Part 3
»Jawohl, das Fräulein da oben, im zweiten Stock,« erwiderte gutlaunig der Baron. »Und nächster Tage ist die Hochzeit.«
Er wandte sich nach der Hausthür, und indem er ihm den Rücken drehte, konnte er nicht sehen, was der Johann hinter seinem Rücken für ein merkwürdiges Gesicht schnitt. Er warf einen wütenden, geradezu giftigen Blick nach der Treppe, die das Haus hinaufführte, dann glättete er mit dem Aermel seines Ueberrocks den Cylinderhut, den er noch in der Hand hielt, und während er das that, neigte er das Haupt, wie jemand, der sich plötzlich in eine schwere Notlage versetzt sieht und Mittel und Wege überdenkt, die nun zu ergreifen sind. Dann stülpte er den Hut mit einem Rucke auf, biß die Zähne aufeinander und folgte seinem Herrn. Die Hausthür fiel schmetternd zu, weil der Alte sie wütend ins Schloß geworfen hatte.
Am nächsten Tage ging bei Anna ein Brief ein.
Sie erhielt selten Briefe und zögerte ein Weilchen, den Umschlag zu öffnen. Die Handschrift war ihr nicht bekannt und sah so sonderbar aus; man hätte kaum sagen können, ob sie von einem gebildeten oder ungebildeten Menschen herrührte.
Endlich entschloß sie sich, und nun las sie folgende Zeilen:
»Haben Sie auch bedacht, was Sie thun? Sie wissen doch, daß der Mensch, mit dem Sie sich verlobt haben, ein Verrückter ist?«
Ein Name stand nicht darunter. Der Brief war unterschrieben:
»Ein Wissender.«
Anna hielt das widerwärtige Blatt in den Händen. Was sollte sie thun?
Das beste bei solchen Gelegenheiten ist ja, demjenigen, vor dem man gewarnt wird, den anonymen Wisch ruhig zu zeigen, damit man kein Geheimnis vor ihm behält. Aber das war doch in diesem Falle nicht möglich. Durfte sie den unglücklichen Mann lesen lassen, wie das, wovon er sich an ihrer Seite zu befreien und zu erlösen hoffte, ihm in so roher und gemeiner Weise auf den Kopf zugesagt wurde?
Sie faßte sich kurz, riß den Brief samt dem Umschlage in Fetzen und steckte sie in den Ofen. Die Sache war abgethan.
Eine Stunde später kam der Baron, und nun pries sie ihren Entschluß. Er sah so heiter aus, so klar; man merkte ihm an, wie in Annas Gegenwart der dunkle Schleier sich hob und lüftete, der seine Seele umdüsterte. Hätte sie, deren Nähe ihm die Gesundheit bedeutete, ihn in sein Leiden zurückstoßen sollen, indem sie ihn daran erinnerte? Nimmermehr!
Heut brachte der Baron ihr den Verlobungsring mit, einen goldenen Reif, der einen Brillanten umfaßte. Mit schüchternem Erröten ließ sie sich den Ring an den Finger stecken, und während sie die Hand hin und her drehte, um das Licht in dem geschliffenen Steine aufzufangen, griff der Baron schon wieder in die Rocktasche. Er holte ein Schmuckschächtelchen hervor, das er vor ihren Augen aufspringen ließ. Anna blickte hinein und fuhr zurück. Ein goldenes Armband mit einem prächtigen Amethyst leuchtete ihr entgegen.
»Aber nein!« erklärte sie, »nein, nein, das geht ja nicht, daß du mich so überhäufst! Das kann ich ja nicht annehmen!«
Er sah glücklich lächelnd zu ihr hinüber.
»Aber Anna,« sagte er, »weißt du denn nicht, daß ich mich beschenke, wenn ich dir ein Geschenk mache?«
Sie mußte es sich gefallen lassen, daß er ihren Arm ergriff und ihr das Armband umlegte. Die Haut an der Hand und dem Handgelenk war rot und aufgesprungen; man sah es ihr an, wie schonungslos die Hände des jungen Mädchens in der Hauswirtschaft mitarbeiten mußten. Anna deutete mit den Augen darauf hin.
»Sieh doch nur selbst,« sagte sie: »für solche Hände paßt doch ein so wundervolles Armband gar nicht.«
Der Baron hob ihre kleine gerötete Hand empor.
»Das ist Anna von Glassner,« sagte er. Dann schob er den Aermel ihres Kleides so weit zurück, daß die weiße, zarte Haut des Armes sichtbar wurde.
»Und hier kommt die Baronin von Fahrenwald heraus,« fügte er lächelnd hinzu. »In einigen Tagen sind auch die Händchen so weiß und zart wieder, wie das.« Er drückte die Lippen auf ihren entblößten Arm und schob das Armband so hoch hinauf, daß es auf der weißen Haut lag.
»Siehst du,« sagte er, »wie gut es sich hier ausnimmt!«
Sie mußte lächelnd zugestehen, daß er recht hatte, und dann siegte die weibliche Freude am Schmuck über alle ihre Bedenken.
Mit leuchtenden Augen fiel sie ihm um den Hals.
»Du wirst mich noch so verwöhnen, daß ich ganz hochmütig und schlecht werde.«
Er hielt sie an sich gedrückt.
»Sei was und wie du willst, nur sei glücklich.«
Es wurde alsdann zwischen ihnen verabredet, daß die Hochzeit möglichst bald stattfinden sollte.
»Wie ist es denn?« fragte er, »möchtest du eine Hochzeitreise machen?«
Anna lächelte.
»Nicht wahr,« sagte sie, »das ist doch dein Park, den sie das Schlesische Paradies nennen?«
»Wirklich?« erwiderte er, »davon habe ich ja noch gar nichts gewußt.«
»Ja, ja,« versicherte sie, »er soll ja auch wunderschön sein!«
»Nun, er ist groß genug, das ist wahr; nur vielleicht ein bißchen verwahrlost.«
Sie legte die Hände auf seine Schultern.
»Und da fragst du mich, ob ich eine Hochzeitreise machen will? Nach dem Schlesischen Paradies reise ich mit dir und da bleiben wir.«
»Das wolltest du? Wirklich?« Man sah ihm die Freude an, die ihre Entscheidung ihm bereitete.
»Aber daß du nur keinen Schreck bekommst,« fuhr er fort, »wenn du da hinauskommst; es ist etwas einsam, verstehst du. Ich habe da ganz allein mit meinem alten Johann gehaust.«
»Ach Gott,« versetzte sie, »das denke ich mir ja gerade so wunderschön! Siehst du, ich bin ja auch mein Leben lang so allein gewesen, so an die Einsamkeit gewöhnt. Nun richten wir uns das alte schöne Schloß ein, wie es für uns beide paßt, dann gehen wir durch den Park, und nicht wahr, den Park gibst du in meine Obhut? Ich denke mir das so köstlich, Gärtnerin zu sein!«
Sie war ganz lebhaft geworden; ihr Gesicht glänzte. Der Baron sah sie hingerissen an. Vor seinem Geiste erschien eine Reihe der lieblichsten Bilder: er sah seine junge Frau durch die düsteren Räume des alten Schlosses wandeln, wie den Geist des neuen jungen Lebens; er sah sie im Park umherschalten, anmutig zur Arbeit aufgeschürzt, und Haus und Garten wurden jung und lebendig und schön unter ihren Händen und seine Seele ward jung und freudig und stark in ihrer geliebten Nähe.
»Alles soll so sein, wie du es sagst,« rief er jauchzend, indem er sie an sein Herz drückte, »sobald das Wetter einigermaßen wird, fahren wir hinaus und ich zeige dir alles, und dann kommen wir zurück und kaufen Tapeten und Möbel und Blumensamen und alles was der Mensch sich denken kann. Und nachher, da leben wir da draußen zusammen, wie auf einer Insel im weiten Meer. Wir beide ganz für uns, und fragen nach keinem Menschen und nach keiner Welt!«
Er war wie trunken von Freude, als er sie endlich verließ, und auch vor Annas Phantasie begann die Zukunft wie ein helles freundliches Land emporzusteigen.
Am nächsten Tage aber erhielt ihre fröhliche Stimmung einen Stoß. Genau zu der Stunde, an der gestern der anonyme Brief gekommen war, erschien heute, von derselben Hand verfaßt, ein zweites Schreiben.
Gar nicht erst aufmachen, sondern ohne weiteres in den Ofen stecken, das war Annas erstes Gefühl -- aber die Neugier war stärker als die Wallung der Vernunft, und sie folgte dem verhängnisvollen Triebe, der in uns ist, Dinge, von denen wir wissen, daß sie uns gräßlich widerwärtig sein werden, daß sie unsern Seelenfrieden stören werden, recht genau und in der Nähe anzusehen.
Das, was sie heute las, war dies:
»Haben Sie denn das Verhältnis noch nicht gelöst? Noch immer nicht? Bedenken Sie sich, es wird Zeit! Es wird hohe Zeit!!!«
Diesmal war der Brief unterschrieben »der Warner«. Nun nachdem sie gelesen, stand sie da und bereuete, daß sie gelesen hatte. Es war ihr zu Mute, wie einem Kinde, das man vor giftigen Beeren gewarnt hat und das trotzdem genascht hat. Mochte sie das Geschreibsel auch zerreißen und in den Ofen stecken, vergessen konnte sie ja doch nicht, was darin gestanden hatte. Dazu kam der sonderbare Ton und die Form des Briefes; beides war so aufgeregt. Die drei Ausrufungszeichen am Schluß, und die Unterschrift war mit ganz merkwürdigen Schnörkeln verbrämt und verziert.
Das Ende ihres Ueberlegens war, daß auch dieser Brief in Fetzen ging und in den Ofen wanderte.
Am darauf folgenden Tage aber lauschte sie schon mit aller Spannung, ob heute auch der Briefträger erscheinen würde. Und richtig, als die Stunde schlug, klingelte es, und ein dritter Brief lag in ihren Händen. Heut überlegte sie schon nicht mehr, ob sie lesen sollte, oder nicht, mit einer Art von Heißhunger fiel sie darüber her.
Der unbekannte Verfasser betitelte sich heute »Prüfer von Herz und Nieren«; das, was er verkündete, lautete folgendermaßen:
»Verblendete!! Das gefällt Ihnen wohl, daß der unglückselige Mensch Sie mit Schmuck und Flitter überhäuft? Wollen Sie denn mit Gewalt blind und taub sein? Daran sollten Sie doch merken, daß er ein Wahnsinniger ist!! Ein Wahnsinniger!!!«
Ein unheimlicher Schauder überlief Anna, als sie diese Worte las. Es klang wie eine dumpfe Wut daraus, eine Wut gegen sie und zugleich gegen ihn. Sie versank in Gedanken, und so geschah es, daß der Baron sie überraschte, bevor sie noch Zeit gefunden hatte, den Brief zu vernichten. Sie hatte ihn gerade noch in die Tasche stecken können, als er eintrat, und sie mußte sich beinahe Zwang anthun, um dem Bräutigam unbefangen und heiter entgegenzugehen.
Als er aber jetzt, vergnüglich schmunzelnd wie ein Kind, das jemandem eine rechte Ueberraschung zugedacht hat, eine große Schachtel zum Vorschein brachte, und als sie darin ein prachtvolles Perlenhalsband erblickte, fuhr sie zurück, und diesmal war es nicht Schüchternheit noch Bescheidenheit, was sie zurückfahren ließ, sondern Schreck, wirklicher, wahrhaftiger Schreck.
Die Worte des unbekannten Briefschreibers fielen ihr ein, und die schrecklichen Worte hatten ja recht gehabt; so rasend verschwenden konnte ja nur ein Wahnsinniger!
Mit hängenden Armen stand sie da und starrte, wie geistesabwesend, auf den Schmuck, der ihr vom dunkelblauen Sammet, auf dem er gebettet lag, entgegengleißte.
Der Baron hielt den geöffneten Schrein mit beiden Händen vor sie hin und lachte still in sich hinein. Er ahnte nicht, was in ihr vorging, und sah in ihrer Starrheit nur das hülflose Staunen der Armut, die sich plötzlich vom Reichtum überflutet sieht.
»Aber Anna,« sagte er endlich, als sie noch immer wie leblos vor ihm stand, »freust du dich denn gar nicht ein bißchen?«
Sie hörte wieder den Ton seiner Stimme, sie blickte auf und sah sein Gesicht mit einem Ausdrucke unsäglicher Güte und Liebe auf sich gerichtet, und plötzlich brach sie in Thränen aus und fiel ihm schluchzend um den Hals.
Dieser Ueberschwall von Gebensfreudigkeit -- das sollte alles nur eine Ausgeburt des Wahnsinns sein? Dieser Mensch, der sich auflöste, nur um ein Lächeln auf ihrem Gesicht hervorzurufen, das sollte ein Verrückter sein? Nein, nein, nein! Und sie drückte das Gesicht an seinen Hals und schüttelte, wie in Verzweiflung, das Haupt.
Der Baron stand ratlos. Diese Thränen sahen doch gar nicht wie Uebermaß von Freude, sondern wie echter Schmerz aus. Bevor er aber noch zu Worte kommen konnte, fing sie an.
»Eberhard,« sagte sie, indem sie die Arme von seinem Halse löste, »siehst du, es ist ja so himmlisch gut von dir, und ich bin dir ja so maßlos dankbar für alles, aber ich bitte, ich beschwöre dich, laß es genug sein, schenke mir nichts mehr.«
Die Heiterkeit wich von seinem Gesichte.
»Ich hatte geglaubt,« sagte er langsam, »es würde dir Freude machen -- und nun willst du es gar nicht haben?«
Er schickte sich an, den Schrein zu schließen, und dabei sah er so kummervoll aus, daß ein reißender Schmerz durch ihre Seele ging.
»Nein, nein,« rief sie, »ich will es ja nehmen, gern nehmen, und ich bin dir ja so, so dankbar dafür, aber ich wollte ja nur sagen: dann nichts mehr, Eberhard. Laß es damit genug sein, bitte, versprich es mir, bitte, bitte!«
Er drückte den Kasten ins Schloß und sah sie an, als begriffe er nicht, was sie wollte.
Sie faßte seine Hand mit beiden Händen.
»Siehst du,« sagte sie, »du mußt doch bedenken, daß ich an so etwas nicht gewöhnt bin; du weißt ja doch, daß ich ganz arm bin; ich habe doch früher nie Schmuck getragen, und an so etwas muß man sich doch allmählich gewöhnen. Und wenn das dann so mit einemmal, so massenhaft kommt, siehst du, Eberhard, lieber guter Eberhard, das mußt du dir doch selbst sagen, daß einen das geradezu ängstigt. Das erstickt einen ja und erdrückt einen und das hält man gar nicht aus.«
Ihre Worte waren hastig erregt von ihren Lippen gekommen, aber sie beruhigten ihn. Er entnahm daraus, daß es wirklich nur die Armut in ihr war, die vor dem plötzlichen Reichtum erschrak.
»Du liebes, bescheidenes Kind,« sagte er zärtlich, indem er den Arm um sie legte, »ich glaube wirklich, du hast vollkommen recht, und es war falsch, daß ich zu rasch gewesen bin. Aber du weißt ja doch, warum ich es gethan habe und bist mir nicht böse?«
»Ich -- dir böse sein --« erwiderte sie stockend, und die Thränen drängten ihr von neuem empor, so daß sich ihr die Kehle zuschnürte.
Er stellte den Schmuckkasten auf den Tisch.
»Also mag er da bleiben,« sagte er, indem er seinen Ton zur Heiterkeit anstrengte, »und vorläufig genug damit.«
Sie blieben dann noch eine Zeit lang bei einander, aber eine unbefangene fröhliche Stimmung wollte nicht mehr recht aufkommen. Der Vorgang von vorhin wirkte in beiden nach, und zwischen ihnen, auf dem Tische stand der verhängnisvolle Schmuckkasten, der an dem allen schuld war.
Am nächsten Tage blieb Anna verschont; es lief kein Brief ein. Als der Baron indessen erschien, lag ein Schatten auf seinem Gesicht und in seinen Augen war ein dumpfes Glühen.
Anna erschrak einigermaßen, als sie ihn sah; sein Ausdruck war so anders als an den vergangenen Tagen.
Sie forschte nach dem Grunde seines Mißmuts, aber er wollte nicht mit der Sprache heraus.
»Bist du mir böse wegen gestern?« fragte sie endlich, indem sie sich neben ihn setzte.
Er strich mit freundlicher Hand über ihr Haar.
»Nein, gar nicht, lieber Engel,« sagte er, »verlaß dich darauf, gar nicht.«
Sie fragte nicht weiter, sie wollte nicht in ihn dringen, aber ihre Augen blieben stumm besorgt an ihm hängen.
»Ach weißt du,« sagte er endlich, indem er sich aus seinem Brüten aufraffte, »es ist wirklich gar nicht der Mühe wert, und es ist unrecht, daß ich dich damit quäle. Ich habe einen Auftritt mit meinem Diener gehabt, das ist die ganze Geschichte.«
Er war aufgestanden und ging im Zimmer hin und her. Anna folgte ihm von ihrem Sitze aus mit den Blicken.
»Mit deinem alten --«
»Mit meinem alten Johann, ja.«
»Aber ich denke,« wandte sie ein, »er ist dir so treu und ergeben?«
»Freilich ist er das,« gab er zur Antwort, »treu beinah bis zum Uebermaß, und das ist es ja eben --« er brach mitten im Satze ab und wanderte wieder schweigend auf und nieder.
»Siehst du,« fuhr er nach einer Weile fort, »solche alten Diener, die man vom Vater überkommt, die einen als Kind auf dem Arm getragen haben, die einen immerfort begleitet haben, sind ja einerseits ein Schatz, und darum kann man sie nicht so aus dem Hause schicken, wie man es vielleicht mit andern machen würde.«
Ein Zucken ging über sein Gesicht und in seinen Augen flimmerte es, wie die Erinnerung an einen schweren Grimm, den er durchgemacht hatte.
»Du wirst doch nicht an so etwas denken!« sagte Anna, indem sie aufstand. Eine innere Stimme flüsterte ihr zu, wie notwendig ihm die stetige Begleitung eines treuen, mit seiner Natur vertrauten Menschen sein mochte.
»Ich denke ja nicht daran,« versetzte er, »nur das wollte ich sagen, siehst du, solche alten Diener werden andrerseits auch manchmal zu einer Art von Last. Sie wollen den Haushofmeister, gewissermaßen den Schulmeister spielen, und das -- na, indessen --« er brach wieder ab. »Lassen wir die dumme Geschichte; sie ist abgethan und, wie gesagt, gar nicht der Rede wert.«
Anna war zu ihm herangetreten und sah ihm bittend in die Augen.
»Mir zuliebe,« sagte sie, »sei geduldig mit dem alten, treuen Menschen; er meint es gewiß so redlich und gut mit dir.«
Der Baron blickte mit einem eigentümlichen Lächeln auf sie nieder.
»Das sagst du,« erwiderte er langsam. Seine Lippen bewegten sich, als wollte er noch etwas hinzusetzen; aber er sprach es nicht aus. Allmählich aber, indem seine Augen auf ihrem Gesichtchen ruhten, kehrte der Ausdruck stiller Zufriedenheit in seine Züge zurück.
»Du bist ein Engel,« sagte er, »und so gut, wie du selbst es gar nicht weißt.«
Bald darauf verließ er sie.
Es war, wie der Baron gesagt hatte; zwischen ihm und dem alten Johann hatte es am Morgen dieses Tages einen Auftritt gegeben, einen merkwürdigen, schrecklichen Auftritt.
In sein junges Glück versenkt, hatte der Baron nicht weiter acht auf den Alten gegeben, sonst hätte es ihm auffallen müssen, daß dieser seit dem Tag, als er mit ihm das Haus verlassen hatte, wo Anna von Glassner wohnte, ein seltsames Wesen angenommen hatte.
Jeden Vormittag, wenn der Baron ausging, um sich zu seiner Braut zu begeben, schlich der Alte geräuschlos hinter ihm drein. Dem Juwelierladen gegenüber, in den er seinen Herrn eintreten sah, auf der andern Seite der Straße, stellte er sich auf und wartete, bis der Baron wieder herauskam; und wenn dieser zu Annas Hausthür gelangt war, ahnte er nicht, daß wenige Schritte hinter ihm sein Diener stand und ihn mit Augen verfolgte -- mit Augen, die den lauernden Ausdruck eines wilden Tieres hatten. Wenn er alsdann in die Behausung zurückgekehrt war, wo er mit dem Baron wohnte und wo ihm ein geräumiges Zimmer angewiesen war, setzte der Alte sich an den Tisch, der inmitten des Zimmers stand, und dort saß er Stunden und Stunden lang. Er aß nicht, er trank nicht, er rauchte nicht; er war ganz versunken in dumpfes, stumpfes Brüten. Die einzige Thätigkeit, zu der er sich aufraffte, war, daß er sich alsdann erhob, eine große Schreibmappe auf den Tisch legte, Tinte und Feder herbeiholte und nun mit fanatischem Eifer zu schreiben anfing. Was er da schrieb -- niemand sah es, denn niemand war dabei; jedesmal, bevor er an seine Schreiberei ging, riegelte er sorgfältig die Thür seines Zimmers ab. Es schienen jedoch Briefe zu sein; denn das Papier, worauf er schrieb, waren Briefbogen, und jedesmal, nachdem er geendigt und das Geschriebene wohl zehnmal mit gerunzelter Stirn und stumm glühenden Augen durchgelesen hatte, steckte er den Bogen in ein Couvert, das er mit einer Adresse und Postmarke versah. Leise schloß er alsdann seine Thür wieder auf, steckte horchend den Kopf hinaus, und wenn er sich überzeugt hatte, daß niemand ihn hörte und sah, schlüpfte er behutsam aus der Wohnung, aus dem Hause, um den Brief in den nächsten Briefkasten zu stecken.
Abends fand der Baron, wenn er nach Haus kam, die Lampen in seinen Gemächern bereits angezündet, alles zu seinem Empfange bereit, und den alten Johann, einmal wie allemal fertig, ihn des Mantels zu entledigen, ihm den Thee zu bereiten und alles zu thun, woran er von jeher gewöhnt war. Was der Baron nicht beachtete, das waren die Blicke, mit denen der Alte ihn lauernd beobachtete, und was er nicht sah, das war, daß der Alte, nachdem er sich zurückgezogen hatte, draußen auf dem Flur stehen blieb, lautlos an die Thür gepreßt, hinter der sein Herr saß, stundenlang horchend, lauschend, ob er nicht da drinnen plötzlich ein verdächtiges Geräusch, irgend etwas vernehmen würde, das ihn nötigte, zuzuspringen und Hand anzulegen. Denn er wußte ja doch, daß da drinnen ein Wahnsinniger saß und daß es sein Beruf und seine Pflicht war, den Wahnsinnigen zu bewachen.
An dem Vormittag dieses Tages nun, als der Baron gefrühstückt und darauf dem Diener geklingelt hatte, damit er ihm beim Anziehen behilflich sei, hatte dieser sich, im Bewußtsein seiner Pflicht, ein Herz gefaßt und beschlossen, mit seinem Herrn einmal ein Wort zu reden.
Es kam ihm nicht leicht an, denn er war ein echter Schlesier, und daher steckte ihm ein knechtischer Respekt vor seinem Gebieter in Fleisch und Bein. Aber es mußte sein, es mußte.
Den Pelz seines Herrn in den Händen, trat er in das Zimmer ein; als der Baron aber in den Mantel fahren wollte, ließ der Diener ihn sinken.
»Gnädiger Herr wollen mir eine unterthänige Frage erlauben -- gehen gnädiger Herr wieder zu dem Fräulein?«
Der Baron sah sich überrascht um; ein Lachen zuckte über sein Gesicht.
»Interessiert dich das so? Allerdings gehe ich zu ihr.«
Der Alte senkte das Haupt und stierte auf den Teppich.
»Nun, was gibt's? Worauf wartest du?« fragte der Baron, indem er ein Zeichen machte, daß er den Pelz anzulegen wünschte.
»Gnädiger Herr, wollen entschuldigen,« erwiderte der Alte, ohne die Augen zu erheben, »ob gnädiger Herr es sich nicht noch einmal überlegen möchten?«
»Was soll ich mir überlegen?«
»Daß gnädiger Herr das Fräulein wirklich heiraten wollen.«
Der Baron machte auf dem Absatze kehrt, so daß er seinem Diener unmittelbar gegenüberstand. Er war einen Augenblick ganz sprachlos vor Erstaunen.
»Was geht das dich an?« stieß er hervor. »Was fällt dir denn ein?«
»Gnädiger Herr wissen ja doch,« murrte der Alte mit hohler Stimme von unten herauf, »daß ich gnädigen Herrn von Kindesbeinen her kenne -- daß ich vom seligen Herrn Baron --«
»Weiß ich, weiß ich, weiß ich alles!« rief der Baron, indem er ungeduldig aufstampfte. »Was gehört das hierher?«
»Und daß ich weiß, was gnädigem Herrn gut thut und gnädigem Herrn nicht gut -- weil ich weiß, wie es steht.«
Der Baron trat einen halben Schritt zurück.
»Wie was steht?«
Jetzt richtete der Alte das gesenkte Haupt so weit auf, daß er einen schrägen, lauernden Blick in die Augen seines Herrn bohren konnte. Seine Stimme wurde dumpf und leise.
»Wie es -- mit gnädigem Herrn steht.«
Das bleiche Gesicht des Barons wurde noch um eine Färbung bleicher, so daß es ganz weiß aussah, und in dem weißen Gesichte glühten die Augen auf. Ein Zittern durchlief seine Gestalt, seine Hände schlossen sich, er konnte keinen Laut hervorbringen. So standen sich die beiden Männer stumm gegenüber. Am Leibe des alten Johann regte sich keine Fiber, nur seine Augen hafteten stieren Blicks an dem Baron. Er sah ja, daß der Mann dort unmittelbar vor einem Ausbruche von Tollwut stand, und Tobsüchtige darf der Wärter nicht aus den Augen lassen.
Es dauerte geraume Zeit, bis daß der Baron seine Fassung einigermaßen zurückgewann. Seine Brust keuchte, indem er zu sprechen begann; die Worte kamen abgebrochen heraus.
»Johann -- weil ich weiß -- daß du es gut meinst -- will ich dir verzeihen, was du -- da eben gesagt hast. Aber, wenn du es noch einmal thust, dann nimm dich in acht!« Er hob den rechten Arm mit geballter Faust empor. »Nimm dich in acht!« wiederholte er, »nimm dich in acht!«
Seine Stimme war immer lauter angeschwollen, so daß sie zuletzt beinahe brüllend geworden war. Sein Körper schüttelte sich wie im Krampf. Dann plötzlich ließ er den erhobenen Arm sinken, warf sich stöhnend in einen Sessel und legte beide Arme auf die Lehne, das Gesicht auf die Arme drückend.
Regungslos stand der Alte; in seinen Augen war etwas, wie ein wilder Triumph, indem er auf seinen Herrn niederblickte. Wer hatte nun recht gehabt? War der Mann da, der unglückselige, etwa kein Wahnsinniger?
Zunächst sprach keiner von beiden ein Wort; eine schwüle, beängstigende Stille trat ein. Dann erhob der alte Johann wieder die Stimme.
»Und wenn gnädiger Herr heiraten, thut es gnädigem Herrn nicht gut.«
Der Baron erwiderte nichts; er gab überhaupt kein Zeichen, als hätte er gehört.
»Und wenn ein Fräulein kommt,« fuhr der Alte fort, »und will den gnädigen Herrn heiraten, weil das Fräulein Frau Baronin werden möchte und reich werden möchte, weil sie selber nichts hat --«