Das wandernde Licht: Novelle

Part 4

Chapter 43,940 wordsPublic domain

Jetzt richtete der Baron das Haupt auf; seine Hand griff in den Stoffüberzug des Sessels, man sah, wie sie sich hineinkrallte, seine Augen drehten sich zu dem Alten herum, mit einem gefährlichen Ausdruck. Der Alte aber hörte nicht auf, wollte nicht aufhören; indem er des Mädchens gedachte, war es, als überkäme auch ihn eine dumpfe, schwälende Wut. Seine Augen unterliefen rot. »Dann ist das nicht recht von dem Fräulein,« polterte er rauh und rücksichtslos heraus.

In diesem Augenblick rollte der Stuhl, auf welchem der Baron gesessen hatte, bis mitten ins Zimmer; mit einem jähen Satze war der Baron aufgesprungen.

»Mach, daß du 'rauskommst!« brüllte er den Alten an. Der Alte stand wie an den Boden gewachsen.

»Gnädiger Herr dürfen nicht heiraten,« sagte er.

»Halt 's Maul und mach, daß du 'rauskommst!« donnerte der Baron noch einmal. Seine Hände flogen, sein Körper erbebte konvulsivisch. Es war aber, als wenn seine Aufgeregtheit den andern nur um so eisiger erstarren machte.

»Ein Arzt hat mir gesagt, der jetzt tot ist, wenn gnädiger Herr heiraten, werden gnädiger Herr jemand umbringen.«

Kaum daß er das gesagt hatte, warf er jedoch den Pelz, den er immer noch in Händen hielt, über den nächsten Stuhl und zog sich eilends nach der Thür zurück. Der Baron hatte den schweren gepolsterten Sessel mit beiden Händen an der Lehne gepackt und mit einer Kraft, wie sie nur der Paroxismus verleiht, emporgeschwungen. Es sah aus, als wollte er den Alten im nächsten Moment zu Boden schmettern. Mit einer hurtigen Bewegung riß dieser die Thür auf und verschwand.

Eine halbe Stunde später, während er lautlos horchend in seinem Zimmer gesessen hatte, vernahm er, wie der Baron aus seinen Gemächern trat und mit schweren Schritten die Wohnung verließ. Er eilte an eines der nach der Straße gehenden Fenster und blickte ihm nach. Richtig -- die gewohnte Richtung, er ging zu seiner Braut. Also doch!

Der Alte kehrte in sein Zimmer zurück, warf die Mappe auf den Tisch und gleich darauf saß er wieder vor seinen Briefbogen. Heute knirschte das Papier unter seiner kratzenden Feder; seine Augen brannten, und die Muskeln seines Gesichts spannten sich zu einem Ausdruck grimmiger Verbissenheit, indem er schrieb.

Am Abende des Tages erhielt Anna von Glassner folgenden Brief:

»Zum letztenmal werden Sie gewarnt! Sie ruinieren ihn und gehen in Ihr Verderben! Heute war der unglückselige Mensch dicht daran, daß er seinen Wärter und treuesten Begleiter totgeschlagen hätte.

Wer Augen hat, zu sehen, der sehe!!!

Der Pflichterfüller.«

Scheinbar beruhigt war der Baron von Anna hinweggegangen, in seinem Innern aber saß die Erinnerung an das, was er mit dem alten Johann erlebt hatte. Und diese Erinnerung war wie ein gärender Keim in seinem Blute, sie ließ ihn nicht mehr zur Ruhe kommen.

Es erging ihm, wie es dem Menschen geht, wenn er sich mit einem andern gestritten hat. Im Augenblick, da uns der Gegner seine Behauptung ins Gesicht wirft und wir sie ihm leidenschaftlich zurückschleudern, sind wir darüber hinweg -- nachher, wenn die Leidenschaft verraucht ist, kommt das Wort uns wieder, leise, schleichend und in seiner Geräuschlosigkeit eindringlicher als vorher, und nun kommt das Grübeln, ob das Wort nicht vielleicht doch recht gehabt haben könnte.

»Ich weiß, wie es mit gnädigem Herrn steht« -- immer wieder war es da, das Wort, immerfort und immerfort, wie der Wassertropfen, der unablässig auf den Kopf des Gefolterten fällt. Und indem es in seinem Ohre nachklang, war ihm, als käme das Ungetüm wieder herangeschwommen, von dem er Anna erzählt hatte, als höbe es die gräßlichen grünen Augen wieder auf, und das, was aus diesen Augen sprach, war ja nichts andres als das: »Ich weiß, wie es mit dir steht.«

Und, war es denn etwa so ganz unberechtigt? War nicht in ihm selbst etwas gewesen, das ihn mit Schauder erfüllte, wenn er daran zurückdachte? Immer wieder hörte er eine fürchterliche Stimme, die das Zimmer durchtönte, und das war seine Stimme; der Mensch, der so gebrüllt hatte, war er selbst gewesen. Immer wieder empfand er den Krampf, der plötzlich in seinem Rückenmark losgebrochen war, seine Glieder durchschüttelt, seinen Arm erhoben und seine Fäuste geballt hatte. Es ließ ihn gar nicht los; immer und immer wieder mußte er sich bis ins einzelne vergegenwärtigen, wie das gekommen, wie ihm dabei zu Mute gewesen war. Wie wenn etwas von außen über ihn herfiele, so war es gewesen, wie wenn ihn etwas anspränge, sich seiner bemächtigte, eine fremde, furchtbare Gewalt, beinahe wie ein wildes Tier, das jählings in ihn eingedrungen war und aus ihm hervortobte. Dazu diese plötzliche, unbegreifliche Kraft, die er in den Armen gefühlt hatte. Wenn er jetzt den schweren gepolsterten Sessel anschaute, begriff er gar nicht, wie es ihm möglich gewesen war, ihn wie eine Keule emporzuschwingen. Und in dem Augenblick war es doch so gewesen, und in dem Augenblick war ihm das mächtige Ding so federleicht erschienen. Unwillkürlich schloß er die Augen. Hatte er nicht gehört und gelesen, daß Menschen in der Tollwut eiserne Stangen zerbrechen? Was war das gewesen, was ihm die Muskeln so schrecklich gestählt hatte? Brütend saß er in seinem Zimmer und wagte sich nicht Antwort auf das zu geben, was in ihm fragte.

So also stand es mit ihm? Und wie viel hatte gefehlt, so hätte er seinen alten Johann niedergeschlagen und totgeschlagen. -- Freilich, der Alte hatte ihn gereizt; aber wußte er denn nicht, wie er an ihm hing, treu wie ein Hund? Und er hätte ihn beinahe umgebracht!

Und wie hatte der Alte von Anna gesagt? »Wenn ein Fräulein kommt und den gnädigen Herrn heiraten will, weil sie reich werden möchte --«

Hier aber sprang er auf. Das war falsch und gelogen, das wußte er, so weit war er noch vernünftig. Das waren die Gedanken, wie sie in einer Knechtsseele sich zusammenkleistern! Er wußte ja doch, daß er zu ihr gekommen war, nicht sie zu ihm. Mit den Armen griff er in die Luft. Daß sie nur da gewesen wäre in diesem Augenblick, daß er sie an sich hätte pressen können! Denn mächtiger und bestimmter als je zuvor empfand er in diesem Augenblick, daß es nur ein Ziel und eine Rettung für ihn gab, und das war sie, an die er dachte, nach der er verlangte, Anna, Anna, Anna!

Wie eine Todesangst erfaßte ihn der Gedanke, daß sie ihm doch noch entgehen könnte, und mit krampfhafter Ungeduld sah er dem Tage entgegen, da sie Hochzeit machen würden, da sie ihm ganz gehören, immer und allerorts bei ihm und mit ihm sein würde.

Das nächste, was er darum zu thun beschloß, war, daß er seine Braut zu seinem Schlosse hinausführte. Sie sollte den Ort kennen lernen, wo sie mit ihm zusammen sein würde, die künftige Heimat.

Man befand sich zu Anfang April; der Winter war überstanden, aber noch nicht überwunden, er kämpfte noch mit dem nahenden Frühling. Trotzdem wollte der Baron nicht länger warten. Es mußte etwas geschehen, wodurch Anna körperlich mit dem neuen Dasein verknüpft würde, und sie selbst hatte Lust dazu. Auch in ihr war ein Bedürfnis, die Umgebung des künftigen Lebens kennen zu lernen; daneben regte sich die Neugier, das schlesische Paradies endlich einmal mit Augen zu sehen.

So wurde der Besuch denn für einen der nächsten Tage beschlossen.

Mit seinem alten Diener hatte der Baron seit jenem verhängnisvollen Vormittage kein Wort mehr gesprochen; schweigend waren sie umeinander hergegangen; es war wie ein Waffenstillstand zwischen ihnen.

Als er damals seine Wohnung verließ, um zu Anna zu gehen, hatte Eberhard von Fahrenwald ernsthaft erwogen, ob er den Alten nicht fortschicken sollte. Es war das erste Mal, daß ihm der Gedanke kam.

Er hatte ihn von seinem Vater ererbt und es bisher wie eine Art von Naturnotwendigkeit empfunden, ihn fortwährend um sich zu haben. An dem Tage zum erstenmal erhob sich eine Stimme in ihm, die ihm zurief: »Schick' ihn fort!« Er würde ihm natürlich eine für seine alten Tage ausreichende, ja eine glänzende Pension zahlen, aber er wollte ihn los sein.

Als er dann aber zu Anna gekommen war, und diese für den Alten gebeten hatte, war sein Entschluß wieder schwankend geworden. Er war sich nun wieder bewußt geworden, daß er gegen den ausdrücklichen letzten Willen seines Vaters handeln würde, wenn er so thäte, und er sagte sich, daß er es doch gewesen war, der durch seine Heftigkeit den widerwärtigen Auftritt verschuldet hatte. Kampf mit sich selbst, das war ja nun einmal die Aufgabe, die ihm vom Schicksal auferlegt worden war, und dazu gehörte, daß er auch den Widerwillen, den unheimlichen, niederkämpfte, der sich in ihm gegen den Alten zu regen begann.

Also schwieg er; der alte Johann schwieg auch, und äußerlich schien es, als wäre alles, wie es früher und immer gewesen war.

Jetzt, am Tage, bevor er mit Anna hinauszufahren beschlossen hatte, befahl der Baron dem Alten, vorauszufahren und das Schloß einigermaßen zum Empfange vorzubereiten. Die Zimmer sollten gelüftet, in den Oefen und Kaminen sollten Feuer angezündet werden. In den Wegen des Parks, die vom Tauwetter jedenfalls aufgeweicht sein würden, hieß er ihn Sand aufschütten und an besonders morastigen Stellen Bretter legen. Endlich sollte für ein Frühstück gesorgt werden.

Alle diese Weisungen erteilte der Baron in kurzem, bestimmtem Tone; der alte Johann nahm sie mit schweigender Unterwürfigkeit entgegen; er war in diesem Augenblick nichts weiter, als der demütige, gehorsame Knecht.

Ein grauer, nasser Himmel lag über der Erde, als der Baron am nächsten Morgen mit seinem Wagen bei Anna von Glassner vorfuhr, um sie zum Bahnhofe abzuholen.

Als er bei ihr eintrat, stand sie schon reisefertig in ihrem grauen Reisemantel da. Lächelnd wickelte er einen Gegenstand, den er in Händen trug, aus dem umhüllenden Papier; es war ein Paar nagelneuer, mit Pelz gefütterter Gummischuhe.

»Das ist kein Schmuck,« sagte er, »das darfst du annehmen, und im Park draußen wird es feucht sein.«

Sie sah ihm dankbar ins Gesicht.

»Auch an so etwas denkst du?«

Sie setzte sich, um die Gummischuhe anzulegen, und dabei konnte sie nicht verhindern, daß er sich auf ein Knie vor ihr niederließ, um ihr beim Anziehen behilflich zu sein.

Zärtlich drückte er ihre kleinen Füße.

»Aber Eberhard!« mahnte sie.

Er sprang auf, schloß sie in seine Arme und küßte sie auf den Mund.

»Komm,« sagte er, »heute fährst du als Anna von Glassner hinaus; das nächste Mal als Anna von Fahrenwald.«

Nach einer Eisenbahnfahrt von etwa einer Stunde kamen sie an der kleinen Station an, von der man zum Gute des Barons gelangte. Als der Zug einlief, stand bereits ein grauhaariger Mann mit abgezogenem Hute und gebeugtem Rücken auf dem Bahnsteige; es war der alte Johann.

»Sieh, wie pünktlich und aufmerksam er ist,« flüsterte Anna, mit dem Kopfe nach dem Alten deutend, dem Bräutigam zu. Dieser erwiderte nichts, und als Johann hinzutrat, um dem Fräulein beim Aussteigen behilflich zu sein, verhinderte er, daß er sie berührte.

»Ist der Wagen da?« fragte er kurz.

Der Wagen war da.

Indem sie dahin gingen, drückte sie mit leisem Vorwurfe den Arm des Bräutigams; er war so freundlich und gut, nur dem alten Diener gegenüber erschien er ihr so barsch.

Der Wagen war zugedeckt, weil es vorher geregnet hatte; jetzt aber hatte der Regen aufgehört.

»Möchtest du ihn lieber offen haben?« fragte der Baron.

»O ja,« bat sie. Es war ja eine neue Welt, in die sie kam, und die will man doch gern ordentlich sehen können. Also wurde das Verdeck zurückgeschlagen; im Wagen befanden sich Fußsäcke und Decken; zwei prächtige Rappen stampften an der Deichsel. Der Ueberfluß kam ihr entgegen und breitete beide Arme aus.

Nachdem er sie in eine Wagenecke gepackt und sorgfältig in die Decken gewickelt hatte, setzte er sich neben sie; die Pferde zogen an und der Wagen rollte auf die Landstraße hinaus. Wege und Stege trieften von Nässe, in den Feldern rechts und links standen breite Wasserlachen, so daß sie wie Sümpfe aussahen; am Himmel, der kalt und grau wie Stahl war, taumelten die Wolken, vom Aprilwinde gejagt, in dicken schwärzlichen Ballen dahin. Alles in allem war es kein freundlicher Empfang, den die neue Welt dem jungen Mädchen bereitete.

Der Baron sah sie von der Seite an und sah, wie ihr Stumpfnäschen keck und vergnügt aus Hüllen und Decken in die graue Luft ragte.

»Ist dir kalt?« fragte er.

»Nicht im geringsten!« erwiderte sie.

»Aber schön ist es nicht?«

»Himmlisch,« gab sie zur Antwort. »Was denkst du denn? So eine Stadtpflanze, wie ich; das ist ja die reine Wonne, so über Land zu fahren!«

Er war ganz glücklich und legte den Arm um sie; durch die Decken und Tücher, mit denen er sie umwickelt hatte, war sie aber ganz unförmlich geworden, so daß sein Arm nicht um sie herumreichte. Sie kicherte vor Vergnügen.

»Siehst du,« sagte sie, »wenn du mich so weiter verwöhnst, werde ich noch so dick werden, daß du mich gar nicht mehr umarmen kannst -- es fängt schon an damit.«

Er hörte ihrem Geplauder zu. Wie ihn das beglückte, daß sie so zufrieden war! Wie wenig sie brauchte, um zufrieden zu sein!

Der Wagen war inzwischen von der Landstraße abgebogen und quer durchs Land gefahren. Jetzt tauchten in einiger Entfernung die kahlen Baumkronen eines weit ausgedehnten Parkes vor ihnen auf.

Plötzlich kam Annas Hand unter den Decken hervorgekrochen und erfaßte die Hand des Barons.

»Eberhard,« fragte sie leise, indem sie sich zu ihm hinüberbog, »ist es das?«

Er sah ihr ins Gesicht.

»Das ist es,« erwiderte er.

Sie verstummte; ihre Augen wurden groß und ernst.

»Gefällt es dir?« fragte er nach einiger Zeit.

»Es scheint ganz wundervoll,« gab sie flüsternd zurück. Dann zeigte sie mit dem Finger nach vorn.

»Und das da -- das ist das Schloß?«

Ueber den Wipfeln des Parks stiegen die Mauern eines großen Gebäudes finster empor.

»Das ist das Schloß,« versetzte er.

Dann ergriff er ihre Hand, die langsam niedergesunken war. »Gefällt dir das auch?«

Sie nickte gedankenvoll mit dem Haupte. Nachdem sie dann ein Weilchen geschwiegen, schmiegte sie sich an ihn.

»Eberhard,« bat sie leise, »könnten wir nicht am Park aussteigen und durch den Park zum Schlosse geh'n?«

»Wäre dir das lieber?« fragte er.

Sie nickte wieder; sie hätte kaum sagen können, warum, aber es war ihr wirklich lieber. Vielleicht, daß ihr das große düstere Gebäude unwillkürlich einen Schreck einflößte.

Der Park öffnete sich in das umgebende Gelände; weder Mauer noch Zaun schloß ihn ab.

Als jetzt der Wagen die Stelle erreicht hatte, wo die Parkwege sich mit der Fahrstraße kreuzten, befahl der Baron, anzuhalten.

»Also komm,« sagte er zu Anna, »wir wollen aussteigen und zu Fuße gehen.«

Rasch entledigte sie sich ihrer Umhüllungen, und auf seine Hand gestützt, sprang sie hinab.

Während der Wagen zum Schlosse weiterfuhr, schritten die beiden, Arm in Arm, in den Park hinein.

Ihr Weg führte sie eine Allee entlang, die von hochstämmigen, uralten Buchen gebildet wurde. In den blätterlosen Wipfeln brauste der Wind, der immer stärker angeschwollen und jetzt beinahe zum Sturm geworden war. Die Bäume neigten und beugten sich, die kahlen Aeste schlugen klatschend aneinander, ein Chor von tausend seltsamen Lauten, ein Krachen, Pfeifen und Heulen erfüllte die Luft.

Unwillkürlich schloß Anna sich dichter an ihren Begleiter. Zum erstenmal setzte sie den Fuß auf Fahrenwaldschen Grund und Boden, und es war, als wenn die Geister und Dämonen, welche dieses Gebiet bewohnten, sie begrüßten.

Der Baron fühlte ihre ängstliche Bewegung; er sagte sich, daß er sie nun da hatte, wo er sie haben wollte, haben mußte, aber es war wie ein Gefühl des Unrechts in ihm. Er kam sich vor, wie ein Jäger, der in einem fremden Erdteile ein Wild gefangen und es in seine Heimat geschleppt hat. Wird das fremde Geschöpf sich an die Luft der neuen Umgebung gewöhnen?

In Gedanken verloren, waren sie schweigend fürbaß geschritten. Dann fing Anna an.

»Siehst du,« sagte sie, »nun begreif' ich, warum sie deinen Park das schlesische Paradies nennen; das find' ich so schön, daß der Garten so offen ist; da können die armen, müden Leute, wenn sie von den Feldern draußen kommen, hereintreten und sich unter den schönen schattigen Bäumen erholen.«

»Gefällt es dir?« fragte er zurück, »das freut mich. Früher, verstehst du, war ein Gitter rings um den Park herum; ich habe es wegnehmen lassen.«

»Das hast du gethan?«

»Ja,« sagte er einfach.

Sie ruckte an seinem Arm; beide blieben stehen.

»Eberhard,« sagte sie leise, indem sie ihm in die Augen sah, »weißt du, was ich glaube? Daß du der beste, gütigste Mensch bist, den es auf Erden gibt.«

Er wandte das Haupt zur Seite, als wolle er ihrem Blicke ausweichen. Es gibt Menschen, die es nicht vertragen, daß man sich mit ihnen beschäftigt; vielleicht auch, daß er an den Vormittag zurückdachte, da er nahe daran gewesen war, den alten Johann zu erschlagen, und daß ihr Lob ihm darum ungerechtfertigt erschien -- er erwiderte nichts und drückte nur hastig ihre Hände. Dann schlang er ihren Arm wieder in den seinen und setzte den Weg mit ihr fort.

Von der Allee bogen sie in einen Seitenweg ab, und indem sich nun der Park tief wie ein Wald vor ihr aufthat, sah und empfand Anna erst, wie schön und herrlich er war.

»O Eberhard,« fuhr sie bewundernd heraus, »wie muß das alles herrlich sein, wenn es erst Frühling wird und alles in Laub und Blättern steht!«

Nun warf er den Arm um sie her; sie fühlte seinen leidenschaftlichen Druck.

»Meinst du, daß es schön sein wird? Glaubst du, daß es dir gefallen wird? daß du glücklich sein wirst? Glaubst du's?«

»Ja doch, ja gewiß,« erwiderte sie, indem sie sich bemühte, ihn den Schreck nicht fühlen zu lassen, den seine plötzliche Leidenschaftlichkeit ihr eingejagt hatte.

»Dann will ich dir etwas sagen,« fuhr er fort, indem er sie eng an sich preßte, »sprich nie von mir! Hörst du? Sag nie, daß ich gut bin! Von mir, siehst du, muß nie die Rede sein; das ist mir gerade recht, ist mir das allerliebste! Nur du bist da, und du sollst glücklich und zufrieden sein. Siehst du, ich will mal ein Bild brauchen, damit du's verstehst: du bist für mich wie die Sonne, und ich bin wie die Erde. Und wenn die Sonne scheint, siehst du, dann ist die Erde glücklich, daß sie sich um die Sonne drehen kann. Und mehr will ich nicht und brauch' ich nicht. Und darum gibt's für die Sonne nur eine Verpflichtung: nämlich, daß sie da ist und leuchtet, weiter gar nichts. Und nun sag' mir, wirst du daran denken? Und da sein für mich und leuchten? Wirst du's? Versprichst du's?«

Was blieb ihr anders übrig, als es zu versprechen? Aber während sie es that, fühlte sie beklommenen Herzens, daß es nicht immer leicht sein mochte, nichts weiter als »Sonne« zu sein und immerdar zu leuchten.

Indem sie dem Schlosse näher kamen, lichtete sich der Park, das Baumdickicht blieb hinter ihnen und der Weg führte an Rasenflächen und Blumenbeeten vorüber.

Anna riß sich vom Arme des Bräutigams los und schlug in die Hände.

»O herrlich!« rief sie, »hier beginnt mein Reich!«

Sie lief einige Schritte voraus und achtete nicht darauf, daß ihre Füße in dem aufgeweichten Boden beinahe bis an die Knöchel einsanken. Zwischen den kahlen Blumenbeeten ging sie auf und ab.

»O Eberhard,« rief sie, »Eberhard, wie sieht das hier aus! Da bekomme ich Arbeit! Da bekomme ich Arbeit!«

Der Baron war hinter ihr stehen geblieben.

»Geh nicht zu weit,« warnte er scherzend, »du ertrinkst mir am Ende noch, bevor du an deine Arbeit kommst.«

Jauchzend flog sie zu ihm zurück. Blumen gab es also auch hier in dem verwunschenen Hause, und da wo Blumen sind, ist ja auch Licht! Im Augenblick aber, da sie ihm in die Arme fallen wollte, blieb sie jählings stehen. Jetzt erst bemerkte sie, was sie vorhin nicht gesehen hatte, daß sie unmittelbar vor dem Schloß standen.

Auf einem Unterbau von mächtigen Granitquadern, der nur von wenigen, engen, vergitterten Fenstern durchbrochen war, erhoben sich zwei Stockwerke, deren jedes zwölf Fenster zeigte. Himmelhoch sah es von hier unten aus, die Mauern ganz grau, beinahe schwärzlich, wie angeblakt vom schweren Atem der Jahrhunderte; wie ein Gebirge lag es da, und obschon keine Sonne am Himmel stand, war es, als wenn es einen schweren Schatten über die Menschen würfe, die schweigend zu ihm aufblickten.

»Du mußt nicht erschrecken,« sagte der Baron, als er in Annas Zügen den Eindruck wahrnahm, den die düstere Behausung in ihr hervorrief, »es ist ein altes Komtureigebäude, daher ist es so alt und sieht so finster aus.«

»Aber weißt du,« erwiderte sie, indem sie sich in seinen dargebotenen Arm hing, »wenn du es mit frischer Farbe anstreichen ließest, würde es gewiß viel freundlicher aussehen.«

Er nickte zufrieden.

»Siehst du,« sagte er, »das ist gleich ein vortrefflicher Gedanke. Ich merke schon, es kommt mit dir ein neuer Geist ins alte Haus.«

Er führte sie darauf durch eine Halle, die vom Garten nach dem Hofe hindurchging, und als Anna, mit offenem Munde, stehen bleiben und den großen, seltsam ausgeschmückten Raum bewundern wollte, zog er sie weiter.

»Komm,« mahnte er, »es ist kalt hier drin.«

In dem schwachen Lichte, das durch enge Fenster hereinfiel, hatte sie nur soviel sehen können, daß die Wände von oben bis unten mit Jagdtrophäen und Jagdgeräten behangen waren. Hirschgeweihe, Wildschweinsköpfe und Köpfe von Elentieren, mit lang herabhängenden Schnauzen, ragten aus den Mauern hervor; das Jagdgerät und die Waffen schienen uralt zu sein; ein riesiger Kamin, in dem kein Feuer brannte, befand sich in der einen Wand.

Sie traten auf den Hof hinaus, den auf der einen Seite das Schloß, auf der andern ein Wirtschaftsgebäude umgab, und hier öffnete sich das Thor, das zu den oberen Räumen führte.

Durch einen Vorflur, dessen Boden mit Steinfliesen belegt war, und wo rechts und links zwei alte große Bilder an den Wänden hingen, Pferde in Lebensgröße darstellend, die von Stallknechten in der Kleidung des siebzehnten Jahrhunderts geführt wurden, gelangte man an die Treppe.

Es war eine Stiege von altem dunklen Eichenholz, mit so flachen Stufen, daß man das Steigen kaum gewahr wurde. Schwere Geländer liefen zu beiden Seiten hinauf.

Anna wußte kaum, wie ihr zu Mute war, als sie in diese wuchtige, von Jahrhunderten gesammelte und aufgespeicherte Pracht hineinschritt; die Erinnerung an den Abend kam ihr zurück, als sie zum erstenmal in seinem Wagen nach Hause gefahren war.

Der Mann an ihrer Seite aber preßte ihren Arm und ließ ihr keine Zeit zum Besinnen.

»Hast du gehört,« fragte er, indem er sie die Stufen hinaufzog, »wie die alte Treppe geknackt hat? Das ist eine gute Vorbedeutung; sie hat die neue Herrin erkannt und sie begrüßt.«

Stumm drückte sie ihm die Hand. Sie hätte so gerne etwas Fröhliches erwidert, aber das fremdartige Neue, das sie umgab, lastete auf ihrer Brust.

Es war ein altertümlich gebautes und verbautes Haus mit lichtlosen Räumen. Die Treppe mündete in einen Flur, der keine Fenster hatte, sondern nur durch eine hoch oben im Dache angebrachte Glasscheibe so viel Helligkeit empfing, daß man die Gegenstände ringsumher erkennen konnte. Eine schmalere Treppe leitete vom ersten zum zweiten Stockwerke hinauf; der Haupttreppe gegenüber öffnete sich ein Gang, an dessen rechter, nach dem Hofe gelegener Seite sich eine Reihe kleiner, winklig ineinander geschobener Gemächer befand; die eigentlichen Wohn- und Staatszimmer lagen vom Eintretenden links, durch eine Glasthür vom Flure getrennt.

Als der Baron mit Anna die Treppe bis zum ersten Stock hinaufgestiegen war, öffnete sich die Glasthür und es erschien eine Gestalt, die Anna, in dem Dämmer, der sie umgab, kaum zu erkennen vermochte. Es war der alte Johann, der lautlos daran ging, seinem Herrn und dessen Begleiterin die Mäntel abzunehmen.

Hinter der Glasthür war noch ein Vorraum, und hier herrschte eine so völlige Dunkelheit, daß Anna nur tappend weiter zu schreiten vermochte. Plötzlich aber brach Licht herein. Der Baron hatte eine Thür geöffnet, die Anna nicht gesehen hatte; an der Hand zog er sie über die Schwelle, und mit einem unwillkürlichen »Ah« -- des Staunens und der Bewunderung stand sie mitten im Zimmer.