Part 5
Der Raum, der sie umgab, war ein großer, viereckiger Saal, dessen Decke in gotischen Spitzbogen gewölbt war und dessen Wände von großen, vom Fußboden bis an die Decke reichenden Bücherschränken eingenommen wurden. Die Schränke waren durch dicke, rotbraune Holzsäulen voneinander getrennt, die kunstvoll, in Gestalt von Palmbaumstämmen ausgeschnitzt waren. In den Schränken drängte sich eine Masse von Büchern; vom Knaufe der Decke, in dem die Spitzbogen des Gewölbes zusammenliefen, hing ein schwerer, altertümlicher Kronleuchter herab und unter dem Kronleuchter, inmitten des Raumes, stand ein Frühstückstisch für zwei Menschen zugerichtet.
Der Baron trat an den Tisch.
»Du mußt hungrig geworden sein,« sagte er, »wollen wir gleich frühstücken?«
Anna aber stand in Staunen befangen und erstarrt.
»Nachher,« erwiderte sie auf die Einladung des Barons, »erst muß ich mir das alles ansehen. Das ist ja zu merkwürdig!«
Sie ging von Schrank zu Schrank, sie befühlte mit den Händen die geschnitzten Säulen und sah erst jetzt, welche Fülle erfinderischer Kunst dahineingelegt war. An den Palmen kletterten, in Holz geschnitzt, Affen, Leoparden und andre fremdartige Tiere auf; in den Wipfeln, die sich unter der Deckenwölbung ausbreiteten, sah man Papageien und andre Vögel sich wiegen.
»Wie wundervoll,« sprach sie staunend vor sich hin, »wie wundervoll.«
Der Baron verfolgte schweigend ihr Umherwandern.
»Das ist Holzschnitzerei aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts,« erklärte er.
Aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts -- Anna blieb stehen und sah zu ihm hinüber. Das war ja ein königliches Besitztum -- und in dem sollte sie gebieten? Sie, das dürftige Gewächschen des neunzehnten Jahrhunderts?
Sie trat vor den Kamin, in dem ein Feuer von mächtigen Holzscheiten prasselte; dann ging sie an die Fenster und bemerkte, daß sie auf den Park hinausgingen und daß sie sich hier am Ende der Schloßfront befand. Zu ihrer Rechten war die Thür geöffnet, durch die man in die anstoßenden Gemächer blickte. Die Thüren all dieser Zimmer standen offen, so daß sich der Blick in einer schier endlosen Flucht von Räumen verlor, aus denen ein unbestimmtes Leuchten und Glänzen zu ihr drang. Sie ahnte, daß in allen diesen Gemächern eine gleiche Pracht wie in diesem ersten herrschen mochte. Stärker als Hunger und Durst war die Neugier.
»O Eberhard,« sagte sie leise, indem sie die Hände zusammenlegte, »thu mir's zuliebe, zeig mir das alles erst. Frühstücken können wir ja nachher.«
Er war bereit, und an seiner Seite ging sie nun über den spiegelglatten Parkettboden in das nächste Zimmer und von da weiter.
Die Räume waren, wie man das in alten Häusern findet, launenhaft unsymmetrisch gebaut; bald in Form von langen, schmalen Gängen, bald zu tiefen Gelassen ausgeweitet.
Allen gemeinsam aber war die reiche Pracht der Ausstattung. Ein altertümlicher schwerer Prunk herrschte in dem Mobiliar. Tiefrückige Sofas, mit vergoldeten, in Löwenköpfen auslaufenden Armlehnen; Lehnstühle von schwarzem Ebenholz; dazwischen, einer jüngeren Epoche entstammend, kleine Stühle von zartem, vergoldetem Holz und Rohrgeflecht. Dunkelroter Sammet in dem einen, dunkelblauer Sammet in dem nächsten Zimmer, dann wieder Polster von goldgepreßtem Seidenstoff. An den Wänden große Spiegel in massiv goldenen oder silbernen Rahmen und eine Fülle von Bildern. Unter diesen, die sämtlich von älteren Meistern herrührten, vielfach hervorragende Werke; wie denn überhaupt die ganze Ausschmückung der Räume den Eindruck erweckte, daß ein hochentwickelter Kunst- und Schönheitssinn zur geistigen Erbschaft der Fahrenwalds gehörte.
Am liebsten wäre Anna vor jedem einzelnen Bilde stehen geblieben; aber dann hätte sie bis zum Abend stehen können, und heut abend wollten sie doch wieder in Breslau zurück sein. Darum ließ sie sich von ihrem Begleiter weiterführen, und nur in einem der Gemächer machte sie unwillkürlich vor den Gemälden Halt.
Es war dies ein gangartiger Raum, ungefähr wie eine Galerie. Auf der Tapete von dickem purpurrot gefärbten Leder hing eine Reihe von Porträts, Männer und Frauen darstellend, offenbar die hauptsächlichen Vertreter des Geschlechts.
Aus dem sechzehnten Jahrhundert kamen sie hervor und gingen bis in die Neuzeit, eine gemalte Chronik der wandelnden Tracht und Kultur.
Die Augen des jungen Weibes hafteten an den Kleidungen, daneben aber beschäftigte es sie, den stark hervortretenden Zug von Familienähnlichkeit wahrzunehmen, der die Gesichter innerlich verband. Lauter edle, fein ausgearbeitete Physiognomieen, mit bleichen Zügen und dunklen, schwermütigen Augen, eine Reihe von Menschen, von denen der vorhergehende immer dem nachfolgenden die schwere Bürde des Lebens auf die Schultern zu legen schien, froh, daß er sie nicht länger zu schleppen brauchte.
Annas Blicke gingen zu Eberhard hinüber, dem letzten Fahrenwald, der mit offenbarer Ungeduld an der Thür zum nächsten Zimmer ihrer wartete, und sie stellte fest, daß sein Aeußeres ihn als echten Nachkommen seiner Vorfahren verkündete.
Als sie seine Ungeduld bemerkte, riß sie sich los, um ihm zu folgen, an der Thür zum Nebenzimmer aber hing ein Bild, das ihre Schritte wider ihren Willen bannte.
Ein alter, weißhaariger Mann, in langem schwarzen Rock, über den am Halse ein breiter, spanischer Spitzenkragen fiel, saß an einem Tische, auf dem sich Phiolen, Retorten und all die Geräte befanden, wie sie vor Zeiten die Alchimisten gebraucht hatten.
Das aber, was den Beschauer an das Bild fesselte, waren die Augen des alten Mannes; diese Augen waren schrecklich. Stier und starr, mit einer Wut im Ausdruck, die lebendig geblieben zu sein schien, nachdem der Körper des Mannes längst im Grabe zerfallen war, bohrten sie aus der Leinwand hervor.
Während Anna sprachlos vor dem Gemälde stand, trat der Baron zu ihr heran und faßte sie, beinah heftig, am Arm.
»Komm fort,« sagte er. Der Ton seiner Stimme war rauh, wie nie zuvor.
Von dem unheimlichen Anblick gefesselt, stand sie noch immer. Jetzt wandte er sich nach der Thür, durch welche sie in die Galerie eingetreten waren.
»Hatte ich dir nicht befohlen, das Bild fortzunehmen?«
Sie drehte den Kopf -- zu wem sprach er?
In der Thür stand der alte Johann, der, wie es schien, lautlos hinter ihnen drein gekommen war.
Sie sah, wie er langsam den Kopf vorstreckte und die Augen auf den Baron richtete.
»Gnädiger Herr,« sagte er, »haben nichts davon befohlen.«
In dem Augenblick fühlte Anna, deren Arm in dem des Barons lag, wie ein Zucken durch dessen Körper ging. Seine Gestalt reckte sich in allen Gelenken, so daß er Anna um mehr als Kopfeslänge überragte.
»Wenn ich's also wirklich noch nicht befohlen haben sollte,« fuhr er fort, indem er über sie hinweg sprach, »so befehl' ich es jetzt. Das Bild kommt fort von der Wand! Gleich auf der Stelle! Jetzt!«
Nun kam der alte Diener, immer den Kopf vorgestreckt, und immer die Augen auf seinen Herrn gerichtet, zwei Schritte näher.
»Das soll fort? Das Bild von dem alten Herrn?«
»Ja -- hast du mich nicht verstanden?« erwiderte der Baron, und seine Stimme rollte dumpf empor.
»Wohin -- soll ich's denn bringen?«
Der Baron überlegte einen Augenblick.
»Oben hinauf,« befahl er dann, »in die grüne Kammer.«
In den Augen des alten Dieners zuckte ein grelles Licht auf; es sah aus, als traute er seinen Ohren nicht.
»Das Bild --« fragte er, beinah drohenden Tons, »von hier fort? in die grüne Kammer?«
Und jetzt geschah etwas, das Anna mit eisigem Schreck überlief; von dem Mann an ihrer Seite, von dessen Mund sie bisher nur Töne sanftester Güte vernommen hatte, kam plötzlich ein unbeschreibbarer Laut.
»Wenn dir das also nicht paßt,« schrie er, »dann also anders: auf den Boden mit dem Bild!«
Der alte Johann erwiderte nichts, rührte sich aber auch nicht vom Fleck, nur sein Mund that sich halb auf, daß man die langen Zähne darin sah.
In der Brust des Barons stieg etwas herauf, gurgelnd und rauschend, wie eine steigende Flut.
»Auf den Boden damit, hast du mich gehört?«
Diesmal schrie er nicht, er brüllte. Anna blickte auf; sein Gesicht war verzerrt.
Ein furchtbares Entsetzen überkam sie.
»Eberhard!« kreischte sie auf.
Als er den Schrei vernahm, senkte er den Blick zu ihr. Sie stand leichenblaß, mit schlotternden Gliedern, die Hände wie flehend und zugleich wie abwehrend zu ihm erhoben. In dem Augenblick war es, als knickte sein aufgestraffter Körper in sich zusammen, die lodernde Wut in seinen Augen erlosch, um einem maßlosen Erschrecken zu weichen, und mit einem dumpfen »o mein Gott« schlang er beide Arme um sie, riß sie an seine Brust, und so, indem er sie an sich gepreßt hielt, zog er sie aus der Galerie in das anstoßende Gemach, wo er sie auf das Sofa niedersinken ließ.
Sobald sie Platz genommen, sank er knieend zu ihren Füßen, das Haupt in ihren Schoß gedrückt, die Hände um sie gelegt, als fürchtete er, daß sie aufspringen und entfliehen würde. Daran aber hätte Anna wohl kaum gedacht, sie fühlte sich von dem eben erlebten Schreck ganz kraftlos und gebrochen. Sie mußte die Zähne aufeinanderpressen, damit sie nicht klappernd zusammenschlugen, ihre Glieder zitterten wie im Frost.
Als der Baron das Beben ihres Leibes verspürte, hob er das Gesicht zu ihr auf.
»Aengstige dich nicht,« flehte er, »ängstige dich nicht.«
Aber er sah ihre Augen mit stummem Grauen auf sich gerichtet.
»Es war ja um deinetwillen, daß ich so heftig wurde,« fuhr er fort, »weil ich sah, daß das Bild dich erschreckte.«
Und als sie noch immer nicht im stande war, ein Wort zu erwidern, drückte er das Haupt wieder in ihren Schoß und schüttelte es und faßte sie fester mit den Händen.
»Geh nicht von mir!« stöhnte er, »verlaß mich nicht!«
Bei diesem Worte wurde ihr wieder weich und warm. Schweigend breitete sie die Arme um ihn her, senkte das Gesicht auf sein Haupt und ein Strom von Thränen, der lautlos aus ihren Augen brach, verkündete, daß das Eis geschmolzen war, das sich für einen Moment um ihre Seele gelegt und sie von ihm getrennt hatte.
So saßen sie schweigend bei einander, lange Zeit. Das einzige Geräusch, das man vernahm, war das Knistern des Holzes im Kamin, das in sich zusammenfiel, um sich in Kohle zu verwandeln und danach zu Asche zu werden. Sonst regte sich kein Laut, und es war, als hauchten die alten Möbel, die Bilder an den Wänden die dumpfe Stille aus, die wie eine Last im Zimmer lag. Es war, als thäten sich geräuschlos in Winkeln und Ecken und in der Luft umher Augen auf, dunkle, schwermütig forschende Augen, als blickten sie fragend auf die beiden in sich versunkenen Menschen dort, und als blinzelten sie sich gegenseitig zu, Gedanken tauschend, wie die Abgeschiedenen sie verstehen, die Lebenden aber nicht.
Endlich hatte Anna ihre Fassung wieder erlangt.
»Komm weiter,« sagte sie, indem sie sich vom Sofa erhob.
Er stand auf.
»Nun wirst du wohl nichts mehr sehen wollen?« fragte er.
Sie fühlte, daß sie ihm Mut machen müsse.
»O ja, gewiß,« versetzte sie, »du hast es mir versprochen, und Versprochenes muß man halten.«
Sie hing sich in seinen Arm, sie bemühte sich, einen leichten Ton anzuschlagen und ihm zu zeigen, daß alles überwunden und vergessen sei.
So führte er sie denn weiter, bis daß sie am andern Ende der Zimmerflucht in zwei kleinere, freundlichere Gemächer gelangten.
»Siehst du,« sagte er, stehen bleibend, »dies, hatte ich gedacht, sollte dein Wohnzimmer sein, und dort nebenan solltest du schlafen.«
Anna blickte umher.
»O ja,« meinte sie, »hier könnte es mir gefallen.«
Sie ging ans Fenster.
»Da hab' ich ja gerade meine Blumen vor mir,« sagte sie, indem sie in den Garten hinunterblickte. »Das macht sich alles ganz vortrefflich. Nur, weißt du, was ich möchte? Daß das Zimmer vielleicht eine andere Tapete bekäme.«
Sie trat an die Wand und befühlte den dicken, dunkelbraunen Stoff, mit dem sie bekleidet war.
»Das ist ja alles ganz prachtvoll,« fuhr sie fort, »und die eingepreßten Goldmuster geradezu kostbar, aber siehst du, ich bin nun einmal ein Kind unsrer Zeit und möchte es gern ein bißchen heller haben und freundlicher.«
Der Baron machte ein Gesicht wie ein vergnügtes Kind.
»Aber Anna,« rief er, »das ist ja mein Gedanke gewesen von Anfang an! Alle Zimmer miteinander möchte ich umtapezieren lassen, damit mehr Licht in die alte Finsternis kommt. Und in Breslau habe ich ein Muster gesehen, weißen Untergrund mit goldenen und blauen Blumen, etwas reizend Freundliches, den suchen wir uns, gleich morgen, nicht wahr?«
Sie nickte ihm zu.
»Gleich morgen,« sagte sie.
Er ergriff ihre Hände. Es sah aus, als wolle er sich bei ihr bedanken.
»Und andre Möbel darf ich dir auch hineinstellen? Nicht wahr? Diese alten, schweren Sessel mit den riesigen Lehnen, diese bauschigen Sofas, das ist doch alles nichts für dich? Nicht wahr? Etwas recht Zartes, Luftiges und Duftiges suchen wir uns aus, das erlaubst du mir? Nicht wahr? Hast du Rosenholz gern?«
Sie sah ihm in die Augen und neigte das Haupt.
»Alles, was dir gefällt, wird auch mir gefallen, und was du mir schenkst, nehme ich gern.«
Ein Freudenschein zuckte über sein Gesicht. Er machte eine Bewegung, um sie zu küssen, bevor er aber dazu gelangte, bog er den Kopf wieder zurück. Der ängstliche Ausdruck, mit dem er sie ansah, verriet, daß er sich nicht getraute. Er dachte an den Auftritt von vorhin.
Anna schob langsam die Hände an seinen Armen hinauf, bis daß sie auf seinen Schultern ruhten. Da stand er vor ihr, der Besitzer all dieser Pracht und Herrlichkeit, der gegenüber sie sich wie eine Bettlerin erschien, da stand er, der starke Mann, in dessen Armen sie wie Glas zersplittert wäre, wenn seine Kraft sich gegen sie gewandt hätte -- und bat sie, demütig wie ein Knabe, ihr all seinen Reichtum zu Füßen legen zu dürfen, und wie ein Schuldbewußter wagte er nicht, sie zu küssen. Und worin bestand denn seine Schuld? Ein unaussprechliches Mitleid quoll ihr im Herzen empor, die Thränen drängten sich ihr in die Augen. Aber sie wollte ihn keine Thränen sehen lassen, sie zwang sich zum Lächeln, und so, weil ihr trotz allem Widerstand die Augen dennoch übergingen, hob sie sich auf den Fußspitzen empor, und unter Thränen und Lächeln suchte sie mit ihrem Munde seinen Mund. Aufatmend, wie nach tiefer überstandener Qual, beugte er sich zu ihr herab, und der Kuß, in dem sie sich zusammenfanden, war wie ein gegenseitiges Versprechen, daß sie nun ein neues Leben begründen wollten in dem alten, ausgestorbenen Hause.
Raschen Schrittes kehrten sie darauf zu dem Saale zurück, wo das Frühstück angerichtet stand. Die warmen Speisen waren inzwischen kalt geworden, aber das störte die Laune nicht. Auch war neben den warmen Gerichten kalter Braten in genügender Fülle da, um sich daran satt zu essen. Während der alte Johann die Teller wechselte, schenkte der Baron ihr Wein ein, und sie trank ein tüchtiges Glas. Sie war nun ganz heiter, ganz ihrem Berufe als »Sonne« treu, und der Baron, ihre »Erde«, leuchtete in ihrem Lichte auf.
Das einzige, was sie einigermaßen hätte stören können, war der Anblick des alten Dieners, der schweigend aufwartete und, während sie aßen und tranken, hinter dem Stuhle seines Herrn stand.
Unwillkürlich gingen ihre Blicke von Zeit zu Zeit zu ihm hin, und immer sah sie ihn dann in einer ganz seltsamen Haltung, regungslos, den Kopf wie in brütendem Sinnen zu Boden gesenkt, an seinem Platze stehen.
Offenbar dachte er immer noch darüber nach, wie furchtbar und eigentlich grundlos der Baron ihn vorhin angefahren hatte. Das that ihr so leid um den alten Mann. Sie fühlte das Bedürfnis, ihm irgend eine kleine Freundlichkeit zu erweisen. Zwischen Herrn und Diener war offenbar eine Spannung; es wäre ihr so lieb gewesen, wenn sie das Verhältnis zu einem guten hätte machen können; Menschen, die so einsam leben, wie sie drei nun bald leben würden, müssen sich doch verstehen, dürfen nicht mit feindseligen Gedanken umeinander hergehen.
»Aber wissen Sie, Johann,« fing sie möglichst unbefangenen Tones an, indem sie den Kopf zu ihm erhob, »ich muß Ihnen wirklich mein Kompliment machen, wie das Schloß im Stande gehalten ist. Da ist ja kein Stäubchen und kein Fleckchen, und das Feuer in den Kaminen --« Sie brach im Satze ab.
Der Alte, als er seinen Namen von ihrem Munde hörte, hatte langsam, wie aus einem Traume zurückkommend, den Kopf erhoben und die Augen auf sie gerichtet, und als sie seine Augen sah, konnte sie nicht weiter.
Was für Augen waren das! Stierend, bohrend, als wollten sie sich durch ihre Augen hindurch bis in das Mark ihres Lebens hineinwühlen. Dabei that sich, wie sie es vorhin schon an ihm wahrgenommen hatte, sein Mund halb auf, so daß die langen Zähne sichtbar wurden, der Kopf schob sich nach vorn, und das ganze Gesicht nahm einen Ausdruck an -- ja, was war es nur für ein Ausdruck? Anna begriff ihn zuerst gar nicht, dann kam ihr das Bewußtsein: das war ja Haß! Wütender Haß! Sie hing wie gebannt an diesem Gesicht. -- Was hatte sie ihm gethan? War er so erbittert über sie, weil sie ahnungslos die Ursache gewesen war, daß sein Herr so heftig gegen ihn wurde?
Der Baron, der nervös aufgezuckt war, als sie sich an den Alten wandte, hatte ihr plötzliches Verstummen bemerkt. Jetzt sah er ihr totenblasses Gesicht und ihre verstörten Augen.
»Ist dir etwas?« fragte er.
Er faßte nach ihrer Hand; ihre Hand war eiskalt.
»Ist dir unwohl?« wiederholte er hastig seine Frage.
Sie schüttelte den Kopf. Von der Stuhllehne, an die sie zurückgesunken war, richtete sie sich gewaltsam auf. Sie drückte seine Hand, als wollte sie ihn beruhigen.
»Nein, nein, nein,« erwiderte sie. Ihre Stimme war gepreßt, ihre Augen gingen zu den Büchern hinüber und von den Büchern in irgend eine Ecke. Es war, als flüchteten sie sich, als wüßten sie nicht mehr, wo sie hinblicken sollten. Aufzuschauen wagte sie nicht, denn da stand ja der Alte; den Baron anzuschauen vermochte sie auch nicht, denn sie spürte, wie die wilde Unruhe in sein Gesicht zurückkehrte. Der seltsame Raum, in dem sie sich befand, die fremdartigen Tiergestalten in den geschnitzten Palmen -- es war, als wenn das alles zu einem lautlosen, unheimlichen, gespenstischen Leben erwachte, als wenn es wirklich ein verwunschenes und verzaubertes Haus sei, in das sie sich tollkühn hineingewagt hatte, und aus dem es nun kein Entrinnen mehr gab. Eine betäubende Angst legte sich auf sie, es war ihr zu Mute, als würde ihr eine schwere bleierne Haube über den Kopf gezogen.
Jählings stand sie auf.
»Ach, weißt du,« sagte sie mit taumelnder Stimme, »ich glaube, wir möchten nach Haus fahren -- ich glaube, es wird Zeit.«
Mit einem Sprunge war er neben ihr; er hatte gesehen, wie sie wankte; er schlang den Arm um sie; mit lastender Wucht lehnte sie an seiner Schulter.
»Der Wagen soll vorfahren!« herrschte er dem Alten zu.
Sobald dieser hinaus war, beugte er sich zu ihr.
»Was ist dir?« forschte er voller Besorgnis, »ist dir etwas geschehen? Hat dir jemand etwas gethan?«
Sie suchte mit den Augen umher -- der Alte war fort. Ihre Lippen bewegten sich lallend.
»Er -- ich weiß nicht, was ich ihm gethan habe -- hat mich so schrecklich angesehen.«
»Der Johann?«
Sie drückte das Gesicht an seine Brust.
»Um Gottes willen bleib ruhig,« bat sie. Schon hörte sie, wie die steigende Flut in seiner Brust wieder zu rauschen begann; schon fühlte sie, wie der Griff seiner Hand, mit der er sie umschlungen hielt, wieder eisern wurde.
»Ich schicke ihn fort!« knirschte er.
»Nein,« flehte sie, »nicht um meinetwillen!«
»Ich jage ihn fort!« wiederholte er drohend.
Sie waren, indem er das sagte, auf den Flur hinausgetreten; er hatte so laut gesprochen, daß seine Worte durch den ganzen Treppenraum hallten. Am Fuße der Treppe stand der alte Johann; er hatte hören müssen, was der Baron eben gesagt hatte. Und nun begab sich etwas Unerhörtes.
Indem der Baron mit Anna die Treppe hinabzusteigen begann, knickte der Alte da unten in die Kniee und fiel zu Boden, beide Hände nach oben ausgestreckt. Das Haar hing ihm wirr übers Gesicht, seine Augen waren ganz rot; seine Brust arbeitete und sein Mund war weit offen. Aber er brachte nichts hervor, als ein dumpfes Keuchen; mit plattem Leibe warf er sich auf die Treppe, so daß sein grauer Kopf auf den Stufen lag.
»Jesus, Gottes Sohn --« stammelte Anna, indem sie, von Grausen gepackt, den Arm ihres Begleiters umklammerte und ihn zum Stillstehen zwang.
Jetzt fing der Alte mit dumpfer, heulender Stimme an: »Gnädiger Herr wollen mich fortjagen -- und ich habe gnädigen Herrn auf den Armen getragen -- und ich bin immer mit gnädigem Herrn gewesen -- und habe immer nichts andres gedacht, als was gnädigem Herrn gut wäre und gesund -- und gnädiger Herr wollen mich fortjagen --«
Annas Hand krallte sich in den Arm ihres Bräutigams, sie wußte kaum mehr, was sie that; sie fühlte, wie die Ohnmacht ihre Augen zu verdunkeln begann.
»Sag ihm, daß du ihn behältst,« raunte sie mit fliegendem Atem; »wenn du mich lieb hast, sag ihm, daß du ihn behältst!«
Der Baron strich mit leiser Hand über ihr glatt gescheiteltes Haar; die Ruhe war ihm zurückgekehrt.
»Steh auf, Johann,« sagte er, »du sollst bleiben, ich jage dich nicht fort.«
Schwerfällig raffte sich der alte Mann auf und trat an den Fuß der Treppe zurück. Er blickte nicht auf, seine Arme hingen herab, mit der rechten Hand wischte er den Treppenstaub von seinem Rock.
»Und hier, bei dem gnädigen Fräulein bedanke dich,« fuhr der Baron fort, indem er mit Anna bei ihm vorüberschritt, »küß ihr die Hand, sie hat für dich gebeten.«
Knechtisch gebeugten Hauptes trat der Alte auf Anna zu, um ihr die Hand zu küssen. Solcher Bezeigungen ungewohnt, wollte Anna es nicht dulden. Der Baron stieß sie heimlich an.
»Thu's,« flüsterte er ihr zu, »es muß sein!«
Nun überließ sie ihm ihre Hand, die der Diener, ohne die Augen zu erheben, an den Mund führte.
Indem sie die gebrochene Gestalt vor sich sah, überkam sie ein wahres Jammergefühl. Unwillkürlich drückte sie seine Hand.
»Das alles wird vorübergehen,« sagte sie mit wohlwollendem Trost, »ich weiß ja, wie treu Sie dem Herrn Baron immer gewesen sind, und das sollen Sie auch in Zukunft bleiben, und dann werden wir ganz gewiß gute Freunde werden, ganz gewiß.«
Sie vermochte nicht zu erkennen, welche Wirkung ihre Worte auf den Alten hervorbrachten; ohne aufzublicken, zog er sich zurück, und gebeugten Hauptes blieb er stehen, bis Anna mit ihrem Begleiter auf den Hof hinausgetreten war. Sie stiegen ein; der Wagen rollte ab, und als das Schloß hinter ihnen lag, fühlte Anna es wie eine Erleichterung. Aus dem Bereiche der Gespenster und Dämonen kehrte sie zu den Menschen zurück.
Von den Aufregungen erschöpft, die sie durchlebt hatte, lehnte sie blaß und schweigend in der Wagenecke; der Baron saß gleichfalls mit seinen Gedanken beschäftigt; so kamen sie auf der Bahnstation an, und als der Abend einbrach, waren sie wieder in Breslau.
In seinem Coupé brachte er sie zu ihrer Wohnung; im Hausflur nahmen sie Abschied voneinander.
»Du siehst so müde aus,« sagte er, indem er sie in die Arme nahm. »Wirst du auch gut schlafen?«
Sie nickte stumm.
Er stand noch immer und hielt sie umschlungen; sie fühlte, wie schwer es ihm wurde, von ihr zu gehen. Es war, als wenn er noch eines guten Wortes, eines Trostes bedürfte. Sie nahm sich zusammen und sah ihn freundlich lächelnd an.
»Ich werde gut schlafen,« versicherte sie, »sei ganz unbesorgt, und morgen holst du mich ab, damit wir uns die Tapeten ansehen.«
Das gab ihm das Leben wieder. Freudig drückte er ihre Hand.
»Ja, ja, morgen komm' ich, und dann holen wir uns das neue Leben in das alte Haus!«
Als Anna zu dem Onkel und der Tante zurückkam, saßen die beiden alten Leute und spielten »Rabouge«, ein Kartenspiel ältester Art, das heutzutage kaum jemand mehr kennt. Das war ihre Beschäftigung, einen Abend wie alle Abende. Von dem jungen Mädchen, das mit leisem »guten Abend« zu ihnen eintrat, nahmen sie so gut wie keine Notiz. Man konnte zweifeln, ob sie überhaupt wußten, daß sie den Tag über fortgewesen war.