Part 6
Anna war daran gewöhnt. Ohne weiter zu sprechen, setzte sie sich in einiger Entfernung von den Spielenden nieder, so daß die Lampe, die auf dem runden Tisch stand, gerade noch genug Licht für ihre Handarbeit abgab, dann häkelte sie still vor sich hin und dachte nach.
Welch ein Kontrast! Heut am Tage das Fahrenwaldsche Schloß, und jetzt hier diese Behausung! Daß die Wohnung ärmlich war, hatte sie wohl immer gewußt -- wie erbärmlich sie war, fühlte sie heut abend zum erstenmal ganz. Als sie nach Haus gekommen war, hatte sie das Behagen empfunden, daß sie wieder in Sicherheit sei -- jetzt, da sie in Sicherheit saß, fühlte sie, daß diese gleichbedeutend mit Oede und Langeweile war.
Hier diese dumpfen, stumpfen alten Menschen, die vom Leben nichts mehr wissen wollten, die kein Wort, kaum einen Blick für sie übrig hatten -- und dort drüben der Mann, der nur ein Verlangen hatte, aus Nacht und Grauen ins helle gesunde Leben zu gelangen, der nach ihrer Persönlichkeit lechzte, wie der Verschmachtende nach dem Wasser!
Als sie heute mittag auf Schloß Fahrenwald beim Frühstück gesessen und das Todesgrauen empfunden hatte, mit dem all das Unverständliche, Unbegreifliche über sie herfiel, war der Gedanke in ihr aufgestanden, daß es ihr unmöglich sein würde, dort in Zukunft zu leben, daß sie das Verhältnis mit Eberhard von Fahrenwald abbrechen müsse -- jetzt verblaßten die Schrecken und das Schöne blieb.
Sie dachte an den Park zurück, den herrlichen, walddunkeln, waldtiefen Park, und vergegenwärtigte sich, wie schön es sein würde, wenn er im Frühling, Sommer und Herbst ihr zu Häupten rauschte. An die Räume des Schlosses dachte sie, die schweigenden, feierlichen Gemächer, an die Bilder der Männer und Frauen, mit den edlen leidvollen Gesichtern. War es ihr nicht, indem sie an sie dachte, als wenn sie die Lippen aufthäten und sprächen: »Fürchte dich nicht vor uns -- wir sind nur unglücklich, nicht böse.« War es nicht, als zeigten sie mit den stummen dunklen Augen auf ihn, den Letzten ihres Stammes, und als sprächen sie: »Hilf ihm -- nur du kannst ihm helfen -- und auch er ist nicht böse.«
Ach -- ob sie es wußte, daß er nicht böse war!
Als sie am späteren Abende ihr Schlafkämmerchen aufgesucht hatte, lag sie knieend vor ihrem dürftigen Bett, die gefalteten Hände in die Kissen gestützt, bitterlich weinend.
Es war ihr, als stände er vor ihr und sähe sie an mit den schwermütigen, bittenden Augen, als hätte er in ihrem Herzen die Gedanken gelesen, die ihm die Treue gebrochen hatten, und als müßte sie ihm abbitten, alles was sie gedacht.
»Nein, nein, nein, ich will dich nicht verlassen! Furcht und Feigheit sollen nicht stärker sein in mir, als die Liebe in deinem gütigen, geliebten Herzen! Was auch das Leben bringen mag, an deiner Seite will ich ihm entgegengehen -- das will ich -- ja.« Und während ihre Lippen noch das beteuernde »ja« sprachen, sank ihr Köpfchen in die Kissen zurück, und sanft und ruhig schlief sie ein.
Am nächsten Vormittage, seinem Versprechen getreu, erschien der Baron, um Anna abzuholen.
Bei drei Tapetenhandlungen fuhr man vor, und alle drei Lager wurden von oben bis unten durchstöbert, bis man das Muster gefunden hatte, das für die beiden Zimmer als das passendste erschien; eine weiße Tapete mit blaugoldenen Frucht- und Blumenstücken für das Wohngemach, eine himmelblaue für das Schlafzimmer; beide das Lieblichste, Freundlichste, was man sich denken konnte. Anna war ganz erschöpft, der Baron zeigte keine Spur von Müdigkeit.
»Jetzt,« meinte er, »sollten wir gleich noch an die Möbel denken.«
Anna verweigerte lachend den Gehorsam.
»Morgen,« sagte sie, »das hat Zeit bis morgen.«
»Gut, so wollen wir jetzt aber frühstücken.«
Es half ihr nichts, daß sie auf das nah bevorstehende Mittagessen verwies.
»Ach was, dein Onkel und deine Tante können auch ohne dich essen.«
Er war ganz ausgelassen, ganz glücklich, daß er das geliebte Wesen einmal in seiner Gewalt hatte.
So mußte sie ihm zu einem Restaurant folgen, und es war natürlich nicht das schlechteste von Breslau. Dort tafelten sie.
Als sie auf die Straße hinaustraten und den Wagen wieder bestiegen, glühte Annas Gesicht und ihr Köpfchen sank ganz schwer zurück.
»Aber Eberhard,« sagte sie, »du hast mich ganz betrunken gemacht mit dem vielen Champagner.«
Sie lächelte, ihre Augen hatten einen schwimmenden Glanz; indem sie sich lässig in die Wagenkissen zurücklehnte, war eine Auflösung in ihrer ganzen Gestalt, wie er sie noch nie an ihr gesehen hatte.
Er schlang den Arm um sie und küßte sie mit einer Glut, wie nie zuvor.
»Weißt du,« sagte er, »das ist köstlich. So wollen wir es jetzt alle Tage machen; so reizend wie heut bist du mir noch nie erschienen.«
Ihr Körper lag warm und weich in seinen Armen; das nachgiebige Widerstreben des jungen Leibes verlieh ihm eine berauschende Lebendigkeit; es war das erste Mal, daß das Blut der beiden Menschen zu einander zu sprechen begann.
Am nächsten Tage ging es in gleicher Weise durch alle Möbelhandlungen der Stadt, und endlich war ein Mobiliar für die beiden Zimmer ausfindig gemacht, so zart und duftig, als wären die Gemächer für eine Elfe bestimmt. Das Frühstück durfte natürlich auch heut nicht fehlen, und so folgte nun ein Tag dem andern.
Der Baron war unerschöpflich in der Erfindung von Notwendigkeiten.
An Teppiche war ja noch gar nicht gedacht worden, und als auch diese besorgt waren, fiel es ihm ein, daß Portieren über den Thüren, Gardinen und Vorhänge vor den Fenstern fehlten.
Anna ergab sich lachend. Der Rausch, der ihn erfüllte, teilte sich ihr allmählich mit; die täglichen Rundfahrten und Einkäufe fingen an, ihr gar nicht übel zu gefallen. Es war ja, als wenn sie das Märchen vom »Tischlein deck' dich« leibhaftig erlebte; kaum daß sie einen Wunsch gedacht hatte, war er schon erfüllt. Und wie unter seinen leidenschaftlichen Küssen ihr Blut in immer heißeren Wellen zu rollen begann, war es, als reckte und streckte sich ihre ganze Persönlichkeit; aus der unscheinbaren Hülse des kleinen Mädchens blühte die Jungfrau auf.
An einem dieser Tage, als sie durch Blumen- und Samenhandlungen gestreift waren, um Sämereien für den Garten zu kaufen, und nun wieder im Wagen saßen, rückte er, den Arm um sie geschlungen, dicht an sie heran.
»Weißt du,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nun hätte ich eine große Bitte.«
Sie lächelte vor sich hin; sie wußte ja, daß, um ihm etwas zu geben, sie nur still zu halten brauchte und zu nehmen.
»Was denn also?« fragte sie.
»Siehst du, ich habe mir das in meiner Phantasie so ausgedacht: Wenn ich dich so in den Armen halte und an mir fühle, komme ich mir vor, wie ein Gärtner, der eine Blume groß zieht. Den Winter hindurch hat meine Blume ihr altes, unscheinbares Gewand getragen, aber nun wird es Frühling, siehst du, und da ist es doch in der Natur geboten, daß sie sich anders und reicher und schöner kleidet? Nicht wahr?«
Anna senkte die Augen und sah stumm an sich hernieder. Aermlich genug war sie ja freilich angezogen.
»Und siehst du,« fuhr er fort, »was ich dich nun bitten wollte: daß wir morgen in Kleiderhandlungen und Modemagazine gehen und uns Stoffe aussuchen zu Kleidern für dich, wie sie dir gefallen und am besten stehen?«
Sie errötete in Scham.
»Aber Eberhard,« erwiderte sie leise, »für seine Ausstattung muß doch ein jedes Mädchen selbst sorgen!«
Indem sie das aber sagte, fragte sie sich im stillen, wer denn ihre Ausstattung besorgen sollte. Der Onkel und die Tante etwa? Oder sie selbst, aus ihrem eigenen Vermögen? Ja, wo war denn ihr eigenes Vermögen?
»Nein, siehst du,« nahm er wieder eifrig auf, »das ist mit uns etwas ganz andres. Das hab' ich dir ja gesagt, daß du das Licht in meinem Leben bist, und ein Licht, siehst du, das muß man sich selbst anzünden. Und sein Glück muß man sich selbst erschaffen, wenn's ein echtes Glück sein soll und einem Kraft und Mut verleihen soll. Und darum, verstehst du, wenn ich dich so von Kopf bis zu den Füßen einkleide in Stoffe, die ich dir geschenkt habe, dann wird mir zu Mute sein, als hätte ich mir die ganze geliebte Gestalt, die dann vor mir steht, selber erschaffen, und das wird mir dann eine solche Kraft und Wonne und Seligkeit verleihen, und das wirst du mir nicht verweigern. Nicht wahr? Nicht wahr?«
Sie vermochte nichts zu erwidern. Anfänglich, als sie nur Mitleid mit dem Mann gefühlt hatte, der um ihre Liebe flehte, war nur ihre Seele wach gewesen; jetzt, da er stark und fröhlich war und sie am lebendig klopfenden Herzen hielt, waren auch ihre Sinne erwacht. Sie hatte angefangen, sich in ihn zu verlieben, und in dem großen Strome des süßen, unbestimmten Gefühls trieb sie willenlos dem Manne zu. Sie drückte ihr erglühendes Gesicht an seinen Hals.
»Thu, wie du willst,« flüsterte sie.
Und nun war es, als wären alle diese Besorgungen nur Vorbereitungen für das Eigentliche und Wahre gewesen.
Die Seidenwarenlager wurden förmlich geplündert, und als sie damit fertig waren, wollte er sie in Wäschehandlungen führen. Dem aber widersetzte sie sich.
»Ich müßte mich ja zu Tode schämen, wenn mich ein Mann dabei begleitete.«
Er fügte sich ihrem Willen. Aber sie mußte versprechen, daß sie sich das schönste Linnen, die zartesten seidenen Strümpfe und das zierlichste Schuhwerk kaufen wollte. Die Rechnungen sollten auf ihren Namen geschrieben werden, er würde sie bei ihr abholen und alles abmachen.
Wenn sie nicht gewußt hätte, daß er reich war, so hätte sie ihn für einen rasenden Verschwender halten müssen.
Ganze Ballen von Seidenstoffen und Leinen liefen nun bei Anna ein; vierzehn Tage lang wurde geschneidert und geschustert, als gälte es, den Brautstaat einer jungen Königin fertigzustellen; der Onkel und die Tante gingen mit dumpf verblüfften Gesichtern umher und wußten nicht, was sie sagen sollten. Anna wußte es selber kaum; die Welt war nicht mehr die Welt.
Der Baron ließ sich in diesen Tagen nur von Zeit zu Zeit sehen, und wenn er kam, war er in fliegender Hast. Er war jetzt vielfach auf dem Schlosse draußen, wo die Zimmer für Anna eingerichtet wurden. So oft er bei ihr in der Stadt erschien, wurde er rasch wieder hinauskomplimentiert -- Frauen, die in solcher Thätigkeit stecken, können Männer nicht brauchen. Gegen Ende der vierzehn Tage aber, als sie ihn auf den Flur hinausbegleitete, hielt sie ihn an der Hand fest.
»Heute abend,« sagte sie leise, mit lieblichem Erröten, »wird das crèmefarbige Seidenkleid fertig, das du so besonders gern magst. Es hat einen sehr hübschen Schnitt und wird mir vielleicht leidlich stehen.« Sie beugte sich näher zu ihm.
»Wenn du willst, kannst du morgen mittag kommen, und ich will mich dir zeigen.«
Er schloß sie an die Brust, als wollte er sie erdrücken.
»Du Engel,« erwiderte er.
Ein Glutstrom floß aus seinen Augen. Dann riß er sich los, eilte die Treppe hinab, kehrte vom Absatz noch einmal zurück, schloß sie noch einmal wie rasend in die Arme und schoß dann zum Hause hinaus.
Anna begriff kaum, was ihn so erregt hatte; aber die Glut, die ihn erfüllte, setzte auch sie in Feuer, und als das Kleid am Abend angekommen war, beschloß sie, sich am nächsten Vormittage recht schön für ihn herauszuputzen.
Es war das erste Mal im Leben, daß sie sich in so kostbare Stoffe hüllte. Sie schloß sich in ihr Schlafkämmerchen ein und kleidete sich von Kopf bis zu Füßen um, weil es sie nun doch gelüstete, die neuangeschafften Sachen wirklich einmal zu probieren.
Wie das alles anders war als das, was sie bisher getragen hatte! Wie grob das Hemd war, das sie auszog, und wie weich sich das neue zarte Linnen um ihren Leib schmiegte! Und die seidenen Strümpfe, in die ihre Füßchen, nachdem sie die alten baumwollenen abgestreift hatte, beinahe schüchtern hineinschlüpften, als wagten sie gar nicht zu glauben, daß sie wirklich da hinein gehörten! Sie saß ganz schamrot auf ihrem Stuhl und kicherte vor sich hin, wie ein Kind, das etwas Unerlaubtes thut und jeden Augenblick gewärtig ist, daß es ertappt und ausgescholten werden wird. In den Spiegel zu sehen, hatte sie noch kaum gewagt, auch befand sich in ihrem Schlafzimmer nur ein kleiner Handspiegel, der ihr nicht sagen konnte, ob das Kleid ihr saß. Dazu mußte sie in das Gesellschaftszimmer gehen, wo zwischen den Fenstern ein größerer Wandspiegel angebracht war.
Als sie nun hier, die Bänder an ihrer Taille zurechtzupfend, vor dem Spiegel, mit dem Rücken gegen die Thür stand, wurde diese von außen aufgerissen und auf der Schwelle erschien der Baron. Sie sah, wie er stehen blieb und ihre Gestalt mit den Augen verschlang; in seinem Blick war eine verzehrende Gier. Anna sah wirklich niedlich genug aus. Das Kleid war tief ausgeschnitten, am oberen Rande und an den Aermel-Oeffnungen mit einem Spitzenbesatze eingefaßt, und aus den zarten Spitzen quollen die runden, weichen Schultern, die nackten Arme in jugendlicher Fülle hervor.
Sie wollte ihn bedeuten, daß er sich noch einen Augenblick gedulden müsse, aber bevor sie dazu gekommen war, stand er schon hinter ihr, und gleichzeitig fühlte sie sich von seinen Armen umfaßt, vom Boden emporgehoben und mit einer Gewalt, wie von einem Orkane, an seine Brust gerissen. Ihre Schultern, ihr Nacken und ihr Hals loderten unter seinen Küssen.
»Du zerdrückst mir ja das ganze Kleid,« wandte sie ein. Der Ueberfall war ihr zu jäh gekommen; sie sträubte sich in seinen Armen, aber er hörte nicht auf ihre Worte, achtete nicht auf ihre sträubenden Bewegungen; in der Art, wie er mit ihr umging, war etwas Gewaltsames. Seine Liebkosungen hatten etwas Erstickendes, Erdrückendes, Zermalmendes; seine Küsse fühlten sich an, als wenn er am liebsten in Annas Fleisch hineingebissen hätte.
Den einen Arm hatte er unter sie geschoben, so daß sie halb darauf saß, mit dem andern drückte er ihren Oberleib an seine Brust, ihr Gesicht an sein Gesicht, und so, indem er sie in seinen riesenstarken Armen wie ein Kind, wie eine Puppe, ein Spielzeug drückte, preßte und trug, ging er mit ihr im Zimmer auf und ab, dumpf abgerissene Laute von sich gebend, wie trunken, beinah wie sinnlos.
Er merkte gar nicht, wie peinvoll dem jungen Mädchen die Lage wurde, in der sie sich befand, wie keuchend ihre Brust sich hob und senkte, weil sie, an ihn gepreßt, kaum noch Luft zum Atmen fand. Endlich warf sie mit äußerster Anstrengung den Kopf zurück, stemmte beide Hände gegen seine Brust und »laß mich los!« stieß sie wie in Verzweiflung hervor.
Der Ton kam so rauh, so zornig heraus, daß er erschrak. Er hielt in seinem Auf- und Niedergehen inne, sah ihr ins Gesicht und sah, daß sie die Augen geschlossen hatte.
Nun ließ er sie aus den Armen gleiten; sie warf sich in den Lehnstuhl, der ihr zunächst stand, drehte sich mit ganzem Leibe von ihm ab, legte beide Arme auf die Lehne des Sessels, das Gesicht auf die Arme, und brach in schluchzendes Weinen aus.
Der Baron stand totenblaß vor ihr. »Anna,« stammelte er, »was ist dir?«
Sie gab keine Antwort und weinte immer heftiger.
Mitten im Zimmer lag einer von ihren kleinen seidenen Schuhen, der ihr vorhin, als er sie vom Boden emporgehoben hatte, vom Fuße geflogen war. In seiner Ratlosigkeit hob der Baron ihn auf, als er sich aber zu Anna niederbeugte, um ihr den Schuh wieder anzuziehen, riß sie denselben aus seiner Hand und verbarg ihren Fuß unter dem Kleide.
»Nein!« rief sie, »faß mich nicht an! Du sollst mich nicht mehr anfassen! Ich weiß gar nicht, wie du bist!«
Sie sprach aus, was sie empfand; sie konnte sich in der That die Art des Mannes nicht erklären. Das war ja gewesen, als wenn ein wildes Tier sich über sie gestürzt hätte.
Bei der zornigen Bewegung, mit der sie ihm den Schuh entrissen hatte, war er einen Schritt zurückgewichen; jetzt stand er wie zerschmettert da.
»Aber Anna,« fing er wieder an, »bist du mir denn böse, daß ich dich so liebe?«
Sie warf den Leib herum und heftete die verweinten Augen auf ihn.
»Liebe?« sagte sie zornig, »ist das Liebe, wenn man jemand so anfaßt? so behandelt? Faßt man eine Frau so an?«
Sie blickte an sich herab und strich mit bebender Hand das zerknitterte und zerdrückte Kleid glatt, dann schlüpfte sie wieder in den Schuh, und als sie den Fuß aufsetzte, stampfte sie beinah auf.
»Du hast keine Achtung vor mir,« fuhr sie fort, »du denkst, weil du mir all die schönen Sachen geschenkt hast, die ich da trage, ich gehöre dir, und du kannst mit mir machen, was dir beliebt! Und darum gehst du so mit mir um -- und behandelst mich wie -- wie --« sie wollte von neuem in Thränen ausbrechen, aber sie kam nicht dazu. Indem sie die letzten Worte dem Baron ins Gesicht schleuderte, sah sie, wie seine Gestalt zusammenzuckte, als wenn ein Stich ihm mitten durch den Leib gegangen wäre.
»Anna --« sagte er schweren Tones, »das kannst du von mir denken?«
Er war langsam in die Kniee gesunken, seine Augen waren den ihrigen nah gegenüber, und indem sie das namenlose Leid in seinen Augen gewahrte, fühlte sie, daß sie dem Manne mit häßlichen Gedanken ein häßliches Unrecht angethan hatte.
»Nein, Eberhard,« sagte sie, »was ich da eben gesagt habe, das war nicht recht; ich fühl's, das war häßlich; und ich bitte dich um Vergebung dafür.«
Nun legte er auch seinerseits die Arme um sie, aber so leise, als fürchtete er, sie zu zerbrechen, und ihr Köpfchen lag wieder an seinem Halse.
»Aber siehst du,« fuhr sie zagend fort, »wenn du so bist, wie vorhin, so wild, so -- ich weiß gar nicht, wie ich's nennen soll -- dann verstehe ich dich nicht, und dann -- siehst du -- muß ich mich ja vor dir fürchten.«
Sie hatte das letzte ganz leise, wie eine Beichte, ihm ins Ohr geflüstert, und wie eine solche nahm er es auf. Aber nicht ihre Schuld war es, die sie ihm beichtete, es war die seine, seine Schuld, der er nicht geachtet hatte auf die Scham, auf die Angst des lieben, vertrauenden Geschöpfes, der er nahe daran gewesen war, das Wesen, das ihm Leben und Seligkeit bedeutete, in seinen wahnwitzigen Armen zu zertrümmern, wie ein Knabe, der eine unersetzliche Kostbarkeit mit thörichten Händen zerstört.
Von dem allen hatte er nichts gefühlt -- das alles kam ihm jetzt zum Bewußtsein.
Ein peinvoller Gram lagerte sich auf seinen Zügen, mit leiser Hand schob er Anna von sich hinweg.
»Armer Engel,« sagte er dumpf und schwer.
Dann erhob er sich, trat von ihr hinweg, und mitten im Zimmer, den Kopf nachdenklich gesenkt, blieb er stehen.
Eine schweigende Pause trat ein, und als sich Anna nach ihm umwandte, sah sie ihn noch immer, in düsteres Sinnen verloren, an seinem Platze. Ein Schatten überwölkte sein Gesicht; man sah ihm an, wie er mit den finsteren Gewalten Zwiesprache hielt, die in seinem Innern emporstiegen.
»Eberhard,« rief sie ihn an, »warum gehst du von mir fort?«
Es war, als wenn er aus seinem Brüten erwachte. Langsam kam er zu ihr zurück. Er schob einen Sessel neben den Stuhl, auf dem sie saß, ließ sich nieder und verharrte dann abermals, den Blick zu Boden gesenkt, in langem Schweigen. Endlich rückte er sich dichter an ihre Seite, aber ohne aufzusehen, ohne sie zu berühren.
»Anna,« sagte er, »ich muß dir etwas anvertrauen.«
Wieder stockte er -- das Bekenntnis wurde ihm schwer. Er nahm ihre Hand in seine Hand.
»Anna -- ich hatte bis heute noch nie eine Frau berührt -- heute war es das erste Mal -- und du bist die erste gewesen, die ich geküßt habe.«
Sie drückte leise seine Hand.
»Aber du hattest mich doch schon vorher geküßt.« --
»Ja,« versetzte er, und eine dunkle Röte färbte sein Gesicht, »aber es war mir noch nie so zu Mute gewesen, wie heute. Damals, siehst du, war es noch weit bis zu unsrer Hochzeit, und jetzt steht es nahe vor der Thür, daß wir heiraten. Und darum -- siehst du -- als ich vorhin zu dir hereintrat, war mir doch in dem Augenblick, als wäre es schon so weit und wir wären schon Mann und Frau. Und wie ich dich nun so stehen sah -- siehst du -- da überkam mich etwas --«
Er verstummte, sein Oberleib bog sich vornüber, als läge eine Centnerlast auf seinem Rücken, langsam glitt er vom Stuhle, ihr zu Füßen, und seiner Gewohnheit nach drückte er das Gesicht in ihren Schoß.
»Ich kann's dir ja nicht beschreiben,« murmelte er, »was es war; und ich kann dich ja nur anflehen, daß du mir verzeihst; und wenn du jetzt den Fuß aufhöbest und mich trätest, so geschähe mir ja nur recht; aber siehst du, ich konnte nicht anders, und es war etwas so Wundervolles, so rasend göttlich Herrliches, Himmlisches --«
Er hatte beide Arme um ihre Kniee geschlungen und preßte ihre Kniee aneinander, als wollte er sie zermalmen.
»Bleib ruhig,« flüsterte Anna.
Sie fühlte, wie die verzehrende Glut wieder in ihm aufstieg.
Ein wundersames Gemisch von Grauen und Lust schwoll ihr zum Herzen, indem sie schweigend auf ihn hinabsah, auf den riesenstarken Mann, der sich gebrochen zu ihren Füßen wand.
Kein Weib hatte er noch berührt -- sie war die erste, und sie war die Brandfackel, die ihn verzehrte.
Vernunft und Gewissen sagten ihr, daß sie aufstehen, ihn wecken mußte aus seiner Phantasie -- aber stärker als Vernunft und Gewissen war in diesem Augenblicke das Weib, das mit heimlicher, beinahe lüsterner Neugier zu erfahren begehrte, was für einen Eindruck sie auf den Mann zu machen vermocht hatte.
Sollte sie immer nur Arzt sein? Immer nur Wärterin? War sie nicht auch ein Weib? Mit jungem, blühendem Fleisch und Blut? Stand nicht auch sie zum erstenmal vor der dunklen, geheimnisvollen Flut, in die alle Geschöpfe der Erde hinein müssen, sei es zum Leben, sei es zum Ertrinken, die man die Liebe nennt? War nicht die warme Welle des großen Wassers auch zu ihr schon herangerollt und hatte ihr den Saum des Kleides und die nackten Füße genetzt, leise winkend und rufend: »Komm herab -- steig herab!«
Von der Stirn herab, über Wangen und Hals und bis tief in die Brust, die schwer atmend aus der seidenen Umhüllung des Kleides hervorstrebte, senkte sich purpurne Glut, als sie sich über den Mann zu ihren Füßen herbeugte, die Lippen an sein Ohr andrückend.
»Sag mir,« hauchte sie, »was du gefühlt hast, als du mich sahst?«
Er beugte sich zurück, so daß er ihr ins Gesicht sehen konnte. Warum fragte sie? Als er jedoch ihr glutübergossenes Gesicht gewahrte, merkte er, daß der Dämon auch in ihrem Blute zu wühlen begann. Rasch war er vom Boden empor, auf seinem Stuhle, und nun saßen sie, wie zwei Schuldgenossen, die sich gegenseitig ein Geheimnis anvertrauen.
»Siehst du,« hob er leise an, indem er mit dem Kopfe nach dem Fenster deutete, »es ist doch heut ein grauer Tag, und nun denk dir, wie merkwürdig: im Augenblick, als ich die Thür aufmachte und dich stehen sah -- aber du mußt nicht denken, daß ich übertreibe oder in Bildern rede -- war mir's, als wäre hier im Zimmer heller Sonnenschein. Richtiger Sonnenschein, siehst du, war es eigentlich nicht, sondern es war wie eine Feuersbrunst, wie wenn das Licht, das im Zimmer war, von Flammen herrührte. Und mitten in den Flammen standest du drin. Aber es war, als wenn sie dir nicht weh thäten, denn es sah mir in dem Augenblick so aus, als ob du mich ansähest und die Arme nach mir ausstrecktest und riefest: Komm herein.«
»Aber, Eberhard,« unterbrach sie ihn, »ich drehte dir doch den Rücken zu und habe kein Wort gesagt?«
»Das weiß ich ja,« erwiderte er hastig, »das weiß ich ja, ich sage dir ja nur, wie es mir in dem Augenblick erschien. Und als ich das sah, siehst du, da mußte ich hinzuspringen und dich in die Arme schließen, und nun war mir's, als stände auch ich in der Flamme, und das Feuer schlug in mich hinein, daß ich fühlte, wie es in mir hinaufstieg, in die Brust, in die Augen, ins Gehirn, daß ich nichts mehr sah, nichts mehr hörte und nur noch fühlte, daß ich etwas in den Armen trug, etwas Köstliches, Göttliches, Unbeschreibliches, wie ich es nie im ganzen Leben noch gefühlt hatte, etwas Warmes und Weiches, und wie ich das so an meinem Leibe fühlte, da überkam mich ein Verlangen --«
Er brach plötzlich ab.
Anna wartete, daß er fortfahren sollte, aber er schwieg.
»Also --« forschte sie leise, »da kam dir ein Verlangen --«
Er wandte das Haupt zur Seite.
»Nein, nein,« sagte er, wie in Angst, »frage danach nicht.«