Part 7
Sie blickte ihn von der Seite an; sie faßte seine Hand und drückte sie; dann schob sie ihre heiße Wange an seine Wange; die Neugier war zu mächtig in ihr geworden, sie mußte erfahren, was für ein geheimnisvolles Verlangen das gewesen war.
»Sag's mir doch,« hauchte sie, »sag's mir, ich bitte dich.«
Er wandte den Kopf zurück und drückte ihn an ihre Schulter, als wollte er sich verbergen, zugleich aber fühlte sie, wie seine Hände sich an ihren Leib preßten.
»Da überkam mich ein Verlangen,« sagte er dumpf, »dieses, was ich in den Armen trug, dies Köstliche, dies Warme, Weiche in meinen Armen zu zerdrücken, zu ersticken, zu zermalmen --«
Seine Stimme, anfänglich dumpf und schwer, war immer lauter geworden; sein Atem flog, und als er jetzt die flackernden Augen auf Anna richtete, sah es aus, als würde er sich von neuem über sie herstürzen, wie er vorhin gethan hatte. Von Annas Gesicht war die Röte jählings gewichen, unwillkürlich streckte sie, wie abwehrend, die Hände gegen ihn aus.
»Eberhard --« preßte sie hervor.
Im Augenblick, als er ihre erschrockene Stimme vernahm, ließ der Taumel von ihm ab; sein Körper sank kraftlos in sich zusammen. Er ließ die Arme an ihr niedergleiten, drehte sich im Sessel herum und legte das Gesicht auf die Stuhllehne.
»Warum fragtest du auch?« stöhnte er dumpf.
Anna stand vor ihm; sie fühlte sich so schuldig. Begütigend streichelte sie über sein Haar.
»Eberhard,« sagte sie, »sei doch nicht so außer dir; es war ja alles nur eine Einbildung.«
Er gab keine Antwort, aber er schüttelte das Haupt, daß es aussah, wie ein trostloses »Nein«. Dann sprang er auf, und beide Hände an die Schläfen gedrückt, ging er im Zimmer auf und ab.
Endlich blieb er stehen, plötzlich und wie mit einem Ruck. Sein Körper richtete sich straff empor, beide Arme streckte er vor sich hin, wagerecht und mit geballten Fäusten.
»Nein!« sagte er laut, »nein! nein!«
Es sah aus, als spräche er mit irgend einem Unsichtbaren. Anna blickte sprachlos zu ihm hinüber, sie wagte nicht zu fragen, mit wem er sich unterhielt.
Er ließ die Arme sinken und wandte sich um. Als er ihren entsetzten Blick gewahrte, kam er auf sie zu.
»Aengstige dich nicht,« sagte er, »ich habe es in der Gewohnheit, manchmal laut zu denken.«
Er war völlig beruhigt, seine Stimme klang sicher und fest.
Sie schöpfte wieder Mut.
»Was dachtest du denn?« fragte sie, zärtlich an ihn geschmiegt.
»Ich habe mir das Versprechen gegeben,« erwiderte er, »daß mir das nie wieder begegnen soll. Das, was ich dir vorhin erzählt habe, ist in mir gewesen, ja. Aber es ist gewesen, verstehst du, und nun ist es nicht mehr da. Nun kommt es nicht wieder, das verspreche ich mir, das verspreche ich dir! Niemals!«
Er hatte den Arm um sie gelegt, er stand neben ihr, stark und gesund, wie einer, der Herr seiner selbst ist, wie ein ganzer Mann.
»Siehst du,« fuhr er fort, »ich habe dir kein Hehl gemacht über meine Schwäche, darum darfst du mir glauben, was ich dir jetzt sage: ich liebe dich, Anna. Ich liebe dich so unsäglich, daß der Gedanke, es könnte dir ein Leid geschehen, mich umbringt und vernichtet. Glaubst du mir das?«
Er blickte auf sie nieder; ein Strom von tiefem, warmem Gefühl floß über sie hin; aus allen Schatten und Wolken, die unverständlich, unbegreiflich und unberechenbar in dieses Menschen Seele wogten, tauchte immer wieder das edle, herrliche Herz wie ein leuchtender Stern empor.
»Ja, Eberhard,« versetzte sie, »das glaube ich dir so sicher, daß ich es weiß.«
Sie legte die Arme um ihn und drückte die Lippen auf seine Brust.
»Wo solch ein Herz ist,« sagte sie, »da ist ja alles andre ganz gleichgültig. Darum glaube auch du mir, was ich dir sage: ich fürchte mich nicht vor dir, Eberhard, gar nicht. Ich liebe dich, Eberhard, wie nur eine Frau einen Mann lieben kann.«
Er küßte sie auf den Scheitel, und die Berührung seiner Lippen war wie ein Hauch. Man fühlte, wie er nur seiner Seele noch Zutritt zur Geliebten gestatten wollte und seinen Sinnen Einhalt gebot. Und so kam nach der Erregung, die vorangegangen war, eine Stunde so tiefer Ruhe für die beiden Menschen, wie sie sie kaum je zuvor genossen hatten.
Als er dann aber von ihr ging und die Thür hinter sich geschlossen hatte, so daß Anna ihn nicht mehr sah, schwellte ein Seufzer seine Brust -- der schwere Seufzer der Entsagung.
Inzwischen war es Mai geworden, und der Frühling hielt seinen siegprangenden Einzug.
Eines Tages, als der Baron vom Schlosse draußen hereinkam, brachte er Anna die Kunde mit, daß auch im Fahrenwalder Parke der Lenz eingekehrt sei, daß die Kastanien blühten und der Flieder.
»Auch in deinen Zimmern im Schlosse selbst,« sagte er, »ist es Frühling geworden; sie sehen aus, wie zwei junge fröhliche Augen in einem alten Gesicht -- die Einrichtung ist fertig -- wenn du nun willst, so ist die Zeit gekommen, daß Frau von Fahrenwald ihr Reich betritt -- willst du?«
Sie wollte.
Er hatte ihr seine Mitteilungen leise und beinahe feierlich gemacht, wie jemand, der an eine große Entscheidung herantritt. In derselben Art hatte Anna sie hingenommen. Die Vorbereitungen zum neuen Dasein waren vollbracht, nun kam das neue Dasein selbst; durch dunkle und helle Stunden war sie hindurchgegangen, nun sollte es sich entscheiden, ob ihr Leben fortan ein großes Licht oder ein großes Dunkel sein würde. Ein Schauer ging über ihr Herz -- aber ihr Entschluß war gefaßt, sie wollte. --
In verborgenster Stille, beinahe verschwiegen, fand die Hochzeit statt.
Der standesamtlichen Trauung folgte eine kirchliche Einsegnung im Hause, wo Anna bei dem Onkel und der Tante gewohnt hatte. Anna fühlte kein Bedürfnis, sich in einer Kirche öffentlich zur Schau zu stellen und die klatschsüchtige Neugier zu Gast dazu zu laden.
Ihr Gesicht war kaum minder weiß, als das weiße Brautkleid, in dem sie erschien; als sie, mit dem Myrtenkranze im Haare, vor dem Geistlichen kniete und ihre Hand in die Hand des Bräutigams legte, mochte mancher von den wenigen Trauzeugen für sich denken: »Ein Opfer, das zum Altar geführt wird.«
Blaß, schweigsam, mit einem Ausdruck unergründlichen Ernstes in den Zügen, stand Eberhard von Fahrenwald an ihrer Seite.
Ein leises Mittagsmahl, dem nur wenige Gäste anwohnten, schloß die Feierlichkeit ab. Reden wurden nicht gehalten; es lag wie ein Gewölk über der Versammlung. Bei jeder Hochzeit steht man wie vor einem geschlossenen Vorhang. Hier aber war der Vorhang von dunkler Farbe und geheimnisvolle Zeichen waren in ihn verwebt.
Nachdem die Tafel aufgehoben war, kehrte Anna zum letztenmal dahin zurück, wo sie als Mädchen gewohnt hatte. In aller Stille wollten sie beide am Nachmittage nach Fahrenwald hinaus fahren. Koffer und Kisten waren schon am Tage vorher vorausgegangen.
Nachdem sie den Brautstaat abgelegt und das Reisekleid angethan hatte, erschien ihr Gemahl, um sie abzuholen. Bald darauf saßen sie im Eisenbahnwagen, und wieder einige Zeit darauf stampften die Rosse vor dem Wagen, der sie zum Schlosse hinaustragen sollte -- heute für immer.
Wie anders, wie viel schöner sah sich heut alles an, als damals, da sie zum erstenmal diesen Weg gefahren war. Der reiche Ackerboden, der so lange unter Schnee und Regen begraben gelegen hatte, kochte förmlich von Fruchtbarkeit; die jungen Saaten schossen empor, daß es aussah, als wollte ein Feld das andre im Wachstum überbieten; die Sonne, die sich zum Untergange neigte, warf lange, warme, rotgoldene Lichter über das junge samtartige Grün.
Heute brauchte man keine Fußsäcke und keine Decken. Schweigend, Hand in Hand, saßen Anna und der Baron in ihrem Wagen, mit stillen Augen hinausblickend in das stille Land, die Wangen von der linden Abendluft umspielt, den Duft einatmend, der aus der frühlingsfeuchten Erde emporstieg.
Die Dorfbewohnerschaft hatte das junge Paar mit schmetternder Festlichkeit empfangen wollen; der Baron hatte alles abgelehnt und, damit die Leute nicht um ihre Freude kämen, sich durch reiche Geldspenden von dem geplanten Empfange losgekauft. Damit hatte er ganz in Annas Sinn gehandelt. Auch ihr war nicht nach rauschendem Jubel zu Mute; Arm in Arm mit ihm, wie sie es am ersten Tage gemacht hatte, wollte sie auch heute durch den Park zum Schlosse gehen.
An der bewußten Stelle, wo die Parkwege sich mit der Fahrstraße vereinigten, hielt darum auch heute der Wagen an und beide Fahrenwalds stiegen aus.
Da lag er wieder vor ihr, der Park, an den sie so oft in stillen Stunden gedacht, nach dem sie sich gesehnt, den sie so lieb gewonnen hatte, der ihr wie ein Vermittler zwischen dem bisherigen und dem zukünftigen Leben erschien; da lag er, und wenn die Bezeichnung, die er trug, jemals auf ihn gepaßt hatte, so war es heute der Fall: »das Schlesische Paradies«.
An der Kreuzung der Wege blieb Anna stehen, beide Arme in kindlicher Wonne ausbreitend.
»O Eberhard!« seufzte sie aus tiefster Brust, »wie herrlich! wie schön!«
Am Eingang des Parks, wie ein Grenzpfahl, stand ein mächtiger Eichbaum. Am knorrigen Stamme, einige Fuß über dem Erdboden, war ein Kranz aufgehängt, von bunten Bändern umflattert, in dessen Mitte sich eine Tafel mit einer Inschrift befand.
»Was ist denn das?« fragte Anna.
Sie trat heran und las:
»Tritt gern herein, in Freuden bleib, Und sei mein Leben und mein Weib.«
Sie wandte sich um.
»Von wem ist denn das?«
Eberhard von Fahrenwald stand ganz verlegen da.
Jauchzend flog sie ihm um den Hals.
»Eberhard, du? Du hast das gedichtet?«
Er hielt lächelnd ihr Haupt in seinen Händen.
»Gedichtet?« erwiderte er, »nun -- jedenfalls siehst du, ein großer Dichter bin ich nicht.«
Sie blickte ihm in die Augen.
»Ach, siehst du, das ist nun wirklich ein ganz entzückender Gedanke von dir! Auf so etwas, siehst du, kann wirklich nur ein so guter Mensch kommen, wie du es bist! Nun aber mußt du mir den Kranz herunterholen, damit ich ihn bei mir aufhängen kann.«
»Aufhängen willst du ihn? Bei dir?«
»Ja!« erklärte sie. »Den hänge ich in meinem Zimmer, womöglich in meinem Schlafzimmer auf, und alle Abend, wenn ich zu Bette gehe, und jeden Morgen, wenn ich aufstehe, lese ich, was du geschrieben hast.«
»Gut,« versetzte er, »heute bekomme ich ihn nicht herunter, dazu braucht es eine Leiter, aber morgen soll er in deinem Zimmer sein.«
Den Weg, den sie das erste Mal gegangen waren, die Buchenallee, wandelten sie nun entlang. Heute war kein Aufruhr in der Natur wie damals; das magere junge Laub hing still zu ihren Häupten; heute brauchte sie sich nicht an ihn zu drängen in ängstlicher Beklommenheit; alles war so friedlich, so ruhig, auch er, an dessen Arm sie ging. Ja -- er war so ruhig, daß es beinahe wie eine leise Schwermut aussah.
In den Seitenweg bogen sie alsdann ein, und nun war es wirklich ein Meer von wogenden grünen Wipfeln, das ihr entgegenrauschte. Die weißen Kastanien hatten schon abgeblüht, aber wie versprengte Rubinen flammten hie und da die Blüten der roten im Blätterdickicht auf. Am Himmel lag purpurner Wiederschein der gesunkenen Sonne, und alles war so groß, so wunderbar und schön, daß Annas Herz in tiefer, wonnevoller Seligkeit überschwoll.
»O Eberhard,« flüsterte sie, »freust du dich denn auch so wie ich?«
Er blickte zärtlich auf sie nieder und drückte schweigend ihren Arm. Sie befanden sich gerade an der Stelle, wo er ihr damals gesagt hatte, daß sie seine Sonne sein sollte und daß er die Erde wäre, die sich um die Sonne dreht.
Wie wild hatte er sie damals umfaßt -- wie sanft und ruhig war er heute. Hatte sich etwas in ihm verändert seitdem? Nun -- jedenfalls war es besser so, wie es heute war. Jetzt kamen sie in die Nähe des Schlosses, und wieder blieb Anna mit einem Ausrufe der Ueberraschung stehen; von oben bis unten war das mächtige alte Gebäude mit frischem hellen Farbenanstrich versehen.
Eberhard lächelte.
»Es war eigentlich noch zu früh im Jahre zum Anstreichen,« sagte er, »aber ich wollte, daß dir das Haus ein freundlicheres Gesicht zeigen sollte, als das erste Mal.«
Sie neigte das Haupt in stummen Gedanken. Jeder ihrer Wünsche war in seinem Gedächtnis niedergelegt, wie ein Wertstück in den Händen eines treuen Verwalters.
Durch die Halle mit den Jagdtrophäen schritten sie hindurch, welche heute abend durch zwei große, in den Ecken aufgestellte Kandelaber erhellt wurde, und eben solche Kandelaber standen im Flure am Fuße der großen Treppe. Große, schwere, altertümliche Leuchter, mit steif gestreckten Armen von Messing, mit dicken Wachskerzen besteckt.
Auf jedem Treppenabsatze stand ein solcher Kandelaber und in gleicher Weise waren Flur und Gänge beleuchtet. Ein stilles, schweres, goldiges Licht.
»Heut gehen wir nicht durch die Bibliothek, sondern gleich in dein Zimmer,« sagte der Baron, als sie die Treppe erstiegen hatten. Er führte sie den Gang entlang, der auf den Flur stieß, dann that er eine Thür auf, die sich von links auf den Gang öffnete, und nun schlug Anna, geradezu entzückt, beide Hände ineinander. Sie waren in ihren Gemächern angelangt, die Fenster standen offen, und durch sie hinaus blickte man in den Park und über den Park hinaus in die weite grünende Landschaft. Im Kamin, den Fenstern gegenüber, flackerte ein lustiges Feuer von Fichtenscheiten; der harzige Duft des brennenden Holzes vermengte sich mit der einströmenden Frühlingsluft zu einem feinen, köstlichen Wohlgeruch. An den Wänden, die mit einer hellfarbigen, mit blaugoldenen Mustern geschmückten Tapete bedeckt waren, hingen Landschaftsbilder, die aus den nebenanliegenden Gemächern hierhergeschafft worden waren; ein Schreibtisch in allerliebstem Schnörkelstile in einer Fensterecke, Stühle mit silberdamastenen Polstern, und ein Ruhebett von dem gleichen Stoffe; zwischen den Fenstern ein hoher Wandspiegel, in schwerem goldbronzenen Rahmen, und das Ganze überflutet vom sanften Lichte eines zierlichen, von der Decke herabhängenden Kronleuchters, und mehrerer, in den Ecken verteilter Lampen, deren Glocken mit roter Seide umhüllt waren. Ein Aufenthalt, wie für eine Fee, hergerichtet von einem guten Geiste.
Der Baron öffnete die Thür zum Nebenzimmer, wo eine große Glasglocke, blau verschleiert, von der Decke schwebte und ein trauliches Licht verbreitete. An der gegenüberliegenden Wand, unter einem Zelte von mattblauer Seide, stand ein Bett, kostbar und reich im Gestell, schneeweiß leuchtend mit seinen Kissen und Linnen vom feinsten Gespinst.
Sprachlos, von Dankbarkeit überwältigt, hing Anna am Halse ihres Gatten; so viel hatte sie von ihm empfangen, dies aber war doch das Höchste. So beschenkt nur ein Mensch, dessen Seele uns nachgeht, ununterbrochen und überall.
»Ich denke,« sagte der Baron, »wir rufen jetzt deine Jungfer, damit du die Reisekleidung abthust und es dir bequem machst!«
Er ließ den Blick umhergehen; auf Stühlen und Sofas des Schlafzimmers lagen Annas eben ausgepackte Kleidungsstücke verstreut; eine Haus- und Morgentoilette von rosarotem Wollenstoff lag obenan, zum Gebrauche bereit.
»Ich gehe unterdes zu mir hinauf,« fuhr er fort, »und wenn ich wiederkomme, abendbroten wir, und wenn es dir recht ist, lassen wir hier in deinem Zimmer anrichten, hier ist es gemütlicher, als da drüben.«
»Zu mir hinauf,« hatte er gesagt -- sie sah ihn fragend an.
»Wo wohnst denn du eigentlich?«
»O -- ziemlich weit von hier,« gab er zur Antwort, »da oben im zweiten Stock.«
Er sah die Ueberraschung auf ihrem Gesicht; aber es war, als wollte er weitere Fragen abschneiden. Er nahm ihren Kopf zwischen die Hände, küßte sie auf den Scheitel und mit einem »auf Wiedersehen« ging er hinaus.
Von der Thür aus hatte er ihr lächelnd zugenickt. Bildete sie es sich nur ein, oder war in seinem Lächeln etwas Gezwungenes gewesen?
Sie begab sich in ihr Schlafgemach, wo die Jungfer bereits auf sie wartete. Es war ein Mädchen vom Dorfe, nicht übermäßig geübt in den Künsten feinerer Bedienung. Schweigend, und nicht ohne Verlegenheit wartete sie ihres Amtes. Kaum weniger verlegen aber war die Gebieterin selbst. Es war das erste Mal, daß Anna sich beim Aus- und Ankleiden bedienen ließ; mit innerlichem Lächeln gestand sie sich, daß das Prinzessinsein gelernt sein wollte.
Als sie in ihr Wohnzimmer zurückkehrte, stand inmitten desselben der Tisch mit dem Abendbrote bereits angerichtet. Eberhard war noch nicht wiedergekommen, sie war allein. Sie trat an eines der beiden Fenster, kniete auf einen Stuhl und lehnte sich auf das Fensterbrett, in die weiche dunkle Luft hinausträumend.
Nachdem sie ein Weilchen so gelegen, fuhr sie auf und sah sich um -- und richtig, da stand er hinter ihr in der Thür. Sie hatte ein Gefühl, als hätte er sie schon längere Zeit schweigend betrachtet.
Er stand so regungslos -- in seiner aufgereckten Gestalt war eine Art von lautloser Spannung, in seinen Gesichtszügen eine Art von Starrheit, als hätte ein Kampf getobt, der zur Ruhe gezwungen worden war.
Indem Anna sich aufrichtete, glitt ihr eines der braunsamtnen Pantöffelchen, die sie trug, vom Fuße; jählings neigte er sich herab und küßte sie auf die Fußsohle, die nur noch vom seidenen Strumpfe bedeckt war.
Ebenso rasch richtete er sich wieder auf.
»Verzeih!« sagte er. In Verwirrung trat er zurück.
Lachend warf sie sich an seine Brust.
»Aber was soll ich dir denn verzeihen?«
In seinen Augen flackerte es auf, um gleich darauf wieder zu erlöschen. Er küßte sie, beinah wie abwehrend, auf die Stirn.
»Ja, ja,« sagte er heiser, »nichts, nichts!«
Dann rückte er ihr den Stuhl zurecht und setzte sich mit ihr an den Tisch.
Das Abendessen zu zweien verlief in glücklicher Gemütlichkeit, man aß, man trank und plauderte. Als sie abgespeist hatten, sah Anna mit einer gewissen Aengstlichkeit nach der Thür. Würde nun der alte Johann erscheinen, um abzuräumen?
Eberhard schien ihre Gedanken erraten zu haben.
»Der Johann wartet nicht mehr bei Tische auf,« beruhigte er sie. »Ich denke, wir lassen alles, wie es ist. Wozu sollen wir uns stören lassen?«
Damit war sie einverstanden. Sie ließ sich von ihm Champagner einschenken.
»Aber du trinkst ja gar nicht!« unterbrach sie sich.
»Doch, doch,« erwiderte er, und hastig leerte er sein Glas.
Sie hatte aber ganz recht gesehen; er trank nur sehr wenig. Er saß vom Tische etwas abgerückt, und sah seine junge Frau an und sah, wie der Wein ihr Blut zu erwärmen begann, so daß ihr Gesicht sich leise rötete und der junge Leib aus dem zarten rosafarbenen Morgenkleide hervorzuatmen und herauszublühen schien.
Einen starren, beinah stieren Ausdruck nahmen seine Augen dabei an, bis daß er, wie plötzlich zu sich kommend, den Blick von ihr hinweg zur Seite wandte.
Anna merkte nichts davon. Sie erzählte von ihren Blumen, mit denen sie gleich morgen anfangen wollte; daneben plante sie einen großen Gemüsegarten, der natürlich auch unter ihrer Obhut stehen sollte. Sie war ganz vertieft in ihre Entwürfe und glücklich wie ein Kind.
Unterdessen saß der bleiche Mann schweigend ihr zur Seite. Ob er hörte, was sie sprach? Ob er acht darauf gab? Es sah nicht so aus. Seine Seele schien mit den dunklen Gewalten beschäftigt, die wieder übermächtig über ihn wurden.
Es war spät geworden; die Stutzuhr auf dem Kaminsimse schlug elf Uhr. Zeit zum Zubettegehen.
Anna wurde still, der Baron blieb stumm wie bisher -- es trat das verlegene Schweigen ein, wenn zwei Menschen dasselbe denken und keiner von beiden zu sprechen anfängt.
Annas Gesicht erglühte immer tiefer, ihre Hände spielten mit den Quasten der Schnur, mit der ihr Kleid gegürtet war; sie senkte die Augen in den Schoß und blickte verstohlen zu ihm auf. Jetzt erst bemerkte sie, wie verschattet sein Antlitz war.
Noch eine Weile peinlichen Schweigens, dann erhob er sich. Seine Bewegung hatte etwas Unsicheres, wie die eines Menschen, der nicht recht weiß, was er thun soll.
Langsam war auch Anna aufgestanden; nun stand sie mitten im Zimmer, Nacken und Haupt schamhaft geneigt.
Sein unstäter Blick ging rund im Zimmer umher, dann blieb er an ihr haften, und der Ausdruck flackerte wieder darin auf, wie an dem Tage in Breslau.
Wie sie vor ihm stand! Unbewußt in keuscher Hingabe, wie eine demütige Magd! Wie sie lieblich war, wie sie reizend, schön und entzückend war!
Ein dumpfer Laut rang sich aus seiner Brust; wie damals, als sie vor dem Spiegel stand, umschlang er sie und riß sie an sich; mit dem Munde drückte er ihr Haupt nach hintenüber und dann wühlten sich seine Lippen auf ihren Mund, in ihr Gesicht, in ihren Hals.
Halb erstickt hing sie in seinen Armen; ihr Gesicht war ganz blaß geworden, ihre Augen geschlossen, unwillkürlich, wie damals, stemmte sie die Hände gegen ihn.
»Eberhard,« ächzte sie.
Und nun geschah, was an jenem Tage geschehen war: jählings ließ er von ihr ab, stürzte ihr zu Füßen und umschlang ihre Kniee.
»Verzeih mir,« stöhnte er, »verzeih mir und schlaf wohl, schlaf wohl, schlaf wohl!«
Mit einem Sprunge war er auf den Füßen, an der Thür, und ohne sich umzusehen, wie ein Gejagter, Verfolgter, zur Thür hinaus.
So rasch war dieses alles geschehen, daß Anna nicht Zeit gefunden hatte, ihm nachzurufen. Einsam blieb sie zurück, in völliger dumpfer Ratlosigkeit.
Sollte sie ihm nachgehen? Durch das fremde, dunkle Haus? Wo sie nicht einmal seine Gemächer kannte? Es grauete ihr. Auch hätte sie sich schämen müssen.
Was also blieb zu thun? Zu Bette gehen.
Seufzend ging sie in ihr Schlafzimmer. Die Jungfer, die ihr beim Entkleiden behülflich sein wollte, schickte sie hinaus; in der Stimmung, in der sie war, brauchte sie keine fremden Augen, die ihr zusahen. Das Bett mit dem schön verzierten Untergestell, das seidene Zelt darüber -- wie prachtvoll alles. Aber in all dieser Pracht, welche Einsamkeit! Die frischen Linnen des Betts berührten sie mit fröstelnder Kühle; sie huschte tief in die Decken und unter Thränen schlief sie zum erstenmal auf Schloß Fahrenwald ein.
Aber während sie schlief, war droben im zweiten Stock einer, der nicht schlief, das war ihr Mann, der Baron Eberhard von Fahrenwald, der in sein Zimmer gelangt war, die Thür verriegelt hatte und nun in seinem Zimmer auf und nieder ging, ohne Aufhören und ohne Rast, wie ein wildes Tier hinter den Stäben des Käfigs.
Die Ruhe, die er sich den ganzen Tag hindurch aufgezwungen hatte, war dahin, abgesprengt von seiner Seele, wie die Kruste, die sich auf die Lava im Krater gelegt hat und die in alle vier Winde fliegt, sobald der Vulkan da drunten lebendig wird. All die dunklen Gewalten, die in den Tiefen seiner Seele brodelten, hatten Feuer gefangen, all die wilden Instinkte, die da drunten, wie Ungeheuer im Tropenschlamme, vergraben lagen, reckten plötzlich die Häupter; sie wollten sich nicht mehr bändigen lassen, wollten nicht mehr dem befehlshaberischen »nein« gehorchen, mit dem er sie damals für einen Augenblick niedergezwungen hatte, wollten nicht mehr; jetzt hatten sie ihn, jetzt schüttelten sie ihn, daß ihm die Glieder am Leibe flogen, und wie mit feurigen Geißeln peitschten sie seine Phantasie. Immerfort sah er es vor sich, das Weib da unten, das junge, blühende Weib, zu dem es ihn hinriß. Jeden ihrer Schritte begleitete er mit seinen Gedanken. Er sah, wie sie ihr Schlafgemach betrat, wie sie langsam anfing, sich zu entkleiden. Ganz deutlich, ganz handgreiflich sah er das. Stück nach Stück sank die Gewandung herab; jetzt breitete sie die schneeweißen Arme nach ihm, und jetzt geschah etwas -- mitten im Zimmer blieb er jählings stehen, die Hände an die Schläfen gedrückt, die Augen weit offen, wie fest gebannt von einer furchtbaren Vision. War das er, den er da sah, der sich wie ein reißendes Tier über das hüllenlose Weib herstürzte: Ja, ja, ja! Wie hatte der Alte damals gesagt? Wenn er heiratete, würde er jemanden umbringen. So hatte der Alte gesagt, und das hatte ein Arzt dem Alten gesagt. Also mußte es so sein, und so war es ja auch, und nun wußte er ja auch, wer das war, den er umbringen würde! Und also kam der Wahnsinn doch! Und all das Kämpfen, all das Ringen, all das Sichzurwehrsetzen war vergeblich gewesen, alles, alles?