Part 10
Und dennoch also war sie tot? So war sie wohl nachher gestorben, nachdem er den Saal verlassen hatte? Er hatte ja die Grube mit eigenen Augen gesehen, in der sie lag -- also tot war sie wirklich?
Und während er sich das alles sagte, kam immer und immer wieder ein Gefühl, als sei alles nicht so, als wäre sie nicht tot, nur irgendwo versteckt. Von der Bank, auf der er saß, konnte er die Buchenallee hinuntersehen, durch welche er damals mit ihr in den Park eingetreten war, bis hinunter an den Eichbaum, an den er damals den Kranz gehängt hatte. Immerfort gingen seine Augen die Allee entlang, immer war es ihm, als würde er dort unten am Ende der Allee plötzlich eine Gestalt erscheinen sehen, von der Sonne umleuchtet, eine ersehnte, geliebte Gestalt, als würde er auf sie zustürzen und sie ihm entgegenfliegen, als würde er in ihren Armen aufwachen aus gräßlichem, gräßlichem Traume, aufwachen als ein glückseliger Mensch zu neuem glückseligen Leben.
So stark war seine Einbildung, daß er unwillkürlich von der Bank aufstand. Im selben Augenblick aber war schon der Aufpasser an seiner Seite. Er hatte die Blicke des Barons verfolgt, er sah in die Allee hinein -- war da etwas? Nichts.
»Kommen Herr Baron,« sagte er, »es wird Zeit, daß Herr Baron etwas essen.« Er faßte ihn unter den Arm und schleppte ihn ins Schloß.
So kam der Abend heran, und als es dunkel wurde, erfaßte eine qualvolle Unruhe den gepeinigten Mann. War es denn wirklich wahr, daß sie da draußen in der finsteren Nacht in dem finsteren tiefen Loche lag? Nein, nein, nein! Wenn er sich nur hätte überzeugen, nur die Grube aufwühlen und hineinschauen können, ob sie wirklich da unten war! Aber der Alte stand hinter ihm; er fühlte, wie er ihn von hinten ansah; seine Blicke lagen auf ihm wie Keulen. Wenn er den Versuch gemacht hätte, in den Garten hinauszukommen, würde jener sich wie ein Bullenbeißer auf ihn geworfen haben. Es schauderte ihn, schweigend kroch er wieder in sich zusammen.
»Gehen Herr Baron jetzt zu Bett,« sagte der Alte, indem er, mit dem brennenden Lichte in der Hand, an die Thür des Bibliotheksaales trat.
Eberhard erhob sich, dann aber, mit einem plötzlichen Griff, entriß er dem Diener das Licht, und ehe dieser es zu hindern vermochte, stürzte er damit ins Nebenzimmer.
»Anna!« rief er laut und klagend, »Anna! Anna!«
So lief er durch die Galerie und so von Zimmer zu Zimmer, das Licht emporhebend, im Kreise umherführend, mit den Augen umhersuchend in allen Ecken, ob er sie nicht irgendwo entdecken würde, irgendwo. Aber sie war nicht mehr da.
So kam er in ihr Wohnzimmer, wo ihre Möbel standen und ihr Schreibtisch und ihre Blumen, wo alles noch erfüllt schien vom Dufte ihrer Persönlichkeit, und so endlich in ihr Schlafgemach. Da stand noch das Bett, in dem sie gelegen hatte, das einst so zierliche, jetzt so verwüstete Bett, und nun erfaßte es ihn wirklich wie Raserei, und er fing an, mit dem Lichte unter die Sofas zu leuchten und unter das Bett, als müßte sie da irgendwo versteckt sein, als müßte, müßte er sie finden.
In dem Augenblick aber ertönte hinter ihm die eiserne Stimme: »Was soll denn so etwas? Herr Baron stecken ja noch das ganze Schloß in Brand.«
Die harte Faust des Alten riß das Licht aus seiner Hand und hielt es hoch, so daß es ruhig stand, dann zog er ihn vom Boden empor, nahm seinen Arm unter seinen Arm, und indem er ihn wie in einer Zwinge gefangen hielt, führte er ihn hinaus, die Treppe hinauf in sein Zimmer. Er brachte ihn zu Bett, wie ein Kind, untersuchte noch einmal die Fenster.
»Nun schlafen Herr Baron,« befahl er; dann riegelte er von außen die Thür zu.
So verging Tag nach Tag, und so ein Abend nach dem andern. Jeden Tag das stundenlange Sitzen am Rasenplatze auf der Bank, das stumme Suchen mit den Augen in der Allee, jeden Abend das wandernde Licht von Zimmer zu Zimmer, das Suchen und Suchen und Nichtfinden, und bei Tage und am Abend, immerfort der Alte um ihn, hinter ihm, neben ihm, immer und immerfort.
Im Dorfe und in der Umgegend verbreitete sich unterdessen die Nachricht, daß die junge Frau Baronin plötzlich gestorben sei, und dieser Nachricht folgte ein Gerücht, das man sich nur unter der Hand zuraunte: Der Herr Baron hatte seine eigene Frau umgebracht.
Er war verrückt geworden, der Baron, und der alte Johann bewachte ihn. Der brave alte Johann!
Er hatte immer großes Ansehen im Dorfe genossen, jetzt aber war er geradezu eine imposante Persönlichkeit geworden. Eigentlich war doch er jetzt der Herr vom Schloß.
Wenn er mit seinem dicken Stock die Dorfstraße entlang kam, flogen die Mützen und Hüte von den Köpfen; er aber war ein stolzer Mann, er erwiderte keinen Gruß; wie ein Stier mit vorgestrecktem Kopf ging er seines Wegs. »Er hat jetzt halt so einen zornigen Blick,« flüsterten sich die Leute zu, wenn er vorüberging.
Ja, er hatte einen zornigen Blick, und besonders, wenn er bei dem Taglöhnershause vorbeikam, wo die Eltern des Mädchens, der Franzel, wohnten.
Die Frau war tot und hin, das wußte er ja, aber das Mädchen, das seit dem Abende verschwunden war, wo war das Mädchen geblieben?
Jeden Vormittag, bevor er seinen Herrn herausließ, ging er durch das Dorf und jeden Vormittag trat er bei den alten Leuten ein.
»Wißt ihr's immer noch nicht, wo daß euer Mädchen ist?«
Die alten Leute zitterten am ganzen Leibe.
»Nein, gnädiger Herr Johann, nischte wissen wir.«
Das war die Antwort, die ihnen die Franzel eingelernt hatte, und währenddem saß diese auf dem Heuboden, unter dem Heu versteckt, zitternd wie Espenlaub.
Anna war fort. Im Morgengrauen des Tages, der auf die schreckliche Nacht folgte, war sie, von der Franzel begleitet, zu Fuß nach der Eisenbahnstation gegangen. In der Tasche ihres Kleides hatte sie ihr Portemonnaie und in diesem ein paar Groschen Geld gefunden. So war sie nach Breslau zurückgelangt und hatte bei dem Onkel und der Tante wieder angeklopft. Wo sollte sie sonst bleiben? Und nun saß sie, eine verheiratete Frau, da, wo sie als Mädchen gesessen hatte, in wahrhaft jammervollem Zustande. Wie eine Prinzessin ausgezogen, war sie wie eine Bettlerin zurückgekommen.
Dem Onkel und der Tante hatte sie erklären müssen, warum sie kam; schweren Herzens hatte sie es gethan, denn indem sie die Ereignisse jener Nacht andeutungsweise enthüllte, war ihr, als beginge sie einen Verrat an dem unglücklichen, trotz allem immer noch tief geliebten Manne.
Der Onkel hatte nun mit einemmal »von vornherein gewußt und vorhergesagt, daß die ganze Geschichte Blödsinn sei und schlimm endigen würde«. Er gab sich kaum die Mühe, Anna zu verheimlichen, wie lästig ihre Anwesenheit ihm war, die er noch dazu, um nicht ins Gerede der Leute zu kommen, vor aller Welt verschweigen mußte. Der Zustand wurde mit der Zeit schier unerträglich. Da eines Tags kam aus Fahrenwald ein Brief für Anna, mit plumpen Schriftzügen zusammengefügt, ein Brief von der Franzel.
Im Dorfe war es ruchbar geworden, wie der Baron Tag für Tag stundenlang am Rasenplatze saß, in die Allee blickend, wie er am Abend mit dem Lichte in der Hand durch die Zimmer lief und nach seiner Frau suchte und nach ihr rief. Dies alles berichtete ihr die Franzel.
Als Anna dieses las, als sie erfuhr, wie er nach ihr verlangte, traf es sie wie ein Vorwurf ins Herz. Sie kam sich wie eine Pflichtvergessene vor, die von ihrem kranken Manne davongelaufen war, statt bei ihm auszuharren. Ein Entschluß stand in ihr auf, von dem sie zu niemand ein Wort sagte -- am nächsten Morgen war sie lautlos aus dem Hause des Onkels und der Tante verschwunden.
* * * * *
Es war um die Mittagsstunde. Die Sonne stand hoch, und im Sonnenschein saß Eberhard von Fahrenwald, in Decken gehüllt, auf seiner Bank. Ihm gegenüber, wie immer, der Alte als Aufpasser. Plötzlich sah dieser, wie der Baron, die Augen in die Allee gerichtet, aus der einen Ecke der Bank in die andre rutschte. Er schlug ein paarmal mit dem Stock in die Erde, als wollte er dem da drüben sagen, »nimm dich in acht, ich passe auf«.
Aber der Baron achtete nicht auf ihn.
Das war doch keine Täuschung, was er da eben gesehen hatte, daß da hinten eine Gestalt in hellem Kleide hinter den Büschen des Parks entlang und hinter den Eichbaum geschlüpft war, hinter dem sie sich jetzt verbarg?
Und diese Gestalt -- war das nicht --?
Und jetzt bog sich ein Hutrand hinter dem Baumstamme vor, ein gelber Hutrand, und unter dem Hutrande ein Gesicht --
Gerade aufgereckt wie eine Eisenstange stand er von der Bank auf -- in demselben Augenblick trat die Gestalt hinter dem Baume hervor und breitete beide Arme aus --
»Anna!!« -- Es war Eberhard von Fahrenwald, der den Schrei ausgestoßen hatte, aber es hatte geklungen, wie wenn zehn Männer aufschrieen.
Jetzt aber kam der Alte in Sprüngen über den Rasenplatz heran. Ein Blick in die Allee -- ein momentanes Erstarren -- dann ein Geifern und Knirschen wie von einem tollen Hunde. Die Allee entlang, gerade auf den Rasenplatz zu kam eine geschritten -- und diese eine war sie -- die Tote! Jählings, bevor Eberhard, der immer noch wie in Erstarrung dastand, es verhindern konnte, stürmte der Alte, mit gesenktem Haupte, auf die Allee zu, Anna entgegen. Den Stock hatte er wie zum Schlage hoch erhoben, ein Gebrüll ertönte aus seinem Munde. Anna war unwillkürlich stehen geblieben, jetzt wandte sie sich um und fing an, die Allee zurückzulaufen. Endlich war Eberhard zu sich gekommen und zum Bewußtsein dessen, was sich begab. Mit einem Ruck schleuderte er den dicken Ueberzieher ab, den ihm der Diener heute früh angezogen hatte. Dann kam er gestreckten Laufes hinter dem Alten her.
»Johann!« donnerte er. Seine Stimme hatte wieder den Klang früherer Tage, es war wieder die Stimme des Herrn.
Für einen Augenblick regte sich in dem Alten wieder der Knecht; sein Gebrüll verstummte und einen Augenblick schwankte er auf die Seite.
Dann aber brach die Wut von neuem in ihm los.
»Das ist nicht wahr, daß sie lebendig sein will! Tot ist sie! Tot ist sie! Tot ist sie!«
Und jetzt mit verdoppelter Wut raste er hinter dem flüchtenden Weibe her.
Annas Kniee wankten und schwankten -- immer näher kamen die dröhnenden Schritte -- immer deutlicher vernahm sie das heisere Keuchen in ihrem Rücken, das belfernde Schnappen -- ihre Kräfte verließen sie -- vor ihren Augen wurde es dunkel -- ein schriller Schrei: »Eberhard --«
Und in dem Augenblick hörte sie hinter sich ein Geräusch, wie sie es bis dahin nie gehört -- und als sie zusammenbrechend gegen einen Baum taumelte und sich umsah, erblickte sie Eberhard von Fahrenwald, der sich in dem Augenblick über den Alten gestürzt, ihn mit beiden Händen an der Gurgel gepackt hatte und mit einer Gewalt zu Boden schleuderte, daß der Körper sich um und um rollte und krachend in die Büsche flog.
Mit einem gräßlichen Schrei raffte der Alte sich auf, mit geschwungenem Stock ging er seinem Herrn zu Leibe, und nun entspann sich zwischen den beiden Männern ein Kampf wie zwischen zwei Bären.
Den Stock hatte ihm der Baron beim ersten Anprall entrissen, mit fletschenden Zähnen drang der Alte auf ihn ein, mit beiden Händen hielt Eberhard ihn am Halse gepackt, um ihn am Beißen zu verhindern. Und nun straffte der Körper des Barons sich zu einer letzten ungeheuren Anstrengung auf; mit einer Kraft, als wenn es gälte, einen Baum aus der Erde zu reißen, schwenkte er den Alten von rechts nach links und von links nach rechts, so daß er zu taumeln begann und seine Füße den Halt verloren, dann gab es einen schmetternden Krach, der Länge lang fiel der Alte zur Erde und im selben Augenblick kniete Eberhard auf seinem Rücken, ihm die Hände hinter dem Rücken zusammenpressend.
Ein Gebrüll, das nichts Menschliches mehr hatte, ein Geblöck, wie das eines wütigen Stieres, brach aus der Brust des Alten; mit den Zähnen biß er in die Erde; bläulicher Schaum stand auf seinen Lippen.
In diesem Augenblick kamen mehrere Männer, die auf den Feldern in der Nähe beschäftigt gewesen waren und die furchtbaren Töne im Innern des Parks vernommen hatten, eilend die Allee entlang.
»Hierher, Leute, hierher!« rief Eberhard ihnen entgegen.
Als sie aber den Baron auf dem Johann knieen sahen, wurden sie stutzig und blieben stehen. Sie glaubten nicht anders, als daß der Wahnsinnige seinen Wärter überwältigt hatte. Was sollten sie thun?
Jetzt trat Anna auf sie zu.
»Helft dem Herrn Baron, lieben Leute, helft ihm!«
Die Männer prallten zurück -- die Frau Baronin? Aber die Frau Baronin war ja tot?
Anna begriff ihr Zaudern und Stutzen.
»Es ist nicht wahr, was euch der Johann gesagt hat! Ich bin nicht tot; der Johann ist wahnsinnig, nicht der Baron, nicht der Baron!«
Noch einen Augenblick standen die Männer wie besinnungslos; ihre schweren Gehirne konnten einen so völligen Umschwung aller Verhältnisse nicht so rasch fassen.
Dann aber kamen sie im Sturm heran; im nächsten Augenblick war der Alte von zehn kräftigen Händen gepackt, weggerissen und unschädlich gemacht.
»Bringt ihn ins Schloß,« gebot Eberhard von Fahrenwald, noch atemlos, aber mit ruhiger Sicherheit in der Stimme. »In die Stube unten, neben der Küche, mit den Eisengittern vor dem Fenster. Heute nachmittag fahre ich selbst mit ihm nach Breslau und bringe ihn ins Irrenhaus.«
»Is gutt, gnädiger Herr Baron, is gutt,« kam es zur Antwort. Wer so sprechen und befehlen konnte, war vernünftig, das war ihnen klar.
Die Männer zogen mit dem Wahnsinnigen ab; Anna und der Baron blieben zurück; an der Stätte, die eben von dem furchtbaren Lärm erfüllt gewesen war, trat eine tiefe Stille ein. Annas Kraft war zu Ende; sie saß am Rande des Wegs, hatte ihr Taschentuch hervorgezogen und weinte still in ihr Tuch hinein.
Ihr gegenüber, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, stand Eberhard von Fahrenwald. Seine breite Brust arbeitete noch von dem überstandenen Kampfe; seine Augen ruhten stumm auf seiner Frau.
So verging geraume Zeit. Dann erhob sie langsam das Haupt und wandte es zu ihm herum. Er that einen Schritt auf sie zu; es sah aus, als wollte er etwas sagen, aber bevor er noch dazu gelangt war, sprang sie auf, breitete die Arme aus und mit einem Schrei der Liebe flog sie an seine Brust.
»Umarme mich,« sagte sie, »ich will, daß die Arme mich umfangen, die mich vom Tode gerettet haben!«
Als sie das sagte, brachen auch ihm die Thränen aus den Augen, unaufhaltsam, wie ein Strom. Ja -- er hatte sie zum Leben errettet; und sie wußte es und hatte es ihm gesagt.
Er drückte sie an sich, nicht mit der wilden Glut und nicht mit der ängstlichen Scheu der früheren Tage, sondern mit der Sicherheit der warmen bewußten Liebe.
»Anna,« sagte er leise und innig; und er küßte ihr Gesicht, das hingegeben zu ihm aufblickte.
Dann legte er die Arme um sie, und sie schlugen den Weg zum Schlosse ein.
»Siehst du nun,« sagte er, »wie es mir ergangen ist; dreißig Jahre bin ich alt geworden, und heute ist der erste Tag, da ich lebe. Siehst du, es ist wunderbar, wie sich einem das ganze Leben in einem Augenblick zusammendrängen kann: solch ein Augenblick ist es für mich gewesen, als ich den Alten zu Boden gekriegt hatte und auf ihm kniete. In dem Augenblick -- ich kann's mir nicht anders erklären -- ist der Bann gebrochen gewesen, der mich dreißig Jahre lang gehalten hat. Der Alte, siehst du, war mir gewissermaßen von meinem Vater vermacht; darum ist er von meiner Kindheit an fortwährend um mich gewesen und ich habe wie an etwas Unfehlbares an ihn geglaubt. Und weil er sich vom ersten Tage an eingebildet hat, daß er zum Wärter eines Wahnsinnigen bestellt wäre, so ist es ihm allmählich zur fixen Idee geworden, daß ich wahnsinnig sei und nichts andres sein dürfte.«
Von der schrecklichen Vorstellung überwältigt, schwieg er. Dann preßte er sie leise mit dem Arm.
»Mir ist das alles in dem einen Augenblick klar geworden. Kannst du es dir vorstellen?«
An seine Schulter gelehnt, mit ihm dahinschreitend, drückte Anna seine Hand.
»Ja, vollkommen,« erwiderte sie, »das was sich in dir geregt hat, war die Gesundheit, die sich wider die Krankheit wehrte, die man ihr aufzwingen wollte. Du warst vernünftig und bist bewacht worden von einem Wahnsinnigen. Nun aber wollen wir leben!«
Es war, als wenn ein frischer Lebensquell in ihr aufgesprungen wäre; in der Stunde, da sie auf der Schwelle des Todes gestanden und ihr Gatte sie ins Leben zurückgerissen hatte, war sie zur Lebensgefährtin ihres Mannes gereift.
Sie betraten das Schloß.
An den Wänden hingen die zerschmetterten Spiegel, das Glas bedeckte noch jetzt den Fußboden, Annas Schlafgemach stand noch in der Unordnung, in der es sich befunden hatte, als sie damals das Schloß verließ -- ein Bild der Verwahrlosung und Verwüstung.
Anna blieb stehen und faßte ihren Gatten an beiden Händen.
»Eberhard,« sagte sie, »wir müssen zu einem Entschluß kommen. Dein Vater hat dir den alten Diener vermacht; er hat geglaubt, dir einen Segen damit zu bereiten -- du hast erfahren, was es gewesen ist. Siehst du, wie soll ich's dir sagen, ich meine, man kann nur leben, wenn sein Leben einem gehört; und dein Leben hat dir bis heute nicht gehört. Du hast es wie ein Erbteil empfunden, das zur Hälfte dir, zur andern Hälfte deinen Vorfahren gehörte. Komm und laß uns überlegen, wie wir's anfangen, daß wir nun wirklich unser eigenes Leben leben.«
Er sah sie mit strahlenden Augen an.
»Den Anfang dazu weiß ich,« versetzte er. »Diese Ahnengalerie, die hier seit Jahrhunderten gehangen hat und jetzt als eine Sammlung Abgeschiedener immer noch mitten in unsren Wohnräumen hängt, lass' ich hinaufschaffen in den oberen Stock. Da mögen sie hängen, als das, was sie sind, als historische Reliquien. Denn die Erinnerung, scheint mir, ist schließlich doch wie ein Leichnam im lebendigen Dasein, und darum ist mir immer zu Mute gewesen, als lebte ich fortwährend in der Gesellschaft von Toten.«
»So ist's recht,« erwiderte sie, »und nun noch eins. Wir können über die Erinnerung an jenen bewußten bösen Abend nicht so hinweg, und wenn wir's mit Gewalt versuchen, werden wir wieder krank. Du hast mich einmal gefragt, ob wir eine Hochzeitreise machen wollten, ich hab's damals nicht gewollt -- nun schlag' ich dir vor, Eberhard, wir wollen reisen, und wenn wir wiederkommen, bringen wir die große weite Welt in unsren Seelen mit und schließen uns nicht mehr, wie bisher, in unsrem Schlosse ein, sondern denken und sorgen für die Menschen um uns her -- und wenn man für Menschen zu sorgen hat, behält man keine Zeit, sich vor Gespenstern zu sorgen.«
In tiefer Freude schloß er seine junge, kluge, mutige Frau in die Arme.
»Heute nachmittag,« sagte er, »fange ich mit meinen Pflichten an, indem ich den Alten nach Breslau in die Anstalt bringe, und morgen früh reisen wir in die Welt. Reisen wir ganz allein?«
»Nur eine soll uns begleiten,« erwiderte sie lächelnd, »die gute treue Franzel.«
Und so geschah es.
Im August reiste der Freiherr von Fahrenwald mit seiner Gattin ab, und als im Mai des nächsten Jahres der Frühling wieder in das schlesische Paradies herabstieg, kamen sie zum Schlosse Fahrenwald zurück.
Heute stiegen sie nicht am Parkrande aus, heute fuhren sie durch das Dorf, heute gingen sie nicht, einsam wie damals, vor der Welt versteckt, durch den einsamen Park, heute durchschritten sie, Hände schüttelnd, grüßend und lächelnd, die Bewohnerschaft des Dorfes, die sich festlich gesammelt hatte und, den Schulzen an der Spitze, die Herrschaft bewillkommnete.
Der Schritt des Barons war elastisch und frisch, der der jungen Frau Baronin, die an seinem Arme hing, etwas gehemmt, und auf ihrem freundlichen Gesichte lag eine leise schamhafte Röte.
»Nu sag mir, Franzel,« sagte am Abende nach der Ankunft die alte Taglöhnersfrau, die in der Zwischenzeit mit ihrem Manne die Obhut über das Schloß geführt hatte und jetzt auf ihm als wohlbestallte Verwalterin eingesetzt war, »nu sag mir. Mit unsrer Frau Baronin -- hm?«
Die Franzel nickte und kicherte, und was die beiden sich mit halben Worten unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatten, kam im Juni ans Licht, als in dem Schlafgemache, zu dessen geöffneten Fenstern die Frühlingsluft hereinströmte und der Sang der Vögel hereintönte, unter dem blauseidenen Betthimmel ein reizender, rosiger, kleiner Fahrenwald neben der blassen, glückseligen jungen Mutter lag.
»Daß du doch das Schenken nicht lassen kannst, du Unverbesserlicher,« sagte sie lächelnd zu dem Manne, der glücküberströmt neben ihr stand und soeben einen großen köstlichen, mit einem Brillantenbande zusammengebundenen Blumenstrauß auf ihr Bett gelegt hatte.
»Seit einem Jahr das erste Mal wieder,« entgegnete er, indem er sein Gesicht auf das ihrige niederbeugte und sie mit tiefer Seligkeit auf Mund und Stirn und Augen küßte.
Und wieder einige Zeit später, als der Sommer in voller schwerer Wucht auf der Erde lag, vernahm der Mann, der dort oben in seinem Bette eben vom Schlaf erwachte, einen Ruf von unten, wie den Ruf der Lerche, die zum Leben weckt. Aber es war nicht die Lerche und auch nicht die Nachtigall, und als er ans Fenster stürzte, sah er im Garten dort unten, zwischen den Blumenbeeten wandelnd, seine Frau, seine Anna, die heute zum erstenmal ins Freie gekommen war.
Das Kindermädchen ging hinter ihr, den Kleinen im Kissen tragend; und als am Fenster droben das Gesicht des Vaters erschien, nahm Anna das Kind in ihre Arme. Nicht mit dem Taschentuche wehte sie heute, heute winkte sie mit dem Kinde: »Komm herunter, Eberhard, hier unten ist's wundervoll.«
Und er kam, wie ein Sturmwind kam er hinunter zu Mutter und Kind, und es war, wie sie gesagt hatte -- wundervoll -- wundervoll.
Ende.
=ENGELHORNS=
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Bald aber zeigte es sich, daß der Gedanke, dem deutschen Volke die besten Erzeugnisse der Romanlitteratur aller Nationen zu einem beispiellos billigen Preise bei guter und geschmackvoller Ausstattung und in handlicher Form zu bieten, nicht nur lebensfähig, sondern geradezu zündend war.
Seither hat sich unser Unternehmen mehr und mehr eingebürgert, und auf Schritt und Tritt begegnet man den schmucken Bänden, die sowohl am häuslichen Herd, als auch auf der Reise und im Bade zum unentbehrlichen Freund und Begleiter geworden sind.
Der bisher erzielte Erfolg ist uns nicht nur ein Sporn geworden, sondern macht es uns auch möglich, nicht stillzustehen, vielmehr rüstig auf der betretenen Bahn weiterzuschreiten. Mit wachsamem Auge verfolgen wir die Romanproduktion, und kein Opfer soll uns zu groß sein, wenn es gilt, ein hervorragendes Werk für unsre Sammlung zu erwerben.
Die bisher erschienenen, in dem nachfolgenden Verzeichnis aufgeführten Romane können fortwährend durch jede Buchhandlung zum Preise von #50 Pf.# für den broschierten und #75 Pf.# für den gebundenen Band bezogen werden.
Erster Jahrgang.
#Der Hüttenbesitzer.# Von ^Georges Ohnet^. Aus dem Französ. 2 Bände.
#Aus Nacht zum Licht.# Von ^Hugh Conway^. Aus dem Englischen.
#Zéro.# Eine Geschichte aus Monte Carlo. Von Mrs. ^Praed^. Aus dem Englischen.
#Wassilissa.# Von ^Henry Gréville^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
#Vornehme Gesellschaft.# Von ^H. Aïdé^. Aus dem Englischen.
#Gräfin Sarah.# Von ^G. Ohnet^. Aus dem Französischen. 2 Bände.
#Unter der roten Fahne.# Von Miß ^M. E. Braddon^. Aus d. Englischen.
#Abbé Constantin.# Von ^L. Halévy^. Aus dem Französischen.
#Ihr Gatte.# Von ^G. Verga^. Aus dem Italienischen.
#Ein gefährliches Geheimnis.# Von ^Charles Reade^. Aus d. Engl. 2 Bde.
#Gérards Heirat.# Von ^André Theuriet^. Aus dem Französischen.
#Dosia.# Von ^Henry Gréville^. Aus dem Französischen.
#Ein heroisches Weib.# Von ^J. I. Kraszewski^. Aus dem Polnischen.
#Eheglück.# Von ^W. E. Norris^. Aus dem Englischen. 2 Bände.