Das Tal der Lieder und andere Schilderungen
Part 4
Katzenpfoten laufen über die Flut. Der Wind bringt Regen. Noch ist alles grau und blau und goldig, doch die Sturmhexen reiten schon herbei. Schwarz flattern die Lumpen um die Hagedissen, ihr Strupphaar fliegt im Wind, ihre Besen zerfetzen die Wolken. Zu Dutzenden jagen die Unholdinnen vorüber, fassen sich an zu häßlichem Reigen, bilden Kreise und Kränze, lassen los und fegen dahin, daß die Rockfetzen fliegen und die Schmutzlappen flattern. Mit ihren Besen hauen sie in die Flut, daß sie schäumt und geifert, und sie fegen die Wellen, daß sie umkippen. Gellend klingt ihr böses Lachen aus der Luft.
Des Sturmgotts Lied übertönt ihr Gekreisch, sein dröhnender Baß. Das braust und brandet, bullert und bölkt, daß die Bohlen unter unsern Füßen zittern, daß die Wände hinter uns ächzen und die Scheiben hinter uns klirren. Schon flattert des Gottes violettgrauer Mantel über uns, hastiger wandern die Wellen, tiefer bückt sich das Rohr, unwilliger schütteln die Pappeln die Köpfe. Immer mehr Katzenpfoten kräuseln die Flut, die Sonne wird ein fahler Fleck, näher kommt der Regensturm. Und nun platzen die Böen, schütten muldenweise das Wasser hinab, verhüllen die Ferne, verschlucken den Wilhelmstein, decken die Berge zu mit grauen Schleiern und die Dünen und den Strand da drüben, überschütten Nähe und Weite mit demselben gleichmäßigen Grau, in dem nur eine schwarzschwingige Möwe jauchzend umhertaumelt. Und es prasselt und klatscht und schlägt und stiebt schräg auf die Wellen, und die jagen dahin, wie mit Ruten gepeitscht, und das brüllt und heult und bullert in der Luft und pfeift und kreischt und schreit, und wie ein Geisterschwarm stiebt ein Möwenflug heran und wirft sich in der Rohrbucht ins Wasser.
Zwei schwarze Streifen liegen weit vor uns. Das sind die Fischerboote. Wie zwei Einbäume aus der Urzeit, so sehen sie aus. Sie haben ja auch die alte Form treulich bewahrt, die Fischer, von der Zeit her, wo ihre Ahnen mit Flintsteinen und Feuerbrand die Eichstämme aushöhlten. Rund um das Meer liegen die Gräber, voll von Urnen und Opfermessern; der Wind pustet die Scherben frei, und der Regen wäscht die Brocken los aus den Dünen.
Der Sturm läßt nach; aus dem dicken Grau wird ein lichtes Grau. Schon taucht wie ein Schatten der Wilhelmstein wieder auf aus den grauen Schleiern; ihm folgen die Berge, die Dünen und der ferne Strand, bis sie klar und scharf am Himmelsrand stehen. Goldig wird es im Westen, immer goldiger. Durch graue Wolkenballen reißt sich die Sonne ein Loch und malt Flammen in die schwarzblaue Bucht. Goldrote Flammen brechen unter der schweren Wolke hervor; wie zerflossen glüht darin die Sonne; blaugrüne Striche ziehen sich über den Himmel, und auf allen Wolken erblühen Rosen.
Der Vorzeit Ungeheuer schwimmen durch das blaugrüne Himmelsmeer, Riesenhaie und Drachen, Einhörner und Tiger, Schlangen und Eidechsen, mißgestaltet und furchtbar, alle nach Osten, in die graue Nacht hinein. Von Osten aber kommt es schwirrend und flatternd, sausend und brausend, dicht über dem Wasserspiegel, Hunderte und Aberhunderte, und fällt in das Rohr: der Sprehen frohes Volk, und da schwatzt und lärmt und plaudert es. Und wieder ein Zug und noch einer und immer wieder einer.
Zum Meere streicht ein Zug Gänse, sich kreuzend mit Entenflügen, die klingend und sausend das Meer verlassen, hoch über uns fortstreichend zur Leine. Wohin man blickt, zieht es schwarz durch die Luft, mit hastigen Flügelschlägen, mit Sausen und Brausen, immer vom Meere fort. Ein Reiher nur klaftert dem Meere zu, einsam und allein.
Längst ist die Sonne hinter den Bergen verschwunden. Tiefer tönt sich der Himmel; hier und da blinzelt ein Stern. Das Schwirren über uns hört auf; nur der Sturm pfeift und flötet noch, und mit neuen Regenböen zieht die Nacht über Meer und Land. Im molligen Stübchen des Strandhotels lassen wir die Gläser zusammenklingen, dankbaren Herzens des Kampfes gedenkend, des Dreireckenstreites zwischen Sturm und Sonne und Flut, dessen unsere Augen sich freuten am Strande des Steinhuder Meers.
Im deutschen Erdölgebiete.
Am Südrande der Lüneburger Heide, einige Stunden von der strebsamen hannoverschen Stadt Peine entfernt, lagen mehrere Dörfer, abgeschieden von dem Verkehr der großen Welt, in stillem Frieden, die Ortschaften Stederdorf, Wendesse, Odesse, Abbensen, Dollbergen und Edemissen. Vor den achtziger Jahren verirrte sich nur selten ein Fremder hierher; den Waidmann lockte der Rotwildbestand, den Botaniker manches seltene Kraut, den Mineralogen die von der freigebigen Natur in zahlloser Menge umhergeschleuderten Überbleibsel der Eiszeit, allerlei Geschiebe aus dem Norden, dem Heideboden fremd.
Als aber das amerikanische Petroleum das Brennöl der Väter verjagte, da regte sich auch in Deutschland die Sucht, flüssiges Gold aus der Erde zu pumpen, und man erinnerte sich alter Schriften, in denen es vermerkt war, daß seit alten Zeiten die Heidebauern aus den sogenannten »Fettlöchern« der Heide auf kunstlose Weise ein mineralisches Öl gewannen und als Wagenschmiere verwendeten. Man kramte in den Bibliotheken umher und fand in neueren Schriften die Bestätigung der alten Funde. Es bildete sich eine Gesellschaft. Die Bohrungen hatten ein anscheinend günstiges Ergebnis; eine neue Krankheit, das Ölfieber, griff um sich. Ein neuer Ort, +Ölheim+ bei Peine, erstand in der stillen Heide, und schlaue Leute brachten es in kurzer Zeit zu Geld und Namen. Bald wetteiferten in Ölheim mehrere Aktiengesellschaften; hohe Bohrtürme, Arbeiterwohnungen, Straßen, Bahngeleise und unterirdische Rohrleitungen wurden angelegt. Wo früher das liebliche Lied der Heidelerche und der Schmetterschlag des Baumpiepers allein über rosa Heidekraut und dunklem Wacholder erklang, da zischten die Dampfkessel, ächzten die Pumpen, donnerten die Bohrmeißel. Über tausend fremde Arbeiter vermengten ihre Mundarten mit dem schweren Platt der Heideleute; Hotels mit gepfefferten Preisen machten sich breit, und fremdes Volk, Börsenleute, Ingenieure, Spieler, verliehen den Sitten der Gegend ein anderes, glänzenderes, aber nicht besseres Gepräge.
Einige Jahre ging das wilde Treiben so vor sich; aber schon 1886 kam der Krach. Die Bilanz der »Ölheimer Petroleum-Industrie-Gesellschaft in Peine« wies einen Verlust von mehr als zwei Millionen Mark auf. Einige Schlaue retteten sich mit vollen Taschen, andere Leute setzten ihr Erspartes zu und wanderten fort, den weißen Stock in der Hand. Die Gesellschaft liquidierte, das laute Treiben verstummte, und 1887 verschmolzen sich mehrere Gesellschaften zu einer einzigen, die zwar keine Millionen aus der Erde pumpte, aber doch immerhin eine Reihe von Jahren noch bedeutende Erträge erzielte. Die Zeiten waren vorüber, wo »Ölheim«, das einst eine große Industriestadt zu werden hoffte, eine eigene Zeitung besaß; von den über tausend Arbeitern waren nur noch sechzig übrig geblieben, das deutsche Pennsylvanien spielte auf dem Geldmarkte keine Rolle mehr.
In den letzten Jahren ist es dort ganz still geworden, und erst neuerdings hat man wieder angefangen, Bohrversuche anzustellen, nicht um Petroleum, sondern um mineralisches Maschinen-Schmieröl, sehr wertvoll wegen seines gänzlichen Sauerstoffmangels, zu gewinnen. Man ist bescheidener geworden, und wenn die Bohrungen planmäßig angestellt werden, so wird sich hier vielleicht noch einst auf solider Grundlage eine gesunde Industrie aufbauen; denn das natürliche Maschinenöl der Heide hat einen Ruf in der ganzen deutschen Industrie. Läge Ölheim in landschaftlich reizvollerer Gegend, so würde das Solbad »Waltersbad« mit seiner sehr wirksamen Solquelle eine große Zukunft haben; so aber erholen sich hier alljährlich nur in reiner Luft, hohem Kiefernwalde und stärkendem Bade einige hundert bleicher, kränklicher Schulkinder in der Ferienkolonie und einige Heidefreunde, denen die Hauptsache reine Luft, unverfälschte Natur und Ruhe ist. --
Ohne großes Zeitungsgeschrei, ohne reißendes Aktiensteigen, ohne Hochflut von Gold ist, während Ölheim wie ein schnell emporstrotzender Pilz in nichts versank, an einer andern Stelle der Lüneburger Heide langsam dieselbe Industrie entstanden, in den beiden nur ein Viertelstündchen voneinander entfernt liegenden Dörfern +Wietze+ und +Steinförde+, die von den nächsten Bahnhöfen Schwarmstedt und Celle je in ungefähr 2½ Stunden für tüchtige Fußgänger zu erreichen sind. Die Heide trägt hier einen ganz andern Charakter; es fehlen hier die Massen erratischen Geschiebes, die bei Ölheim den Sand so bunt färben; hier ist der Boden fast ohne jede Steinbeimengung. Aber unter dem gelben Sande ruht dasselbe wertvolle Öl in großer Menge, und auch ein bedeutendes Steinsalzlager ist hier erbohrt.
Den Wanderer packt ein ganz merkwürdiges Gefühl, wenn er, von dem Bahnhofe Schwarmstedt losmarschierend, nach Wietze kommt. Keine Spur von Industrie hatte auf dem langen Wege sein Auge berührt. Neben den weißstämmigen Birken-Alleen liegen grüne Saatfelder oder ernste Föhrenwälder -- Fuhrenwald sagt der Heidebauer --, Föhrenwald begrenzt den Himmelsrand, ein Heidedorf liegt inmitten brauner Heide und grüner, dem Boden mühsam abgetrotzter Felder. Viele Häuser tragen noch Strohdächer, und unter den hölzernen, roh geschnitzten Pferdeköpfen zieht vielfach noch der Herdrauch zum Giebelloche empor; nur die neuen Häuser haben Schornsteine. Selten begegnet ihm ein Radfahrer, noch seltener ein Fußgänger, der Briefbote oder ein Bauer, der ihm freundlich die Tageszeit bietet. Ein Wagen, der hinter einer Wegesbiegung sichtbar wird, fesselt sein Interesse. Eine ganze Reihe schwerer Leiterwagen, hoch bepackt mit blauen, öligen Fässern, kommt ihm langsam entgegen, das erste Kennzeichen der Wietzer Ölindustrie. Noch eine Stunde auf staubiger Landstraße, dann tauchen hinter den langmähnigen, grünen Birken seltsame Bauwerke in der Heide auf, schwarze hohe Bohrtürme, daneben rotdachige neue Häuschen und alte Bauernhäuser mit Strohdach und Pferdeköpfen. Aus den kleinen, schwarzen Maschinenhäusern steigen kleine weiße Dampfwölkchen stoßweise in die Luft; ohne Hast und Eile, aber ohne Pause und Rast bewegen sich die schwarzen Balken der Ölpumpen; Maschinenteile, Koks- und Steinkohlenhaufen, Balken- und Bretterwerk, Schlammbüchsen und Ölfässer lagern auf dem gelben Sande, und ein strenger Teergeruch erfüllt die warme Luft. An zwanzig Bohrtürme recken sich hier empor; weiterhin, bei den Eichen von Steinförde, erheben noch andere sich in düsterm Ernste. Ein dumpfes Donnern schallt dem Wanderer entgegen; es ist der Bohrmeißel, der ein neues Bohrloch schaffen soll. Bedächtig wälzen Arbeiter die gefüllten Ölfässer auf die derben Leiterwagen, andere laden die leeren Fässer ab. Zwei Gesellschaften, eine deutsche und eine holländische, bohren hier; beide beschäftigen zusammen fünfzig Arbeiter, die fast alle aus Wietze, Steinförde und den Nachbardörfern stammen.
Die Gewinnung des Öls ist recht einfach. Wenn das Bohrloch bis zur nötigen Tiefe niedergebracht und mit Eisenröhren ausgekleidet ist, wird die Pumpe aufgestellt, das Becken herbeigebracht; die Dampfmaschine setzt die Pumpe in Bewegung, und dann läuft das dickflüssige braune Öl in fortwährendem Strahle in das Becken, in dem es durch ein Schlangenrohr vermittelst heißer Dämpfe entwässert wird. Dann ist es zum Gebrauch fertig und wandert in Fässern nach Celle und Schwarmstedt und von dort auf der Bahn als vielbegehrtes Schmieröl nach den Industriebezirken von Hannover, Westfalen und Rheinland.
Der Ölreichtum jener Gegend war den Heidebauern schon seit Jahrhunderten bekannt. Auf natürlichen Heidetümpeln, den »Fettlöchern«, sammelte sich das Öl als braune buntschillernde Schicht, wurde abgeschöpft und als Wagenschmiere benutzt. Man grub auch an sehr ölhaltigen Stellen den Sand aus, wusch ihn in Bottichen aus und schöpfte das Öl ab.
Bei den Bohrtürmen liegt ein Teich, der lebhaft an unsere Vorstellungen vom Toten Meere erinnert. Den nackten gelben Sand schmückt keine Spur von Vegetation, nur unverwüstliche Binsen starren düster aus der braunen Flut. Nußgroße, dunkelbraune Öltropfen schwimmen auf dem Wasser, dicke Klumpen quellen vom Grunde des Tümpels empor, und in den Buchten lagern auf der Wasseroberfläche schwere, braune Ölschichten, bunt in der Sonne schillernd, oder klebend auf dem feuchten Sande. Massen von toten und sterbenden kleinen und zollangen Schwimmkäfern bedecken die Wasserfläche; das schmierige Öl hat die zählebigen Insekten erstickt, die hier zuflogen.
Die flache Gestaltung der Heide begünstigt neue Entdeckungen nicht; keine Gesteinswand, kein Bodendurchschnitt gibt der Industrie einen Wink. Daß aber das Gebiet zwischen Peine und Verden an der Aller bei planmäßigen Bohrversuchen noch manches andere Öl- und Salzlager darbietet, davon sind kundige Geologen jetzt schon überzeugt.
Einsame Heidfahrt.
Nordwestwind pfiff über das Heidland, veranlaßte die ernsten Fuhren durch sein ungestümes Kosen zu unwilligem Gebrumm und die starren Machandelbüsche zu ärgerlichem Kopfschütteln, ließ den Landstraßenstaub sich in Kringeln drehen und erlaubte es den hunderten von himmelblauen Faltern, die im Heidekraute hin- und hertaumelten, nicht, fröhlich um die ersten Doppheideblüten zu tanzen. Ab und zu warf mir der neckische Gesell eine Handvoll Staub in das Gesicht; aber er entschädigte mich wieder dadurch, daß er mir gleich darauf den betäubenden, süßen Duft der Lupinen zufächelte, deren schweres Goldgelb die braune Heide unterbrach. Wie ein Hund die Schnuckenherde mit heiserem Gebell vor sich hertreibt, so hetzte der Wind graue Wolken nach Südost, und wenn eine Herde vorüber war, dann leuchtete blauer Himmel aus dem Grau, und stechend sengte die Sonne herunter. Dann erklang das Summen der fleißigen Immen lauter, dann tanzten die verschüchterten Bläulinge lustiger um die rosigen Heideglöckchen, die Sandammer ließ dann fleißiger ihr müdes Liedchen ertönen, und die Heidlerchen, die unsichtbaren Sänger der Heide, belebten mit froheren Strophen ihren einförmigen Singsang, bis eine neue Wolkenherde, einen dicken, schwarzen Widder an der Spitze, sich vor die Sonne drängte und die Heide wieder ihr trübes Aussehen gewann.
Ich fuhr allein, mutterseelenallein, durch die Heide. Gern habe ich im frohen Bergland lustige Wandergesellschaft; in der Heide hasse ich sie. Die Heide ist nicht gesellig, und nur dem einsamen Wanderer gegenüber ist sie mitteilsam, ganz wie der echte Niedersachse. Der ist auch ein schlechter Gesellschafter, ein uninteressanter Mensch, in bunter Reihe, wo gelacht und geschwatzt und getändelt wird. Aber im stillen Aug'-in-Aug' mit dem Freunde wird er mitteilsam, gesprächig; da kramt er aus dem verschlossenen Herzen allerlei Schätze hervor, wunderschöne Dinge, die niemand vermutete hinter dem kalten Blauaugenblick, unter den gleichmütigen Zügen.
Viel Liebes und Schönes hatte mir die Heide schon gewiesen, wenn ich als einsamer Wanderer ihr nahte; heute aber wollte ich sie bitten, mir ihre ältesten Erbstücke, tief versteckt in der Fuhrentruhe, zu zeigen: den +Steinhäusern+ galt meine Pilgerfahrt. Lange hatte ich mir den Besuch schon vorgenommen, aber immer hielt eine heilige Scheu mich ab, in großer Gesellschaft die Fahrt zu machen, mit Leuten, die bei den ehrwürdigen Denkmälern Mettwurst und Kognak hervorholen und die Steinplatten als Fremdenbücher mißbrauchen.
Heute aber war ich ganz allein, allein wie der Schäfer, der hinter Bergen seine Schnucken weidete, allein wie ein grauer Findling auf brauner Heide. Schnell ließ ich mein Rad dahinsausen über die gelben, glatten Fußwege, in deren Grasborden blutrote kleine Nelken leuchteten, flog vorüber an den Häusern von Bleckmar und tauchte unter in Heideeinsamkeit und Waldstille, die die Straße nach Fallingbostel umgibt, eine Straße, die der Heide echteste Schönheiten erschließt. Der Wald endet auf des Hügels Kuppe, und Heidberge, baumlos und kahl, nehmen mit ihrem braungrünen Violett das Auge gefangen. Wie einfach sind die Mittel der Heide, wie viel schafft sie damit! Diese kahlen Hügel, gleichmäßig überzogen mit dem braunen Tuche, sie beruhigen die Seele. Es ist eine köstliche Farbe, das braungrüne Violett, eine Farbe, die das Herz gefangen nimmt, von der die Augen nicht fort wollen. Kein Haus, kein Mensch weit und breit, Heidhügel an Heidhügel, einige ganz ernst braun, einer mit schmaler gelber Binde geschmückt; ein Heidweg ist es, der sich über seine Kuppe zieht. Ein Wall graugrüner Fuhren rahmt dieses Heidebild ein und blaue Hügel, die am Himmelsrande mit grauen Wolken verschmelzen.
Nach stundenlanger Rast im spärlich blühenden Heidekraute riß ich mich los, flog bergauf, talab und stellte mein Rad in Nordbostel ein. Dem Wirtshause gegenüber führt ein breiter Weg nach Süden, von Hängebirken beschattet; den schlug ich ein. In der Grasheide, die wie ein riesiges Löwenfell sich an weißen Buchweizen anschließt, zirpten die Grillen. Mitten in der kahlen Heide weidete der Schäfer, das Knüttzeug in den Händen, die grauen Schnucken. Über dem notreifen Roggen rüttelte ein Sperber, und ein Hase, von den Schnucken hochgemacht, flüchtete in den hohen Brahm, der mit der grasigen, grünen Farbe seiner hohen Büsche ganz absonderlich von dem Heidebraun abstach und im Verein mit den toten Gestalten der Wacholderbüsche die Landschaft belebte. Hohe Tannen und breitästige Eichen zeigten einen Bauernhof an, hinter dessen Zaun kein Menschenlaut erschallte. Es war die Zeit der Heuernte. Ein zweiter Hof, Homanns Hof, blieb links liegen, und dann suchte ich mich durch prächtigen Tannenhochwald hindurch, bis sandige, hügelige Heide, übersät mit Feuersteinen, bestanden mit ästigen Kiefern, auf deren Wipfelsprosse der Baumzier mit schmetterndem Sange sich niederließ, mich wieder in ihre braunen Arme schloß.
An dem Schienenstrang entlang, der zur Abfuhr von Grubenhölzern die Heide unbarmherzig zerreißt, führt der Weg zu den uralten Grabstätten unbekannter Häuptlinge, Helden eines Volkes, von dem kein Zeichen, keine Überlieferung auf unsere Zeit gekommen ist. Als steinerne Rätsel nahen die fünf grauen Grabkammern aus dem Fuhrenwäldchen; keine verwischte Rune meldet dem Forscher, welcher Stamm hier seine Großen beisetzte. Unverstand hat die Grabkammern durchwühlt, Gleichgültigkeit den Boden mit Papier und Flaschenscherben besät, Dummheit schrieb ihre albernen Namen auf die ehrwürdigen Steinplatten. Aber der Wind fegt das häßliche Papier fort, er schüttet trockene Nadeln auf die scheußlichen Scherben, und mitleidiger Regen leckt an den Steinen, bis die Namen, die unfromme Tröpfe an die grauen Flächen schmierten, verschwunden sind.
Auf dem grauen Steine, der abseits gefallen ist, saß ich und sann. Über mir summten die Fuhren ihre gleichmäßigen Weisen, goldene Sonnenflecke zuckten auf dem Boden, blitzende Fliegen schossen an mir vorbei. Ein Stückchen spitzen Feuersteines fesselte meine Augen. Ich wollte ihn aufnehmen, da zischte es warnend: ein breiter Kopf mit rotfunkelnden Katzenaugen richtete sich empor aus dem warmen, sonnenbeschienenen grauen Sande, und zwei nadelscharfe Giftzähne in weit aufgerissenem, rotem Rachen hackten nach meinen Fingern. Schon erhob ich den Stock zum tödlichen Schlage -- und ließ ihn sinken. In diesem Walde breche ich keinen Ast, töte ich kein lebend Wesen. Wer weiß, wer die Schlange ist? Wer weiß, wer der einsame Kolkrabe ist, der hoch in der Luft seine Adlerkreise zieht und sein rauhes »Rauk, rauk« über die Heide krächzt? Grabwächter scheinen sie mir zu sein, der Königsrabe und die todbringende Otter mit den Karfunkelaugen, Wächter an heiliger Stätte.
Eine schwarze Wolke mit gelben, Hagel kündenden Rändern legt sich vor die Sonne. Verschwunden sind die blanken Fliegen, verklungen des einsamen Finken Schmettergesang, und die Schatzwächterin, die Schlange mit dem Zickzackband, kriecht fröstelnd unter den Grabstein. Mit dem Stocke scharre ich den spitzen Stein zu mir heran; es ist eine Lanzenspitze, künstlich zurechtgeschlagen aus dem stahlharten Feuerstein, mit dem die Heide besät ist. Glatt, wie geschliffen, sind seine Ränder; ein Kunstwerk ist er, das wir heute mit unserer großen Technik kaum nachbilden können. Wer fand den Stein vor Jahrtausenden auf einsamer Heide, wer formte ihn zu schneidender Speerspitze mit dem Steinhammer, wer führte ihn auf der Pirsch gegen Ur und Bär und focht mit ihm im blutigen Kampfe, wo Steinbeile auf Birkenschilden dröhnten und runde Steine, aus Lederschlingen geworfen, Schädel zerbrachen?
Schon wollte ich den Stein in die Tasche stecken, da breitete sich schwarze Finsternis über den Himmel; ein Blitz zuckte schwefelgelb über die Heide, und grell knatternder Donner polterte wiederhallend durch die Stille. Erschrocken legte ich die Waffe an ihren Platz und deckte dürre Nadeln darüber. Ein Heulen ging durch die Luft, wie das Wutgebrüll eines Riesen; der Wind schüttelte die Fuhren, daß sie knirschten und schrillten, und eine Staubwolke, mit Spreu und Reisig gemischt, tanzte durch den Wald. Dann ließ der Wind nach; er holte Atem. Noch ein Donnerschlag, und nun ging es hernieder, Hagel und Regen, gepeitscht vom wütenden Sturme, daß der Waldboden schnell sich bedeckte mit grünen Fuhrenzweigspitzen und trockenem Geäst.
»Rauk, rauk« erklang es da freudig durch den Sturm; der Rabe war herabgeflogen und umflatterte einen Mann, der über die Heide gekommen war und zu dem einsamsten der fünf einsamen Gräber ging. Der Regen peitschte sein braunes, hartes Gesicht, zauste ihm die graublonden Haarsträhnen und den wirren Graubart und ließ die Marderschwänze an dem Schnuckenmantel des einsamen Heidegängers lustig tanzen, der sich bei jedem Schritte bückte und die Papierknäuel auflas, die den Boden befleckten, und sie in der Busenfalte des grauen Mantels barg. Mit einem Baststrick war der Mantel gegürtet, in dem Strick hing die Steinaxt aus dunkelgrünem Nephrit mit dem Griff aus Hirschhorn. Einäugig war der Alte; ein furchtbarer Hieb, vom rechten Schlaf bis zum linken Ohr, hatte das Auge zerstört und das Antlitz verwüstet. Die rechte Brust zeigte tiefe Narben, und an der Rechten fehlten zwei Finger. Mühsam bückte er sich und hob die Scherben und Fetzen auf, die ein Geschlecht ohne Scheu und Scham um die Gräber seiner Vorfahren gestreut hat. Mit schweren Schritten ging er in die Heide und vergrub dort die Fetzen und Scherben. Dann kehrte er zurück zu dem einsamen Fürstengrabe, zu dem Grabe seines Herrn, nahm den großen Schild vom Rücken, die Steinaxt aus dem Gurt und saß nieder auf einer grauen Steinplatte. Hoch schwang er den Hammer und ließ ihn dröhnend auf den Schild fallen; siebenmal erklang es dumpf, und dann sang der Alte ein altes Lied, eine Totenklage für seinen Herrn. Seltsam waren die Worte, unerhört die Weise, wie Sturmgeheul die Stimme des alten Speerträgers, und jeder Strophe Endreim waren sieben dumpfe Steinhammerschläge auf den breiten Schild aus Birkenrinde und Wisenthaut.
Wie betäubt saß ich unter der Tanne bei dem Grabe. Ich wollte fort, aber des singenden Alten Einauge blitzte mich drohend an. Ein dröhnender Hammerschlag endete das gewaltige Heldenlied, ein Schlag, so erschütternd, daß ich die Augen schloß. Als ich sie öffnete, war der greise Mann verschwunden; in der Ferne grummelte das abziehende Gewitter; aus blauem Himmel lachte die Sonne hernieder auf das alte Grab, um das frische Fuhrenbrüche an Stelle der Fetzen und Scherben lagen, die jetzt alle verschwunden waren. Auf meinen Knieen aber glitzerte die steinerne Speerspitze, ein Geschenk des Alten für den einsamen Heidewanderer.
Im Torfschiff.