Das Tal der Lieder und andere Schilderungen

Part 3

Chapter 33,631 wordsPublic domain

Doch es war ein zäher Schlag, der am hohen Ufer der Leine hinter den dicken Mauern saß; er ließ sich nicht niederzwingen und vergaß in frischem Schaffen bald wieder Hunger und Not, Brand und Pest. Handel und Gewerbe hoben sich wieder, blühten und wuchsen so kräftig, daß die Stadt 1451 von den Hansen aufgenommen wurde und nun so stolz und keck wurde, daß sie sich selbst vor den Kanonen nicht fürchtete, mit denen 1486 Herzog Heinrich ihr zu Leibe ging. Schnappte Bremen ihr nach und nach auch ein gut Stück ihres Handels fort, den Broyhan konnte es ihr doch nicht nehmen, und der brachte viel Geld und Leben in die Stadt, so daß die Knochenhauer, Seilwinder, Schmiede, Töpfer und Gerber und die andern Gewerbe tüchtig verdienten und die Krämer nicht minder. Davon bekamen die Bürger so steife Nacken, daß sie ihren Magistrat, als der es mit der Vetternwirtschaft gar zu arg machte, auch beim alten Glauben bleiben wollte und dem neuen abhold war, so lange ärgerten, bis er der Stadt den Rücken kehrte.

Immer wieder aber kamen Zeiten der Not. Nahm auch in dem großen Greuelskriege keine der feindlichen Parteien die Stadt ein, so litt sie doch bitter unter der Entvölkerung des platten Landes, unter dem allgemeinen Stillstand von Handel und Wandel, unter Kriegssteuern und der Pest. Sie blühte aber wieder auf, als Herzog Georg sie 1636 zu seiner Residenz erhob. Den Bürgern paßte das freilich durchaus nicht, und der Rat bat den Herrscher inständig, von diesem Plane abzustehen. Seine Bitte war vergebens, und obwohl die Hannoveraner anfangs viel darüber murrten und knurrten, daß es mit ihrer bürgerlichen Selbstherrlichkeit so gut wie zu Ende wäre trotz aller verbrieften und besiegelten Rechte, sahen sie bald ein, daß sie sich in vieler Hinsicht besser standen als vordem: Der Hof brachte mehr Geld und Leben in die Stadt, und diese dehnte sich so aus, daß die Neue Stadt vor dem Calenberger Tore nicht mehr ausreichte und erweitert werden mußte.

Manches, das vom Hofe ausging, gefiel den Bürgern freilich durchaus nicht, so daß Johann Friedrich einige tausend Landeskinder als Soldaten an die Venediger verlieh und von dem französischen Könige Werbegelder und Hilfssold einsteckte, die er für eine überüppige Hofhaltung verwandte. Aber das lag einmal in jener Zeit, in der auch der Bürger nach Kräften prunkte und protzte und das Leben locker und leichtsinnig war. Es war eine bunte Zeit. Kunst und Wissenschaft blühten, Glanz und Luxus herrschten, und heftig und das ganze Leben durchtränkend und anregend waren die Streitigkeiten zwischen den Anhängern der alten und denen der neuen Lehre. Damals wirkte Leibniz, der große Vielwisser und Weitdenker, in Hannover, hielt der Feuerkopf Jobst Sackman in der Kirche zu Limmer seine kraftvollen Predigten, mußte aber auch der Oberjägermeister von Moltke seinen Kopf auf den Block legen, verschwand Graf Königsmarck ohne eine Spur, wurde Sophie Dorothea zu Ahlden in lebenslängliche Haft gesetzt und ging der Magistrat mit den städtischen Geldern so leichtsinnig um, daß der Kurfürst die freie Stadtordnung aufhob und durch eine gebundenere ersetzte.

Die Zeiten gingen hin. Hannovers Kurfürst wurde englischer König; aber die Stadt behielt die Hofhaltung, die vielen Adelshöfe und das höfische Leben und reckte und streckte sich innen und nach außen und war weithin berühmt wegen ihres regen geistigen Lebens, ihres Gewerbefleißes, ihrer guten Schulen, stolzen Bauwerke und schönen Parkanlagen. Dann kam der Siebenjährige Krieg, der der Stadt für ein Jahr eine französische Besatzung brachte. Der Magistrat sah ein, daß die Mauern mehr schadeten als schirmten, und ließ sie abreißen. So war Hannover keine Festung mehr. Das schützte sie aber nicht, als 1803 der Krieg zwischen England und Frankreich ausbrach. Die Franzosen zogen ein, die Einquartierungslasten drückten Handel und Verkehr zu Boden, und anstelle der Wohlhabenheit trat Verarmung. 1806 nahm Preußen Hannover in Besitz, mußte es aber nach der Schlacht bei Jena wieder fahren lassen, und abermals zogen die Franzosen unter Mortier ein und drückten Land und Stadt durch Kriegssteuern, Eintreibungen, Einquartierung und die Handelssperre bis zur Verzweiflung. 1810 kam das Land an Jerome, König von Westfalen von seines Bruders Gnaden, und das verbesserte die Lage der Stadt nicht, zumal schlimme Krankheiten lange herrschten.

1813 hatten die zehn Angst- und Notjahre ein Ende. Hannover fand seinen Frieden und blühte schneller, als zu erwarten war, wieder auf und entwickelte sich zu einer der schönsten und vornehmsten deutschen Städte, der man es nicht ansah, daß sie aus dem Gewirr enger Gassen zwischen der Marktkirche und der Leine entstanden war, jenem Viertel, das seine Bedeutung immer mehr einbüßte und sich jetzt erst allmählich wieder erobert.

Als dann das Jahr 1866 kam, war die Sorge groß, daß die Stadt nach Verlust des Hofes und Fortzug vieler adligen Haushaltungen einen schlimmen Rückfall zur Bedeutungslosigkeit erleben würde. Aber schon hatte sich ihre Industrie gut entwickelt, hatten sich Handel und Gewerbe auf sich selbst gestellt, brachte die Verwaltungsmaschine, das Schulwesen und der Verkehr es mit sich, daß die Entwicklung nicht stockte, und als nach dem Kriege gegen Frankreich Deutschland einen unerhörten wirtschaftlichen Aufschwung nahm, bekam Hannover auch sein gutes Teil davon ab, so daß es heute in der Reihe der deutschen Großstädte eine hervorragende Stelle einnimmt, sowohl was Sehenswürdigkeiten und Bildungsmittel, als auch, was Industrie, Verkehr und Handel anbelangt.

Dazu kommt, daß es eine Lage hat, die es als Wohnplatz über viele andere große Städte stellt. Auf der Grenze zwischen der norddeutschen Tiefebene und dem mitteldeutschen Berglande hingelagert, von einem weiten grünen Gürtel von Marsch und Wald eingeschlossen, hat es da die weiten Heiden, dort die Berge vom Deister bis zu dem Harze hin, hat also ein abwechslungsreiches und durch ein ausgedehntes Straßen- und Bahnnetz gut aufgeschlossenes Umland, ein Vorzug, der nicht zum wenigsten zu seinem schnellen Wachstum in den letzten Jahrzehnten beigetragen hat.

Und es hat, was für den, der hier lebt, das Wichtigste ist, als Grundstock seiner Einwohnerschaft einen prächtigen Schlag, ein Gemisch des frohlebigen derben Kalenbergers mit dem stilleren, zurückhaltenderen Heidjer, ein Volk, das, im großen und ganzen genommen, so geartet ist, daß man gern unter ihm lebt und gut mit ihm auskommen kann, fügt man sich ein wenig seiner Art. Es ist nicht allzu zuvorkommend, weil das bäuerliche Element stark in ihm vorherrscht, ist aber durch Handel und Verkehr geschult genug, um es an der notwendigen Höflichkeit nicht fehlen zu lassen.

Darum gefällt es den Gästen der Stadt stets gut in ihr, und gern denken sie, sind sie daheim, zurück an die helle, schöne, freundliche Stadt am hohen Ufer.

Der Waldgraben.

Es ist einer von den Gräben, die die Eilenriede abgrenzen.

Steil sind seine Ufer, stellenweise dicht bewachsen, dann wieder kahl und bloß.

Je nachdem viel oder wenig Regen fällt, ist der Wasserstand hoch oder niedrig; manchmal läuft das Wasser, wie ein quicker Bach, und zu andern Zeiten schleicht es so langsam dahin, daß es aussieht, als stehe es still. Zu Zeiten kann ein kleiner Junge bequem hinüberspringen; dann aber wieder muß ein gewandter Mann sich sehr anstrengen, um von einem Ufer zum andern zu kommen.

Wenn die Märzensonne durch das Astwerk der Bäume und Büsche auf den Bord des Grabens fällt, dann regt sich hier zuerst im ganzen Walde das blühende Leben. Des Huflattichs Sonnenscheibe strahlt dann in heller Glut, und des Leberblümchens treublickende Blüte leuchtet aus dem schwermütigen Geranke des Efeus heraus, bis lustige Lungenblumen, zwiefach gefärbt, sich aus dem harten Blattwerk hervordrängen, um die behäbigen, in dichte Pelze vermummten Hummeln anzulocken.

Eines Tages aber werden die Hummeln ihnen untreu; denn in Menge erscheint der bunte Lerchensporn zwischen dem leichtsinnigen Geflatter der Windröschen; auch reißt eines Weidenbusches süßduftendes Blütenwerk die summende Kundschaft an sich; wie denn auch die gespenstige Schuppenwurz, deren nackte Blumen sich wie Kinderhändchen aus dem faulen Vorjahrslaube strecken, an unheimliche Märchen erinnernd, von allerlei Volk mit verderbtem Geschmacke besucht wird.

Es gibt unendlich viel zu sehen an dem Graben. Da ist ein Traubenkirschenbusch, dessen grüne Wellen jetzt noch in sanfter Flut hinabfallen, aber im Mai dann schäumen sie von weißen Blüten und sprühen betäubenden Duft umher. Ein Hasel steht da, der im März Gold auf die Efeuwände des Grabens streut, und der später mit seinem Wiederbilde das dunkle Wasser erleuchtet. Ein junger Ahorn weist herrlich geformte Knospen vor, Vorwürfe für einen Goldschmied, und eine seltsam verzerrte Hainbuche lehnt sich über die Flut und freut sich ihrer smaragdenen Pracht.

Mitte Mai ist es am allerschönsten dort. Dann strahlen aus dem Efeu die glühenden Kettenblumen, und die Taubnessel prahlt neben ihnen. Dann rudern langsam große grüne Frösche durch das laue Wasser und überschreien den Laubfrosch, der im hellen neuen Kleide, so blank wie ein Stück Metall, auf dem größten Blatte der Brombeerranke klebt und lustig seinen Maigesang anstimmt, während über ihm der Zaunkönig aus voller Brust sein lautes Lied herausschmettert.

Zu jeder Zeit ist buntes Leben an dem Graben. Zierliche Bergbachstelzen schwenken sich über das Wasser und schnappen, an dem Ufer entlang trippelnd, die Mücken fort. Der Eisvogel, der einsame Fischer, lauert von der Wurzel der Esche auf Wasserjungferlarven, und sein märchenhaftes Kleid blitzt und schimmert im Sonnenlicht. Wo das Ufer herabgesunken ist und eine Landzunge bildet, da tränken sich Amsel und Graudrossel, da baden Fink und Goldammer, da sucht das Rotkehlchen Gewürm, da nimmt der Star ein Bad.

Auch andere Tiere lassen sich da sehen. Dicke, große Wühlmäuse huschen scheu aus dem Efeu und plumpsen in das Wasser; eine fuchsrote Ratte hastet über das Laub und sucht nach jungen Vögeln, bis das Raubwiesel ihr mit einem Satze in das Genick springt und sich von ihr unter die Wurzeln der Erle schleppen läßt, wo der grimme Kampf ein Ende findet, der Kampf, in dem das Wiesel Sieger bleibt.

Scheint die Sonne auf das Wasser, dann fahren langbeinige, dünnleibige Wanzen darüber hin in merkwürdigen Zuckungen, oder blitzblanke kleine Käfer drehen sich dort im Kreise, bis ein plumpsender Fall sie verjagt. Die Wasserspitzmaus ist es. Jetzt rennt sie, einem Quecksilberklumpen ähnelnd, auf der Sohle des Grabens entlang, taucht als schwarzer Klumpen empor, zieht lange blitzende Streifen durch das Wasser, huscht auf das Ufer, hastet zwitschernd an ihm entlang und verschwindet plumpsend wieder in dem Wasser.

Wo die Esche ihr krummes Wurzelwerk aus dem Ufer reckt, da gähnt ein schwarzes Loch. Ab und zu verschläft der Iltis den Tag dort, neben sich unglückliche Frösche und Kröten, denen er das Kreuz zerbiß und die sich nun so hinquälen müssen, bis er sie gänzlich tötet und hinunterschlingt. Auch der Baummarder schleicht nächtlicher Weile hier entlang, die Waldmaus belauernd und nach der Brut von Rotkehlchen und Zaunkönig schnüffelnd, und mit viel Geraschel sticht hier der Zaunigel nach fettem Gewürm.

Unweit des Ufers steht ein Rotbuchenstumpf, breit und bequem. Wer ihn als Sitz erwählt und sich recht still verhält, der kann allerlei erspähen, Lustspiele, idyllische Szenen und ergreifende Trauerspiele, schlimmer als die der menschlichen Gemeinschaft. Hinter dem dichten Efeugeflechte zittern der jungen Goldammern hungrige Stimmchen hervor. Vorsichtig lockend naht sich die Mutter, ein Räupchen im Schnabel haltend. Da zickzackt ein Schatten über den Graben; ein Todesschrei erschrillt; fort stiebt der Sperber mit dem Goldammerweibchen in den Fängen, und eine Viertelstunde später greift er den Hahn, und die verwaisten Vögelchen zerfleischt in der Nacht die häßliche Ratte.

Ein Lustspiel ist es aber oder eine Posse, wenn die eifersüchtigen Blaumeisenhähne, fest ineinander gekrallt, als bunter Federball aus dem Haselbusch herabwirbeln und in das Wasser hineinfallen und naß und schwarz sich schnell von dannen machen, verfolgt von dem gellenden Gelächter des Zaunkönigs und dem spöttischen Gekicher der Bergbachstelze, oder wenn die Waldmaus, in den Genuß eines fetten Käfers vertieft, nicht bemerkt, daß der dicke Frosch immer näher an ihre zuckende Schwanzspitze heranrudert. Auf einmal schnappt er zu, die Maus quietscht auf und fährt in das Efeulaub, und mit einem dummen Gesicht glotzt der Frosch hinterdrein und wischt sich ärgerlich das breite Maul. Auch ist es zum Lachen, wenn die nackte schwarze Schnecke, nachdem sie die höchste Spitze des Schaftheuhalmes erklommen hat, darüber noch hinaus will und sich streckt und reckt und dreht und windet eine halbe Stunde lang, um endlich ihren Plan aufzugeben und langsam den Rückweg einzuschlagen.

Idylle sind es, wenn Rotbrüstchen, Zaunkönig und Bachstelze ihre flügge Brut in das Leben einführen. Das schnurrt und burrt durcheinander, schwankt unglücklich auf dünnem Ast, flattert plump in das Laub, klettert mühsam wieder empor, bis schließlich alle Geschwister müde und matt eng aneinandergepreßt auf einem Aste sitzen, wie Kinder auf einer Bank, dumm und ängstlich hin und her kucken und unaufhörlich nach Futter piepsen. Wenn aber erst die Wasserspitzmaus ihren Jungen das Schwimmen und das Tauchen und die Käferjagd zu Wasser und zu Lande beibringt, dann staunt sogar der Zaunkönig über das Gewimmel, trotz seiner acht Kinder, die doch auch allerlei Leben verursachen.

Großen Lärm aber gibt es, fällt es dem Häher ein, sich hier sehen zu lassen. Und wenn er auch vorgibt, er wolle sich Würzelchen aus dem Ufer hacken für sein Nest, oder einen Schnabel voll Wasser mitnehmen, man kennt ihn zu gut, den bunten Heimtücker, und von allen Seiten wirft man ihm Schimpfworte an den dicken Kopf, bis er wütend abzieht. Kommt aber das liederliche Kuckucksweibchen angeschlüpft, um ihr Ei in die Obhut von Bachstelze oder Rotkehlchen zu geben, dann ist das Gekeife noch ärger, und schließlich setzt es auch Hiebe; aber alljährlich kommt hinter der Efeuwand ein junger Gauch hoch, und alles, was von kleinem Vogelvolk am Graben wohnt, fühlt sich verpflichtet, den Immerhungrig und Nimmersatt vollzustopfen.

Im Wasser selbst geht es auch nicht immer friedlich zu; denn gar streitbare Gesellen, schwer gepanzerte, trefflich gerüstete Stichlinge mit scharlachnem Brustlatz, mutige Gesellen, herrschen da unten. Wehe der armen Kaulquappe, die sich vom Strande in das tiefe Wasser wagt: ein Dutzend der Raubritter stoßen darauf zu, zerren das hilflose Tier hin und her und reißen es in ein Dutzend Fetzen. Auch ein Regenwurm, der aus Unvorsichtigkeit in das Wasser gerät, muß unter den Bissen der winzigen Fische sterben, und wenn er sich noch so sehr krümmt. Kaulquappe und Wurm rächt dann wieder die Wasserspitzmaus, die Stichlinge in die Bucht treibend und ihnen das Genick zerbeißend.

Außer den Stichlingen leben noch andere Fische in dem Graben: die graue Schmerle, die sich gern in den Blechtöpfen versteckt, die auf dem Grunde des Grabens rosten, und der buntgestreifte Schlammpeitzger, der sich im modernden Laube verbirgt. Wer gute Augen hat, findet im Mai an den überspülten Steinen auch ein fingerlanges Fischchen hängen, das Bachneunauge, dessen wurmähnliche Larven im Sande der Grabensohle eingebohrt leben. Auch eine Quappe oder ein Gründling verirrt sich wohl aus der Wietze in den Graben.

Stets sind einige Taufrösche dort zu finden, die faul an dem Ufer sitzen, oder eine Erdkröte, die langsam unter dem Efeu herkriecht, und auch die flinke Kreuzkröte läßt dort ihr Geschnarre hören. Früher, als noch nicht jedes Tierchen für das Aquarium oder Terrarium fortgefangen wurde, kamen auch Waldeidechsen und Blindschleichen hier vor, und sogar die Ringelnatter betrieb dort die Froschjagd mit großem Eifer.

Außer Goldammer, Zaunkönig und Rotkehlchen brüten an dem buschigen Ufer noch die drei kleinen Laubsänger, ferner der Sumpfrohrsänger, und einige Male hat sogar der Eisvogel dort seine Nesthöhle in die Wand getrieben und seine Jungen glücklich hochgebracht. In diesem Jahre baute ein Schwanzmeisenpaar sein kugeliges Nestchen in die Zwille der Birke, die unweit des Grabenbordes steht. Nicht weit davon hat ein Sumpfmeisenpaar ein Nestloch in der Erde gefunden, einen Nistkasten hat die Kohlmeise besetzt, und weiter zurück brütet die zierliche Blaumeise in einem Spalt derselben Eiche, in deren Wasserreisergewirr eine Schwarzdrossel ihr Nest anlegte. Zehn Schritte weiter hat ein Baumläuferpärchen eine passende Stammritze für sein Nest gefunden, und die Singdrossel beginnt sich in dem dichten Weißdorn einzurichten, in dem im vorigen Jahre der Mönch brütete und unter dem der Hase so gern liegt.

Da hier selten ein Mensch geht, äsen sich die Rehe gern den Graben entlang. Jagt sie ein Hund, so überfliehen sie einige Male den Graben, bis der Hund ihre Fährte verliert, und der starke Bock flüchtet sogar in den Graben hinein, watet eine Strecke in dem Wasser entlang und bringt so die Hunde in Verwirrung.

So ist hier immer allerlei Leben vom frühen Morgen an, den Tag hindurch, und auch des Nachts lebt und webt es dort. Im Frühling schwirren Eulenschmetterlinge um die Weidenschäfchen, im Sommer sausen große Schwärmer über die Geißblattblüten und fallen der großen, fuchsroten Fledermaus zum Opfer, die ab und zu aus den Wipfeln herunterfährt; denn das Gebiet über dem Graben ist eigentlich das Reich der Wasserfledermaus, die unablässig dicht über dem Wasser hin- und herstreicht und die Mücken fortschnappt. Mit Vorliebe jagen auch Waldkauz und Ohreule hier; denn irgend eine Maus oder Ratte erwischen sie stets.

Wintertags erscheint vom Wietzenholze oder aus dem Ahltener Walde auch der Fuchs hier; aber ehe es dämmerig wird, schnürt er wieder in die großen Wälder zurück, denn gar zu unheimlich ist es ihm so dicht bei der Stadt. Ab und zu verspätet er sich aber doch einmal und versteckt sich in dem Jungfichtenhorste in der Dickung oder nimmt weiterhin einen alten Kaninchenbau an.

Den Fuchs wird nun nicht so leicht ein Waldwanderer gewahren, es sei denn, er sei schon bei dem ersten Drosselpfiffe draußen. Das andere Leben ist aber tagtäglich dort zu beobachten für den, der dafür Augen und Ohren hat und der leise zu gehen versteht.

Am Steinhuder Meer.

In den Straßen Hannovers tobt der Herbststurm. Er gießt kübelweise den Regen an die Fenster, hetzt die Wolken hin und her, spielt wilde Weisen auf den Telephondrähten und haut den Takt zu seinem Liede so grob auf die Dachpfannen, daß sie klirrend und klingend und klappernd herabpoltern.

Die Menschen schimpfen. Es schimpfen die, die zu Hause bleiben können, und die, die hinaus müssen, erst recht. Sie halten ihre Hüte fest, balanzieren die Schirme gegen die Sturmrichtung, und unbeachtet bleiben die hübschen Füßchen und Strümpfchen heute, denn jeder hat mit sich selbst zu tun.

Wir sitzen in der Eisenbahn und lachen in das Wetter hinaus. Wenn wir städtische Tracht trügen, steife Kragen und enge Stiefel anhätten, dann würden wir wohl nicht so lachen. Aber so, die Lodenhüte auf den Köpfen, Schmierstiefel an den Füßen, Loden und Flanellhemd auf dem Leibe, Lodenmantel im Gepäcknetz, so vorgesehen, freuen wir uns des Sturmes, auch die Damen, die gleich uns jagdmäßig ausgezogen sind.

Heut' wird's am Meere schön sein. Zerpeitschte Grauflut, gehetzte Schwarzwolken, spritzender Gischt und halbverhülltes Abendrot werden wir sehen, nicht solchen zahmen Dutzendsonnenuntergang für bessere Touristen. Wie der Wind draußen mit den Krähen spielt und die Kiebitze in der Luft herumwirbelt wie weiße Lappen! Und dieser Wechsel von Blauhimmel und Graugewölk, Sonne und Regenschauern!

Wunstorf empfängt uns mit Regengeprassel. Was schert's uns? Vom Fenster der Meerbahn freuen wir uns des fahlen Regenbogens, der uns noch mehr Schauer verspricht, Schauer, wie wir sie wollen, aus violettgrauen Wolken kommend, den Blauhimmel verdeckend, wieder freigebend, dreimaligen Wechsel bringend in jeder Stunde.

Klein-Heidorn! Ja, schau nur, Herr Wirt, heut spring' ich nicht aus dem Wagen mit Rucksack und Büchse, um in Heide und Moor, in Düne und Stangenholz dem schwarzen Bock nachzupürschen, dem heimlichen. Heute laß ich die Dünen winken mit ihren schwarzen Fuhren, wo ich so manche tausend Tritte liegen habe, wo ich jeden Fleck kenne und jede Stunde, von zwei Uhr morgens bis spät in die Nacht. Vorüber geht's an den bunten Häusern, durch Groß-Heidorn, und dann winkt das Meer grausilbern zwischen grünen Fuhren vor uns und blauen Wäldern am Horizont.

Steinhude! Die Hüte fest in die Stirn, denn hier im gelben Eichenhain tobt der Wind wie toll. Das saust und braust und pfeift und flötet und lehrt die gelben Blätter den Ringelreihtanz und die Aalkörbe an den Lehmwänden der Ställe lustige Sprünge.

Von der Pfahlbauterrasse des Strandhotels grüßen unsere Augen das schöne Meer. Grau ist die Flut mit Silberstreifen; tief duckt sich das gelbe Rohr unter des Sturmes rauh tosender Hand; unwillig rauschen die schiefen Pappeln, die des Sturmgotts Faust schüttelt, daß ihre gelben Blätter angstvoll von dannen flattern. Sie tanzen über dem schäumenden Wasser, bis es sie hascht und verschluckt.

So hab' ich das Meer am liebsten, wenn es braust und brandet, spritzt und schäumt. Dann passen mir am besten dazu die schwarzgelben Dünen, der düstere Fuhrenkranz an seinen Ufern, die schwarz und braun gemusterten Bergkuppen drüben. Es ist ja auch schön am lauen Abend, in sengender Mittagsglut, am Nebelmorgen, bei sternheller Nacht; aber am allerschönsten ist es im Herbststurm, wenn es singt und klingt in den Lüften.

Blaugrau ist der Himmel. Fahl blinzelt die Sonne durch einen Wolkenriß. Weiße Wolken, wie Watteflocken, treiben im Graublau nach Osten. Der Wolkenriß weitet sich, Silberblitze springen über die Wellen, die Dächer da drüben glühen auf, die schwarzen flatternden Punkte dort unten, zwei Möwen, blitzen auf zu blendendem Weiß, und die Entenflüge, die die beiden Fischerboote hoch machten, wie Hunderte von Silberflittern wirbeln sie vor dem graublauen Himmelsrand herum, bis sie als schwarze Flecken wieder auf dem Wasser liegen.

Jäh wechseln alle Farben. Die Segel vor dem Wilhelmstein, eben waren sie goldgelb, schwarz sind sie jetzt; schwarz sind die Seiten der Fischerboote, die eben wie Silber gleißten. Die gelblichgraue Flut wird bläulich, färbt sich in Silberglanz um und in duffes Grau und wälzt sich jetzt, wo die Sonne hinter Grauhimmel verschwindet, tot und schwarz nach Osten.

Das ganze Meer lebt von fremdem Geflügel. Wohin man sieht, schaukeln Hunderte von Enten auf den Wellen, wiegen sich Sägetaucher auf der Flut, schweben Möwen und Seeschwalben dahin. In der Rohrbucht reviert ein Fischadler, im Wellenfluge auf und ab schwebend, und mit heiseren Lauten streicht ein Flug Wildgänse zur Rechten vorüber und fällt hinten am Ufer ein. Die vier weißen Punkte dort, sie sind zu groß für Möwen. Das Pirschglas sagt uns, was das ist. Vier Schwäne sind es, Wanderer vom Norden, die hier auf der Südlandsfahrt einen Rasttag machen. Wie große weiße Blumen liegen sie auf der schwarzen Flut. Und das, was da silbern in der Rohrbucht auftaucht und verschwindet, wieder da ist und wieder in die Welle sinkt, das ist ein Haubentaucher, ein seltener Gast auf unseren Gewässern. Augenweide überall.