Das Trottelbuch

Part 2

Chapter 23,786 wordsPublic domain

Der Alte drückte ihm die Hand, dann redeten sie mit ernsten Mienen längere Zeit, und etwas Sieghaftes lag in ihren Augen.

Es klopfte: -- die Katze.

Verlegenheit war um sie, schwand bald, und es klang herausfordernd:

»Ich habe eigentlich eine kleine Bitte, ich möchte gern 100 Mark geborgt haben, ich will etwas ins Gebirge fahren.«

Der Alte zeigte auf den anderen:

»Wende dich an ihn« -- und mit bedeutungsvollem Lächeln ging er hinaus.

Es würgte in dem anderen, Trauer und Angst, ein Fremdes, Dumpfes bedrückte ihn. Eine Sekunde lang stieg alles Liebe und Herzliche in ihm auf:

»Du -- (er zwang sich) -- willst fortfahren?«

»Ja -- mit dem Kapellmeister, du weißt -- Eine kleine Spritztour.«

Noch einmal versuchte er ihre Seele zu ketten, all' seinen Schmerz konzentrierte er auf ein süßes, tiefes -- Du --, das er im Innern fühlte. Er rang und griff, aber griff ins Leere. Dann ging er langsam zum Sekretär und nestelte umständlich an einer Kassette.

Die Bewegungen waren seltsam gezwungen, ihre Augen blieben stumpf und verschleiert. Eine Lüge war im Zimmer.

»Hier hast du -- -- Wann sehen wir uns wieder?«

»Danke schön. Nächste Woche --«

Dann klang es hart: »Ich brauche dich zu einer Magdalena.«

»Ja, ja --« Sie huschte hinaus.

II.

Wochen vergingen, es wurde Winter. In die Kunstschule ging sie nicht mehr. Allabendlich stand sie vor dem Variété und wartete auf ihre Gesellschaft. Der Kapellmeister, zwei Sängerinnen und ein Kraftmensch. Dieser entzückte die ganze Stadt, wenn er einen Wagen mit vier Insassen auf dem Nacken trug oder mit Kanonen balanzierte.

Er war der Schwarm verheirateter Frauen.

Er schleppte sie durch die Caféhäuser und Bars, begleitet in ehrfurchtsvollem Abstande von Studenten, Kommis, Kellnern und Nachtmädchen. Oft saßen sie in größerer Gesellschaft in den Separés der Hotels, es wurde Wein getrunken, Musik gemacht und getanzt.

Mitunter verirrte sich auch ein Künstler unter die Gesellschaft. Meistens blieben sie aber allein. Sie saß zitternd mitten drin, wie ein flügellahmer Vogel, nur ihre Augen flackerten Sehnsucht und heißes Begehren.

Man wußte in diesen Kreisen nie, was morgen war, und immer trennte man sich in der Besorgnis, die eine süße Erwartung war, sich nicht mehr wiederzusehen.

Jeweilig zwei Tage vor seinem letzten Auftreten in irgendeiner Stadt pflegte der Athlet seinen Geburtstag zu feiern. Dann ging es hoch her. Die Katze saß unter all' dem lärmenden Volk an seiner Seite. Sie zitterte und ertappte sich dabei, wie sie irgendeine läppische Redensart, die gerade am Tisch gefallen war, immer wieder vor sich hersprach. Sie fürchtete sich, aber die Stimmung riß sie mit fort. Die Blumenarrangements, die ihm von den Frauen auf die Bühne geschickt worden waren, schmückten die Tafel, die zahllosen Einladungen zu Dämmerstunden und Soupers, die sie immer wieder in die Hand nahm und durchlas, der Wein, die Lichter -- kurz, es kam ein roher, plumper Ton in ihren Verkehr, sie scherzte mit ihm. Sie hatte ihre Haare zu einem Knoten zusammengebunden und eine rote Sammetkappe darübergestülpt. Ihre Bewegungen bekamen etwas gewollt Unfertiges und Kindliches.

So saß sie unter den Betrunkenen, und eine qualvolle Unruhe bedrückte sie. Oft lachte sie plötzlich laut auf oder küßte den Athleten und drückte sich an ihn oder erinnerte sich irgendeines fernstehenden Menschens, der ihr ein lieber Bruder und Führer hätte sein können. Wenn der da wäre, dachte sie manchmal, der oder auch der -- Warum ist niemand da? -- Vielleicht gerade heute -- --

In manchen Augenblicken fühlte sie etwas Verfehltes in sich, ein Nichtzuendekommen, Haß stieg in ihr auf, und sie warf sich dem Athleten an die Brust oder streichelte seine Fleischerhände.

Sie wurde betrunken, die Augen funkelten.

Da nahm er sie an der Hand und führte sie hinaus. Drinnen johlten die anderen. Er trug sie in sein Zimmer und küßte sie. Die Lichter verlöschten. Der Lärm kam aus weiter Ferne und drang nicht mehr zu ihnen. Ab und zu hörte man ein Schlürfen, verwischte Laute sich entfernender Stimmen, ein letztes Poltern.

Die Stunden waren bitter, da er mit ihrer Seele rang, aber sie wurde blind -- vor dem Tier, das vor ihr winselte und bettelte.

Wozu? Der Löwe und die Katze -- -- fühlte sie.

So nahm er sie.

Es folgten Tage wie Feuerbrände und die Stunden des ersten Erwachens. Sie schlug ihn blutig. Er fesselte sie an den Bettpfosten. Und immer stand sein Diener Bill, der abends die Gewichte schleppte, dabei, unbeweglich, lauernd, immer bereit, alle Wünsche zu erfüllen und die Befehle seines Herrn sofort zu vollziehn.

So erkannte sie sich wieder und die Erinnerung kam. Sie reisten ab. Sie wohnte bei seinen Eltern, und er nannte sie seine Braut. Dann reiste sie mit ihm. Es lag etwas Verjüngtes in seinen Schritten, die Blicke verloren das Starre, Herzlose -- während sein Weib in einem Hotelzimmer verblutete.

Er betrog sie in Brüssel und Marseille und gab Unsummen aus für Brillanten, mit denen er sie, um seiner Eitelkeit zu schmeicheln, herausputzte. Schließlich hatte er sich sogar an sie gewöhnt und fühlte einen Anflug von Liebe, wie er Schlächtergesellen eigen ist. Manchmal dachte er daran, ein Gut zu kaufen und so im bürgerlichen Leben unterzutauchen. Mit der Zeit sehnte er sich sogar danach. Sie wurde von den Französinnen und Engländerinnen beneidet, manche beschenkten sie. Oft fuhr sie des Nachts in Gesellschaft auf dem Züricher See, man war freundlich zu ihr und wollte ihn kennen lernen. Dann kam sie manchmal nach Haus und biß ihn, daß man auf seiner Brust abends die Spuren sehen konnte. Oder sie schlug ihm vor dem Hotelpersonal die Faust ins Gesicht.

Er wurde weich wie ein Kind und liebte sie. Monatelang nahm er kein Engagement an. Und auch Bill wurde entlassen.

Seine Mutter drängte sich an sie und schmeichelte, wie Schlächterfrauen zu schmeicheln pflegen. Die ganze Familie fing wieder an zu verarmen, niemand arbeitete.

Da, eines Tages, nahm sie aus dem Koffer den Rest seines Geldes und blieb verschwunden. Krank, mit fiebernden Augen bat sie bei ihrer Mutter um Unterkunft.

Aus ihren Träumen kam hin und wieder ein Auflachen, das man um Mitternacht um dunkle Straßenecken hört.

III.

Tage und Wochen vergingen. Tiefste Bitterkeit kämpfte mit wiedererwachter Sinnlichkeit, es wurde ein Haß des Vernichtenwollens, des letzten Auslöschens. Die Männer, die ihr bisher im Leben begegnet waren, gaben das Bild ab, an das sich ihre Erregungen klammerten. Sie bespie und verfluchte sie und glaubte, sie mit Füßen treten zu müssen. Oft saß sie mit starren Blicken, die Hände zusammengekrampft, und träumte, sie hielte eine Gurgel umkrallt.

Visionen erschienen ihr und erfüllten sie mit Ekel. Dann ging sie nachts in ein Rummellokal und tanzte mit den Mädchen von der Straße, wild und zügellos. Aller Blicke begleiteten sie, die Weiber beschwerten sich, manche fauchten, die Männer blieben still.

Es war ihnen ein Kribbeln in die Glieder gefahren, ein frischer Rhythmus, sie streckten sich und ihre Gesichter wurden geschäftig, als ob jeder sie erwartete, und jeder eine Mission zu erfüllen hätte. Der Tanzmeister, bei dem man sich beschwerte, aber dachte: Vielleicht ist noch ein Geschäft mit ihr zu machen -- und zuckte lächelnd die Achseln.

An einem dieser Tage war es, daß sie erschöpft zusammenbrach, und einer der umstehenden Jünglinge bedauernd sagte: Wie ein gehetztes Reh. Das Wort durchzuckte sie wie ein Blitzstrahl und wurde eine Erkenntnis für sie. Immer wieder wiederholte sie für sich: Gelt, wie ein gehetztes Reh.

Wie ein Kind, das die Mutter streichelt: Geltel -- wie 'hetztes Reh. Zitternd lief sie nach Haus und weinte.

Anderntags kamen Kriminalbeamte und holten sie zur Polizeiwache. Es handelte sich um die überall übliche Verleumdung seitens einer Freundin, die die Beamten auf sie aufmerksam gemacht hatte.

»Wir kennen Sie schon --« so empfing man sie.

Die Leute da hatten ein selbstbewußtes, fettes Lachen, ihre Bäuche zitterten vor Vergnügen und der, der das »Mensch« zu verhören hatte, trommelte mit dicken Tintenfingern auf dem Pulte herum. Er wackelte mißtrauisch mit dem kahlen Schädel.

Aus aller Augen leuchtete eine Befriedigung, wie nach einem guten Frühstück, man konnte sie noch schmatzen hören. Wirklich ein angenehmer und interessanter Dienst . . . die Weiber . . . und meine zu Hause . . . Hä hä . . . so dachten sie.

Sie aber fühlte: Hunde.

Dann wurde sie entlassen. Kein Wort des Bedauerns, kein Wort der Entschuldigung.

Schweinehunde!

Einer rief leise nach: »Na, dann das nächste Mal.« Ihre Fressen zogen sich zu einem Grinsen, einige scharrten mit den Füßen, einer schneuzte sich, einer seufzte aus Gewohnheit tief auf, ein Geräusch von Schreibutensilien -- dann schleppte sich der Dienst bis zum nächsten Fall weiter.

Nun saß sie fast immer zu Haus und weinte. Manchmal las sie zwischendurch auch Bücher aus Budapest mit Abbildungen, die frühere Verehrer zurückgelassen hatten.

Es war, als ob sie stumpf geworden wäre, oft fühlte sie in sich ein Tier, das vor Wut und Schmerzen heulte. Und immer sah sie ein Kind vor sich, das jämmerlich schrie und zur Mutter wollte.

Ihre Seele verwirrte sich, und ihr Gefühl wurde täglich enger.

Ich muß das Leben bespeien und alles vernichten -- -- fühlte sie.

Es war widerlich zu sehen, wie ihre Mutter, die ein altes Unrecht glaubte, wett machen zu müssen, um sie herumschwänzelte und Zukunftspläne schmiedete. Es war widerlich anzusehen.

Man sollte sie vor den Bauch treten -- -- das Aas -- -- dachte sie.

»Du wirst schon deiner alten Mutter noch Glück bringen,« tröstete die, »ich habe noch nichts gehabt in meinem Leben, du bist noch jung und die Männer -- sei schlau --«

Ja, du Aas -- treten --

Und eines Tages kam ein Mann -- Fabrikbesitzer oder so was --, der sie von früher her flüchtig kannte und auf der Straße jetzt gesehen hatte, und machte ohne alle Umschweife ein Gebot. 300 Mark monatlich und für später eine größere Summe.

Die Mutter tänzelte und setzte Kaffee an, sonstige Hausfreunde wünschten Glück.

Sie aber mühte sich verzweifelt um einen Gedanken, der allen Dreck wegwischen könnte, aber sie fand ihn nicht und ging fort, ohne mit dem Mann zu sprechen. Dem Kerl wurde bedeutet, er solle noch warten und nächstens wiederkommen. Er ging, seelenvoll, mit schmerzlichem Augenaufschlage grüßte er die Bekannten, die er traf, und wartete. Er hatte es sich eigentlich anders gedacht.

Den gleichen Nachmittag kam noch ein anderer Mann, an den man geschrieben hatte. Er stellte Künstlertruppen zusammen und reiste. Nach der Türkei und Rußland, durch Österreich und Italien. Auch er machte ein Angebot: Freie Wohnung, freies Essen, freie Kleidung, freier Unterricht in Gesang und Tanz. Als sie zurückkam, traf sie ihn noch an. Er war entzückt und wollte nochmal seine Frau mitbringen.

»Damit Sie sehen, daß es bei mir anständig zugeht,« meinte er.

Sie fühlte nichts mehr, alles war in ihr welk und abgestorben. Um ihre Mundwinkel lag dämonische Grausamkeit.

Sie nahm sich von ihrer Mutter die goldene Uhr, die nach allerdings zweifelhaften Angaben ein Erbstück war, und verkaufte sie einem Trödler. Noch denselben Abend reiste sie in die nächste Hauptstadt. Sie fühlte: Nur fort. Allein sein. Weit fort von diesen Leuten.

Als ihr Zug in der Morgendämmerung in die Halle einlief, empfand sie ein so unendliches Siegesgefühl, einen Rausch wiedergewonnener Freiheit, der sie beglückte. Langsam ging sie nach dem Innern der Stadt zu, um den heraufkommenden Morgen zu erwarten. Sie wollte vorläufig bei irgendeiner entfernteren Bekannten ihrer Mutter wohnen.

Bitteres Weh drängte sich auf: Arbeiten und gut werden -- dann kam es ihr aber wieder sehr lächerlich vor, und sie lachte.

Ihr Weg führte an den Markthallen vorbei. Robuste Gesellen luden das Fleisch auf. Wildes Stimmengewirr.

Die Schritte wurden zögernd, zitternd wollte sie vorbeischleichen. Die niedrigen und blutrünstigen Begierden dieser Leute hatten sie indessen schon gewittert.

Sie fing an zu laufen. Rohe Worte prasselten hinter ihr drein. Einer lief nach, erhaschte den flatternden Rock und wischte sich seine blutigen Hände drin ab. Knochenstücke flogen der Fliehenden an den Kopf.

Tolles Johlen toste hinter ihr drein, bis es langsam im Lärm der ein- und ausfahrenden Wagen unterging.

Blutbefleckt, mit Straßenkot bespritzt, schleppte sie sich auf eine Promenadenbank und brach zusammen.

Eine mitleidige Frau brachte sie in ihr Haus und ließ sich erzählen.

Drei Tage und drei Nächte saß sie in einem dunklen, kahlen Zimmer, das sie für wenige Pfennige gemietet hatte. Dann schrieb sie nach Haus und bat um Reisegeld.

An einem Sonnabend kam sie zurück, mit toten, kalten Blicken, voll Ekel und Verachtung.

»Man muß das Leben und alles vernichten --« und ihr Kindliches stieß sie von sich -- »mit Füßen treten muß man --«

Sonntag wurde sie engagiert, und den nächsten Tag reiste sie mit der Truppe ab.

IV.

Sie war freudig bei der Arbeit, es war wie eine heilige Sache für sie. Ihr Tanz atmete die scheue Zurückhaltung, die Greise zu Phantasten macht. In vielen Städten und viele Wochen lang tanzte sie so. Die Verehrung, mit der man sie umgab, glitt an ihr vorüber und rührte sie nicht. Sie hatte ihren Haß und nährte ihn, aber sie wurde zusehends schwächer. Sie wurde müde in ihrem Ekel und sehnte sich. Nach dem Fernen und Weichen, dem Streicheln und Einschläfern, dem Katzenhaften und Kindlichen. Die Erinnerung wachte auf und brachte auch wieder die Eitelkeit mit. Abends saß sie inmitten ihrer Gesellschaft, unberührt von den Gesprächen rings um sie herum, und sehnte sich so.

Es war dies die Zeit, wo sie fast täglich an ihre Mutter schrieb. Ein neues Aufatmen schien gekommen.

Und einer war, der zu ihr sprach mit leiser Stimme, von Dämmerung und verträumtem Zittern, von asketischem Insichhineinversenken und ewiger Einsamkeit.

Er beweinte im voraus, daß er sie nie besitzen würde. Sie lächelte oder war auch plötzlich bitterernst, und streichelte seine Hand, abwesend, wie eine unbeteiligte Fremde. Dann pflegte er mit hohler, vibrierender Stimme Verse zu zitieren, manchmal auch eigene, und er bevorzugte den Refrain:

Daß ich noch einmal würde lieben, Ich hätt' es nimmermehr gedacht!

Es war ein Schauspieleleve, der schon eine Anzahl bürgerliche Berufe hinter sich hatte. Aber es kam so genau nicht darauf an, denn er lebte bei den Eltern.

Einmal kam sie nach einer heißen Nacht zu ihm und gab ihm leicht blinzelnd die Hand. Es war wieder Bewegung in ihr. Sie schmiegte sich an ihn und lauerte.

Da sagte er: »Sprich nicht so laut. Meine Mutter ist krank, zwei Zimmer weiter -- -- --« und wies mit der Hand.

»Du -- -- --« sie knackte mit den Fingern, es klang gurgelnd, drohend, ein Befehl, dann aber in eisiger Ironie: »komm mit.«

Er nahm ein Bild vom Schreibtisch und schenkte es ihr. Mit resignierter Miene überreichte er die Widmung: Daß ich noch einmal u. s. w.

Dann ging er mit ihr durch die Straßen. Sie waren still und bedrückt. Plötzlich lachte sie auf, gröhlte und summte vor sich hin. Einen Gassenhauer mit höchst eindeutigem Text. Er war starr, wie aus dem Gleis geschleudert, grinste indigniert und benahm sich auch sonst seltsam, wie es ein Mann tut, den die Verlegenheit überrascht. Was ist das nur, so wunderte er sich, aber er schwieg, und sie wurde auch wieder still. An ihrer Wohnung verabschiedete sie ihn, und er versuchte seinem Mienenspiel, das noch immer eine gewisse Bestürzung zeigte, einen hündischen, treu besorgten Zug mit beizumischen.

Wenige Stunden später polterte es an ihrer Tür.

Er war betrunken und bat um Einlaß. Die Haare waren zerzaust, die Kravatte verschoben. Mit funkelnden Augen stand er da, bald flüsterte er Kosenamen, dann wieder besann er sich und stammelte von einer dringenden Angelegenheit oder seufzte weh und verzichtend, wie von Schmerz zerrissen, dann wieder drückte er an die Klinke, und sein Gesicht wurde weich und zart. Aber die Tür blieb verschlossen. Er schwor sogar, daß er für sie alles aufgeben wolle, aber sie schwieg und rührte sich nicht. Ein neuer Rausch war über sie gekommen, eine dumpfe Macht, die sie verwirrte und gefangen hielt.

Sie schrieb an den Herrn v. B., der sie seit einigen Tagen verfolgte, ein Billet: »Erwarten Sie mich noch heute nach Schluß, und bringen Sie den Pelz mit.«

Herr v. B. sprang von seinem Divan auf. Was ist das? -- -- Jaso -- -- der Pelz. Dann betrachtete er im Spiegel wohlgefällig sein hageres Gesicht, den englischen Schnitt. Er lächelte überlegen.

Abends brachte er einen wundervollen echten Pelz, einen entzückenden Pelz. Sie hüllte sich hinein und war wieder Kind. Plauschte und stotterte, die ganze Gesellschaft nahm sie gefangen.

Herr v. B. feierte Triumphe. Seine Freunde -- die ganze Stadt -- -- oh, es war wirklich ein Triumph. Er war fast traurig und gerührt, seine Augen wurden gläsern.

Dann nahm sie ihn mit in ihr Zimmer hinauf. Sie ließ ihn eine Melodie summen und tanzte vor ihm. Sie kuschte sich zu ihm und trieb zu tausend Kapriolen und Späßen. Oder sie fuhr ihm an die Gurgel und streichelte dann sein erschrecktes Gesicht. Oh, es war reizend.

Herr v. B. schwitzte und dachte in süßestem Selbstbewußtsein: Gerade ich -- -- ja -- -- höchst seltsam und wunderbar -- --

Sie zwickte und puffte ihn und stieß ihn zu Boden. Ein schwerer Rausch hielt sie umfangen.

Er begann, wie aus einer Familientruhe heraus, seine Gefühle auszupacken und sprach von Liebe und Glück und ähnlichem. Eine hüpfende Seligkeit war in ihm. Oh, es war reizend -- -- -- ja gerade ich -- -- fühlte er nur immer wieder. An alle Bekannten dachte er.

Der Morgen kam grau und abweisend, wie ein Henker.

Da stieß sie ihn mit Fußtritten von sich. Ihr Gesicht war aschgrau und verzerrt, das Haar hing in dürren Strähnen.

Herr v. B. fühlte: Das ist kein Erwachen, ich komme um den Genuß. Er versuchte sie zu beruhigen und sprach schöne Worte.

Sie spie ihn an, eine Flut von Flüchen schwoll ihm entgegen.

Dann schrie sie laut auf und Krämpfe schüttelten ihren Körper.

Das Hotelpersonal lief zusammen, der Direktor kam, Kollegen.

Man wusch sie mit kölnischem Wasser, alle standen ratlos.

Herr v. B. blutete aus vielen Kratzwunden, aber er achtete nicht darauf. Herr v. B. blieb ein Ehrenmann. Er behob das Peinliche der Situation durch eine kurze Erklärung, bat den Direktor zu einer vertraulichen Aussprache auf den Korridor und stellte seine Dienste nach jeder Richtung hin zur Verfügung. Seine Hand zitterte, als er vor einem Spiegel die Blutrinnsel aus dem Gesicht entfernte. Er hatte einen greisenhaften Zug bekommen, er kam sich selbst wie ein zerhackter Häher vor. Es fehlte nicht viel, und er hätte ein ganz klein wenig gelächelt.

Er schrieb einen Brief: »Teuerste -- -- wenn Ich Ihnen irgendwie noch behilflich sein könnte -- -- -- --« aber der erreichte sie nicht mehr.

Ein paar Stunden später hatte sie sich aus dem Koffer des Direktors einiges Reisegeld genommen und war verschwunden.

V.

Es kam alles anders, wie sie gefürchtet hatte. Der Direktor schrieb einen versöhnlichen Brief, sie solle nur ruhig zurückkommen, sie würde es schon noch zu was bringen.

In den Tagen, da sie zu Haus war, frischte sie alte Bekanntschaften wieder auf. Sie erschrak vor ihrer inneren Unruhe und suchte sich zu betäuben. Man muß das Leben vernichten -- -- -- erinnerte sie sich.

Ein Distriktsbeamter aus einer afrikanischen Kolonie bemühte sich um sie und wollte sie mitnehmen. Dies schien ihr der Rausch, den sie suchte. Nur nicht denken -- -- -- -- fühlte sie. Ihr Blick bekam etwas lauerndes, haßerfülltes, etwas vom Vampyr. Schwere Tage schlichen dahin, und tolle Nächte verbluteten in rasendem Taumel.

Eines Tages war der Afrikaner verschwunden.

Er traute nicht.

Sie erließ Aufforderungen in die Blätter, sie ließ ihn suchen durch die Polizei und Privatdetektivs. Es half alles nichts, er blieb verschwunden. Niemand kannte seine Adresse, und man hörte nichts mehr von ihm.

Schließlich fuhr sie wieder ihrem Direktor nach und wurde der Stern der Truppe. Ein Schwarm junger Männer war um sie. Blumen und Schmucksachen flogen ihr zu. Sie verschenkte alles wieder. Mit kaltem Lächeln und brennendem Ekel. Zwei Monate lang lebte sie so und immer war der Direktor um sie herum und nannte sie seine Tochter. Er ließ sie nicht aus den Augen und lebte von ihr.

Da erhörte sie einen ihrer hündischen Anbeter, der ihr von Stadt zu Stadt gefolgt war, und verließ die Truppe.

Es war schon ein gereifter Mann, der irgend eine größere kaufmännische Position innehatte und in Petroleum spekulierte.

Sie täuschten sich ein gewisses Frühlingsglück vor und waren oft still und traurig.

Wenn sie Hand in Hand auf den Dünen entlang schritten oder den Rhein hinabfuhren, stiegen Erinnerungen in ihnen auf, und eine opferwillige Liebe ergriff ihn. Er sprach von dem Herbst seiner Liebe und der Hütte, die er errichten wolle, denn er hatte bei seinem gelegentlichen Umgange mit Künstlern sehr wohl auf deren Umgangsformen geachtet. Er traf Anstalten zum Ankauf eines Häuschens, das mitten im Walde gelegen war, und überhäufte sie mit Erbstücken von seiner Mutter und Großmutter.

Sie fühlte von alledem nichts. Sinnlichkeit raste in ihr und rüttelte. Wenn sie sich ihm gab, fühlte er eine bittere Trockenheit aufsteigen und prasselndes Feuer, das sich in den Leib fraß. Er wurde in den Taumel mit hineingerissen. Ein unendliches Mitleid quälte ihn, und in den Nächten der tiefsten Ermattung rang er mit dem Entschluß, alles von sich zu werfen und zu heiraten. Ihr Leben wurde immer trauriger und drückender. Er fürchtete für seine Liebe und bebte vor deren Ende. Er fühlte sich der Situation nicht mehr gewachsen. Die Hilflosigkeit verstärkte indessen noch seine Liebe, und er fand keinen Ausweg mehr.

Sie verlor allmählich ihre Sicherheit. Sie sträubte sich dagegen, als Heilige verehrt zu werden. Ein dämonischer Wille erfüllte sie, ihn darin zu erschüttern. Sie bot sich seinen Freunden an oder inszenierte auf der Straße einen Zank und schlug ihm den Hut vom Kopf. Sie wußte mit seiner Liebe nichts anzufangen und wollte sie nicht, nur Haß und Vernichtung.

Sie nahm Weiber zu sich, er sah nichts. Sie trug sich mit dem Gedanken, ihn zu vergiften, er achtete nicht darauf. Sie zeigte ihre Wirtin wegen Kuppelei an, er lächelte darüber.

Die ganze Stadt war voll von Gerüchten, und man riet ihm, sie aufzugeben. Aber in ihm lebte eine Hoffnung von einer über alles kostbar belohnten Mission, die ihn alles vergessen ließ.

Auch ihn hatte jetzt der Rausch erfaßt.

Eines Tages hielt sie ihm den Revolver unter die Nase.

»Ich bin schwanger!«

Sein Gesicht strahlte reine Freude.

»Ich will kein Kind von dir -- -- --« ein Aufschrei in wildem Haß.

Er lächelte und entwand ihr die Waffe.

»Du bist doch mein -- --« und wollte sie umarmen.

»Du langweiliges Spielzeug -- -- -- -- sie spie aus -- -- -- -- ich hab' dich satt.«

Die Umrisse im Zimmer begannen sich zu verwischen. Aller Schmerz stieg in ihr auf. »Nichts denken« -- -- schrie sie. Sie sah sich in dieser Sekunde und ihr ganzes Leben. Der Rausch zerbarst.

Die Krampfanfälle kamen wieder. Er lag zu ihren Füßen wie ein geprügelter Hund. Er hätte weinen wollen, bitten wie ein Kind, aber er fühlte, er war nicht rein genug. Ein Gefühl der Befriedigung zog ein, er wurde sich der Held eines Romanes und hatte seinem Leben endlich einen Inhalt gegeben.

Er schrieb ihr nach Haus Briefe, die eines gewissen poetischen Schwunges nicht entbehrten. Ich will immer auf dich warten, so schrieb er, die Sonne wird auf- und untergehen und ich werde sie nicht sehen, solange du nicht bei mir bist -- -- -- -- und -- -- -- -- ich will mit dir hassen lernen. Der Mutter schickte er Geld und schrieb: Pflegen Sie sie mir gut. Wenn alles vorüber ist, will ich hinkommen und mit ihr sprechen. Und dann kam er. Sie sah ihn mit scheuen Augen an und fürchtete sich. Sie dachte: Was will er nur von mir?