Das wandernde Licht: Novelle

Part 2

Chapter 23,976 wordsPublic domain

Die alten, kränklichen, kinderlosen Leute besuchten keine Gesellschaften, weil sie sie nicht erwidern konnten; bei Gelegenheiten, wie die heutige eine war, ließen sie das junge Mädchen allein gehen und durch das Dienstmädchen aus der Gesellschaft abholen.

»Wollten Sie mir sagen,« fragte sie nach einiger Zeit den Baron, »welche Zeit es ist? Ich darf nicht zu spät nach Haus kommen.« Der Baron sah nach der Uhr. Sie raffte ihr dünnes Kleidchen zusammen. »Dann muß ich gehen.«

»So früh schon?«

»Mein Onkel und meine Tante schlafen so schlecht,« erwiderte sie, »und haben es nicht gern, wenn ich sie so spät in der Nacht störe.«

Sie erhob sich; zugleich mit ihr stand er auf.

»Ich werde auch gehen,« sagte er.

Sie senkte das Köpfchen und errötete.

Auf dem Flure draußen saß die Köchin, die sie erwartete. Eine Person mit groben, mißmutigen Zügen, der man ansah, wie wenig Vergnügen es ihr bereitete, daß sie, neben der gewöhnlichen Tagesarbeit, jetzt auch noch durch die Winternacht laufen mußte, um das »Fräulein« nach Haus zu bringen.

Ein Paar Gummischuhe standen neben ihr, die sie dem jungen Mädchen mit nicht übermäßiger Verbindlichkeit zuschob. Während Anna ihre kleinen, mit weißen Atlasschuhen bekleideten Füße in die Ueberschuhe zwängte, stand der Baron hinter ihr und sah zu. Die Köchin trat heran und gab ihr den Mantel um, ein dickes, schweres Kleidungsstück von grobem, dunklem Tuch, unter dem die jugendliche Gestalt ganz unkenntlich und unförmlich wurde. Jetzt wandte sich Anna, und da sie den Baron noch immer stehen sah, wollte sie mit einer flüchtigen Neigung des Kopfes an ihm vorüber.

Mit einem hastigen Schritte war er an ihrer Seite.

»Darf ich Sie um eine Gnade bitten?« fragte er.

Erstaunt, beinahe erschreckt, blickte sie auf.

»Wollen Sie meinen Wagen benutzen, damit er Sie nach Haus bringt?«

Nun erschrak sie wirklich.

»Ach nein -- wie könnte ich das -- nein wirklich --«

Er wich einen halben Schritt zurück; ihre Schüchternheit erschien ihm als Angst; sie fürchtete sich also auch vor ihm. Als er so jählings verstummte, erhob sie unwillkürlich das Haupt. Sie sah, wie der Kummer in seine Züge zurückgekehrt war.

»Ich -- weiß wirklich gar nicht« -- begann sie stockend. »Sie -- sind wirklich -- so gut zu mir --«

Wie neubelebt trat er wieder heran.

»Ach, wenn Sie es annehmen wollten,« flüsterte er, »wenn Sie wüßten, was für eine Freude Sie mir damit bereiten würden.«

Nun konnte sie nicht mehr »nein« sagen; mit einer leisen Neigung senkte sie das Haupt.

Der Baron wandte sich rasch zurück. Hinter ihm stand der alte Johann, den Pelzmantel seines Herrn in Händen, regungslos wie eine Bildsäule, mit starren, sonderbaren Augen auf den Baron und das Fräulein blickend.

»Ist der Wagen da?« fragte der Baron.

Der Alte verneigte sich mit schweigender Würde. Hurtig fuhr der Baron in den Mantel, dann bot er Anna von Glassner den Arm.

»Darf ich Sie hinunterführen?«

Von ihm geleitet stieg das junge Mädchen die Treppe hinab; die Köchin folgte hinterdrein.

Vor der Hausthür stand ein verdecktes Coupé mit einem mächtigen Pferde bespannt; zwei strahlende Wagenlaternen warfen ihr Licht in die Straße hinaus.

Anna wich beinahe zurück -- in solch' eleganten Wagen sollte sie sich hineinsetzen?

Der Baron aber hatte bereits den Schlag geöffnet und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Indem er ihre Hand ergriff, zog er sie an die Lippen, und sie fühlte, wie er den Mund darauf preßte, einmal, zweimal, leidenschaftlich.

»Leben Sie wohl,« sagte er leise, »leben Sie wohl, ich sehe Sie wieder? Nicht wahr, ich sehe Sie wieder?«

Anna war keiner Antwort fähig. Wie in Betäubung stieg sie in den Wagen und sank in eine Ecke, nach ihr kam die Köchin, die sich gesperrt und geweigert hatte, und erst auf ein »nur zu« des Barons sich zum Einsteigen entschloß.

Der Baron ließ sich Straße und Hausnummer angeben, rief sie dem Kutscher zu, und im nächsten Augenblick rasselte der Wagen von dannen.

In ihren Mantel gewickelt saß Anna da und fragte sich, ob das alles ein Traum sei, was sie erlebte.

Für gewöhnlich reichten ihre Mittel gerade zu einer Fahrt auf der Pferdebahn -- und jetzt sauste sie durch die Straßen von Breslau, daß das Pflaster unter den Rädern knatterte!

Die Köchin, die ebenfalls ganz sprachlos vor Staunen gewesen war, hatte angefangen, mit tastenden Händen den Stoff der Polster zu untersuchen, auf denen sie saß. Jetzt seufzte sie in Bewunderung auf.

»Du meine Gütte -- gnä' Fräulen,« sagte sie, »die reine Seide alles, die reine Seide!«

Die weibliche Neugier siegte über Annas Befangenheit; sie zog den Handschuh von der einen Hand und tastete ebenfalls auf den Wagenpolstern herum. Die Köchin hatte recht gehabt. Alles Seide -- die Polster, die Wände des Wagens, alles Seide. Lautlos sank sie in ihre Ecke zurück. Was bedeutete das alles und wohin ging das alles?

Sie, das arme, unscheinbare Mädchen, das sich zu Gesellschaften ein paar armselige Fähnchen zusammenstückelte, um nur nicht gar zu erbärmlich gegen den Reichtum der andern abzustechen, plötzlich, wie durch die Hand eines Zauberers, mitten hineinversetzt in Fülle, Glanz und Pracht!

Ihr, an der die Menschen auf der Straße vorübergingen, wie an einem Nichts, die man auf Bällen in der Ecke sitzen ließ, weil es sich nicht der Mühe lohnte, mit ihr zu tanzen oder gar sie zu unterhalten -- ihr näherte sich plötzlich ein Mann, einer der reichsten Männer von ganz Schlesien, und bat sie schüchtern, ängstlich und demütig, ihm zu erlauben, daß er seinen Reichtum in ihren Dienst stellen dürfe. Sie schloß die Augen; war das Wirklichkeit, was ihr geschah? Dann aber schrak sie innerlich auf: der Mann war ja ein Wahnsinniger; alle Welt sagte es ja? Und also war es nur die Phantasie seines kranken Hirns, die ihn zu alledem getrieben hatte, was er heute abend gethan? Aber, indem der Schauder sie übermannen wollte, kam ihr die Erinnerung an den Ton seiner Stimme zurück, die zu ihr gesprochen hatte, wie noch keines Menschen Stimme je zuvor. Nein, nein, nein -- es war ja doch nicht möglich; es konnte ja nicht sein!

Während Anna unter solchen wechselnden Empfindungen zu ihrer in der fernen Vorstadt gelegenen Wohnung fuhr, wanderte der Baron Eberhard von Fahrenwald, von seinem Diener gefolgt, zu Fuß nach Haus.

Sein Haupt, das für gewöhnlich zur Erde hing, war aufgerichtet, seine ganze Gestalt hatte etwas Aufatmendes, Befreites, ein Glücksgefühl wie heut abend hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht empfunden.

Welche Wonne, daß das Mädchen arm war! Immer wieder vergegenwärtigte er sich den süßen Augenblick, als sie in ihrer Bescheidenheit gezögert hatte, den prächtigen Wagen zu besteigen -- und dieser Wagen war der seinige! All die Behaglichkeit, all die weiche Ueppigkeit, die sie jetzt umgab, kam ihr von ihm! Er lachte still glückselig vor sich hin. All sein Denken und Thun war ein beständiges brütendes Grübeln über sich selbst, über seinen Zustand und über das Verhängnis, das auf ihm lastete -- zum erstenmal konnte er an etwas andres denken, an einen andern Menschen; und dieser andre Mensch, dieses liebe Wesen konnte glücklich werden durch ihn. Glücklich durch ihn, der sich wie ein zum Unglück Geborener, wie eine Last der Menschheit empfand! Hatte er nicht den dankbar erstaunten Ausdruck in ihrem bescheidenen Gesichtchen gesehen und hatten ihre Augen ihm nicht gesagt, daß er stark genug sei, um Glück auf Menschen ausgehen zu lassen? Ja, ja, ja, es war so, und unwillkürlich, indem er so seinen Gedanken nachhing, reckte er die Arme aus, als wollte er dem Kraftgefühle Ausdruck geben, das ihn durchströmte.

Einige Schritte hinter ihm kam der alte Johann. Den Kopf weit vorgebeugt, kein Auge von seinem Herrn verwendend, ging oder schlich er vielmehr hinter dem Baron einher. In seiner ganzen Haltung war etwas Beobachtendes, Lauerndes. Als er sah, wie der Baron die Arme ausreckte, war er unhörbar mit einem Sprunge ganz dicht hinter ihn herangekommen, das hagere Gesicht zu einer Aufmerksamkeit gespannt, die beinahe feindselig aussah. Seine Hände, die er in den Taschen des Ueberziehers getragen, hatte er hervorgezogen und frei gemacht, so daß es den Anschein bekam, als bereitete er sich darauf vor, sich im nächsten Augenblick auf seinen Herrn zu stürzen, wie der Wärter eines Wahnsinnigen sich auf seinen Schutzbefohlenen stürzt, um ihn von irgend einer schrecklichen That zurückzuhalten. Denn der Mensch da vor ihm war ja ein Kranker, ein Wahnsinniger, Verrückter, das wußte er ja wohl genau genug, er, der ihn als Kind auf den Armen getragen hatte, der ihn hatte heranwachsen sehen und um ihn gewesen war zu jeder Zeit und an jedem Orte. Und seit heute abend wußte er ja auch, daß er seine Aufmerksamkeit verdoppeln und vervierfachen mußte. Für den unglücklichen Menschen da vor ihm gab es nur eine Möglichkeit zum Leben, Ruhe, Ruhe und immerdar Ruhe. Das hatte ihm vor Jahren der Arzt gesagt, und wenn es der Arzt nicht gesagt hätte, würde sein Instinkt es ihm verraten haben. Ein Tag mußte sein wie der andre, gleichmäßig, immer, immer gleichmäßig. Und heute abend hatte er mit ansehen müssen, wie dieser Mann anfing, sich zu verlieben!

Verlieben! Wohl etwa gar heiraten?

Er war ganz wütend, er knirschte beinahe mit den Zähnen. So wenig also kannte der unglückselige Mensch seinen Zustand? Na -- es war nur gut, daß er da war, der alte Johann; er würde schon acht auf ihn geben, ja, das würde er, ja!

Und er schob die Hände, indem er sie zu Fäusten ballte, in die Taschen seines Ueberziehers zurück, weil er sich überzeugt hatte, daß der Baron vorläufig nichts weiter Gefährliches unternahm.

Am nächsten Vormittag, und zwar am ziemlich frühen Vormittag, klingelte es an der Wohnung von Annas Onkel, und als die Köchin öffnete, ging ein verständnisvolles Grinsen über ihre Züge; der Herr von gestern stand vor der Thür, der Baron Eberhard von Fahrenwald.

Ein sprachloses Erstaunen bei dem Onkel und der Tante, ein glühendes Erröten bei Anna -- und im nächsten Augenblick, noch bevor man ihn eigentlich hereingebeten hatte, stand er schon auf der Schwelle. Auch wenn man ihn abgewiesen hätte, er würde sich nicht haben abweisen lassen, das sah man ihm an. Seine Brust ging auf und nieder, und in dem bleichen Gesicht glühten die Augen wie Kohlen.

Beinahe wie ein Spieler, der das letzte Geld auf eine Karte gesetzt hat, so sah er aus.

Es kostete ihn Mühe, die äußerlichen Regeln der Höflichkeit innezuhalten; seine Blicke hingen an Anna, unverwandt, beinahe mit angstvollem Ausdruck, als fürchtete er, daß sie hinausgehen, daß sie ihm entfliehen könnte.

Nachdem er den alten Major und dessen Frau begrüßt hatte, trat er auf das junge Mädchen zu.

»Darf ich Sie sprechen?« fragte er. »Darf ich Sie allein sprechen?«

Seine Stimme war heiser vor innerer Erregung.

Anna stand gesenkten Hauptes mitten im Zimmer. Herz und Kehle waren ihr durch die Angst wie zugeschnürt; sie hatte in diesem Augenblick die sichere Empfindung, daß sie es mit einem Wahnsinnigen zu thun hatte. Etwas Aehnliches schienen auch der Onkel und die Tante zu empfinden, die sich gegenseitig stumm fragend ansahen.

Der Baron bemerkte das alles. Plötzlich ging er auf die beiden alten Leute zu, streckte beide Hände aus und faßte den Onkel an der linken, die Tante an der rechten Hand.

»Aengstigen Sie sich nicht,« sagte er, und das Wort kam feierlich aus der Tiefe seiner Brust; in seinen Augen war ein flammendes Leuchten.

Die beiden alten Leute sahen ihn ganz verdutzt an, machten eine verlegene Verbeugung und zogen sich in das Nebenzimmer zurück.

Anna stand noch immer, wo sie gestanden hatte. Als sie sich jetzt mit ihm allein sah, überkam sie die Angst so heftig, daß sie sich nicht mehr zu raten und zu helfen wußte. Sie zog ihr Taschentuch hervor, drückte es an die Augen und fing an zu weinen. Der Baron stand einige Schritte von ihr entfernt und sah ihr schweigend zu.

»Bin ich Ihnen so schrecklich?« fragte er endlich. Der Ton klang wieder so sanft und herzlich, daß sie einigermaßen zu sich selbst kam. Sie steckte das Tuch in die Tasche und schüttelte leise das Haupt.

»Denken Sie denn gar nicht mehr an gestern?« fuhr er fort. »Gestern abend waren Sie doch so -- so lieb und gut, denken Sie denn gar nicht mehr daran?«

Er war zu ihr herangetreten und hatte sie an beiden Händen erfaßt; Anna fühlte, wie behutsam er sie berührte, trotzdem vermochte sie noch nicht, das Gesicht zu ihm zu erheben.

Er behielt ihre Hände in den seinigen.

»Gestern abend,« sagte er, »bin ich so glücklich gewesen, und darum bin ich heut so früh wiedergekommen. Bitte, seien Sie doch nicht böse darum. Wenn Sie sich auch vor mir fürchten, dann habe ich ja niemand mehr.«

Seine Stimme war ganz leise geworden.

»Denken Sie doch einmal,« sprach er weiter, »Sie gehen auf der Straße, und indem Sie da gehen, sehen Sie einen Menschen am Wege liegen, dem irgend ein Unglück geschehen ist, und der ruft Sie um Hülfe an. Und Sie könnten ihm helfen, wenn Sie wollten, aber Sie fürchten sich und laufen davon -- glauben Sie nicht, daß Sie sich einmal Vorwürfe machen würden, wenn Sie dann erfahren, daß der Mensch zu Grunde gegangen ist?«

Das alles war so einleuchtend, kein Vernünftiger hätte es klarer auseinandersetzen können. Sie wurde wieder schwankend, wieder ganz verwirrt. Vor ihr stand ein Mann, der über Reichtümer gebot, von denen sie sich kaum eine Vorstellung machen konnte, und sagte ihr, daß sie ihm helfen könne, sie, die in der ärmlichen Wohnung, in einem fadenscheinigen Morgenanzuge, in Morgenschuhen mit abgestoßenen Spitzen, in aller Kläglichkeit eines ärmlichen, erbärmlichen Lebens steckte. War es denn möglich, das alles?

Sie erhob das Gesicht und sah seine Augen mit dem fragenden, flehenden Ausdruck vom gestrigen Abend auf sich gerichtet. Ja ja, es war ja derselbe Mensch -- leise drückte sie seine Hände, und indem sie es that, leuchtete sein Gesicht auf.

»Darf ich sprechen?« flüsterte er.

»Aber ich -- Ihnen helfen --« stammelte sie -- »wenn ich nur begriffe --«

Er zog sie an den Händen zu einem Stuhle.

»Kommen Sie,« sagte er, »kommen Sie, bitte, setzen Sie sich, ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, eine ganz kurze.«

Sie setzte sich nieder, er schob einen Sessel neben den ihrigen und legte den einen Arm über die Rücklehne ihres Stuhles, so daß sein Oberleib sich zu ihr hinüberbeugte und sein Mund nahe an ihrem Ohre war.

»Ich kenne einen Menschen,« begann er, und seine Stimme war so gedämpft, als wollte er verhüten, daß irgend jemand, außer Anna, seine Worte vernähme, »ich kenne einen Menschen, der in einem Boote auf einem Wasser fährt. Er sitzt ganz allein in dem Kahn, und das Wasser, auf dem er fährt, ist ein breiter Fluß, und der Fluß hat einen starken Strom, denn er fließt einem Abhang zu, über den er sich hinunterstürzen wird. Der Abhang ist gar nicht mehr weit und er ist sehr hoch, so daß man den Donner des Wassersturzes bereits hört. Und da treibt nun der Kahn hin, in dem der Mann sitzt. Und obschon er weiß, daß er zerschmettert werden wird, wenn er in den Sturz gerät, läßt er den Kahn dennoch treiben und thut nichts, um ihn aufzuhalten -- ist das nicht sonderbar von dem Mann?«

Er unterbrach sich und blickte Anna von der Seite an. Sie saß aufgerichtet, wie erstarrt, ihre Hände hatten sich ineinandergeschoben, ihre Augen blickten vor sich hin. Es ahnte ihr, wer der Mann war, von dem er erzählte.

Er beugte sich noch näher zu ihr.

»Soll ich Ihnen nun sagen, warum er das thut?«

Sie blieb regungslos; nur ihre bleichen Lippen bewegten sich.

»Warum?« fragte sie tonlos.

»Sehen Sie,« fuhr er fort, »weil im Wasser neben dem Kahn etwas einherschwimmt, und weil er nichts thun und nichts denken kann, als immer und immer und immerfort auf das, was da neben ihm schwimmt, hinzublicken.«

Seine Stimme sank zu einem heiseren Flüstern herab.

»Und das, was da schwimmt, sehen Sie, das ist etwas Schreckliches, etwas Gräßliches, das ist ein Ungeheuer, so etwa, verstehen Sie, wie die Seeschlange, von der die Schiffer erzählen, daß sie ihnen auf der See begegnet sei. So müssen Sie sich das denken. Mit einem schuppigen Leibe, verstehen Sie, und ganz lang. Und das Schrecklichste an dem Dinge, sehen Sie, das ist der Kopf. Der läßt sich eigentlich gar nicht beschreiben, aber er sieht so ungefähr aus, wie ein ungeheurer Papageienkopf. Ein Schnabel ist daran, ein großer krummer Schnabel, und zwei Augen sind in dem Kopfe --«

Er verstummte. Anna vernahm, wie sich die Luft in seiner Kehle zusammenpreßte, als fände sie keinen Ausweg.

»Die Augen,« fuhr er fort, »sehen Sie, die sind es, auf die der Mann in dem Kahne immerfort hinschauen muß. Die Augen sind fürchterlich, ganz groß und ganz grün, wie die Augen von einem furchtbaren bösen Menschen. Und die Augen blicken immerfort zu dem Manne herauf, und wenn sie ihn ansehen, dann ist's wie ein Lächeln darin, wie ein grauenvolles, und als wollten sie sagen: >ich habe dich, du entkommst mir nicht<. Und das, sehen Sie, das ist es, was den Mann gefesselt hält und gefangen hält und gebannt hält, daß er nichts thun und nichts denken und sich nicht helfen und nicht retten kann, obschon er hört, wie der Wassersturz immer näher und näher kommt.«

Abermals verstummte er, und da auch Anna, von Grauen versteinert, keinen Laut hervorbrachte, herrschte eine Zeit lang ein beklommenes Schweigen.

Dann that er einen tiefen, seufzenden Atemzug und seine Stimme nahm wieder den ruhigen, sanften Ton vom gestrigen Abende an.

»Und nun, sehen Sie, nun kommt ein Augenblick, da gelingt es dem Manne, einmal für eine Sekunde den Blick über das Ding da im Wasser hinwegzubringen, und da sieht er am Ufer ein menschliches Wesen stehen. Und das menschliche Wesen, sehen Sie, das ist eine Frau, ein junges Mädchen, und er merkt, daß sie ihm zugesehen hat, eine ganze Zeit lang, und sich gewundert hat, was er da treibt. Und mit einemmal kommt ihm der Gedanke: wenn du dahin gelangen könntest, wo die steht, wenn du ihre Hand fassen könntest, daß sie dir hülfe, aus dem Kahn und dem Wasser herauszukommen, dann wärest du mit einemmal das Ding da los, das gräßliche, und brauchtest nicht in den Wassersturz hinunter und wärest gerettet! Und da, sehen Sie, faßt er mit einemmal das Ruder und wendet, und fährt auf die Stelle zu, wo sie steht -- und dann, wie sie ihn kommen sieht, faßt sie der Schreck, weil sie denkt, er käme, um ihr ein Leides zu thun, und sie wendet sich, um davonzulaufen -- und er sieht das, und schreit ihr nach -- bleib doch, ich thue dir nichts! Sei doch barmherzig! Ich komme ja nur, damit du mich rettest! Und da --«

Mit einem Griffe hatte er ihre Hände erfaßt, sein Gesicht war dicht an ihrem Gesichte, so daß sie seinen keuchenden Atem auf ihrer Wange fühlte. Weiter bog er sich vom Stuhle und immer weiter zu ihr hinüber, bis daß er plötzlich auf beiden Knieen vor ihr lag.

»Anna -- was thut sie da? Anna -- läuft sie dennoch fort? Läuft sie dennoch fort?«

Sein totenbleiches Antlitz war zu ihr erhoben, kalter Schweiß netzte seine Stirn, seine Augen hatten den Blick eines Menschen, der den Spruch über Leben und Tod erwartet, und an ihren Knieen, an die seine Brust sich preßte, fühlte Anna das Herz in seinem Leibe pochen.

Ein namenloses Mitgefühl überschwoll ihr Herz. Ohne zu wissen, was sie that, breitete sie beide Arme um sein Haupt, und indem sie in Thränen ausbrach, drückte sie das Gesicht auf sein Haupt.

»O Sie armer, unglücklicher Mann,« sagte sie schluchzend.

Ein Stöhnen drang aus seiner Brust hervor. »Du gehst nicht? Du läufst nicht davon? Läufst nicht davon?«

»Nein, nein, nein, ich will nicht davonlaufen.«

Jählings fühlte sie sich von zwei gewaltigen Armen umfaßt. Er war aufgesprungen und hatte sie, wie ein Kind, an seine breite Brust gerissen.

»Ach du -- mein Leben -- meine Seligkeit -- mein heiliges Heiligtum -- mein Alles!«

Und er küßte, küßte und küßte sie.

Endlich beruhigte er sich einigermaßen, so daß Anna wieder zu Atem kam. Unter seinen Küssen und Umarmungen waren ihre Wangen ganz heiß geworden, so daß sie hübscher aussah als zuvor. Der Baron war einen Schritt von ihr hinweggetreten und blickte sie mit strahlenden Augen an, wie sie verwirrt und verschämt vor ihm stand. Sie drehte den Kopf zu ihm herum.

»Aber wenn ich nur wüßte, was ich thun soll?«

Mit einer stürmischen Bewegung hatte er sie an beiden Händen erfaßt.

»Gar nichts sollst du thun!«

Sie schüttelte langsam das Haupt.

»Gar nichts thun soll ich?«

Er lachte laut auf vor Vergnügen.

»Nur da sein sollst du und dir gefallen lassen, was ich thue.«

Sie lächelte leise. »Was wird denn das sein, was Sie vorhaben?«

Nun legte er beide Arme um ihren Leib, so sanft, so vorsichtig, als fürchtete er, sie zu erschrecken oder ihr weh zu thun.

»Dich glücklich machen,« sagte er.

Das Wort kam so aus der Tiefe eines von Liebe erfüllten Herzens hervor, daß das junge Mädchen unwillkürlich an seine Brust sank.

»Du guter Mann,« sagte sie. Ihre Augen suchten die seinen. Er hielt sie in den Armen, seine Hände strichen leise an ihren Seiten hinunter.

»Siehst du,« sagte er, »indem ich dich so halte, ist mir, als wäre der ganze liebe Körper und alles, was darinnen ist, ein Gefäß, ein zartes, zerbrechliches, und daß es so zerbrechlich ist, das ist gerade das Gute daran. Nun darf ich an nichts mehr denken, als daß es in meinen Händen nicht entzweigeht, und das gerade ist ja so gut. Siehst du, nun will ich in das Gefäß hineinthun alles, was der Mensch sich für den Menschen ausdenken kann an Gutem und Glücklichem. Und wenn wir da draußen auf meinem Gute leben, das nun auch dein Gut ist, wir beide ganz allein, jedesmal, wenn dann ein neuer Tag anbricht, will ich nach deinem lieben Gesichte sehen; und du brauchst mir nie zu sagen, daß du mich liebst, das verlange ich nicht, nur ob du glücklich bist, will ich in deinem Gesichte sehen, und wenn ich das sehe, siehst du, dann werde ich glücklich sein, glücklich, o -- so glücklich.«

Seine Worte erstarben in einem tiefen leisen Flüstern. Sie hielt das Haupt gesenkt, als wollte sie lauschen und immer länger lauschen; als er schwieg, richtete sie sich auf und wiegte das Haupt und legte beide Arme um ihn her.

»Wie, soll ich dir denn nicht sagen, daß ich dich liebe,« sprach sie, und ihre Stimme war ruhig und fest geworden, »da ich dich jetzt schon liebe, von ganzer Seele, du teurer, du geliebter Mann.«

Sie hielten sich schweigend umschlungen, dann richtete sie sich auf.

»Komm,« sagte sie, »nun wollen wir den Onkel und die Tante rufen.«

Sie faßte ihn an der Hand und ging mit ihm an die Thür des Nebenzimmers, die sie öffnete. Die alten Leute traten heraus und blieben verblüfft stehen, als sie Anna Hand in Hand mit dem Baron gewahrten.

Mit einem ruhigen Lächeln sah sie sie an.

»Lieber Onkel,« sagte sie, »liebe Tante, ich teile euch mit, daß ich mich mit dem Herrn Baron von Fahrenwald verlobt habe.«

Am Nachmittag erst verließ der Baron seine Braut und deren Angehörige.

Als er die Treppe hinunterstieg und den letzten Absatz erreicht hatte, sah er im Hausflur einen Mann, der mit aufgeregten Schritten hin und her ging; es war sein Diener, der alte Johann.

Verwundert blieb er stehen; in dem Augenblick hatte der Alte den Kopf herumgedreht und seinen Herrn erkannt; er unterbrach seinen Gang und stand wie angewurzelt.

»Was soll denn das?« fragte der Baron. »Ich hatte dir doch gesagt, daß du mich nicht begleiten solltest.«

Der Alte lüftete den Hut, ohne die Augen von seinem Herrn zu lassen.

»Gnädiger Herr blieben so lange --« erwiderte er.

Der Baron lachte. Er war in so fröhlicher Stimmung, daß er sich über nichts geärgert hätte, am wenigsten über die übertriebene Sorgfalt seines alten Dieners.

»Hast gedacht, mir wäre ein Unglück passiert?« meinte er. »Na, du kannst dich beruhigen.«

Er ging die Stufen vollends hinunter und schlug ihn auf die Schulter.

»Will dir eine Neuigkeit sagen, Johann, ich habe mich verlobt.«

Der Alte riß die Augen weit auf und wich zwei Schritte zurück; der Mund stand ihm halb offen.

»Das Fräulein -- da oben, im zweiten Stock?« stotterte er.