Das Trottelbuch

Part 3

Chapter 33,923 wordsPublic domain

Oder sie schleifte ihn abends durch die Tanzsäle und suchte sich zu betäuben. Aber es gelang nicht mehr. Ihr Haß hatte sich entwurzelt, und ihre Seele war ausgebrannt. Sie sprach mit grausamem Lächeln von ihren Erinnerungen oder bot sich ihm an, mechanisch, wie eine Uhr, die täglich aufgezogen werden muß.

Es wurde ihm unheimlich. Der Roman war doch nicht nach seinem Geschmack. Er sprach hin und wieder mit ihrer Mutter, schließlich reiste er ab. Sein Innenleben war ausgelöscht. Ein unbestimmtes, dumpfes Gefühl bedrückte ihn und wollte auch späterhin nicht mehr von ihm weichen, selbst wenn er die größten Geschäfte machte.

VI.

In dieser Zeit war es, daß ein junger Mann zu ihr kam. Bei einem Konzert hatte er sie inmitten einer großen Gesellschaft gesehen und ihren suchenden Blick gefühlt. Er ließ große Inserate in die Tageszeitungen einrücken, worin er um ein Rendezvous bat. Aber sie las ja keine Zeitungen. Zufällig traf er sie nach Wochen wieder und sprach sie an. Schließlich kam er dann jeden Tag zu ihr.

Er war im allgemeinen scheu und zurückhaltend und verlangte nichts. Sie beschäftigte sich nicht allzuviel mit ihm, aber sie empfand, daß von ihm etwas von der Kraft reiner, wahrer Liebe ausging und fühlte eine wonnige Beruhigung. Manchmal sprach er den ganzen Tag kein Wort, er wollte nur um sie sein und träumen -- -- sagte er.

Es war wirklich eine Beruhigung für sie. Oft seufzte sie in einsamen Nächten: Wer doch gut sein könnte, so gut.

Dieses Wort hatte für sie einen besonderen Klang bekommen.

Es lag soviel Befriedigung und Sehnsucht darin. Es war, als ob sie langsam an seinen Worten gesunden sollte.

Seines Zeichens war er Journalist und beschäftigte sich auch privatim mit schriftstellerischen Arbeiten. Sie arbeiteten zusammen mit zwei Listen. Die eine führte er, auf der die Daten der Geburts- und Todestage aller großen Männer und Frauen verzeichnet waren, während sie die zweite Liste führte, auf der die Zeitungen und Journale angestrichen wurden, die refusiert oder angenommen hatten, mit rotem oder blauem Stift -- je nachdem. So wußte sie auch immer, wieviel Geld einkam.

Manchmal las er künstlerische Versuche vor und enthüllte sein Innerstes schonungslos, seine Begierden und Befriedigungen. Und über allem schwebte sie, die Unantastbare, die Königin, die da kommen mußte, und der alles bereitet war.

Sie las viel in den Schriften der neuen Generation, und jede Zeile war ihr ein süßer und billiger Trost.

Aber es wurmte noch etwas in ihr und bäumte sich auf. Ein Bodensatz. Es kamen noch Tage, wo sie ihn floh. Es kamen noch Nächte, da sie durch Tanzsäle raste. Aber die Reste ihrer Kraft schwanden immer wieder, so daß sie bald zu ihm zurückkehrte. Sie fand ihn stets wie ein treues Tier wartend, voll Dankbarkeit.

Er litt, doch es war eine tröstende Gewißheit um ihn.

Auch als sie noch einmal mit einer Lüge zu ihrem Kaufmann reiste. Auf acht Tage. Sie kam wie eine Fremde und dachte auf Schritt und Tritt an ihren armen Jungen. Noch vor der Zeit war sie wieder bei ihm. Sie raffte alle Schönheiten in ihrer Erinnerung zusammen, wie jemand, der vor den Trümmern seines abgebrannten Hauses das letzte sucht, und sie bauten darauf auf. Mit blutendem Herzen tat der andere seine Phantasie hinzu.

Dann aber drückte sie wieder ihre Stille.

Ein neuer Taumel riß sie mit fort.

Sie betrog ihn mit einem Studenten, der ihr über den Weg lief -- -- -- nein, sie betrog ihn nicht, sie sagte es ihm.

Er hetzte hinter ihr her, Tag und Nacht.

Noch einmal war alles Rausch in ihr und Grausamkeit.

Dann aber würgte sie die Scham, etwas Neues, Unbekanntes. Urplötzlich griff sie zu und riß sie zu Boden und schleuderte sie herum und zerrte und zog. Die Scham.

Sie saß an einem Caféhaustisch unter lärmenden Gesellen. Man sprach Persönliches und schien sie vergessen zu haben. Ringsum gleichgültige Menschen, mit dreckigem Lachen und blinzelnden Augen. Und fernes Musikgepolter. Lüge und Einsamkeit.

Da stand sie auf und lief hinaus. Jubelnd lief sie in seine Wohnung, frei und strahlend. Er war nicht da, sie schrieb. Tage vergingen. Endlich lag es vor ihr: Ich habe unter Qualen auf dich gewartet. Du wirst mich finden.

Ihre Stimmung war verflogen. Sie schüttelte den Kopf: Das war es nicht, was sie erwartet hatte. Wochenlang lebten sie nebeneinander her, es keimte Mißtrauen zwischen ihnen.

Ich habe was verpaßt, fühlte er, -- -- oder der Eigensinn -- -- -- --

Sein Vater war in alles eingeweiht und traf Anstalten für eine dauernde Verbindung. Sie sahen einen heißen Kampf unter sich vor Augen, doch der Sieg schien sicher. Das Wort >gut< hatte eine zu tiefe Bedeutung für sie gewonnen, und sie baute sich aus dem Gelesenen ein System zusammen, das sie freisprach und befriedigen sollte. Er selbst trug dazu bei und stellte sie in den Mittelpunkt von Komödien und Novelletten, die er an die Zeitschriften verschickte, mit Rückporto versehen.

Ihre Abende vergingen etwa so, daß sie daran dachte, wem sie wohl von ihren früheren Freunden Verlobungsanzeigen schicken solle, während er Verse deklamierte und sich pathetisch mit den fahrenden Sängern des Mittelalters verglich.

Es war eine himmlische Ruhe in ihr. Der Blick begann sich für das Leben zu schärfen. Sie hatte wieder ihren suchenden Blick. Sie begann zu hänseln und zu widersprechen. Zu dem anfangs gutmütigen Spott gesellte sich unmerklich Bosheit und Hohn. Aus dem sichern Gefühl eines wiedererwachten Selbstbewußtseins heraus.

Sie trieb ihn zu Freunden und Gesellschaften. Ihr Blick wurde unstät und flackernd. Da kam sie mit einem seiner Bekannten, dem Werner, zusammen und wurde nachdenklich und unruhig.

Aber es war eine Unruhe, die ihr neu war, und die sie entzückte. Sie zitterte, wenn sie den anderen nach ihm fragte.

Er schien sie nicht zu beachten, denn er war fast immer betrunken. In seinen Bewegungen war wie Entschuldigung, und seine Blicke hatten etwas Hilfloses, Verzichtendes. Das war einer, der haßte und vernichtete. Ein Kind.

Da hielt aber auch der andere seine Zeit für gekommen, und eine geheime Furcht, seine Bemühungen ergebnislos zu sehen, ließ ihn alle Besonnenheit vergessen. Er fühlte, wie sie seinen Händen entglitt. Er zermarterte sich den Kopf; aber er fand keinen Anhaltspunkt mehr.

Es war plump, wie er sein Spiel verloren gab. Er fühlte es selbst, es war plump.

Ganz unvermittelt drängte er in sie, ohne Übergang, ungeschickt, mit verlegenem Lächeln. Er griff zu Reizmitteln und stammelte Andeutungen. Oh, es war sehr plump.

Ein Abgrund tat sich auf.

Sie hatte den Moment seit Wochen gewittert und empfing ihn: »Du -- -- also auch einer,« sie lachte verächtlich. »Pfui Teufel!«

Er versteckte sich hinter einem Wortschwall, er empfand eine Lust sich zu erniedrigen und dachte: es ist gewiß meine letzte Niederlage. Wo liegt der Fehler -- -- -- --

»Ja, ja -- -- so bin ich!« schrie er.

Es folgte jetzt eine Szene, von der man nicht weiß, ob sie sich wirklich abgespielt hat. Sie zerrten sich, spieen sich an, er riß sie an den Haaren im Zimmer herum, sie riß ihm die Fetzen vom Leibe, er fühlte ihren Mund in Wollust zittern -- -- -- -- -- -- ihren heißen, süßen Mund. Er sah das Zittern, aber er wußte nicht, ob etwas war. Er wurde stumpf und sank ermattet in sich zusammen.

Anderntags schrieb sie:

»Ich danke dir vieles, vielleicht alles, meinen Körper kann ich dir nicht geben. Nie! Mich ekelt. Daß du es weißt . . . . .«

Wieder einen Tag später schrieb sie:

»Schicke mir durch den P. etwas Reisegeld, ich muß nach Haus fahren.«

Ihre Seele war frei, sie fühlte: ein Tempel. Es war ihr, als ob sie etwas unendlich Zartes und Heiliges behütete. Erregt schritt sie im Zimmer auf und ab oder lief weit hinaus vor das Tor der Stadt. Sie fühlte dieses Glücksgefühl dumpf und in süßer Ungewißheit emporwachsen. Und immer wiederholte sie sich: Nur nicht denken.

Die Leute entsetzten sich, als sie durch die Straßen zum Bahnhof ging. Alle hielten sie für betrunken. Sie lehnte sich zum Coupefenster hinaus, und alles war verklärt. Die Leute, die rauchgeschwärzte Halle. Die Trains donnerten in die Halle, Lokomotiven kreischten und pfiffen. Es waren ihr himmlische Fanfaren. Dann setzte sich der Zug in Bewegung.

Jemand rief:

»Also leb wohl und grüß mir . . . . .«

Aber das galt ihr nicht.

VII.

Einige Tage später erhielt sie von Werner ein Schreiben:

Wenn Sie sich vielleicht auch meiner nicht mehr erinnern, so erlaube ich mir doch, Ihnen zu sagen, daß ich die Lösung Ihrer Verbindung für eine sehr glückliche halte. R. ist zu sehr ein Mann mit festen Plänen und Zielen, einer, der weiß, was er will. Es ist gleichgültig, ob er etwas für sich allein tut oder dabei für andere noch mit zu tun meint, es bleibt immer die eine Selbstliebe. Es gibt Männer, die das Weib als Spiegel ihrer selbst, als Bank zum Ausruhen, als Kissen in der Dämmerstunde benutzen.

Sie brauchen ja selbst einen, an dem sie sich ausruhen wollen. Ich weiß nicht, ob es ein Wurstl oder ein k. k. Staatsrat sein muß, aber das weiß ich, daß es einer sein muß, der Ihnen die Ruhe gibt, indem er Ihre Seele ständig in Atem hält.

Sehen Sie den Mann, den Menschen, den Sie so inbrünstig suchen. Was tut er? Er sieht das Weib und greift danach. Wie ein Knabe, der nach dem Falter hascht. Er greift danach, nach jedem, das ihm in den Weg kommt, und sieht dann ein graues etwas, zerbrochene Flügel, und wischt sich die Hand ab. Das Weib ist der Stieglitz, den man ins Bauer sperrt, das zitternde Körperchen, das alle Sehnsucht löst, und das sich so entzückend sträubt, wenn man ihm Futter geben will. Das ist das Weib, das wir lieben. Und das Weib ist die Pest, die sich ins Blut setzt und alles Leben aufsaugt und verdorren läßt. Das ist das Weib, das wir hassen müssen. Wo sind sie, die Gezeichneten und Auserwählten, die auch dann in himmlischen Wonnen lächeln. Wir zittern manchmal voll Ahnungen und Erkenntnissen, voll Dämmerungen und Schummrigkeiten und hören in der Ferne den Ruf. Aber das Mitleid macht uns dreckig, das verfluchte Mitleid, das uns blind und zu eitlen Trotteln macht.

Viele sitzen und stellen das Weib vor sich hin, wie ein Petschaft und grübeln. Und merken nicht, daß es längst in ihnen ist und fault. Sie sehen nicht, daß das Weib unsere Versöhnung mit Gott ist und unsere Strafe, der lächelnde Tod, der uns einlullt. Aber für Sie ist der Mann Taumel und Straßenkot, Wurstl und Staatsrat -- -- -- -- sie las nicht mehr weiter.

Sie dachte, er ist doch ein verrückter Kerl, und fuhr zu ihm.

Sie traf ihn inmitten betrunkener Bürger.

Sie folgte ihm von Schänke zu Schänke, saß die Nächte mit ihm zusammen und wich nicht von seiner Seite. Wenn er stöhnend umsank, war sie glücklich, ihn stützen zu dürfen, oder sie steckte ihm den Finger in den Mund, um ihm beim Speien behülflich zu sein. Voll innerer Seligkeit fühlte sie: Endlich habe ich dich gefunden.

Er dachte: Wie mag es nur sein mit dem Mitleid. Verflucht -- -- -- -- daß ich mir auch noch ein Weib aufgeladen.

Er diskutierte mit ihr über die Psyche des Weibes und zergliederte Einzelheiten. Dann sagte er:

»Du solltest dir etwas Geld verdienen.«

Er teilte alles mit ihr, und seine Kasse war knapp.

Sie sah ihn erstaunt an und schwieg.

»Wir werden dann schon sehen, wo wir dich unterbringen.«

Ihr Lächeln wurde höhnisch. Es war die Entscheidung, als sie sagte:

»Ich finde schon immer noch einen. Aber ich glaubte, du wärest mehr --« Peinvolle Minuten des Schweigens vergingen.

Wann ist man eigentlich verpflichtet, dachte er sich, und im Grunde genommen . . . ich kenne das Leben nicht . . . .

»Sprich nicht so . . . du . . .« bat er und rang mit seinem Mitleid.

Sie zitterte beglückt unter seinen hilfesuchenden Blicken.

Jetzt kommt meine Feigheit, fühlte er.

Dann nahm er ihre Hand und sah die Tränen aufsteigen.

Dann küßten sie sich.

Ihre Körper blieben kalt, und eine fast unüberwindliche Scham trat zwischen sie. Einmal sagte sie:

»Ich will dich herausreißen aus diesem Leben.«

Er lächelte. Es war eine Willenlosigkeit in ihm, die ihn erschreckte.

»Ja, ich bin ein Verurteilter,« erwiderte er.

Sie schwieg, aber in ihrem Blick lag soviel Hingebung und kindliche Bitte, daß er weich wurde.

»Du solltest in einem Palaste wohnen, oder nein, in einer Hütte und wissen, daß dir ein Palast gehört.«

Es klang lächerlich, aber er mußte etwas sagen und schwieg jetzt beschämt.

»Ich will doch nur immer um dich sein« . . . es war fast ein Vorwurf.

Das Leben kam ihr zu Hilfe. Er war arm und schlug sich mühselig durch. Hunger und die Angst vor dem Morgen trieb sie enger zusammen. Sie drängte ihn, eine bescheidene Stellung anzunehmen. Sie selbst traf Anstalten, wieder zu ihrem Direktor zurückzukehren, er sollte mitkommen.

Sein allmähliches Unterliegen genoß er wie eine unaussprechliche Seligkeit. Er fühlte im Innersten eine Fülle aufsteigen, die seine Zweifel nicht mehr zu durchdringen vermochten. Das Äußere wurde leicht und frei, seine Freunde suchte er nicht mehr auf.

In ihre Küsse mischte sich unmerklich Sehnsucht und quälte.

Er erschrak, aber das stündliche Auf und Nieder seiner Stimmungen ließ Überlegungen nicht aufkommen. Sie schrieb ihm:

Wie der Nordwind braust durch der Eichen Zweige und Wipfel, so will ich mich einwühlen in das Geäst deiner Seele und bei dir sein Tag und Nacht. Denn du bist meine Heimat. Oder sie erinnerte sich: Weiß denn die Nachtigall warum sie singt ihr süßes Lied?

Plötzlich war die Sehnsucht Herr über sie geworden. In ihren Küssen stand das Blut gegen sie auf und zwang sie.

Im Taumel vergaßen sie sich und alles, was sie über ihre Liebe geschworen hatten.

Noch einmal wurde er aus dem Rausch zurückgerissen. Er sah eine Vision . . . wie ein Stab zerbrochen wurde . . . . . aber er fühlte: Weiter!

Sie fürchteten sich und zitterten. Er schritt kopfschüttelnd durch die nächtlichen Straßen und dachte: Wer bin ich -- -- -- wie ist alles gekommen . . . gerade ich . . . Er tappte im dunklen. Im Geiste sah er turmhohe Felswände aufstehen, die ihn zu erdrücken drohten, und sah tausend Wege zu sich und neue Möglichkeiten. Aber er rührte nicht daran. Dann setzte er seinen Weg fort und erinnerte sich: »Ja, ich will dich lieben . . . .«

VIII.

Was ist das Leben? -- so grübelte er -- Dämmerschlaf, Minuten des Erwachens, eine Sekunde der Erkenntnis oder nur der so kurze Rausch des Erkennens? Der Rest ist Verwesung -- -- Was ist das Leben?

Sie verkauften alles, was sie nicht unbedingt nötig hatten und logierten sich in einem kleinen Ausflugsort unweit der Stadt ein.

Es ging in den Monat März. Draußen wechselten sich Regen und Schneegestöber ab. Der Sturm rüttelte. Manchmal kam ein Sonnenstrahl, daß alles glitzerte. In die graue Ebene leuchtete erstes Grün.

Oft stapften sie Hand in Hand durch das Tal, an einem Flüßchen entlang, dessen Eisdecke rostbraun war, und ihre Füße wurden von dem Boden, der sich in Klumpen daran gehängt hatte, schwer.

Oder sie standen an den Ufern des Weihers und lauschten dem Krachen des Eises, das sich bäumte, oder zeigten sich die erste Lerche, die zum Himmel stieg. Oder sie gingen durch den Wald und folgten trunkenen Blicks den Wolken, die am Horizont dahinschossen.

Und immer war Hoffnung und gedämpfter Jubel um sie.

Sie saßen in der niedrigen, rauchgeschwärzten Wirtsstube und herzten und drückten sich, daß die Brust sich in tiefem Seufzer hob, und die Augen glänzten.

Ein Musiksprechapparat krähte, Tänze und Märsche und auch einen Chorus -- (Teure Heimat . . . . .)

Sie sprachen mit der Wirtin, dem Wirt, den Mädchen und dem Haushälter lang und breit. Sie fühlten sich zugehörig.

Dann sprachen sie von ihrem Leben und dem Gewesenen. Sie sahen sich in die Augen und verschwiegen sich nichts. Es lag ein Schleier über dem Durchlebten und jeder fühlte:

»Was tut es. Wenn ich bei dir bin . . .«

Aber eines Tages packte ihn ein Anfall und drohte ihn zu zerbrechen. Ein schleichendes Gift fühlte er in sich und er sah fern seine Mutter. Sie schrie nach ihm und weinte. Ihre Arme reichten bis zu ihm, und ihr Gesicht war gramverzerrt. Die weißen Haare flatterten und wurden Pfeile.

Die andere verstand nichts von seiner Vision, aber sie fürchtete sich, wenn er jetzt im Hause herumschlich, gedrückt, wie von Zentnerlasten. Sie glaubte, sie müsse ihn wiedergewinnen, wurde abweisend und versuchte seine Kälte noch zu übertrumpfen. Er aber dachte: Warum streichelt sie mich nicht -- -- und rief im Innersten: Hilf mir und sei gut!

Sie verstand ihn nicht und hörte nicht auf sein Flehen.

Sie warf ihm Worte hin, schneidend, brutal, voll Abgründe. Um ihn zu sich zu reizen. Mit der Hoffnung, die Liebe durchbrechen zu lassen. Da ballten sich die Fäuste. Er schlug sie ins Gesicht, daß sie auf die Diele aufplumpste. Mit Füßen trat er sie. »So!« -- -- er wischte sich den Schaum vom Mund, »so . . . hier hast du . . .«

Er fühlte alles verloren, empfand einen beißenden Schmerz im Kopf, ein quälendes Würgen, das ihn betäubte.

Dann aber stieg es in ihm auf, hüpfend und prickelnd und wurde stärker, wie Schellengeläute, und tanzte. Eine sieghafte göttliche Heiterkeit kehrte ein. Er sah sich verzerrt, die Fäuste geballt, und lachte, lachte laut auf.

Sie lag noch am Boden, in sich zusammengeduckt, regungslos. Sie sah ihn groß an und wurde ganz verschüchtert.

Dann fühlte sie, wie er sie in seine Arme nahm und sie herzte und küßte.

Sein Lachen war wie süße Musik. Da lächelte sie auch und flüsterte:

»Hab mich doch lieb . . . .«

So ketteten sie sich immer fester.

Manchmal dachte sie: Wo ist meine Kraft hin, und wird's sich auch lohnen . . . aber sie schmiegte sich schnell an ihn und wies alle Gedanken von sich.

Sie nannte sich Rehchen oder Kätzchen oder Osterhase, so hatte er sie getauft.

Sie hüpfte wie ein Hase im Zimmer herum, wackelte mit den Ohren, kuschte sich, spielte Männchen und kroch zu seinen Füßen und sah zu ihm auf, lange, voller Demut.

Aber es kamen Tage, wo sie an die Zukunft denken mußten, trotzdem sie sich dagegen verschworen hatten, und dann gestanden sie sich, daß sie nur noch drei Tage wohnen bleiben konnten.

Da fühlte jeder: Wir gehören uns nur noch drei Tage und drei Nächte . . . . und dann werden wir weiter sehen, dachten sie. Und jeder machte ein entschlossenes Gesicht.

Sie schlossen sich in ihr Zimmer ein und liebten sich. Immer wieder fielen sie sich um den Hals und liebten sich. Sie aßen und tranken nichts, und wenn eins sich an den Tisch setzte und eine lebte Zeile schreiben wollte, flugs sprang das andere hinzu und küßte und drängte so lange, bis alles im Taumel wieder unterging.

Sie fürchteten sich allein, und jeder floh das Erwachen.

Doch am Mittag des zweiten Tages wachten sie auf, und ihre Blicke trafen sich. Lange maßen sie sich wie zwei Fechter, die gegeneinander schreiten.

Er senkte den Kopf und schien zu allem entschlossen.

Da hängte sie sich an ihn und sprudelte hervor, sie hätte bereits einen Plan, und es würde vorderhand gehen, und zählte alle Einzelheiten auf.

Er hätte aufjauchzen mögen, aber er fühlte: ich muß überlegen sein.

So streichelte er sie und küßte sie auf die Stirn.

Dann sahen sie sich wieder an, und dann tanzten sie und jubelten, und das Glück war losgelöst und frei.

Noch denselben Abend gingen sie nach der Stadt, einen weiten steinigen Weg.

IX.

Harte Arbeit empfing sie. Tagtäglich mühten sie sich, aber es langte nicht. Sie schrieben Adressen, gaben Stunden, spielten des Nachts in Kaschemmen, aber es langte nicht. Er suchte wieder häufiger Bekannte auf und traf auf einen Schauspieler, der sich Sören nannte. Dieser empfahl ihn für einen Posten bei irgendeiner Gesellschaft. Er schleppte ihn in Familien, wo er zu Mittag aß und auch kleine Geldunterstützungen bekam.

Sören machte Geschäfte als Bücherreisender, seine Frau wurde durch einen Freund, mit dem sie ein Verhältnis hatte, zur Hebamme ausgebildet. Er führte sich ein, indem er aus einer Gesellschaft den Verschüchtertsten herausgriff und ihn als den einzigsten Menschen begrüßte. Er vertraute ihm seine geistige Einöde und Verlassenheit an und verkaufte ihm dann seine Lexiken.

Diesem Sören schloß sich Werner an.

In einer Aufwallung mitleidsvollen Verstehens führte er ihn zu ihr, er solle noch einen anderen Menschen kennen lernen.

Sören sah und himmelte. Er murmelte nur wie im Rausch oder rollte mit den Augen. Er führte beide ins Café und unterstützte sie auch sonst.

Er blieb jetzt fast immer um sie.

Werner war stolz und kam sich wie ein König vor, der aus der Fülle seiner Schätze verteilt. Sie bangte und zitterte.

Sören hatte sich bereits fest eingenistet.

Eines Tages sagte er zu Werner:

»Eine wahre Liebe hat Raum für drei. Ich will die Brosamen nehmen, die von eurem Tische fallen.«

»Du lieber Freund . . .« und er schüttelte ihm die Hand.

Dann küßten sie sich und waren gerührt. Es ist etwas Schönes um die Freundschaft, dachte Werner.

Man muß die Feste im Sturm nehmen, dachte der andere.

Sie saßen die Nächte wieder in den Kneipen und tranken. Jeden Tag kam Sören mit einem neuen Tragödienstoff und schwärmte von Anregungen und Entwürfen.

Einmal, als Werner schon sehr betrunken war, ließ Sören sie holen und bat sie zu kommen.

Sie kam und sah die Blumen auf dem Tisch und die vielen Flaschen und wurde traurig. Da flüsterte ihr Sören ins Ohr:

»Wir wollen in ein Café gehen und ihn hier sitzen lassen.«

Sie sah ihn erschreckt an. Verneinte.

Da bedrängte er sie: Es handelte sich um Werners Interesse. Der würde dann nachkommen, und vieles ähnliche.

So gingen sie heimlich, wie Diebe.

Werner sah alles und trank.

Erst drängte es sich ihm auf: Wie dumm, wenn sie stark bliebe. Ich würde doch nicht glauben . . . Stunden vergingen in qualvoller Dämmerung. Dann aber wieder trieb es ihn, und er suchte sie im Geiste zu umklammern. Die Bilder an den Wänden sprachen zu ihm und die Blumen, die Flaschen, und alle hatten ihre Stimme.

Sie sprach zu Sören: »Wo mag er nur bleiben. Holen Sie ihn her.«

Sie fürchtete sich.

»Sprich nur das eine Wort, und ich gehe sofort zu meiner Frau. Ein Wort. Heute abend ist alles perfekt. Siehst du denn nicht, daß er immer betrunken ist? Meine Frau weiß, daß sie mir nicht gehören kann. Noch heute abend . . .«

»Holen Sie Werner!« und sie entwand sich ihm. Hoffnungslosigkeit bemächtigte sich ihrer. Werner! Werner! Er konnte ihre Schmerzensschreie nicht hören. Er saß unbeweglich und eisig und trank. Er träumte von weißem Flieder und roten Rosen, die er zu einem Strauß wand, und den er ihr zu Füßen legen müßte. Blitzhell durchzuckten ihn einige Gedanken, aber er kroch immer wieder in sich zusammen. Er dachte schließlich: Wozu etwas abwenden, was ich verursacht. Verurteilt. Dem Henker ausgeliefert.

Da kam Sören und stotterte, er wolle ihn nach Haus begleiten. Er bat und drängte, aber Werner ging nicht. Da ging der andere wieder fort.

Er sprach zu ihr: »Ich habe ihn nach Haus gebracht.«

Sie dankte ihm und sagte: »Wir wollen Freunde bleiben.«

Dann verließ sie ihn. Sie dachte: Vielleicht, wenn es ein anderer wäre . . .

Er raste und tobte.

Es war eine Nacht, in der drei Menschen sich zerfleischten.

Anderentags sandte ihr Werner in aller Frühe weiße Rosen und einen Zettel: Weiß denn die Nachtigall usw.

Er war mit der Hoffnung eingeschlafen: Wenn ich ihm jetzt zuvorkomme . . .

Sie weinte Freudentränen, es war, als ob sie ihn wiedergefunden hätte. Eine Last, die sie bedrückt hatte, wich von ihr. Nun kann ich dir wieder ganz gehören, fühlte sie.

Sie dachte aber auch: Ob er mich wirklich liebt, da er mich so leicht aufgab? . . . Und es blieb eine Mißstimmung in ihr zurück.

Ihr Ärger wuchs von Tag zu Tag, und als ihr Sören schrieb: Ich muß eine Aussprache herbeiführen, antwortete sie: Komm, Werner und ich erwarten dich.

Es geht also doch zum Henker, dachte Werner.

In einem Café trafen sie sich.

Jeder schien entschlossen den Platz zu behaupten. Sie maßen sich mit feindseligen Blicken. Sören fing an:

»Es ist feig von dir, jetzt davon zu laufen.«

Und Werner: »Gemein von dir, meine Freundschaft zu mißbrauchen.«

»Du bist ja noch ein Kind,« warf der andere verächtlich hin.