt hatte er sich zusammengenommen und zusammengerafft; liebenswürdig und freundlich war er gewesen, wie nur je zuvor.
»Daß nur sie nichts merkte! Um Gottes willen, nur nicht sie!«
Aber diese letzte gewaltsame Anspannung gab ihm den Rest.
Da er sich heute, seiner Versicherung nach, so wohl fühlte, hatte Anna ihn wieder durch den ganzen Park mit sich genommen, herauf und herab, die Kreuz und die Quer. Mehrere Vogelnester hatte sie entdeckt, die noch im Bau begriffen waren, und das Treiben der Vögel dabei war doch zu reizend, jedes einzelne mußte sie ihm zeigen. Und nachdem das erledigt war, hatte er ihr dahin folgen müssen, wo sie ihren Gemüsegarten anzulegen gedachte; sie hatte ihm die einzelnen Felder schon gezeigt, wo Salat gebaut werden sollte, und Bohnen, Rüben und Tomaten, und was es alles gab.
Am Abend war sie daher schläfrig geworden wie ein Kind, das sich tagsüber müde gespielt hat.
»Heute werde ich aber gehörig schlafen,« sagte sie, als sie sich erhob, um ihm gute Nacht zu wünschen.
Er war heut so besonders liebenswürdig gewesen, dafür war sie ihm Dank schuldig. Zärtlich hing sie sich um seinen Hals, um ihn zu küssen. Wie es jetzt in seiner Gewohnheit lag, richtete er den Oberleib steif auf, als wollte er ihren Lippen ausweichen, aber sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, heute sollte er einmal seinen Kuß bekommen. Lachend versuchte sie, mit ihrem Munde an den seinen zu gelangen, und weil ihre Körperlänge dazu nicht ausreichte, stieg sie mit den Füßen auf seine Füße. Indem sie sich auf den Spitzen erhob, reichte sie ihm bis an den Mund, und nun erhielt er einen langen, warmen, liebevollen Kuß.
Ihre Lippen lagen auf den seinen, ihr junger Leib drängte sich an ihn, auf seinen Füßen empfand er ihre warmen weichen Füßchen.
In dem Augenblick war ihm zu Mute, als risse etwas in ihm, beinah, als spränge eine Saite, so daß er das Nachsummen des Schlags in seinen Ohren zu vernehmen meinte.
Er schob sie von sich.
»Gehst du jetzt zu Bett?« fragte er; der Ton seiner Stimme war lallend.
»Freilich geh' ich zu Bett.«
An der Thür des Schlafzimmers blieb sie noch einmal stehen und warf ihm, traumselig nickend, Kußfinger zu.
Kaum daß sie dann ihr Lager erreicht hatte, war sie schon eingeschlafen.
Einige Zeit später, sie hätte kaum sagen können, ob Stunden oder nur Minuten, wurde sie durch ein Geräusch geweckt, und als sie blinzelnd die verschlafenen Augen öffnete, bemerkte sie, daß ein Lichtschein im Zimmer war. Wie kam das? Sie hatte doch vor dem Einschlafen alles Licht gelöscht?
Indem sie sich allmählich ermunterte, sah sie, daß das Licht von der Thür herkam, und durch den blauseidenen Bettvorhang hindurch gewahrte sie eine dunkle Gestalt, die in der Thür stand. Genau zu erkennen vermochte sie nicht, wer es war.
»Bist du's, Eberhard?« fragte sie schläfrig.
Es erfolgte keine Antwort. Die Gestalt rührte sich nicht. Sie richtete sich auf den Ellenbogen auf.
»Eberhard, bist du's?« fragte sie noch einmal.
Jetzt kam die Gestalt mit einem Schritt heran, bis an das Fußende ihres Bettes, schlug den Vorhang zurück -- ein Licht in Händen, stand ihr Gatte vor ihr, Eberhard von Fahrenwald.
Er gab keinen Laut von sich, seine Augen ruhten auf ihr, mit stierendem, beinahe gläsernem Blick.
Sie wußte nicht, was sie denken sollte, verwirrt schaute sie ihn an. Dann streckte sie den Arm nach ihm aus.
»Aber Eberhard -- was machst du denn?«
In dem Augenblick hatte er das Licht auf den Nachttisch gesetzt und ihren Arm mit beiden Händen ergriffen. Als wäre ihr Arm in einen Schraubstock gespannt -- so war es. Es wurde ihr unheimlich.
»Aber -- so sprich doch nur ein Wort,« bat sie leise.
Er sprach nicht; es war, als hörte er sie überhaupt nicht. Plötzlich ließ er ihren Arm fahren, griff sie mit beiden Händen an den Schultern und drückte sie in die Kissen zurück. Sie lag wie gefesselt unter seinen Händen, unfähig sich zu bewegen; ihre Augen blickten angstvoll in sein Gesicht empor, das mit steinernem, rätselhaftem Ausdruck über sie gebeugt war.
»Was thust du denn?« stammelte sie; dabei warf sie die Schultern hin und her und versuchte, sich seinem Griffe zu entwinden.
Als er die windenden Bewegungen ihres Körpers fühlte, bog er plötzlich den Oberleib zurück, richtete sich auf, sein Anblick wurde wie der eines wilden Tieres, das sich zum Sprunge auf die Beute anschickt.
Von Todesangst gepackt, fuhr sie auf und aus dem Bette. Keuchend stand sie, zu ihm hinüberblickend, der auf der andern Seite des Bettes stand. In das Zimmer ihrer Jungfer zu gelangen, vermochte sie nicht, weil er zwischen Bett und Thür war.
Als er jetzt aber eine Bewegung machte, als wollte er auf sie zu, stieß sie einen gellenden Schrei aus, und so wie sie war, mit nackten Füßen, nur im Hemd, rannte sie durch die Thür, durch die er gekommen und die hinter ihm offen geblieben war, in ihr Wohnzimmer. Halb sinnlos vor Angst drückte sie sich hinter dem Ruhebett nieder, das an der gegenüberliegenden Wand stand. Ein Augenblick verging -- dann erschien der Verfolger auf der Schwelle, das Licht haltend, mit dem Lichte nach ihr suchend.
Jetzt hatte er sie entdeckt -- und wieder sprang sie auf und flüchtete weiter, in das nächste Zimmer. Hinter ihr kam er her, mit langen Sprüngen. Aus dem zweiten Zimmer ging es in das dritte, in das vierte und weiter, immer weiter, durch alle Zimmer hindurch, die Galerie entlang, bis daß sie endlich im Bibliotheksaale, am Ende der Zimmerflucht angelangt war und sich bewußt wurde, daß es nun nicht weiter ging, daß sie gefangen war, verloren war. -- Mitten im Saale, die entsetzten Augen auf ihn gerichtet, blieb sie stehen, beide Arme reckte sie in die Höhe, -- ein verzweifeltes Geschrei -- und jählings, mit schwerem Fall schlug sie auf den Fußboden nieder, ohnmächtig, wie eine Leiche anzusehen.
Als dies geschah, als er den Schrei vernahm und die weiße Gestalt zusammenbrechen sah, blieb der Mann stehen und sah sich einen Augenblick wie verwundert um. Es sah aus, als müßte er seine Erinnerung sammeln. Dann kam er, das Licht hoch haltend, mit vorsichtigen Schritten da heran, wo das da am Boden lag, das Weiße. Er senkte das Licht und leuchtete über die regungslose Gestalt hin, richtete sich wieder auf und trat einen Schritt zurück. Er setzte das Licht auf den Tisch, und auf die Tischplatte niederstarrend, fing er wieder an, sich zu besinnen, nachzudenken, nachzudenken. Dann erhob er die Augen, richtete sie dumpf brütend den Fenstern zu, hinter denen die schwarze Nacht hing, und nun war es, als käme aus weiter Ferne der Nacht ein Licht heran, ganz fern erst, ganz klein, aber näher kommend, immer näher, bis daß es sein Gesicht erreicht hatte, bis daß es in seine Augen gestiegen war. Und nun begannen die Augen, die bis dahin gläsern gestiert hatten, wieder zu sehen, die Züge des verwandelten Gesichts wandelten sich wieder zurück, und nun war es wieder Eberhard von Fahrenwald, der dort am Tische stand.